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Claudia Rodegast (Hg.)

Wolfgang Mattheuer Aus Skizzenbüchern 1949–2000

leipzig london


Editorial Wolfgang Mattheuer Aus Skizzenbüchern

Wolfgang Mattheuer, der Bildermacher, wie er sich selbst gern nannte, war auch ein Homme de lettres. Die Wahrnehmungen seiner Sinne aus der umgebenden Realität wie die Verknüpfungen des eigenen Denkens formulierte er sowohl in Bildern wie in Worten – Gesehenes und Gedachtes wurde nicht nur aufgezeichnet, sondern auch aufgeschrieben. Auch alles, was schnell und ohne Aufschub festzuhalten war, konnte daher bei ihm die Gestalt einer Tagebuchnotiz oder einer Handskizze annehmen und später dann zu Bild, Gedicht oder Essay weitergeführt werden. Ursula Mattheuer-Neustädt berichtet von kleinen Mappen, immer wieder mit Zeichenpapier aufgefüllt, die Wolfgang und sie bei allen ihren gemeinsamen Spaziergängen, Wanderungen und Reisen dabeihatten, um Auffälligkeiten aus Beobachtung und Gespräch ohne Verzug notieren zu können. Oft war dann das Gesehene so faszinierend, so packend als Motiv, dass selbst im kleinsten Format ein Blatt bis zur Vollendung durchgezeichnet, nachträglich mit Signatur und Datum Aufwertung erfuhr. Unendlich ist die Fülle dieser von Wolfgang Mattheuer mit Sorgfalt bewahrten kleinsten, mittleren und großformatigen Arbeiten auf weißem oder grundiertem Papier – gelegentlich auch auf Malkarton. Sie ist auch nach zwei großen Retrospektiven seines zeichnerischen Werks – 1987 in Halle und Hannover, 2008 in Chemnitz – nicht ausgeschöpft. Die hallesche Auswahl mit über 200 Blättern hatte zumindest bei zwei Motivkreisen bewusst auch Skizzen einbezogen, geleitet von der Absicht des Erwerbs möglichst kompletter Entwicklungslinien zu zwei Hauptwerken – der frühen Bildtafel »Kain« und der großen Bronze »Jahrhundertschritt« – im Besitz des Moritzburgmuseums. Zum einen Bewegungs- und Ausdrucksstudien für Fliehende, Angreifende, Stürzende, zu Perspektiv- und Seitenwechseln des Bildaufbaus – gespenstische Szenen, fliehende Arme im Sturm, magische Kreise um Fragmente einer Gestalt, die ihre Mitte


verloren hat, und technische Überlegungen des skulpturalen Aufbaus zum anderen. In Chemnitz fiel die Entscheidung für 150 meisterhafte Zeichnungen strenger aus, dennoch waren auch darunter einige als Notate anzusehen – erste Ansätze späterer Vorhaben oder erneutes Umkreisen immer noch bewegender Bilder, flüchtige Blicke in das eigene und auf zufällige fremde Gesichter, aber auch ganz für sich stehende skizzenhafte Impressionen vom Licht der Lampe, die den Raum erhellt, oder der zwischen Baumstämmen hervorbrechenden Sonne. Beim Blick in Wolfgang Mattheuers hinterlassene Mappen sind noch immer Überraschungen zu erleben. Das hat zu seinem 85. Geburtstag die Auswahl bisher nicht gesehener Skizzen für dieses Bändchen angeregt.

Heinz Schönemann


Biografie Wolfgang Mattheuer Maler, Grafiker, Plastiker, Schriftsteller 1927 geboren in Reichenbach i. V. 2004 gestorben in Leipzig Nach einer Lithografenlehre, Kriegsdienst und Flucht aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft besucht Mattheuer zunächst 1946/47 die Kunstgewerbeschule in Leipzig. Hier lernte er seine spätere Lebensgefährtin Ursula Neustädt kennen. 1947 - 1951 setzten beide ihr Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) in Leipzig fort. In den ersten Jahren nach dem Studium arbeitete Wolfgang Mattheuer vorwiegend als Gebrauchsgrafiker, u. a. 1951/52 knapp ein Jahr in Berlin bei der Illustrierten Rundschau. Auf zahlreichen Reisen des Künstlers in die UdSSR, nach Ungarn, an die Schwarzmeerküste und die Ostsee entstanden vorwiegend Landschaftsbilder. 1953 - 1974 ist Mattheuer zuerst Assistent, später Dozent und ab 1965 Professor an der HGB in Leipzig. 1974 legt er auf eigenen Wunsch seine Professur nieder. Durch seine Teilnahme an der documenta 6 (1977), eine umfangreiche Einzelausstellung im Kunstverein Hamburg und erste Erwerbungen durch den Sammler Peter Ludwig, Aachen, wird er im selben Jahr auch in der Bundesrepublik einem größeren Publikum bekannt. Seine Werke erregen nun auch die Aufmerksamkeit westlicher Museen: Die Hamburger Kunsthalle erwirbt 1974 das Bild »Alter Genosse am Zaun«. 1978 wird er zum ordentlichen Mitglied der Akademie der Künste der DDR, später der BRD, ernannt und erhält eine Retrospektive im Museum der bildenden Künste in Leipzig. Das Werk Mattheuers, der wie Bernhard Heisig und Werner Tübke der sogenannten Leipziger Schule angehört, ist durch einen kritischen Realismus geprägt. Die gegenständlich lesbaren Bilder sind dabei von Brüchen und symbolischen Verschlüsselungen durchzogen und beziehen so Stellung zu politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen ihrer Zeit. Neben der Malerei, Zeichnung und Grafik widmete sich Mattheuer der Skulptur. »Der Jahrhundertschritt« (u. a. Halle, Oberhausen, Leipzig und Berlin) und die überlebensgroße Plastik »Gesicht zeigen (Großer Maskenmann)«, (Leipzig, Heilbronn, Berlin, Reichenbach) sind herausragende Werke, die in verschiedenen Städten Deutschlands zu sehen sind. 1993 erhält er das Bundesverdienstkreuz (1. Klasse) und wird 2003 zum Mitglied der Freien Akademie der Künste Hamburg gewählt.


Ausstellungen seit 2004 (Auswahl): 2004 Freie Akademie der Künste Hamburg, Kunstsammlungen Chemnitz, Kunstverein  Malzhaus in Plauen i. V., Kunsthaus Krämerbrücke, Erfurt 2005 Galerie Villa Bösenberg Leipzig und Galerie Schwind, Frankfurt am Main 2007 Museum der bildenden Künste Leipzig 2008 Kunstsammlungen Chemnitz, Roentgen-Museum, Neuwied 2009 Museum Kunsthaus Heylshof, Worms und Museum am Dom Würzburg 2010 Kunstsammlungen Chemnitz 2012 Kunstgalerie Führt, Galerie Schwind, Frankfurt am Main, Leipzig und Berlin, Ursula  Mattheuer-Neustädt und Wolfgang Mattheuer Stiftung, Leipzig, MDR Intendanz, Leipzig

Veröffentlichungen (Auswahl): Wolfgang Mattheuer, ÄUSSERUNGEN, Leipzig 1990 Wolfgang Mattheuer, Aus meiner Zeit-Tagebuchnotizen und andere Aufzeichnungen, Stuttgart, Leipzig 2002 Ursula Mattheuer-Neustädt u.a. (Hg.), Meine Sonnen heißen: Trotz alledem! Erinnerungen an Wolfgang Mattheuer, Leipzig 2007 Johann Döhler, Claudia Rodegast (Hg.), Wolfgang Mattheuer, Einblicke, Leipzig 2007 Claudia Rodegast, Ursula Mattheuer-Neustädt (Hg.), Das Bild der Poeten. Ursula MattheuerNeustädt und Wolfgang Mattheuer – Ihre Dichter, ihre Bücher, Leipzig 2010

Kataloge (Auswahl): Abend, Hügel, Wälder, Liebe. Der andere Mattheuer, Museum der bildenden Künste Leipzig, Bielefeld 2007 Wolfgang Mattheuer, Flugversuch. Retrospektive der Zeichnungen, Kunstsammlungen Chemnitz, München 2008 Wolfgang Mattheuer, Das druckgrafische Werk-Schenkung Hartmut Koch, Kunstsammlungen Chemnitz, Köln 2010

Ursula Mattheuer-Neustädt gründet 2006 die Ursula Mattheuer-Neustädt und Wolfgang Mattheuer Stiftung in Leipzig.


Alle Rechte der deutschen Ausgabe © VG Bild-Kunst Bonn © Plöttner Verlag GmbH & Co. KG 2012 Zusätzlich erscheint eine auf 100 Exemplare limitierte Vorzugsausgabe mit einem Bleistich aus dem Nachlass von Wolfgang Mattheuer »Frau am Fenster 1«, 1957, 12,8 x 8,5 cm. Den Druck besorgte Künstlerhaus Hohenossig. 1. Auflage ISBN 978-3-86211-054-4 ISBN 978-3-86211-061-2 (limitierte Ausgabe) Auswahl und Zusammenstellung: Claudia Rodegast und Ursula Mattheuer-Neustädt Gesamtherstellung: Plöttner Verlag Satz: Isabelle Butzmann Buchdruck: Buchfarbrik Halle Das Werk und all seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Nutzung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung der Redaktion. Hinweis zu UrhG: Weder das Werk noch seine Teile dürfen ohne Einwilligung gespeichert und in ein Netzwerk eingestellt werden. Dies gilt auch für Intranets von Bildungseinrichtungen. Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar.

www.ploettner-verlag.de


Wolfgang Mattheuer. Aus Skizzenbüchern 1949-2000 (Leseprobe)  

Die Skizze steht am Beginn des Prozesses der Bildfindung. In ihr wird ein Moment, ein oft flüchtiger, Eindruck festgehalten, ein plötzlicher...

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