Wo sind wir jetzt daheim?

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Foto: Heinrich Marth, Meran

VINSCHGER THEMA

70% der Bevölkerung ist aus- oder abgewandert, 163 Wohnhäuser bzw. landwirtschaftliche Gebäude wurden gesprengt und 514 ha Kulturfläche wurden vernichtet. Das waren die Folgen der Seestauung in Graun und Reschen.

Als das Wasser kam Ein Dokumentarfilm, der berührt. Zeitzeugen kommen zu Wort. Brückenschlag bis zur heutigen Zeit. GRAUN/RESCHEN/MERAN - Von niemandem, der gesehen hat, wie das Wasser kam und wie es alles, was für ihn bis dahin Heimat war, unter seinen Füßen wegspülte, darf man erwarten, dass er ihn mag, den Stausee am Reschen. Groß ist die Zahl

jener, die aus Graun und Reschen „hinausgewassert“ wurden, nicht mehr. Einigen davon, aber auch so manchen Kindern und Enkelkindern von „Verjagten“, trieb es am vergangenen Donnerstag im Ariston-Kino in Meran das Wasser in die Augen. Es wurde der

Dokumentarfilm „Das versunkene Dorf“ von Georg Lembergh und Hansjörg Stecher gezeigt. Bereits eine Stunde vor Aufführungsbeginn hatte es ein großes Gedränge an der Kinokasse gegeben. Zu jenen, die unbedingt eine Karte wollten, gehörten u.a. viele Vinschger aus der Gemeinde Graun. Die 370 Plätze waren im Nu vergeben. Rund 100 Personen mussten abgewiesen werden. „…wie sie die Kirche sprengen“

„Meine Mama hat mir als Kind gesagt, ich soll schauen gehen, wie sie die Kirche sprengen. Ich bin dann runter gelaufen und wollte schauen, wie die Kirche zusammenbricht. Und was ist zusammengebrochen? Unser Haus.“ Die Filmvorführung in Meran nahm teilweise die Züge eines Das erzählt Theresia Theiner aus Alt-Grauner-Treffens an: links im Bild Josef Stecher aus Matsch Graun im 83-minütigen Film. Sie (Jahrgang 1935), der 1949 seine Heimat Graun verlassen musste, ist nur eine von insgesamt über rechts Herta Innerhofer (Wenter-Herta), die 1950 als damals 25 Zeitzeugen, mit denen der in 20-Jährige aufgrund der Seestauung nach Untermais zog. Wien und Tirol als freier FilmeEs war dies ihr erstes Wiedersehen nach der Seestauung. macher lebende Georg Lembergh,

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DER VINSCHGER 14/18

dessen Großvater aus St. Valentin a.d.H. stammt, und der Historiker und Filmemacher Hansjörg Stecher aus St. Valentin Interviews geführt haben. Der von Albolina produzierte Film lebt vor allem von berührenden Portraits und menschlichen Einzelschicksalen hinter der Tragödie, die sich Ende der 1940er und Anfang der 1950er Jahre im Oberland abspielte. Lembergh und Stecher hatten sich bereits vor über 10 Jahren auf Spurensuche gemacht. Ihr Hauptanliegen war es, mit Zeitzeugen zu reden, so lange diese noch leben. „Friedhof eben planiert“ Einige der Zeitzeugen, die im Film zu Wort kommen, sind mittlerweile nicht mehr da. So etwa Peppi Plangger aus Graun, der am 11. April 2014 an den Folgen einer starken Hirnblutung starb. Im Film erzählt er unter anderem: „Die Bevölkerung von Graun sollte auf dem Friedhof die Grabstei-