Zukunft Tourismus

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VINSCHGER GESELLSCHAFT

Gemeindereferentin Astrid Pichler und Buchautor Kurt Gritsch waren sich über die Wichtigkeit des Miteinander-Redens einig.

Das Buch soll eine Grundlage zur Diskussion über Flüchtlinge sein. Im Vinschgau und in ganz Südtirol.

„Mitanondr reden“ über Migration „Mitanondr“ geht vieles leichter. Und wenn man über aktuelle, oft heikle Themen wie Migration „mitanondr redet“ sowieso. NATURNS - Unter dem Motto „Mitanondr im Dorf“ will der Naturnser Bildungsausschuss die Dorfgemeinschaft näher zusammenbringen. Eine Reihe von Veranstaltungen sind dazu geplant. „Mitanondr reden“ ist ein Teil davon. Und, was eigne sich besser dazu, als über das Thema Migration zu reden? „Migration ist derzeit eines der wichtigsten Themen in Südtirol. Ängste und Vorurteile spielen dabei oft eine große Rolle. Einige davon gilt es, abzubauen“, betonte die Naturnser Gemeindereferentin Astrid Pichler. Das Thema sei seit Jahren von großer Aktualität gekennzeichnet. Im Prokulus Museum hat dazu kürzlich der Diskussionsabend „Auf den Grund gegangen - Was uns die Geschichte über die Migration erzählt“ stattgefunden. Für Referent Kurt Gritsch war es ein „Heimspiel“. Der in der Schweiz als Oberschul-Lehrer arbeitende Historiker und Konfliktforscher ist in Naturns, besser gesagt in Tschirland, aufgewachsen. Der 41-Jährige, der unter anderem in Innsbruck und Rom studiert hat, hat vor rund einem Jahr das Buch „Vom Kommen und Gehen – Migration in Südtirol“ publiziert. „Das Buch soll zur Versachlichung der Diskussion um die Flüchtlinge in Südtirol beitragen“, erklärte der Autor bei der Veranstaltung in Naturns. Dort hat es bereits einen wesentlichen Beitrag zur Diskussion geleistet. Den Naturnsern erzählte Gritsch über die im Buch veröffentlichten Ergebnisse seiner Recherchen. „Es

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geht um typische Migrationserfahrungen. Südtirol ist seit jeher ein Migrationsland. Schon immer wanderten Menschen ebenso in das Land ein wie daraus ab“, betonte Gritsch. Südtirol als Zwischenstation In den vergangenen Jahren habe sich Südtirol immer mehr zu einer Art Zwischenstation entwickelt. „Die meisten Migranten wandern weiter. Nach Deutschland, in den Norden, nach Großbritannien. Dort, wo sie ihre Familiennetzwerke haben“, wusste der Naturnser zu berichten. In den 1950er und 1960er Jahren seien die Südtiroler selbst „weitergewandert“. Zumindest viele davon. „Fakt ist, damals war auch Südtirol ein Auswanderungsland. Es ist normal, dass Menschen dorthin gehen, wo sie mehr Möglichkeiten sehen. Es liegt in der Natur der Leute, alles zu versuchen, um sich zu verbessern“, erklärte der Buchautor. Ab den 1980er Jahren seien es hingegen vor allem Einwanderer aus Nordafrika gewesen, die aus wirtschaftlichen Gründen nach Südtirol kamen, Stichwort „Marocchini“. Die erste große Flüchtlingswelle habe es hingegen in den 1990er Jahren gegeben. „Als damals die Balkan-Flüchtlinge nach Südtirol kamen, war diese Situation aber nicht vergleichbar mit heute. Schließlich war damals alles unorganisierter, problematischer. In einem 800 Einwohner-Dorf wie Welsberg waren rund 300 Flücht-

linge untergebracht“, erinnerte Gritsch. Selbst der frühere Caritas-Direktor Franz Kripp gestehe in einem Interview im Buch, dass damals „nicht alles optimal abgelaufen“ sei. Dennoch sei man irgendwie zurechtgekommen. Über Ängste, Vorurteile und Konflikte Seit knapp drei Jahren steigen die Flüchtlingszahlen in Südtirol wieder an. „Doch, was für die heutige Generation der Einwanderer ein ‚Problem‘ ist: Sie sind dunkelhäutig. Und somit als Flüchtlinge, als Migranten, klar erkennbar. Sie haben mehr mit Vorurteilen und dergleichen zu kämpfen, als etwa Migranten aus Osteuropa oder Deutschland, wie es sie zahlreich bei uns gibt“, erzählte Gritsch. Es seien vor allem Ängste, die sich in Form von Vorurteilen äußern. Im Internet, insbesondere in Facebook-Gruppen wie „Iats reichts“, würden diese Vorurteile in ihrer reinsten Form zu Schau gestellt. Um solche Vorurteile abzubauen, tut der Naturnser selbst so einiges. Unter anderem war er mit Schülern in Bozen. „Sie sollten mit Flüchtlingen in Kontakt kommen“, erklärte er. So seien seine Schüler erstaunt gewesen, wie gebildet so manch Geflüchteter ist. Gebildet, aber gleichzeitig ohne große Chancen. „Flüchtlinge aus Somalia, welche die Abendschule besuchen, mehrere Sprachen beherrschen, aber gleichzeitig obdachlos sind“, so Gritsch.

Dass es in Bozen jedoch durchaus auch zu Konflikten komme, sei nicht zu leugnen. In den Medien lese man allerdings stets dieselben Meldungen. Gritsch kritisierte die unterschiedliche Gewichtung. Es gebe in erster Linie Meldungen über Migranten, wenn es um Verbrechen geht. Leider gebe es kaum Meldungen über normal lebende Einwanderer. Wobei dies einerseits auch nicht eine derartige Aufmerksamkeit nach sich ziehen würde und andererseits auch nicht von „normal lebenden“ Einheimischen berichtet werden würde, wie Gritsch gestand. In einem jedenfalls waren sich Referent und Zuhörer einig. Das Thema der Migration wird aktuell bleiben. So gebe es auch in Naturns derzeit einen Ausländeranteil von rund neun Prozent. „Migration und Flucht stellen eine Herausforderung dar“, lautet ein Fazit aus dem Buch. Um diese Herausforderungen zu meistern, gelte es, darüber zu sprechen. „Es geht um das Gemeinsame. Veranstaltungen wie diese leisten dazu einen wertvollen Beitrag“, lobte Gritsch den Naturnser Bildungsausschuss. MICHAEL ANDRES