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VINSCHGER THEMA

Wenn der Mut zum Reden fehlt … … kann man seine Ängste und Sorgen auch schriftlich mitteilen. VINSCHGAU - Wie soll ich das am Telefon

sagen? Und wenn mir die Stimme versagt? Wie finde ich die richtigen Worte? Wer das Bedürfnis hat, sich in einer Notsituation mitzuteilen und seine Ängste auszudrücken, kann seit Ende November nicht nur telefonisch rund um die Uhr und jeden Tag bei der Telefonseelsorge der Caritas unter der grünen Nummer 840 000 481 anrufen, sondern sich auch online melden, ebenfalls rund um die Uhr und täglich. Wie Silvia Moser aus Stilfs, die langjährige Leiterin der Telefonseelsorge, bestätigt, findet die Online-Beratung immer mehr Zuspruch: „Viele Menschen tun sich leichter, ihre Ängste, Sorgen und Hilferufe am Computer niederzuschreiben, als sie am Telefon mitzuteilen.“ Ganz in diesem Sinn wurde für die neue Online-Beratung auch das Motto „Schreib dir’s von der Seele“ gewählt. Fundierte Zusatzausbildung Eingeführt wurde die Onlineberatung am 28. November 2018, auf den Tag genau 16 Jahre nach der Eröffnung der Telefonseelsorge. Für das Zusatzangebot war viel Vorarbeit notwendig. Einer der Schwerpunkte war dabei die Zusatzausbildung. Vom derzeit insgesamt 75-köpfigen, ehrenamtlich tätigen Berater-Team haben sich 15 Personen eigens als Onlineberater/innen ausbilden lassen. Hierfür hatte sich die Telefonseelsorge (TS) an die TS-Stellen in Innsbruck und Vorarlberg gewandt, wo schon seit Jahren eine Online-Beratung angeboten wird. „Es ist etwas Anderes, ob ich einem Anrufenden am Telefon zuhöre und mit ihm rede, oder ob ich eine Anfrage schriftlich

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DER VINSCHGER 12/19

beantworte“, ist Silvia Moser überzeugt. Bei der insgesamt 45 Stunden umfassenden Ausbildung, die von Anita Kröss koordiniert und in Begleitung der Fachleute Burgi Stemberger (TS Innsbruck) und Gerhard Hintenberger (Online-Beratungsexperte und Ausbildner für die TS-Onlineberatung in Österreich) absolviert wurde, ging es u.a. um Kompetenz im Schreiben, um die Einführung in das kreative Schreiben und um das Kennenlernen der Besonderheiten und Standards in der Onlineberatung.

Anliegen verschriftlicht, denn es steckt so etwas wie eine Befreiung dahinter.“ Absolute Verschwiegenheit

Wie schon bei der telefonischen Begleitung gelten auch für die Onlineberatung einige feste Grundsätze. Dazu gehören vor allem die absolute Verschwiegenheit, die beidseitige Anonymität, keine Begrenzung auf spezifische Beratungsthemen, eine weltanschauliche Offenheit sowie die Begleitung durch erfahrene, speziell ausgebildete und in ihrer Tätigkeit supervidierte freiwillige Wie funktioniert die Onlineberatung? Mitarbeiter/innen der TS. Das MitarbeiBei der Onlineberatung haben Hil- ter-Team ist sich der großen Verantwortung fesuchende die Möglichkeit, sich via bewusst, die die Onlineberatung mit sich Smartphone, Computer oder Ta- bringt. „Einmal geschrieben ist geschrieblet über ein sicheres Internet-Portal ben. Schriftliche Antworten erfordern (telefonseelsorge-online.bz.it) nach daher viel Fingerspitzengefühl und großes Erstellung eines passwortgeschützten Einfühlungsvermögen“, so die Leiterin der Accounts an die Telefonseelsorge zu Telefonseelsorge. wenden. Hierfür reichen Benutzername und Passwort. Die Hilfesuchenden er- Spiegelbild der Nöte halten dann innerhalb von spätestens 48 Stunden eine erste Antwort von einem Ebenso wie die telefonische Beratung Mitglied des ausgebildeten TS-Online- spiegelt auch die Onlineberatung jene beratungs-Teams. Aus dem ersten Schrift- Ängste, Nöte und Sorgen wider, unter verkehr kann sich dann auch ein Bera- denen viele Menschen in Südtirol leiden. tungszyklus ergeben, wobei die Person, die So werden zum Großteil sehr belastenRat sucht, stets von derselben Beraterin dende Lebenssituationen in Worte gebzw. demselben Berater begleitet wird. fasst. „Die Menschen äußern zum Beispiel Einen der Vorteile der Onlineberatung Suizidgedanken, sprechen über Gewalt sieht Silvia Moser auch darin, dass sich die und Missbrauch, über sexuelle Probleme, Hilfesuchenden nach dem Versenden der über Einsamkeit und Verzweiflung“, fasst ersten Nachricht in einer Art Erwartungs- Silvia Moser die Erfahrungen der ersten haltung befinden: „Schon allein dieser Monate zusammen. Es komme auch vor, Umstand kann hilfreich sein.“ Außerdem dass Menschen über ihre abgrundtiefe Vertue es allgemein gut, „wenn jemand seine zweiflung schreiben, über Suchtprobleme, gescheiterte oder belastende Beziehungen, psychische Erkrankungen „und immer öfter auch über Burn-out.“ Auch Homosexualität und andere schambesetze Themen, die immer noch stark tabubehaftet sind und über die man mündlich nur ungern redet, werden