Laut statt „Silentium“?

Page 4

VINSCHGER THEMA

Keine Freude mit Steinbruch Heftige Kritik bei Bürgerversammlung in Unser Frau. „Von Transparenz keine Spur“ UNSER FRAU - Am 23. Mai hatte sich Landeshauptmann Arno Kompatscher noch im heißen Palermo aufgehalten, um an den Gedenkfeierlichkeiten für die Mafia-Richter Paolo Borsellino und Giovanni Falcone teilzunehmen, und am Abend darauf stellte er sich im Haus der Gemeinschaft in Unser Frau in Schnals den Fragen der Bevölkerung. „Hier ist es feiner als in Palermo“, schickte er im Scherz voraus, konnte aber noch nicht absehen, dass es auch bei der Versammlung in Schnals ziemlich „heiß“ werden würde. „Heiß“ deshalb, weil nicht unweit von Karthaus, genauer gesagt im Talgrund vor der Einfahrt ins Pfossental, ein großer Steinbruch eröffnet werden soll. Viele Bürgerinnen und Bürger hörten zum ersten Mal von diesem Vorhaben und zeigten sich enttäuscht und verärgert darüber, dass es im Vorfeld so gut wie keine Information gegeben hatte. Vor allem die Bevölkerung des Dorfes Karthaus, das als Ort der Ruhe und Stille geschätzt und propagiert wird, befürchtet nun Lärm- und Staubbelästigungen sowie weitere Beeinträchtigungen.

165.000 Kubikmeter Die Ausmaße des Steinbruchs „Sellwand“, den das Unternehmen Mair Josef & Co. KG eröffnen will, sind gewaltig. Auf einer Fläche von rund einem Hektar sollen in einem Zeitraum von 10 Jahren in 4 Phasen

Nach einer zweijährigen Corona-Zwangspause konnte in Schnals wieder eine Bürgerversammlung stattfinden.

4

DER VINSCHGER 11/22

geschätzte 165.000 Kubikmeter Gesteinsmaterial (ca. 120.000 Kubikmeter Fels und ca. 45.000 Kubikmeter Lockergestein) abgebaut werden. Die maximale Aushubtiefe wird mit 37 Metern angegeben. Es sind Rodungen naturnaher Waldflächen im Ausmaß von fast 6.000 Quadratmeter notwendig. Während der Bauphasen ist laut der Umweltstudie zum Steinbruch mit einer „temporären Mehrbelastung durch Lärm- und Schadstoffemission zu rechnen“. Außerdem wirke sich die Grube negativ auf das örtliche Landschaftsbild und die Qualität des Bereichs sowohl für die Erholungsnutzung als auch für die Tierwelt aus. Umweltverschmutzungen seien keine zu erwarten. Das Wohnhaus des Grundeigentümers des Grubenareals (Ausserbrugg-Hof) liegt in jedem Fall im Immissionsbereich. Der Grundeigentümer hat sich aber bereit erklärt, „die zu erwartende Grenzüberschreitung in Kauf zu nehmen.“ In den Schlossfolgerungen der Studie heißt es, „dass das abgebaute Material weder vor Ort gebrochen noch gesiebt oder auf sonstige Art und Weise für die Verwendung aufbereitet wird.“ Zumal es sich um einen temporären Eingriff handle, „der erst mit der vollständigen Wiederherstellung/Renaturierung der Abbaufläche abgeschlossen ist“ und aus weiteren Gründen könne das Projekt „aus ökologischer und landschaftlicher Perspektive, vorbehaltlich

der konsequenten Umsetzung der angeführten Milderungs- und Ausgleichsmaßnahmen, gutgeheißen werden.“ „Wir wussten nichts“ Von diesen und weiteren Details zum Steinbruch-Projekt wusste der Großteil des Publikums im Vorfeld der Bürgerversammlung nichts. Erst im Anschluss an einen allgemeinen „Lagebericht“ des Bürgermeisters Karl Josef Rainer und an ein Einführungsreferat des Landeshauptmannes wurde das Thema aus Tapet gebracht. Es war der neue SVP-Ortsobmann von Karthaus, Paul Schwienbacher, der um sachliche Informationen bat und zu bedenken gab, dass sich die Arbeiten im Steinbruch störend auf Karthaus auswirken könnten. Das Dorf zeichne sich ausgerechnet durch seine Stille aus, was auch mit dem Projekt „Silentium“ unterstrichen wurde und wird. Im Laufe der Diskussion wurden viele Stimmen gegen die Eröffnung des Steinbruchs laut. Befürchtet werden Lärm- und Staubelästigungen sowie Verkehrsbehinderungen und Einschränkungen, die nicht nur Karthaus betreffen, sondern das ganze Tal. In besonderem Maß wäre auch der Tourismus betroffen, und das für einen Zeitraum von 10 Jahren. Ein Diskussionsteilnehmer, der sich in Sachen Steinbrüche gut auskennt, rechnete vor, dass mit insgesamt rund 15.000 Lkw-Fahr-

Der Gemeindeausschuss und der Landeshauptmann bekamen in Sachen Steinbruch „Sellwand“ so einiges zu hören (v.l.): Peter Grüner, Sonja Santer, Arno Kompatscher, Karl Josef Rainer, Oswald Weithaler und Josef Götsch.