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KULI N ARI SCH ES & KULTUR

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Rad ab? Erfahrungen aus dem Straßenverkehr Für die einen habe ich ein Rad ab. Für die anderen habe ich eines zu viel. Ich passe nicht so ganz ins Schema. Bin ich jetzt ein Fahrrad oder ein Lieferwagen? Wo soll ich fahren, wo soll ich stehen? Mein Chef fährt mit mir gerne Einkaufen. Gemeinsam bringen wir das Mittagessen zum Kindergarten oder fahren alles Mögliche zwischen Laden und Weinberg hin und her. Ich bin auf drei Rädern unterwegs und Dank meines Elektromotors gar nicht mal so langsam. Zügig bringe ich meinen Chef von einem Ort zum anderen und mit meiner großen Klappe kann ich ganz schön was mitnehmen. Da staunen die Leute nicht schlecht, wenn wir so durch die Stadt fahren. Gemeinsam bringen wir gerne schon mal über 150 Kilogramm auf die Waage. Da holtert und poltert es auf den Fahrradwegen bei jeder Unebenheit. Aber viele Radwege gibt es ja eh nicht, so dass wir ganz oft auf der Straße fahren. Die sind auch meist glatter und wir kommen zügig voran. Aber wenn wir so in angestammte Territorien vordringen, ist das Gehupe und Gezeter manchmal ganz schön laut. Auf der einen Seite sind die Autofahrer nicht wirklich begeistert, wenn ich wieder auf der Straße unterwegs bin oder auf einem Parkplatz stehe, weil es wieder nicht genügend Abstellplätze für Räder gibt. Laufend hupen sie mich

an, zeigen mir einen gewissen Finger oder rufen mir unflätige Aussagen aus dem Autofenster zu. Gerade im Berufsverkehr sagen sie mir deutlich: Du gehörst hier nicht hin! Aber wo soll ich denn hin? Auf dem Bürgersteig kann ich ja schlecht fahren und das Auto ist für meinen Chef keine bessere Alternative. Ich bin ja viel schneller, flexibler und zudem viel besser für die Umwelt. „Ich kann hier auch gerne mit dem Auto langfahren, wenn Ihnen das lieber ist.“ Das sagt mein Chef gerne zu Fußgängern in der Innenstadt – denn die sind auf der anderen Seite auch ab und zu nicht begeistert. Oft müssen wir uns anhören, dass er mich gefälligst schieben solle. Wie soll das denn gehen, so schwer wie ich bin mit der ganzen Ladung? Mit dem Auto dürfte er in der Einkaufsstraße jederzeit an- und abliefern, da hat er eine Zufahrtsberechtigung. Aber ist es wirklich besser mit dem Auto durch die Schartauer zu fahren, statt mit mir? Unser öffentlicher Raum ist klar gegliedert: Hier Autos, da Fußgänger – bitte schön getrennt, damit man zügig von A nach B kommt. Da sind schon Zweiräder im Weg oder Rollstühle. Und jetzt kommen da noch Dreiräder, E-Scooter oder gar Kinder, die vor ihrem Haus spielen wollen. Vielleicht wäre es an der Zeit, mehr gemeinschaftliche Verkehrsflächen zu planen und zu entschleunigen, damit alle im öffentlichen Raum ihren Platz finden können. Mir würde das gefallen.

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