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T I T E LT H E M A

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Künstliche Intelligenz

In der Mitte des vergangenen Jahrhunderts begannen Wissenschaftler mit dem Versuch, Computern Intelligenz einzuprogrammieren. Obwohl das Projekt nach Ansicht vieler Experten schon lange in einer Sackgasse steckt, lässt sich viel daraus lernen. Im Traum von künstlicher Intelligenz spiegelt sich das Menschenbild der westlichen Kultur.

* CHRISTOPH PENGEL

I

m Jahr 1957 verblüffte der Mathematiker und Sozialwissenschaftler Herbert Simon die Öffentlichkeit, indem er von Computern berichtete, die „denken, lernen und schöpferisch wirken“. Noch überraschender war seine Prognose, dass diese Maschinen schon in naher Zukunft Bereiche erobern würden, die „bislang dem menschlichen Denken vorbehalten“ waren. Alan Turing, in dem viele den Vater der Computerwissenschaften sehen, ging bereits einen Schritt weiter und legte sich auf ein konkretes Datum fest: Spätestens um die Jahrhundertwende sollte die Forschung zur Künstlichen Intelligenz (KI) so weit fortgeschritten sein, dass man „von denkenden Maschinen sprechen kann, ohne auf Widerspruch zu stoßen“. Turing schlug auch ein Verfahren vor, mit dessen Hilfe sich herausfinden lässt, ob ein Computer wirklich denken kann. Im sogenannten Turing-Test, einer Art Imitationsspiel, treten ein Mensch und ein Computer in getrennten Räumen gegeneinander an. Beide verfolgen das Ziel, eine dritte Person davon zu überzeugen, dass sie Menschen sind. Da die außenstehende Person keinen unmittelbaren Kontakt zu den beiden Kandidaten hat, muss sie geschickte Fragen stellen und erraten, hinter welchen Antworten sich der menschliche Teilnehmer verbirgt. Gelingt es einem Computer, den Fragensteller hinters Licht zu führen, hat er den Test bestanden und kann nach Turings Definition als denkende Maschine bezeichnet werden. Die Visionen der KI haben nicht nur der Wissenschaft reichlich Stoff beschert. Etliche Romane und Science-Fiction-Filme beschwören die Utopie von hochintelligenten Robotern, die den Menschen überflügeln und ihm die Herrschaft über seinen Planeten streitig machen. Philosophen rufen angesichts der technischen Möglichkeiten dazu auf, rechtzeitig „den Stecker zu ziehen“. So warnt Thomas Metzinger in seinem Buch Der Ego-Tunnel davor, künstliches Bewusstsein zu schaffen, weil damit das Risiko einhergehe, die „Gesamtmenge des Leidens im Universum zu erhöhen“. In der kürzlich erschienenen Dokumentation Plug&Pray grenzt sich selbst

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Joseph Weizenbaum, ein Pionier der frühen KI, von den inhumanen Tendenzen seiner Disziplin ab. Fakt ist, dass die KI-Forschung bisher nur einen Bruchteil der einst so hohen Erwartungen erfüllt hat. Hubert L. Dreyfus, einer ihrer schärfsten Kritiker, hat ihr Vorhaben einmal mit der Reise zum Mond verglichen. Demnach sind die Forscher ihrem ursprünglichen Ziel ungefähr so nahe gekommen, als wären sie auf einen Baum geklettert. KIIngenieure können einige durchaus beachtliche Erfolge auf ihr Konto verbuchen. Ein Durchbruch gelang ihnen im Mai 1997, als sich der Schachweltmeister Gary Kasparov gegen den Computer Deep Blue geschlagen geben musste. Was jedoch sprachliche oder kreative Leistungen angeht, so existiert noch kein Programm, das einem Menschen das Wasser reichen könnte. Interessanterweise brillieren Computer gerade dort, wo Menschen sich schwer tun. Andererseits versagen sie, wenn es um Dinge geht, die einfach und selbstverständlich erscheinen. Während sie blitzschnell die Wurzel aus einer sechsstelligen Zahl ziehen, stoßen sie beim Verstehen gesprochener Sätze an ihre Grenzen. KI-Theoretiker haben mittlerweile erkannt, dass Computern eine wesentliche Voraussetzung für intelligentes Verhalten fehlt – der menschliche Körper. Nach dem Phänomenologen Merleau-Ponty strebt unser Körper stets das „Maximalverständnis“ einer Situation an. Beim Fahrradfahren oder beim Sitzen auf einem Stuhl, suchen Menschen intuitiv nach dem optimalen Gleichgewicht. Dazu ist eher körperliches Gespür und weniger rationales Denken erforderlich. Darüber hinaus ist eine riesige Menge an Informationen in den Muskeln und Knochen gespeichert. Der menschliche Körper hat beispielsweise im Laufe der Zeit gelernt, sich unter dem Einfluss der Schwerkraft zu bewegen. Für dieses Können gibt es keine Regeln, die einem Computer in Form eines Programms eingegeben werden könnten. Alltägliche Fähigkeiten wie das Greifen einer Tasse bedürfen direkter Übung, um in Fleisch und Blut überzugehen. Sowohl CompuTagesSatz

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TagesSatz 2011/11  

Titelthema: Netzwelten

TagesSatz 2011/11  

Titelthema: Netzwelten

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