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Das Früchtchen ein Weihnachtsevangelium von Josef

Foto: Thomas Sasse

Man nennt mich Josef. Ich darf mich Ihnen vorstellen. Ich bin gelernter Handwerker und von Hause aus gestandener Zimmermann. Den Erzählungen nach bin ich ein direkter Nachfahre des legendären König Davids. Und sogar Abraham, der Stammvater der drei großen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam lässt sich in meinem Stammbaum finden.

An eine Zeugung hätte ich mich erinnert.

Aber ich denke, sie haben trotz meiner legendären Verwandtschaft, meiner weltberühmten Verlobten Maria und unseres selbst in der Hölle bekannten Kindes Jesu, später besser bekannt als Christus, wenig von mir gehört. Das will ich gerne ändern.

Aber es geschah etwas sehr Merkwürdiges. Mir erschien im Traum zum ersten Mal ein Engel und sprach: „Fürchte Dich nicht.“ Sie erklärte mir, wie es durch Gott zu Marias Schwangerschaft gekommen war und verriet, dass es ein Junge werden würde. Ich sollte ihn Jesus nennen. O Mann! Was für eine Nacht. Nun, aber was soll ich sagen: Ich habe es getan. Ich habe mit meinem Stolz Frieden geschlossen und beschloss diesem Engel und meiner Verlobten zu folgen. Ich weiß, dass klingt völlig verrückt. Aber so war es.

Es begab sich zu einer Zeit, da waren Maria und ich verlobt. Und dann kam irgendwie alles anders als ich es geplant hatte. Denn, ja, plötzlich war Maria schwanger und ich wusste nur, dass ich nicht der Erzeuger war, daran hätte ich mich erinnert. Ich war verletzt in meinem Stolz und fühlte mich gedemütigt. Gleichzeitig war ich verliebt in diese wunderschön prächtige, liebreich, allzeit sanftmütige, milde und grundgütige Frau. Ich wollte mich ohne Aufsehen von ihr trennen, denn hätte ich etwas gesagt, hätte man sie verurteilt und vermutlich gesteinigt als Ehebrecherin, so wollte es das Gesetz.

Dann ging alles Schlag auf Schlag und der geplante Alltag war dahin. Wir wurden aufgerufen, uns auf den Weg in meine Heimatstadt zu machen. Kaiser Augustus hatte eine Volkszählung befohlen. Mit meiner hochschwangeren Maria bin ich mit Sack und Pack auf einem Esel – nochmal: auf einem Esel nach Bethlehem gewandert. Dort angekommen, setzten die Wehen ein. Die Stadt war rappelvoll und uns blieb nur mehr ein Stall mit etwas Stroh als Quartier. Und hier kam dann auch Jesu zur Welt. Ein Wunder. Meine Fresse, wenn ich das bei der Verlobung gewusst hätte. Diese Nacht werde

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POLILUX 32 | DEZ - JAN  

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