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Akzente Das Magazin der Pädagogischen Hochschule Zürich

Schulführung – mit Teamarbeit und klaren Ideen zur guten Schule Seite 10

Reportage: Was es heisst, im Klassenlager erstmals als Lehrperson in der Verantwortung zu stehen Seite 20 Interview: Integrationsexperte Markus Truniger ist Bildungspreisträger 2016 Seite 30 blog.phzh.ch/akzente


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Inhalt 4/2016

Fotos: Alessandro Della Bella (Cover), Nelly Rodriguez, Alessandro Della Bella, Andreas Eggenberger

20 Reportage: zu Besuch in der Studienwoche «Klassenlager».

29 «Natur und Technik»: erste Tests des neuen Lehrmittels.

10 Schwerpunkt: worauf es bei der Schulführung ankommt.

4 Vermischtes Kontrapunkte zu Pornos für Jugendliche

24 Studierendenseite Porträt, Masterarbeit, Kolumne

7 Eine Frage, drei Antworten Was ist guter Unterricht?

27 PH Zürich Siftung Pestalozzianum: Die Geschichte unserer Schule kommt an die Öffentlichkeit

9 Seitenblick Den Shit-Detektor trainieren

Forschung: Natur und Technik – ein Lehrmittel für alle Themen und Niveaus

10 Schwerpunkt Schulführung Leitartikel: Mit Klarheit und Kontinuität zur guten Schule

Interview: Wolfgang Jenewein, Professor für Betriebswirtschaftslehre Meinungen: Wie eine Lehrerin, ein Schulleiter und eine Schulverwaltungsleiterin gute Schulführung erleben

20 Reportage Wie Studierende der PH Zürich lernen, ein Klassenlager zu organisieren AKZENTE 4/2016

Rektorat: «Ich bin sicher, gemeinsam können wir etwas bewegen» Ausbildung: «Mit den Schulen in einen vertieften Austausch treten» 32 Schule in aller Welt Vom einstigen Vorbild zum Problemfall 34 Medientipps 37 Unter vier Augen «Fritz, auch du!» 38 Instagram #takeover 38 Impressum

Dass in der Schule dereinst von Shared Leadership oder von der Trennung von operativer und strategischer Führung gesprochen wird, daran hat vor 20 Jahren wohl kaum jemand geglaubt. Heute sind diese Begriffe vielerorts etabliert und die entsprechenden Arbeitsweisen eine Selbstverständlichkeit. Die Leitungsrolle sei heute gut akzetiert, sagt Martin Leuthard von der PH Zürich. Er hat die Entwicklung der Schulleitungen von Anfang an miterlebt. Die Liste an Eigenschaften einer guten Schulleitung ist lang: Neben Klarheit und Konstanz nennen Fachleute auch Geduld sowie Beobachtungs- und Konfliktfähigkeit – alles Anforderungen, welche auch in der Privatwirtschaft verlangt werden. Ist der Beruf folglich ein Führungsjob wie jeder andere auch? Schulleiter Jörg Berger sieht Schulen insbesondere deshalb als besondere Organisationen, weil die Menschen hier stärker aufeinander einwirken. Dies mache den Unterschied aus. Eine wichtige Gemeinsamkeit zwischen Schulen und privaten Unternehmen besteht jedoch: Ohne Einbezug des Teams kann Führung nicht funktionieren. Dies gilt vor allem dann, wenn Veränderungen anstehen. Worauf es dabei ankommt, bringt Betriebswirtschaftsprofessor Wolfgang Jenewein so auf den Punkt: «Das Zuhören ist absolut zentral für eine erfolgreiche Integration der Mitarbeitenden. Dabei lautet die Frage, ob man wirklich zuhört oder nur wartet, bis man sprechen kann.» – Christoph Hotz

3

In haltsverzeich nis/Editorial

Zuhören als Mittel zur Integration


Kontrapunkte zu Pornos für Jugendliche

«Gottlob bin ich nicht mehr fünfzehn», sagte Sexologe Martin Bachmann nach dem Film «Amateur Teens». Dieser war Ausgangspunkt einer Podiumsdiskussion an der PH Zürich zum Umgang mit Sexualität in der Schule und Hochschule, moderiert von Monique Honegger von der Kommission Diversity_Gender der PH Zürich. Der Film handelt von einer Gruppe Teenager an einer Zürcher Sekundarschule. Die Tragödie beginnt, als ein gefälschtes Nacktfoto der neuen Schülerin Lara in allen WhatsApp-Gruppen kursiert und erreicht einen Wendepunkt, als Lara von fünf Klassenkameraden vergewaltigt wird. Lara erlangt Anerkennung – und wird zum Teil bewundert –, als sie danach berichtet, dass es sich um einvernehmlichen Sex gehandelt habe. «Der Film fordert auf dramatische Weise auf, sich mit der Frage von Werten auseinanderzusetzen», sagte die Medienpädagogin Friederike Tilemann auf dem Podium. Er zeige zudem, wie wichtig Medienkompetenz sei. Jugendliche müssen lernen, dass es nicht erlaubt sei, Bilder von anderen gegen deren Willen zu verschicken oder gar zu verändern. Seline Kunz, Erziehungs- und Genderwissenschaftlerin, sieht eine Problematik der Bilder zudem darin, dass sich viele Frauen mit Frauenkörpern in Pornos vergleichen und fürchteten, nicht zu genügen. Daher sei es zentral, so Sexualpädagoge Lukas Geiser, dass Jugendliche auch von Erwachse4

Kommende   Ver­ anstaltungen 24. November Podium Pestalozzianum Welche Zukunft für den Familienalltag? Unter diesem Titel diskutieren verschiedene Fachleute zur Thematik «Vereinbarkeit von Familie, Arbeit und Schule».

21. Dezember Präsentation Masterarbeiten Sekundarstufe I.

19. Mai 2017 Symposium Personalmanagement Im Zentrum steht das Thema «Innovation und Führung – das Neue wagen». Das Programm besteht aus Hauptreferaten sowie Forumsveranstaltungen.

Weitere Infos:  tiny.phzh.ch/ veranstaltungen

nen Referenzwerte für Liebe und Erotik erhielten als Kontrapunkt zur Sexualität in den Medien. Das bedeute, fügte Bachmann an, dass Heranwachsende lernen, was emotional zu einem schönen Sexualleben gehören kann. Wie aber tritt man in Beziehung mit Jugendlichen? Indem man sich für ihre Lebenswelt und nicht für ihr Sexualleben interessiere, empfahl Geiser. So habe er dem Vater eines 14-Jährigen anstelle eines Aufklärungsgesprächs geraten, etwas zu unternehmen, wofür sich Vater und Sohn interessieren. Konkret war es der Besuch eines Formel-1-Rennens in Monza – mit dem Auto. «Wenn man gemeinsam Auto fährt, kann man sich nicht ausweichen. Man sitzt nebeneinander, muss sich jedoch nicht in die Augen schauen.» «Aber wir können nicht mit einer ganzen Klasse im Auto sitzen!», warf Honegger ein. «Lehrpersonen müssen im Unterricht Räume für Gespräche öffnen», entgegnete Kunz. «Sie sollen zeigen, dass sie sich für dieselben Fragen interessieren», ergänzte Bachmann. «Lehrpersonen müssen lernen wahrzunehmen, was Schülerinnen und Schüler beschäftigt», so Geiser, der dafür plädierte, das Thema Sexualität bereits in der Primarschule anzugehen. – Martina Meienberg

AKZENTE 4/2016

Foto: Olivia Rigoni

Ver mischtes

Plädierte dafür, das Thema Sexualität bereits in der Primarschule anzugehen: Lukas Geiser (rechts) von der PH Zürich.


Anzahl neue Studierende 2016 und Gesamtzahl der Studierenden an der PH Zürich, aufgeteilt nach Geschlecht. Anzahl neue Studierende 2016 3% 97%

Eingangsstufe

24%

49%

47% Zwei Awards

97%

76%

51%

53% Lehrmittel

406

167

184

3%

24%

49%

47%

97%

76%

51%

53%

Sekundarstufe406 I

24% 76%

06

Sekundarstufe167 II

167

184

49%

47%

51%

53%

184 47%

24%

51%

53%

76%

Quereinstieg

184

47%

Fotos: Niklaus Spoerri, Christoph Hotz

53%

89

24%

22%

Weitere 76% Studiengänge 89 (u.a. Ergänzungsstudium)

78%

266

24%

22%

29%

76%

78%

71%

266

Frauen

AKZENTE 4/2016

3493

Männer

76%

Die PH Zürich 89darf sich einmal 266 mehr über Auszeichnungen freuen. Den Lehrmitteln «Mathematik 4–6 24% Primarstufe» sowie 22% den digitalisier76% ten Lehrwerkteilen 78% von «Mathematik 1–3 Sekundarstufe I» wurde der 266 3493 Worlddidac Award 2016 verliehen.

Ende September 34932016 war Silvia Steiner zu Gast an der PH Zürich. Verleihung neuer Professuren Im Zentrum der Visite stand das Die PH Zürich 22% hat vier neue Pro- 29% Thema Fremdsprachendidaktik. fessuren in den 78% Bereichen Natur- 71%Die Bildungsdirektorin besuchte wissenschaft, 266 höhere Berufsbildung, 3493 unter anderem eine LehrveranstalDeutschdidaktik sowie Deutsch/ tung in Französischdidaktik mit Deutsch als Zweitsprache verliehen. Primarstufenstudierenden. Die Professuren29% erhielten Hansjakob Schneider, Maja Brückmann, 71% Erik Haberzeth und Maik Philipp.

266

3493

Gesamtzahl der Studierenden 2016

Alle Stufen

89

24% für Mathematik-

Moderatorin Wiltrud Weidinger vom 22% Besuch von Bildungsdirektorin 29% 24% PHZH-Zentrum IPE (r.) im Gespräch 76% 78% 71% Silvia Steiner mit Lehrerin Francesca Micelli.

89

49%

67

89

Hochschultag im Zeichen der fahrens für Quereinsteigende, Flüchtlingsthematik die an der PH Zürich einen der Unter dem Titel «Flüchtlingskinder. berufsintegrierten QuereinsteiWelche Unterstützung braucht die ger-Studiengänge absolvieren Schule?» fand Anfang November der wollen. Hochschultag 2016 der PH Zürich Tagung zum Thema Chemiestatt – unter anderem mit einem und Physik-Didaktik Podium mit VSA- Chefin Marion Anfang September fand an der Völger, ZLV-Präsidentin Lilo Lätzsch sowie PHZH-Rektor Heinz PH Zürich die Jahrestagung der Gesellschaft für Didaktik der Rhyn. Zudem gab Lehrerin 24% (GDCP) statt. Francesca Micelli aus dem Schul- 49%Chemie und Physik47% 76% 51% 53% haus Aemtler einen Einblick in ihre An der Veranstaltung nahmen über 360 Teilnehmende aus zehn 89 Arbeit mit Flüchtlingskindern.167 406 184 Ländern teil.

3%

Primarstufe 156

56

84

156

Aktuelles

Quereinstieg: Auswahlverfahren erhält Zertifikat Das Auswahlverfahren für Quereinsteigende an der PH Zürich ist von Swiss Assessment und der Schweizerischen Vereinigung für Qualitätsmanagement und Managementsysteme (SQS) zertifiziert Silvia Steiner und Heinz Rhyn im worden. Das Auswahlverfahren ist Austausch mit Dozentin Johanna Weinmann. zentraler Teil des Aufnahmever5

24% 76%

22% 78%

29% 71%

Ver mischtes

PHZH in Zahlen


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AKZENTE 4/2016


Eine Frage, drei Antworten: Was ist guter Unterricht? einen progressiven Umgang mit Fehlern, vertrauen auf die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler und haben die Bereitschaft, sich jeden Tag in jeder Stunde überraschen zu lassen. Im Zentrum guten Unterrichts steht somit die gute Lehrperson.

nen. Dabei sehe ich meine Rolle in der Begleitung der Lernprozesse und als Hüterin des Fachwissens.

Corinna Nüesch, wissenschaftliche Mitarbeiterin im VSA

AKZENTE 4/2016

Ueli Hirt, Dozent für Mathematikdidaktik an der PH Zürich

Im   g uten   Unterricht   bearbeiten Lernende interessante InhalSandra Major, Primarlehrerin te und reichhaltige Aufgaben mit in Schwamendingen hohen, aber erreichbaren Anforderungen. Sie werden differenziert Meiner   Meinung   nach   ist gefördert – mit Klarheit, Zutrauen, die Grundlage für einen guten Unterstützung und Wertschätzung. Unterricht die Beziehung zu den Guter Unterricht heisst auch, LerSchülerinnen und Schülern. Ich als nende und ihr Lernen verstehen – Lehrerin nehme sie nicht nur als dieser wohl höchste Anspruch wird Lernende wahr, sondern begegne erfüllt vor allem bei der individuelihnen als eigenständige Menschen len fachlichen Begleitung, weil dabei und setze mich intensiv mit jedem die gute Beziehung, eine geförderte Kind auseinander. Nur so kann Eigenständigkeit, die gelingende ich eine passende Lernatmosphäre Klassenführung und Feedback zuschaffen und den Unterricht entsammentreffen. Im guten Untersprechend gestalten. Dabei zeige ich richt wissen die Lernenden, was gilt. klar meine positiven Erwartungen Gleichzeitig erfahren sie Autonomie, an die Kinder. Ich weiss, was sie Zufriedenheit und Gemeinschaft im können und fordere dies auch ein. unterstützenden Lernklima. Guter Dazu kommt die Qualität der Unter- Unterricht ist mehr als gut unterrichtsgestaltung: Ich muss Lernziele richten. Er beginnt im Kleinen, beifestlegen, entsprechende Lernsitua- spielsweise beim Begrüssen. Für tionen vorbereiten, bei der Durchdie Lehrperson ist klar, dass guter führung präsent sein und motivieUnterricht nie ganz gelingt und rend unterstützen. Die Kinder lerdoch stets von neuem anzustreben nen alleine, aber auch miteinander. ist – mit Zuversicht, Gelassenheit, In meinem Unterricht sind eigene Freude und Humor. Guter UnterLösungswege, aber auch Fehler er- richt bedingt ein Umfeld, in dem wünscht. Dies ist zentral fürs LerLehrpersonen gesund bleiben. 7

Meinu ngen

Voraussetzung   für   einen lernwirksamen Unterricht ist ein Klima, welches durch Respekt, Wertschätzung und Vertrauen gekennzeichnet ist. Lernwirksamer Unterricht traut den Schülerinnen und Schülern viel zu. Er orientiert sich an Begabungen, Potenzialen und Vorkenntnissen der Schülerinnen und Schüler und bietet die Möglichkeit, diese auszuschöpfen und weiterzuentwickeln. Dabei sollen sich die Schülerinnen und Schüler wahrgenommen fühlen und als selbstwirksam erleben können. Die Aufgabe der Lehrpersonen ist es, die dazu geeigneten Rahmenbedingungen zu schaffen. Dazu gehört eine strukturierte und störungspräventive Klassenführung, welche es den Lehrpersonen ermöglicht, flexibel auf unterschiedliche Situationen reagieren zu können. Ebenso wichtig ist, dass sich die Lehrpersonen bemühen, eine Lernumgebung zu bereiten, in welcher die emotionale Seite des Lernens sowie die Bedürfnisse nach Autonomie, sozialer Eingebundenheit und Kompetenzerleben befriedigt werden. In einem guten Unterricht gelingt es den Lehrerinnen und Lehrern, die Lernprozesse der Schülerinnen und Schüler zu aktivieren, initiieren und modellieren. Sie pflegen dabei


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AKZENTE 4/2016


Alex Rickert – Seitenblick

Illustration: Elisabeth Moch

Keine andere Sprache auf der Welt ist so schlüpfrig und aalglatt wie die deutsche. Das sagte Mark Twain, als er durch Europa reiste und Deutsch lernte. Er forderte deshalb dringend, diese Sprache zu reparieren. Denn es gebe Wörter, die seien so lang, dass sie Schatten werfen würden. Davor ist auch die Bildungsbranche nicht gefeit. Haben Sie auch schon mal ein Zielvereinbarungsblatt gezückt? Oder sich vielleicht an einem Rahmenlehrplanvernehmlassungsverfahren beteiligt? Ich gestehe, ich habe auch schon Wörter wie Binnendifferenzierungsmethode benutzt, mit schlechtem Gewissen zwar und im Wissen, dass schmächtige Begriffe nicht grossartiger werden, wenn man sie aufbauscht. Nebst solchen «alphabetischen Prozessionen» (Mark Twain) wenden Schreibende einen zweiten Trick an, um wichtig zu klingen. Sie mästen schlanke Wörter ( wie zum Beispiel «richtig») zu Nomen ( Richtigkeit), die eigentlich keine sein wollen. Wer das tut, löst hierzulande bei den Lesern höchstens Gähnen aus. In anderen Teilen der AKZENTE 4/2016

Welt aber riskiert, wer solches wagt, eine scharfe Lippe. Auf Jamaika beispielsweise sind Nominalisierungen auf «-ismus» stark negativ besetzt. Sie stehen für starre Konzepte wie racism, sexism oder imperialism, die eine Gemeinschaft zerstören. Man nennt sie abwertend «isms and shisms». Teufelszeug also. Im deutschsprachigen Raum gedeihen abgehobene Phrasen und Satzungetüme ausgerechnet in Lehrbüchern und Sachtexten besonders gut. Es scheint die paradoxe Regel zu gelten: je komplexer die Sache, desto aufgeblähter die Schreibe. Das stellt nicht nur Erwachsene vor Hürden, sondern insbesondere Schülerinnen und Schüler mit schlechten Deutschkenntnissen. Fachleute gebrauchen überkomplexen Stil zum Ärger ihrer (jungen) Leser in der Hoffnung, ihrem Text mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen. Doch so wie Affen manchmal von Bäumen fallen, greifen auch Experten beim Schreibstil hin und wieder daneben. Wir alle kennen vertrackte Texte, die Schwindel erregen und trotzdem brillant sind. Aber «solange man nicht bewiesen hat,

dass man einfach kann, kann man auch nicht kompliziert», meint der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf, und er hat Recht. Die Frage ist, wie man sich gegen die Versuchungen wappnet, schreiben zu wollen wie Thomas Mann oder Immanuel Kant. Was tun, um die eigene Sprache aufzuräumen? Ich empfehle die Methode Hemingway, die da lautet: Trainiere deinen Shit-Detektor. Denn die wichtigste Gabe guter Schreiber, so Hemingway, ist ein eingebauter, bruchsicherer ShitErkenner. Damit meint er das Talent, bei Texten alles Überflüssige wegzuspülen und die Sprache schlank zu halten. Als Warm-Up sei angeregt, in den eigenen Texten nutzlose Adjektive des Typs «tiefes» Geheimnis aufzuspüren und zu tilgen. Gleiches gilt für Nominalisierungen, unnötige Einschübe und Wortdreimaster. Darauf hin könnte man das Thema Schreibstil als Gesamtteamsitzungstraktandum vorschlagen.

Alex Rickert ist Dozent im Schreibzentrum der PH Zürich.

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Seitenblick

Den Shit-Detektor trainieren


Mit Klarheit und Kontinuität zur guten Schule Eine gute Schulleitung fügt die zahlreichen Ansprüche an die Schule zu einem überschaubaren Ganzen zusammen. Eckte die Idee einer Führungsperson in der Volksschule vor 20 Jahren noch an, sind viele Lehrpersonen heute froh um die Entlastung und Unterstützung. Text: Melanie Keim, Fotos: Alessandro Della Bella

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AKZENTE 4/2016


Breites Aufgabengebiet: Der Austausch mit dem Team und die Arbeit am Computer sind nur zwei von einer A K Z E N T E 4 / an 2 0 1 6Tätigkeiten von Schulleitenden (Bild: Schulleiterin 11 Vielzahl Karin Zulliger aus Niederuster).


Schwer pu nkt Schulf ü hr u ng

Schulleitungen sind heute kaum mehr aus dem Schulbetrieb wegzudenken. Dabei hatte die Idee einer Führungsperson in der Volksschule noch Mitte der 90er Jahre beinahe etwas Ketzerisches. So zumindest beschreibt Martin Leuthard, Leiter des Weiterbildungsbereichs Management und Leadership an der PH Zürich, die Anfänge der geleiteten Schule im Kanton Zürich. Er war bei der Bildungsdirektion des Kantons Zürich am Projekt «Teilautonome Volksschulen im Kanton Zürich» (TaV) beteiligt, einem Versuchsprojekt zur Einführung von Schulleitungen. Das Pilotprojekt war klein aufgegleist und startete 1997 mit sieben Schulgemeinden. Aufgrund des grossen Interesses wurde das Projekt Jahr um Jahr erweitert und umfasste nach sechs Jahren bei Abschluss der Pilotphase rund 100 Schulgemeinden. «Anfangs der 90er Jahre entstanden in den Schulen immer mehr Projekte, die über das Schulzimmer hinausgingen und gemeinschaftlich durchgeführt wurden. Dadurch entstand ein Bedarf an Führung und Koordination», erklärt Leuthard. So verlangten beispielsweise die neuen integrativen Schulungsformen nach gemeinsamen Vorstellungen und

Carmen Wolff

Regeln der Zusammenarbeit unter den Beteiligten. Solche Prozesse mussten durch eine Führungsperson geleitet und koordiniert werden. Während sich an manchen Schulen aus dem Kollegium heraus Teamleitungen quasi als Vorstufe einer Schulleitung bildeten, reagierten weite Teile der Zürcher Lehrpersonen zu Beginn skeptisch auf das Versuchsprojekt TaV. Die Vorstellung eines Chefs habe wohl wenig zum damaligen Selbstverständnis vieler Lehrpersonen gepasst, die relativ weit von den Schulbehörden entfernt arbeiteten und teilweise eine Schmälerung ihrer persönlichen Autonomie und Methodenfreiheit befürchteten, sagt Leuthard. Da der Einführung von Schulleitungen jedoch nicht die Idee einer höchsten Entscheidungsmacht, sondern primär der Gedanke der zusätzlichen Gestaltungsfreiheit der Schuleinheiten zugrunde lag, stiess das Konzept der geleiteten Schule im Schulfeld rasch auf grosse Akzeptanz. Mit dem Ja zur Volksschulreform wurden bis 2009 an allen Schulen im Kanton Zürich Schulleitungen eingesetzt. Während einige Führungspersonen anfangs mit grossen Widerständen von Lehrpersonen zu kämpfen gehabt hätten, sei die Leitungsrolle heute gut akzeptiert, sagt Leuthard. Schliesslich könne eine gute Schulleitung auf vielen Ebenen Entlastung bieten, zudem kennen gerade jüngere Lehrpersonen nichts anderes mehr.

Im Dienste der Bildung Leiterin der Schulverwaltung Während und nach der Einführung der obligatorischen der Sekundarschule Wetzikon Schulleitungen kam es an manchen Schulen zu auffalSeegräben lend vielen Lehrpersonenwechseln. Als Folge einer Diversifizierung und Profilschärfung der Schulen ist eine Stellenrochade jedoch keineswegs als schlechtes Zeichen Als Leiterin der Schulund ohne Traktandenzu deuten: Wo Werte und gemeinsam getragene Konzepverwaltung bilde ich mit liste und Protokoll beeiner Schulleiterin sprechen. Dass mein te klar definiert sind, kann eine Schulleitung ein starkes unserer Sekundarschule Büro im Schulhaus unterdie Geschäftsleitung. gebracht ist, begünstigt Team aufbauen und den Lehrpersonen den nötigen Gemeinsam mit ihr manage dies. So sind die Wege Rückhalt und Bestätigung für ihr Tun geben. Nicht zuich das operative Gekurz und man trifft sich letzt ist die Passung zwischen den Vorstellungen einer schäft. Wir sind die auch immer wieder sponSchnittstelle zwischen tan zu einem informellen Lehrperson und der Schulkultur auch zentral für gute der Schulpflege, welcher Austausch im Lehrerzimdie strategische Führung mer oder auf dem SchulLernbedingungen. Und um diese sollte sich letztlich die obliegt, und der Schule. gelände. Darüber hinaus Arbeit der Schulleitung immer drehen. «Es ist falsch zu Das Modell hat sich sehr ist ganzheitliches Denbewährt. Die Trennung ken absolut zentral für glauben, dass Lehrpersonen für Bildung und Schulleizwischen strategischer eine erfolgreiche Schultungen fürs Management zuständig sind», sagt Niels Anund operativer Führung führung – das heisst, ist ein wichtiger Faktor nicht nur das eigene deregg, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Mafür eine erfolgreiche Aufgabengebiet, sondern nagement und Leadership an der PH Zürich. Alle EntSchulführung, da die die Bedürfnisse sämtliZuständigkeiten so klar cher Anspruchsgruppen scheide der Schulleitung bis hin zur finanziellen Planung geregelt und die Entder Schule im Auge zu scheidungswege kurz haben. Ganz wichtig damüssten sich im Grunde nach der Frage richten, inwiesind. Neben regelmässibei: Konsens suchen und fern die Kinder im Schulhaus wirklich davon profitiergen Sitzungs- und Ausunterschiedliche Komtauschgefässen braucht petenzen erkennen und ten. «Wenn sich die Schulleitung nicht an der Qualität es meiner Erfahrung nach nutzen. Nicht zuletzt der Bildung orientiert, läuft sie Gefahr, dass sie Dinge als auch eine gewisse Unkom- heisst gute Schulfühpliziertheit im Umgang. rung auch, sich für Forwichtig erachtet, die es gar nicht sind, und die Schule in Wir pflegen in Wetzikon schungsergebnisse zu der Administration erstickt», sagt Anderegg. Organisatoeine Kultur der offenen interessieren und BeTüren. Dringende Angegeisterung wecken zu rische Aufgaben haben folglich nicht einen möglichst legenheiten lassen sich können für Weiterentreibungslosen Ablauf zum Ziel, sondern die Verbesseso auch einmal einfach wicklungen. 12

AKZENTE 4/2016


Schulleiter Schule Knonau

Ich bin seit neun Jahren Schulleiter in Knonau. Zuvor habe ich sechs Jahre als Klassenlehrer unterrichtet. Für eine erfolgreiche Führungsarbeit im schulischen Umfeld ist es entscheidend, dass ich das Prinzip der Steuerung im Bildungswesen verstehe. Schulen sind besondere soziale Organisationen und funktionieren anders als beispielsweise Unternehmen in einem technischen Umfeld. Meiner Ansicht nach wirken bei uns die Menschen stärker aufeinander ein. Wie sich die Lehrpersonen die positiven Aspekte dieses Einwirkens zunutze machen, ergibt sich aus ihren individuellen Wahrnehmungen und Fähigkeiten sowie aus ihren Motivationen und Kompetenzen im eigenen Handeln. All dies wirkt sich auf meine Arbeit aus. Ich sehe meine Aufgabe als Schulleiter insbesondere darin, den

Lehrpersonen ein Umfeld zur Verfügung zu stellen, in dem sie sich entfalten können. Dies bedingt, dass wir immer wieder gemeinsam über unsere Vorstellungen einer guten Schule und über mögliche Entwicklungen sprechen. Wichtig ist mir dabei, dass dafür keine unnötigen Sitzungen abgehalten werden müssen. Ich habe zum Beispiel die wöchentlichen Besprechungen schon lange abgeschafft. Wichtige schulentwicklerische Themen besprechen wir in unseren pädagogischen Konferenzen, welche sieben Mal im Jahr stattfinden. Die darin beschlossenen Ziele dürfen ambitioniert, jedoch nicht zu hoch angesetzt sein. Die Schulleitung braucht dabei ein gutes Gespür, was zeitlich möglich ist. Ebenfalls eine wichtige Voraussetzung ist Vertrauen – sowohl in sich selber als auch in das Team.

rung der Arbeits- und Lernbedingungen. So kann eine Schulleitung etwa durch eine geschickte Koordination der Stundenpläne Raum für die Unterrichtsentwicklung schaffen. Anderegg nennt das Beispiel einer Schule, an der alle Klassenlehrpersonen an einem Morgen pro Woche während zwei Stunden nicht unterrichten und sich stattdessen zur gemeinsamen Unterrichtsvorbereitung treffen. Ein simpler Zug der Schulleitung, der nicht nur der Qualität des Unterrichts, sondern auch der zeitlichen Entlastung der Lehrpersonen dient. «Gute Schulen können in ihrer pädagogischen Ausrichtung sehr unterschiedlich sein», sagt Anderegg. Entscheidend für die Qualität des Unterrichts ist demnach nicht, ob sich eine Schule beispielsweise dem altersdurchmischten Lernen oder dem Konzept der Lernlandschaften verschrieben hat, sondern ob Klarheit über gemeinsame Ziele und die Wege dorthin besteht. Vordergründig können Werte schnell in Leitbildern bestimmt werden. Eine andere Sache ist es hingegen, Schlagwörter wie einen wertschätzenden Umgang oder individuelle

Klarheit statt Harmonie Neben Klarheit, Zuverlässigkeit und Konstanz sind Geduld, Beobachtungs- und Konfliktfähigkeit zentrale Eigenschaften einer guten Schulleitung. «Gute Schulen sind eigentlich nie harmonische Schulen», sagt Anderegg. Ganz im Gegenteil gilt es, Konflikte produktiv zu nutzen. Und wo pädagogische Ideen oder Vorstellungen über die Zusammenarbeit zu stark auseinandergehen, darf sich die Schulleitung auch nicht davor scheuen, einer Lehrperson einen Stellenwechsel nahezulegen. Anderegg riet als Schulleiter einmal einer hervorragenden Lehrerin, die noch am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn stand, die Schule zu wechseln. Denn Personalentwicklung, eine der zentralen Aufgaben der Schulleitung, erfordert eine langfristige Perspektive. Idealerweise hält eine Schulleitung stets Ausschau nach möglichen Kandidaten für künftige freie Stellen und beobachtet beispielsweise aufmerksam Praktikanten, die nach ihrem Abschluss ins Lehrpersonenteam passen könnten. Für die Freiheiten der Schulleitungen in Personalentscheiden würde die Schweiz aus Deutschland und Österreich oft neidvoll betrachtet, sagt Anderegg. Auch wenn es in beiden Ländern aufgrund der langjährigen Tradition hervorragende Schulleitungen gebe, herrsche eine stärkere Verbeamtung als hierzulande, wo sich der Beruf nicht aus einer Verwaltungstätigkeit entwickelte. Während es Schulen mit einem starken Profil selten schwerfällt, passende Lehrpersonen zu finden, gestaltet sich die Suche nach einer neuen Schulleitung für die meisten Schulen schwierig. Zwar bewerben sich in der Regel zwischen 40 und 60 Personen auf eine Stelle, da die Schulleitungsposten nicht zuletzt wegen der attraktiven Löhne äusserst beliebt sind. Gerade von interessierten Führungspersonen aus der Privatwirtschaft werden die Herausforderungen des Berufs jedoch oftmals unterschätzt. So müssen Schulleiterinnen und Schulleiter nicht nur ein tiefes Verständnis der Institution Schule

AKZENTE 4/2016

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Schwer pu nkt Schulf ü hr u ng

Jörg Berger

Förderung in den Schulalltag zu übersetzen. Anderegg zeigt anhand zweier Beispiele aus Deutschland, was unter gelebten Werten zu verstehen ist: An einer Schule in einem schwierigen Viertel in Bremen merkte sich ein Zweitklässler die Kennziffer eines Autos, das auf dem Trottoir vor seiner Schule parkierte, und beschwerte sich damit bei der Schulleiterin, die Anzeige erstattete. Ihre Kultur der Grenzziehung war offensichtlich bis zu dem Primarschüler durchgedrungen. Eine ähnliche Kultur der Grenzen zeigte sich Anderegg an einer Schule in Dortmund, wo ein stark vernachlässigtes Kind der Schulleiterin jeden Morgen sein Pausenbrot zeigen musste und dabei einige Worte mit ihr wechselte. «Eine solche Regelung kann man gut oder schlecht finden, aber die Konsequenz dieser täglichen Begegnung zeigt Wirkung», so Anderegg.


mitbringen, sondern auch mit einer grossen Unbekannten umgehen können: Dem Lernen, das sich als höchst komplexer Prozess nicht wie ein Produkt nach einer bekannten Rezeptur herstellen lässt. Zudem unterscheidet sich der Beruf stark von den Führungsaufgaben in vielen Unternehmen, da den Lehrpersonen als Experten und Expertinnen viel Autonomie zugestanden werden muss. So kommen inzwischen die meisten Schulleiterinnen und Schulleiter aus dem Lehrberuf, obwohl dies keine gesetzliche Vorgabe mehr ist.

Schwer pu nkt Schulf ü hr u ng

Gedächtnis der Schule Beim Antritt einer neuen Stelle ist von der Schulleitung viel Geduld und Sensibilität gefragt. Selbst wo Probleme im Schulalltag sofort ins Auge stechen, gilt es in einer ersten Phase, die bestehende Kultur der Schule kennenzulernen sowie eigene Visionen klar zu kommunizieren. Stösst eine neue Schulleitung überstürzt Veränderungen an, endet das nicht selten mit einem baldigen Abgang. Bleibt sie nach den ersten zwei heiklen Jahren im Amt, stehen die Chancen dagegen gut, dass viele weitere folgen. Schulleitungswechsel sind für eine Schule heikle

Lucia Schlüssel

Primarschullehrerin in Andelfingen

Während der vergangenen 20 Jahre habe ich verschiedene Formen von Schulführung erlebt. Darunter sind gute Beispiele, aber auch andere. Aktuell unterrichte ich als Klassenlehrerin in Andelfingen. Gute Schulführung heisst für mich, uneigennützig im Dienste der Gemeinschaft und gesamten Schule zu handeln. Dies gilt für alle Personen mit Führungsaufgaben in einer Schulgemeinde: Schulpflege, Schulverwaltung, Schulleitung, Lehrpersonen. Ein wichtiger Faktor ist die Möglichkeit zur Partizipation, damit jeder sein Bestes geben kann. Dabei müssen Ansichten und Rückmeldungen aller Beteiligten Beachtung finden, weil Scheinpartizipation nur zu unnötiger Ressourcenverschwendung führt. Wenn Partizipation gelingt, trägt dies viel

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zur Identifikation mit der Schule bei, was meiner Ansicht nach eine wichtige Voraussetzung ist, um das Team mit ins Boot zu holen. Ebenfalls von Bedeutung für eine erfolgreiche Schulführung sind die Zielsetzungen. Die Ambitionen dürfen nicht zu hoch sein und müssen den Möglichkeiten der einzelnen Beteiligten entsprechen. Die Primarschule Andelfingen kann unter anderem aufgrund der Bevölkerungsstruktur und der guten finanziellen Situation relativ hohe Ziele setzen. Doch auch bei uns gilt: Teil einer realistischen Planung ist es, nicht zu viele Projekte gleichzeitig zu führen sowie den Fokus auf wichtige Angelegenheiten zu setzen. Denn das Ziel ist es, als Gemeinschaft nachhaltig und langfristig zu planen und zu handeln.

Momente, die gut vorbereitet werden sollten. «Ungeplante Leitungswechsel sind für die Schulentwicklung sehr hinderlich», sagt Enikö Zala-Mezö, Leiterin des Zentrums für Schulentwicklung an der PH Zürich. Bei häufigen Leitungswechseln fehlt es einer Schule nicht nur an der für Entwicklungsprozesse notwendigen Kontinuität, sondern oftmals auch an einer Instanz, die Verbindungen zur Vergangenheit schafft. «Eine gute Schulleitung funktioniert auch als Gedächtnis der Schule», sagt Zala-Mezö. Ein Gedächtnis, das die Zusammenhänge zwischen bereits erreichten Zielen und künftigen Herausforderungen aufzeigt. Oft gelinge es den Schulen nicht, ihre Themen zusammenzuführen, sagt Zala-Mezö. Stattdessen wird den zahlreichen Ansprüchen mit zig parallellaufenden Projektgruppen begegnet, wobei die Themen kommen und gehen, ohne dass ein inhaltlicher Zusammenhang entsteht. Zala-Mezö bezeichnet ein solch additives Nebeneinander als «Projektitis» und weist darauf hin, dass die mangelnden inhaltlichen Verbindungen häufig für Ermüdungserscheinungen bei Lehrpersonen verantwortlich sind. Aufgabe der Schulleitung ist es daher, die zahlreichen Ansprüche an den Unterricht in einem umfassenden Konzept unterzubringen. Gelingt es einer Schulleitung aufzuzeigen, dass ein Ziel wie etwa eine sensible Haltung gegenüber den Bedürfnissen der einzelnen Schülerinnen und Schüler auf vielen Ebenen Früchte trägt und nicht nur die Integration, sondern auch das Lernklima und die Partizipation aller Schülerinnen und Schüler fördert, wirken entsprechende Herausforderungen auch weniger belastend. Damit neue pädagogische Konzepte wie die Kompetenzorientierung wirklich greifen, müssen diese erst in einem gemeinsamen Sinngebungsprozess für die eigene Schule übersetzt werden. Der Schulleitung kommt dabei die Rolle einer Moderatorin zu, die Diskussionen anstösst und lenkt, die Lehrpersonen ermutigt, Neues auszuprobieren und für einen Austausch der Erfahrungen im Team sorgt. Statt eigene Konzepte stur von oben zu verordnen, entwickelt eine gute Schulleitung neue Konzepte gemeinsam mit dem Team, wobei sie möglicherweise auf bestimmte Ideen verzichten muss, wenn sie das Lehrpersonenteam nicht dafür begeistern kann. «Ideen müssen im Team entstehen, damit sie nachhaltig sind», sagt Zala-Mezö. Neben guter Kooperation und einer strukturierten Führung bildet das organisationale Lernen, also das Lernen der Lehrpersonen selbst, die dritte Komponente erfolgreicher Schulentwicklung. Wo Veränderungen angestossen werden, müssen die Beteiligten nämlich auch für die entsprechenden Herausforderungen befähigt werden. «Brauchen wir eine Weiterbildung?» oder «Können wir das überhaupt?» sind Fragen, die die Schulleitung immer wieder stellen sollte. Oftmals ist eine Beschränkung auf wenige, dafür wichtige AKZENTE 4/2016


und gut verankerte Projekte angezeigt, damit Ambitionen nicht in der Überforderung enden. «Im Nein-Sagen üben sich die Schulen noch», so Zala-Mezös Einschätzung. Damit sich auch Schulleitungen selbst nicht übernehmen, ist zudem ein gezieltes Delegieren von Teilverantwortungen an Lehrpersonen sinnvoll. In der Forschung wird das sogenannte «Shared Leadership» heute breit diskutiert: die Idee, dass verschiedene Personen wie Jahrgangsleitungen, Themenoder Projektverantwortliche in ihren Bereichen Verantwortung und Führung übernehmen. So sind beispielsweise ICT-Verantwortliche nicht mehr nur für die Infrastruktur und die Weitergabe von pädagogischen Konzepten verantwortlich, sondern sie teilen mit der Schulleitung die Führungsverantwortung für Schul- und Unterrichtsentwicklung für den Bereich Medienbildung. Für diese Leitungsfunktion erhalten sie die entsprechenden Ressourcen und Kompetenzen, übernehmen aber auch Pflichten und Verantwortlichkeiten. In vielen Zürcher Schulen beginnt sich ein solches mittleres Management zu etablieren. Langfristiger Lernprozess In der Frage, ob das Leiten einer Schule Persönlichkeitssache oder erlernbar ist, geAKZENTE 4/2016

Der Unterricht steht im Zentrum: Entscheide sollten sich immer nach den Ansprüchen der Kinder richten.

Ausgewählte Weiterbildungen der PH Zürich Bildung und Lernen 19.-21. Januar 2017, 8.30 bis 17 Uhr tiny.phzh.ch/ bildungundlernen

Das Einmaleins der Schulfinanzen 25. März 2017, 8.30 bis 16.30 Uhr tiny.phzh.ch/ schulfinanzen

Kommunikation/ Öffentlichkeit 22.– 24. Juni 2017, 8.30 bis 17 Uhr tiny.phzh.ch/ kommunikation

Eigene Tendenzen im Führungsverhalten 21. September und 26. Oktober 2017, 8.30 bis 12 Uhr tiny.phzh.ch/ fuehrungsverhalten

hen die Meinungen auseinander. «Ich glaube nicht an Persönlichkeit, sondern an die Passung und Fähigkeiten, die sich ausbilden lassen», sagt Zala-Mezö. Im CAS «Schulentwicklung» wird beispielsweise die Beobachtungsfähigkeit von Schulleiterinnen und Schulleitern durch sorgfältig vor- und nachbereitete Schulbesuche geschult. Unter der Prämisse, dass das Leiten einer Schule idealerweise in einem mehrjährigen Lernprozess ausgebildet wird, baut die PH Zürich ihr Weiterbildungsangebot für Schulleitungen zurzeit stark aus. Denn im gesetzlich zur Ausübung der Schulleitungstätigkeit vorgeschriebenen, 18 ECTS umfassenden CAS «Führen einer Bildungsinstitution» können die zentralen Aspekte des Berufs von der pädagogischen Schulführung über die Personalentwicklung bis zu den Finanzen mehr angeschnitten als vertieft werden. Mit einem bedarfsorientierten Angebot an Kursen, Beratungen und Zertifikatsstudiengängen, die flexibel zu einem Diplom oder einem Master of Advanced Studies ausgebaut werden können, will die PH Zürich künftig das «Learning on the Job» bei Schulleitungen fördern. Denn wo eine Schulleitung ihr Lehrpersonenteam fit für gesellschaftliche Herausforderungen halten will, muss sie am Ball bleiben.

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Gute Schulführung heisst, neue Konzepte stets gemeinsam mit dem Team zu entwickeln.


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«Leader müssen heute immer mehr auch ihr Umfeld integrieren» Erfolgreiches Change Management ist laut Betriebswissenschaftsprofessor Wolfgang Jenewein weniger eine Frage der strategischen Brillanz als von Empathie und Reflexionsfähigkeit der Führungsperson. Auch an der Schule können Einzelpersonen die Kultur von innen heraus verändern.

Akzente: Wie gelingen tiefgreifende Veränderungen in Organisationen? Jenewein: Zuerst braucht es eine klare Vision, wo die Organisation hinsollte. Damit visionäre Ideen nicht auf halbem Weg Schiffbruch erleiden, müssen Leader heute immer mehr ihr Umfeld integrieren. Das heisst, dass man Ideen mit der Realität abgleichen und die wichtigsten Betroffenen integrieren muss, die Mitarbeitenden, die Kunden, in der Schule die Politik. Nach der Integration der Stakeholder ist es wichtig, in kleinen, verdaubaren Schritten voranzugehen und keinen radikalen Wandel zu erzwingen, es sei denn, die Situation erfordert es. Der vierte Schritt wäre, Erfolge auch zu feiern, damit nicht das Gefühl entsteht, dass man keine Fortschritte macht. Dies ist bei grossen Organisationen umso wichtiger, als in ihnen nicht so schnell sichtbar wird, was alles schon richtig geht. Was sollte beim Anstossen von Veränderungsprozessen vermieden werden? Auf keinen Fall darf schlecht über die Vergangenheit gesprochen werden. Bei Change Managern, die von aussen in eine Organisation kommen, besteht die Gefahr, dass bestehende Strukturen schlechtgemacht werden. Selbst wenn alles falsch ging, macht es keinen Sinn, über frühere Fehler zu sprechen, weil man damit nur Personen herabsetzt. Ein guter Change Manager schaut nach vorne und nicht nach hinten. Hängt erfolgreiches Change Management primär von der Persönlichkeit der Führungsperson ab oder ist die Führung von Veränderungen ein erlernbares Handwerk? Erfolgreicher Wandel ist immer mehr eine Frage des Charakters und der EmpathieAKZENTE 4/2016

Über Wolfgang Jenewein Wolfgang Jenewein ist in München geboren und hat in München und Innsbruck BWL und VWL studiert und an der Universität St. Gallen promoviert und habilitiert. Nach einer Stelle als Ordinarius für Personalführung und Weiterbildung an der RheinischWestfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen folgte 2011 der Ruf als Ordinarius für Betriebswirtschaftslehre an die Universität St. Gallen. Jeneweins Forschung und Lehre drehen sich hauptsächlich um die Führung von Change und die Führung von Hochleistungsteams. Neben zahlreichen Forschungs-, Beratungs- und Coachingprojekten mit deutschen und Schweizer Grossunternehmen hat Jenewein mit Sportteams wie dem Alinghi Segelteam oder der deutschen Fussballnationalmannschaft gearbeitet. Zudem coacht er aktuell das Trainerteam eines Fussballteams der deutschen Bundesliga.

fähigkeit. Anders als in den 90er Jahren oder Anfang 2000, als sich Organisationen noch nach einem Fünfjahresplan richteten, müssen Führungspersonen ihre Strategien heutzutage jedes Jahr neu überdenken und flexibel reagieren können. Weil sich die Bedingungen so schnell verändern, ist erfolgreiches Change Management nicht mehr so sehr eine Frage von strategischer Brillanz, sondern primär von Empathie und Integrationsfähigkeit, dass man also sämtliche Perspektiven integriert, um auf dem Weg wichtige Anpassungen machen zu können. Wenn Sie einen Change sozusagen als General durchspielen ohne Empathie und Integration der Kolleginnen und Kollegen, die mitdenken, werden Sie feststellen, dass Ihr Plan, der vor drei Jahren vielleicht noch gut war, nicht mehr der Realität entspricht. Was muss eine Führungsperson mitbringen? Neben Empathie und Integrationsfähigkeit braucht es Reflexionskompetenz. Sich selbst immer wieder hinterfragen zu können: Bin ich auf dem richtigen Weg, interpretiere ich die Signale aus dem Umfeld richtig? Selbstverständlich ist strategische Kompetenz nach wie vor wichtig, um in die richtige Richtung zu gehen. Ist ein gewisser Leidensdruck, eine gewisse Unzufriedenheit bei den Mitarbeitenden nötig oder gelingt Wandel eher in Organisationen mit einem guten Klima? Am besten führt man Veränderungen aus einer Position der Stärke herbei. Das spricht für eine gewisse Souveränität. Man erkennt, dass sich die Welt verändert und entwickelt sich mit, bevor es zu spät ist.

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Text: Melanie Keim, Fotos: Nelly Rodriguez


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Der Firmenwandel aus der Stärke heraus ist gewissermassen die Königsdisziplin, da die Mitarbeitenden Veränderungen in Frage stellen werden, wenn alles gut läuft. Ein Musterbeispiel aus der Industrie ist der deutsche Autokonzern Daimler, der 2015 einen Gewinn von fast neun Milliarden erzielte und gleichzeitig einen radikalen Strategiewechsel ankündigte. Aus der Schwäche heraus funktioniert Wandel in der Regel leichter, weil die Mitarbeitenden einsehen, dass es so nicht weitergehen kann. Die Menschen öffnen sich oft erst für Neuerungen, wenn es nicht mehr anders geht. Trotzdem empfehle ich, einen Kulturwandel aus der Position der Stärke anzustossen, damit genügend Zeit für die Anpassungsprozesse bleibt. Wie holt man Mitarbeitende ins Boot? Wichtig ist, dass eine Führungsperson nicht als jemand auftritt, der weiss, wie alles funktioniert. Das Zuhören ist absolut zentral für eine erfolgreiche Integration der Mitarbeitenden. Dabei lautet die Frage, ob man wirklich zuhört oder nur wartet, bis man sprechen kann. Mitarbeitende überzeugt man, indem man einen offenen Dialog führt und den Kontext aufzeigt, in dem man arbeitet. Aufgrund dieses Kontexts stellt sich dann die Frage, welche Art der Zusammenarbeit, von Führung, «Am besten führt man Veränderungen aus einer Position der Stärke heraus.» Wolfgang Jenewein, Betriebswirtvon Kultur, hilfreich ist. schaftsprofessor an der Universität St. Gallen.

Was verstehen Sie genau unter dem Kontext? Für viele Organisationen, auch für die Schule, ist etwa die Digitalisierung ein grosser Einflussfaktor oder auch die Globalisierung. Für Unternehmen stellt sich beispielsweise die Frage, ob man international konkurriert oder internationale Inhalte anbieten muss. Wenn sich das Umfeld so schnell verändert wie heute, sind Bürokratien, starke Hierarchien, starre Strukturen hinderlich. Das erfordert eine Umstellung von einem hierarchischen, bürokratischen Modell hin zu einem kollegialen, agilen, f lachen System. Wenn man Mitarbeitenden diesen schnelllebigen, digitalen Kontext, wo die Zukunft nicht mehr vorhersehbar ist, aufzeigt, werden sie verstehen, dass es auf allen Ebenen Leute braucht, die Lösungen entwickeln. Inwiefern unterscheidet sich die Institution Schule von Organisationen der Privatwirtschaft? Schulen sind in der Regel hierarchisch organisiert, da sie mit kantonalen oder staatlichen Einheiten abgestimmt sind. Da die Marktnähe nicht gegeben ist, funktioniert das System eher planmässig und statisch. Das macht es per Definition schwieriger, Wandel herbeizuführen. Verschiedene Studien zeigen, dass Veränderungen in staatlichen Unternehmen aus den genannten Gründen schwieriger und langsamer vor sich gehen, aber nicht unmöglich sind. 18

Braucht es für Veränderungen primär eine starke Führungsperson oder ist der Wille des Teams ausschlaggebend? Aus der Change-Forschung und verschiedenen eigenen Forschungsprojekten wissen wir, dass eine andere Art der Zusammenarbeit durch die Aktivierung von Individuen möglich wird. Es macht Mut, zu sehen, dass es am Ende um mich selbst geht. Da gibt es diesen berühmten Satz: «Don’t wait for the system to change. Be the change that you want to see in the system.» Wer wirklich Change will, in der Schule oder in einem Unternehmen, der sollte nicht darauf achten, was alles strukturell schwierig ist, welche Personen im Weg stehen, sondern selbst mit Veränderungen anfangen. Was wir auch beobachten konnten, ist, dass Change auch Spass macht. Bei vielen Unternehmen, mit denen wir zusammenarbeiten, konnten wir Einheiten von Andersmachern oder Querdenkern ausmachen. Diese hatten oft mehr Spass bei der Arbeit, weil sie gegen das etablierte System ankämpften, und feierten sich gegenseitig. Früher waren das eher die Spinner, doch in jüngster Zeit erhalten sie immer mehr Wertschätzung für ihr Anderssein. Solche Leute können eine Organisation auch einmal von innen drehen. AKZENTE 4/2016


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«Diesen Beitrag kann nur ein Klassenlager leisten» Für Lehrpersonen bedeuten Lagerwochen viel Vorbereitungsarbeit, stetige Präsenz und kurze Nächte. In der Studienwoche «Klassenlager» werden die Studierenden der PH Zürich auf diese Herausforderungen vorbereitet.  «Akzente» hat zugeschaut.

Reportage

Text: Olivia Rigoni, Fotos: Nelly Rodriguez

Es riecht nach Kuhmist, und Fliegen surren durch die warme Luft. Die drei Studierenden Sandrina Glaus, Luki Kindler und Alexandra Kälin haben sich nach draussen an einen rustikalen Holztisch gesetzt. Ihre Haare sind noch nass, sie sind soeben vom Baden im Bichelsee zurückgekehrt. Ihre Aufgabe: Sie müssen den Ausflug vom nächsten Donnerstag mit der 6. Klasse Kollbrunn planen. Vorgesehen sind Bikespiele am Morgen und der Besuch eines Bikeparks am Nachmittag. Das erste Mal weg von zuhause, das erste Heimweh, der erste Kuss – Klassenlager sind Wochen der Premieren. Die 21 Studierenden der PH Zürich, die in dieser Augustwoche fünf Tage im Pfadiheim Holzmishus im thurgauischen Eschlikon verbringen, wissen das. Sie kennen die Ämtchenpläne, die Wanderausflüge und die Discoabende, denn sie alle haben in ihrer Schulzeit an einem Skilager, einer Projektwoche oder einer Maturreise teilgenommen. Viele von ihnen waren jedoch noch nie in der Rolle als Lehrperson in einem Lager. In der Studienwoche «Klassenlager», welche die Studierenden der PH Zürich zwischen dem 4. und dem 5. Semester in der Abteilung Primarstufe absolvieren, lernen sie erstmals, wie sie ein Lager selber gestalten können – und erleben damit erneut eine Woche voller neuer Erfahrungen. Ein Lagerprogramm ist vielfältig. Dies zeigt sich an diesem Dienstagnachmittag auch auf der Wiese vor dem Pfadiheim. In verschiedenen Gruppen haben sich die Studierenden ins Gras gesetzt, um die Projekte vorzubereiten, die sie in dieser Woche durchführen werden. Eine Gruppe bespricht die Wanderung auf das Hörnli, 20

eine andere organisiert die Lagerolympiade im Anschluss. Drei Gruppen planen Programme für den Tag, den die Studierenden mit der 6. Klasse Kollbrunn verbringen werden. Dazu gehören zehn Studentinnen, die sich Spiele und Tänze für den Abend überlegen. Und Luki Kindler, Sandrina Glaus und Alexandra Kälin, welche für das Programm am Vor- und Nachmittag verantwortlich sein werden. Angeregt diskutieren die drei Studierenden, welche Bikespiele sie am Donnerstag mit den Schülerinnen und Schülern spielen werden. Sieben Posten wollen sie vorbereiten. Die Herausforderung: Die Posten sollen so gestaltet sein, dass ihre Schützlinge stets motiviert bleiben. Die Spiele sollen also weder zu einfach noch zu schwierig sein. Als Inspiration dient ein kleines Büchlein mit Velospiel-Ideen. Und die eigene Erfahrung: Viele der Spiele haben die Studierenden am Vortag selber ausprobiert. «Schnappball ist nicht optimal zum Anfangen», meint Iris Bättig-Welti, die sich zusammen mit Jörg Stähli zu den Studierenden gesetzt hat. Iris Bättig-Welti ist Klassenlehrerin der 6. Klasse Kollbrunn und arbeitet wie der Primarlehrer Jörg Stähli mit einem Teilzeitpensum an der PH Zürich. Die beiden leiten die Studienwoche. «Macht doch ein Lawinenfangis», schlägt Jörg Stähli vor. Weit mehr als Planung von Spielen Jörg Stähli und Iris Bättig-Welti unterstützen die Studierenden in dieser Woche nicht nur beim Planen ihrer Gruppenprojekte. Im Rahmen kurzer Input-Referate geben sie ihre Erfahrung und ihr Wissen zur Organisationsstruktur einer Lagerwoche weiter. Denn zur Gestaltung eines Klassenlagers gehört weit mehr als nur die Planung von Spielen. Bereits ein Jahr vor dem Lager muss eine passende Unterkunft gesucht und reserviert werden. In den folgenden zwölf Monaten wird ein Budget aufgestellt, Aufgaben und Verantwortlichkeiten werden geregelt, ein Programm wird festgelegt, allfällige Notfälle werden durchdacht, Eltern informiert und Anmeldungen entgegengenommen. Ausserdem müssen Lagerhaus, Umgebung und Ausflugziele frühzeitig rekognosziert werden. Sandrina Glaus, Alexandra Kälin und Luki Kindler kennen ihr Ausflugsziel vom nächsten Donnerstag nicht. Iris Bättig-Welti und Jörg Stähli haben den Sportplatz in Töss bei Winterthur, auf welchem sich der Bikepark befindet, vorab erkundet. «Das macht es schwierig. Wir haben den Park noch nie gesehen», sagt Sandrina Glaus. Die fehlende Rekognoszierung ist nicht die einzige Schwierigkeit. Alexandra Kälin befürchtet, dass das geplante Programm ein bisschen zu viel sein könnte für die Kinder. Man müsse bedenken, dass die Kids am Morgen mit dem Velo von Kollbrunn zum Sportplatz fahren, dann den ganzen Tag spielen und am Ende des Tages wieder zurückfahren werden, argumentiert sie. AKZENTE 4/2016


Die Studierenden Luki Kindler, Alexandra Kälin und Sandrina Glaus (v.l.) bei den Vorbereitungen.

Eine gute Planung als A und O: Die Velotour darf die Kinder nicht überfordern.

Die Studierenden bereiten in verschiedenen Gruppen die Projekte vor, die sie in dieser Woche durchführen werden - zum Beispiel die Lagerolympiade oder die Wanderung auf das Hörnli.


Primarlehrerin und PHZH-Mitarbeiterin Iris BättigWelti gibt Student Luki Kindler Tipps.

Balancieren an Ort und Stelle. Wer als Letzter über die Ziellinie fährt, hat gewonnen.

Insgesamt nehmen 21 Studierende an der Studienwoche «Klassenlager» im Pfadiheim Holzmishus in Eschlikon teil. Selbstredend gehört die Zubereitung des Essens auch hier zum Lagerleben dazu.


«Wir müssen bei der Velotour einfach das Tempo anpas- zu dem unter anderem die Organisation und Durchführung einer Tageswanderung, eines Fotopostenlauf, einer sen», entgegnet Jörg Stähli. kleinen Biketour, eines Jöggeliturniers und einer LagerEinziges Lager mit einer Schulklasse olympiade gehört, hält die Studierenden fünf Tage lang Zwei Tage später. Bereits am Morgen scheint die Sonne auf  Trab. Daneben gilt es, seinen Ämtchen nachzukomheiss auf die von Wald umgebenen Fussballfelder, den men, Essen zu kochen und die Gruppenarbeiten zu erleSpielplatz, den Bikepark und den grossen Parkplatz, auf digen – und dies mit nur wenigen Stunden Schlaf. «Ich dem die 21 Schülerinnen und Schüler der 6. Klasse Koll- habe kaum ein Auge zugetan die letzten Nächte», sagt brunn ihre Runden drehen. Die Kinder und die 21 Stu- eine Studentin, die sich auf eine Bank neben dem Bikedierenden haben den Sportplatz in Töss bei Winterthur eine Viertelstunde früher als geplant erreicht. Um Viertel vor zehn starten sie mit dem Lawinenfangen, dann gehen sie in Dreiergruppen zu den Spielen an den sieben Posten über. Jedes Kind wird von einem Studierenden begleitet. Luki Kindler bildet zusammen mit zwei Mitstudentinnen und den 6. Klässlern Matthias, Jonas und Severin die «Turbo-Gruppe», wie sie sie hier alle nennen. Auf Empfehlung von Klassenlehrerin Iris Bättig-Welti wurden drei sportliche Kinder diesem Team zugeteilt. Dass sie Übung haben im Velofahren, beweisen die Schüler bereits beim ersten Posten, bei dem es darum geht, eine Ziellinie als Letzter zu überqueren. Im Zeitlupentempo treten die park gesetzt hat. «Die vielen Mücken im Pfadihaus wedrei in die Pedalen, bremsen immer wieder kurz ab und cken mich immer wieder auf.» Sie zeigt auf ihre mit roten balancieren so lange wie möglich auf der Stelle. Severin, Punkten übersäten Beine und ergänzt: «Aber ich habe dessen Mountainbike die dicksten Pneus hat, gewinnt die gehört, dass man in einem Lager mit einer Schulklasse ersten Runden. Seine Mitschüler sind chancenlos. Jörg noch viel weniger schläft.» Stähli ist dies nicht entgangen. Der geübte Biker fordert den 12-Jährigen zum Duell auf und gewinnt prompt. Ein Erfolgserlebnis für alle «Gut gemacht», lobt der Primarlehrer. Inzwischen ist es Nachmittag geworden auf dem SportEs geht in die erste Pause. Die Mädchen spazieren platz und die Schülerinnen und Schüler der 6. Klasse fröhlich plappernd zum Spielplatz, setzen sich auf die Kollbrunn fahren die Wellen und Steilwandkurven im Baumstämme im Schatten und packen ihren Proviant Bikepark auf und ab. Trotz Müdigkeit müssen die Studieaus. Anders die Jungs, die nicht daran denken, stillzusit- renden aufmerksam sein. Denn die Kinder fahren in razen. Mit Äpfeln und Sandwiches in der Hand stürmen sie santem Tempo umher und springen teilweise wagemutig auf einen nahegelegenen Fussballplatz und beginnen ei- über die Schanzen des Bikeparks. Besondere Aufmerknen Match. Nach einer Weile gesellen sich ein paar Mäd- samkeit erhält Barbara, die erst seit drei Wochen in der 6. chen dazu. Auch Luki Kindler spielt mit. Der 26-Jährige Klasse Kollbrunn ist und den Park das erste Mal besucht. ist der einzige Student, der sich für das Klassenlager aus Als sie gleich zu Beginn einen steilen Hang hinunter fahdem Fachbereich «Sport und Bewegung» entschieden ren will, halten ihre Mitschülerinnen sie zurück und zeihat. Seine Mitstudenten haben sich für ein anderes Lager gen ihr, wie sie am sichersten fährt. Schliesslich führen angemeldet – beispielsweise zu den Themen «Unterwegs sie Barbara zu einem flacheren Abschnitt, wo sie probauf kulturhistorischen Wegen durch die Schweiz» oder lemlos hinunterfährt. Die Situation ist nicht nur ein Er«Klanglandschaften kreieren – analog und digital». Für folgserlebnis für Barbara. Sie zeigt auch, dass Alexandra Luki Kindlers Wahl war unter anderem der Praxisbezug Kälin, Sandrina Glaus und Luki Kindler mit ihrem Tamassgebend. Denn die Studienwoche in Eschlikon ist die gesprogramm zum sozialen Lernen beigetragen haben, einzige, in der die Studierenden ein Programm für Schü- das – wie Iris Bättig-Welti sagt – zu den grössten Chanlerinnen und Schüler organisieren. In allen anderen cen eines Klassenlagers gehört: «Die Kinder machen unKlassenlagern gestalten die Studierenden ein Programm glaubliche Fortschritte im rücksichtsvollen Umgang für sich selber. Ab dem nächsten Jahr wird sich dies än- miteinander. Das ist ein Beitrag, den nur Klassenlager in dern: Bis zu einem Drittel der Studierenden wird dann dieser Deutlichkeit leisten können.» am Klassenlager einer Schule teilnehmen können. Bereits in der aktuellen Form der Studienwoche erhalten die Studierenden eine Idee davon, was es bedeu- Olivia Rigoni ist Redaktorin in der tet, ständig aufmerksam zu sein. Das dichte Programm, Kommunikationsabteilung der PH Zürich. AKZENTE 4/2016

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Reportage

«Die Kinder machen im Klassenlager unglaublich Fortschritte im rücksichtsvollen Umgang miteinander.»


Studierendenporträt

Stillstand   gibt   es   nicht    im Leben von Gabriel Mateos Sánchez. Wenn er nicht studiert, Privatunterricht erteilt oder durch Zürich joggt, dann sind es seine Gedanken, die in Bewegung sind. «Du denkst zu viel», hat sein Kung Fu-Lehrer einmal zu ihm gesagt. Eine Aussage, die der 25-Jährige gelten lässt. Denn für ihn gibt es vieles, das hinterfragt, kritisiert und überdacht werden muss – vom Bildungssystem bis hin zur Gleichgültigkeit, die er in der Gesellschaft bisweilen beobachtet. Seine Tagebücher, die er seit seiner Jugend führt, zeugen von dieser Lust am Denken. Seit gut eineinhalb Jahren schreibt Gabriel Mateos Sánchez nicht mehr nur für sich. Er ist Redaktor der Studierendenzeitschrift «RePHlex» und leitet sie seit diesem Semester. Im Gegensatz 24

zu seinen persönlichen Notizen hält er seine Meinung in der Zeitschrift zurück. «RePHlex» soll niemandem eine Sicht der Dinge aufdrängen, findet er. Für Gesprächsstoff sollen die Themen aber sorgen. Und der Student scheut sich nicht davor, hier hin und wieder eine Gegenposition zur landläufigen Meinung einzunehmen: «Sie sollen ruhig sagen: ‹Was schreibt denn der für einen Schmarren!› Hauptsache, meine Texte regen zum Nachdenken und Diskutieren an», sagt der gebürtige Solothurner.

Eine   Reaktion   will   der angehende Sekundarlehrer auch bei seinen Schülerinnen und Schülern erzeugen. Dies gelang ihm vor einiger Zeit unerwartet im Sportunterricht einer Sek-C-Klasse. Vier Lektionen sollte er unterrich-

ten, doch schon die zweite Stunde sei völlig aus dem Ruder gelaufen. Er habe die Klasse daraufhin aufgefordert, zu erklären, weshalb sie sich derart gegen den Unterricht sträubten. «Ein Schüler meldete sich und fragte, was ich denn eigentlich erwarte. Schon in der Primarschule seien sie nicht richtig ernst genommen worden, ständig würden sie gescholten und bestraft. Schon längst seien sie abgeschrieben, da spiele eine weitere Rüge eines Praktikanten auch keine Rolle mehr», erzählt der Student. «Die Aussage dieses Schülers gibt mir noch heute zu denken.» – Olivia Rigoni

Olivia Rigoni ist Redaktorin in der Kommunikationsabteilung der PH Zürich.

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Foto: Nelly Rodriguez

Studierendenseite

Gabriel Mateos Sánchez, 25, studiert an der PH Zürich auf der Sekundarstufe l.


Die Masterarbeit

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habe. Abgesehen von diesem Effekt gebe es durchaus innermathematische Aufgaben, die Lernenden Spass machen. «Ein grosser Teil der Schülerinnen und Schüler schätzt es, wenn Aufgaben kompakt, verständlich und ohne lebensweltliche Überlegungen lösbar sind», so Emmanouil Kioulafas. Deutlich bevorzugt werden Aufgaben mit Lebensweltbezug hingegen beim Lernen von neuen Inhalten.

Der   Autor   kommt   zum Schluss,   dass lebensweltliche Bezüge immer unter Berücksichtigung der möglichen Effekte eingesetzt werden sollten. Dabei würden unter anderem auch die Lektionsziele eine wichtige Rolle spielen. Und: Die unkritische Propagierung von Lebensweltbezügen sei genauso abzulehnen wie die Diskreditierung von innermathematischen Aufgaben. «Ein erfolgreicher Mathematikunterricht lebt von einem ausgewogenen Einsatz beider Typen.»

Emmanouil   Kioulafas   hat für seine Arbeit den diesjährigen Studienpreis der PH Zürich und der Stiftung Pestalozzianum erhalten. Die Jury schreibt in ihrer Begründung: «Die Arbeit zeichnet sich durch einen stringenten Aufbau und eine konsistente Gliederung aus. Es werden interessante Befunde diskutiert, welche für die Aufgabenwahl im Mathematikunterricht sehr relevant sind. Die Schlussfolgerungen zeugen durch ihre Differenziertheit von einer eigenständigen, analytischen und engagierten Auseinandersetzung.» – Christoph Hotz

Die Masterarbeit von Emmanouil Kioulafas ist online publiziert: blog.phzh.ch/akzente

Generation «Alles-ist-möglich» Wir gehören zur Generation «Alles-ist-möglich». Wir, die zurzeit am Studieren, auf Reisen oder am Sammeln erster Berufserfahrungen sind. Wir, die Anfang bis Ende zwanzig sind und keine Antwort auf die Frage «Was willst du mal werden?» kennen. Wir, die nie wirklich kämpfen mussten, wir, die keine Grenzen kennen. Wir, die uns nie gegen unsere Eltern aufgelehnt haben, wie diese es als Hippies taten. Wir, die alles ausprobieren können, weil wir in eine Welt hineingeboren wurden, die uns dazu ermuntert hat, uns selbst zu finden und den eigenen Weg zu gehen. Und dennoch, oder genau deshalb, wissen wir nicht, was wir mit unserem Leben anfangen sollen. Wir haben den Anspruch, einen Beruf zu finden, in dem wir uns vollumfänglich verwirklichen können, der jedoch die Work-Life-Balance nicht ausser Gleichgewicht bringen darf. Wir wollen die Welt bereisen und gleichzeitig unsere Karriere in der Heimat vorantreiben. Wir wünschen uns im selben Moment Freiheit und Sicherheit. Wir sind verwirrt und wissen nicht, wie wir unsere Entscheidungen fällen sollen und deshalb bleiben wir an den Kreuzungen nicht einfach stehen und entscheiden uns für einen Weg, sondern versuchen, beide Wege zu gehen – bis wir merken, dass wir auf keinem vorankommen. Bis wir merken, dass auch wenn einem alle Türen offen stehen, jeweils nur ein Zimmer betreten werden kann. Bis wir merken, dass eben doch nicht alles möglich ist. Joëlle Desole ist Studentin auf der Sekundarstufe I und Tutorin im Schreibzentrum der PH Zürich.

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Studierendenseite

Emmanouil   Kioulafas   geht in seiner Masterarbeit der Frage nach, wie Lebensweltbezüge bei Mathematikaufgaben die Leistungen und Einstellungen beim Aufgabenlösen beeinflussen. Dies vor dem Hintergrund der Forderung nach vermehrt lebensweltbezogenen Problemstellungen und Aufgaben. Die Stichprobe für die Untersuchung bilden 125 Schülerinnen und Schüler einer 8. Klasse. Diese lösten sowohl Aufgaben mit als auch ohne Lebensweltbezug und wurden schriftlich zu ihren Einstellungen und Vorlieben befragt. Dabei zeigte sich: Lebensweltbezüge beeinflussen die Leistungen beim Aufgabenlösen nicht. Gleichzeitig kommt Kioulafas aber auch zum Schluss, «dass lebensweltbezogene Aufgabenstellungen […] das Potenzial haben, die Nützlichkeit, und damit die Bedeutung und den Sinn der Mathematik für die Lernenden sichtbarer zu machen.» Das negative Bild, das viele Lernende von Mathematik als abstraktes Schulkonstrukt haben, könne durch den Einsatz von Lebensweltbezügen verbessert werden. Eine Voraussetzung dafür sei, dass diese genügend nah an der tatsächlichen Lebenswelt der Lernenden sind. Werden diese von den Schülerinnen und Schülern als realistisch eingeschätzt, gehe dies sogar mit einer leicht erhöhten Freude beim Aufgabenlösen einher. Sind die Lebensweltbezüge zu stark konstruiert, seien die so genannten innermathematischen Aufgabenvarianten vorzuziehen. Zu bedenken sei zudem, dass lebensweltbezogene Aufgaben ein erweitertes Vokabular sowie die Einbringung von Alltagswissen erfordern. Sie bilden damit eine Sprachbarriere und senken die Verständlichkeit, was insbesondere für Lernende mit geringer Sprachkompetenz negative Folgen

Ausstudiert – die Studierendenkolumne


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In einem gross angelegten Projekt werden innerhalb der kommenden sechs Jahre die bildungshistorisch wertvollen Bestände der Stiftung Pestalozzianum erschlossen, restauriert und digitalisiert. Im September sind die ersten zwei von insgesamt fünf Teilprojekten gestartet. Text: Anne Bosche, Foto: Christoph Hotz

Werden restauriert: Architekturpläne von Schulhäusern aus den Jahren 1874 – 1904.

Die Stiftung Pestalozzianum besitzt umfangreiche, teils einmalige bildungshistorische Sammlungen. Zu ihnen gehören die Forschungsbibliothek Pestalozzianum, das Archiv der Kinder- und Jugendzeichnung, historische Lehrmittel sowie Vor- und Nachlässe von Zürcher Pädagogen. Durch die finanzielle Unterstützung des Lotteriefonds des Kantons Zürich im Umfang von rund sieben Millionen Franken können die Sammlungen erhalten und für Forschung und Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Restauration kolorierter Schulhauspläne Das zweite Teilprojekt widmet sich der Forschungsbibliothek. Diese hat einen einmaligen Bestand von teilweise 200-jährigen Büchern, darunter viele Schätze wie zum Beispiel die Sammlung «Pestalozziana», welche das Leben und Werk Pestalozzis und der Bildungsentwicklungen seiner Zeit dokumentiert. Diese Schätze gilt es zu heben und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Um den Erhalt der Forschungsbibliothek zu gewährleisten, werden Teile der Bestände restauriert und entsäuert. Einige Bestände werden zudem digitalisiert. In einem ersten Pilotprojekt werden nun Berichte der Zürcher Schulsynode digitalisiert und wo nötig entsäuert, um dem stetig fortschreitenden Zerfall des Papiers vorzubeugen. Die Berichte enthalten wertvolle Hinweise zum Verständnis bildungshistorischer Zusammenhänge im Kanton Zürich, besonders im Kontext der gesetzlich verankerten Mitsprache von Lehrerinnen und Lehrern. Im zweiten Pilotprojekt werden die Architekturpläne von Schulhäusern, die so genannten «Plans maisons d’école» bearbeitet. An den kolorierten Schulhausplänen werden verschiedene bestandserhaltende Massnahmen durchgeführt: Einerseits muss der Ledereinband restauriert werden, andererseits muss das Papier einer Entsäuerung zugeführt werden. Parallel zu den zwei Pilotprojekten findet eine umfassende Triage zur Priorisierung der Bestände statt. Neben der Einschätzung der inhaltlichen Relevanz für Forschung und Öffentlichkeit wird auch der Zustand der Werke begutachtet. Ab Frühjahr 2017 sollen auf der Grundlage eines Priorisierungskonzepts weitere Bestände bearbeitet werden. Die anderen drei Teilprojekte starten sukzessive 2017 und 2018. Weitere Informationen zum Projekt:

Die Welt aus Kinderhand pestalozzianum.ch/projekte/sammlungenIm September ist das Teilprojekt zur Erschliessung und pestalozzianum. AKZENTE 4/2016



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PH Zürich – Stiftu ng Pestalozzia nu m

Die Geschichte unserer Schule kommt an die Öffentlichkeit

Digitalisierung der rund 50 000 Kinderzeichnungen gestartet. Im Archiv der Kinder- und Jugendzeichnung lagern Kinderzeichnungen vor allem aus dem Zeitraum zwischen den 1930er und 1980er Jahren. Darüber hinaus bewahrt es Zeichenvorlagen, -hefte und Zeichnungssammlungen seit dem späten 18. Jahrhundert auf. Die Bilder sind weder in einem Recherchekatalog verzeichnet, noch signiert und darum nur schwer zugänglich. In den vergangenen Monaten wurden die Zeichnungen für die Digitalisierung vorbereitet. Das heisst, sie wurden gezählt, sortiert und signiert. Vor wenigen Wochen startete die Digitalisierung der Bilder, bis Ende 2017 wird sie abgeschlossen sein. Parallel dazu werden die digitalisierten Bilder erschlossen und – im Sinne einer breiten Nutzungsmöglichkeit – sukzessive über mehrere Portale zugänglich gemacht.


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AKZENTE 4/2016


Natur und Technik: ein Lehrmittel für alle Themen und Niveaus Die Arbeiten am dringend benötigten neuen Lehrmittel für den «Natur und Technik»Unterricht auf der Sekundarstufe I laufen auf Hochtouren. Bis Anfang Oktober wurde der erste Teil erprobt. Die ersten Rückmeldungen sind positiv.

Es sind spezielle Vorzeichen, unter denen die PH Zürich das Lehrmittel entwickelt: Während bis anhin für alle naturwissenschaftlichen Themengebiete – Biologie, Chemie, Physik – und für die verschiedenen Sekundarstufenniveaus eigene Lehrmittel bestanden, vereint die neue Entwicklung sämtliche Inhalte in einer Publikation. «Es ist eine Herausforderung, alle Themen niveaugerecht einzubringen», sagt Projektleiterin Susanne Metzger von der PH Zürich. Die Leiterin des Zentrums für Didaktik der Naturwissenschaften hat gemeinsam mit ihrem Team, weiteren Fachdidaktikern von anderen Pädagogischen Hochschulen sowie in Zusammenarbeit mit sieben Lehrpersonen in den vergangenen Monaten die ersten Kapitel des Lehrmittels für die 7. Klasse erarbeitet. Die erste Version des ersten Kapitels wurde nun von Lehrpersonen mit ihren Klassen erprobt. Die Rückmeldungen werden anschliessend in die Überarbeitung einfliessen. Eine der Lehrpersonen ist Aylin Schläpfer aus Regensdorf. Ihr erster Eindruck ist positiv: «Das Lehrmittel beinhaltet viele Experimente. Die aktive Lernzeit ist dadurch hoch. Die Schülerinnen und Schüler lieben die Experimente richtiggehend. Dies wirkt sich positiv auf ihre Motivation aus.»

Lehrerin Aylin Schläpfer erprobt das neue Lehrmittel: «Die Schüler lieben Experimente».

Verbindliche Ziele in allen Gebieten Das neue Lehrmittel «NaTech 7, 8, 9» besteht aus einem für alle Niveaus identischen Grundlagenbuch, auf die einzelnen Stufen angepassten Arbeitsmaterialien, einer Toolbox sowie Kommentaren für die Lehrpersonen. Aylin Schläpfer findet insbesondere die Toolbox gelungen. Mit diesem Werkzeug werden die wichtigsten naturwissenschaftlichen Denk- und Arbeitsweisen erlernt. «Die Theorie zu zentralen Fragen wie ‹Wie stelle ich das Mikroskop ein?› ist schülergerecht formuliert. Die Toolbox bietet eine wichtige Unterstützung, die Schülerinnen und Schüler können sie auch als Nachschlagewerk nutzen.» Die Themen werden im neuen Lehrmittel gebietsübergreifend behandelt, die biologischen, chemischen und physikalischen Inhalte sind jedoch immer noch als solche erkennbar. Das Thema Energie beispielsweise wird in einem physikalischen Zusammenhang eingeführt.

In den Kapiteln mit chemischen oder biologischen Inhalten im Zentrum wird jeweils auf diese Einführung Bezug genommen und die Autoren verwenden immer die gleichen Begrifflichkeiten. Während der bisherige Lehrplan offen war hinsichtlich der Gewichtung der einzelnen Gebiete, setzt der Lehrplan 21 mit dem Fach «Natur und Technik mit Biologie, Chemie und Physik» in allen Gebieten verbindliche Ziele mit entsprechenden Grundkompetenzen. Dies berücksichtigt das Lehrmittel, indem es alle Inhalte gleich stark gewichtet. Susanne Metzger: «Es hat sich in der Vergangenheit gezeigt, dass sich viele Lehrpersonen in der Biologie am sichersten fühlen und die chemischen und physikalischen Inhalte weniger thematisieren. Wir hoffen, dass durch die inhaltliche Verknüpfung der naturwissenschaftlichen Elemente alle Bereiche gleich stark berücksichtigt werden.» Das Lehrmittel wird vom Lehrmittelverlag Zürich herausgegeben und gestaffelt erscheinen ‒ 2019 für die 7. Klasse, 2020 und 2021 für die 8., respektive 9. Klasse. Es knüpft an das Primarstufenlehrmittel an, welches im kommenden Jahr erscheint. Ebenfalls an der PH Zürich in Entwicklung steht das Lehrmittel für die Kindergartenstufe, welches 2018 erscheinen wird.

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PH Zürich – Forschu ng

Text: Christoph Hotz, Foto: Andreas Eggenberger


«Ich bin sicher, gemeinsam können wir etwas bewegen» Der Leiter der Fachstelle Interkulturelle Pädagogik des Volksschulamts, Markus Truniger, hat den diesjährigen Bildungspreis der Pädagogischen Hochschule Zürich erhalten. Ein Gespräch über eine Schule, die für alle passt.

PH Zürich – Rektorat

Text: Reto Klink, Foto: Olivia Rigoni

Markus Truniger, Bildungspreisträger 2016.

Akzente: Markus Truniger, Sie setzen sich seit über 30 Jahren für Chancengleichheit in der Schule ein. Inwieweit bleibt dies eine Utopie? Truniger: Von Utopie würde ich nicht sprechen, vielmehr bleibt die Chancengleichheit eine Vision, die es zu verfolgen gilt. Ich bin sicher, dass wir gemeinsam etwas bewegen können, einen schnellen und vollständigen Ausgleich von Bildungschancen durch das Schulwesen allein halte ich aber für unrealistisch.

ihrer Entwicklung stehen. Die Politik, wir von der Verwaltung und die Pädagogische Hochschule müssen die Lehrpersonen in dieser Aufgabe unterstützen, nicht nur mit finanziellen Mitteln, sondern auch mit guter Aus- und Weiterbildung. Welchen Beitrag kann die Fachstelle Interkulturelle Pädagogik leisten? Inzwischen ist an verschiedenen Stellen, auch in unserer Fachstelle, viel spezifisches Wissen über Lernprozesse in mehrsprachig und multikulturell zusammengesetzten Klassen zusammengetragen worden. Wir sorgen unter anderem für den Austausch dieses Wissens zwischen den Schulen, der Pädagogischen Hochschule und unserer Fachstelle. Dabei möchte ich betonen: Wenn man im Rahmen des Bildungspreises von meiner Arbeit spricht, so ist zu ergänzen, dass das allermeiste davon in Zusammenarbeit mit meinem Team und mit vielen weiteren Partnern entstanden ist. Sie sind bereits früh für Chancengleichheit in der Schule eingetreten. Was gab den Ausschlag dazu? Die verschiedenen sozialen Verhältnisse haben mich seit jeher interessiert. Bereits mein Vater hatte als Mitarbeiter bei Sulzer den spanischen und den Tessiner Arbeitskollegen zu uns nach Hause eingeladen. Als Lehrer übernahm ich dann 1975 im Limmatschulhaus im Stadtzürcher Kreis 5 Real- und Oberschulklassen, 1982 erstmals eine Klasse mit ausnahmslos ausländischen Jugendlichen. Die Familien, die einfachen Schweizer Familien und die eingewanderten, haben mich beeindruckt. Die Eltern arbeiteten hart bei der Eisenbahn, auf dem Bau oder beim Putzen, und trotzdem kam von ihnen viel Freundlichkeit und Dankbarkeit zurück. In dieser Zeit habe ich viel dazu gelernt, auch in vielen Diskussionen in initiativen Lehrergruppen. Daraus ist im Schulkreis Limmattal unter anderem eine Kommission für Ausländerfragen entstanden, mit Vertretungen aus den verschiedenen Sprachgruppen. Dadurch wurde ich von der Erziehungsdirektion quasi entdeckt.

Sie erhielten ein Job-Angebot bei der Erziehungsdirektion ... Ja. Die damalige Leiterin der Stelle für «Ausländerpädagogik» rief mich 1985 in mein Schulhaus an. Mein erster Gedanke war: «Ich wechsle sicher nicht in die Erziehungsdirektion». Nach etwas Bedenkzeit sagte ich Von was hängt schulischer Erfolg ab? dann für zwei Jahre zu, nicht ohne meinen Kolleginnen Natürlich spielen die individuelle Begabung des Kindes und Kollegen im Schulhaus zu versichern, dass ich daund das Elternhaus eine grosse Rolle. Es ist aber gut nach zurückkehren würde. Nun arbeite ich heute noch belegt, dass die Schulen, das heisst vor allem die Lehrhier, und ich bereue diesen Schritt nicht. Diese Arbeit, personen, für den Erfolg von Kindern aus sozial weniger die sich zwischen dem Schulfeld, der Lehrerbildung, privilegierten Familien sehr wichtig sind. Die Chancen der Wissenschaft und der Bildungspolitik bewegt, steigen, wenn man die Kinder dort abholt, wo sie in fasziniert mich immer noch. 30

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«Mit den Schulen in einen vertieften Austausch treten»

Durch Ihr Engagement wurden Integration und Chancengleichheit auch öffentlich diskutiert. War dies so geplant? Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken und die sich stellenden Aufgaben zu definieren, ist sehr wichtig. Hier haben wir als Fachstelle sicher etwas dazu beigetragen. Ohne den öffentlichen Diskurs und eine breite Abstützung in der Bildungspolitik wären heute Angebote wie Unterricht in Deutsch als Zweitsprache, Unterricht in Heimatlicher Sprache und Kultur und «Qualität in

«Viele Secondas und Secondos verfügen über einen Lehrabschluss. Das betrachte ich als Erfolg.»

Akzente: Sie gehen zurzeit die Weiterentwicklung der berufspraktischen Ausbildung der PH Zürich an. Worum geht es dabei? Hug: Wir wollen in der berufspraktischen Ausbildung unter anderem das bewährte Kooperationsschulmodell weiterentwickeln. Die Kooperationsschulen, die sich in der Regel aus mehreren Schulen einer Gemeinde zusammensetzen, stellen bislang ausschliesslich Praktikumsplätze für Studierende im ersten Ausbildungsjahr zur Verfügung. Neu möchten wir, dass die Studierenden länger an einer Schule verweilen. Zudem wollen wir enger mit den Schulen zusammenarbeiten.

multikulturellen Schulen (QUIMS)» nicht im Gesetz verankert. Dies alles hat wiederum zu einigen positiven Entwicklungen beigetragen: Viele Secondas und Secondos schaffen einen Bildungsaufstieg im Vergleich zu ihren Eltern, eine grosse Zahl von ihnen verfügt über einen Lehrabschluss. Das betrachte ich als Erfolg. Trotzdem ist klar: Vergleicht man den Bildungsweg zwischen jungen Menschen aus sozial privilegierten und weniger privilegierten Familien, dann ist der Unterschied immer noch gross.

Akzente: Was sind die Hintergründe der Idee? Hug: Berufspraktische Studien zeigen, dass Studierende den Praktika sehr hohe Bedeutung beimessen. Um diese lernwirksam zu gestalten, braucht es neben einem lernzielorientierten Kompetenzaufbau eine kontinuierliche Zusammenarbeit zwischen dem Schulfeld und der PH Zürich. Ebenso ist die Integration der Studierenden ins Team der Lehrerinnen und Lehrer zentral. Dies gelingt besser, wenn mehrere Praktika über einen längeren Zeitraum in der gleichen Schule absolviert werden können.

Sie erhielten den Bildungspreis am Hochschultag der PH Zürich. Den Schwerpunkt bildete das Thema Flüchtlingskinder. Sind die Schulen dadurch zusätzlich gefordert? Wir haben uns dieser aktuellen Herausforderung bereits 2015 angenommen. In Zusammenarbeit mit betroffenen Schulgemeinden haben wir rasch die notwendigen Aufnahmeklassen schaffen können. Die Gemeinden und die Lehrerschaft unterstützen wir vom Volksschulamt her, indem wir pädagogische Konzepte, aber auch rechtliche und finanzielle Aspekte geklärt haben. Schwierig ist meiner Meinung nach vor allem, wie junge und unbegleitete Personen rasch in die Schule und Berufsbildung eingegliedert werden können. Für diese Gruppe sind die Konzepte bisher noch nicht ausreichend. Hier müssen wir in nächster Zeit investieren.

Akzente: Wird sich die Zusammenarbeit auch inhaltlich intensivieren? Hug: Ja. Wir wollen mit den Schulen über relevante Inhalte, die in den Praktika bearbeitet werden sollen, in einen vertieften Austausch treten. So sollen die in den Schulen vorhandenen Ressourcen stärker zum Tragen kommen. Akzente: Was ist die Motivation für Schulen, mit der PH Zürich zusammenzuarbeiten? Hug: Eine engere Zusammenarbeit mit der PH Zürich kann Anstoss für Unterrichts- und Schulentwicklungsprojekte geben, was sich auf die Qualität der ganzen Schule auswirkt. Zudem erleben Praxislehrpersonen die Arbeit mit Studierenden als Bereicherung ihres Berufsalltags.

Markus Truniger arbeitet seit 31 Jahren in der Fachstelle Interkulturelle Pädagogik des Volksschulamts. Für sein grosses Engagement für Integration und Chancengleichheit in der Schule erhielt er anfangs November den Bildungspreis der PH Zürich.

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– Christoph Hotz

Ausführliches Interview: blog.phzh.ch/akzente



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PH Zürich – Ausbildu ng

Andreas Hug, Leiter berufspraktische Ausbildung der Abteilung Primarstufe.


Vom einstigen Vorbild zum Problemfall Uganda galt in Afrika einmal als Vorbildnation in Sachen kostenlose Bildung. Doch heute fehlt es in den Staatsschulen an Schülern und an Lehrern, denn es werden aus Geldmangel versteckte Gebühren erhoben und die Lehrer dennoch miserabel bezahlt. Ugandas Präsident hat jetzt seine Frau zur Bildungsministerin ernannt, um den Kollaps zu verhindern.

Serie – Schule in aller Welt

Text: Simone Schlindwein Fotos: Simone Schlindwein, istockphoto.com

Aus den Klassenzimmern hallen Stimmen: A, B, C, D ... singen die Erstklässler der Kampala Pupils Grundschule. 35 Jungen und Mädchen sitzen in rot-weißen Uniformen auf den Bänken. Die staatliche Grundschule liegt am Stadtrand von Ugandas Hauptstadt Kampala inmitten eines Armenviertels. Die Kinder sind voller Eifer dabei. «Doch die meisten von ihnen werden bald nicht mehr kommen können», klagt Schuldirektor Edward Ssekandi. Ein Großteil sei zu arm, für all die notwendigen Materialien aufzukommen: «Das ist für die Kinder eine schmerzhafte Erfahrung». Uganda war in Sachen Bildung stets Vorbild in Afrika. Bereits 1997 wurde die kostenlose Grundschulbildung eingeführt. Für Millionen von Kindern ging ein Traum in Erfüllung. Von rund drei Millionen 1998 wuchs die Zahl der Schüler auf 8,4 im Jahr 2013 an. Mittlerwei32

le werden 90 Prozent der Kinder eingeschult. Damit erfüllt das Land die von den Vereinten Nationen aufgestellten Milleniumsziele. Seit 2011 nimmt es teil am Weltbankprogramm zur Globalen Partnerschaft für Bildung. Dafür bekam die Regierung 100 Millionen Dollar für den Zeitraum 2014 bis 2018: für Lehrmaterialien, für Fortbildung von 2600 Lehrern und zum Bau von 200 Schulen. Doch noch immer ist keine einzige neue Schule errichtet worden. Monatslohn unter 100 Franken Ugandas Erfolgsgeschichte ist damit zu Ende. Obwohl die Regierung 17 Prozent ihres Jahresbudgets in Bildung investiert, schließen laut UNESCO-Angaben fast 70 Prozent der Schülerinnen und Schüler nie die 7-jährige Grundschule ab. Höhere Abbruch-Raten gibt es nur im Tschad: Mit 72 Prozent ist sie dort die höchste in Afrika. Besonders hoch ist der Anteil an Mädchen. Sie können sich keine Hygienebinden leisten oder werden schwanger. Sexualunterricht ist tabu. In einer Evaluation kam jetzt zutage: Acht von zehn Grundschullehrern können weder ausreichend lesen noch einfache Mathematikaufgaben lösen. Die Hälfte der Lehrerinnen und Lehrer hat gar keine pädagogische Ausbildung. Der amtierende Vizedekan von Ugandas staatlicher Universität Makerere, immerhin auf Platz drei der besten Hochschulen Afrikas, sagt: «Ugandas Bildungssystem steht kurz vor dem Kollaps». Der Monatslohn von Lehrpersonen beträgt nicht einmal 100 Franken. Aus diesem Grund bevorzugen sie es, an Privatschulen zu unterrichten, die deutlich mehr Gehalt bezahlen und wo die Grundausstattung besser ist: von den Schulmaterialien bis hin zu den Toiletten. Margaret Rwabushaija, Vorsitzende des Lehrerverbandes, fordert, den Haushalt der staatlichen Schulen zu erhöhen. Pro Kind erhält eine Schule zurzeit umgerechnet rund drei Franken. «Wie kann man von einem Schuldirektor verlangen, mit so wenig Geld eine Schule zu leiten?» Edward Ssekandi, der Direktor der Kampala Pupils Grundschule, beispielsweise sieht sich deshalb gezwungen, versteckt Gebühren zu erheben. Zu Schuljahresanfang verteilt er Listen, was jedes Kind mitbringen muss, um die Schule zu unterhalten: einen Besen, vier Rollen Klopapier, fünf Kilo Zucker, drei Stück Seife, fünf Stück Tafelkreide. Wenn Renovierungen am Gebäude anstehen, verlangt er Zement oder Wandfarbe. So verkauft der Schulleiter dann teilweise Zucker auf dem Markt, um die miesen Gehälter aufzustocken. Wenn er das nicht tut, müssen Lehrerinnen und Lehrer einem zweiten Job nachgehen, um ihre eigenen Kinder zur Schule schicken zu können. Für viele Eltern ist das zu teuer. Und wer Geld hat, schickt seinen Nachwuchs lieber auf eine Privatschule, wo nach britischem Curriculum gelehrt wird, es gibt CompuAKZENTE 4/2016


1997 wurde die kostenlose Grundschulbildung eingeführt.

Rund 35 Schülerinnen und Schüler sitzen in der Kampala Pupils Grundschule in einem Zimmer.

In Uganda werden 90  Prozent der Kinder eingeschult.  70  Prozent der Schülerinnen und Schüler schliessen die Grundschule jedoch nicht ab.

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Serie – Schule in aller Welt

ter mit Internetverbindung, Sportanlagen und Schach- Die frisch gebackene Bildungsministerin hat selbst erst im meisterschaften. Zwischen Privat- und Staatsschulen lie- Alter von 67 Jahren ihren Master nachgeholt. Im Mai wurde sie Ministerin. Im August lud sie ins Luxushotel gen Welten. am Golfplatz ein. In ihrer Rede versprach sie den LehreBildung als Weg aus der Armut rinnen und Lehrern Lohnerhöhungen von 50 Prozent, Vor wenigen Jahren ließ sich die Regierung auf eine Priva- verlangte dafür aber stetige Anwesenheitspflicht. Den Elte Public Partnership (PPP) ein, um die Bildungslücke zu tern versprach sie, dass es bald in jeder Gemeinde eine schließen. Der US-Konzern Bridge International Acade- staatliche Grundschule gibt, in jedem Landkreis eine Semies baut seit 2009 in Afrika Schulen: in Kenia, Liberia, kundarschule. Den Schülerinnen und Schülern versprach Uganda. Angestellten, die keine Lehrerausbildung haben, sie Computer in den Klassenzimmern. Für die Kinder in verlesen von einem Tablet Unterrichtseinheiten – das soll der Kampala Pupils Grundschule klingt dies wie ein ferbillige Bildung garantieren. In Uganda haben Schul- ner Traum: Da gibt es keinen Stromanschluss, ja nicht inspektionen ergeben, dass an den 63 Bridge-Schulen einmal eine Glühbirne. schlimme hygienische Bedingungen herrschen. Sie sollen Simone Schlindwein ist freie Journalistin. jetzt dichtgemacht werden. Sie lebt und arbeitet in Uganda. Um den Bildungssektor grundlegend zu reformieren, hat Präsident Museveni seine Ehefrau, Janet Museveni, zur Bildungsministerin erkoren. Der Sektor, so der Serie «Schule in aller Welt» Präsident, sei geprägt von Misswirtschaft. Doch Bildung Im Rahmen der Serie «Schule in aller Welt» haben wir sei wichtig, um die Ölförderung anzugehen, mit welcher an dieser Stelle jeweils exemplarisch eine Schule aus dem Norden, Osten, Süden und Westen der Welt er sein Land nach 30 Jahren an der Macht endlich aus der vorgestellt. Dieser Beitrag bildet den Abschluss Armut heraus retten will. der Serie.


Medientipps DAS ABENTEUER ALLTAG

Ben, ein aufgeweckter Blondschopf, besitzt zwei Schildkröten, Herr Sowa und Frau Lea, die er aus der Zoohandlung «freigekauft» hat. Ihnen hat der frischgebackene Erstklässler viel zu erzählen. Aber auch Ina ist ihm eine Stütze. Mit ihr sitzt er gerne als Schleichender Donner im Indianerzelt. Ben ist ein begeisterter Schüler, aber er ist noch klein. Deshalb landet er regelmässig in Olafs Schwitzkasten. Erst nachdem Ben ein paar Tage krank gewesen ist, ist er, auch dank seines älteren Bruders, stark genug für den Schulalltag. Und als er die Schildkröten in die Schule mitnehmen darf, wird er über Nacht zum begehrten Reptilienexperten. – Die Stärke des Buches liegt zum einen darin, dass es kein Problem-Kinderbuch ist: Ben ist ein gewöhnlicher Junge, der weder ein familiäres noch ein körperliches Handicap hat. Zum andern gelingt es dem Autor hervorragend, Bens Perspektive zu übernehmen. Er weiss, wie sechsjährige Jungen empfinden, denken und sich die Welt erklären. – Thomas Dütsch-Rychener

Oliver Scherz und Annette Swoboda (Illustration). Ben, Schule, Schildkröten und weitere Abenteuer. Stuttgart: Thienemann, 2015. 100 Seiten.

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PLÖTZLICH UNSICHTBAR

Immer mehr Menschen wissen, wie man Bilder verändern und manipulieren kann. Ein grosser Nachholbedarf besteht jedoch nach wie vor bei Manipulationsmöglichkeiten von Filmen. Das App «Green Screen by Do Ink» für das iPad springt in diese Lücke und zeigt den Nutzenden auf spielerische Art und Weise, wie sie das Prinzip des Green-

screens durchschauen und selber einsetzen können: Wenn etwas vor einem grünen Hintergrund gefilmt wird, kann alles Grün mit Hilfe des Apps durch ein beliebiges Standbild- oder bewegtes Bildmaterial ersetzt werden (vgl. youtube/ QlH3h19ablI). So können sich Menschen beispielsweise mit einem grünen Tuch vor die iPad-Kamera stellen und sich selbst beim Unsichtbarmachen

betrachten, indem ein vorher ausgewähltes Bild das Grün ersetzt. Nachrichten, Wetterberichte, aber auch Spielfilme arbeiten mit diesem Greenscreen-Prinzip – wer es kennt, gewinnt neue Einblicke und Einsichten. – Peter Holzwarth

Green Screen by do ink www.doink.com.

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Foto: Christoph Hotz

Medientipps

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ABGRENZUNG BIS ZUHÖREN

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POLITISCHE LINDGREN

Jeder Mensch hat eine Pluralität in sich, die man sich als Team mit heterogenen Mitgliedern vorstellen kann. Wie eine Fussballmannschaft kann das innere Team in unterschiedlichen Konstellationen aufgestellt und weiterentwickelt werden. Das Modell des «inneren Teams» ist einer der Klassiker von Friedemann Schulz von Thun. In seinem Buch «Miteinander reden von A bis Z» werden seine wichtigsten Modelle und Konzepte anschaulich erklärt und häufig visualisiert. Seine Klassiker findet man z.B. bei den Einträgen «Vier Ohren», «Kommunikationsquadrat», «Teufelskreis», «Werte- und Entwicklungsquadrat», aber auch Einträge wie «Visualisierung», «Burnout» oder «Hamburger Verständlichkeitsmodell». Mit seinen Modellen und Konzepten gelingt es dem Autor nicht nur, menschliche Kommunikation besser verständlich zu machen, sondern diese auch zu erleichtern. Ein Buch, das für jeden pädagogischen Kontext nützlich sein kann und auch zum partiellen Lesen einlädt.

«Die Menschheit hat den Verstand verloren» – diese Aussage, die ein Kommentar der Ereignisse des Jahres 2016 sein könnte – machte Astrid Lindgren 1942. In 17 Tagebüchern dokumentierte sie das Geschehen rund um den Zweiten Weltkrieg. Eine wichtige Informationsquelle war ihre Arbeit bei der Briefzensur des schwedischen Nachrichtendienstes. Aus der Perspektive der verschonten Schweden schreibt sie von den Ereignissen in der grösseren und kleineren Welt, am 20. März 1944 etwa von den Friedensverhandlungen zwischen Finnland und Russland und den Masern ihrer Tochter an der Heimatfront. Lindgrens Chronik ermöglicht den Zugang zur politischen Seite der Kinderbuchautorin, so z.B. durch ihre denkwürdige Bemerkung am Ende der Aufzeichnungen, dass das Jahr 1945 nicht nur den Frieden nach dem Weltkrieg, sondern auch die Atombombe gebracht habe: «Der Frieden bietet keine grosse Geborgenheit, die Atombombe wirft ihren Schatten auf ihn.»

– Peter Holzwarth

– Martina Meienberg

Friedemann Schulz von Thun et al. Miteinander reden von A bis Z. Lexikon der Kommunikationspsychologie. Reinbek: Rowohlt, 2012. 272 Seiten.

Astrid Lindgren. Die Menschheit hat den Verstand verloren. Tagebücher 1939-1945. Reinbek: Ullstein, 2015. 573 Seiten.

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DIE NAZIGRÄFIN UND ICH

Was tut man, wenn in der Zeitung steht, dass die eigene Grosstante an einem Massaker an 180 Juden beteiligt war? Wenn man erfährt, dass die Gräfin Margit ThyssenBatthyany in jener Nacht kurz vor Kriegsende zwar nicht geschossen, aber mit den Mördern getanzt und gelacht und den Rest ihres Lebens genossen hat, obwohl sie alles über das Verbrechen im österreichischen Rechnitz gewusst hat? Für den Autor, Sacha Batthyany, war es der Auslöser für eine Reise in die Familiengeschichte. Die Frage, was in jener Nacht 1945 genau passiert ist, wird dabei schnell zur Frage, was dieses Massaker mit ihm zu tun hat. Batthyany findet Antworten, nähert sich seinem Vater an, als er versteht, dass ihm Stalin durch die Gulag-Haft seines Grossvaters auch den Vater genommen hat. Im Tagebuch seiner Grossmutter stösst er auf ein Geheimnis, hinter dem sich weitere Abgründe auftun – so steht der Leser am Ende vor der Frage: Was hat die NaziGräfin mit mir zu tun? – Martina Meienberg

Sacha Batthyany Und was hat das mit mir zu tun? Ein Verbrechen im März 1945. Die Geschichte meiner Familie. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2016. 256 Seiten.

Schön viel Krokodil Wie viel kostet es, in einem besseren Leben anzukommen, fragt sich der Afghane Enaiat in der wahren Geschichte «Im Meer schwimmen Krokodile»  (btb 2012).  Das Jugendbuch von Fabio Geda,  das auch Erwachsenen unter die Haut geht, erzählt vom Preis, den Enaiat für seine lange Reise zu Fuss durch iranisches Gebirge und im Hohlraum eines Lastwagens in die Türkei bezahlt. Als er im Schlauchboot nach Griechenland fahren soll, steigt er nur ein, weil seine Freunde behaupten, im Meer gebe es keine Krokodile. Dass dem nicht so ist, erfährt er erst, als er Jahre später in Turin sein Glück gefunden hat. Auch diese Geschichte ist wahr: Jakob lebt 42 Jahre lang in einer Wohnung in Zürich – und dieser Jakob ist kein normaler Stadtbewohner, nein, Jakob ist ein Krokodil! Wie dieses ungewöhnliche Haustier all die Jahre mit Willi und seiner Familie verbringt, Besuch empfängt, badet und hin und wieder eine kleine Katastrophe verursacht, erzählen Claudia de Weck und Georg Kohler in einem Bilderbuch.  «Jakob, das Krokodil» (Atlantis 2013) amüsiert, wirft Fragen auf – und lässt vielleicht Kleine wie Grosse am Ende eine Krokodilsträne verdrücken. Das dritte Krokodil schwimmt gar nicht – weder im Meer noch im Bassin. «Das wasserscheue Krokodil» (NordSüd 2016)  im Bilderbuch von Gemma Merino kann Wasser nicht leiden;  es klettert viel lieber auf Bäume, denn es ist nicht fürs Schwimmen gemacht, sondern fürs Fliegen. – Auch Kinder, die noch nicht lesen können, werden beim genauen Betrachten der Illustrationen schnell merken, was mit diesem besonderen Krokodil los ist. – Martina Meienberg

Besprechungen weiterer Titel: blog.phzh.ch/akzente/rubrik/medientipps AKZENTE 4/2016

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Medientipps

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Mario Bernet und Ruedi Isler – Unter vier Augen

Illustration: Elisabeth Moch

Ruedi Isler: In einer Lektionsbesprechung mit Studierenden kamen wir kürzlich auf die Disziplin im Schulzimmer zu sprechen. Da sagte die Praktikumslehrerin den Dreiwortsatz: «Klassenführung ist Beziehungsarbeit!» Kannst du meine grosse Freude darüber verstehen? Mario Bernet: Ja. Und doch: Wenn junge Lehrpersonen scheitern, dann liegt es nicht an der mangelnden Bereitschaft, Beziehungsarbeit zu leisten, sondern an Banalerem. Das Unterrichten ist immer mit erheblicher Unruhe verbunden, und es braucht neben dem pädagogischen Ethos ein Handwerk, um diese Unruhe fruchtbar zu machen. Da hilft der Dreiwortsatz wenig. Ruedi Isler: Ich muss die Erklärung für mein gutes Gefühl noch etwas erläutern. Immer stärker stelle ich in den letzten Jahren zweierlei fest: Zuerst einmal glauben viele Studierende, Klassenführung bestehe aus kurzen, harschen Zwischenrufen wie «Fritz, auch du!». Dazu kommt, dass diese angehenden Kolleginnen und Kollegen heute nicht mehr über sich selbst erschrecken, wenn sie schroff dreinfahren. Da sind wir in der Pflicht, ihnen ein bisschen mehr beizubringen als ein paar technische Ablaufdetails von Unterricht. AKZENTE 4/2016

Mario Bernet: Klassenführung hatte ich immer so verstanden: Es braucht eine Technik des Unterrichtens – also Didaktik –, damit die lauten Töne nicht nötig werden. Die Kinder merken, dass sie ernstgenommen werden, dass der Gegenstand nützlich oder gar interessant ist – und sie wissen, was zu tun ist. Konstatierst du tatsächlich unter den Lehrpersonen eine «neue Schroffheit»? Ruedi Isler: Ja, und einen fatalen Glauben daran, dass Didaktik für eine ruhige Lernatmosphäre im Klassenzimmer verantwortlich ist: Wenn ich nur das Niveau treffe, die richtige Aufgabe stelle, einen kognitiven Konflikt erzeuge – dann läuft’s rund. Pädagogik: eigentlich unnötig! Dass es in der Schule um einen Bezug zwischen Menschen geht, um soziale Prozesse, um einen Dialog, der letztlich eine beziehungsbasierte Lernatmosphäre erzeugt, gerät aus dem Blick. Wieder mehr «Ich und Du», würde ich mit Martin Buber, dem für die Pädagogik des 20. Jahrhunderts so bedeutenden Philosophen, sagen! Mario Bernet: Dass ich mit Martin Buber im Rucksack den Draht zur Jugend finden würde, fand ich damals auch, als ich mich zum Lehrer ausbilden liess. Ich sträubte mich gegen die technischen

Aspekte der Klassenführung. Der Berufseinstieg liess mich pragmatischer werden: Wenn ich den Unterricht gut organisiere, kann auch mehr durchscheinen von dem, was du mit «Ich und Du» ansprichst. Ruedi Isler: Da liegst du voll im Trend! Organisation von Unterricht, methodische Varianten, didaktische Analysen und kognitionspsychologische Raffinessen beherrschen das Feld der Lehrerbildung. Wie ich eine tragfähige Beziehung zu meiner Klasse und den einzelnen jungen Menschen in ihr aufbaue, müsste als Antwort auf diesen Trend mehr Gewicht bekommen. Carl Rogers? Nie gehört, oder was? Mario Bernet: Was du «Trend» nennst, sehe ich eher als Notwendigkeit. Ich gebe dir aber Recht: Die Kinder wollen – und sollen – den Menschen in der Lehrperson erfahren. Alles Didaktische ist dieser Tatsache untergeordnet. Doch erst wenn ich das didaktische Werkzeug kenne, kann ich zu Wesentlicherem fortschreiten – und damit zum Aufbau tragfähiger Beziehungen. Mario Bernet (links) war 15 Jahre Primarlehrer und ist jetzt wissenschaftlicher Mitarbeiter an der PH Zürich, Ruedi Isler ist Pädagogikprofessor. Sie unterhalten sich an dieser Stelle über ein aktuelles Schulthema.

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Unter vier Augen

«Fritz, auch du!»


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Heinz Rhyn ist Rektor der Pädagogischen Hochschule Zürich.

Zur Rubrik

1 — Instagram#takeover vom 12. bis 25. September 2016: Einblick in den Alltag eines Rektors. 2 — Überreichung der Urkunden an die neuen Prof. der PHZH im Rahmen einer kleinen Feier. 3 — Semesterbeginn für alle und Studienbeginn für rund 860 neue Studentinnen und Studenten.

4 — Interessante Tischgespräche am gesellschaftlichen Anlass des Kantonsrats des Kantons Zürich. 5 — High Noon: Sitzung und Mittagsverpflegung zugleich. 6 — Unsere Bildungsdirektorin besucht die PHZH: erste Bildbearbeitungen laufen bereits.

7 — Arbeit liegt vor mir. 8 — Eine Sitzung ist ausgefallen. Zeit zum Laufen. 9 — Rietberg.

Jeweils für zwei Wochen übernimmt eine Person aus dem Bildungsumfeld den Instagram-Account der PH Zürich (@ phzuerich) und fotografiert während dieser Zeit in ihrem Berufsalltag – in diesem Fall von Mitte bis Ende September 2016. Die besten Bilder erscheinen an dieser Stelle in der Rubrik «Instagram #takeover».

Impressum «Akzente» erscheint viermal jährlich, 23. Jahrgang, Nr. 4, November 2016, ISSN 2296-7281 (Print), 2296-732X (Online). Herausgeberin: Pädagogische Hochschule  Zürich. Redaktionskommission: Christoph Hotz (Redaktionsleitung), Redaktor Kommunikation; Daniel Ammann, Dozent für Medienbildung; Bettina Diethelm,  wissenschaftliche Mitarbeiterin; Anne Bosche, wissenschaftliche Mitarbeiterin; Reto Klink, Leiter Kommunikation; Martina Meienberg, wissenschaftliche  Mitarbeiterin; Michael Prusse, Abteilungsleiter Sek II Berufsbildung. Redaktionelle Mitarbeit: Melanie Keim. Adresse: Pädagogische Hochschule Zürich,  Redaktion «Akzente», Christoph Hotz, Lagerstrasse 2, 8090 Zürich, akzente@phzh.ch, www.phzh.ch/akzente. Grafisches Konzept: Raffinerie AG für Gestaltung,  Zürich. Layout: Regi Müller, Typografische Gestalterin PH Zürich. Druck: FO-Fotorotar, Egg ZH. Inserate: IEB AG, Industriestrasse 6, 8627 Grüningen,  Tel. 043 833 80 40, Fax 043 833 80 44, info@ieb.ch, www.ieb.ch. Abonnemente: Jahresabonnement CHF 20.– inkl. Porto, Pädagogische Hochschule Zürich,  Vera Honegger, Lagerstrasse 2, 8090 Zürich, vera.honegger@phzh.ch. Gedruckt auf FSC-zertifiziertem Papier.

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AKZENTE 4/2016

Fotos: Heinz Rhyn

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2. März bis 23. November 2017 27 Donnerstage 13.15 – 17.45 Uhr & 5 Samstage 9.00 – 17.00 Uhr, insgesamt 138 Std. Präsenzzeit plus mindestens 210 Std. Selbststudium • Modul Bildungsarbeit mit Erwachsenen (SVEB Zertifikat FA-M1) • Modul „Migration und Interkulturalität“ • Modul „Fremd- und Zweitsprachendidaktik“ • Modul „Szenariobasierter Unterricht nach den fide-Prinzipien“ Kosten CHF 4‘500.00 inkl. Unterrichtsmaterial und Kompetenznachweis SVEB 1, das Zertifikat „Sprachkursleitende im Integrationsbereich“ kostet zusätzlich CHF 160.00.

Informationsveranstaltung Donnerstag 15. Dezember 2016 oder 26. Januar 2017, jeweils von 18.00 bis 19.00 Uhr an der ECAP, Neugasse 116, 8005 Zürich Informationen Nathalie Benoit, Tel 032 342 19 65, nbenoit@ecap.ch Stiftung ECAP Zürich Neugasse 116, 8005 Zürich, Tel: 043 444 68 88 Fax: 044 272 12 43, infozh@ecap.ch Öffnungszeiten Mo/Sa 8.30 – 12.00 Uhr, Mo/Mi/Do/Fr 13.00 – 17.00 Uhr, Di 13.00 – 19.00 Uhr

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