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Anselm Gr端n Susanne T端rtscher

Die Heilkraft der Natur Kr辰uter, Mythen und Rituale im Jahreskreis

Vier-T端rme-Verlag


INHALT

Einführung 6 Die Weisheit der Schöpfung in der frühen Kirche 9 Natur und christliche Spiritualität heute 11 Das Kirchenjahr im Naturjahr 12 Naturmythen der Bibel 14 Naturmythen im Märchen 15 Heilkräuter und Symbolpflanzen im Kirchenjahr 17 Advent 21 Weihnachten 31 Epiphanie – Dreikönig 42 Mariä Lichtmess – Darstellung des Herrn 51 Fastenzeit 60 Mariä Verkündigung 68 Ostern 77 Maifest – 1. Mai 85 Pfingsten 93 Johannistag – Sonnenwende 101 Mariä Himmelfahrt – Schnitterinnenfest 109 Marienfeste im September 117 Michaelisfest 125 Erntedankfest 135 Allerheiligen 141 Katharinentag 150 Schluss 156

Literatur 159


Einführung In den letzten Jahren ist ein neues Gespür für die Weisheit der Natur und ihre heilende Wirkung auf den Menschen erwachsen. Der Mensch sah in der Frühzeit in der Natur ein Bild für sich selbst. Der Rhythmus der Natur hat seinen Rhythmus geprägt. Was in der Natur geschah, verstand er immer schon als ein Bild für seinen eigenen inneren Weg. Wenn er sich dem Rhythmus der Natur anschloss, dann – so glaubte er und hat es auch selbst erfahren – lebt er gesund, dann lebt er seinem Wesen gemäß. Der griechische Philosoph Platon hat das anders ausgedrückt: Der Mensch ist gebildet, wenn er das Bild Gottes in seine Seele einprägt. Das Bild Gottes aber erkennt er in der Natur. Wenn er also die Bilder der Natur in sich einbildet, dann lebt er seinem Wesen gemäß. Und nur wer seinem Wesen gemäß lebt, lebt gesund. Ein Bereich, in dem die heilende Wirkung der Natur neu entdeckt worden ist, sind die Heilkräuter. Die Natur schenkt uns viele Kräuter, die Leib und Seele guttun. In früheren Zeiten haben die Menschen Heilkräuter für bestimmte Krankheiten benutzt, auch wenn sie ihre Inhaltsstoffe noch nicht kannten. Ihr intuitiver Zugang zu den Heilkräutern unterscheidet sich völlig von unserer wissenschaftlichen Herangehensweise heute. Wir zerlegen die Kräuter im Labor und untersuchen sie nach ihren Inhaltsstoffen. Es wird erzählt, dass einem Arzt, der Leichen sezierte, ein Engel im Traum erschien. Er übergab ihm einen Engelwurz. Als der Arzt fragte, welche heilenden Stoffe im Engelwurz stecken, antwortete der Engel: »Wie kannst du beim Sezieren eines Menschenkörpers feststellen, welche Begabungen er hatte, ob der ͤ


Verstorbene Bauer, Handwerker oder Künstler war?« Der Arzt konnte es nicht. Diese Geschichte möchte uns sagen, dass es mehrere Zugänge gibt, sich einer Pflanze zu nähern. Wenn wir uns in das Wesen einer Pflanze hineinmeditieren, entdecken wir darin etwas von uns selbst. Die Symbolik, die in diesen Kräutern liegt, entspricht den Bildern, die in der menschlichen Seele bereitliegen. Unabhängig von ihren Inhaltsstoffen haben die Kräuter schon von daher eine heilende Wirkung. Ein zweiter Weg, sich den Kräutern zu nähern, ist der spirituelle Weg. Die Pflanzen stehen noch für etwas anderes: Sie sind ein Bild für unsere Beziehung zu Gott. Diesen Zugang hat Jesus selbst praktiziert. Er hat die Pflanzen angeschaut und in ihnen ein Symbol für das Geheimnis seiner Beziehung zu uns gesehen. So betrachtet er den Weinstock und sagt: »Ich bin der wahre Weinstock.« (Joh 15,1) Im Weinstock wird sichtbar, wer Jesus für uns ist. Wir sind von seiner Liebe durchdrungen. Man könnte dieses Wort Jesu auch auf alle Heilkräuter ausdehnen. Jesus würde so gesehen sagen: »Ich bin die wahre Königskerze. Was die Königskerze ausdrückt, ihre Signatur, ihr Wachsen und ihre königliche Würde zeigen, wer ich bin und wer der Mensch ist, der mein Geheimnis verstanden hat.« Jesus könnte auch sagen: »Ich bin die wahre Rose. Ich bin die menschgewordene Liebe Gottes. In der Rose wird das Geheimnis meiner Liebe und meiner Schönheit sichtbar. In ihr wird der göttliche Wohlgeruch erfahrbar, der von mir ausgeht.« Wir brauchen den Blick Jesu, mit dem er die Pflanzen angeschaut hat. Dann sehen wir nicht nur die Inhaltsstoffe der Pflanzen, nicht nur ihre Eigenschaften und Wirkungen, sondern auch ihr Wesen. Jede Pflanze stellt etwas dar. Sie verkörpert ein Wesen. Wir brauchen diesen Wesensblick, um das Geheimnis jeder Pflanze und in ihr das Geheimnis unseres Lebens und unserer Erlösung durch Jesus Christus zu erkennen. Auf diese Weise zeiͥ


gen uns die Heilkräuter etwas auf von der heilenden, befreienden und erlösenden Kraft Jesu Christi. Wir möchten mit diesem Buch die Weisheit der Natur in die Theologie und Liturgie des Kirchenjahres integrieren. Dabei greifen wir auf, was uns die Bibel von Jesus erzählt. Jesus war ein naturverbundener Mensch. Er spricht durch die Bilder der Natur zu den Menschen, weil er weiß, dass die Natur die Menschen berührt und bewegt. Gerade in seinen Gleichnissen bezieht sich Jesus immer wieder auf das Geschehen in der Natur. Das, was er in der Natur beobachtet, wird für ihn zum Bild für das Reich Gottes, für Gottes Herrschaft im Menschen. Jesus vergleicht das Himmelreich mit einem Senfkorn. Aus einem kleinen Senfkorn entsteht ein großer Baum. So ist das Reich Gottes in uns oft unsichtbar und setzt sich doch in uns durch. Auf diese Weise werden wir selbst zum Baum für andere Menschen. Sie können sich an uns lehnen und etwas von Gottes Kraft in uns spüren. In einem Gleichnis vergleicht Jesus die Verwandlung des Menschen durch die Frohe Botschaft mit dem Samen, den der Bauer ausstreut und der manchmal auf den Weg, auf felsigen Boden und unter die Dornen fällt. Nur wenn er auf fruchtbaren Ackerboden fällt, bringt er reiche Frucht. So ist auch die menschliche Seele ein Acker, in den Gott seinen Samen sät. Auch die Liturgie liebt die Vergleiche mit der Natur. Am ersten Adventssonntag singen wir zur Communio, dem Gesang während der Kommunion: »Der Herr gibt seinen Segen, und unser Land bringt seine Frucht.« (Ps 85,13) Gemeint ist hier die Geburt Jesu. Die Erde bringt den Sohn Gottes hervor, die wahre Frucht für uns Menschen. Aber auf dem Acker unserer Seele wächst auch Unkraut. Wir sollen es nicht herausreißen, sondern wachsen lassen bis zur Ernte. Dann wird Gott selbst in uns den Weizen vom Unkraut scheiden.

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Die Weisheit der Schöpfung in der frühen Kirche Schon die frühe Kirche hat die Weisheit, der sie im Wissen der verschiedenen Kulturen um die heilenden Kräfte der Natur begegnet ist, christlich zu taufen versucht. Sie entdeckte in der Weisheit der Natur die Weisheit Gottes, die dann im Geheimnis Jesu Christi, seines Todes und seiner Auferstehung, offenbar wurde. Hugo Rahner hat uns von der Weisheit der frühen Kirche gerade im Hinblick auf die Natursymbolik viele neue Einsichten vermittelt. Er beschreibt, wie die Kirchenväter die Symbole der griechischen Mythologie christlich gedeutet haben. Dazu nimmt er als Beispiele die beiden »seelenheilenden Blumen« Moly und Mandragore: »In der dunklen Wurzel und der leuchtenden Blüte dieser Pflanzensymbole sahen die Alten ein tiefes Sinnbild der seelischen Zwiespältigkeit, die es zu heilen gilt.« (Rahner 229) Er meint, der Mensch habe die Aufgabe, seine eigene Wurzel dem Dunkel zu entreißen und ins Licht zu erheben. Der griechische Gott Hermes gibt dem Odysseus das Kraut Moly, damit er gegen allen Trug der Kirke geschützt ist. Und die Alten kennen das Zauberkraut Mandragore, dessen Wurzel einem menschlichen Körper ohne Kopf ähnelt. Die christlichen Theologen der frühen Kirche haben dieses Zauberkraut als Vorläufer für die heilende Wirkung Jesu Christi gesehen, der als Haupt der Schöpfung die heilende Wirkung dieses kopflosen Heilkrautes vollendet. Besonders gut ist der christlichen Spiritualität in Irland und England die positive Aufnahme der Naturfrömmigkeit gelungen. Von dort kamen viele Missionare nach Deutschland und haben uns ihre Form der Spiritualität gelehrt. Der hl. Ninian von Whithorn schreibt in einem Katechismus, wir Christen müssten lernen, »das ewige Wort Gottes wahrzunehmen, wie es in jeder Pflanze und jedem Insekt, in jedem Vogel und jedem Tier, in jedem Mann und jeder Frau reflektiert wird«. (Bradley 94) ͧ

Anselm Grün, Susanne Türtscher - Die Heilkraft der Natur - Kräuter, Mythen und Rituale im Jahreskrei  
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