VINSCHGER THEMA
„Wir sehen die Dinge anders“ Für die neuen Verwalter in Prad am Stilfserjoch sind und waren Pandemie und Schneefälle erste Bewährungsproben. PRAD AM STILFSERJOCH - Rafael Alber, Bürgermeister in Prad am Stilfserjoch, war dabei, einen Bericht über den jüngsten Stadelbrand in seiner Gemeinde zu lesen. Der 34-Jährige war selbst im Ortsteil Schmelz im Einsatz. „Mit 17 war ich schon Aktiver der Freiwilligen Feuerwehr von Prad“ erzählte er in seinem „Bürgermeister-Office“. Auf die Frage, wann er denn zum ersten Mal ernsthaft an eine Kandidatur als Bürgermeister gedacht habe, musste er nachdenken und meinte: „Eigentlich vor genau einem Jahr, also anfangs Februar.“ Er erzählte eine Episode aus der Grundschulzeit. „Ich weiß nicht mehr genau, in welcher Klasse wir den Aufsatz schreiben mussten ‚Was ich werden möchte‘. Geschrieben habe ich dann: Tischler oder Baggerist (mein Vater war es) oder Bürgermeister.“ (Schmunzeln) Seine Wahl zum Bürgermeister war nur scheinbar eine Überraschung. Rafael Alber war kein Neuling in Sachen Gemeindepolitik. 2010 hatte er mit 189 Stimmen den Sprung in den Gemeinderat geschafft, 2015 mit 252 Stimmen und 2020 hievten ihn 931 Bürger*innen in den Bürgermeistersessel. der Vinschger: Herr Bürgermeister, wie ist denn die derzeitige Stimmung unter Ihren Untertanen? Ein paar ältere Prader meinten, sie sei gedämpft. Von der neuen Verwaltung merke man derzeit nicht viel. Ist sie nur mit Schneeräumung beschäftigt? RAFAEL ALBER: Man merkt nicht viel – ist in
diesen Zeiten leicht gesagt. Wegen Corona kann man nirgends hingehen; man kann keine Versammlungen einberufen. Die Nähe zum Bürger bleibt aktuell leider oft auf der Strecke. Wir haben ja deshalb versucht, die Gemeinderatssitzungen online zu halten, damit möglichst viele dabei sein können. Und das ist auch gut angekommen. Es waren immer zwischen 100 und 140 Besucher dabei. Natürlich ist von unserer Seite derzeit viel aufzuarbeiten. Aber das ist normal. Die Vorgänger haben uns einiges hinterlassen und wir arbeiten aktuell un-
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DER VINSCHGER 05-06/21
ermüdlich, um die ersten, größeren Projekte Doch die Wähler haben so entschieden. verwirklichen bzw. abschließen zu können. Wir haben auch schon bewiesen, dass wir nicht überall kategorisch nein sagen. Im Vielen erschien der Ausgang der Gegenteil. Wir haben das programmatische Gemeinderatswahl 2020 in Prad wie Dokument ein weiteres Mal in die Hand ein Handstreich. Können Sie den genommen und viele ihre Wünsche und Überraschungserfolg der Südtiroler Anregungen einfließen lassen. Opposition Volkspartei und den persönlichen gehört zum Geschäft. Wenn sie nicht überZuspruch von 931 Pradern, Agumsern treibt und nicht dauernd nörgelt, kann man und Lichtenbergern erklären? auch zusammenarbeiten. Tatsächlich haben mich am Anfang viele aufmerksam gemacht, dass ich keine Chance Woher nimmt ein junger Bürgerhätte gegen einen amtierenden Bürger- meister den nötigen Rückhalt? Auf meister. Ich habe dann geantwortet: Wenn welche Berater greift er zurück? Die übrig gebliebenen Räte der letzten wir was machen, machen wir es gründlich und richtig. Wir wollten ja einen fairen Amtsperiode haben sich mit mir solidaWahlkampf führen. Wichtig für mich war, risch erklärt und sind seither voll hinter viele Personen zu motivieren, von denen mir gestanden. Es war von vornherein klar, ich wusste, dass man sich auf sie verlassen dass alle an einem Strang zu ziehen hatten. kann. Die waren dann auch alle voll im Durch unseren geschlossenen Auftritt waWahlkampf dabei. Aber die Skepsis hielt ren wir dann auch erfolgreich. Ich habe im an. Es werde knapp werden, hieß es, wenn Vorfeld viele Gespräche geführt und hatte überhaupt… Ich war dann schon überzeugt, immer das Gefühl, dass sämtliche Ortsdass wir es schaffen. Dass dann die Wahl gruppen hinter mir stehen. Jetzt heißt es, so gut ausgegangen ist – mit so einem Vor- den Rückhalt auch abzugelten. sprung, hätte ich auch nicht erwartet. Woher der Aufschwung in der Partei? Er hängt Das erfahrenste Mitglied des Rates sicher mit den vielen jungen Kandidaten ist wahrscheinlich Wirtschaftsrefezusammen und – wie gesagt – mit dem rent Alois Lechner. Sie betreuen mit fairen Wahlkampf. Was die Gegenpartei ihm den Bereich Urbanistik. Ist er nicht unbedingt bestätigt. Wir wollten die graue Eminenz im Hintergrund nur unsere Stärken betonen und niemand und Ihr wichtiger Rückhalt? (Schmunzeln) Nicht nur im Hintergrund. schlecht machen. Er bringt sich auch im Vordergrund ein. Er Jetzt sitzen Sie einer kritischen Op- hat natürlich Erfahrungen in der Urbanistik. position gegenüber mit der geball- Die hab‘ ich als Geometer zwar auch, aber ten Erfahrung eines ehemaligen eine 2. Meinung ist immer besser. Sicher, er Bürgermeisters, eines ehemaligen steht mir immer beratend zur Seite. Aber Referenten und zweier erprobter alles läuft offen und in Anwesenheit der Räte. Eine einmalige Konstellation Ausschussmitglieder über die Bühne. Nur im Vinschgau. Fühlen Sie sich perma- gemeinsam ist man stark; Alleingänge soll nent auf die Finger geschaut? es unter meiner Führung keine geben. Seit meinem 24. Lebensjahr sitze ich schon im Gemeinderat. Damals, 2010, Team Player hat man das Führungshatte ich auch Gelegenheit, dieselben duo Bernhart-Egger, Bürgerliste und Personen bei ihrer Oppositionsarbeit zu SVP, genannt. Kann man das über beobachten. Mit Opposition habe ich ge- Sie und Ihre Stellvertreterin Michaela rechnet. Sie haben ja manchmal gute Ideen. Platzer auch sagen?