Schlaganfall mit 44

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spräch zeigt sich, welchen Herausforderungen er sich täglich stellen muss. Eine kleine staatliche Rente reicht zum Leben. Michaels Invaliditätsgrad liegt bei 100 Prozent. Obwohl er körperlich gesund aussieht, fallen ihm oft einfachste Dinge schwer. Einer Arbeit nachzugehen ist so nicht möglich. Das Sprechen und Verstehen sind nach wie vor ein großes Problem. Früher hatte Michael eine leitende Funktion in einer Versicherungsagentur. Extreme Situation Dabei würde Michael gerne arbeiten. Im Handwerk ist er geschickt. Kleinere Arbeiten führt er daheim aus. Er kocht und sorgt für die Kinder, während seine Frau ihrer Arbeit nachgeht. „Anfangs war es schon auch für die Kinder eine extreme Situation. Der Tata, der plötzlich ganz anders war“, sagt Michael traurig. Nach und nach lernte die ganze Familie mit der Situation umzugehen. Eine große Stütze war ihm stets seine Michaela. Seit nunmehr 20 Jahren ist das Paar zusammen. Die Herausforderungen des Alltags meistert Michael heute flott. Dennoch ist es oft alles andere als einfach. „Behördengänge, Bürokratie, Arztvisiten – das alles kann ich leider nicht alleine bewältigen“, weiß er.

war. Sprechen konnte er anfangs gar nicht. Michael hatte infolge des Schlaganfalls eine globale Aphasie erlitten, so der Terminus in der Fachsprache der Ärzte. Aufenthalte in Krankenhäusern und Therapiezentren folgten. Langsam, langsam trat eine Verbesserung ein. Ende Mai nach einem zweimonatigen Aufenthalt in München ging es zurück nach Selbsthilfegruppe Hause. „Der Weg zurück ins Leben war ein schwieriger. Ein lanAuftrieb gibt Michael heute ger“, so Michael. Ein langer Weg, auch die Selbsthilfegruppe. Eine Gruppe, die er gemeinsam mit den er noch heute geht. der Meranerin Alexandra Thies ins Leben gerufen hat. Die heuHerausforderungen des Alltags te 42-jährige „Sandy“ hat vor Auf den ersten Blick wirkt zwei Jahren einen Schlaganfall Michael wie ein ganz normaler erlitten. „In der Gruppe kann Mann Ende 40. Zunächst deutet man sich mit Gleichbetroffenen nichts auf den Schlaganfall hin, treffen, sich kennenlernen und den er erlitten hat. Erst im Ge- gegenseitig unterstützen. Sich

informieren, austauschen und gemeinsam schöne Momente erleben“, schwärmt Michael. „Dir fehlt doch nicht viel“ Zwar sind in erster Linie ältere Menschen ab 60 von Schlag­ anfällen betroffen, aber auch jüngere trifft es immer häufiger. Fünf bis zehn Prozent der Schlaganfälle treffen heute Menschen unter 50 Jahren. Allein in Südtirol gibt es im Jahr rund 1.000 Schlaganfälle. Eine schwierige Situation für alle Beteiligten. Berufstätig, mitten im Leben stehend, ist dann plötzlich nichts mehr wie zuvor. Lähmungen, Gleichgewichts- oder Sprachstörungen, Vergesslichkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, Depressionen, Berufsunfähigkeit, finanzielle Sorgen. Verständnis für ihre Situation erfahren die Betroffenen nicht immer. „Gut schaust du aus“, hören sie oft, und dabei schwingt mit: „Eigentlich kann dir nicht viel fehlen“. Doch weit gefehlt. „Es wäre oft schön, mehr Verständnis für die ­Situation zu erfahren“, betont auch Michael. Die Kinder aufwachsen sehen Was sich Michael für die Zukunft wünscht? „Es wäre schön, wenn es weiterhin etwas aufwärts geht. Und man etwas vom Leben hat. Ich möchte meine Kinder gesund und glücklich aufwachsen sehen. Sehen, wie sie zu selbstständigen Menschen heranwachsen.“ Für Michael sind dies die größten Träume in seinem „neuen“ Leben, seinem Leben nach dem Schlaganfall. MICHAEL ANDRES

Michael ist gerne mit dem Mountainbike unterwegs.

INFOS

DIE SELBSTHILFEGRUPPE

Treffen der Selbsthilfegruppe für Schlaganfall und Schädel-Hirn-Trauma finden monatlich, in der Regel jeden ersten Donnerstag, regelmäßig von 15 Uhr bis 17 Uhr in Meran, in der Tagesstätte, Otto-Huber-Straße 8, statt. Interessierte Betroffene sind herzlich eingeladen daran teilzunehmen. Kontakt und Info bei Sandy unter Tel. 339 AM 7742754.

Jede Minute zählt Bei einem Schlaganfall wird das Gehirn nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Bei Anzeichen eines Schlaganfalls gilt es, sofort den Notarzt zu verständigen. Bis zum Eintreffen des Notarztes sollten Schlaganfallpatienten mit leicht erhöhtem Ober-

körper auf dem Rücken liegen. Sie sollten nichts essen oder trinken, weil die Schluckfunktion gestört sein kann. Falls der Betroffene erbricht oder das Bewusstsein verliert, sollten die Angehörigen ihn in die stabile Seitenlage bringen. Typische Warnsignale für

einen Schlaganfall sind einseitige Lähmungen, Taubheits­gefühl in den Gliedmaßen, extreme Kopfschmerzen, Schwindel sowie Sprach-, Seh- oder Gehstörungen. Menschen mit Bluthochdruck, Übergewicht, einem erhöhten Cholesterinspiegel und Diabetes

haben ein erhöhtes Risiko, einen Schlaganfall zu bekommen. Bei einem Schlaganfall sterben Gehirnzellen ab. Um Gehirngewebe zu retten, zählt deshalb jede ­Minute. AM

DER VINSCHGER 36/17

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