Kein Mann der Theorie

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VINSCHGER GESELLSCHAFT

Guter Sex, was ist das? Interview mit der Sexualpädagogin Barbara Balldini VINSCHGAU - Sex betrifft jeden Menschen. Dennoch scheint die Sache nicht ganz so einfach zu sein. Auch wenn sich jeder seine Theorien zur Sexualität selbst entwirft, bleiben doch viele Fragen und auch Probleme offen. der Vinschger führte daher ein Gespräch mit Barbara Balldini, einer Expertin in Bezug auf Sexualität. Balldini ist vielen Südtirolerinnen und Südtirolern als Sexualtherapeutin und über ihre Kabarettprogramme bestens bekannt. der Vinschger: Barbara, du beziehst

dein Wissen nicht nur aus Büchern, sondern schöpfst aus den Erfahrungen deiner Praxis und aus eigenen Erfahrungen und kannst daher völlig authentisch sprechen. Mit welchen Fragen kommen die Menschen hauptsächlich in deine Praxis? BARBARA BALLDINI: Das Thema „Libidoverlust“ (Lustverlust) ist wohl das häufigste Thema in meiner Praxis. Diese betrifft nicht nur Barbara Balldini ist Kabarettistin, Autorin, Sexualpädagogin, Lebensund Sozialberaterin sowie Wirtschafts- und Organisationstrainerin. Frauen, sondern vermehrt Männer. Immer mehr Frauen beklagen sich, dass ihre Partner sprichwörtlich Frauen sollten ihren Körper, so Umgekehrt ist das Männerbild bei „den Schwanz einziehen“, wenn es wie er ist, bedingungslos anneh- Frauen auch nicht überall das Beste. men. Nur wer sich und seinen um Sex geht. Körper mag, wird auch guten Sex Welches sind die schwerwiegendsten haben können. Egal, wie alt oder Fehler in der Erziehung zu einer positiSind es eher Männer oder Frauen, die rund man ist – guter Sex beginnt ven Sicht auf Sexualität? in deine Praxis kommen? Wenn alles, das mit KörperlichHauptsächlich Männer. Dies hat mit körperlichem Selbstbewusstmich zu Beginn sehr überrascht. sein. Männer sollten sich nicht nach keit zu tun hat, mit „Pfui“ behaftet Dann wurde mir klar, dass Männer Bildern im Kopf orientieren und ist. Wenn z.B. kleine Mädchen kaum mit anderen Menschen über das Ziel – den Orgasmus – nicht mit ihrer Vagina spielen und man ihre sexuellen Probleme sprechen, allzu wichtig nehmen. Es geht um ihnen sagt: „Pfui, geh dir die Hände evtl. mit ihrem Arzt. Dieser kann das DU und die Freude aneinander. waschen!“ Allein diese Aussage führt dazu, dass weibliche Wesen ihnen nur Medikamente verschreiben, aber für die inneren Probleme Welchen Einfluss haben Erziehung und glauben, dass das, was sie zwides männlichen Wesens sind sie eigene gute bzw. schlechte Erfahrunschen den Beinen haben, ekelig sei. nicht ausgebildet. gen auf unser Sexleben? Oder wenn Eltern bei körperlichen Einen nicht zu unterschätzen- Fragen unsicher werden. Diese UnSind auch Jugendliche in deiner Praxis? den, riesengroßen Einfluss. So wie sicherheit führt dazu, dass Kinder/ Selten. Sehr selten. Jugendliche uns unsere Eltern das Miteinander Jugendliche glauben, hier gehe es informieren sich heute fast aus- vorgelebt haben, ob sie sich in den um etwas „Schlimmes“. Wenn Seschließlich übers Internet. Arm genommen und geküsst haben, xualität und Körperlichkeit etwas macht viel mit unserer eigenen Lie- „Schmutziges“ sind, wie soll man bes- und Sexualfähigkeit. Die guten sich dann damit frei, froh und unWas ist deiner Meinung nach guter und schlechten Erfahrungen in un- befangen fühlen? Sex? Wenn die Menschen danach serer eigenen Sexualbiografie sind rundum zufrieden sind und ent- natürlich ausschlaggebend dafür, Welche Rolle hat die kirchlich vermitspannt. wie wir aufeinander zugehen. Män- telte Sexualmoral auf dein Leben, bzw. ner haben heute viel mehr Angst auf das Leben deiner Klienten gehabt? Ehrlich gesagt hatte ich in jungen Was sollen Frauen und Männer tun, um vor Frauen – und gehen daher nur noch zögerlich Beziehungen ein. Jahren große Schwierigkeiten mit guten Sex genießen zu können?

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DER VINSCHGER 26/18

der kirchlichen Moral und fühlte mich ständig als „Sünderin“. Das ist heute zum Glück gänzlich anders. Auch meine Klienten fühlen sich oft „schuldig“, wenn sie ihr Sexualleben so gestalten, wie sie es möchten – schließlich „sieht Gott alles“. Welche Rolle spielt die Angst für ein zufriedenes Sex-Leben? Eine immens große Rolle. Grundsätzlich haben wir beim Sex immer Angst vor irgendetwas. Zum Beispiel, dass wir nicht schön genug sind, nicht ausdauernd genug, nicht sexy genug, nicht entspannt genug, nicht enthemmt genug, und und und. Wie wichtig ist Sex für ein zufriedenstellendes und glückliches Leben? Es kommt auf den Sex darauf an. Schlechter, unpersönlicher Sex, wo es nur um schnelle Befriedigung geht, macht nicht wirklich glücklich. In dem Fall geht es auch ohne Sex. Dann erfreut man sich an der Natur, an gutem Essen und netten Menschen. Sex wird oft überbewertet. Kein Wunder, wenn wir täglich damit konfrontiert werden auf unangenehme Weise. Wie finden Mann bzw. Frau zu ihrer persönlichen Form sexuellen Lebens? Grundsätzlich würde ich sagen: Weg von Klischees! Es geht in erster Linie um ein Gegenüber und nicht um Stellungen und Technik. Wenn wir uns wirklich auf das DU einlassen und uns selbst hingeben können, voller Vertrauen in Offenheit und Liebe, dann ist das die schönste Form von Sexualität. Stimmt es, dass viele Frauen durch den Sexualakt überhaupt nicht zum Orgasmus kommen, sondern eher durch Selbstbefriedigung? Stimmt nicht ganz. Beim Geschlechtsverkehr allein kommt so gut wie keine Frau zum Orgasmus. Laut neuester Studie sind es 4% der europäischen Frauen und 0,03% weltweit. Wenn die Dame jedoch „oben“ sitzt, kann sie mit ihrer Klitoris am Mann reiben und so zum Höhepunkt gelangen. Oder wenn