Nauders bald mit im Boot?

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VINSCHGER GESELLSCHAFT

„Hierarchien am Ende? Autorität(en) und Vertrauenskrise“

Die Teilnehmer

So lautete das Motto der diesjährigen Marienberger Klausurgespräche, die vom 30. März bis 1. April im Benediktinerkloster stattfanden. BURGEIS - Bereits zum 22. Mal trafen sich im Kloster Marienberg Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Kirche und Kultur zu den Klausurgesprächen, um im Austausch mit renommierten Referentinnen und Referenten über das Spannungsfeld zwischen Ethik und Sachzwang zu diskutieren. Die diesjährige Auflage wurde in memoriam Bischof Karl Golser durchgeführt, der über viele Jahre diese hochkarätige Veranstaltung geprägt hat. Prof. Golser gehörte zu den ersten Teilnehmern, als die Gespräche 1992 zum Thema „Politik im Spannungsfeld zwischen Ethik und Sachzwang“ ihren Anfang nahmen. Nach der zweiten Auflage wurde er 1995 zum Mitbegründer und ersten Präsidenten des Kuratoriums Marienberger Klausurgespräche, dem er dann 15 Jahre lang vorstand.

Alberto Melloni

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DER VINSCHGER 14/17

Autorität als Leidender So stand auch zu Beginn der heurigen Veranstaltung eine Würdigung Bischof Golsers durch den Moraltheologen P. Martin M. Lintner OSM, der selbst Mitglied des Kuratoriums der Klausurgespräche ist. P. Martin würdigte Leben und Wirken des zu Weihnachten verstorbenen Bischofs. „Karl Golser hat für viele eine Autorität dargestellt: wegen seiner stattlichen Erscheinung, wegen seiner Persönlichkeit, besonders aber wegen seiner Kompetenz in theologisch-ethischen Fragen und wegen seines wissenschaft­lichen und gesellschafts­politischen Einsatzes.“ Karl Golser habe laut P. Martin durch sein Schicksal die Autorität des Leidenden erworben. „Ein Mensch verliert seine Würde nicht, auch dann nicht, wenn er nichts mehr leisten kann, nicht

Frank Kohl-Boas

mehr kommunizieren kann und in jeder kleinsten Angelegenheit abhängig ist von anderen: Die Autorität eines solchen Menschen bleibt eine kritische Anfrage an und zugleich eine notwendige Korrektur für jede Gesellschaft: Wie geht sie mit den schwächsten ihrer Glieder um?“ Abschließend meinte P. Martin Lintner: „Nicht nur, aber auch wegen seiner Autorität als Leidender wird er vielen von uns in Erinnerung bleiben.“ Werte setzen und Werte pflegen Günther Andergassen, Präsident des Kuratoriums, betonte zu Beginn der Tagung, dass die Klausurgespräche 2017 „An­ knüpfungspunkte zur Werte­ diskussion der letztjährigen Klausurgespräche mit Blick auf Grundwerte wie Menschenwürde, Gleichheit aller Menschen, Tole-

Günther Andergassen

ranz, Respekt, Subsidiarität und Solidarität haben. Schließlich heißt führen: Werte setzen und Werte pflegen.“ Wie ein roter Faden zog sich durch alle Beiträge die Fest­stellung, dass die Entscheidungskompetenz von Verantwortungsträgerinnen und -trägern in den unterschiedlichsten Bereichen der Gesellschaft zunehmend in Frage gestellt werden. Laut Andergassen zeige sich immer deutlicher, dass der Erfolg von Organisationen und Unter­ nehmen in hohem Maße von kreativ denkenden und handelnden ­Menschen abhänge, die auch Verantwortung übernehmen. „Um so verwunderlicher ist es, dass in der Realität so wenig in die Tat umgesetzt wird. Populistische Strömungen, kollek­tive Ängste und eine ,Kultur der Wut‘ scheinen sogar den Pfeil der Zukunft wieder in Richtung Vergangenheit

P. Martin Lintner Sonja Puntscher-Riekmann