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#StadtLandBild Instagram-Aktion zur Ausstellung ALBERT RENGER-PATZSCH RUHRGEBIETSLANDSCHAFTEN


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#StadtLandBild Instagram Aktion zur Ausstellung ALBERT RENGER-PATZSCH RUHRGEBIETSLANDSCHAFTEN Mit Textbeiträgen von Simone Förster, Antje Lange, Wolfgang Ullrich, Elisabeth Neudörfl, Benjamin Neudek Stiftung Ann und Jürgen Wilde Pinakothek der Moderne München


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Warum, wie und wann Social Media? Bernhard Maaz Generaldirektor, Bayerische Staatsgemäldesammlungen

Der digitale Wandel und die Entwicklungen der Gegenwart machen auch vor den Museen nicht halt, erfreulicherweise. Er verursacht einen Rollenwandel der Besucherinnen und Besucher vom Rezipienten – potenziell – auch zum Produzenten und zieht damit auch einen Aufgabenwandel des Museums nach sich oder ermöglicht diesen zumindest. Unter anderem mit dem Relaunch der Website 2016, mit der Online-Veröffentlichung aller Sammlungsbestände 2017 und mit den sich stetig erweiternden Formen der digitalen Kunstvermittlung wird diesem Wandel in und an den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen nach Kräften Rechnung getragen. Angesichts der Tatsache, dass es hier nur eine einzige feste Stelle für diesen riesigen Themenbereich gibt, ist das keine leichte Aufgabe. Aber sie ist dennoch verlockend, denn sie ist zeitgemäß und zukunftsfähig. Und das Thema berührt unsere Verpflichtung gegenüber dem heutigen Publikum und den künftigen Erwartungen. Die Social-Media-Plattformen der Pinakotheken sollen und können neben den bisherigen Aufgaben der Vermittlung

und Kommunikation der reichen und vielfältigen Schätze der Sammlungen auch eine moderne Form der Partizipation ermöglichen. Neue Strategien und Formate sind erforderlich, um den steigenden Anforderungen und den geränderten respektive sich – technisch und mental bedingt – weiter und stetig ändernden Nutzungsprofilen der Besucherinnen und Besucher gerecht zu werden. Die Social-Media-Aktion #StadtLandBild basiert auf den Erfahrungen bisheriger Projekte in diesem Gebiet. Diverse Tweetups und Instawalks zu Ausstellungen von David Shrigley in der Pinakothek der Moderne bis hin zu Canaletto in der Alten Pinakothek, aber auch Aktionen wie #myRembrandt, die es immerhin bis zu Alexander Gerst auf die International Space Station geschafft hat, bilden den fundamentalen Erfahrungshintergrund, vor (oder auf) dem nunmehr das Format #StadtLandBild entwickelt wurde. Dabei gelang es erstmals, den analogen Raum des Museums mit dem digitalen Raum der Kunstvermittlung zu verbinden, indem die digitalen Beiträge der Nutzerinnen und


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Nutzer von Instagram in die Ausstellung vor Ort – also in die Ausstellung selbst! – integriert wurden. Die Anwendung von Social Media als Vermittlungsstrategie ermöglicht die Öffnung des musealen Raumes nach außen, entfaltet neue vielschichtige Ebenen des Umgangs mit Kunstwerken und regt allem voran die Kreativität der Besucher und Nutzer an, selbst neue Bildwerke zu produzieren. Die Etablierung von Social Media in all ihren komplexen Formen in die Ausstellungskonzeptionen sowie die konstante strategische Weiterentwicklung und Anpassung der Formate ist ein besonderes Anliegen der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen: Es geht um eine Form der Aktualität, die neben die herkömmlichen Präsentations- und Vermittlungsformen tritt und ergänzend, nicht verdrängend wirksam wird. Die Diversifizierung der Gesellschaft und der in ihr wirkenden Kommunikationskanäle, die nicht immer einfach zu handhaben ist, greift auch hier und fordert Berücksichtigung: Wir hoffen auf eine moderne, nicht auf eine modernistische Weiterentwicklung unserer me-

dialen Präsenz. Und wir sind dankbar und froh über Unterstützung dieser Absicht, die keineswegs aktionistisch sein will, sondern aufgeschlossen und wach.

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Fotografie – Massenmedium und Kunstgenre zugleich Ingo Krüger Geschäftsführender Vorstand, Bayerische Sparkassenstiftung

Das gesellschaftliche Engagement ist seit rund 200 Jahren fester Bestandteil des genetischen Codes der Sparkassen. Heute sind die Sparkassen die größten nichtstaatlichen Förderer von Kunst und Kultur in Deutschland, wobei das Genre Fotografie einen Schwerpunkt bildet. Der relativ leichte Zugang für breite Schichten der Bevölkerung zu diesem Bereich der bildenden Kunst mag einer der Gründe dafür sein. Fotografien bestimmen spätestens seit der Erfindung von Smartphones und der Einführung von Instagram in erheblichem Maße die Wahrnehmung unserer Welt und prägen unser Verhältnis zur Wirklichkeit. Dabei verlaufen die Grenzen zwischen Kunst, Alltagsfotografie, Dokumentation und Werbung fließend. Uns war stets wichtig, mit der Förderung stilbildender Positionen der Fotografie den künstlerischen Charakter dieses Mediums herauszustellen. So förderten wir 2004 die Ausstellung „Typologie industrieller Bauten“ mit Werken von Bernd und Hilla Becher, deren Objekte sich in Tableaus angeordnet scheinbar selbst präsentieren. 2007 folgte eine Retrospektive zu Andreas

Gursky, einem Schüler der Bechers, der mit der digitalen Nachbearbeitung seiner Aufnahmen zu den additiven Verfahren der Malerei zurückfand. Mit den „Ruhrgebietslandschaften“ von Albert Renger-Patzsch wenden wir uns Werken zu, die das künstlerische Schaffen der Bechers entscheidend mitprägten. Renger-Patzsch hat diese Fotografien ohne Auftrag erstellt, also aus einer ähnlichen Motivation wie ein heutiger Instagramer. Da lag es nahe, seine Werke über kontemporäre Arbeiten mit diesem Medium zu verbinden. Der große Erfolg des Hashtags #StadtLandBild und des Instawalks am 4. März 2017 sind beredtes Beispiel für die Aktualität des künstlerischen Oeuvres aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Veränderung urbaner Räume ist nach wie vor wichtiger Bestandteil unseres gesellschaftlichen Wandels. Die Nutzung neuer Medien und Kanäle belebt zugleich die Diskussion um die Kunstform Fotografie. Deshalb haben wir uns gerne gemeinsam mit dem Sparkassen-Kulturfonds des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes für dieses Vorhaben engagiert.


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Bilddiskurs oder Bilderrauschen? Simone Förster Kuratorin, Stiftung Ann und Jürgen Wilde, Pinakothek der Moderne

Eine Ausstellung bedeutet immer auch das Angebot, über die Betrachtung von (Kunst-)Objekten in einen Dialog zu kommen über die Dinge, Begebenheiten, Zustände und Ereignisse der Welt, in der wir leben. Weil das Fotografieren heute eine allgegenwärtige und weitgehend barrierefreie Praxis ist, scheint es ein Leichtes zu sein, mit Fotografie-Ausstellungen das Publikum zu erreichen. Doch muss es gerade für Ausstellungen mit historischen Fotografien ein besonderes Anliegen sein, das Bewusstsein für das technische Bild, für die bildnerischen Möglichkeiten, die künstlerische Qualität und für das originale Objekt Fotografie zu öffnen. Albert Renger-Patzsch, einer der bedeutendsten Fotografen der Neuen Sachlichkeit, nahm in den Jahren 1927 bis 1935 im Ruhrgebiet Stadtrand- und Haldenlandschaften, Hinterhöfe und Vorstadtsiedlungen, Schrebergärten und Zechenanlagen auf. Die entstandene Werkgruppe stellt die einzige umfangreiche, freie, das heißt ohne Auftrag entstandene Arbeit des vielbeschäftigten Industrie- und Sachfotografen dar. Die Serie der Ruhrgebietslandschaften zählt

zu den Meisterwerken der Industrie- und Landschaftsfotografie der Moderne. Rund 80 Jahre nach ihrer Entstehung sind diese Ansichten einer von Industrie geprägten Landschaft aktueller denn je: Sie geben einen visuellen Kommentar zu aktuellen Diskussionen um Urbanität, Zersiedlung und Umnutzung von Folgelandschaften und können uns die Welt, in der wir uns täglich bewegen, mit anderen Augen sehen lassen. Im Albert Renger-Patzsch Archiv der Stiftung Ann und Jürgen Wilde sind etwa 150 originale Abzüge (sogenannte vintage prints) von Renger-Patzschs Serie zum Ruhrgebiet erhalten, darunter ein Konvolut großformatiger Ausstellungsabzüge von herausragender Qualität. Aus diesem Bestand wurde die Sonderausstellung „Albert Renger-Patzsch. Ruhrgebietslandschaften“ der Stiftung Ann und Jürgen Wilde an der Pinakothek der Moderne München erarbeitet, die die Werkgruppe erstmals umfassend präsentierte. Renger-Patzsch fotografierte die Übergänge zwischen Stadt und Umland, zwischen industriell und urban erschlos-


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senen Arealen und agrarwirtschaftlicher Naturlandschaft, wie sie ihm während seines Unterwegsseins für verschiedene Auftragsarbeiten im Ruhrgebiet begegneten. Als begeisterter Autofahrer näherte er sich den Industrie- und Zechenanlagen vom Umland und über die Vorstädte. Dieses Annähern an industrielle Großanlagen, deren Fördertürme wie Landmarken das Landschaftspanorama beherrschten, hat seine Betrachtungsweise des Ruhrgebiets entscheidend geprägt. In absichtsvollen Kompositionen verband er Formen, Strukturen, Geometrien, Volumina und Kontraste zu komplexen Bildeinheiten von zurückhaltender Emotionalität. Die Bestandteile des Landschaftsraums arrangierte er zu einem bühnenhaften Ensemble, das die Beschaffenheit und Eigenschaften der Ruhrgebietslandschaft zum Topos verdichtet aufzeigt, der bis heute gültig ist. Wie wir aus schriftlichen Zeugnissen wissen, konzipierte Renger-Patzsch die Serie der Ruhrgebietsfotografien als Teil eines größeren Vorhabens zum Thema Industrielandschaft, das ganz Deutschland umfassen sollte. Dieses kam aber nicht zur Verwirklichung.

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Wie sind diese Inhalte jenseits von Programmen wie Führungen und Workshops aus der Ausstellung heraus an ein Publikum zu vermitteln? Wie kann ein aktueller Bezug hergestellt werden jenseits der schlichten Gegenüberstellung von „Früher“ und „Heute“? Kann dies durch digitale Vermittlungstools wie Apps, Augmented Reality, iBeacons, Social-Media-Aktionen geschehen? Welches Format wäre passend? Welche Form muss ein digitales Vermittlungskonzept haben, das Technologien nutzt, sich dabei jedoch nicht zwischen Betrachter und Original im Ausstellungsraum drängt? Zugleich sollten digitaler und analoger Aktionsraum nicht wie zwei unabhängige Stränge funktionieren, sondern in den jeweils anderen hineinwirken. Die Bayerische Sparkassenstiftung hat mit ihrer Förderung innovativer Vermittlungskonzepte unser Anliegen schon in der Entwicklungsphase mitgetragen und inspiriert. Inhaltliche Argumente führten zur Entscheidung für eine Instagram-Aktion. Mit einer schweren Glasplattenkamera ausgerüstet, fotografierte Renger-Patzsch

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die Ruhrgebietsserie unterwegs und ohne Auftrag, ein Vorgehen, das seine Entsprechung in der heutigen Praxis des privaten Fotografierens mit dem Smartphone während des alltäglichen Unterwegsseins hat. Das leichte Versenden und damit (Mit-) Teilen der Bilder, die Gleichzeitigkeit und damit Unabhängigkeit von räumlichen Beschränkungen eröffnete die Möglichkeit, Renger-Patzschs Vorhaben, die Industrielandschaften deutschlandweit zu fotografieren, auf der Plattform Instagram als digitales Experiment mit heutigen Mitteln fortzusetzen. Antje Lange, zuständig für digitale Kommunikation der Pinakotheken, platzierte vier Wochen vor Ausstellungseröffnung den Hashtag #StadtLandBild und gewann als Kooperationspartner für kulturelle Inhalte engagierte Netzaktivisten. Zudem ließ sich Elisabeth Neudörfl, Professorin für Fotografie an der Folkwang Universität der Künste, mit ihren Studierenden auf das Experiment ein, sich als am künstlerischen Bild Arbeitende vor Ort im Ruhrgebiet an der Aktion zu beteiligen. Seit November 2016 sind auf #StadtLand-

Bild etwa 2700 Bilder geteilt worden, allein rund 400 am 4. März 2017 während der zeitgleichen Instawalks in München, Leverkusen, Duisburg und Wesseling. Als Verbindung vom digitalen in den musealen Raum wurden in der Ausstellung auf einem liegenden Monitor in regelmäßiger Aktualisierung die Bilder aus der Instagram-Aktion präsentiert. Von Anbeginn der Aktion zeigte sich in den auf #StadtLandBild geteilten Bildern eine direkte Auseinandersetzung mit Renger-Patzschs Ruhrgebietsfotografien. Die historischen Werke fungierten als Impulsgeber für eine Sensibilisierung der Wahrnehmung mit Blick auf die Übergänge von Landschaft, Natur, Stadt und Industrie. Es entstanden Aufnahmen, die sich direkt an Renger-Patzschs Wahrnehmungskonzepte anlehnten, sie auf heutige Situationen wie Industriebrachen, Vorortareale, Architekturkonglomerate und Verdichtungen von urbanen Strukturen übertrugen, oder in gezielt kontrastierenden Positionen arbeiteten. In der Produktion von eigenen Bildansichten verdeutlichte sich, wie Renger-Patzschs historische Bildfin-


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dungen die gegenwärtige Wahrnehmung zu schärfen imstande sind. Durch dieses aktive Umsetzen von Gesehenem, das Produzieren von eigenen Bildern, manifestierte sich eine neue Wahrnehmung des eigenen Lebensumfelds. Referenzpunkt blieb dabei nicht mehr nur die Bildserie von Renger-Patzsch. Durch die eingestellten Bildbeiträge konnte sich auf der Plattform innerhalb der Usergemeinschaft eine über Bilder geführte Auseinandersetzung entwickeln. Das Formulieren eines eigenen Bildes ermöglichte eine produktive Erkenntnis und konnte, geteilt auf #StadtLandBild, zu Reaktionen und Austausch anregen. Innerhalb der geradezu rauschhaften Ansammlung von Bildern auf der Plattform, entwickelten sich aktive Inseln von visuellen Diskursen, die über Bildbeiträge geführt wurden. Die Rezeption der historischen Werke Renger-Patzschs wurde über die Instagram-Aktion in ein kreatives Handeln überführt, das für jeden sichtbar war und an dem teilgenommen werden konnte. Auch wenn die enorme Menge der für #StadtLandBild entstanden Bilder für

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Ausstellungs- und Sammlungskuratoren herausfordernde Fragen nach der Nachhaltigkeit und Archivierung solcher Aktionen entstehen lassen - die noch längst nicht beantwortet sind -, so birgt sie doch die Chance, mit dem Publikum in Kontakt zu treten und an diesen neu entstandenen Bildern erfahren zu können, ob, wie und welche Impulse eine Ausstellung geben kann. Die Schärfung des Sehens und der Wahrnehmung, eines der Paradigmata der Fotografie der Neuen Sachlichkeit und des Neuen Sehens der 1920er- und 1930er-Jahre wie auch der Kunst und des Ausstellungswesens überhaupt, kann sich in einer solchen digitalen Aktion lesbar materialisieren.


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„Verweile doch! Du bist so schön!“ Über die Nachhaltigkeit von So­cial-Media-Aktionen im Kulturbereich

Antje Lange Digitale Kommunikation, Bayerische Staatsgemäldesammlungen

Der digitale Raum ist von seinem Wesen her scheinbar unendlich, unpersönlich und vor allen Dingen flüchtig. In den vergangenen Jahren ist die Aufmerksamkeitsspanne im Web von zwölf auf acht Sekunden gesunken. Parallel dazu scheint sich auch das Gedächtnis verschlechtert zu haben. Relevanz und Aufmerksamkeit sind die äußerst knappen und hart umkämpften Ressourcen unserer Informationsgesellschaft. Die Museen und Kultureinrichtungen stehen vor dem Hintergrund dieses gesellschaftlichen Wandels vor dem Problem, nachhaltige Beziehungen zu ihren Besucherinnen und Besuchern aufzubauen, die Identifikation mit dem Museum zu sichern und letzten Endes den Weg zur Integration der Museen in den Alltag der Menschen zu ebnen. Doch wie können Prinzipien wie Nachhaltigkeit und Zuverlässigkeit über den unbeständigen digitalen Raum vermittelt werden? Und viel komplexer: Wie gelangen über diese sphärischen Wege die Leitlinien einer Fotografie-Ausstellung wie »Albert Renger-Patzsch. Ruhrgebietslandschaften« in die Köpfe und vor allem die Herzen der potentiellen digitalen Museumsgäste?

Die Ursprungsidee für die Aktion #StadtLandBild entwickelte sich, wie zumeist bei Ausstellungsprojekten, im direkten Gespräch mit der Kuratorin Simone Förster. Zwei Gedanken prägten die ab Mitte November 2016 bis Ende April 2017 laufende Aktion und damit auch die Entwicklung des Konzepts: Zum einen entstanden die „Ruhrgebietslandschaften“ im Gegensatz zu einem Großteil der anderen Arbeiten von Renger-Patzsch nicht als Auftragsarbeiten, sondern waren vielmehr seine „Schnappschüsse“ in den Räumen zwischen seinen Auftragsorten. Er fotografierte unterwegs und nebenbei, geradeso wie heutzutage unzählige Instagram-Fotos entstehen. Zum anderen wurden die circa 150 Motive der Serie zu Lebzeiten von Renger-Patzsch weder ausgestellt noch in ihrer Gesamtheit publiziert. Schriftliche Zeugnisse lassen jedoch vermuten, dass ihm gerade diese Arbeiten besonders wichtig waren. Geplant war wohl ein deutschlandweites Projekt von Fotografien, das aber nie verwirklicht wurde. Daher beschränken sich die Bilder von Renger-Patzsch ausschließlich auf das Ruhrgebiet. Der zweite Ursprungsge-


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danke von #StadtLandBild ist daher die Fortführung von Albert Renger-Patzschs Grundidee der Darstellung von Industrielandschaft als ein ganz Deutschland umfassendes digitales Experiment. Ziel war es, die digitale Entwicklung um die Plattform Instagram mit den Ursprungsideen von Albert Renger-Patzsch zu verbinden und uns mit #StadtLandBild auf die Suche nach aktuellen Räumen im Wandel zwischen Industrie, Natur und Landschaft zu begeben. Adressat der Aktion war vor allem die Münchner Instagram-Gemeinde, die es noch für die hiesigen Museen zu begeistern galt. Daher wurde bewusst auf kostspielige Kooperationen mit prominenten und reichweitenstarken Instagramern verzichtet, der Fokus in der Ansprache, vor allem im Hinblick auf den Höhepunkt, den Instawalk am 4. März 2017, auf das heimische Publikum gesetzt. Insgesamt entstanden bisher (Stand: August 2017) circa 2.700 Fotografien, die unter dem Hashtag #StadtLandBild auf Instagram eingestellt wurden. Eine intensive Auseinandersetzung mit den Themen von


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Albert Renger-Patzschs Gedankengut prägt eine Vielzahl dieser Bilder. Das von Renger-Patzsch stets anvisierte „Wesen der Dinge“ kam in einer überwältigenden Mehrzahl der Beiträge zutage. Obwohl seine Aufnahmen zwischen den Jahren 1927 und 1935 entstanden, üben sie offensichtlich doch eine überraschende Wirkung auf das heutige Publikum aus und tragen eine sonderbare Aktualität inne, die zur Wiederentdeckung seiner bevorzugten Motive und zur Weiterentwicklung der Themen führte. Die Vorwürfe der Vernachlässigung der Aspekte der Nachhaltigkeit und der Verwahrlosung des Originals durch die Kunstvermittlung im digitalen Raum sind ein Dauerbrenner in den Kommentarspalten der Feuilletons deutscher Tageszeitungen. Was ist nun aber mit der Frage nach der Nachhaltigkeit einer solchen Social-Media-Aktion? Waren es lediglich die Bilder, die kreativen Produkte der Instagramer, die zum Mehrwert beitrugen und den Aufwand rechtfertigten? Die Antwort fällt naturgegeben schwer. Den Ausweg aus dem Dilemma lieferte am

Ende die begleitende Podiumsdiskussion am 6. April 2017 im Auditorium der Pinakothek der Moderne. Die Frage nach der Nachhaltigkeit ist in diesem Kontext nämlich die falsche Frage, oder besser, eine irrelevante Frage. Sie hat den gleichen Rang wie die leidige Frage danach, wie viele Eintrittskarten mehr durch einen Instawalk oder einen Tweetup am Ende verkauft werden. Wie ein Teilnehmer sagte: Niemand käme auf die Idee, nach der Nachhaltigkeit einer „klassischen“ Führung zu fragen, die zumeist Rezeption und Kontemplation vermittelt, statt Reflexion und kreative Produktion in Form von Instagram-Bildern. Der Begriff der „Nachhaltigkeit“ hat übrigens eine facettenreiche Bedeutung: ein Prinzip zur optimalen Ressourcennutzung, ausgelegt auf die Bewahrung der Stabilität, welches seinen Ursprung in der Forstwirtschaft hat. In einem Wörterbuch­eintrag von 1910 gilt „Nachhaltigkeit“ als Übersetzung des lateinischen Wortes „perpetuitas“ und meint damit das Beständige und Unablässige, das Wirksame und Nachdrückliche.


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Der Zusammenhalt in der digitalen Gemeinschaft ist durch die Aktion gewachsen, der Museumsraum nach außen geöffnet worden. Der digitale Wandel der Gesellschaft verursacht einen Rollenwandel der Besucherinnen und Besucher. Er zieht auch einen Aufgabenwandel des Museums nach sich. Social-Media-Aktionen wie #StadtLandBild können eine langfristige Verbindung von digitalem und analogem Raum schaffen und nachhaltige Beziehungen zum „Rohstoff “ unserer Museen herstellen: den Besucherinnen und Besuchern. Die Eindrücke von #StadtLandBild bleiben nachhaltig im Herzen, nicht nur im Kopf.


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Hashtags im Museum eine Erfolgsgeschichte Wolfgang Ullrich Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler

Als wohl erster erklärte Pontus Hultén, Gründungsdirektor des Pariser Centre Pompidou, im Jahr 1977, dass das Museum nicht länger primär als Ort zu verstehen sei, „an dem Kunstwerke konserviert werden“; vielmehr sei es „ein Ort, an dem das Publikum selbst zum Schöpfer wird“. Damit war auch klar, dass Museen umfassende Programme entwickeln müssen, um der Aufgabe gerecht werden zu können, inspirierend auf Menschen zu wirken und ihnen die Chance zu eigener gestalterischer Tätigkeit zu geben. In den 1970er-Jahren war das aber noch mehr Wunsch als Wirklichkeit. Die Kunstvermittlung stand erst am Anfang und umfasste kaum mehr als Ausstellungsführungen, bestenfalls zugeschnitten auf die eine oder andere spezielle Zielgruppe. Für Workshops oder an Ausstellungen angegliederte Projekte fehlten hingegen noch sämtliche Voraussetzungen. Weder Personal noch Budget oder Räumlichkeiten standen dafür zur Verfügung. Vier Jahrzehnte später sieht es anders aus. Wenn der Kunstkritiker Hanno Rauterberg 2015 bemerkte, das Museum sei

„nicht länger nur ein Ort des Betrachtens, es wird zum Ort der Produktion“, dann ist das mittlerweile also eine zutreffende Zustandsbeschreibung. Hat sich die Auffassung durchgesetzt, dass Kreativität zu den menschlichen Grundvermögen gehört und Museen besser als andere Institutionen zu dessen Förderung geeignet sind, so sind aus Rezipienten aktive Nutzer geworden, die sich für wechselnde Veranstaltungsformate entscheiden. Diese variieren von Museum zu Museum, wobei allenthalben die Ambition zu bemerken ist, immer wieder Neues zu bieten. Etliche Projekte haben sogar selbst Werkcharakter, mittlerweile gibt es auch eigene Wettbewerbe und Preise dafür. Doch hat nicht nur ein Mentalitätswandel dazu geführt, dass sich die Rolle von Museen gewandelt hat. Vielmehr tragen dazu genauso veränderte materielle Voraussetzungen bei. So sind heute viele Menschen Teil einer Wohlstandsgesellschaft, in der sie über genügend Zeit und Geld verfügen, um den Drang zu kreativer Betätigung auszuleben. Zudem sind mit der Digitalisierung – mit Internet, Sozi-


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alen Medien und Smartphones – technische Infrastrukturen entstanden, die die Schwellenangst vor dem Selber-Machen verschwinden lassen. Mag es oft zu aufwendig erscheinen, ein Bild zu malen, eine Skulptur zu formen oder eine Performance einzuüben, so ist es viel unkomplizierter, mit dem Smartphone Fotos zu machen. Dank Bildbearbeitungs-Apps besteht auch kaum noch die Gefahr, sich dabei als unbegabt oder gar scheiternd erleben zu müssen. Da es für viele ohnehin alltäglich geworden ist, Fotos in den Sozialen Medien zu publizieren, ist auch keine große Überzeugungsarbeit zu leisten, damit sie ausgehend von einem Ausstellungsbesuch zu Bilderproduzenten werden. Tatsächlich besteht die Herausforderung für die Kunstvermittlung eher darin, die selbstverständliche Verwendung digitaler Fototechnik so zu steuern, dass mehr als nur Schnappschüsse entstehen und den Teilnehmern eines Projekts ein Bildungsoder ein Selbstverwirklichungserlebnis bereitet wird. Gezielt ist also zu sonst kaum praktizierten Bildtypen, Fotografierhaltun-


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gen und Reflexionsprozessen anzuregen und zugleich für ein Setting zu sorgen, in dem die Teilnehmer durch Austausch und Vergleich darum wetteifern, zu noch stärkeren Resultaten zu gelangen und sich dabei als Verbündete einer gemeinsamen Sache zu erleben. Wenn die Ergebnisse eines solchen Projekts gar selbst im Museum landen und Teil einer Ausstellung werden, dürfte das Selbstwert- wie das Gruppengefühl der Beteiligten erst recht gepusht werden. Beides – Steuerung der Bildproduktion und Konstitution einer Community – gelingt aber am effizientesten mit Hilfe eines Hashtags. In ihm lässt sich eine Leitidee auf den Punkt bringen, und wer ihr folgt und daraus hervorgehende Fotos damit verschlagwortet, fungiert für andere, die sich am selben Hashtag orientieren, als Referenz. Alle mit demselben Hashtag versehenen Bilder bilden eine Sammlung, die umso kohärenter ist, je klarer das mit dem Hashtag verbundene Konzept definiert wird. Durch einzelne Beiträge kann sich die Bedeutung eines Hashtags aber auch weiterentwickeln; vielleicht wird er zu


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einem Codewort verengt oder wächst sich zu einem Sammelbegriff aus. Der Umgang mit Hashtags ist innerhalb weniger Jahre zu einer wichtigen neuen Kulturtechnik geworden, deren Qualität nicht zuletzt darin besteht, dass ein oft komplexeres Verhältnis zwischen Bild und Wort etabliert wird als bei einer herkömmlichen Bildunterschrift oder dem Titel für ein Kunstwerk. So steckt in jedem Hashtag das Postulat, auf mehreres anwendbar – wiederholbar – zu sein und nicht nur etwas Singuläres zu klassifizieren. Er wird also ausgehend von einem Bild, das mit ihm verknüpft ist, zum Appell an die Phantasie der Rezipienten, sich andere Bilder vorzustellen, zu denen er genauso passen könnte. Daher erscheint ein Hashtag auch als dynamisch und partizipativ, während von einem Begriff viel eher erwartet wird, stabil zu sein und höchstens von Experten des jeweiligen Sujets aktiv diskutiert und verändert zu werden. Lesen sich Lexika zur Begriffsgeschichte daher wie eine Spielart von Heldengeschichtsschreibung, da sie vorwiegend auf Zitate der Größen aus Philosophie und Literatur

rekurrieren, böten Lexika zur Hashtaggeschichte (die es hoffentlich schon bald geben wird!) viel heterogeneren Stoff. Hier müsste man jeweils viele Accounts und ganz unterschiedliche Typen von Usern auswerten, aber sicher auch mit quantitativen Methoden arbeiten, um verschiedene Verwendungsweisen zu gewichten. Hashtags gehören somit zu den eindrucksvollsten Errungenschaften einer demokratischen Gesellschaft, in der Kreativität nicht mehr als Privileg einer kleinen Minderheit, sondern als generelle Fähigkeit angesehen wird. Auch der Hashtag #StadtLandBild könnte einmal Teil eines Hashtag-Lexikons werden. In dem dazugehörigen Artikel würde dann nicht nur sein Ursprung erklärt (ein im Dezember 2016 gestartetes Social-Media-Projekt der Münchner Pinakotheken zur Ausstellung „Ruhrgebietslandschaften“ mit Fotografien von Albert Renger-Patzsch aus den 1920er- und 30er-Jahren), sondern man unternähme auch den Versuch, diverse Interpretationen des ihm zugrundeliegenden Konzepts zu analysieren. Ging es den Initiatoren


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darum, dass Menschen, inspiriert von den Bildern der Ausstellung, Fotos von „aktuellen Räumen im Wandel zwischen Industrie, Natur und Landschaft“ machen, so veranlasste das einige User dazu, Motive zu finden, die möglichst stark an einzelne Aufnahmen von Renger-Patzsch erinnern, während andere sich auf die Suche nach Sujets begaben, die für die Gegenwart so repräsentativ sind, wie es die Ausstellungsexponate für die 1920er-Jahre waren. Manche User übernahmen das SchwarzWeiß von Renger-Patzsch für ihre Fotos, andere arbeiteten mit Filtern, um ihren Bildern einen Retro-Charakter zu verleihen, wieder andere setzten den Bildern der Ausstellung bewusst sehr farbige Fotos entgegen. Dennoch sind die Ergebnisse des Projekts, das umfassend auf Instagram zu studieren ist, wo auch weiterhin Fotos mit dem Hashtag #StadtLandBild hochgeladen werden, alles andere als beliebig. Vielmehr lässt sich in jedem Fall eine Auseinandersetzung mit der Projektidee, dem fotografischen Vorbild Renger-Patzsch sowie anderen Usern desselben Hashtags

erkennen. Und sind einige, die auch bisher schon gerne Ausfallstraßen, Neubaugebiete oder Stadtgrenzen fotografiert haben, dank #StadtLandBild endlich Teil einer Community geworden, die ihren Bildern Aufmerksamkeit entgegenbringt, so sind andere erst durch das Projekt der Pinakotheken dazu gekommen, solche Sujets zu beachten und auf diese Weise ihr eigenes Lebensumfeld neu zu erfahren. Der alte Topos, wonach Kunst dabei helfen kann, das Sehen zu lernen, war also nie gültiger als in Zeiten von Kunstvermittlung, Sozialen Medien und Hashtags.


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Elisabeth Neudörfl Professorin für Fotografie, Folkwang Universität der Künste Essen

Man kann Fotografien betrachten – zum Beispiel die Ruhrgebietslandschaften von Albert Renger-Patzsch – und daraufhin den eigenen Blick auf die Welt justieren. Man kann diese historischen Fotos des Ruhrgebiets ansehen und sie als Folie benutzen, um auf das strukturgewandelte Ruhrgebiet zu blicken. Man kann ähnliche Orte in anderen Regionen aufsuchen oder dieselben Orte im Ruhrgebiet wiederfinden, wobei der Unterschied zu den Renger-Patzsch-Bildern vielleicht bei beiden ähnlich groß ist. Man kann Fotos mit dem Smartphone im Vorübergehen gegen die sorgfältig komponierten Großformat-Aufnahmen setzen. In diesem Beziehungsgeflecht zwischen heute und damals, zwischen Ruhrgebiet und Fotografiegeschichte werfen Fotografie-Studierende der Folkwang Universität der Künste einen neuen Blick auf ihre alltägliche Umgebung, das Ruhrgebiet, und teilen diesen Blick im Projekt #StadtLandBild auf Instagram. Das Fotografie-Studium im Feld der Dokumentarfotografie zielt stark auf konzeptuelle Ansätze und operiert in der Regel mit einer größeren Anzahl von

Bildern. Die Qualität der Arbeit kann an einem einzelnen Bild nicht abgelesen werden; Form und Kontext sind wesentlicher Teil von Überlegungen und Entscheidungen. Instagram ist gewissermaßen das Gegenteil: Es wird oft nur ein einzelnes Bild gepostet. Der Zusammenhang, in dem es gesehen wird, kann vom Autor, von der Autorin nicht kontrolliert werden. Der Strom der Bilder bzw. das Raster der Seiten bilden ein enges Korsett. Das ist der Preis, den wir für eine sehr direkte, sehr schnelle, sehr affektiv funktionierende Kommunikation bezahlen. Im Studium sollten aber doch dauernde Beschäftigung und Reflexion die größte Rolle spielen. Ein anderer Preis betrifft die Nutzungsbedingungen: Instagram kann alle Inhalte, die wir posten, frei verwenden. Wir verlieren die Kontrolle über die Nutzungsrechte an unseren Bildern, die wirtschaftliche Grundlage jeder fotografischen Existenz. Wie schwierig es ist, über die Bilder in diesem Bilderfluss überhaupt zu sprechen, wurde deutlich, als wir im Seminar versucht haben, Bilder so zu kommentieren, dass der Kommentar eine Reaktion fordert


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und somit tatsächlich ein Austausch entstehen kann. Die Frage, was ein gutes Bild sei, lässt sich im Fotografie-Studium nicht so leicht beantworten: Es kommt darauf an. Worauf es ankommt, kann man üblicherweise aus dem Kontext schließen. Doch was ist ein gutes Bild im Kontext von Instagram? Eine weitere Frage, die uns beschäftigt hat: Lässt sich ein Diskurs herstellen? Können (oder sollen) auf Instagram nur Bilder funktionieren, die so gemacht sind, wie von Instagram vorgesehen (möglichst direkt fotografiert und per App hochgeladen) oder lässt sich Instagram im Sinne Flussers auch gegen sein eigenes Programm verwenden? #StadtLandBild hat uns dazu gebracht, über diese Fragen nachzudenken, sie sind längst nicht beantwortet. Das „distributive Bild“ wird uns noch lange begleiten.


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Das Renger-Patzsch-Virus oder: München mit anderen Augen sehen und fotografieren Benjamin Neudek Staatlich anerkannter Erzieher und Instagram-Aktivist

Manchmal bilde ich mir ein, in München alles gesehen und fotografiert zu haben. Die Stadt, in der ich geboren wurde, aufwuchs und die ich nie länger als für drei Wochen verließ. Das ist natürlich Unsinn, weil es nach knapp 45 Jahren im Millionendorf genügend Ecken gibt, in denen ich noch nicht war. Bekannte Ecken verändern sich, manche vergesse ich sogar. Dennoch helfen visuelle Anreize aus anderen Orten, damit meine Augen vor lauter Münchner Alltäglichkeit nicht ermüden. Reisen bildet, erzählt man sich. Oder man geht ins Museum! Anschauen erweitert auch den Horizont. Ein eindrucksvoller Beleg dafür waren die Fotos von Albert Renger-Patzsch. Natürlich findet man vergleichbare urbane Szenen aus Duisburg oder Bochum der 1920er-Jahre heute nicht mehr – schon gar nicht 2017 in München. Doch darum ging es beim Instawalk zu den gezeigten „Ruhrgebietslandschaften“ nicht. Die Ausstellungsführung bildete lediglich einen Anstoß, die bekannte Umgebung neu auf sich wirken zu lassen.

Es zeigte sich sehr schnell, wie viele Motive es selbst im schicken München gibt. Das Kreativquartier an der Dachauer Straße, das ich mit einigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern ansteuerte, ist nur eine von vielen Ecken. Andere vorgeschlagene Orte wie Neuperlach, Schlachthof-, Werksviertel und die ehemaligen Siemenswerke klangen ebenfalls reizvoll. Recht bald bemerkte ich, dass ich vom Renger-Patzsch-Virus erfasst wurde. In den darauf folgenden Tagen und Wochen bis heute fand ich viele Motive, die meine Lust am Flanieren und Fotografieren neu erweckten. Ich erschloss mir Viertel, denen ich vorher keine Beachtung geschenkt hatte (Blumenau, Obersendling), und andere aufs Neue. Die Befürchtung, nur während der grauen Märztage (wirklich hell ist es bei Renger-Patzsch nicht) Inspiration zu finden, bewahrheitete sich nicht. Zwischenräume gibt es in München genügend. Man muss sie gar nicht lange suchen. Die eine oder andere Baulücke, hinter der sich prächtige Motive auftun, gibt es selbst in zentraler Lage. Irgendwo


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ragt immer ein Kran in den weiß-blauen oder trüben Himmel. Eine Straßenlaterne, die sich ins Bild krümmt, gibt es fast überall, und offene Hofeinfahrten finden sich in jedem Viertel. Es ist eine Frage des Blickwinkels. Der Mut zum Zeit verzögernden Umweg ist dabei hilfreich. Am besten kann ich das, wenn ich durch die Stadt gehe. Ja, gehen. Fahren auf dem Radl oder in der Trambahn ist schwierig, weil die potentiellen Motive zu schnell an mir vorbei rauschen. Der große Sigi Sommer hat sein Alter Ego Blasius auch zu Fuß durch die Stadt geschickt. Da ich als Kind schon ein Streuner war, ist mir das Sich-Treiben-Lassen wohl vertraut.

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Neu entdeckt habe ich München nicht. Wieder geweckte Neugierde auf die Stadt habe ich Monate nach dem Instawalk immer noch.

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Impressum

Die Publikation erscheint anlässlich der ­Instagram-Aktion #StadtLandBild im Rahmen der Ausstellung „Albert Renger-Patzsch. Ruhr­ gebietslandschaften“. Stiftung Ann und Jürgen Wilde, Pinakothek der Moderne, München 16. Dezember 2016 bis 23. April 2017

Konzept und Redaktion Simone Förster Antje Lange Gestaltung Harald Link/redaktion3 Bildbearbeitung Anja Kaiser Druck und Herstellung Druckerei Vogl, Zorneding Wir danken allen, die mit ihren Fotos an der ­Aktion #StadtLandBild teilgenommen haben. Trotz intensiver Recherchen konnten die Rechteinhaber nicht in allen Fällen ausfindig gemacht werden. Wir bitten gegebenenfalls um Mitteilung. Copyright © 2017 der Bildwerke bei den Bildautoren © 2017 der Texte bei den Autoren © 2017 dieser Ausgabe: Stiftung Ann und Jürgen Wilde, Pinakothek der Moderne, München Stand: 09/2017 Gefördert durch

Sparkassen-Kulturfonds des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes Bayerische Sparkassenstiftung

Stiftung Ann und Jürgen Wilde Pinakothek der Moderne Kontakt: Simone Förster (Kuratorin) Barer Straße 29 80799 München Tel.: 0049 (0)89 23807-371 Fax: 0049 (0)89 23805209 stiftung-wilde@pinakothek.de www.pinakothek.de


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#StadtLandBild. Instagram-Aktion zur Ausstellung "Albert Renger-Patzsch Ruhrgebietslandschaften"  

Mit Textbeiträgen von Simone Förster, Antje Lange, Wolfgang Ullrich, Elisabeth Neudörfl, Benjamin Neudek

#StadtLandBild. Instagram-Aktion zur Ausstellung "Albert Renger-Patzsch Ruhrgebietslandschaften"  

Mit Textbeiträgen von Simone Förster, Antje Lange, Wolfgang Ullrich, Elisabeth Neudörfl, Benjamin Neudek

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