Wohin führt der Naturnser Weg?

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VINSCHGER GESELLSCHAFT

Es geht um nicht weniger als um die Zukunft Der Bezirkssozialausschuss machte auf die unaufhaltsame Globalisierung der Arbeitswelt aufmerksam. LATSCH - Man scheint den Ernst der Lage noch nicht erfasst zu haben. Dabei geht es um nicht weniger als ums tägliche Brot kommender Generationen. Es geht schlicht um die Würde jedes arbeitenden Menschen. Angesichts des Interesses am Informationsabend in Latsch könnt man den Satz des Journalisten Carl Sandburg: „Es ist Krieg und keiner geht hin“ abwandeln in: Es geht um unsere Zukunft und keiner lässt sich blicken. Was die Vinschger noch kalt lässt, hat im SVP-Sozialausschuss der Bezirke Vinschgau und Burggrafenamt Sorgen und das Bedürfnis nach kompetenten Informationen ausgelöst. Unter dem Titel „Arbeit 4.0: Zukunft ohne Arbeit?” haben die Vorsitzende Kunhilde von Marsoner, ihre Stellvertreterin Sonja Platzer und der Bezirksobmann des Burggrafenamtes, Zeno Christanell, Stefan Perini, Direktor des Arbeitsförderungsinstituts, und

Sie machen sich Gedanken: Zeno Christanell, Sonja Platzer, Kunigunde von Marsoner, Stefan Luther und Stefan Perini (v.l.)

Stefan Luther, den Direktor im Amt für Arbeitsmarktbeobachtung, in den Vinschgau eingeladen. Laut Perini wird es eine einschneidende Umwälzung der Gesellschaft geben. Die fortschreitende Globalisierung bringe neue Technologien und werde vor allem auf die bürgerliche Mittelschicht einwirken. Jetzt schon führen Migrationsströme zu einem demografischen Wandel. Sich früh genug ein Bild davon zu machen ist nicht einfach, aber not-

wendig, um einordnen zu können, unter welchen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen „Arbeit 4.0“, die Arbeitswelt von morgen, in Erscheinung treten wird. Man sehe zwar große Chancen, aber auch bedrohliche Risiken. „Investieren in die eigene Aus- und Fortbildung ist das Gebot der Stunde. Dies muss die Arbeitnehmer ein Leben lang begleiten. Zusammen mit der digitalen Professionalität wird das seine Kreativität, Sozial-

kompetenz und Handfertigkeiten stärken“, ist Perini überzeugt. Ob nur Routinearbeit den Robotern zum Opfer fallen wird oder ob diese auch hochqualifizierte Tätigkeiten wie beispielsweise die Diagnose von Krankheiten oder journalistische Tätigkeiten übernehmen werden, lasse sich noch nicht abschätzen. GÜNTHER SCHÖPF

AUFGESPÜRT & AUSGEGRABEN (3)

Katharina und Simon heißen Charlie Die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo steht politisch links, gibt sich stark kirchen- und religionskritisch und wurde deshalb von Konservativen immer wieder vor Gericht verklagt. 2006 hatte sich das Wochenblatt den Zorn vieler Muslime auf sich gezogen, als man die umstrittenen Mohammed-Karikaturen der dänischen Jyllands-Posten nachdruckte. Aber auch Christen und Juden waren immer wieder Ziel der Satire, die für viele auch die Grenzen des guten Geschmacks überschritt. Weltweit bekannt wurde das Magazin im Jänner 2015, als bei einem islamistischen Terroranschlag auf die Redaktion zwölf Menschen ermordet wurden. Der Schock der Öffentlichkeit saß tief, es kam in zahlreichen europäischen Städten spontan zu Solidaritätsbekundungen. Menschen gingen auf die Straße, trugen Plakate und bekannten „Je suis Charlie“, „Ich bin Charlie“, was sie auch mit ihrem Profilbild auf Facebook, Twitter & Co. ausdrückten. Wenige Tage später nahmen über 3,7 Millionen Bürger an Trauermärschen teil. Die verbliebenen Mitglieder der Redaktion machten indes weiter. Eine Woche später erschien bereits die nächste Ausgabe, statt 60.000 wurden 7 Millionen Exemplare verkauft – inklusive Übersetzungen in 16 Sprachen. Auch in den kommenden Wochen fanden Millionen von Zeitschriften Leser. Die Welle der Solidarität schien keine Grenzen zu besitzen, in Deutschland wurde sogar ein eigener Ableger gegründet. Und heute? Die Auflage ist auf frühere Dimensionen geschrumpft, die deutsche Ausgabe musste bereits nach einem Jahr wegen zu niedriger Verkaufszahlen Z eingestellt werden – und die Profilbilder zeigen schon lange wieder Simon und Katharina.

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DER VINSCHGER 19/18