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revue de photographie photographic review

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Die Intimität

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”Die Intimität”, Claude Belime

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Benjamin Teissèdre François Nussbaumer Louise Narbo Marie-Agnès Perigault Muriel Giambino Véronique L’Hoste Yves Flatard Arnaud Pyvka

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Di e In ti mi tät, ei n gew agter, kü n s tl eri s ch er Weg, Sp i egel bi l d ei n er gan zen E p o ch e Da s Ö f f entlic he, da s jed em zu gän gl i ch u n d al l en gemei n s am i s t, vo n al l en gesehen wi r d u n d a llen bek a nnt ist, steht i m G egen s atz zu m Pri vaten , d as au f p ers ö n l i ch e r E r f a hr u n g be r u ht und a uf dem , wa s nur u n s betri ff t. In d i es em Pri vatberei ch befi n d et s i ch d i e I n t i m sp hä r e, da s, wa s uns ga nz na he s teh t, d as , w as Do mi n i qu e Baqu é al s „s u bti l , affe kt bel a d e n u n d vo n Fa nta sie um wob en, sowo h l p rekär al s au ch ko s tbar “ bes ch rei bt. Die Privatsphäre war lange Zeit vom sozialen Dr uck reguliert worden, u n d D a r s t e l l u n g e n der Intimität, die zwar im künstlerischen Bereich ihren Platz hatten, wu r d e n o f t v e r s t e c k t geha lten. Tipha ine Sa m o yau tl u n d Hu go Prad el l e beto n en i n d er So mmerau sga be d er d en Fa chkameras gewidmeten L a Quinzaine Littéraire, dass „die problematische A s s i m i l i e r u n g d e s Intimen und des Privaten, sowie das auf den R ang eines absoluten Wertes e r h o b e n e I d e a l d e r Transparenz“ heute die Frage nach der Intimität in unserer Welt stellt, d e n n d i e s e „ h a t n u r dann Sinn, wenn sie sich dem Blick entzieht. Es handelt sich um einen E n t z u g f ü r a n d e r e , um eine Einschränkung, die - jedes von außen kommende Urteil aussch l i e ß e n d - I n t i m i t ä t in einem eigenen, getr en n ten Berei ch d ars tel l t, d er gegeben en fal l s ei n Schl ü sse l ber ei ch i st , also keiner Zustimmung bedar f.“ Diese Definition macht einerseits die B e z i e h u n g z w i s c h e n Intim itä t und sozia lem Umfel d d eu tl i ch , u n d s tel l t an d erers ei ts d i e Frage n a ch d e r Da r st e l lung dessen, wa s im Gr u n d e gen o mmen vo r d em Bl i ck an d erer ges ch ü tzt wi r d . Die B eziehung zwisc hen fo to grafi s ch er Dars tel l u n g vo n In ti mi tät u n d j ew ei l i ge n ge sel l scha f t lic hen Entwic k lungen sch ei n t au f d er Han d zu l i egen . Ende der Siebzigerjahre haben die aussterbenden Ideologien und revolu t i o n ä r e n D o g m e n , die mit dem Sittenwan del dahinschwindenen Hoffnungen sowie die au f d i e P r i v a t s p h ä r e üb ergr eif enden Kr isen d azu bei getragen , d as s In ti mi tät kü n s tl eri s ch zu m Au sd r u ck ge br a cht werden konnte. Als Beispiele können wir die Arbeiten von Ar naud Class, H e r v é G u i b e r t , Y v e s Guillot nennen, a ber a uch j en e vo n Nan G o l d i n , d i e zw i s ch en ü berd i mensi o n i e r t e r Da r st e l lung einer den B a c h hin u n tergeh en d en In ti mi tät u n d Sp u ren ei n er tragi schen u n d st r a hl e n den Epoc he einzur eihen s i n d .

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H e ut e m a c hen es Inf or m a tik - u n d In ter n et-R evo l u ti o n , Di gi tal fo to grafi e u n d Fo t o h a n d y erst recht möglich, sich überall einzumischen, denn alles wird mit Bild e r n f e s t g e halten und her umgezeigt. Diese aufs Spektakuläre zielende Gesellschaf t, w o e s o f t nur dar um geht, Events zu schaffen und gesehen zu werden, diese Welt m a c h t u n s r a tlos. In einer Zeit ideologischer und künstlerischer Krisen wie der unseren , w o a l l e s r elativ ist und nur halber Konsens her rscht, werden die Rückkehr zur Intim i t ä t , die R ück zugsha ltung ins Ab seits u n d d i e R ü ckbes i n n u n n g au f s i ch s el bs t w i ed er ei n e M ö g l i c hkeit, auf die Welt zu reagieren und sind ein Versuch, sie wieder interes s a n t w e r de n zu la ssen. D i e R ü ckkehr zur Intimität steht auch mit der neuerlichen Aufwertung persönli c h e r küns t ler isc her Ar beit in Ver bind u n g. Di e vergan gen en Jah r zeh n te h aben au s gezei chn et e , of t im Sinne deutsc her O b jekti vi tät en ts tan d en e A rbei ten zu m Vo rs ch ei n gebra cht , d i e e s er möglicht haben, diese realitätsfremde und profanierte Welt zu untersuc h e n , d i e i n time Auseinandersetzung in Bezug auf unser Umfeld und unsere Beziehun g e n i s t j e d och eine Suche nach unserer Menschlichkeit. Es geht also nicht mehr dar u m , e t w a s zu fotografieren, sonder n dar um, den Übergang selbst zu fotografieren. Se i e s n u n i n Bezug zum Körper oder zur L andschaf t, die Art zu sehen, die Stellungna h m e w e r d e n wichtiger als das Objekt an sich; immer mehr Künstler ber ufen sich auf d i e s e H e ra ngehensweise. W ie s oll da nn a b er dieser W iders p r u ch ei n es Bi l d es zu m Th ema In ti mi tät zw i s che n e i n e m für einige wenige zugänglichen Bereich und der öffentlichen Repräsenta t i o n f ü r a l l e behandelt werden? Wie soll es, von dem ausgehend, was geheim ist, was a m R a nde steht und die Suc he na ch ei n er fragi l en , Di s tan z er zeu gen d en Ä s th eti k d a r st e llt , z u einer Ausstellung kom men , o h n e d as s ei n R i s i ko ei n gegan gen w i rd ? Probl ema t iken gibt es genug. W ä h r e nd sich das Öffentliche (im Sinne von - das allen Gemeinsame) immer mehr i n s P r i v a t e verkehrt, wandelt sich Intimität of t in eine verher rlichende Zurschaustel l u n g d e s I n dividuums. Eine der größten Schwierigkeiten bei der Darstellung von Intim i t ä t b e s t e h t in dieser unschar fen Grenze hin zu Vulgarität, Obszönität und Trivialitä t . I n e ine r G esellsc ha f t, die nic ht meh r d i es en d em In d i vi d u u m u n erl äs s l i ch en R au m bi et e t , w ir d die W ieder a neignung d er In ti mi tät au f kü n s tl eri s ch er E ben e ei n e Mö gl i chke it , da s Inbild seines Wesens zu s ch affen . D e r e x tr em e Kult v on Em pf inds amkei t u n d u n mi ttel barer E mo ti o n bi s h i n zu r Übe-

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r em pf indsa m keit stellt ei n e Fal l e d ar, w en n d i e ko n zep tu el l en Bei träge d e r Vergangenheit vergessen werden, naiver Wunsch und Melancholie die Kuns t z e r s t ö r e n und die O r te der Intimi tät o f t u n u mgän gl i ch w erd en (al l en vo ran d as Z i m m er, d er bevor zugte Ort schlechthin, die L aken, das Badezimmer…). Die Auseina nder setzung mi t In ti mi tät kan n s ch l i eß l i ch l ei ch t zu ei n e m R ü ckzu g a uf sic h selb st f ühr en, j a s o gar zu ei n er A rt Au ti s mu s , u n d zw ar d u rch un ge zü gel t e Faszinier ung des Besonderen an einer Person, durch einen übertriebene n G l a u b e n a n Authentizitä t und Wah rh ei t d es u rs p rü n gl i ch E rl ebten . Der Verl u s t j ed we d e n U niv er sa la nspr uc hs bei d er D ars tel l u n g d es w i n zi g Kl ei n en bi s h i n zu m se l bst gef ä lligen Kla gelied k a nn i m bes ten Fal l e zu n ar zi s s ti s ch en , i m s ch l i mmst en Fa l l e zu nevrotischen Werken führen, die eher mit Psychoanalyse als mit Ku n s t z u t u n haben. Die da rgestellte Intim i tät h at w o h l s ch o n ei n e Di s tan z zu d er d em Au t o r e i ge n e n Intim itä t gesc ha f f en. Di e Tats ach e, d as s s i e an d i e Öffen tl i ch kei t gebra cht wo r d en ist, besa gt a uc h, da ss es zu ei n er Vers ch i ebu n g geko mmen i s t. D i e Int i m i t ä t d e s Autors ist zumindest t eilweise verarbeitet und neu geschrieben worden , d a m i t s i e diesem f ür sie ty pisc h p ers ö n l i ch en R au m en tw ei ch en kan n . D i e G ren ze zwi schen Stilübung und eigener Gefährdung ist also kaum wahr nehmbar. Das, wa s d i e s c h o n la ngjä hr ige Ar b eit v on Fran ces ca Wo o d man n s o w ertvo l l mach t, i s t, d as s d i e Kü n st ler in dieses delik a te Si ch -i n -Frage-Stel l en i n Stärke ver w an d el t. In einer b r uta len Welt u n d ei n em gew i s s en Ko n zep tu al i s mu s ü bers ch u s s ge ge n ü ber bleib t die Ar beit m it In ti mi tät u n d i h rer D ars tel l u n g w ei terh i n ei n e kre a t i ve S t e l lungna hm e des Künstl ers , w el ch e d i e Mö gl i ch kei t bi etet, d i e Wel t w i ed e r i n t e r essa nt zu m a c hen. U nd wen n d er Kü n s tl er s i ch d u rch d i es e E r fah r u n g mi t Nä he zu r Differenz und zum Anderssein hin öffnet, wenn er von dieser subjekt i v e n P r a x i s a usgehend da r a us ein n eu es Wel tbi l d en ts teh en l äs s t, kan n er vo n d i ese r p er sö n lichen Er fahr ung ausgehend Universalität er reichen. Und wir können d a n n d a s Showb usiness und die s p ektaku l äre Sei te h i n ter u n s l as s en , u m en d l i ch be i m We r k selbst a nzukom m en, d em Z i el kü n s tl eri s ch er G es tal tu n g s ch l ech th i n .

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Cl au d e Bel i me


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benjamin teissèdre Die Stille des Alltags Winterreise mit meiner Liebsten in der Ariège… Einsamkeiten der Lebewesen, Aufmerksamkeit zeigen, das Gesicht der Dinge nicht anrühren, fotografieren, um ich liebe dich zu sagen… Schönheit der Landschaften. Aus dem Versteck heraus sehen… Dämmerung, mein Schatten an den bunten Holzpfählen… und diese Minute, noch einmal.

www.comdesimages.com

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Benjamin Teissèdre


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françois nussbaumer Selbstporträts Diese vom Körper des Fotografen „Abgestoßenen“, im Seifenschaum haften Gebliebenen, stellen spontan ein weiteres, ein imaginäres Register auf. Das nach dem Tod, bei der polizeilichen Untersuchung aufgestellte Register, das der Suche nach dem Körper des Verbrechens oder nach dem Körper des Opfers dient, das Register der schwarzen Kunst, des Voodoos, das diese Synekdochen der Person einsammelt, die beschworen werden soll. Die Arbeit von François Nussbaumer ist wohl an der Schnittstelle dieser Transgressionen zu plazieren, und zwar da, wo die Vermehrung des Lächerlichen und des Ekelhaften, des Vorher und des Nachher, eine verblüffende ästhetische Spannung erzeugt.

www.francoisnussbaumer.com

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Jean François Ueberschlag


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louise narbo Die hinterbliebenen Objekte

Nach dem Tod meiner Eltern wurde deren Wohnung verkauft und alle Gegenstände und Möbel wurden liquidiert. Ich wollte etwas vom Dekor ihres Lebens und unserer Kindheit festhalten. Zuerst waren es ein paar, in ein Heftchen notierte Sätze. Nur ein paar schwindelerregende Minuten. Dann die Fotos von dem, was verschwinden sollte. Wie für ein Inventar. Alle diese Objekte hatten schon vor mir existiert und die Kriege samt Ausbürgerung miterlebt. Trotzdem war alles noch da. Zwischen Stapeln wunderschöner Wäsche fand ich Stofflappen, die sie einfach nicht wegwerfen konnte. Die Sätze des Heftchens und die Bilder einander näherbringen. Da ist mir klargeworden, dass auch die kleinen Postkarten, die mein Vater von seinen Konzerttourneen in die Hauptstadt mitgebracht hatte, dazugehören. Die Ferien, bevor sie sich kennengelernt hatten. Als sie zwanzig Jahre alt waren. Lange bevor alles angefangen hat.

www.louisenarbo.fr

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Louise Narbo


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marie-agnès périgault Fusion Mein ehemaliger Beruf im chirurgischen Bereich, den ich wegen der Leidenschaft für die Fotografie seit Jahren schon aufgegeben habe, hat meinen Blick auf den Körper erweitert. Enge Bildeinstellungen vom Körper in Bewegung und von der Körpermaterie im Hinblick auf ihre sexuelle Identität. Die Idee, die Liebe und das Begehren in einer Beziehung zwischen Mann und Frau darzustellen, und zwar mit totaler wechselseitiger Aufmerksamkeit in physischer wie spiritueller Hinsicht, diese Idee entstand auf einfache und natürliche Weise. Fragmente eines Körpers, eines Leibes ans Licht bringen, der in einer Vereinigung/Fusion zerdrückt, zerquetscht und geküsst wird, bis der durch die spontane Emotion, die Extase durcheinandergebrachte Körper schreit.

www.visavisworkshop.com/perigault/

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Marie-Agnès Périgault


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muriel giambino Im Sommer in der Lozère. Ein Haus am Bach und Freunde. Wir haben in der Einfachheit, von der Hektiv der Welt abgeschirmt, gelebt. Charmante Augenblicke, die diese ganz besondere Gemeinsamkeit schaffen, diese Aufmerksamkeit für die Dinge, für die Lebewesen. Diese Bildersammlung erzählt diese enge Beziehung zwischen Schatten und Licht.

murielgiambino@yahoo.fr

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Muriel Giambino


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véronique l’hoste Die Bilderreihe über „Intimität“ bringt auf einfachste Weise Physiognomien und Haltungen zum Vorschein, um daraus schließlich einzigartige Personen zu machen. Véronique beschreibt den Blick auf den „anderen“. Ihre Porträts sind manchmal an Orte oder Gegenstände gebunden. Bestimmte Bilder werden daher als Sequenzen präsentiert. „Die Erfahrung des Körpers an sich lehrt uns, den Raum in der Existenz zu verankern.“ „Körper sein heißt, an eine bestimmte Welt gebunden sein.“ Jacques Derrida, in „Erinnerungen eines Blinden”

www.verokod.fr

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CĂŠcile, 2007

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Evier, 2002

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Silhouette, 2003

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Ouverture, 2006

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Anna, 2006

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Isabelle, 2006

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Objet Catherine T, 2002

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Karine, 2003

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July, 2005

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Lit Guillaume, 2006

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Maxime, 2008

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Poisson, 2003

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Lionel, 2002

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André, 2003

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Cour Emna, 2006

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yves flatard Die Herzynien „Ich habe erfahren, dass wir Frauen erogene Zonen besitzen. So sagt man doch, nicht wahr, Herr Doktor? Erogene Zonen, überall haben wir welche, am ganzen Körper. Das hat mich beeindruckt. Ich hätte nie gedacht, dass bei Frauen die sensiblen Stellen so zahlreich sind. Ich fand ein Buch mit einer Abbildung, auf der eine in verschiedene Teile zerlegte Frau zu sehen ist… ja, wie beim Fleischer, wo es große Plakate gibt, auf denen ein Rind und die verschiedenen Fleischsorten zu sehen sind… wie eine Landkarte von Italien mit den Landesteilen und den Gemeinden. Und in diesem Buch war jede weibliche Körperzone anders gefärbt, je nachdem, wie sehr sie reagiert, wenn sie von einem Mann berührt, … halt gestreichelt wird. Zum Beispiel gibt es da den Bereich im Kreuz, da, wo die rote Stelle ist… das heißt also, dass hier die Empfindsamkeit am größten ist. Der Bereich hinter dem Hals, hier, ist violett… Haben Sie gewusst, dass da die Fleischer den mageren Speck herausschneiden? Dann den Rücken entlang, das, was dem Filet entspricht, das ist orange gestrichelt… Weiter unten das Lendensteak. Ah, das Lendensteak, das ist was ganz Besonderes. Das Non plus ultra. Ein Leckerbissen… fast genauso köstlich wie der Nierenbraten. Weil anscheinend der Nierenbraten, vorausgesetzt man versteht sein Handwerk, in allergrößte Erregung versetzt… Das ist fast genauso köstlich, wie wenn einer die Flanke, die Nuss, die Kugel oder den Tafelspitz berührt, den Innenschenkel eben. Ich kenn mich aus, nicht wahr? Ich weiß alles über weibliche Empfindsamkeit…“

„Monolog der Nutte in der Heilanstalt“, Dario Fo und Franca Rame

www.yvesflatard.fr

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arnaud pyvka Die Fotografien von Arnaud Pyvka und insbesondere die hier präsentierte Reihe entwickeln eine sekundäre Welt, indem sie von der unseren ausgehen und sie durch methodisches Aneignen verdoppeln oder verdreifachen. Erstens ist da die Tatsache, dass nicht posiert wird. Pyvkas Fotografien dokumentieren seinen Alltag. Arnaud Pyvka konstruiert Bilder ganz bewusst, indem er den kontinuierlichen Fluss möglicher Bilder, die Sekunde um Sekunde in seinem Kopf auftauchen, analysiert. Er dokumentiert das, was um ihn herum die wenigsten, die unwichtigsten Informationen enthält, jedoch eine eigene Existenz bekommen kann. Er extrahiert „Details“ verschiedenster Bereiche, die er mit seinem Körper durchschreitet. Dieses Arbeitsprinzip ist einzigartig, da so alle Orte und Personen anonym bleiben: kein visueller Orientierungspunkt, kein Blick, kein Hinweis, der uns etwas erkennen lässt oder uns erlaubt, uns räumlich oder zeitlich zurechtzufinden. Die Themen dieser Fotografien sind eher geistige Blitzlichter, unmittelbare Erinnerungen, Déjà-vu-Erlebnisse. Dieses permanente Gleichgewicht wird zur Regel, sodass eine lange Kette von Abzügen entsteht. Arnaud Pyvka treibt dieses Prinzip auf seinen Höhepunkt. Eines der immer wiederkehrenden Themen ist die Fotografie der Fotografie (Poster oder Abzug), ja sogar die Fotografie der Fotoreproduktion (Zeitungen). Die aufeinandergeschichteten Lagen, die mit der wirklichen Welt nichts zu tun haben, werden zahlreicher und lösen eine chemische Reaktion aus. Da ein einzelner, unscharfer Hund, dort ein Wasserfall, sie werden geistig verarbeitet, bis sie auf neue und eigenartige Weise nachklingen, nichts Materielles mehr bieten, dafür aber Emotionen: hier etwas Poetisches (ein Blumenstrauß), dort etwas Außergewöhnliches (ein Frosch), anderswo eine Bedrohung (eine Brandungswelle, ein Dobermann). Auf der Welt gibt es nichts Genaues und niemand Bestimmten, worauf die Fotografien am Ende hinweisen würden, einzig und allein eine Reihe innerer geistiger Wahrnehmungen. Die Reihen von Arnaud Pyvka bilden eine isolierte innere Welt, die aus visueller Weitschweifigkeit und abstrakten Wesen heraus entsteht. Denn man sieht nicht den einen oder anderen, sondern sehr wohl ein Körperteil, eine Haltung, ein Bild, die alle durch die Gelatinen vor dem Objektiv, vor dem Film - und von einem besessenen Gehirn bis zum Äußersten gefiltert werden. Dieser paranoische Fluss rechnet mit der durch eine Serie oder durch die Kuleschow-Methode ausgeübten Wirkung, und er zeigt den unmittelbaren oder nachhaltigen Einfluss der Bilder aufeinander. Pyvka unterwirft also die Abzüge einem Zwang, bis sie sich gegenseitig bestrahlen und nichts mehr von der Welt erzählen, sondern von einer gewollten verführerischen Illusion Zeugnis ablegen.

Sébastien Planas, Oktober 2010 104


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La revue de photographie Regards est éditée par l’association bla-blART 20 rue JB Lulli, 66000 Perpignan, France. www.bla-blart.com et consultable sur le site www.revue-regards.com Directeur de publication : Pierre Corratgé (pierrecorratge@yahoo.fr) Comité d’édition : Claude Belime, Etienne Conte, Odile Corratgé, Pierre Corratgé, Jean Dauriach, Pascal Ferro, Michel Peiro. Communication : Odile Corratgé Réalisation technique : Pierre Corratgé Impression de la version papier par Crealink, création et impression numérique, Perpignan. Contact : revueregards@yahoo.fr Pour s’abonner à la revue web, acheter un exemplaire imprimé ou soumettre un dossier pour une édition ultérieure sur le site www.revue-regards.com

Prochains numéros: • ”Ailleurs” (responsables Odile Corratgé, Etienne Conte et Michel Peiro) janvier 2011. • ”XX° Rencontres” mai 2011 • ”Noir” (responsable Pierre Corratgé) juillet 2011

Partenariat, publicité : odilecorrage@yahoo.fr Toutes les photographies publiées dans la Revue de photographie Regards sont soumises au copyright. Toute reproduction ou publication est interdite sans accord de l’auteur.

ISSN: 2110-7513 121


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