VINSCHGER GESELLSCHAFT
Hirtinnen im Portrait Filmabend mit Diskussion. Frauen verhalten sich Tieren gegenüber oft anders als Männer. Bringt uns der Weg zurück zur Natur nach vorne? SCHLANDERS - Sie schuften viel und hart, leben abgeschieden von den Menschen, arbeiten in engster Beziehung mit ihren Tieren und der Natur, erwirtschaften wenig bis nichts, möchten ihre Tätigkeit aber dennoch nicht aufgeben und gegen keinen anderen Beruf tauschen. Das sind einige der Ansichten, die alle Hirtinnen teilen, denen die Dokumentarfilmerin Anna Kauber aus Parma über die Schulter und in die Seele geschaut hat. Zwei Jahre hat sie gebraucht, um gesprächsbereite Hirtinnen zu finden, zu besuchen und zu überzeugen, sich der Welt zu öffnen. „Ich war allein als Frau unterwegs, hatte nur eine kleine Kamera bei mir und war nicht darauf aus, zu werten, sondern die Hirtinnen vorurteilslos in ihrer Realität kennenzulernen“, sagte Anna Kauber am 4. März im Anschluss an die Vorführung ihres 140-minütigen Dokumentarfilms „In questo mondo“. Zur Filmvorführung mit anschließender Diskussion hatte der Filmclub Schlanders in Zusammenarbeit mit BASIS Vinschgau Venosta in den Veranstaltungsraum KASINO eingeladen, der bis auf den letzten Platz besetzt war.
Im Bild (v.l.): die Amtstierärztinnen Agate Torggler und Marion Tartarotti, Moderator Thomas Strobl vom Filmclub Schlanders, der Landwirt Alexander Agethle, Daniela di Pilla (Filmclub-Mitglied und Übersetzerin) sowie die Dokumentarfilmerin, Autorin und Landschaftsarchitektin Anna Kauber.
Der Dokumentarfilm „In questo mondo“ portraitiert Hirtinnen aus verschiedenen Regionen Italiens und zeigt ihre tiefe Beziehung zu den Tieren und zur Natur auf.
Natur. Die Hirtinnen sehen sich als die Männer, aber auch anders von der Maxime der Erträge zu als Teil der Natur. Sie leben in und untereinander.“ Wie ein Tierarzt verabschieden und eine Wende mit ihr. Mehrfach herauszuhören dem der Vinschger am Rande der einzuleiten. Thomas Strobl griff ist aus den wenigen kargen, ehr- Veranstaltung bestätigte, merke er noch etliche weitere Themen auf, lichen und authentischen Sätzen immer sofort, ob die Kühe im Stall zum Beispiel das Tierwohl. Zuder Hirtinnen, dass sie mit dieser von einem Mann oder einer Frau stimmen mussten ihm die Amtsharten Arbeit zwar nicht reich gemolken werden. Laut Alexan- tierärztinnen, dass es in Italien werden, aber dennoch glücklich der Agethle haben Frauen einen zum Beispiel immer noch erlaubt sind. Keine bereut es, Hirtin ge- völlig anderen Zugang zu Tieren: ist, Ferkel bis zum 10. Lebenstag worden zu sein, obwohl es durch- „Die Geburt und der Milchfluss ohne Betäubung zu kastrieren. aus auch Alternativen zu diesem sind sehr weibliche Vorgänge.“ Marion Tartarotti wurde Tierfür Frauen doch ungewöhnlichen Die Landwirtschaft werde seit ärztin, weil sie Tiere seit jeher Beruf gegeben hätte. 50 bis 70 Jahren aus einer sehr liebt. Manches habe ihr während maskulinen, rationellen und ma- ihrer Tätigkeit wehgetan, „doch schinellen Perspektive gesehen. mit der Zeit wurde ich etwas abVöllig anderer Zugang zu den Tieren Es werde alles der Wirtschaftlich- gehärtet. Alles kann man nicht keit untergeordnet. retten. Wir haben es mit NutzHirtinnen sehen sich als Teil der Natur Auf die Frage von Thomas tieren zu tun.“ Handlungsbedarf, Strobl vom Filmclub, warum sie Weg von der Maxime der Erträge auch auf gesetzlicher Ebene, sieht Rund 17.000 Kilometer hat- sich für Hirtinnen und nicht für Marion Tartarotti in punkto Tierte Anna Kauber mit ihrem Fiat Hirten entschieden habe, meinte Am meisten Sorge bereitet Ale- quälerei. Als Amtstierärztin habe Panda zurückgelegt, um im Laufe Anna Kauber, dass Frauen auf- xander Agethle derzeit, „dass sich sie mehr Möglichkeiten, gegen von zwei Jahren Hirtinnen im grund ihrer Weiblichkeit eine be- Landwirte wegen des kapitalis- Tierquälerei vorzugehen. Neben Alter zwischen zwischen 20 und sondere Beziehung zu den Tieren tischen Produktionssystems aus der tiergerechten sei laut Alex102 Jahren aus Sardinien, den und der Natur insgesamt haben. der Landschaft zurückziehen.“ ander Agethle auch auf die weAbruzzen, der Basilikata, dem So hätten Frauen in der Regel Es sei höchst an der Zeit, sich sensgerechte Haltung zu achten: Veneto und andern Regionen Ita- mehr Geduld, seien weniger grob „Eine Kuh muss weiden dürfen.“ liens zu portraitieren. Entstanden und gäben alles, um ein TierAngeschnitten wurde auch das sind nicht Monologe und lange leben zu retten. Dem stimmten Töten der Nutztiere. Eine Hirtin Interviews, sondern bewegende beim Gespräch auch die Amtsim Film sagte: „Das beste Tier, das und bildstarke Einblicke in eine tierärztinnen Marion Tartarotti du essen kannst, ist das, das du Wirklichkeit, von der sich die und Agate Torggler sowie der liebst.“ Zusammenfassend warf große Mehrheit der Menschen Landwirt Alexander Agethle aus Thomas Strobl eine Frage in den längst meilenweit entfernt hat. Schleis zu. „Frauen entwickeln Raum, die wohl noch viele BeEbenbürtige Protagonisten sind Tieren gegenüber oft innige, tiefe sucherinnen und Besucher des neben den Hirtinnen deren Scha- Gefühle“, sagte Marion TartarotFilmabends beschäftigen dürfte: fe, Ziegen und Hunde, die fast ti. Auch Agate Torggler meinte, Kann uns ein Weg zurück zur alle einen Namen tragen, und die „dass Frauen anders sind, anders Natur nach vorne bringen? SEPP 16 DER VINSCHGER 05/23