Am Limit, aber voll engagiert

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VINSCHGER GESELLSCHAFT auf Trockenrasen schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Man sei aber seit den 1990er Jahre dabei, die seinerzeit aufgeforsteten, rund 940 Hektar umfassenden Schwarzföhrenforste schrittweise in laubholzreiche Mischwälder umzustrukturieren. Auch über Weideverbesserungen, die Errichtung von Weidekoppeln und andere Maßnahmen gegen die Verbuschung informierte Pircher. Seltene Pflanzen und Tiere Mit einem geschichtlichen Abriss der botanischen Erforschung der Vinschger Trockenrasen wartete Thomas Wilhalm vom Naturmuseum Südtirol auf. In die Welt der Schmetterlingsfauna am Vinschger Sonnenberg führte Gerhard Tarmann (Tiroler Landesmuseen Ferdinandeum Innsbruck) ein. Laut Tarmann setzt die Abdrift der in der Talsohle verwendeten Pflanzenschutzmittel auch der Schmetterlingsfauna zu. Ähnlich äußerte sich auch der Biologe Joachim Winkler, der die zum Teil einzigartige Vogelwelt des Sonnenbergs vorstellte. „Auch Vögel leiden unter den Veränderungen“, mahnte Winkler. Maßnahmen gegen die Verbuschung von Trockenrasen seien ebenso notwendig wie eine Reduzierung des Spritzmitteleinsatzes im Tal und eine Ökologisierung der Landwirtschaft. Über die Erhebung, den Schutz und das Management der Trockenrasen in Südtirol referierte Joachim Mulser vom Landesamt für Natur. Die Themen weiterer Fachreferate reichten vom Mikroklima von Trockenweiden in Matsch und der Diversität der Bodenorganismen in den Trockenweiden des Vinschgaus bis hin zu Trockenrasenerhebungen im Rahmen des Biodiversitätsmonitorings Südtirol, Langzeitveränderungen der inneralpinen Trockenvegetation im Vinschgau und zu Landnutzungs- und Klimaeffekten auf die Trockenvegetation im Vinschgau von der Vergangenheit bis in die Zukunft. Außerdem wurden die Evolution und der Naturschutzwert europäischer Steppenorganismen, die Trockenrasen im Unterengadin,

Die Verbuschung von Trockenrasen am Vinschger Sonnenberg nimmt stetig zu.

Oberinntal und in der Val Müstair sowie die Trockenrasen im Naturpark Kaunergrat beleuchtet. „Isoliertes inneralpines Steppengebiet“ Die Tagung hat u.a. gezeigt, dass der Vinschger Sonnenberg mit seinen steilen, sonnenexponierten Hängen und den geringen Niederschlagsmengen ein isoliertes inneralpines Steppengebiet ist. Trotz der vergleichsweise geringen Fläche ist er mit ähnlichen Tier- und Pflanzenarten ausgestattet wie der große asiatische Steppengürtel. Andreas Hilpold: „Wir haben in

Die Fachtagung war gut besucht.

unseren Studien gesehen, dass die Tier- und Pflanzenarten dieser alpinen Steppeninseln aber trotz ihrer Ähnlichkeit nicht nur Ableger von den zentralasiatischen Steppen sind, sondern genetisch ganz eigenständige Populationen entwickelt haben, die seit hunderttausenden von Jahren isoliert sind.“ Bei einigen der untersuchten Arten werde es in Zukunft nötig werden, die inneralpinen und westeuropäischen Populationen als eigene Arten zu beschreiben. „Das verdeutlicht den essentiellen Wert unserer alpinen Trockenrasengebiete für die Artenvielfalt Eurasiens. Denn wenn diese kleinflächigen Gebiete verschwinden, verschwinden ihre speziellen Arten und Unterarten von der globalen Bildfläche“, schreibt Ulrike Tappeiner, die Leiterin des Instituts für Alpine Umwelt von Eurac Research. Die Expertinnen und Experten sensibilisierten bei der Tagung für den wertvollen Lebensraum, da nicht unter Schutz stehende Trockenrasengebiete zunehmend verbuschen. Andreas Hilpold: „Ihre Existenz ist eng mit der jahrhundertealten traditionellen Bewirtschaftung verbunden; eine sanfte Beweidung wäre wichtig, um diese Gebiete zu erhalten.“ SEPP

DER VINSCHGER 09/22

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