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Multibilder

Du meinst du siehst ich meine was ich zeige sei was ich glaube zu wissen was du meinst?

Patrik Muchenberger


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Brief Auf den folgenden Seiten möchte ich einen knappen Einblick in die Bild- und Zeichentheorie eröffnen. Unabhängig davon, wie wichtig oder nicht die Kombination dieser beiden Darstellungen ist und trotz meines Glaubens an die nicht unbedingte Notwendigkeit der Kombination, schreibe ich dem Zeichen ein empirisches Attribut zu, mit dem es ein Werk begleiten kann. Die Zeichen als Wörter geben dem Bild eine Poetik. Ich versuche einem menschlichen Wesen durch das Bildbewusstsein die Möglichkeit zu geben, sich einen persönlichen, empirischen Titel für ein Werk zu ersinnen.

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Multibilder

What I mean – What you see Multibilder 2011, Pat r ik Muchenberger, Universität f ür angewandte Kunst, Transmediale Kunst, Br ig itte Kowanz 0 674179

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Bild Die Bezeichnung «Bild» steht für das Abbild im Subjekt, als Beschreibung von und für etwas. «Bild» steht für das Bild im Kopf oder für ein physisches Bild, das Ding welches an der Wand hängt wie etwa die Leinwand oder eine Fotografie und ein Abbild zeigt. Aber «physisches Bild» steht auch für ein unmittelbares Bild. Bilder sind also zu unterscheiden zwischen reproduzierten Abbildern, imaginierten Fantasiebildern und unmittelbaren physischen Bildern. Mit den unmittelbaren Bildern sind die «realen» grobstofflichen Dinge im Leben gemeint, wie zum Beispiel ein Stein oder eine Giesskanne. Eines haben aber alle miteinander gemeinsam. Sie lösen in unserem Kopf ein geistiges Bild, eine Imagination aus. Abbilder werden auch in den Nachrichten oder in der Werbung gebraucht, mehr denn je. Egal, ob es ein Autowerbetrailer im Fernsehen ist, ob eine politische Inseratekampagne eine Zeitschrift schmückt oder ob es das Präsentieren eines leckeren Menues auf der Speisekarte unterstützt. Abgebildetes sollte stärker reflektiert und hinterfragt werden. Vorallem durch unsere digitalen Möglichkeiten sind Abbilder sehr manipulierbar geworden. Sie wirken teilweise nur so, als ob sie wirklich und glaubhaft wären. Sie sind so exakt, dass ein ungeschultes Auge den Unterschied zwischen Lüge und Wahrheit nicht sofort erkennen kann. Unsere Welt ist mit vielen Objekten bestückt und von diesen Objekten gibt es viele Bilder, in denen das Objekt als Subjekt fungiert. Diese Bilder lösen in den Köpfen der Menschen verschiedene individuelle Imaginationen aus. Diese Imaginationen bringen dem Menschen eine Vorstellung in ihr Bewusstsein, die zur gemeinsamen Kommunikation über das Gesehene anregt und demzufolge grundlegend ist. Wenn wir eine gemalte Abbildung auf einer Leinwand betrachten, sehen wir eigentlich nur diese Leinwand mit den Pinselstrichen und Farbpigmenten. Nun haben wir ein Bild von diesem Bildträger und einer möglichen Abbildung im Bewusstsein. Wir können wegschauen und das Bild der Leinwand mit dem abgebildeten Bild «auf» der Leinwand in Gedanken wieder herstellen. Wobei sich das abgebildete Bild zu einem «Metabild» wandelt. Wenn eine weitere Person diese Leinwand ebenfalls gesehen hat, können wir mit ihr über die besagte Leinwand reden und beide meinen nur dieselbe. Komplizierter wird es mit den imaginierten Fantasiebildern. Die Fantasievorstellung entspringt im Kopf. Es muss kein physischer Gegenstand im Moment des Gedankens existieren. Diese Fantasievorstellung kann sich alleine durch die Erinnerung an empirische Erlebnisse generieren. Entweder als geglaubte evidente Erinnerung an etwas oder als eine neue abstrakte Komposition der geglaubten evidenten Erinnerungen. Sie können komplett unbekannt für einen anderen Menschen sein. Dann ist es jedoch schwierig darüber zu reden. Wenn ich aber eine konkrete empirische Erinnerung aufleben lasse und mir ein Ding vorstelle, kann ich durch eine Beschreibung dieses Ding anderen Menschen zugänglich machen. Wenn der andere Mensch dieses Ding ebenfalls kennt, entsteht nach und nach ein Abbild in beiden Köpfen, die vermutlich voneinander abweichen, dennoch meinen beide das Gleiche.

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«Das ursprüngliche Objekt wird durch das Bild zum Abbild im Subjekt und ist die Imagination. Der/die RezipientIn imaginiert das Abbild des Objekts mit ihrem/seinem Bewusstsein und entwirft dann eine Art von Ur-Objekt, sofern ihr/ihm dies ihre/seine empirischen Erfahrungen erlauben. »

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Zeichen und Text Max Bense sagt in seiner «Semiotik, Allgemeine Theorie der Zeichen - Agis, BadenBaden 1967»: «Zeichen ist alles, was zum Zeichen erklärt wird und nur was zum Zeichen erklärt wird.» Ich finde Bense fordert zurecht dazu auf, darauf zu achten, dass ein Zeichen eine Funktion hat, dass es als ein Etwas «funktioniert». Wittgenstein verdeutlicht diese Aussage, indem er erklärt: «Jedes Zeichen scheint alleine tot. Was gibt ihm Leben? – Im Gebrauch lebt es.» (L.W. Philo.Untersuchungen 1953, in Werkausgabe, Bd.1 Frankfurt am Main 1984). Durch Zeichen werden wir reicher an Wissen. Sie zu lernen bedeutet Wissen teilen zu können. Nach der Geburt erfahren wir die Welt vorsprachlich, hauptsächlich durch die fünf Sinne. Später wird uns durch Texte die Welt erschlossen. Bilder mit Legenden werden uns gezeigt, Erzählungen werden uns auf den Weg mitgegeben und Vergleiche dargelegt. Wir haben also schon im Kleinkindalter eine konkrete Weltvorstellung. Unser Lernen wird erweitert und vereinfacht durch verschiedene Zeichen, die später in einem System von Buchstaben und Zahlen geordnet werden. Verschiedene Kombinationen der Zeichen, die als Buchstaben definiert werden, bedeuten verschiedene Wörter, welche in unterschiedlichen Anordnungen verschiedene Sätze bilden. Durch diese sprachlich schier unendlichen Kombinationsmöglichkeiten können mannigfache Aussagen oder Vorstellungen eines Bildes impliziert werden. Die Titel der Bilder werden immer mit einer Geschichte untermalt. Zumindest existiert eine Geschichte vom ersten Gedanken bis zum definierten Titel. Also steht das Wort als Begriff oder der Satz im Titel für eine ganze Geschichte, die je nach dem Willen der LeserInnen/ BetrachterInnen sich im Bild auf eine ganz individuelle Art und Weise wiederspiegeln kann.

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Multibild Das 21. Jhd. ist eine Multizeit mit Multimilliardären, Multikonzernen, Multimedia und Multikulti. Alles ändert sich, und bleibt doch gleich – weil wir sehen wollen, atmen müssen und uns ernähren sollen. Es erfolgte ein Schritt von der Produktionstechnik zur Distributionstechnik. Die scheinbare Ablösung der klassischen Handwerkskunst durch körperlose Übermittlung schuf ein Multidistributions- und Socialmediaverlangen. Diese Entwicklung weist Ähnlichkeiten mit der Ablösung des immobilen Freskos durch das mobile Tafelbildes auf. Die Mobilität scheint trotz Sesshaftigkeit ein Urtrieb der Menschen zu sein. Abstrakte Malereien beinhalten meines Erachtens nach eine abstrakte Form der Mobilität. Sie sind auf ihre Art flexibel. Dieses Abstrakte, ein auf seine Form beschränktes Gemälde, beginnt für mich theorielos und gefühlsvoll und wird mit Geschichten vollendet. Die Ästhetik in der abstrakten Malerei, in diesem Fall die Farb- und Formwahl, wirkt unmittelbar auf das Individiuum. Sie fördert quasi den Beobachtungsimpressionismus des Betrachters. Bei der ersten Wahrnehmung spielt der erste Reiz durch die fünf Sinne beim Animieren des Interesses eine wichtige Rolle. Darauf folgen die Imaginationsphase und die bewusste Auseinandersetzung mit dem Werk. Dies führt dazu, dass durch ein Spiel von Titel und Bild die Wahrnehmung des Gemäldes beeinflusst werden kann. Auf diesen spielerischen Umgang mit Malerei und Rezipient bin ich gestossen, als ich mir grundlegende Fragen stellte: Braucht ein Bild einen inhaltlichen Sinn? Wenn ja, wo und was sind die Folgen? Können auswechselbare Titelmodule eine Mobilität des Inhaltes unterstützen? Kann man damit spielen? Auf der Suche nach passenden Texten bin ich unter anderem auf Arnold Gehlens «ZeitBilder» gestossen. Laut ihm ist allein das Ästhetische der Kunst folgenlos. Das kann ich nicht ganz unterstützen. Er sagt, die Kunst solle sich «dienend» verhalten. Was, meiner Ansicht nach, sein kann, aber nicht sein muss. Laut seinem Werk «Zeit-Bilder», stellte sich die Kunst in der Feudalgesellschaft für grosse heroisch-historische Auftritte zur Verfügung. In der Renaissance wiederspiegelte sie auch die Ausrichtung auf die mathematisch-geometrischen Wissenschaften. Im bürgerlichen Zeitalter rechtfertigte sich die Kunst mit der Mimesis der alltäglichen Dingwelt. Gehlen beschreibt, dass es in der «nachbürgerlichen Industriegesellschaft» der Moderne immer schwieriger wurde, eine «nützliche» Nische für die Kunst zu finden. Und dass die «unaufhaltsame Demokratisierung» die repräsentative Funktion der Kunst in den Leerlauf fallen ließ. Es bliebe ihr nichts «was in Moral, Erziehung, Dienst am Volke oder Weltanschauung umgesetzt werden könnte». Ihm zu Folge erstellt der Künstler sein eigenes Bewältigungskonzept zum Erhalt seines Selbstwertes. Das «Bild» wird auf die reine Form reduziert. Auf das, meiner Ansicht nach nicht ganz zweck- und folgenlose Ästhetische.

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Ich glaube, dass die «bekanntere Liga» des Kunstmarktes eine gewisse Vorreiter- und Vorbild-Position hat. Hier ziehe ich Parallelen zum Marktgeschehen und dessen Auswirkung in der Film- und der Musikszene. Gehlen erklärt ja auch, dass die Kunst zumindest in den vergangenen geschichtlichen Dekaden eine solche Rolle spielte. Im Gegensatz zu Gehlen glaube ich jedoch, dass die Kunst und die damit verbundene Ästhetik, wie bereits erwähnt, nicht folgenlos sind. Hingegen kann ich das eigene Bewältigungskonzept zum Erhalt des Selbstwertes erkennen. Weil der Mensch die Kunst macht, kann das auch reversibel wirken und somit macht, bis zu einem gewissen Grade, die Kunst den Menschen. Gehlens Theorie empfinde ich schwarzmalerisch. Meine Multibilder rücken jedoch in die Nähe dessen, was Gehlen als Bewältigungskonzept beschreibt. Doch soll diesen Konzepten durch den Titel bei Bedarf ein individueller Inhalt zugeschrieben werden können. Die Titel als Module. Mit meinem Multibild möchte ich zum Nachdenken anregen. Wie ein Schrein zum Gebet. Indem der Rezipient das Gemälde reflektiert, so dass ihn entweder die von mir gesetzten Worte informieren und inspirieren oder alleine die Farben und Formen – ähnlich wie bei einem bekannten Duft – seine Erinnerungen streifen und wecken.

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Titel Die abstrakte Malerei eignet sich gut für mein Vorhaben, Titel als Module einzusetzen. Sie kann dieses Attribut der freien Assoziation verwenden und gleichzeitig verschiedene Inhalte besitzen. Die Geschichte zum Inhalt kann persönlichen Ursprungs sein oder Themen behandeln, die der Sozialanthropologie, Politik, Gesundheit, Sport, Umwelt, Nachhaltigkeit oder Philosophie, etc. entspringen. Auch deren wilde Durchmischung ist möglich. Ebenso würden sich Buchstaben-/Wortkombinationen und Symbolverknüpfungen anbieten, um die Fantasie zu beflügeln. In den Medien gibt es fast jeden Tag weltweit ein neues wichtiges, komödienhaftes oder heuchlerisches oder symbolträchtiges Bild welches durch eine einschlagende Schlagzeile unterstützt und von tausenden von Menschen gesehen und gespeichert wird. Pro Bild könnten also allein dadurch ein bis hundert oder mehr Titel und Geschichten entstehen. Die Titel und somit die Gemälde könnten, aus welchem Grund auch immer, an eine aktuelle Welt- oder Ausstellungssituation angepasst werden. Aber im optimalen Fall findet der Betrachter einen persönlichen Titel.

Initiationsritus Riten stellen ein menschliches Grundbedürfnis dar. Ein Ritual wird initiiert, um von einem Stadium zum nächst höheren zu gelangen. Dies geschieht durch eine Prüfung, eine Taufe oder eine spezielle Tat. Es gibt im Leben viele Arten, ein Ritual zu begehen. Wenn Bilder alles sein können, in ihrer abstrakten Form, besteht die Möglichkeit, sie frei zu benennen und dadurch dem Rezipienten/ der Rezipientin einen individuellen Weg zum Bild zu eröffnen. Die anfänglich mit Nummern bezeichneten Gemälde, z.B. «Abstrakt Nr. 102», werden erst bei einem möglichen Ankauf durch den Käufer betitelt. Der Käufer kann sich einen Namen/Titel für das Gemälde ausdenken. Der Titel besitzt automatisch eine Geschichte, zumindest die vom Moment des ersten Gedankens bis hin zum schlussendlich ausgesprochenen Titel. Ähnlich wie bei einer Taufe oder sonstigen Riten wird dabei ein Papier aufgesetzt, auf dem der Titel und beide Unterschriften (Künstler/KäuferIn) festgehalten werden und als Initiationsritusdokument zum Teil des Kunstwerks werden. Der Künstler unterzeichnet anschliessend noch das Gemälde zu dem gewählten Namen. Die Malereien werden von Multibildern zu individuellen Geschichten.

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«Ein Gemälde mit einem, hundert oder mehr Titeln – der Betrachter wird aufgefordert, beim Betrachten oder spätestens beim Erwerben eines solchen Werkes, sich einen persönlichen Titel auszusuchen oder zu ersinnen. Dieser wird beim Kauf durch einen «Initiationsritus» mit dem Künstler manifestiert, wodurch sich das Spiel zwischen Bild und Titel durch die kognitive Kraft des Betrachters verstärkt und fundiert.»

Literaturverzeichnis: Edmund Husserl, «Phantasie und Bildbewusstsein» Lambert Wiesing, «Artifizielle Präsenz» W.J.T. Mitchell, «Vier Grundbegriffe der Bildwissenschaft» Arnold Gehlen «Zeit-Bildern» Die innere Galeere der Freiheit. Zu einigen Motiven in Zeit-Bildern» in: Neue Zürcher Zeitung, Nr. 159, 12. / 13.7.1997, S. 66. / Kapitel II: Die Kunst als Führungselement Thomas Nagel «Was bedeutet das alles» Mult ibild e r 2 011, Pat r ik Muche nbe rge r, Unive rs ität f ür ange wandte Kun st , Tran s mediale Kun st 13


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Multibild Titel

What I write – What you read «Ein Nichts. Menelaus birgt das Schild von Pythagoras. Mensch. Die Tomatenmaschine. Kommt Zeit kommt Rat. Spaziergang im Park.» Öl/Künstl.Eitempera auf Leinwand 100 x 80 cm 21. Jhd.

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Ein Nichts. Vor einiger Zeit lebte einmal oder zweimal ein Nichts, in unendlicher Weite über der ganzen Menschheit. Es, also das Nichts, schaute über die Menschen als wären sie überhaupt nichts. Eines Tages, eines schönen Tages, sagte das Nichts zu der heißen gelben Sonne: «Verbrenne doch mal alle Menschen!» Die Sonne erwiderte darauf erstaunt: «Wieso denn?» Da antwortete das Nichts ganz bescheiden: «Weißt du, wenn du alle Menschen verbrennen würdest, gäbe es ein großes Flammeninferno auf der ganzen Welt und alles würde verbrennen, bis Nichts übrig ist. Dann wäre ich nicht mehr so alleine.»

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Menelaus birgt das Schild von Pythagoras. Euphorbos, der Sohn von Panthous, einer der tapfersten Helden Trojas, stürzt sich mit seinen Kriegern auf die Feinde. Dieser Held erwischt einen Mann namens Patroklos, will ihn töten und verwundet ihn mit seinem Speer. Der älteste Sohn des Königs von Troja, Hektor, unterstützt Panthous. Gemeinsam stossen sie die Seele Patroklos aus dessen Leibe. Menelaos, ein König von Sparta, bewachte den Leichnam seines Genossen Patroklos, um ihn vor Plünderungen zu schützen und tötete dabei Euphorbo. Hektor schlägt wiederum Menelaos in die Flucht und erbeutet Patroklos’ Waffen. Die Trojaner werden abermals zurückgedrängt und Menelaos ergatterte den Schild von Euphorbos, welchen er nach Hera bringt, um das Beutestück dort aufzubewahren. Einer Legende nach soll Pythagoras etwa 600 Jahre später den Schild des Euphorbos als den seinigen wieder erkannt haben. Pythagoras, war der Geschichte nach, von der Seelenwanderung überzeugt und nahm keinen Wesensunterschied zwischen menschlichen und tierischen Seelen an.

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Mensch. Zwischen Stein und Metall sass er auf Holz. Zwischen von Menschenhand geschaffenen Formen. Diese Formen, durch gepflanztes Wachsendes verziert und Schatten spendend. “Ein Muster der vermutlich natürlichen Spezies Mensch”, denkt er sich, an die Betonwand starrend. “Das Muster beschreibt sich wohl durch die Vernichtung eines vermeintlichen Nichts. Ausradieren oder Umgestalten von offensichtlich nicht brauchbaren Umgebungen, einer mächtigeren Menschengruppe. Lebensraum am Leben anpassen.” Direkt vor ihm, unter tobendem Lärm und erblühen der Maschinerie wird er geschaffen, ein künstlicher Lebensraum für immer mehr künstliche Menschen. “Beherrscher der Welt. Besitzer der Böden. Gott habe ihn uns geschenkt. Bedienen wir uns, Freunde der Welt!” schrie er ihnen zu. “Den Tieren bauen wir dann schon einen schönen Spielplatz”, und zeigte auf einen von Teer umsäumten Apfelbaum. “Nehmet und pflücket alle davon, dies ist der Baum der Früchte der Neugier und des Fortschritts.” Dann drehte er sich auf dem Absatz um, bekam Geld und tötete den Jüngling neben sich.

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Die Tomatenmaschine. Der gut gewählte Erntezeitpunkt garantiert das herrlich süße und fruchtige Aroma der Paradiesäpfel. Bei 38 Grad Celsius stehen die drei Arbeiter auf der Erntemaschine und sortieren die Tomaten. Langsam lenkt einer von ihnen die Maschine Reihe um Reihe durch das vier Hektar große Tomatenfeld. Knapp vier Stunden später ist das Feld abgeerntet. Etwa 180 Tonnen Tomaten, die es nun erntefrisch zu verarbeiten gilt. Was die Maschine schafft, arbeiten 50 Gastarbeiter in etwa vier Tagen. Diese werden von den Vorarbeitern, den sogenannten “Caporalis” gehalten. Meist läuft es so, dass sich ein italienischer Landbesitzer mit einem ausländischen Gastarbeiter zusammen tut und ihm den Auftrag erteilt, 30 - 50 Arbeiter zu organisieren. Diese wohnen dann in verlassenen Häusern oder Fabriken ohne Infrastruktur. Kontakte zur Außenwelt werden unterbunden und sogar Lebensmittel müssen sie bei ihren “modernen Sklaventreibern”, den “Caporalis” kaufen. Selbst das Trinkwasser. Es ist für sie nicht möglich, irgendwo anders einzukaufen. Trotzdem, im vergangenen Jahr 2010 hatte sich ein Rumäne eine Tüte mit Essenssachen in der Stadt besorgt. “Dafür hat ihn der Vorarbeiter mit einer Eisenstange auf den Kopf geschlagen.”, erzählt ein Kumpel.

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Kommt Zeit kommt Rat. Das Laub tänzelt. Die Sonne strahlt und scheint. Es bricht in den Tropfen der Wolken ihr Licht. Regenbogen in seiner scheinbar ganzen Farbenpracht. Daneben der wolkige Mond. Menschen mit fancy Kinderwagen schieben ihren Nachwuchs durch den Park von Stefan. Die Bäume, seit teilweise über 200 Jahren hier, schauen auf die Menschlinge. Mein Gesicht und Blick gegen die Sonne. Ich spüre ihre Wärme. – Die Zier der Frau, sie lenkt ab, selbst bei fröstelndem Wind.

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Spaziergang im Park. Maria geht spazieren und führt ihren neuen, genmanipulierten Hund aus. Sie spürt einen Ruck an der Leine, schaut auf das Tier und traut ihren Augen nicht. In dieser modernen Welt, wo Gene unter Hilfeschreien von konfusen Menschen zu seltsamen Konstellationen komponiert werden, kreuzen immer öfter seltsame Geschehnisse die Wege der Leute. Da hat doch tatsächlich ein riesiger blauer Fisch zugebissen. „Wem gehört dieser Brocken an meiner Hundeleine?“ schreit die sichtlich nervöse Frau durch den Stadtpark. – †otenstille, nur das Plätschern eines Brunnens, rauscht durch die warme, unbewegte Luft. Maria dreht sich um. Nichts. Ein menschenleerer Park mitten in der Julisonne. Verzweifelte Wut gegen das Tierfachgeschäft kommt in ihr hoch. „Warum hat mich der Tierverkäufer nicht vor den Fischen gewarnt?“ denkt sie mit knirschenden Zähnen. Die Rachgier macht sich bemerkbar und mit Worten wie „Verklagen werde ich die!“, besänftigt sie ihre wachsende Wut. Doch weit gefehlt, die Originalpackung ist mit dem Hinweis beschriftet, was die Tiere befürchten müssen. “Der einzige entstandene Feind in der Fauna, ist der blaue Mechondus“, steht geschrieben. Ein Parkfisch, wie er im Bilderbuch steht. Doch sie konnte das nicht wissen, woher auch, es hat der einsamen, ohne Schulbildung lebenden Frau, ja niemand die Plakette vorgelesen. Ohne Schule kein Lesen. Maria ging früher nicht zur Schule. Sie mochte diesen Ort nicht. Zu viele pubertierende Jugendliche, die gleich sein wollten. Gleich wie die von der Mehrheit akzeptierte Norm, unterstützt durch die Öffentlichkeit. Also blockte sie ab und zog sich zurück. All die Jahre über war sie alleine. Doch dann, eines Tages, wünschte sie sich jemanden, der zu ihr gehört, den Tag mit ihr teilt und die Nacht neben ihr ruht. Eines Abends, beim Verzehr von Fettmolekülen und einer Art Brot, hörte sie in einer Radiosendung von Hunden, die keine Arbeit machen. So ging sie des Weges und kaufte sich in der Tierhandlung einen von diesen unkomplizierten, neuen, genmanipulierten Hunden mit dem englischen Namen NewAgeDog. Einer, der Hamburger genauso mag wie sie selbst. Doch nun ist sie wieder alleine mit dem Tod an der Leine. Wirklich traurig.

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Thanks... ...an all die lieben Menschen, die mir gut zugeredet haben, mir eine Muse waren oder mich allumfassend, professionell und im alten dilettantischen Sinne unterstĂźtzt haben. Es war mir eine Freude! Speziellen Dank an: Phil, Thias, Mazze, meine Eltern und Manuel, Marion Elias, Ferdinand Schmatz, Brigitte Kowanz und Lotti Kobel.

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