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VINSCHGER THEMA

„Nur eine Hetz war es nicht“ Walter Rungg und Oswald Riedl brachten jahrzehntelang Gemüse, Vieh und andere Produkte aus dem Vinschgau über das Stilfserjoch. PRAD/STILFSERJOCH - Äpfel, Birnen, Kobis (Weißkohl), Ferkel, Kälber, selbstgeräucherten Speck und später auch Karfiol und andere Erzeugnisse. Die Palette der Waren, die in früheren Zeiten vom Vinschgau über das Stilfserjoch nach Bormio und in weitere Orte des oberen Veltlins gebracht wurden, ist vielfältig. Zu den „historischen“ Händlern, die über viele Jahrzehnte hinweg bei fast jedem Wetter und Unwetter Qualitätsprodukte aus dem Vinschgau ins Veltin brachten, gehören Walter Rungg aus Prad und Oswald Riedl aus Lichtenberg. Auf der Terrasse des Gasthauses „Weißer Knott“ (v.l.): Alfred Thöni, Sabine Semmler,

Treffpunkt „Weißer Knott“ „Ja, auch hier bin ich früher manchmal eingekehrt“, schmunzelte Walter Rungg, als wir ihn am 6. Mai im Gasthaus „Weißer Knott“ trafen. Er lässt sich von der Chefin und Köchin Gaby Salatino, die das Gasthaus (1.875 Höhenmeter) seit 3 Jahren führt und den Laden zusammen mit der Kellnerin Sabine Semmler schmeißt, ein Glas Rotwein einschenken. Mit am Tisch sitzen der frühere Straßendienstmitarbeiter Alfred Thöni aus Trafoi, dem das Gasthaus früher gehörte und der es auch lange Zeit führte, sowie Helmut Gruber von der Unteren Tartscher Alm in Trafoi. Alfred Thöni erinnert sich noch gut an so manche Tage, als er abends auf die Rückkehr von Walter wartete, weil er ihn am Morgen beim Hinauffahren gesehen hatte: „Alle kannten den Walter und sein Fahrzeug“. Ab und zu kam es auch vor, dass der Wanderhändler erst ziemlich spät auftauchte. Schuld daran war nicht immer das Wetter, sondern manchmal auch ein oder mehrere „Karter“ auf der „Franzenshöhe“.

Gaby Salatino, Walter Rungg und Helmut Gruber

nen nach Bormio zu transportieren. In der Regel ging es einmal wöchentlich über das Joch, vornehmlich im Sommer und Herbst. Am Abend vor den Fahrten wurden die Produkte auf den mit Wänden ausgestatteten Pritschenwagen geladen und mit einer Plane zudeckt. Walter: „Losgefahren bin ich dann immer gegen 3.30 Uhr, denn gegen 7 Uhr musste ich in Bormio sein.“ Im Hauptort des oberen Veltlins und in vielen weiteren Orten der Umgebung warteten viele Kunden oft schon hart und ungeduldig auf die Waren. Walter fuhr mit seinem Fahrzeug von Ort zu Ort, von Haus zu Haus. Alle kannten ihn. Auf die Frage, ob das auch heute noch so sei, wenn er übers Joch fahre, meint Walter: „Wenn sie mir olle wegsterbm.“ Viele, die der bald 88-Jährige kannte, sind nicht mehr am Leben. Seit Sohn Christian hält an der Tradition des Vaters fest und fährt seit rund 15 Jahren regelmäßig nach Bormio. Qualität war und ist gefragt

Nicht gerade redselig ist Walter Rungg, wenn man ihn danach fragt, ob sich der Handel wirtschaftlich gelohnt hat: „Ja, ja, etwas „Es ging zwar oft lustig her, aber nur eine hat man schon verdient.“ Heutzutage sei der Hetz war das Ganze nicht“, blickt Walter Handel fast gänzlich verschwunden. In früRungg, Jahrgang 1933, zurück. Das erste heren Zeiten, als es noch keine komplizierte Mal mit dem eigenen Fahrzeug über das Zettel- und Kassawirtschaft gab, war es viel Joch gefahren ist er 1963. Er hatte sich einen einfacher, Handel zu betreiben und handelsVW-Pritschenwagen zugelegt, um die War- eins zu werden: „Es galt das Wort. Heute ist es Um 3.30 Uhr ging es los

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DER VINSCHGER 19/21

damit vorbei.“ Das ganze Geheimnis des bescheidenen Erfolgs war und sei immer noch die Qualität der Produkte: „Auf die ersten Erdäpfel, die wir zu Hause ernteten, waren meine Kunden immer besonders scharf“, erinnert sich Walter. Aber auch Äpfel, Birnen, Kobis und andere Produkte waren gefragt. „Eben alles, was wir hier nicht gebraucht haben“, blinzelt es aus den verschmitzten Händleraugen. Auch Schweine hat Walter einst gezüchtet und so manche Brut übers Joch nach Bormio transportiert. Dass das Wetter auf dem Joch von einer Stunde auf die andere umschlagen kann, weiß Walter Rungg nur zu gut. Vor etlichen Jahren kehrte er mit ein paar Kälbern von Bormio zurück. Schon vor der Passhöhe musste er die Schneeketten montieren. Finanzbeamte, denen er ebenfalls kein Unbekannter war, rieten ihm, über den Umbrail-Pass und Taufers im Münstertal heimzufahren. Dass die Kälber bei der Grenzüberfahrt von der Schweiz in den Vinschgau keinen Mucks machten, freut ihn noch heute. Hätte man ihn angehalten, wären die Tiere wohl beschlagnahmt worden. Der Handel zwischen dem Vinschgau und dem Veltlin blühte früher nicht nur einseitig, sondern auch umgekehrt: Bauern und Händler kamen von Bormio und anderen Orten mit eigenem „guten Zeug“ in den Vinschgau. Sie waren auf Märkten präsent, boten Vieh, Butter, Käse und andere Produkte und Waren feil. Was nicht alle wissen: in Bormio und Umgebung

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Mit Kobis und Vieh übers Joch  

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