„So nicht, liebes Land!“

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VINSCHGER GESELLSCHAFT

Das Grundeinkommen ohne Bedingungen Der Tarscher Christian Greis setzt sich intensiv mit den Theorien eines bedingungslosen Grundeinkommens auseinander – und bringt ein Buch dazu auf den Markt. TARSCH - Nein, ein bedingungs-

loser Appell für das bedingungslose Grundeinkommen ist es nicht. Aber auch keineswegs eine Gegenstimme. „Es ist eine Auseinandersetzung mit einem System, das im Grunde genommen funktionieren könnte“, sagt Christian Greis. Der 28-Jährige aus Tarsch hat sich mit dem bedingungslosen Grundeinkommen auseinandergesetzt – und darüber auch seine Master-Arbeit geschrieben. Diese wusste zu überzeugen. Nicht nur an der Universität im bundesdeutschen Hagen, wo er sein Master-Fernstudium absolvierte, sondern auch beim Wiener PromediaVerlag. Dieser entschied sich, aus der Arbeit des jungen Tarschers ein Buch zu machen. Der Student schrieb seine Arbeit, die er kurz vor dem Lockdown im Frühjahr 2020 eingereicht hatte, im Stil eines Autors um, ergänzte sie mit bis dato unverwendetem Material, weiteren empirischen Studien, professionellen Recherchen und verschiedenen neuen Überlegungen. Entstanden ist das Werk „Zur Zukunft eines Bedingungslosen Grundeinkommens - Eine soziologische Bestandsaufnahme“. Das Buch beinhaltet über 170 Seiten, in denen sich Greis mit den Systemen des bedingungslosen Grundeinkommens beschäftigt und versucht, die Frage zu beantworten, ob und in welcher Form das Grundeinkommen als sozialpolitisches Modell der Zukunft tauglich ist. Beitrag zur Debatte über Grundeinkommen Freilich, aufgrund des Studiums an der Uni Hagen ist das Werk maßgeschneidert auf die Situationen und gängigen Bedingungen in der Bundesrepublik 14

DER VINSCHGER 13-14/21

Christian Greis beim Interview mit dem der Vinschger.

Deutschland. Aber: „Die Überlegungen sind auf den gesamten deutschsprachigen Raum anzuwenden und treffend. Schließlich haben wir in Südtirol ähnliche Voraussetzungen wie in Österreich oder auch Deutschland, was die Arbeitsverhältnisse, die Schere zwischen Arm und Reich sowie die Arbeitslosenzahlen betrifft“, sagt der Tarscher im Gespräch mit dem der Vinschger. Das Buch könne und solle einen Beitrag zur Debatte über ein bedingungsloses Grundeinkommen leisten und „aufkommenden Bewegungen für ein neues Sozialmodel ein kritisches Reflexionswerkzeug liefern“, erklärt Greis. Die Idee einer Grundsicherung für alle Menschen gibt es schon seit hunderten von Jahren. „Genauso alt wie ihr Gedanke ist auch die Vielfältigkeit und Weitläufigkeit der Ideen und

Konzepte ihrer Fürstreiter und Fürstreiterinnen“, sagt der 28-Jährige. Es gebe bereits viele Bücher über das Grundeinkommen. „Die meisten davon haben aber einen idealistischen Hintergrund. Das wollte ich vermeiden. Es sollte eine kritische reflektierte Auseinandersetzung mit den Themen sein, ein Abwiegen von Vor- und Nachteilen“, erzählt er. Vier Theorien So beschäftigt sich Greis im Buch vor allem mit vier Arten des Grundeinkommens und vier bedeutenden Theorien dazu. Zum einen ist da das von Götz W. Werner vertretene bedingungslose Grundeinkommen. Götz Werner ist übrigens kein Geringerer als der Chef der Drogeriekette dm. Werner macht sich schon lange

für ein bedingungsloses Grundeinkommen stark. Er entwickelte das sogenannte KonsumsteuerModell. Jede Person erhält dabei einen bedingungslosen Teilhabebeitrag in Höhe von zum Beispiel 1.000 Euro als Grundeinkommen – ein Pflichtanteil für die Krankenvorsorge werde dabei aber abgezogen. „Finanziert werden soll dies seiner Ansicht nach vor allem durch die Erhöhung der Mehrwertsteuer, sprich durch eine Konsumsteuer“, erklärt Greis. Ein zweites Modell ist das durch eine negative Einkommensteuer finanzierte Grundeinkommen, das als erstes von Milton Friedman vertreten wurde und heute von Thomas Straubhaar repräsentiert wird. Die negative Einkommensteuer basiert auf einem einfachen Prinzip. „Es gibt einen gesetzlich vorgegebenen Steuerfreibetrag, bei dessen Unterschreitung man eine staatliche Transferleistung erhält und bei dessen Überschreitung man Steuern auf die Differenz aus Einkommen und Freibetrag errechnet“, erklärt Greis frei nach Friedmann. Bei einem Einkommen unter dem Steuerfreibetrag würde man negative Steuern, also eine Zuwendung erhalten. Straubhaar sieht ein Grundeinkommensmodell in der Höhe von 12.000 Euro im Jahr als angemessen an. „Eine dritte Theorie ist das aus Transaktionssteuern finanzierte bedingungslose Grundeinkommen, welches derzeit vom Philosophen Richard David Precht propagiert wird“, sagt Greis. Precht vertritt die These, dass man ein Grundeinkommen mit Steuern auf Finanztransaktionen finanzieren könnte. Kritiker werfen hier jedoch häufig ein, dass dann die Finanztransaktionen abnehmen oder der Erlös daraus nicht ansatzweise ausreicht. Eine vierte Möglichkeit,