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Inhalt

Vorwort Einleitung

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. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13

Das Namensgebet in den Weltreligionen

. . . . . . . . 17

Geschichtliche Entwicklung des Jesus-Gebets

. . . . . 23

Im Sinai (ab dem 4. Jh.) . . . . . . . . . . . . . . . . . 24 Auf dem Berg Athos (ab dem 14. Jh.)

. . . . . . . . . . . 25

In Russland (ab dem 18. Jh.) . . . . . . . . . . . . . . . 28

Der kontemplative Weg nach innen

. . . . . . . . . . 31

Der Verstand – der mentale Bereich (die bewusste Ebene, manah) . . . . . . . . . . . . . . . . 31 Das Unterbewusstsein (der psychische Bereich, chitta) . . . . . . . . . . . . . 33 Die intuitive Erkenntnis (das Metabewusstsein, buddhi) . . . . . . . . . . . . . 34 Die kosmische Silbe OM . . . . . . . . . . . . . . . . . 36 Das Herz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38 5

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Der innere Weg Jesu

. . . . . . . . . . . . . . . . . . 44

Der Baum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45 Der Brunnen

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46

Das Wort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 Jesu göttliches Bewusstsein . . . . . . . . . . . . . . . . 49 Der Verwandlungsprozess in Jesus . . . . . . . . . . . . . 50 Vergöttlichung des Menschen (theosis) . . . . . . . . . . . 51 Barmherzigkeit als Frucht des göttlichen Lebens . . . . . . . 54

Spiritualität des Jesus-Gebets

. . . . . . . . . . . . . 56

Atmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56 Mantra . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 Der Name . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 Wiederholung des Namens . . . . . . . . . . . . . . . . 58 Das Gebet im täglichen Leben . . . . . . . . . . . . . . . 59 Drei Phasen des Jesus-Gebets . . . . . . . . . . . . . . . 61 Spirituelle Achtsamkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64 Christuszentriertes Leben . . . . . . . . . . . . . . . . . 68

Theologie des Jesus-Gebets

. . . . . . . . . . . . . . 69

Hesychia . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69 Christus in uns . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71

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Der Heilige Geist in uns . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 Der Heilige Geist im Gebet . . . . . . . . . . . . . . . . 74 Die Vergöttlichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75 Das neue Leben in Christus . . . . . . . . . . . . . . . . 76

Die spirituellen Früchte des Jesus-Gebets

Auf dem Weg zur Stille Meditationsübungen

. . . . . . . . . . . . . . . . 87

Im Innenraum der Stille . . . . . . Übungen des Jesus-Gebets mit Mantras

Spirituelle Meister des Jesus-Gebets Bibliographie

. . . . . . . 78

. . . . . . . . . . 91

. . . . . . . . . . 122

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Inhalt der beiliegenden CD

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Einleitung

Wir leben in einer neuen Phase der spirituellen Entwicklung der Menschheit. Die günstigen interkontinentalen Reisemöglichkeiten und Kommunikationsmedien haben das globale Bewusstsein geschaffen, dass wir als menschliche Wesen eine Weltfamilie bilden. In diesem Prozess spielen auch die Religionen eine einende Rolle, obwohl sie ab und zu Dissens schaffende Kräfte freisetzen. Das tiefe Gespür für das Mysterium des Göttlichen, die Sorge um das ganzheitliche Wohl der Menschen und der aktive Einsatz für die Schöpfung sind wichtige gemeinsame Anliegen aller Religionen. Charakteristisch für die heutige Zeit ist vor allem das intensive Verlangen nach einer mystischen Erfahrung des Göttlichen. In den Herzen der Suchenden entwickelt sich zunehmend die Sehnsucht nach einer globalen Spiritualität, die die herkömmlichen Religionen bejaht und gleichzeitig transzendiert. Allein aufgrund dieser Entwicklung sind wir herausgefordert, die Vielfalt der Religionen zu respektieren und die Einheit in der Menschen befreienden Spiritualität zu suchen. In diesem Prozess müssen wir Christen fragen: Was ist der spezifische Beitrag des christlichen Glaubens zu einer befreienden globalen Spiritualität? Das ist nicht nur eine Sache theologischer Klärungen, sondern vielmehr eine Aufforderung zu gelebter Praxis. Zu allen Zeiten und in den Herzen aller Menschen offenbart sich das göttliche Mysterium auf unterschiedliche Weise. Christen haben in Jesus Christus die leibhafte Selbsthingabe des Göttlichen in der Geschichte erkannt. Wenn die Person und das Wirken Jesu Christi das Kernstück des christlichen Glaubens sind, müssen wir nach Wegen suchen, um diese mystische Realität Christi zu erfahren und die befreiende Botschaft Jesu zu leben. Obwohl wir durch den historischen Jesus Gottes Selbstoffenbarung erleben, ist der Fokus unseres Glaubens die Reali13

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tät Christi in der Gegenwart. So machen Paulus und Johannes klar, dass wir »in Christus« leben, uns bewegen und unser Dasein haben. Christus ist die Gegenwart des Göttlichen in uns und um uns. Eine Revitalisierung dieser mystischen Dimension des christlichen Glaubens ist heute eine epochale Aufgabe. Vor diesem Hintergrund wenden wir uns der Praxis des Jesus-Gebets zu. Dies hilft uns, die mystische Dimension in unserer christlichen Glaubenserfahrung neu zu beleben. Das Jesus-Gebet wird als das kontemplative Gebet schlechthin betrachtet. Es ist eine ganz und gar christuszentrierte Form der Kontemplation. Denn wir verehren nicht den historischen Jesus von Nazareth, der vor zweitausend Jahren lebte, sondern öffnen unser Bewusstsein für die heilende Gegenwart des Göttlichen, für die Realität des auferstandenen Christus hier und jetzt. Es gibt fünf Faktoren, die die Praxis des Jesus-Gebets heute relevant machen: 1. Das Jesus-Gebet ist eine klassische Form des Gebets in der christlichen Tradition. Seit der Zeit der Wüstenväter wird das Jesus-Gebet mit der andächtigen Wiederholung des Namens Jesu praktiziert. Es erhielt im Lauf der folgenden Jahrhunderte zunehmende Anerkennung in den Kirchen des Ostens. Nun breitet es sich auch im Westen aus. 2. Das Wesen des Jesus-Gebets ist, dass es ein mystisches Gebet ist: Die Aufmerksamkeit konzentriert sich auf die dem Herzen innewohnende Gegenwart Christi. Das laute Rezitieren des göttlichen Namens Jesus ist eine Vorbereitung auf das innere spirituelle Gebet. Das JesusGebet ist für jeden spirituell Interessierten zugänglich, der mitten im täglichen Leben nach Gotteserfahrung sucht. Durch die disziplinierte Wiederholung wird der Name des Herrn so tief im Herzen eingepflanzt, dass sich der Name schließlich selbst wiederholt, ohne dass einem dies bewusst ist.

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3. Das Jesus-Gebet bringt uns direkt zum Herzen christlicher Gotteserfahrung. Das Bewusstsein sinkt vom Verstand in die Tiefe des Herzens. Dort erfahren wir eine innige Einheit mit Christus-in-uns. Es ist das Erleben eines mystischen Einsseins im Göttlichen. Dabei erschließt sich uns, was Jesus mit den Worten meinte: »Alle sollen eins sein: wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie eins sein.« (Joh 17,21) Wir erkennen, dass sich unser Leben nicht einfach vor Gott, sondern im Göttlichen entfaltet. Das höchste Ziel des Jesus-Gebets ist es, Christusbewusstsein zu erlangen. Das heißt, sich bewusst zu werden, dass wir in Christus sind und er in uns. »Christus nimmt Gestalt in uns an.« (vgl. Gal 4,19) »Wir wollen uns, von der Liebe geleitet, an die Wahrheit halten und in allem wachsen, bis wir ihn erreicht haben.« (Eph 4,15) 4. Das Jesus-Gebet kann in unserem Leben zu einer heilenden Erfahrung werden. Auf unserem spirituellen Weg nach innen durchqueren wir den Dschungel der Psyche, wo uns viele unterdrückte Emotionen und Verwundungen fortwährend beunruhigen. Die spirituellen Meister empfehlen die Praxis des Jesus-Gebets als Lampe, um unseren Weg durch das Dickicht zu finden. 5. Die meditative Wiederholung des göttlichen Namens ist eine weit verbreitete Praxis, die in verschiedenen Religionen zu finden ist. Das Jesus-Gebet der christlichen Tradition gehört zu diesem spirituellen Erbe. Die Überzeugung, dass der Name des Herrn göttliche Energie enthält, steht hinter der universalen Praxis. Durch die Wiederholung des göttlichen Namens verwandelt die göttliche Kraft das menschliche Leben. Dieses Buch ist aus unserer Praxis in der indischen Ortskirche entstanden. Das Namensgebet ist ein wichtiger Bestandteil des spirituellen Erbes Indiens. Da der Hinduismus eine enorme Weite im Bereich der spirituellen Entfaltung erlaubt, hat jede/r Suchende die Freiheit, den Namen Gottes zu wählen, der ihn/sie tief anspricht. Das göttliche Mysterium übertrifft all die Namen und Formen. Wir Christen öffnen unser Herz zu der heilenden Gegenwärtigkeit Gottes mit der 15

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Rezitation des Namens Jesu. Aber wir tun es mit klassischen indischen Mantras und Melodien, die eine geistige Schwingung in uns hervorrufen können. In diesem Buch und der CD versuchen wir, die Kraft dieser einmaligen östlichen Form des Jesus-Gebets zu vermitteln. Wir bieten zunächst einige grundlegende theologische Reflexionen zum Verständnis des Jesus-Gebets. Diese werden durch ausgewählte Lehrsätze der klassischen christlichen Meister begleitet und belegt. Wir schauen auch in die Innenerfahrung Jesu mit der Frage: Wie hat Jesus die Gegenwart des Göttlichen in sich und um sich erfahren? Durch die Praxis des Jesus-Gebets wachsen wir eigentlich in seine Innenerfahrung hinein, denn dazu hat er uns eingeladen. Dafür bieten wir einige Übungshinweise zur Praxis des Jesus-Gebets mit indischen Mantras und Melodien. Wir hoffen, dass dieses Buch zu einer fruchtbaren spirituellen Begegnung zwischen Ost und West beiträgt. Missio, dem internationalen katholischen Missionswerk, sind wir dankbar für die alljährliche Einladung, solche Meditationsformen in den europäischen Ortskirchen zu vermitteln. Wir bedanken uns bei Frau Prof. Dr. Simone Rappel für die Ermutigung, dieses Buch zu verfassen, bei Frau Irmgard Dieterich für die Übersetzung aus dem Englischen und bei Elmar Rettelbach für die sprachliche Verbesserung. Wir danken Franz-Xaver Jans-Scheidegger für das theologische Vorwort. Dem Vier-Türme-Verlag und missio sind wir dankbar für die Publikation dieses Buches. P. Sebastian Painadath SJ und Sr. Rose Pudukadan

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Spiritualität des Jesus-Gebets

Bei der Übung des Jesus-Gebets ist es wichtig, auf dem Weg der Kontemplation von außen nach innen, von der Peripherie ins Zentrum, vom Verstand ins Herz zu gehen, wo wir des Göttlichen in uns gewahr werden. Um den Verstand zur Konzentration zu bringen, wird empfohlen, ein Schlüsselwort oder einen kurzen Satz, ein Mantra oder den Namen des göttlichen Herrn zu wiederholen. Dies wird in allen Kulturen und Religionen auf der ganzen Welt praktiziert. Der Verstand hält immer nach etwas Neuem und Dynamischem Ausschau. Wiederholung ist etwas, was er nicht mag und aus diesem Grund bald fallen lässt. Das ist der Anfang, um in die Stille zu kommen. In der Übung des Jesus-Gebets werden drei Elemente benutzt: die Atmung, das Mantra und der göttliche Name.

Atmung Die Atmung dient nicht nur der biologischen Lebenserhaltung. Vielmehr nehmen wir die kosmische Energie des Lebens auf, die letztlich aus einer göttlichen Quelle kommt. »Gott blies den Atem des Lebens in Adams Nase und gab ihm Leben.« (vgl. Gen 2–7) Der Schöpfer haucht der Schöpfung stets neu Leben ein. So heißt es in der Bibel: »Gott gibt allen Leben und Atem.« (vgl. Apg 17,25) »Gottes Atem hat mich geschaffen und erhält mich am Leben.« (vgl. Hiob 33,4) »Wenn Gott seinen Atem aus unserer Nase zurücknähme, würden wir alle zum Staube wiederkehren.« (vgl. Hiob 34,15) Gottes Atem atmet in uns. Wir sind vom göttlichen Geist beatmete Wesen. Wenn wir den Atmungsvorgang dankbar und respektvoll beobachten, werden wir uns der göttlichen Lebensenergie bewusst, die uns durchströmt. Acht56

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samkeit auf den Strom des Atems bringt den ruhelosen Geist zur Ruhe. »Wenn der Name Jesu mit dem Atem wiederholt wird, erfährt man intensiv die Gnade der Stille.« (Johannes Klimakos, 7. Jh., Philokalia, 85) »Atmen ist ein natürlicher Weg zum Herzen. Um den Geist zum Herzen zu bringen, konzentriere dich auf den Atem und wiederhole den Namen Jesu.« (Nikephoros, 13. Jh., Philokalia, 33) »Das bewusste Ein- und Ausatmen führt ganz allmählich zur Einkehr des Geistes in sich selbst.« (Gregor Palamas, 14. Jh., Kleine Philokalie, 181)

Mantra Das zweite Element ist das Mantra. Ein Mantra ist kein Name, kein Wort, das eine begriffliche Bedeutung hat, sondern ein Klang, der göttliche Schwingungen im Inneren bewirkt und so das Bewusstsein erweitert. Durch das Summen und Singen der klassischen Mantras stimmen wir uns auf die kosmische Symphonie des Lebens ein. Wir erkennen, dass wir Teil eines kosmisch-göttlichen Gefüges sind. Das Mantra führt den Übenden vom Verstand weg, quer durch den Dschungel der Psyche zum nous/buddhi. Dort erwacht das mystische Bewusstsein.

Der Name Das dritte Element ist der Name des göttlichen Herrn. Es gibt zwei Arten, die Rolle des Namens Jesu im Gebet zu verstehen: Im lateinischen Westen ist der Name nur ein Hinweis auf die Person Jesu. Im griechischen Osten beinhaltet der Name selbst die Gegenwart Jesu. Deshalb vermittelt eine andächtige Wiederholung des Namens Jesu die Erfahrung der realen Präsenz Christi in uns und um uns. In diesem Kontext entwickelte sich die Praxis des Jesus-Gebets im Osten. Die Asketen des Ostens bezeugen, dass der Name Gottes Kraft und Gegenwart in sich trägt. Gott wird nicht nur von uns angerufen, er ist in der Anrufung gegenwärtig. Während wir den Namen Jesu mit Achtsamkeit und Selbsthingabe summen, erwachen wir zu 57

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der wahren Gegenwart Christi in unserem Herzen. Das Jesus-Gebet kann so eine sakramentale Erfahrung sein. Johannes Chrysostomos, einer der großen Kirchenväter, sagte dazu: »Verharre in der andächtigen Wiederholung des Namens Jesu Christi, damit das Herz den göttlichen Herrn aufnimmt und der Herr das Herz einnimmt; beide werden eins.« (PG 60,75)

Wiederholung des Namens Die Praxis, den Namen Jesu zu beten, begann mit den Wüstenvätern in Ägypten und wurde in der griechischen Kirche fortgesetzt. Zu Beginn wurde nur der Name »Jesus« wiederholt. Später folgten Formeln wie etwa: »Herr Jesus.« »Herr Jesus, erbarme dich meiner.« »Herr Jesus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner.« »Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner, eines Sünders.« Wichtig bei der Auswahl der Formeln ist: Unser Herz sollte mit der Formel mitschwingen. Die griechische Anrufungsformel Kyrie eleison, Christe eleison hat einen Rhythmus und eine Schwingung, die den Verstand zur inneren Konzentration bringt. Alle spirituellen Meister verlangen, dass der Name Jesu in der Übungsformel enthalten sein sollte. Die Wiederholung des göttlichen Namens wird dann Schwingungen im inneren Bereich hervorrufen und zu einer tiefen Erfahrung des Einsseins führen. »Das Jesus-Gebet verzehrt die Leidenschaften, wie das Feuer die trockenen Dornen. Es bringt der Seele Freude und Wonne und lässt nicht nach links oder nach rechts abirren, sondern kennt nur einen geraden Weg. In seinem Gemüte rauscht eine Quelle, die erfüllt ist vom lebenspendenden Heiligen Geist.« (Gregor vom Sinai, 14. Jh., Kleine Philokalie, 167) Das Jesus-Gebet zu beten gleicht einem Vogel, der sich hoch in die Lüfte erhebt. Der Vogel muss sich ziemlich anstrengen, um in die Höhe aufzusteigen. Er muss mit den Flügeln schlagen und sich abmühen. Das gleicht der ersten Phase des Jesus-Gebets, wo man still sitzen, den Verstand bündeln und den Namen Jesu eine lange Zeit re58

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zitieren muss. Hat der Vogel einmal eine gewisse Höhe erreicht, kann er ohne Kraftanstrengung in der Luft gleiten. Er schwebt ruhig in der Luft. In ähnlicher Weise geht in der zweiten Phase des Jesus-Gebets die Wiederholung ohne Anstrengung weiter. Nach einiger Zeit haben wir ein Gefühl, als ob nicht wir den Namen wiederholten, sondern er sich selbst wiederholt. Der Verstand kommt zur Stille, und die Psyche gelangt zur Ruhe. Eine ununterbrochene Wiederholung geschieht in uns. Es ist keine Anstrengung mehr nötig. Wir sitzen nur ruhig da und werden uns bewusst, dass es die Kraft des Namens Jesu ist, die uns befähigt, die Gegenwart Christi in uns zu genießen. Die menschliche Seele schwingt sich auf zu den Höhen spiritueller Erfahrung.

Das Gebet im täglichen Leben Den Namen Jesu zu wiederholen ist eine einfache Form des Gebets. Suchende aller Altersgruppen und jeden Berufsstandes können diese Gebetsform wirksam verwenden. Sie kann in jedem Augenblick unseres täglichen Lebens praktiziert werden. Während wir im Garten oder in der Küche arbeiten, während wir uns anziehen oder spazieren gehen, reisen oder uns ausruhen, in Augenblicken der Not oder inneren Belastung kann das Jesus-Gebet praktiziert werden. Es ist eine Gebetsform, die im Krankenbett geübt werden kann, denn sie erzeugt eine heilende und beruhigende Wirkung auf den Kranken. Es ist ein Gebet für Mönche und Einsiedler, ebenso wie für solche, die eine Familie haben oder mitten im Berufsleben stehen. Kallistos und Ignatios Xanthopoulos schreiben: »Ob man isst oder trinkt, sitzt oder dient, reist oder irgendetwas anderes tut, man muss unaufhörlich das Herzensgebet üben. So wird der Name des Herrn in die Tiefe des Herzens niedersteigen, so dass das Herz den Herrn aufnehmen kann und der Herr das Herz einnimmt und die beiden eins werden. Trenne dein Herz nicht von Gott ab, sondern bleibe bei ihm, bis der Name des Herrn dort tief verwurzelt ist und du an nichts anderes mehr denkst.« (Philokalia, 193–194) Der Name Jesu durchdringt die Seele gerade wie ein Tropfen Öl den Docht einer Lampe durchnässt und so eine Flamme entzündet. 59

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Das Jesus-Gebet ist nicht an einen besonderen Ort oder eine bestimmte Zeit gebunden. Die spirituellen Meister bestehen lediglich darauf, dass es am Anfang wichtig ist, dass wir der disziplinierten täglichen Übung eine gewisse Zeit widmen. Dafür müssen wir eine ruhige Zeit und einen stillen Ort finden. Alle Gedanken und Gefühle, die während der Übung an die Oberfläche kommen, müssen dem Namen Jesu überbracht, dem göttlichen Herrn überlassen werden. Man muss darüber nicht beunruhigt sein. Alle Spannung und Hast müssen vermieden werden. Nach jeder Anrufung des Namens könnte ein Augenblick kontemplativen Schweigens eingefügt werden, um das Bewusstsein zu vertiefen. Wenn Müdigkeit aufkommt, sollte die Anrufung unterbrochen und erst wieder aufgenommen werden, wenn man sich dazu bereit fühlt. Das Ziel, das erreicht werden soll, ist nicht eine ständige wortgetreue Wiederholung, sondern ein Bewusstsein der verborgenen Gegenwart Christi im Herzen. »Ich schlief, doch mein Herz war wach.« (Hld 5,2) Allmählich bleibt das Gebet Tag und Nacht bei uns. »Wenn der Heilige Geist im Menschen seinen Tempel aufgebaut hat, dann kann er immer beten. Ob dann der Mensch wacht oder schläft, das Gebet weicht nicht mehr aus seiner Seele.« (Isaak von Ninive, 7. Jh., Kleine Philokalie, 81) Gregor vom Sinai erwähnt fünf Tugenden als Grundvoraussetzung für die Praxis des Jesus-Gebets: Stille, Verzicht, Achtsamkeit, Demut und Geduld (Philokalia, 57). Getragen von diesen Elementen führt die Rezitation des Namens Jesu zum Gewahrwerden der göttlichen Gegenwart im Herzensraum. In der Gegenwart des innewohnenden Christus zu sein ist der Kern des Jesus-Gebets. Daher wird es das innere spirituelle Gebet genannt. Das Sprechen des Gebets ist nur eine Vorbereitung auf das innere spirituelle Gebet. Die Wiederholung des Namens ohne innere Achtsamkeit gleicht dem Versuch, Holz ohne Feuer anzuzünden.

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Sebastian painadath, rose pudukadan das herz in schwingung bringen beten mit mantras und melodien  
Sebastian painadath, rose pudukadan das herz in schwingung bringen beten mit mantras und melodien  
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