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Jean Krier

Herzens Lust Spiele Gedichte

poetenladen


Erste Auflage 2010 © 2010 poetenladen, Leipzig Alle Rechte vorbehalten ISBN 978-3-940691-14-9 Illustration und Umschlaggestaltung: Miriam Zedelius Druck: Pöge Druck, Leipzig Printed in Germany Poetenladen, Blumenstraße 25, 04155 Leipzig, Germany www.poetenladen-der-verlag.de www.poetenladen.de verlag@poetenladen.de


VON DER GEWALT UND VOM TOD

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Une incroyable façon de nous faire mourir Michel Deguy: Fragment du Cadastre

Ich lebe doch – sonst wäre nicht Welt, u muss noch hinaus zu den Toten, sie zu wecken u wenden, die im Viehwaggon da, dass sie mal andersrum u ab in die Fabrik oder gleich in den Ofen u leichtbeschwingt durch den Schornstein, sonst wär die andere Welt. Wie die Strandräuber, warm im Gedärm, von Dankbarkeit so erfüllt. Une incroyable façon de mourir. Und Welt nicht anders, nichts anders als im Sessel u zum Fenster u die blütenlose jetzt Zeit. Schon diese Art zu fragen – man kann’s nicht mehr hören. Tanz der Staubpartikel im Licht. Gib dir doch Mühe, Mensch, mit den Bässen, beachte die Linie u wie die Lu tönt hell über dem Wasser. Denn sie ist Filiale u ich bin die Wunde, in die der Finger. Wie gut u leicht haben ohne Welt die Toten doch reden.

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Maux de tête

Was soll ich sagen? Morgen fahren wir, obschon wir natürlich wissen, dass es egal ist, ob man hier stirbt oder irgendwo anders. Hätten wir uns einlassen sollen auf dieses vielstimmige Gerede, um am Ende sogar Partei zu ergreifen u ganz unter uns ein Juwel der gotischen Baukunst zu bewundern? Gewiss, kurze Beine lügen, aber ich wollte dich nur auf den Händen tragen. Eine kleine Zeit wenigstens, auf jeden Fall so lang ich es vermöchte u weiß Gott wohin. So fahren wir denn in eine völlig unvorhergesehene Richtung, obschon die Route so genau geplant war wie dieses Gedicht, in dem alle Synapsen gekappt werden sollten, während die andern unter bunten Glühbirnen ihre lärmenden Feste feiern. So lass sie doch fallen. Einige werden, schemenhae Figuren, vermutlich mit Rucksack u bärtigem Gesicht, mächtigen Fürsprechern zum Trotz in irgendwelchen U-Bahnschächten erschossen. Und ist es nicht auch so, dass sie weniger verzweifelt waren als wir an diesen so unausgeglichenen Tagen? Euphorische Selbstzerstörung herrscht, nicht nur mots de tête u gerne würde man die Arme weit öffnen, so wie in vielen meiner Köpfe zittert der Morgen. Denn nur, wer sein Kreuz trägt, kann im Namen erlösen.

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Zur Hölle mit der Freiheit

schreien sie, sobald in der Sprache kocht das Meer u müdes Abwinken, die Träume suchen das Weite, wo Dunkles aufgehoben gut u Ausscheidungen nicht der frühen Jahre überzeugen, obwohl auf der Straße Boris hüp u singt u klacken die Absätze der Frauen. Du spürst, wie der alte Stein an der Schläfe pulst. Das ist die winzige Narbe, sichtbar nur, wenn drauf Schein u Schaum vom Meer. An den Sturz erinnerst du dich wohl u noch jedes Wort. Buchstabengenau, all die wunderbar undeutlichen Gefühle dieser Zeit. Lange Pfade im Wald u über die Tasten klacken die Absätze, die suchen in Träumen das Weite. Aber Land nirgends in Sicht. Mit diesem Konzept im Kopf kommst du nicht weiter, obschon du doch frei bist, neue Konstellationen zu schaffen u hinter jeder Tür unter Anrufung des HErrn dein Süppchen zu kochen. Mit Stein u Wort pochen so. So sollte dies, ganz auf die sane, ein Gedicht werden, von schwarzen Flügeln immer wieder geschlagen, wie das eben bei Strandspaziergängen der Fall ist, die auch mal über die Grenze führen können nach Haus. Wie kannst du erwarten, einer sei da, nur für dich, während Schritte in diesen weiten Räumen wie Stille hallen? Zur Hölle mit dieser Freiheit. Ach, dass wir alle leben u daran kleben u furchtbar sind. Die Wunden sind leicht zu finden, du bietest dein Fleisch u Blut – was hasst du mehr. Drum schäme ich mich des Daseins überhaupt. In dieser Sprache kannst weder in deiner Hütte sprechen.

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„the best is / to die down and desist“ John Ashbery: American Bar. Hotel Lautréamont

Schnee von gestern kündigt sich an wie verhasste biographische Daten: geboren, Frauen, Kinder, Katzen. 25 Jahre sind genug. Später dann fand sich eine kurze Notiz: kleiner roter Kater entlaufen, zutraulich. Wir haben ihn überall gesucht, auch im Garten des Nonnenklosters. Komm doch, Kater, nach Haus, dann schlafen wir alle ruhig in einem Bett. Soweit zur Biographie u immer leichter kommen Tränen u Träume. Und so entsteht langsam, kaum zu fassen, ein Gedicht. Die Flöckchen tanzen leicht, zu leicht vielleicht, um Ordnungen zu schaffen jenseits der Toten, die aus dem Boden sich auflösen locker u dir in die Wirklichkeit treten. So ein Blödsinn weltweit u findet Jahre später statt, während jemand ein Fenster öffnet u du sitzt unbeteiligt rauchend, ans Kreuz des Körpers genagelt, auf einer Terrasse. Der Tod unterdessen, san u bleich, eigen sinnig aber wie der Floh im Ohr, breitet sich aus, Ordnung so schaffend. Meint, das sei kein Problem, all diese Brötchen zu essen. Du könntest ihn umarmen dafür wie den Mond, der die Wolken braucht, um Wolken u Mond zu verramschen. Nur so kann man seine Scham überwinden, sich mitten im Café oder auf den verschneiten Boden im Gemüse setzen u weinen. Denn steiler wird, bis sie senkrecht, die Welt. Breite die Arme, Lieber, also aus, es kommt Sturm auf, stark genug, davonzufliegen.

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Tout se passe comme s’il en était ainsi Proust: Sodome et Gomorrhe

Schön singen können möcht ich, wenn Stalin das Grammophon betätigt – denn Innen hab ich schon viel Zeit, mit ganz Gewöhnlichem möbliert: verschiedenen Katzen, Liebschaen u meinen Toten. Leichten Fußes am Waldrand u Zärtlichkeit, ach wie junges Grün, während im Haus, wo ein Mann, Schlag u Geschrei. Im Flur Erbrochenes u Blut, an den Wänden obszönes Geschmier. So tobt es mit mir durch mein Hirn. Die ganze Nacht haben wir gekämp, jemand gab Durchhalteparolen aus, nirgendwo aber eine Leiter. Ist Verlieren wirklich so leicht? Dann schlag mich doch tot. Denn hinter dieser Fassade gibt’s keine Zeit. Da könnte man noch mal anders: Salat essen, tanzen oder Schlitten fahren rücksichtslos bis auf die Schienen, ob der Zug schon, egal. Ein Gedicht zwischen den Spuren. Träume in völliger Klarheit u ich müsste mich erst mal erfinden.

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INHALT I VON DER GEWALT UND VOM TOD Une incroyable façon de nous faire mourir 9 Maux de tête 10 Zur Hölle mit der Freiheit 11 „the best is / to die down and desist“ 12 Tout se passe comme s’il en était ainsi 13 Quodlibet 14 Konjunktion 15 Et in terra pax 16 Denn es gehet dem Menschen 17 Ich hüte die Katzen 18 Kein Aber 19 Sei nun Seele zufrieden 20 Seelchen 21 Auf dem Arsch sitzen, furzen und an Dante denken 22 Im Sommer 23 In der Dezembergegend 24 Das Jahr ist hin 25 Den blassen Schimmer 26 Räume Keller u Speicher 27 Hab sonst nichts auf der Welt 28

II VOM HERZEN Extubation précoce 33 Liebesgeschichten 34 Alte Liebe, revisited 35 Ça avance, Beckett: Fin de partie 36 Aubade 37

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Vorhofspiele 38 Mort subite 39 Herbst 40 De Aeternitate 41 Défi 42 Flügellahme Träume vom Personalausweis 43 60 44

III VOM REISEN Ile d’Ouessant Lux perpetua 49 Wieder so ein Tag 50 Eines Blickes zu würdigen auch 51 Wie sie da grölen in Nacht u Nebel 52 Landkarten 53 Lucien, tu as perdu ton camion 54 Il est à côté 55 Je suis dans l’environnement 56 A Ouessant il faut se plier aux Ouessantins 57 Faut pas se mettre dans le rouge 58 J’ai le sens de la marée 59 Lied, Idylle 60 Vaison-la-Romaine

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Plein Sud 63 Auf Orbit 64 Auf Schloss Museau 65 Im Herbst 66 Les choses simples 67


Pot-Pourri Eine schöne Leich’ 69 Tourist auf dem Nil 70 Das Haus am Watt 71 Gemäldegalerie 72 2. 1. 07, Horben bei Freiburg 73 Was für ein Tag: wie ausgeklinkt aus Lebenszeit 74 Der Tag stiehlt sich davon 75 Prachtstück 76 Die Stadt u krankkaputt 77 Die Stadt am See 78 Retour 79 Das Verweilen auf den Stegen ist verboten 80

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