Page 7

DAS GESP R Ä C H Ich sehe keinen Widerspruch zwischen einer linken Einstellung und bürgerlichem Leben. Das Problem ist vielmehr, dass viele Politiker die Augen vor den existierenden Problemen in der Gesellschaft verschließen und ihre eigene Mitverantwortung daran ausblenden. Sie sagen von sich selbst, dass Sie nie das Leben einer Berufspolitikerin führen wollten. Was wäre Ihr Traumjob gewesen? Als Berufspolitikerin arbeiten zu können, ist ein Privileg, das ich sehr hoch schätze. Ich bin ja nicht gezwungen worden, in die Politik zu gehen, sondern habe mich bewusst für diesen Weg entschieden. Ich hätte mir allerdings auch vorstellen können, eine Wissenschaftskarriere einzuschlagen. Ich beschäftige mich gerne gründlich und umfassend mit Themen. Dafür fehlt im schnelllebigen Politikgeschäft oft die Zeit. Ich versuche dies zu kompensieren, indem ich weiterhin auch Bücher schreibe. Zwar ist es nicht einfach, die Zeit dafür zu finden, es ist mir aber sehr wichtig, nicht nur im politischen Alltag aufgefressen zu werden, sondern auch die Muße zu haben, mich intensiv mit Dingen zu befassen und diese Gedanken zu Papier zu bringen.

Mutter, Kind ist oder ob Großeltern, Onkel, Tanten, Freunde, Haustiere, Nachbarn oder wer auch immer dazugehört – entscheidend ist, dass man bedingungslos angenommen wird und sich zuhause fühlt. Mir bedeutet Familie sehr viel. Gerade als Person, die in der Öffentlichkeit steht, ist es für mich wichtig, einen Ort zu haben, wo ich geerdet werde, Rückhalt finde und einfach so sein kann, wie ich bin. Welche Erlebnisse und Ereignisse haben Sie persönlich in Ihrer Weltsicht am stärksten geprägt? Es ist schwer, ein einziges Ereignis oder Erlebnis zu benennen. Letztlich ist es immer die Summe vieler Einzelerfahrungen, die die Weltsicht prägt. Das ist auch bei mir so. Bei mir gibt es eine Reihe von Büchern, die meinen Blick für die Welt geschärft haben und die mich stark beeinflusst haben. Dazu

Gesicht auch Inhalte stehen. Letztlich geht es in der Politik zum Glück immer noch um Substanz, nicht um Äußerlichkeiten. Sie wurden aber in verschiedene Talkshows wie Die Harald Schmidt Show & Stuckrad Late Night eingeladen. Wie passt das mit dem vergangenen Monat bei einer Wahlveranstaltung im APEX ausgesprochenen „Boykott der Medien“ zusammen? Dass ich hin und wieder in Talkshows eingeladen werde, heißt nicht, dass es keinen Medienboykott gegen die Linke gibt. Die Linke hat bei der letzten Bundestagswahl fast zwölf Prozent der Stimmen errungen. Dennoch taucht sie in der inhaltlichen Berichterstattung der Zeitungen kaum auf. Das lässt sich auch statistisch belegen. Auf diese Art und Weise verhindert man, dass die Linke überhaupt wahrgenommen wird. Ein aktuelles Beispiel: Ich hatte im Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern eine Veranstaltung mit etwa 600 Besuchern in Rostock. In den Medien erwähnt wurde dies nirgendwo, obwohl über weit kleinere Veranstaltungen anderer Parteien ausführlich berichtet wurde. Das ist kein Zufall und leider auch kein Einzelfall.

„Ein Treffen mit George Clooney würde ich nicht ausschlagen.“

Sie haben Literatur und Philosophie studiert. Was haben beide Disziplinen für einen Stellenwert in Ihrem Leben? Lesen ist mir immer sehr wichtig gewesen. Ich habe als Kind sehr früh lesen gelernt und mich mit Begeisterung auf Bücher gestürzt. Das Interesse daran, in die Gedankenwelt anderer Autoren einzutauchen, Neues zu erfahren, weiterzudenken, begleitet mich seitdem. Sie sind bei Ihren Großeltern und bei Ihrer Mutter aufgewachsen. Was bedeutet für Sie heute Familie? Wie genau Familie aussieht, ist meines Erachtens völlig nebensächlich – ob es das klassische Modell von Vater, TagesSatz

* 11/11

gehört an erster Stelle der „Faust“ von Goethe, den ich mit 16 zum ersten Mal gelesen habe und seitdem immer wieder lese. Viele halten Klassiker für langweilig – ich finde, das Gegenteil ist richtig. Kaum ein Buch ist so tiefgründig, so kritisch, so vielfältig wie der Faust. Und so hochaktuell. Die Gesellschaftskritik, die im Faust zum Ausdruck kommt, lässt sich sehr gut auch auf die heutige Gesellschaft übertragen. Natürlich sind auch die politischen Ereignisse nicht spurlos an mir vorüber gegangen. Der Zusammenbruch der DDR und die Erfahrungen mit unterschiedlichen Gesellschaftssystemen haben mich stark geprägt. In den Medien werden Sie unter anderem als „die schönste Linke aller Zeiten“ bezeichnet. Hilft dieses Image Ihrer Partei? In der heutigen Medienwelt helfen solche Bezeichnungen sicherlich dabei, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Doch wenn keine Inhalte folgen, erlahmt das Interesse bald wieder. Die Leute erkennen schnell, ob hinter einem

Mit welchen Persönlichkeiten würden Sie gern in einer WG wohnen? Es gibt sehr viele Persönlichkeiten, denen ich gerne begegnet wäre oder begegnen würde. Die Liste reicht von Goethe über Karl Marx, Rosa Luxemburg, den südamerikanischen Befreiungskämpfer Simon Bolívar, bis hin zu Wirtschaftstheoretikern wie Walter Eucken und John Maynard Keynes. Auch Barack Obama und Wladimir Putin würde ich gerne einmal sprechen, und ein Treffen mit George Clooney würde ich ganz sicher ebenfalls nicht ausschlagen. Ich würde allerdings mit allen erst mal essen gehen und keine WG gründen – wohnen möchte ich dann doch lieber alleine. Vielen Dank für das Gespräch.

* 7

TagesSatz 2011/11  

Titelthema: Netzwelten

TagesSatz 2011/11  

Titelthema: Netzwelten

Advertisement