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bin ich noch in meinem haus ?

Die letzten Tage Gerhart Hauptmanns berichtet von Gerhart Pohl

leipzig london


Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar Alle Rechte der deutschen Ausgabe © Pöttner Verlag GmbH & Co. KG 2011, Leipzig London 1. Auflage ISBN 978-3-86211-044-5 Der Text folgt der 1. Auflage, Lettner-Verlag GmbH 1953, Berlin-Dahlem. Die damalige Rechtschreibung wurde beibehalten. Satz & Layout: Plöttner Verlag Umschlaggestaltung: Johanna Neubert / www.johnnybookjacket.de Lektorat: Hagen Schied Druck: Westermann Druck, Zwickau www.ploettner-verlag.de


inhalt Vorwort 7 Bin ich noch in meinem Haus? I Dresden 13 II Wiesenstein 32 III Neue Herren 52 IV Besuch aus Berlin 76 V Austreibung 97 VI Hauptmanns Tod 108 VII Der Sonderzug 121 Begegnung mit Dichtern 141 Glossar 147 Bildanhang 155 Lebensdaten 168


Nichts als die Wahrheit und zwar in einfachen Worten, damit das Volk uns versteht ‌ Zola


i dresden

»Den Silvesterabend werde ich zum erstenmal in meinem bewußten Leben überschlafen.« Mit diesen Worten hatte Gerhart Hauptmann die geplante kleine Feier im Freundeskreise überraschend abgesagt. Wir waren ein wenig enttäuscht und beunruhigt. Woher kam die plötzliche Schwermut? Die letzten Monate des Jahres 1944 waren auf dem Wiesenstein in Agnetendorf, den Hauptmann seit vier Jahrzehnten bewohnte, unwahrscheinlich still dahingegangen. Während eine deutsche Stadt nach der anderen in Trümmer sank, war das Riesengebirge der »Luftschutzkeller Deutschlands« geblieben. Dorthin waren zehntausende Obdachlose aus den Großstädten und Industriezentren Westdeutschlands geströmt, doch der vorhandene Raum in den vielen Fremdenheimen hatte ausgereicht, ihnen allen Quartier zu geben. Hauptmanns »Burg« war auch davon unberührt geblieben. Der Zweiundachtzigjährige hatte in schöpferischer Ruhe weiter schaffen können und war der lebensvolle gesellige Mann geblieben, der er zeitlebens war. Keine Krankheit, keine besonderen Entbehrungen trotz des fünften Kriegsjahrs, Stille über dem geliebten Gebirge, Stille in dem alten starken Herzen. Und mit einem Mal war die dunkle Ahnung da … In der Adventszeit war er besonders heiter gewesen. Verse voll schwebender Anmut waren ihm zugeströmt – so von den Engeln Harut und Marut, die auf die Erde bummeln 13


gehen, sich in einer Schenke betrinken und lästerliche Reden führen, bis die holde Anahid, die Morgenröte, erscheint und so hinreißend zu singen und zu tanzen beginnt, daß selbst Gottvater auf seinem Thron sich wiegt und seinen eingeborenen Sohn, den Heiland, zu beschwingtem Schritt aufmuntert. Und Er tat‘s! Da brach das Gold in Menge herrlich leuchtend aus des Morgens Toren, höchster Freude höchste ward geboren, alles wird ein seliges Gedränge. Kurz vor dem Weihnachtsfest waren die vier weiß vermummten und verschleierten Dorfkinder mit ihrer kleinen Christkindwiege auf dem Wiesenstein empfangen worden und hatten die alten einfältigen Weihnachtssprüche hergesagt. Das war Brauch seit manchem Jahr. Als die spielfreudigen Kinder Hauptmanns zwölfjährigen Enkel Arne unter den im Saal versammelten Zuhörern entdeckten, fuhr ihn der Darsteller des Knecht Ruprecht, der nicht älter als Arne war, mit gutgespielter Barschheit an: »Sullst bata!« Der kleine Hauptmann, der gewöhnlich in Süddeutschland lebte, verstand den schlesischen Dialekt nicht sogleich, sprach dann jedoch beherzt das Vaterunser. Und sein Großvater, von den uralten Bräuchen der Heimat angerührt, weinte heimlich eine Freudenträne. Auch der Heilige Abend war in froher Stimmung verlaufen. Hauptmann hatte mit der altfränkischen Feierlichkeit, die er bei besonderen Anlässen liebte, in einem Sessel Platz genommen. Neben ihm saßen Frau Margarete und der treue Freund und Mentor Dr. C.F.W. Behl, der seit zwei 14


Jahren in Agnetendorf lebte. Sekretärin Anni, die beiden Hausmädchen und der Diener standen im Hintergrund. Frau Ellida Behl, Violinistin von Rang, stand vor dem Flügel, an dem der hochbegabte kleine Arne Platz genommen hatte. Gemeinsam spielten sie den zweiten Satz aus Bachs a-Moll-Konzert. Später sagte Hauptmann: »Der Besuch des Jungen ist mein schönstes Weihnachtsgeschenk.« Er war dabei ungewöhnlich bewegt, wie Dr. Behl mir berichtete, dem die Schilderung dieser Weihnachtstage zu danken ist. »Hat er Todesahnungen oder quält ihn die nun wohl unvermeidliche Katastrophe Deutschlands?« fragte ich den alten Freund. Behl sah mich an. Wir hatten einander in Liebe zu Gerhart Hauptmann gefunden und verstanden uns aufs Wort, wenn es um den alten Merlin ging. Behls gütige Augen hinter der Brille waren von einer mir bislang unbekannten Trauer erfüllt. »Seit Silvester ist er wie verwandelt«, sagte er leise. Tatsächlich waren Eintracht und Friede in dem Greis zerstört. Er wirkte merkwürdig fassungslos. Ob er das ferne gestaltlose Verhängnis spürte, das auf ihn zukam? Kein verbürgtes Wort aus seinem Mund ist aus dieser Zeit bekannt geworden. Am 5. Januar erkrankte Frau Margarete ziemlich ernst. Wie alle Menschen mit Einbildungskraft hatte Hauptmann zeitlebens eine starke Furcht vor Krankheiten. Ja, er selbst hatte sich gelegentlich einen Hypochonder genannt. Doch an diesem Januartag 1945, da draußen »der Schnee wuchs« (wie die Riesengebirgler sagen) und die oft düsteren Berge in eine lichte Zauberwelt von unwahrscheinlichen Formen und Farbtönen verwandelte, traf Behl den Alten vergrämt im Biedermeierzimmer des Oberstocks. Selbst der geliebte 15


Arne, der ihm gerade den amerikanischen Roman Porgy von Heyward vorlas, vermochte ihn nicht aufzuheitern. »Ich bin der lebensgewohnten Zweisamkeit beraubt«, rief er mit einer dunkelen Leidenschaft. Gerhart und Margarete Hauptmann hatten einander in der Blüte des Lebens kennengelernt. Sie war jung, schön und eine hoffnungsvolle Künstlerin gewesen, er ein schon berühmter Dichter in den dreißiger Jahren. Bevor sie ihren Liebesbund 1904 endlich siegeln konnten, waren verzehrende Lebensstürme, eine jahrelange leidenschaftliche Auseinandersetzung mit Hauptmanns erster Frau Marie zu bestehen gewesen. Durch Leiden erprobte Gemeinschaften pflegen haltbar zu sein. Die Ehe der beiden Hauptmanns war eine vollkommene Zweisamkeit geworden. Selten waren zwei Menschen von ausgeprägten und dabei grundverschiedenen Charakteren so aufeinander eingespielt wie Margarete auf Gerhart, aber auch Gerhart auf Margarete. Sie waren auch darin vollendete Künstler. Durch vier Jahrzehnte waren sie kaum einen Tag einander fern gewesen. Schon vier Tage nach dem vergrämten Nachmittag am 9. Januar konnte Frau Margarete wieder an der gewohnten Teestunde teilnehmen. Schmal und bleich lag das geliebte Gretchen auf dem Sofa. Der Alte strahlte. Und der anwesende C.F.W. Behl notierte, daß er die Energie und Selbstbeherrschung bewundert habe, mit der Frau Margarete ihren Gesundheitszustand vor Hauptmann zu verbergen wußte. Doch organische Krankheit ist allein durch Energie und Selbstbeherrschung nicht zu überwinden. Der Arzt schüttelte bedenklich den Kopf. Er schlug vor, Frau Margarete solle zu einer gründlichen Untersuchung das St. Hedwigs16


Krankenhaus in dem nahen Bad Warmbrunn aufsuchen, das über alle modernen Einrichtungen verfügte. Wieder war Hauptmann von dem Gefühl der Vereinsamung überwältigt. Als sich schließlich herausstellte, das Krankenhaus sei überfüllt, zeigte er sich von einem lastenden Bann befreit. Behl nannte den Augenblick »eine wahrhaft dramatische Entspannung, die dann auch sogleich entsprechend gefeiert wurde.« Dabei tauchte plötzlich der Gespensterplan einer Reise nach Dresden auf. Hauptmann war davon entflammt. Tagelang beschäftigte er sich mit der Reise. Als am 15. Januar die Zerstörung Alt-Nürnbergs bekannt wurde, welche die Erbarmungslosigkeit des totalen Luftkriegs zeigte, sagte er nur: »Die Weltgeschichte ist ausgerutscht.« Sein Dresden schien dagegen »im Schutz der Götter« zu bleiben … Frau Margarete hat die damalige Stimmung Hauptmanns wunderbar erfaßt, als sie erklärte: »Die Sehnsucht nach Dresden war zur Sucht geworden, nachträglich gesprochen zur Sucht, wie etwa in den Ätna zu springen.« Erst die Nachricht von einem schwachen Luftangriff auf Dresden löste eine Kette der Bedenklichkeiten aus. Frau Hauptmanns Zustand blieb ernst. Das Warmbrunner Krankenhaus konnte nach wie vor keinen Platz frei machen. Gleichzeitig überstürzten sich die Ereignisse an der Ostfront. Zum erstenmal tauchte das Schicksal des Wiesenstein mit seinen kostbaren Sammlungen und dem unersetzlichen Archiv des Dichters auf, das beinahe alle Manuskripte, Bücher und Äußerungen jeder Art von und über Gerhart Hauptmann seit 1889 enthielt. Überdies war der Friede in der »mystischen Schutzhülle seiner Seele« ausgelöscht, wie Hauptmann den Wiesenstein genannt hatte. Die Flüchtlingsströme aus dem Osten waren 17


so angewachsen, daß der Agnetendorfer Lehrer als Wohnungskommissar dem Hause Hauptmann zwei Frauen mit sieben Kindern zuteilen mußte, die ohne Widerspruch aufgenommen und nach besten Kräften versorgt wurden. Der beklagenswerte Zustand dieser Vertriebenen, das Verschwinden der schöpferischen Stille, das Fehlen aller Freunde mit Ausnahme des treuen Behl, dazu ein Katarrh des Greises und die Abwesenheit Frau Margaretes, die nun doch noch im St. Hedwigs-Krankenhaus untergekommen war, erzeugten ein so starkes Gefühl der Verlassenheit in Hauptmann, daß er Freund Behl nicht mehr losließ. Dieser mußte den ganzen Tag um ihn sein. Der Alte war schwermütig, der Vergänglichkeit des Irdischen erschlossen. Am 1. Februar war der Würfel gefallen. Das Sanatorium Dr. Weidner in Oberloschwitz hatte sich bereit erklärt, den Dichter aufzunehmen und einen geeigneten Krankenhausplatz für Frau Margarete zu besorgen. »Ich habe mich seelisch festgerannt und brauchte eine Erneuerung«, sagte Hauptmann. Er betonte, daß er Agnetendorf nicht »aus irgendeiner Furcht vor irgendetwas« verlasse. »Ich will mich dem schlesischen Schicksal nicht entziehn«, erklärte er immer wieder. Bald war alles geordnet. Behl hatte eine Ermächtigung erhalten, im Notfalle das Archiv nach Westdeutschland zu bringen. Als die beiden Freunde noch einmal durch die vertrauten Räume gingen, maß Hauptmann die Kostbarkeiten, die er in fünf Jahrzehnten gesammelt hatte – den Marmortorso der Aphrodite, den Kopf des Sokrates, Napoleons Maske, die kostbaren Bilder von Liebermann, Corinth, Leo von König, die vielen großen und kleinen Schätze – mit einem langen schweigenden Abschiedsblick. Tage nervösen Wartens folgten. Der aus Dresden 18


angekündigte Wagen blieb aus. Endlich am 5. Februar um 15 Uhr ratterte ein Holzgasauto den Hemmhübel zum Wiesenstein hinan. Es gab einen mächtigen Aufbruchstrubel, dessen Einzelheiten C.F.W. Behl anschaulich beschrieben hat. Er selbst geleitete den Greis durch den schneebedeckten Park. »Seltsame Gefühle bewegten mich, und auch Hauptmann schien, als er die vertrauten Wege hinunterging, langsam und schwer in mich eingehängt, gleiches zu bewegen. War es ein Abschied für immer?« Behl sah den Greis »in furchtbar drangvoller Enge zwischen Koffern und Taschen eingezwängt, mit nicht eben glücklichem Gesichtsausdruck im Auto sitzen«. In Dresden verlief zunächst alles nach Wunsch. Das Sanatorium hatte Hauptmann ein eigenes Häuschen im Park an den idyllischen Loschwitzer Höhen zur Verfügung gestellt. Die Söhne Eckart und Benvenuto tauchten auf, um ihren Vater nach langer Pause einmal wiederzusehen. Familiäre und geschäftliche Probleme bewegten die Gespräche, an denen der Greis bestimmend teilnahm. Der hartnäckige Bronchialkatarrh besserte sich in dem milderen Klima Dresdens. Hauptmann war endlich wieder der Alte. »Herder hatte schon recht: Dieses Dresden hat etwas von Florenz, überhaupt etwas Italienisches«, sagte er auf einem Spaziergang, wobei er von den Höhen hinab auf die Stadt in der strahlenden Wintersonne sah. Dabei fiel ihm sein eigenes Schicksal ein, daß mit Dresden eng verknüpft war. Drüben hinter dem Horizont stand Hohenhaus, wo seine erste Frau Marie Thienemann aufgewachsen war; in der Johanniskirche unten waren sie vor 59 Jahren getraut worden, er selbst hatte das Jahr zuvor die Zeichenklasse der Königlichen Akademie auf der Brühlschen Terrasse besucht. 19


Später war er immer wieder in sein köstliches Elbflorenz zurückgekehrt – zu Triumphen und Niederlagen seiner Dramen, als Kunstkenner in die kostbaren Sammlungen, doch auch als ein von Leidenschaft bewegter Mann zu Auseinandersetzungen mit der einstmals geliebten Marie, der Mutter seiner drei ersten Söhne. Und in der Zeit des Weltruhms hatte er des Öfteren im Kreise seiner Freunde residiert wie ein Fürst – da unten am Elbufer in dem behaglichen Hotel Bellevue. Der Alte seufzte. »Wirklich, man muß es lieben, mein Kleinod, mein Dresden. Möge es nie das Schicksal anderer Städte teilen!« hauchte er wie ein Stoßgebet. Das war am 8. Februar im strahlenden Sonnenlicht, fünf Tage vor dem Untergang der Stadt. Hauptmanns Stimmung schlug noch an demselben Nachmittag um. Die akute Gallenerkrankung Frau Margaretes war nunmehr endgültig festgestellt. Der Arzt verlangte, daß die Patientin in einem Krankenhaus der Stadt bleibe. Hauptmann in Oberloschwitz fühlte sich abermals der lebensgewohnten Zweisamkeit beraubt. Zudem beunruhigten ihn die Nachrichten von der Ostfront. Die Russen hatten in wenigen Tagen das halbe Oberschlesien aufgerollt und waren von Norden her bis an die Oder vorgedrungen. »Was soll werden aus unserem Schlesien, was aus Deutschland und dieser verrückten Menschenerde?« murmelte er für sich. Achselzuckend wiederholte er den Satz, der ihn nicht mehr zu trösten vermochte: »Die Weltgeschichte ist ausgerutscht.« Vom Gram überwältigt begann er zu trinken – hart, rasch und viel. Zu viel für seine zweiundachtzig Jahre! Die treue Anni, die zwischen Oberloschwitz und dem Städtischen Krankenhaus hin- und herpendelte und den Bedürfnissen beider Hauptmanns gerecht zu werden suchte, war 20


verzweifelt. Sie hatte alle weiblichen Listen aufgeboten, den verehrten Mann, für den sie seit sieben Jahren arbeitete, vom Trinken abzuhalten. Vergebens! Der alte Merlin konnte eben »zaubern« – nicht nur als Dichter. Immer wieder war eine neue Flasche da, der sogleich »der Hals gebrochen« wurde. Der gesundheitliche Schaden war bald zu spüren. Hauptmann hustete wieder, aß nicht und sah kränklich aus. Als Anni sich endlich Frau Margarete anvertraute, war diese mit gewohnter Selbstbeherrschung sogleich gesund. Tatsächlich hatte die Erkrankung sich als leichter herausgestellt, als es zunächst den Anschein hatte. Frau Hauptmann fuhr nach Oberloschwitz hinauf. Hauptmann war wie entspannt. Er gab das Trinken sogleich auf, aß wieder, schlief und begann zu arbeiten. So brach der 13. Februar 1945 an. Wieder strahlte die Wintersonne über dem strahlenden Elbflorenz. Gerhart Hauptmann war in »Schöpferstimmung«, wie er das Hochgefühl des eigenen Daseins zu nennen pflegte. Er machte einen Morgenspaziergang und diktierte anschließend das wunderbare Gedicht Zauberblume, das nunmehr für immer das Datum von Dresdens Untergang trägt.

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Gerhart Pohl "Die letzten Tage Gerhart Hauptmanns" (Leseprobe)