Digitales Zeitalter

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VINSCHGER GESELLSCHAFT

Systemrelevanz der Jugendarbeit OBERVINSCHGAU - In Deutschland hat die renommierte „Nationale Akademie der Wissenschaften - Leopoldina“ ihre dritte Stellungnahme zur Corona-Virus-Pandemie veröffentlicht. Darin wird den Krisenmanagern u.a. vorgeworfen, die negativen Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Menschen zu unterschätzen. „Wir alle sind Menschen, doch der Mensch hat keine Lobby“ stimmt auch Tobias Stecher, Geschäftsführer im Jugenddienst Obervinschgau, überein. „Wir alle sind zurzeit in unserer Freiheit eingeschränkt.“ Das Opfer dabei war und ist groß: „Social Distancing“ bezeichnet die Kontaktminimierung. Im privaten Kontext war demnach lediglich der Kontakt mit Mitgliedern aus den eigenen vier Wänden rechtens. „Besonders für Heranwachsende fühlte sich das wie ein Zwangsjacke an, in der die Luft auch knapp werden kann,“ so Stecher. Wie sollte der unendliche Entdeckungsdrang von jungen Menschen gestillt werden? Woher bekomme ich als junger Mensch Feedback, wer ich bin? Einige solcher und ähnlicher Fragen konnten durch die Digitalisierung teilweise aufgefangen werden. Seitens des Jugenddienstes heißt es aber: „Ob digitale Sozialisierung gelingt oder in digitaler Isolation endet, hängt vor allem von der Stärke der Beziehungen ab – und diese müssen bereits vor Corona gefestigt gewesen sein.“ Gemeint sind dabei das Bestehen von Freundschaften, Jugendcliquen oder Vereine bzw. Bezugspersonen der Jugendarbeit. „Sich treffen können, sich frei bewegen und gemeinsam Ideen zu verwirklichen ist existenziell für junge Leute. Die Jugendarbeit in den Vereinen und Jugendtreffs wird in dieser zweiten Phase systemrelevant sein“, ist Stecher überzeugt. Die kulturelle Tätigkeit ist inzwischen mit vielen Einschränkungen wieder erlaubt. Der Phase 1 begegnete die Jugendarbeit mit viel Kreativität im digitalen Raum. „In Phase 2 benötigen Menschen jedoch wieder den direkten Kontakt. Die aus der Krise entstandenen emotionalen Unsicherheiten können nicht auf digitalem Weg gelöst werden“, so Stecher. RED

In der Mensa eine Familie gefunden VETZAN - Vor drei Jahren ist der 29-jährige Dauda Salifu gemeinsam mit seiner Frau Joyce nach Bozen gekommen. Seit zwei Jahren lebt er mit seiner inzwischen vierköpfigen Familie in Schlanders in einer Mietwohnung und geht seiner Arbeit als Küchenhilfe nach. Lange arbeitete er im Schloss Goldrain, seit kurzem ist er in der Mensa Chilly in Vetzan beschäftigt. Die Arbeit in diesem familiären Team gefällt ihm sehr gut und es gelingt es ihm, die schrecklichen Erlebnisse in seiner Kindheit und Jugend langsam zu verarbeiten. Geboren Der jüngste Zuwachs Dauda Salifu

in Mali, zog er mit seinen Eltern als Fünfjähriger nach Libyen, wo er in ärmlichen Verhältnissen und unter ständiger Kriegsgefahr aufwuchs. Dort lernte er seine spätere Ehefrau Joyce aus Nigeria kennen. Als Daudas Eltern bei einem Bombenangriff ums Leben kamen, beschloss das Paar zu fliehen. 2.400 Euro bezahlten Dauda und Joyce für die Fahrt auf einem völlig überfüllten Boot über das Mittelmeer nach Italien, von wo sie direkt nach Bozen gebracht wurden. Dauda ist sehr glücklich mit seinem Leben und seiner Arbeit im Vinschgau. INGE

Ein Sternekoch in der Mensa VETZAN - Ungewöhnliche Zeiten

bringen ungewöhnliche Taten hervor: der Sternekoch Egon Heiss, unter normalen Umständen in seiner Küche von Castel Fragsburg vollauf beschäftigt, kam auf Einladung von Karl Heinz Steiner und Ruth Wegmann, laut Karl Heinz Steiner die Seele der Mensa, nach Vetzan in die Mensa Chilly, um für die Gäste ein besonderes Dessert zum Abschluss des Lockdowns zu kreieren. Zahlreiche Gäste folgten unter den strengen Corona-Auflagen der Verlockung, ein köstliches Sushi des Kochs Martin Gruber und die SterneNachspeise von Egon Heiss zu genießen. Egon Heiss, ein ge- Der Sternekoch Egon Heiss bürtiger Sarner und auch dort wohnhaft, war über 10 Jahre lang wo er sich 2013 einen Stern erKüchenchef in Bad Schörgau, kochte. Auch ihn beschäftigen

die Corona-Zeit und ihre Auswirkungen, und er ist sich sicher, dass besonders der Wunsch nach Regionalität und gesunden Produkten, nach Rückverfolgbarkeit und kurzen Transportwegen bei den Gästen bleiben wird. Egon Heiss leitet gemeinsam mit zwei Jugendlichen ein Projekt, in dem über 300 Sorten Gemüse, Beeren, Getreide und Kartoffeln auf natürliche Weise angebaut werden, die in seiner Küche und bei lokalen Partnern aus der Gastronomie Verwendung finden. Sieben Flüchtlinge bekommen dort eine landwirtschaftliche Ausbildung. Der soziale Aspekt, die Wertschätzung dieser Arbeit und auch die Erziehung der Konsumenten zu gesundem Genuss sind dem Sternekoch ein großes INGE Anliegen.

Sushi als Vorspeise (Bild links) und Vanille-Ricotta-Marillenstrudel mit Honigschaum zum Nachtisch (rechts)

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DER VINSCHGER 20/20