Im Kulturkampf

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VINSCHGER GESELLSCHAFT

Alles Verschwörung? Oberhauser: „Bei weitem nicht alle Kritiker sind Anhänger von Verschwörungstheorien“

Von 5G bis Bill Gates und „Great Reset“ Zur Pandemie gebe es eine Vielzahl von Verschwörungstheorien. Die Palette reicht von der Theorie, wonach der Mobilfunkstandard 5G hinter Covid-19 stecke, und jener, wonach Bill Gates ein Labor für die Erzeugung des Virus finanziert hätte, bis hin zur QAnon-Bewegung (Verbreitung von Verschwörungstheorien mit rechtsextremem Hintergrund im Internet) und „Great Reset“, wonach es große Unternehmen darauf abgesehen hätten, eine neue Weltordnung zu schaffen. Es ist oft von „bösen Mächten“ im Hintergrund die, wobei auch die Regierungen, das politische System insgesamt, die Medien und auch die Wissenschaft nicht ausgespart werden. Die Problematik hinter dem Entstehen von Verschwörungstheorien ist laut dem Experten und Forscher Claus Oberhauser sehr komplex. Der Vertrauensverlust in etablierte Systeme und die Medien 22

DER VINSCHGER 11-12/21

spielen ebenso eine Rolle wie die staatlichen Institutionen und die zum Teil unterschiedlichen Aussagen von Fachleuten und Wissenschaftlern. Vertrauensverlust in etablierte Systeme Claus Oberhauser: „Es entsteht ein problematisches Gemisch zwischen Vertrauensverlust, der Suche nach Sinn und Halt und der Etablierung von Gegenöffentlichkeiten, also von Aktivitäten, die sich bewusst gegen die ‚herrschende’ Öffentlichkeit stellt.“ Angst, Vertrauensverlust und Krisen sind seit jeher ein fruchtbarer Boden für Verschwörungstheorien. Als Beispiel aus der Geschichte nannte Oberhauser das Gerücht, das sich zu Beginn des 14. Jahrhunderts verbreitete: Juden und Leprakranke hätten sich verschworen und bewusst Wasserquellen und öffentliche Brunnen vergiftet. Pauschal verharmlosen sollte man Verschwörungstheorien nicht, vor allem nicht in der heutigen Zeit, in der das Internet die Theorien sichtbarer und viel leichter zugänglich macht und ihre Verbreitung stark beschleunigt. Erkennen könne man Verschwörungstheorien oft daran, dass Opfer-Täter-Diskurse geführt werden, dass der „einfache Bürger“ zu schützen sei, dass Freiheiten und Grundrechte zu

schlägen, wie man mit Anhängern von Verschwörungstheorien umgehen sollte, wartete Oberhauser auf. Fehl am Platz sei es, solche Menschen zu verspotten oder über sie und ihre Theorien nur zu witzeln. Vielmehr rief Oberhauser zu faktenbasierten, logischen und auch empathischen Widerlegungen auf. Es kann auch versucht werden, verdächtige Netzwerke zu dekonstruieren, indem man hinterfragt, wer die Akteure sind, warum sie zusammenarbeiten, wie sie arbeiten, was sie erreichen wollen und welche Partei bzw. Ideologie sie auszunutzen versuchen. Zur Feststellung aus dem Publikum, wonach die sogenannten Mainstream-Medien Claus Oberhauser von der in der Corona-Zeit viele kritisch Pädagogischen Hochschule Tirol denkende Menschen oft schnell in die Ecke der Verschwörer dränverteidigen seien und dass es „die gen, meinte Oberhauser: „Das geda oben“ seien, die etwas gegen schieht nicht selten und ich halte „uns da unten“ hätten. Nicht sel- es für hoch bedenklich, kritische ten seien auch neonationale und Stimmen pauschal in diese Ecke rechtsextreme Nuancen zu be- zu drängen.“ obachten. Kritik muss immer möglich sein „Die da oben und wir da unten“ Bei weitem nicht alle Menschen, Auch die 7 Merkmale konspira- welche die Corona-Maßnahmen tiven Denkens (CONSPIR) nann- zum Teil sicher auch mit Recht te der Referent: Widersprüch- kritisieren, seien Anhänger von lichkeit, Generalverdacht, üble Verschwörungstheorien: „Es Absichten, etwas stimmt nicht, muss immer möglich und erlaubt Opferrolle, immun gegen Beweise sein, Regierungen und Gesetze zu und Zufälligkeiten uminterpre- kritisieren.“ Mancherorts, zum tieren. Auch mit Tipps und Rat- Beispiel in Ungarn, sei die Corona-Krise in einem gewaltigen Ausmaß zum Machterhalt ausgenutzt worden. An der freien Meinung dürfe nicht gerüttelt werden. Legitim sei in diesem Sinn auch die Diskussion darüber, ob die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie am Ende schlimme Folgen haben könnten, ohne natürlich die reale Gefahr zu relativieren. Ein Teilnehmer an der Diskussion hatte u.a. zu bedenken gegeben, dass die Zahl der Depressionen und Suizide gestiegen sei und dass nicht wenige Menschen existenzielle Ängste hätten. SEPP Foto: PHT

VINSCHGAU - Nichts ist so, wie es scheint, es gibt keine Zufälle und alles ist miteinander verbunden. Das sind drei wesentliche Merkmale aller Verschwörungstheorien. Solche hat es in der Geschichte immer gegeben. Auf besonders fruchtbaren Boden stoßen Überzeugungen, wonach bestimmte Ereignisse oder Zustände von geheimen und bösen Mächten manipuliert werden, wenn sich Krisen einstellen und wenn Sicherheit und Halt fehlen. Seit dem Ausbruch der CoronaPandemie haben Verschwörungstheorien Hochkonjunktur. „Mittlerweile haben sich verschiedene Verschwörungstheorien etabliert“, sagte Claus Oberhauser von der Pädagogischen Hochschule Tirol kürzlich bei einem Online-Abend zum Thema „Alles Verschwörung? – Die Sehnsucht nach Wahrheit in einer unsicheren Zeit.“