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Nr. 3

April 2003

FAKT Forensik aktuell Duisburg-Hohenbudberg v. Bodelschwinghsche Anstalten Bethel Ev. Johanneswerk e. V.

Liebe Leserinnen und Leser, wann der erste drogenabhängige Patient in der Duisburger Klinik aufgenommen werden wird, wissen wir heute noch nicht. Durch Verzögerungen bei der Bauplanung (vgl. das Gespräch mit Uwe Dönisch-Seidel auf S. 4) ist es aus unserer Sicht aber Dr. Günther Wienberg Karsten Gebhardt zweifelhaft, dass die Klinik wie vorgesehen 2006 in Betrieb geht. Dies wird manche freuen, die der Klinik ohnehin skeptisch bis ablehnend gegenüberstehen. Aus Sicht der Mitarbeitenden in den völlig überbelegten bestehenden Einrichtungen, aus Sicht der Patientinnen und Patienten, die einer qualifizierten Therapie bedürfen und aus Sicht der Öffentlichkeit, die zu Recht einen hohen Sicherheitsstandard einfordert, ist die Verzögerung der Planungen jedoch negativ zu bewerten. Klar ist: Die neuen Einrichtungen werden kommen – auch die in Hohenbudberg. Deshalb sind wir als Träger weiter intensiv beschäftigt mit Planungsarbeiten. Im Vordergrund stehen zurzeit zwei „Baustellen“: Wir arbeiten zusammen mit den anderen Trägern des Maßregelvollzuges in NRW und dem Landesbeauftragten an einem Verfahren zur Personalbemessung für den Maßregelvollzug (vgl. Meldung auf Seite 2). Und wir denken heute schon an den Tag, an dem der erste Patient aus der Duisburger Klinik entlassen wird – das Stichwort ist „Nachsorge“. Als ersten Schritt haben wir am 26. März einen Experten-Workshop durchgeführt. Das Ergebnis dieses und eines zweiten Workshops am 4. Juni werden Eckpunkte eines Nachsorge-Konzeptes für das Einzugsgebiet der Duisburger Klinik sein. Diese Eckpunkte werden wir in der zweiten Jahreshälfte mit (potenziellen) Nachsorgeträgern und Kooperationspartnern aus den Regionen diskutieren und im Planungs-Beirat vorstellen. „Nachsorge“ – mit diesem Stichwort können Sie, liebe Leserinnen und Leser, wahrscheinlich nur wenig anfangen. Deshalb finden Sie in dieser Ausgabe die Geschichte von Jonathan S. und seinem Weg in die Nachsorge. Er ist ehemaliger Patient des Westfälischen Therapiezentrums Marsberg „Bilstein“ und wird heute vom Therapiezentrum für Psychosoziale Rehabilitation (TPR) betreut. Was das TPR ist und für ehemalige ForensikPatienten leistet, schildert ein weiterer Artikel. Wir hoffen, dass mit diesen Beiträgen deutlich wird: Im Maßregelvollzug geht es um konkrete Menschen und ihre persönlichen Lebenswege. Wir alle – professionelle Helfer und die Gesellschaft insgesamt – können einen Beitrag dazu leisten, dass der weitere Lebensweg dieser Menschen gelingt – ohne Straftaten und ohne Sucht. Dies ist zugleich der beste Schutz für die Gesellschaft. Dr. Günther Wienberg Vorstand v. Bodelschwinghsche Anstalten Bethel

Karsten Gebhardt Vorstand Ev. Johanneswerk e. V.

„Ich habe das Leben gelernt“ Jeder hat das vermutlich schon mal erlebt: Man erinnert sich an etwas oder nimmt etwas auf, und der Körper reagiert mit einer Gänsehaut. Die positive Variante ist in diesem Fall gemeint, bei der man nicht vor Angst oder Entsetzen zu frösteln beginnt, sondern bei der sich wohlige Wärme im Körper ausbreitet. Jonathan S. hat dieses durch und durch gute Gefühl jedesmal, wenn er an seine Zeit im Westfälischen Therapiezentrum Marsberg „Bilstein“ zurückdenkt. Das mag zunächst

sum hin. Eine Gelbsuchterkrankung ist die Folge. Physisch und psychisch völlig am Ende stellt er sich im Januar 2000 den deutschen Behörden. Die weisen ihn in Marsberg ein. Die Behandlung kann endlich beginnen.

Gänsehaut löst diese Zeit in der Obhut von Dr. Bernhard Wittmann und seinem Team bei Jonathan S. aus, weil er das erste Mal festen Boden unter den Füßen spürt. „Dort habe ich das Leben gelernt“, sagt er fast philosophisch. Durch die intensive Betreuung werde man permanent gezwungen, sich und seine Vergangenheit zu hinterfragen. „Ihr könnt etwas an euch tun – das ist die dortige Botschaft.“ Dass dieser Prozess nicht einfach war, räumt der inzwischen 30Jährige gerne ein und denkt dabei zum Beispiel an die ersten Schritte „nach draußen“. Wenn die Behandlung erfolgreich verläuft, werden die Forensik-Patienten in den letzten MoTherapiezentrum für Psychosoziale naten ihres Aufentüberraschen, Rehabilitation an der Fuldastraße in haltes allmählich denn forenDuisburg wieder an den späsische Kliniteren Alltag geken sind ja wöhnt. Dazu gehöoft mit ren unter anderem negativen Wochenendurlaube. Attributen „Das war für mich behaftet. zunächst ein RiesenFür Jonathan problem, denn du S. war Marsmusst diese Zeit berg aber in sinnvoll strukturieder Tat eine ren, damit du nicht in ein Loch fällst. So wie „Quelle des Glücks“, wie er sagt. Seine früher will man die Tage ja nicht verbringen.“ Geschichte steht stellvertretend für viele andere. Jonathan S. erinnert sich, dass er einmal nach Kassel gefahren ist und ein ganzes WochenenSie beginnt 1973 im französischen Elsass. Dort de nur die Wilhelmshöhe erforscht hat. Mittlerwird er geboren. Zusammen mit seinem Vater weile ist aus den ersten Gehversuchen Routine kommt er 1982 nach Deutschland. Warendorf geworden. „Ich genieße die Freiheit“, schwärmt bei Münster wird seine neue Heimat. Dort geer. „Es ist ein tolles Gefühl, clean zu sein. Ich rät er schon als Jugendlicher auf die schiefe bin frei von Ängsten und frei von Zwängen.“ Bahn. Er klaut, ist gewalttätig. Mit 14 wird er Seit einigen Monaten befindet sich Jonathan S. zu einer dreijährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Seine kriminelle Karriere kann das freilich nicht in der so genannten Adaptionsphase. Dazu ist er ins Therapiezentrum für Psychosoziale Rehastoppen. Er bricht mehrfach aus, begeht neue bilitation Duisburg umgezogen. Ziel ist hier die Delikte, wird abermals verurteilt – das zweite nachhaltige Wiederherstellung der ErwerbsfäMal zu sechs Jahren. In der Haftzeit wird er higkeit suchtkranker Menschen, wie es in der drogensüchtig. Haschisch ist der Einstieg, daFachsprache heißt. Dazu trägt – wie in Marsnach folgen Kokain und Heroin. Er boxt, wird berg – ein ganzes Bündel von Maßnahmen bei in seiner Klasse Westfalen-Meister und West(siehe dazu auch Seite 3). deutscher Meister. Durch den Sport werden ihm immer wieder Freigänge erlaubt. Er nimmt Schon jetzt ist absehbar, dass auch diese Phase dann aber nicht nur an Wettkämpfen teil, sonvon Erfolg gekrönt sein wird. Seit zwei Monadern besorgt sich auch neuen Stoff. ten besucht der Forensik-Patient mit großer Begeisterung eine Abendschule, um die MittleWieder in der Freiheit geht die Beschaffungsre Reife nachzuholen. Ein Ausbildungsplatz ist kriminalität auf stetig steigendem Niveau weiihm ebenfalls schon sicher. Jonathan S. will ter. Wegen räuberischer Erpressung wird er staatlich geprüfter Gymnastiklehrer werden. 1997 zu zwei Jahren Freiheitsstrafe und zur Und was kann man später damit machen? Unterbringung im Maßregelvollzug nach § 64 „Zum Beispiel als Sporttherapeut in einer Strafgesetzbuch verurteilt. Dieser Paragraph regelt die Behandlung von straffällig geworde- forensischen Klinik arbeiten, um dazu beizutragen, dass Menschen, die in eine schwierige nen Suchtkranken – Menschen also, für die Situation geraten sind, wieder eine Perspektive zum Beispiel auch die Forensik-Klinik in Duisbekommen“, sagt er lächelnd, und man spürt burg-Hohenbudberg gedacht ist. Jonathan S. ein Kribbeln unter der Haut. flüchtet. Drei Jahre taucht er in Frankreich – Volker Pieper – unter und gibt sich exzessiv dem Drogenkon-

Jonathan S.: Die harte Zeit war von Erfolg gekrönt


Lockerungen im Maßregelvollzug

Fünf e t t i r h Sc g e W m e d f u a n e ß u a r d h c a n

Die Behandlung im Maßregelvollzug dauert im Regelfall zwischen eineinhalb und drei Jahren. Sie soll den Patienten ermöglichen, in der Gesellschaft ein Leben ohne Drogen und Straftaten zu führen. Deshalb sind Lockerungen ein wesentlicher Bestandteil der Therapie. Sie richten sich nach den erreichten Therapie fortschritten und der von den Patienten ausgehenden Gefährlichkeit. Nach dem Maßregelvollzugsgesetz (MRVG) sind die Einrichtungen verpflichtet, Lockerungen zu gewähren, sobald und soweit der Zustand des Patienten es zulässt. Lockerungen sind kein Freizeitvergnügen, sondern mit jedem Ausgang und jeder Beurlaubung sind Ziele verbunden, die mit dem Patienten vereinbart werden. Auch Zeiten, Aufenthaltsorte und Wege werden strikt vereinbart. Der Entscheidung für oder gegen eine Lockerung geht ein festgelegter Entscheidungsprozess voraus. Im Westfälischen Therapiezentrum Marsberg „Bilstein“ gibt es dafür ein fünfstufiges Verfahren.

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Zunächst muss die Behandlung des Patienten als ein zielgerichteter und stabiler therapeutischer Prozess erkennbar sein. Das bedeutet zum einen, dass die Therapiemotivation und Veränderungsbereitschaft seitens des Patienten nachvollziehbar ist. Weiter muss während der Therapie die Auseinandersetzung mit der Suchtentwicklung und der Opferperspektive sowie die Aufarbeitung des Deliktes oder der Delikte erfolgt sein. Das Verhalten des Patienten im Klinikalltag muss gekennzeichnet sein durch Offenheit, Transparenz und Selbstkontrolle. Darüber hinaus muss eine Bindung an mehrere Mitarbeiter erkennbar sein.

2

Das Team muss davon überzeugt sein, dass der Patient einschätzbar ist und auch in Belastungssituationen im Gespräch erreichbar ist. Auf einer Teamkonferenz mit allen an der Behandlung des Patienten beteiligten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wird eine gemeinsame Einschätzung erarbeitet. Abwesende Mitarbeiter müssen ihre fachliche Stellungnahme schriftlich abgeben. Kein Mitglied des Pflegeteams darf Bedenken dagegen haben, die Lockerung persönlich durchzuführen. Schließlich bearbeitet das Team schriftlich einen umfangreichen Kriterien-Katalog („Checkliste Lockerungen“).

3

Die Bereichsleitung – die bereichsleitende Pflegekraft und der bereichsleitendende Therapeut – muss dem Team-Vorschlag zustimmen. Sie überprüft die „Checkliste Lockerungen“, um sie gegebenenfalls in einer Teamsitzung nochmals zu überarbeiten oder zu ergänzen. Die Checkliste wird von den BereichsleiterInnen persönlich unterzeichnet und an die Pflegedienstleitung und die Therapeutische Leitung der Klinik weitergegeben.

4

Pflegedienstleitung, Therapeutische Leitung sowie die zuständige Bereichsleitung arbeiten die schriftlichen Unterlagen durch und treffen sich anschließend zur Lockerungskonferenz. Hier werden der therapeutische Prozess, der bisherige Verlauf und mögliche Gefährdungsrisiken erörtert. Die Lockerungskonferenz kann zu folgenden Entscheidungen kommen: • Ablehnung des Lockerungsvorschlags; • Zurückstellung des Vorschlags mit Fristsetzung; • Zurücksetzung des Vorschlags mit gezielten Arbeitsaufträgen; • Zustimmung zum Vorschlag (Einstimmigkeit vorausgesetzt) Der Leitende Arzt erstellt schließlich ein Protokoll über die Konferenz, das von ihm und dem Pflegedienstleiter unterzeichnet wird. Bei einer positiven Lockerungsentscheidung und wenn ein Vorbehalt gemäß § 18 Abs. 4 MRVG NW vorliegt, wird Benehmen mit der zuständigen Staatsanwaltschaft hergestellt.

5

Die Letztverantwortung für die getroffene Entscheidung trägt der Leitende Arzt bzw. die Therapeutische Leitung.

Lockerungsmissbrauch im Maßregelvollzug ist extrem selten

2002 wurden im Westfälischen Therapiezentrum Marsberg „Bilstein“ durchschnittlich 82 Patienten behandelt. Bei insgesamt 6 750 gewährten Ausgängen und 3 000 Beurlaubungstagen, wurden nur drei Missbräuche von Lockerungen und keinerlei Straftaten festgestellt. Bezogen auf die 9 750 Lockerungsanlässe ist dies eine Missbrauchsquote von 0,03 Prozent!

Verordnung über die Ermittlung des Personalbedarfs und die Finanzierung des Maßregelvollzugs verabschiedet. Die Landesregierung hat im November 2002 eine Verordnung erlassen, die die Finanzierung des Maßregelvollzugs neu regelt. An die Stelle des bisherigen „pauschalen Aufwendungsersatzes“ sollen ab 2005 klinikbezogene Budgets treten, die auf der Basis der behandelten Patientengruppen und definierter Leistungen der beteiligten Berufsgruppen gebildet werden. Die genaue Ausgestaltung des Verfahrens wird im Übergangszeitraum in einer gemeinsamen Arbeitsgruppe der Träger und des Landesbeauftragten erarbeitet. Diese Veränderung der Finanzierungssystematik wird von den künftigen Trägern der Klinik in Duisburg begrüßt. • Die Personalbemessung wird auf eine verbindliche und transparente Grundlage gestellt. • Bei Differenzen zwischen Trägern und Land hinsichtlich Personalbedarf und Budget kann eine neutrale Schiedsstelle angerufen werden. • Die Finanzierungsregelung tritt am 1. 1. 2005 in Kraft. Dies bedeutet. dass die Träger und die Öffentlichkeit frühzeitig vor Inbetriebnahme der Klinik in Duisburg Klarheit über die Personalausstattung haben werden. Insgesamt ist es mit dieser Regelung gelungen, die Finanzierungssystematik an die Verfahren andere Krankenhäuser anzunähern. ohne die besonderen Anforderungen des Maßregelvollzugs unberücksichtigt zu lassen. Carsten Böhrnsen

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Forensik-Patienten werden nach dem Klinik-Aufenthalt nicht sich selbst überlassen

Hilfe zur Selbsthilfe durch Nachsorge Therapie und Nachsorge bei Verstege, der bereits auf eine 22-jähriAngesichts ge Tätigkeit im TPR zurückblicken vereinzelter kann. Er führt dies nicht nur auf die negativer Arbeit des Therapiezentrums mit seiSchlagzeilen über ehemali- nen vielen Spezialisten zurück, sondern auch auf die gute Zusammenarbeit ge Forensikzwischen den Forensik-Kliniken und Patienten Dr. Rainer Verstege, den Nachsorgeeinrichtungen. Sie sei in stellen sich Leiter des Therapieden letzten Jahren deutlich professioviele Menzentrums für Psychoneller und verbindlicher geworden. Die schen die soziale Rehabilitation Patienten würden in der Forensik heuFrage: Werzutage gut auf die Zeit danach vorbeden diese reitet, hat Dr. Verstege festgestellt. Der Patienten nach ihrem Aufenthalt mehrere Monate dauernde Aufenthalt in einer forensischen Klinik sich im TPR Duisburg ist durch ein ganzes selbst überlassen? Das werden Maßnahmenbünsie selbstverdel geprägt. ständlich nicht. Hilfe zur Selbsthilfe als Gruppentherapie An die BehandLeitlinie und Einzelgesprälung von strafche zählen ebenso fällig gewordedazu wie internes Arbeitstraining und nen Suchtkranken im externe Praktika. Maßregelvollzug schließt sich in der Regel eine professionelle Das interne Arbeitstraining soll mögNachsorge an. In einer Stadt wie lichst realistische Arbeitsbedingungen Duisburg kann das zum Beispiel – simulieren und dient der Verbesserung wie im Fall von Jonathan S. oder Wiederherstellung allgemeiner (siehe Seite 1) – im Therapiearbeitsbezogener Schlüsselfertigkeiten. zentrum für Psychosoziale RehaDafür stehen unter anderem ein Traibilitation (TPR) an der Fuldastraningsbüro mit acht EDV-Arbeitsplätzen ße geschehen. und ein handwerklicher Bereich (Schreinerei und Das TPR ist eine Metallwerkstatt) so genannte Gute Erfahrung mit zur Verfügung. Adaptionseinrichtung mit Forensik-Patienten Hat der Patient 24 stationären intern bewiesen, und drei teilstadass er über die im realen Arbeitsleben tionären Therapieplätzen. Man benotwendigen Fähigkeiten verfügt, zeichnet die Adaption (deutsch: Anpassung) auch als Phase 2 nach der folgt der Schritt nach draußen. Zum Teil suchen sich die Patienten ihre PrakEntwöhnungsbehandlung. Sie dauert bis zu 13 Wochen. Ziel der Adaptions- tikumsstelle selbst. Gelingt das nicht, ist das TPR behilflich. Ein eigens bebehandlung ist es, die Erwerbsfähigschäftigter „Case-Manager“ ist ständig keit der Patienten nachhaltig wiederauf der Suche nach potenziellen herzustellen und sie beruflich und Arbeitgebern. Hin und wieder resulsozial wiedereinzugliedern. tiert schon aus dem Praktikum auch Träger des TPR Duisburg ist die Allge- ein fester Arbeitsplatz. Das ist jedoch wegen der anhaltenden Wirtschaftsmeine Hospitalgesellschaft (AHG), eine Unternehmensgruppe mit Sitz in krise seltener geworden. Hilden, die sich auf die medizinische Die Zeit im TheraRehabilitation piezentrum endet spezialisiert hat. „Case-Manager“ sucht mit der Suche nach In 30 Kliniken potenzielle Arbeitgeber einer Wohnung, und Einrichtunvon der aus der gen mit über Betroffene dann sein normales Leben 3 000 Plätzen werden jährlich mehr als 40 000 Patienten behandelt. Haupt- in die Hand nehmen soll. Dabei ist die Einrichtung ebenfalls bei Bedarf untereinweiser sind die Rentenversichestützend tätig. Nach Umzug in die rungsträger. eigene Wohnung können Patienten vom TPR befristet ambulant weiterbeDie 24 Männer und Frauen, die im treut werden (sog. Betreutes Wohnen). Therapiezentrum für Psychosoziale Grundsätzlich komme es jedoch immer Rehabilitation ständig betreut werdarauf an, dass die Menschen auch den, kommen überwiegend aus Eigeninitiative entwickelten, so Dr. Suchtfachkliniken, in denen die Verstege. „Denn Hilfe zur Selbsthilfe Entwöhnungsbehandlung erfolgte. ist die Leitlinie des therapeutischen Auch aus forensischen Suchtkliniken Vorgehens in der Adaptionsbehandwerden Patienten aufgenommen. lung.“ „Wir haben mit ihnen ganz überwie– Volker Pieper – gend gute Erfahrungen gemacht“, sagt Einrichtungsleiter Dr. Rainer

Drogenabhängigen – was steckt eigentlich dahinter? Um die seelische und körperliche Abhängigkeit von illegalen Drogen (Heroin, Kokain etc.) nachhaltig zu überwinden, sind in den allermeisten Fällen eine oder mehrere stationäre Therapien erforderlich. Dabei ist zu unterscheiden zwischen der Entzugsbehandlung auf der einen Seite und der Entwöhnungsbehandlung auf der anderen. Die Entzugsbehandlung erfolgt häufig akut in psychiatrischen oder allgemeinen Krankenhäusern, dauert einige Tage bis wenige Wochen und dient dem körperlichen Entzug der Droge, der Behandlung von körperlichen und psychischen Komplikationen der Sucht und der Vorbereitung auf weiterführende Therapien. Die Entwöhnungsbehandlung zielt auf eine tief greifende Veränderung von Einstellungen, Verhaltensweisen und Gefühlen, um ein Leben ohne Suchtmittel zu ermöglichen. Darüber hinaus dient sie der Wiedereingliederung des Patienten in die Gesellschaft, insbesondere in Ausbildung bzw. Beruf. Stationäre Entwöhnungsbehandlungen werden in der Regel in speziellen Fachkliniken für Drogenabhängige durchgeführt und dauern zwischen vier und zwölf Monate. Wenn bei einem Suchtkranken wegen einer Straftat, die er in Zusammenhang mit seiner Sucht begangen hat, von einem Gericht der Maßregelvollzug angeordnet wurde, erfolgt die Entwöhnungsbehandlung in einer forensischen Klinik (zukünftig z. B. in Duisburg-Hohenbudberg). Dort dauert die Behandlung im Regelfall zwischen eineinhalb und drei Jahren. In vielen Fällen (so auch bei Jonathan S., siehe Seite 1) sind im Anschluss an eine Entwöhnungsbehandlung weitergehende Hilfen erforderlich, um das Ziel der dauerhaften Wiedereingliederung in Beruf und Gesellschaft zu erreichen. Solche Hilfen können ambulant oder stationär erfolgen und sehr unterschiedlich gestaltet sein. Sie werden unter dem Stichwort Nachsorge zusammengefasst. Bei vielen ForensikPatienten erfolgt die bedingte Entlassung aus der Maßregel durch das Gericht erst dann, wenn sie erfolgreich in Nachsorgemaßnahmen integriert worden sind. Bei anderen wird nach Ende der Maßregel zur Auflage gemacht, Nachsorge-Angebote in Anspruch zu nehmen (z. B. im Rahmen der Führungsaufsicht). Die Erfahrung zeigt, dass oft erst eine qualifizierte Nachsorge den Erfolg der Therapie sicherstellt. Deshalb arbeiten die zukünftigen Träger der Duisburger Klinik schon jetzt zusammen mit entsprechenden Anbietern und dem Landesbeauftragten für den Maßregelvollzug an einem tragfähigen Nachsorgekonzept für die Duisburger Klinik. Über dieses Konzept werden wir in der nächsten Ausgabe berichten. In dieser Ausgabe beginnen wir damit, Nachsorgeeinrichtungen mit ihrem Angebot für suchtkranke Forensik-Patienten vorzustellen. Den Anfang macht das Therapiezentrum für Psychosoziale Rehabilitation Duisburg (TPR). Die Reihe wird fortgesetzt.

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Interview

mit einer Inbetriebnahme der Klinik 2006 rechnen.

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Die Bauplanung für die Klinik in Duisburg-Hohenbudberg ist ins Stocken geraten, obwohl die Vorentwurfsplanung schon im Sommer letzten Jahres abgeschlossen schien und im November in der Bezirksvertretung Rheinhausen vorgestellt wurde. Woran liegt das? Es liegen nunmehr Kostenschätzungen für alle neuen Standorte vor, die in ihrer Höhe teilweise erheblich voneinander abweichen. Diese Differenzen lassen sich nicht nur durch grundstücksspezifische Mehrkosten erklären. Deshalb führt mein Haus zusammen mit dem Bau- und Liegenschaftsbetrieb des Landes Nordrhein-Westfalen einen umfassenden Kostenvergleich durch mit dem Ziel, die Werte anzugleichen und sicherzustellen, dass alle Möglichkeiten einer Kosteneinsparung genutzt sind.

mit Uwe Dönisch-Seidel, Landesbeauftragter für den Maßregelvollzug Nordrhein-Westfalen

? !

Die Bauplanungen für die sechs neuen Forensik-Standorte in NRW geht derzeit nur stockend voran. Gleichzeitig wird das Problem der Überbelegung der bestehenden Kliniken immer drängender. Für FAKT sprach Dr. Günther Wienberg über den Planungs- und Umsetzungsstand mit Uwe DönischSeidel, den Landesbeauftragten für den Maßregelvollzug.

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Herr Dönisch-Seidel, bis die sechs geplanten Neu- bzw. Erweiterungsbauten für den Maßregelvollzug in NRW ihren Betrieb aufnehmen können, werden noch ein paar Jahre vergehen. Bis dahin sollen die bestehenden und erheblich überbelegten Kliniken durch Übergangsstandorte entlastet werden. Wie weit ist die Umsetzung dieser Planung gediehen?

!

Zur Überbrückung der Zeit bis zur Inbetriebnahme der neuen Standorte schafft das Land NRW fünf Übergangslösungen mit insgesamt 247 Plätzen. Die größten Übergangslösungen werden Bedburg-Hau mit 100 Plätzen und Rheine mit 86 Plätzen sein. Die Übergangslösung in Bedburg-Hau wird noch im März 2003 fertiggestellt. In Rheine rechne ich mit einem kurzfristigen Baubeginn; die Bauzeit wird dann zehn Monate betragen. Mit der Stadt Rheine besteht Einvernehmen.

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Die Baugenehmigung für die neue Forensik-Klinik in Dortmund-Aplerbeck liegt vor. Wann wird der erste Spatenstich getan, und wie lange wird die Bauzeit sein? Der erste Spatenstich in Dortmund soll in der ersten Jahreshälfte 2003 stattfinden. Die Bauzeit wird dann zweieinhalb Jahre dauern, so dass wir

Halten Sie es für möglich, dass die Entwurfsplanung für die Duisburger Klinik aus Kostengründen noch einmal grundsätzlich auf den Prüfstand kommt? Könnte es zu Abstrichen beim Raumprogramm und beim Sicherheitsstandard kommen? Die Planung für Hohenbudberg steht grundsätzlich nicht infrage. Das Raumprogramm ist bereits am 3. 4. 2002 vom Finanzministerium genehmigt worden. Abstriche beim Raumprogramm und beim Sicherheitsstandard sind daher auch nicht vorgesehen. Es bleibt bei der Zusage, dass die Forensik in Duisburg über den modernsten Sicherheitsstandard verfügen wird. Dies wird entsprechend umgesetzt.

Zum Schluss Die Resonanz auf FAKT Nr. 2 im Internet ist enorm. In den Monaten November 2002 bis Februar 2003 wurde unsere Homepage, auf der sich auch ergänzende Informationen und Dokumente zum Thema Forensik finden, genau 9 990-mal aufgesucht! Vielen Dank für Ihr Interesse! Auf Ihre Rückmeldungen und Kommentare freuen wir uns weiter.

Neu im Internet • Die Sicherheitsrichtlinien für den nordrhein-westfälischen Maßregelvollzug • Grundsätze für die Lockerungsentscheidungen in Maßregelvollzugseinrichtungen • „Sicherheit durch Therapie im Maßregelvollzug“ – Stellungnahme eines Initiativkreises unter Vorsitz von Präses Manfred Sorg

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Wir stehen zum Gespräch und für weitere Informationen zur Verfügung

!

Forensik ist ein vielschichtiges, nicht selten mit Emotionen und Vorurteilen behaftetes Thema. Die beste Möglichkeit, zu einem solchen Thema Informationen und Argumente auszutauschen, kritische Fragen zu diskutieren, ist das Gespräch in überschaubarer Runde. Deshalb möchten wir – Mitglieder des Planungs-Beirats, zukünftige Träger, Vertreter des Landes – über den Maßregelvollzug mit Ihnen ins Gespräch kommen. Laden Sie uns ein, wir kommen zu Ihnen! Zum Beispiel in Vereine, Schulklassen, in Gremien und Verantaltungen von Parteien, Verbänden und Gewerkschaften in überschaubarem Rahmen, damit wir miteinander ins Gespräch kommen!

v. Bodelschwinghsche Anstalten Bethel Dr. Günther Wienberg, Vorstand Königsweg 1, 33617 Bielefeld Fon 0521 144-5330 Fax 0521 144-5392 E-Mail Dr.Guenther.Wienberg@ForensikDuisburg.de Carsten Böhrnsen, Planungsgruppe Forensik Königsweg 3, 33617 Bielefeld Fon 0521 144-4459 Fax 0521 144-3497 E-Mail Carsten.Boehrnsen@ForensikDuisburg.de Jens U. Garlichs, Presse + Kommunikation Quellenhofweg 25, 33617 Bielefeld Fon 0521 144-3512 Fax 0521 144-2274 E-Mail presse@bethel.de

Karsten Gebhardt, Vorstand Schildescher Straße 101, 33611 Bielefeld Fon 0521 801-2131 Fax 0521 801-2150 E-Mail Karsten.Gebhardt@ForensikDuisburg.de Dr. Thomas Redecker, Klinik am Hellweg Robert-Kronfeld-Straße 12, 33813 Oerlinghausen Fon 05202 702120 Fax 05202 702111 E-Mail Dr.Thomas.Redecker@ForensikDuisburg.de Ulrike Posch, Öffentlichkeitsarbeit Schildescher Straße 101, 33611 Bielefeld Fon 0521 801-2560 Fax 0521 801-2569 E-Mail ulrike-posch@johanneswerk.de

Impressum Herausgeber: Pastor Friedrich Schophaus, Vorstandsvorsitzender der v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel Königsweg 1, 33617 Bielefeld Redaktion und Gestaltung: Presse + Kommunikation, v. Bodelschwinghsche Anstalten Bethel Fotos: Volker Pieper, Paul Schulz FAKT wird kostenlos verteilt. Weitere Anforderungen unter: Telefon (05 21) 1 44-44 59 FAKT im Internet:

www.forensik-duisburg.de


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