Akzente 2/2016

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Akzente Das Magazin der Pädagogischen Hochschule Zürich

Belastung – gesund und motiviert den Alltag meistern Seite 10

Social Media: ein Student, eine Lehrerin und eine Dozentin erzählen, wie sie Facebook und Twitter beruflich nutzen Seite 7 Studium: Studierende setzen die eigene Forschung direkt in die Praxis um Seite 27 blog.phzh.ch/akzente


Inserate

Foto: Workshop «Plastilin-Helden», 6. Primarschulklasse

Gewerbemuseum Winterthur

Ausstellung im Forum

PLOT IN PLASTILIN 6. März bis 18. September 2016 Plastilin ist weit mehr als Kinderknete. Das vielfältig wandelbare und mühelos formbare Material ist ein kreatives Paradies sondergleichen und die Fülle an hervorragenden Plastilinwelten scheint schier unerschöpflich, nicht nur im Animationsfilm, sondern auch in zeitgenössischer Kunst und im Produktedesign. Animierte Klassiker, Making-ofs, Musikvideos und neue künstlerische Arbeiten erlauben einen Blick in den Variantenreichtum dieses inspirierenden Stoffes. Workshops rund um farbenfrohe Handarbeit, Knetfiguren und Trickfilme ergänzen diese Schau.

Angebote für Schulen

Filmtrick in Plastilin

Workshop für Unter-, Mittel- und Sekundarstufe Kombinierbar mit dem Workshop «Plastilin-Helden» Vergünstigtes Angebot von schule&kultur für Klassen des Kantons Zürich, im September 2016

Plastilin-Helden Workshop für Mittel- und Sekundarstufe Empfohlen mit dem Workshop «Filmtrick in Plastilin»

Plot in Plastilin Dokumentation für Lehrpersonen für alle Stufen ab Lesealter Zum Download auf www.gewerbemuseum.ch/Museumspädagogik

Sprachaufenthalte für Individualreisende, Prüfungsvorbereitungskurse interessante Gruppenangebote & Teacher Training

Material-Archiv Mehrere Workshops für verschiedene Stufen

Öffnungszeiten Di bis So 10 –17 Uhr, Do 10 – 20 Uhr, Mo geschlossen Öffnungszeiten Feiertage www.gewerbemuseum.ch Anmeldung und Informationen Gewerbemuseum Winterthur Kirchplatz 14, 8400 Winterthur Telefon 052 267 51 36 gewerbemuseum@win.ch www.gewerbemuseum.ch

Aarau, Basel, Bern, Luzern, St. Gallen, Winterthur & Zürich

www.esl.ch


Inhalt 2/2016

Fotos: Niklaus Spoerri (Cover), Claudius Technau, Nelly Rodriguez, Markus Forte

32 Serie «Schule in aller Welt»: Dorfschulleben in Finnland.

24 Student Benjamin Brunner: Austauschsemester in Estland.

21 Reportage: Wie Lehrpersonen Belastungen in der Schule erleben.

4 Vermischtes Tagung «BNE in der Schule»

24 Studierendenseite Porträt, Bachelorarbeit, Kolumne

7 Eine Frage, drei Antworten Wie nutzen Sie Social Media beruflich?

27 PH Zürich Ausbildung: Die eigene Forschung in der Praxis umsetzen

9 Seitenblick Zürichs Himmel aus chinesischer Perspektive

Dienstleistungen: Die Bibliothek der PH Zürich auf dem Weg in die Zukunft

10 Schwerpunkt Belastung

Leitartikel: Gemeinsam zur gesunden Schule Interview: Theo Wehner,      Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie Studium: Wie Studierende Belastungen im Praktikum meistern Reportage: Abschied von falschen Idealen

Zentrum IPE: «Ein Grossteil beherrscht die Erstsprache nur mündlich» Dienstleistungen: «Damit steigt die Akzeptanz der Lehrmittel» 32 Schule in aller Welt Der Kampf der Dorfschulen ums Überleben 34 Medientipps 37 Unter vier Augen Pädagogische Wunderwaffen 38 Instagram #takeover 38 Impressum

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Dass Lehrpersonen einem hohen Belastungsrisiko ausgesetzt sind, darüber herrscht mittlerweile auch ausserhalb des Schulfelds in weiten Kreisen Einigkeit. Die Gründe für die Situation sind vielfältig. Jürg Frick, langjähriger Berater an der PH Zürich, sagt: «Die Aufgabe der Lehrperson ist eigentlich grenzenlos. Man kann sich zum Beispiel immer noch besser auf die nächste Stunde vorbereiten.» Hinzu kommen wachsende gesellschaftliche Ansprüche: Eltern, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik – sie alle haben grosse Erwartungen an die Kinder und damit auch an die Lehrpersonen und die Schule als Ganzes. Vielerorts hat man inzwischen einen Umgang mit der Problematik gefunden. Dabei zeigt sich: Ein starkes Team ist das A und O. Und: Es gibt auch Möglichkeiten, bei sich selber anzusetzen. Was dies konkret bedeutet, erfahren Sie im Schwerpunkt «Belastung» ab Seite 10. In der Rubrik «PH Zürich» steht ein Thema im Fokus, das immer wieder diskutiert wird. Es geht dabei um die Verknüpfung von Forschung und Ausbildung und damit auch um den Transfer der Theorie in die Praxis. In dem beschriebenen Beispiel entwickeln Studierende im Rahmen einer Lehrveranstaltung ihr eigenes Forschungsprojekt und setzen dieses anschliessend in der Praxis um. Das Modell nennt sich «Teacher Inquiry» und wird in Kanada seit längerem angewandt – mehr dazu und zu anderen Themen aus unserer Hochschule ab Seite 27. – Christoph Hotz

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In haltsverzeich nis/Editorial

Ein starkes Team als A und O


Neue Dynamik für BNE in der Schule?

2015 haben die UNO-Mitgliedstaaten entschieden, sich auf 17 Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals – SDGs) zu einigen, die in allen Mitgliederstaaten gleichzeitig umgesetzt werden sollen. Diese «Agenda 2030» verfügt über das Potenzial, dem Gedanken der Nachhaltigkeit eine neue Dynamik zu geben. An der Veranstaltung «Lehrerinnen- und Lehrerbildung in Bewegung» von Anfang März an der PH Zürich wurde in diesem Zusammenhang die Frage gestellt, was Lehrpersonen brauchen, um die Konzepte der Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) umzusetzen. Der Anlass war Teil eines dreitägigen Workshops, der Vertreterinnen und Vertreter der Lehrerinnen- und Lehrerbildung aus acht Schweizer Pädagogischen Hochschulen mit deren Partnerorganisationen aus allen Teilen der Welt zum Austausch zusammenbrachte. Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) will, wie Konrad Specker, Leiter Abteilung Institutionelle Partnerschaften an der Tagung erklärte, seine Aktivitäten vermehrt an den SDGs orientieren. PHZHRektor Heinz Rhyn freute sich als Gastgeber, die internationale Tagung in Zürich begrüssen zu können und zeigte sich davon überzeugt, dass die Arbeiten, die seit Jahren an den Pädagogischen Hochschulen in diesem Feld geleistet worden sind, auch dank der «Agenda 2030» 4

Kommende   Ver­ anstaltungen

breiter abgestützt sein können. Mit grossem Interesse folgten die Zuhörerinnen und Zuhörer den beiden Beiträgen der Gastreferen9. Juni ten Professor Ali A. Abdi von der kanadiICF-Tagung schen University of British Columbia und Es werden MöglichProfessor Emeritus William Scott von der keiten zur Nutzung der «Internationa- University of Bath in Grossbritannien. len Klassifikation William Scott fragte in seinem Refeder Funktionsfähigrat (selbst-)kritisch nach der Wirkung der keit, Behinderung Nachhaltigkeitsbildung. Obwohl er nur weund Gesundheit» (ICF) in der Praxis nige Spuren festmachen könne, sehe er diskutiert. gleichwohl keine Alternativen dazu. Ali A. Abdi hingegen fokussierte auf das Potenzial, 16./17. Juni Kongress «Problem- das der Sustainability-Rahmen für die weltbased Learning» weite Diskussion zu «Citizenship» haben Im Zentrum steht kann. Er ist dabei überzeugt, dass nur eine die Frage: Wie kann ausbalancierte Entwicklung, die soziale, Problem-based ökologische und ökonomische Elemente Learning helfen, die Kompetenzentgleichenteils berücksichtigt, eine Gesellwicklung zu etaschaft zulässt, in der alle Teilnehmenden blieren? ihren Platz finden und selbst zu deren Gestaltung etwas beitragen. 25. Juni Tagung «Klassenführung» Die Tagung gibt konkrete Anregungen für den Schulalltag.

– Rolf Gollob

Weitere Infos:  tiny.phzh.ch/ veranstaltungen

Rolf Gollob ist Co-Leiter des Zentrums International Projects in Education (IPE) der PH Zürich.

Weitere Informationen zu «Partnerschaften Nord-Süd in der Lehrer/innenbildung»: tiny.phzh.ch/nord _ sued

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Foto: Reto Klink

Ver mischtes

Erkennt in der «Agenda 2030» der UNO grosses Potenzial: Ali A. Abdi von der University of British Columbia.


Fotos: Christoph Hotz, zVg

Anzahl Partnerhochschulen der PH Zürich in Europa und Übersee

8

Deutschland

6

Frankreich

5

Österreich Niederlande USA

3

Schweden Kanada Spanien

2

Belgien Grossbritannien Italien Türkei Dänemark China Australien

1

Portugal, Norwegen Finnland, Island Estland, Litauen Polen, Rumänien Tschechien, Serbien Singapur, Brasilien, Ungarn

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Aktuelles Nachhaltigkeitswoche: Studierende kochten mit Flüchtlingen Zum vierten Mal fand im März die Nachhaltigkeitswoche der Zürcher Hochschulen statt. Das Programm bot eine grosse Vielfalt an Möglichkeiten, sich mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen – beispielsweise an der Podiumsdiskussion «Konkret, konstruktiv, kreativ – Vorschläge für eine nachhaltige Asylpolitik Europas». Umrahmt wurde die Veranstaltung durch einen Kochworkshop mit zwei eritreischen Flüchtlingen, den drei Studierende der PH Zürich organisiert hatten.

Pool-Maag), «Bildungs- und Schulgeschichte» (Norbert Grube) sowie «Bildungssoziologie» (Christoph Maeder) verliehen. Rektor Heinz Rhyn betonte in seiner Rede anlässlich der Übergabe das strategische Anliegen der PH Zürich, herausragende Leistungen entsprechend sichtbar zu machen – auch in Form von Professuren. Lehrmittel-Serie «Mathematik» komplett Die PH Zürich hat in Zusammenarbeit mit dem Lehrmittelverlag Zürich in vier Projekten neue Mathematik-Lehrmittel für die verschiedenen Schulstufen entwickelt. Nun ist das letzte Lehrmittel aus der Serie erschienen. Die Arbeit erstreckte sich über mehr als 10 Jahre und umfasste die Konzeption, Entwicklung und gleichzeitige Praxiserprobung der Lehrmittel.

22 Studierende aus aller  Welt an der PH Zürich Lewan aus Eritrea kochte mit den Das sogenannte Mobilitätssemesinsgesamt 15 Studierenden typische ter in Zürich erfreut sich grosser eritreische Speisen. Beliebtheit. Im Frühlingssemester 2016 durfte die PH Zürich 22 Auszeichnung für GesundheitsStudierende begrüssen – so viele förderung in der Schule wie noch nie. Die Studentinnen Anfang April wurde vom Kantona- und Studenten kommen aus Bellen Netzwerk Gesundheitsfördern- gien, China, England, Nordirland, der Schulen zum vierten Mal der Spanien, Holland, der Mongolei «Zürcher Preis für Gesundheitsund der Romandie. förderung in der Schule» verliehen. Ausgezeichnet wurden Projekte der Schule Tannenbach in Horgen, der Primarschule Rebacker in Herrliberg sowie der Primarschule BreitiRisi in Turbenthal. Die Preissumme beträgt insgesamt 19 000 Franken. Verleihung neuer Professuren Die PH Zürich hat drei neue Professuren in den Themenfeldern «Inklusion und Diversität» (Silvia

Die Studierenden können während ihres halben Jahres in Zürich auch Lehrveranstaltungen besuchen.

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Ver mischtes

PHZH in Zahlen


Inserate

Innovative E-Book-Plattform Edubase – die integrale Komplettlösung für digitale und gedruckte Publikationen im Bildungsbereich. Jetzt informieren www.edubase.ch

Edubase AG – eine Betreibergesellschaft von Edubook AG und Careum Verlag – ist exklusiver Vertragsnehmer von LookUp! für die Schweiz.

Unser Umgang mit Rohstoffen Eine Sonderausstellung von focusTerra

Verlän g

20.11

ert bis

.2016

Mineralische Rohstoffe bilden die Grundlage unseres Lebens. Welche Herausforderungen kommen durch den steigenden Verbrauch auf uns zu? Für weitere Informationen auch über Schulunterlagen, Workshops für Lehrer, Führungen und Vorträge besuchen Sie unsere Website: www.focusterra.ethz.ch focusTerra ETH Zürich, Sonneggstrasse 5, 8092 Zürich info_focusTerra@erdw.ethz.ch

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Eine Frage, drei Antworten: Wie nutzen Sie Social Media beruflich? Diese Facebook-Gruppe ist sehr «Posten» von Fotos halte ich für aktiv: Fragen werden innert kurzer absolut überflüssig und hat in Zeit und fundiert von den einzelmeinem Alltag nichts zu suchen. nen Gruppenmitgliedern beantwortet. Damit ist sie eine echte Arbeitserleichterung für Personen, welche sich mit der Integration von digitalen Medien in den Schulen auseinandersetzen. Rahel Tschopp, Bereichsleiterin Medienbildung a.i. an der PH Zürich

Ich   bin   täglich   auf   sozialen   Netzwerken anzutreffen. Am meisten pflege

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Angelos Goutziomitros, Student Sekundarstufe 1 an der PH Zürich

Ein   Leben   ohne   Smartphone   ist   kaum   mehr   auszudenken. Es kommt sogar

auf einen kurzen Spaziergang mit. Für Notfälle! Pro Tag checke ich mindestens einmal meine FaceBei   der   Frage   nach   meiner booknews. Vielleicht gibt’s ja ein Nutzung   habe ich mich unweiSchnäppchen auf Mamalious für gerlich hinterfragt, was denn alles unsere Tochter? Die Mails lade in den Bereich Social Media fällt. ich mehrmals pro Tag herunter, Dabei bin ich auf einen Blog geund WhatsApp-Nachrichten (wer stossen, in dem über hundert verbraucht heute noch SMS?) erscheischiedene Plattformen aufgezählt nen ohnehin «Realtime». Von meiwurden. Diese enorme Anzahl nen 1.-Seklern hat genau noch hat mich überrascht und ebenso, ein Junge einen Facebookaccount, was alles dazugezählt wird – zum angeblich wegen des Kontakts zu Beispiel Wikipedia. Ebenfalls seinen Verwandten im Kosovo. Alle musste ich feststellen, dass ich auf anderen bewegen sich auf  Tango, einer beträchtlichen Anzahl daTumblr, Ask.fm, oovoo. Von all von tätig bin. Dennoch sind nur dem habe ich keine Ahnung. Bin wenige Plattformen wie WhatsApp, ich schon so veraltet? Dabei haben Facebook, Skype und verschiedene wir eben erst einen Projekttag zu Blogs wirklich relevant für mich. Social Media vorbereitet, inklusive Diese nutze ich privat und geschäft- einem Modul zu Facebook. Viellich bzw. im Rahmen des Studiums. leicht sollte ich mich besser von den Als Co-Präsident der Versammlung Schülerinnen und Schülern schulen der Studierenden verwalte ich zum lassen? Der Unterricht klappt zum Beispiel die Anfragen, welche Glück ohne diese Plattformen, denn meine Mitstudierenden über unsere Lernen findet immer noch im Kopf Facebook-Seite anbringen. Das statt, genauso wie früher, oder? 7

Meinu ngen

ich meinen Facebook- und meinen Linkedin-Account. Bei Twitter schaue ich täglich vorbei, zwitschere selber aber wenig aktiv mit. Diese Netzwerke sind für mich zu wesentlichen Informationskanälen im Berufsalltag geworden. Ich erhalte Informationen über digitale Projekte, die in Schulen durchgeführt werden. Von aktuellen Untersuchungen, neuen Modellen und Bucherscheinungen erfahre ich meistens auch direkt und zeitnah über diese Kanäle. Spannende Informationen verarbeite ich gleich weiter: Ich probiere neue Internetseiten aus, schaue mir Projekte an und empfehle sie auch gerne weiter. Studien und spannende Texte lade ich herunter, speichere sie und vermerke sie gleich mit den nötigen Schlagwörtern. Für Personen, die in ihrer Schule den pädagogischen ICT-Support (ICT – Informationsund Kommunikationstechnologie) übernommen haben, führen wir eine eigene geschlossene FacebookGruppe (auffindbar unter: PICTS – Pädagogischer ICT-Support). Spannende Informationen, welche für diese Personen relevant sein können, poste ich dann gleich.

Sarah Weilenmann, Sekundarlehrerin, Wetzikon


Inserate

SVEB-ZertifikatPLUS Dipl. Erwachsenenbildner/in HF

Supervision Berufsbildner/in Basiskurs

Praxisausbilder/in

Weiterbildung

Passarelle zu üK-Leiter/in

SVEB-Zertifikat

Beratung und Coaching

Ausbilder/in

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Gesunde und nachhaltige Kinderverpflegung… Die eigenen Kinder in fremde Obhut zu geben, bedingt ein grosses Mass an Vertrauen. Zur liebevollen und verantwortungsbewussten Betreuung gehört auch eine gesunde und kindergerechte Verpflegung. Als führende Partnerin für die Kinder- und Jugendverpflegung steht menuandmore den Mittagstischen für diese Ansprüche kompetent und gerne zur Seite. • Einzige kindergerechte Anbieterin mit Gold-Zertifizierung • Kinderspezifische Menüplanung • Frische und schonende Zubereitung für optimalen Erhalt der Vitalstoffe • Belieferung mit hauseigener Kühllogistik in die ganze Deutschschweiz • Spezialisierte und umfangreiche Gesundheitsförderung • Kostenlose, vielfältige Serviceleistungen • Ausgezeichnet mit dem Allergie-Gütesiegel für besonders allergikerfreundliche Dienstleistungen • Höchste Verpflegungssicherheit zu günstigen Konditionen • Nachhaltiges und klimaneutrales Unternehmen

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Ein Unternehmen der Eldora-Gruppe

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Christine Bieri Buschor – Seitenblick

Illustration: Raffinerie AG

Während meiner zehntägigen Studienreise im letzten Herbst nach Hongkong erreichten mich per WeChat ‒ der chinesischen Variante von WhatsApp ‒ regelmässig Nachrichten von Kei Tan. Kei Tan studiert an der Hongkong University of Education mit Schwerpunkt Zeichnen und Kunsterziehung auf der Primarschulstufe. Sie war eben erst in die Schweiz gereist, um an der PH Zürich ein Auslandsemester zu absolvieren, und ich stellte ihr ein Zimmer in meiner Wohnung in Zürich zur Verfügung. Kaum war sie in der Wohnung angekommen, postete sie aus verschiedenen (un-)möglichen Perspektiven zahlreiche HimmelsBilder durch das offene Fenster ihres Zimmers. «Xia tian shuijiao! Ich schlafe unter freiem Himmel», teilte sie auf WeChat mit. Ihren Freundinnen schrieb sie, sie hätte noch nie ein eigenes Zimmer mit Fenster gehabt. Weitere Fotos folgten: Der rötliche Abendhimmel mit einem Stück Bügeleisen und Klavier am unteren Rand oder der blaue Himmel mit einer Tischecke am oberen Rand. Die Gegenstände der Wohnung bildeten jeweils den Rahmen für ihre Himmelsbilder. AKZENTE 2/2016

Im Gegenzug sandte ich ihr Bilder ihrer Universität, die sie mit Kommentaren versah wie «We are doing a real cultural exchange!». Zu den Bildern zur Konfuzius-Ausstellung im universitätseigenen Museum fragte sie erstaunt «Why are you interested in Confucius?». Und zu den Fotos unseres Treffens mit den Austauschstudierenden der PH Zürich meinte sie: «But you are all professors! Why do you eat at the mensa?» Kei Tans andere Perspektive auf den Himmel war für mich erhellend. Was in meinem Verständnis eher den Hintergrund bildete, rückte plötzlich in den Vordergrund. Ebenso anregend war ihr Blick auf  Vorder- und Hintergründe des Unterrichts: Während ihres Praktikums erhielt sie die Aufgabe, einige Zeichnungslektionen zu unterrichten. Als Einstieg stellte sie das Werk des Malers Giuseppe Arcimboldo mit einer Power-Point-Präsentation vor. Aufgrund der Rückmeldung der Praxislehrperson zog sie den Schluss, sie müsse beim nächsten Mal nicht mit einem Vortrag, sondern handlungsorientiert einsteigen. Das löste bei ihr einige Fragen aus: Ist es nicht die Pflicht der Lehrperson, ihr Wissen

den Lernenden zu vermitteln? Warum soll sie die Lernenden zuerst eine Aufgabe lösen lassen und erst danach ein Modell zeigen? Ihre Beobachtungen zu den Gruppenarbeiten führten zur Frage, welchen Wert Gruppenarbeiten im Zeichenunterricht hätten, in dem doch primär die individuelle Ausdrucksweise gefördert werde. Das Beispiel zeigt: Kulturbedingt gehen wir häufig von Selbstverständlichkeiten aus. Daher ist der Austausch mit Auslandstudierenden von grossem Wert. Er ermöglicht es, die eigenen Perspektiven zu hinterfragen: In welchen Situationen sind Gruppenarbeiten wirklich förderlich? Und wann führt der Vortrag der Lehrperson vielleicht tatsächlich eher zum Ziel? Was in den Hintergrund gedrängt wurde, kann plötzlich in den Vordergrund rücken. Dies gilt auch ausserhalb der Schule, und so werde auch ich versuchen, meinen Blick künftig vermehrt bewusst auf jene Dinge zu lenken, die ich kaum mehr wahrnehme – beispielsweise den Himmel über Zürich in Kei Tans Zimmer. Christine Bieri Buschor ist Zentrumsleiterin in der Forschungsabteilung der PH Zürich.

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Seitenblick

Zürichs Himmel aus chinesischer Perspektive


Die Anliegen und Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler sind omnipräsent – auch in den Pausen. 10

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Gemeinsam zur gesunden Schule Der Lehrberuf birgt besonders viele Belastungsrisiken. Mit einer gesunden Gelassenheit und der Unterstützung durch ein starkes Team können Überlastungen verhindert werden. Denn Gesundheit im Berufsalltag ist weitgehend eine gemeinsame Aufgabe. Text: Melanie Keim, Fotos: Niklaus Spoerri

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Schwer pu nkt Belastu ng

Ein Drittel der Schweizer Lehrpersonen ist burnout-gefährdet. Zu diesem Schluss kam 2014 eine Nationalfondsstudie der Fachhochschule Nordwestschweiz. Ungeachtet der Frage, ob tatsächlich so viele Lehrpersonen vor einer beruflichen Überforderung stehen oder ob es sogar noch mehr sind – Tatsache ist, dass Stress, Überbelastung und Burnout im Schulfeld so präsent sind wie in kaum einem anderen Beruf. Doch weshalb sind gerade Lehrpersonen besonders oft von einer beruflichen Überlastung betroffen? «Die Aufgabe der Lehrperson ist eigentlich grenzenlos. Man kann sich immer noch etwas besser auf die nächste Stunde vorbereiten, immer noch eine Weiterbildung besuchen», beschreibt Jürg Frick, langjähriger Berater an der PH Zürich, ein zentrales Belastungsrisiko des Lehrberufs. Aus der Forschung sei bekannt, dass viele Lehrpersonen sehr idealistische, zum Teil überhöhte Ziele verfolgten und sich im Beruf zu stark verausgabten, so Frick. Doch mit einer solchen Einstellung kann die Gestaltungsfreiheit im Schulalltag schnell zur Überforderung werden. Das hohe Mass an Selbstverantwortung ist jedoch nur eines der spezifischen Belastungsrisiken des Lehrberufs. So birgt das System Schule auch die Gefahr des sogenannten Präsentismus; dass Arbeitnehmende selbst dann zur Arbeit gehen, wenn sie krank sind. Schliesslich steht der Grippe der Lehrperson bei mangelnden Aushilfekräften der Unterrichtsausfall einer gesamten Klasse gegenüber. Zudem erfordert das Unterrichten stets die volle Präsenz der Lehrperson. Ist diese nicht bei der Sache, merkt das die Klasse sofort. Und während in anderen Berufsfeldern Arbeitskollegen bei persönlichen Schwierigkeiten Unterstützung bieten können, kann man von Kindern kein Verständnis für die familiären Probleme ihrer Lehrperson verlangen. Als weiteren Risikofaktor nennt Frick die schwierigen Erfahrungen, die Kinder mit in die Schule bringen. «Wenn ein Kind zu Hause geschlagen wird, beschäftigt einen das auch nach Schulschluss», weiss er aus eigener Unterrichtserfahrung. Wie in anderen Sozialberufen müssen Lehrpersonen sich abgrenzen können, damit der Beruf nicht zur untragbaren Belastung wird. Kräftezehrend können zudem die öffentliche Exponiertheit sein und die vielen Bewertungen der Arbeit von Aussenstehenden aufgrund eigener, manchmal Jahrzehnte zurückliegender Schulerfahrungen. Während Lehrpersonen von Kindern bisweilen besonders wertvolle Formen der Wertschätzung erfahren, etwa durch ein «Schön, dass die Ferien zu Ende sind», dringt von Seiten der Eltern oft nur negatives Feedback durch.

PH Zürich sind Konflikte mit Eltern immer wieder ein Thema. Vermehrt berichten Lehrpersonen sogar von Eltern, die bei Unstimmigkeiten mit dem Anwalt drohen. «Die Eltern stehen selbst unter einem hohen Druck und ziehen bisweilen alle Register», sagt Frick. Aufgrund wirtschaftlicher Unsicherheiten und einem daraus folgenden gesellschaftlichen Druck, beruflich zu reüssieren, komme der Schule heute eine viel grössere Bedeutung zu als noch vor 30 Jahren. Die Kehrseite der scheinbar positiven Entwicklung ist bekannt. Mit der wachsenden Bedeutung von Bildung wachsen die Ansprüche an die Schule und damit der Druck auf die Lehrpersonen. Zu den erhöhten Ansprüchen gehören neben der Erwartungshaltung der Eltern die Forderungen zahlreicher Reformen sowie zusätzliche Themenfelder und Kompetenzen, die laufend Eingang in den Lehrplan finden. Frick bestreitet die Richtigkeit von Neuerungen wie der Integration aller Schülerinnen und Schüler, dem Vermitteln von Medienkompetenzen oder von Themen wie Nachhaltigkeit selbstverständlich nicht. Doch ist er überzeugt, dass die Schule schlicht nicht alle gesellschaftlichen Ansprüche bewirtschaften kann. «Damit man im Beruf gesund bleibt, muss man sich wehren können und auch einmal Nein sagen», so der Autor des Handbuchs Gesund bleiben im Lehrberuf (siehe Seite 15). Von den oftmals sehr pflichtbewussten Lehrpersonen wünscht er sich, dass diese sich auch einmal weigerten, Weisungen umzusetzen, wenn diese zu viel fordern. So konnten Lehrpersonen mit dem Schritt vor die Schulpflege schon zusätzliche Ressourcen erwirken, die zur Umsetzung einer geforderten Massnahme nötig waren. Das Streben nach Best Practice bezeichnet Frick denn auch als besten Weg ins Unglück. Würde vermehrt Good Practice angestrebt, resultierte daraus der bessere Unterricht. In seinen Beratungsgesprächen kämpft er zum Teil richtiggehend mit betroffenen Lehrpersonen, damit diese unrealistische Ideale als solche erkennen. Ob sie auch gerne arbeite, wenn jemand in ihrer Familie gestorben sei, fragte er schon provokativ eine Lehrerin mit dem überhöhten Anspruch, immer gerne zur Arbeit zu gehen. Die Suche nach Entlastungsmöglichkeiten führt oft ins Privatleben. Lastet man sich dort ebenfalls zu viel auf? Übernimmt man in der Familie oder einem Verein zu viel Verantwortung? Zu einem gesunden Berufsalltag tragen neben bekannten Grössen wie körperlicher Betätigung, Entspannung und Genuss ein tragfähiges Sozialnetz und der Fokus auf Erfolge statt auf Misserfolge bei. Dieser Blick auf das Positive ermöglicht erst, Sinn in der eigenen Arbeit zu sehen. Und wer sein Tun als sinnhaft erfährt, kann selbst hohe Belastungen gut ertragen.

Gesunder Ungehorsam Die Zusammenarbeit mit Eltern ist einer der Faktoren, Zusammenspiel vieler Faktoren die in den letzten Jahren zu einer erhöhten Belastung im So zahlreich die Gesundheitsfaktoren und BelastungsriLehrberuf führten. In den Beratungsgesprächen an der siken, so vielfältig sind auch die möglichen Auslöser für 12

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eine Überlastung. Oftmals bringt ein solcher Auslöser wie beispielsweise eine neue Zusammensetzung des Lehrpersonenteams oder eine schwierige Klasse lediglich bereits bestehende Belastungsfaktoren zum Explodieren. Ob eine Lehrperson in eine Überlastungssituation gerät, hängt wenig von ihrem Alter und ihrer Erfahrung ab. Zwar wachsen mit der Zeit das Handlungsrepertoire und die Selbstmanagementstrategien, doch treten in den oft sehr langen Berufsbiografien immer neue Herausforderungen auf. So kann eine gestandene Lehrperson durch die Betreuung der eigenen Eltern oder in einer persönlichen Krise ihren Beruf plötzlich als sehr belastend empfinden oder durch neue Unterrichtsmethoden ihre Sicherheit verlieren. Dagegen nehmen jüngere Lehrpersonen ihren Beruf heute zunehmend nicht mehr als Berufung wahr, sondern als Job, den man kündigen kann wie jeden andern. Und dies kann eine gesunde Gelassenheit verleihen, die vor der Überlastung schützt. Der Umgang mit Belastungen ist denn auch eines von fünf Kriterien der Berufseignung im ersten Studienjahr an der PH Zürich und hin und wieder mit ein Grund für einen Studienabbruch. Während die Thematik in der Ausbildung immer wieder angeschnitten wird, wird der Umgang mit Belastung in den die Berufspraktika begleitenden Mentoraten explizit thematisiert. Dennoch bleibt der Berufseinstieg eine sensible Phase, weil viele konkrete Belastungssituationen

erst mit der Übernahme einer eigenen Klasse erfahren werden können. Dem wird mit der zweijährigen Fachbegleitung durch eine erfahrene Lehrperson am Arbeitsort Rechnung getragen sowie mit einem grossen Beratungsund Kursangebot an der PH Zürich. Einer besonders hohen Belastung sind Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger ausgesetzt, wie Thomas Jenny, Co-Leiter des Quereinsteiger-Studiengangs für die Sekundarstufe, bestätigt. Zum dichten Programm in der verkürzten Studienzeit kämen bei vielen Studierenden familiäre Verpflichtungen und ein hohes Arbeitspensum dazu, doch zeigten die meisten Quereinsteigenden einen deutlichen Erfahrungsvorsprung gegenüber Regelstudierenden. «Eine ehemalige Abteilungsleiterin hat oft schon gute Strategien, um mit Stress und Belastung umzugehen und weiss besser, wo Hilfe holen», so Jenny.

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Begleitung statt Diagnose Für den Fall einer Überlastung bietet die PH Zürich eine breite Palette an Beratungsangeboten an. Diese reichen vom Beratungstelefon über Supervisionsgruppen bis hin zur Einzelberatung. Bevor externe Hilfe in Anspruch genommen wird, muss die Problematik jedoch erst einmal erkannt werden. Oftmals erkennen Betroffene nicht selbst, dass sie überlastet sind, oder wollen sich dies nicht eingestehen. Hinweise auf eine Überlastung können Symptome wie das Vernachlässigen von Hobbys, Schlaf-

Schwer pu nkt Belastu ng

Korrigieren nach Schulschluss gehört zum Alltag. Zu viel Pflichtbewusstsein kann aber zur Überforderung führen.


Schwer pu nkt Belastu ng

probleme oder die Kompensation durch noch mehr Arbeit geben. So werden viele Lehrpersonen von der Schulleitung für eine Beratung angemeldet, wobei oftmals Scham und das Gefühl aufkommt, nicht zu genügen. «Gerade ältere Lehrpersonen erleben die Anmeldung für eine Beratung zum Teil als grosse Kränkung», sagt Hansjörg Hophan. Der Dozent und Berater, der an der PH Zürich neben Lehrpersonen auch Schulleitungen berät und ausbildet, weist auf die Verantwortung der Schulleitung in der Belastungsproblematik hin. Mit dem Aufdecken einer Überlastung habe diese den richtigen Zeitpunkt eigentlich schon verpasst, so Hophan. Dies nicht zuletzt, weil der Erfolg einer Beratung weniger vom Grad der Überlastung abhängt als von der Bereitschaft der betroffenen Person, externe Hilfe anzunehmen. Nicht Diagnosefähigkeit, sondern eine gute Begleitung der Lehrpersonen bezeichnet Hophan als Merkmal einer guten Schulleitung. «Die Schulleitung muss in einer engen Beziehung zu den Mitarbeitenden stehen», sagt Hophan. Dadurch können Probleme nicht nur frühzeitig aufgedeckt werden, ebenso wird auch das nötige Vertrauen für Krisensituationen geschaffen. Statt nur zu

Wenn Schwierigkeiten gemeinsam besprochen werden können, ist die Gefahr einer Überlastung kleiner.

fragen, wie es mit der Klasse oder den Eltern läuft, gilt es, Interesse für das persönliche Befinden der Lehrpersonen zu zeigen und diese in ihren Stärken gezielt zu fördern, etwa durch gut geplante Weiterbildungen. In der aufrichtigen Anteilnahme und einer aktiven Personalentwicklung drückt sich letztlich eine Wertschätzung aus, die das Selbstwertgefühl stärkt und Belastungen leichter ertragen lässt. Neben der Prävention auf persönlicher Ebene ist Gesundheitsförderung im Lehrberuf weitgehend ein gemeinsames Projekt. Wenn auch die heutige enge Zusammenarbeit unter Lehr- und Betreuungskräften an vielen Schulen als zusätzliche Belastung empfunden wird, könnte gerade eine enge Teamarbeit vielen Belastungen entgegenwirken. Wenn Lehrpersonen sich statt als Einzelkämpfer als Teil eines Ganzen verstehen und Schwie14

rigkeiten gemeinsam besprochen werden können, ist die Gefahr einer Überlastung kleiner. «Lehrpersonen gehen in ihrer Denkweise oftmals vom Lerninhalt oder dem Kind aus, statt mögliche Ressourcen einer Zusammenarbeit zu klären», sagt Hophan. So können beispielsweise die Erfahrungen eines Arbeitskollegen bei Problemen mit einer schwierigen Klasse helfen oder die Arbeit einer Kollegin bei der Vorbereitung der eigenen Lektion. Gesundheit planen «In einer erfolgreichen Schule wird Gesundheit nicht dem Zufall überlassen», sagt Hophan. Was er als «Kultur des Miteinanders» bezeichnet, soll von der Schulleitung durch geeignete Strukturen wie Intervisionsgruppen und konkrete Massnahmen wie dem Thematisieren von gegenseitigen Erwartungen gefördert werden. Auch symbolischen Handlungen kommt eine grosse Bedeutung zu. Wenn Sitzungen von der Schulleitung bewusst nicht über Mittag geplant werden, ist dies auch ein Bekenntnis für eine Kultur der gesunden Grenzen. Eine Kultur, die Gesundheit in den Vordergrund stellt, setzt sich in der Auswahl der Mitarbeitenden fort, da die Passung von Lehrperson und Schule die Grundlage eines guten Arbeitsklimas bildet. Angesichts des Lehrkräftemangels können zwar nur Schulen mit einem guten Ruf ihre Mitarbeitenden auswählen, doch resultiert dieser Ruf wiederum meist aus einem klaren Profil und einer bewussten Personalpolitik. Gesundheitsmanagement und Personalführung bilden zentrale Elemente der Schulleitungsausbildung an der PH Zürich. Viele Anforderungen an eine gute Schulleitung wie ein feines Sensorium und Motivationsfähigkeit sind jedoch Persönlichkeitseigenschaften oder Soft Skills, die nur beschränkt in einer Ausbildung vermittelt werden können, sondern durch Erfahrung wachsen. Während Schulleiterinnen und -leiter für gesunde Arbeitsbedingungen sorgen, geht gerne vergessen, dass sie selbst einer hohen Belastung ausgesetzt sind. Laut Hophan sind belastungsbedingte Ausfälle in den Schulleitungen so häufig, dass sich bereits ein Markt für temporäre Aushilfekräfte entwickelt hat. Die gehäuft auftretenden Überlastungsfälle lassen sich einerseits durch das relativ junge Berufsbild erklären, andererseits durch die schwierige Scharnierstelle der Schulleitung zwischen Behörden und Lehrpersonenteam. Die Bedingungen für einen gesunden Berufsalltag sind für Schulleitungen dieselben wie für Lehrpersonen. «Schulleitungen müssen genauso darauf achten, dass sie nicht alleine sind und genügend Unterstützung erhalten», sagt Hophan. Entlasten kann sowohl eine erweiterte Schulleitung als auch das regelmässige Feedback der Lehrpersonen. Die negativen Belastungserfahrungen von Schulleitungen bestätigen letztlich, wie wichtig die Einbettung in ein Ganzes ist – unabhängig von Position und Erfahrung. AKZENTE 2/2016


Die 15 Pfeiler der Gesundheit In seinem Buch «Gesund bleiben im Lehrberuf» hat Berater Jürg Frick von der PH Zürich eine Übersicht über die 15 wichtigsten gesundheitsrelevanten Faktoren entwickelt. Der nachfolgende Beitrag fasst anhand von Beispielfragen aus dem Schulalltag die einzelnen Punkte zusammen – inklusive Selbsttest.

Adaptive Akzeptanz (mit dem Unausweichlichen klarkommen): Was ist unvermeidbar, muss gemacht bzw. akzeptiert werden und was nicht?

Die 15 Pfeiler im Selbsttest

2. Realistischer Optimismus (sich auf Stärken besinnen): Was kann ich gut? Was fällt mir leicht im Umgang mit anderen Menschen?

Die Tabelle bietet Gelegenheit für eine Selbsteinschätzung. Mehrere Werte unter 5 sind tendenziell gesundheitsgefährdend und sollten angegangen werden – z.B. mit einer Beratung.

3.

Angemessene Ideale, Ansprüche und Ziele: Muss ich immer allen Schülerinnen und Schülern gerecht werden?

Balance zwischen Berufs- und Privatleben: Pflege ich Freizeitaktivitäten, die ich als entspannend und regenerativ erlebe?

6. Selbstwirksamkeit: Was habe ich alles durch meinen Einsatz bewirken, beeinflussen können? Finde ich Mittel, mich durchzusetzen? 7.

Verantwortung übernehmen und Verantwortlichkeiten klären: Weiss ich, in welchen Situationen ich die alleinige Verantwortung habe und wann jemand anderes zuständig ist?

1. Adaptive Akzeptanz 2. Realistischer Optimismus 3. Angemessene Ideale, Ansprüche und Ziele 4. Selbstsorge – Selbstfürsorge 5. Balance zwischen Berufsund Privatleben 6. Selbstwirksamkeit und Kontrollüberzeugung

8. Distanzierungsfähigkeit und angemessene Abgrenzung: An welchen Sitzungen und Konferenzen muss ich dabei sein?

7. Verantwortung übernehmen und Verantwortlichkeiten klären

9.

8. Distanzierungsfähigkeit und angemessene Abgrenzung

Befriedigende Beziehungsgestaltung /soziale Unterstützung : Kann ich mich im Team über aktuelle Schwierigkeiten im Schulalltag unterhalten?

10. Bewegung, Ernährung, Schlaf, Luft, Tageslicht: Bewege ich mich regelmässig draussen? 11. Lösungsorientiert statt problemverhaftet: Versuche ich, aktiv Lösungen – statt nur Erklärungen für ein Problem zu suchen? 12. Zukunftsbezogen statt vergangenheitsorientiert: Richte ich den Blick auf die Fragen «Wie weiter und wohin»? 13. Gelungenes und Positives würdigen und wertschätzen: Welche positiven Erfahrungen habe ich in der letzten Woche sammeln können? 14. Sinnfindung und Sinnhaftigkeit: Was macht in meiner Tätigkeit in der Schule alles Sinn?

5 = mittel ausgeprägt 10 = hoch ausgeprägt

4. Selbstsorge – Selbstfürsorge: Gönne ich mir auch Müssiggang, ungeplante Zeit? 5.

0 = kaum vorhanden

9. Befriedigende Beziehungsgestaltung/soz. Unterstützung 10. Bewegung, Ernährung, Schlaf, Luft, Tageslicht 11. Lösungsorientiert statt problemverhaftet 12. Zukunftsbezogen statt vergangenheitsorientiert 13. Gelungenes und Positives würdigen und wertschätzen 14. Sinnfindung und Sinnhaftigkeit 15. Gelassenheit und Humor

15. Gelassenheit und Humor: Was ist das Schlimmste, was in einer Situation passieren könnte? Warum ist das letztlich gar nicht so schlimm?

Jürg Frick. Gesund bleiben im Lehrberuf: Ein ressourcenorientiertes Handbuch. Bern: Hans Huber, 2015. 392 Seiten.

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«Die Wertschätzung von aussen ist ein Stück weit verloren gegangen» Theo Wehner,     emeritierter Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der ETH Zürich,     sieht eine Zergliederung der Arbeitsprozesse als Grund für die zunehmende Belastung im Beruf.      Eine Identifikation mit der Schule als Ganzes hilft Lehrpersonen,        mit Belastungen umzugehen. Text: Melanie Keim, Fotos: Nelly Rodriguez

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Wieso hat dieses Stressempfinden so zugenommen? Die überbordende Erwerbstätigkeit strukturiert und synchronisiert heute alles, vom Aufstehen bis zum Schlafengehen, auch bei Menschen, die nicht erwerbstätig sind. Wir meinen, einen Ausgleich zur Arbeit finden zu müssen. Man sucht die Work-Life-Balance, das Resultat gleicht aber eher einer WorkWork-Balance. Dabei ginge es gar nicht um eine strikte Trennung von Arbeit und Freizeit, sondern um die Vereinbarkeit ganz verschiedener Lebensbereiche. Ein zusätzliches Problem ist, dass in vielen Berufen eine Zergliederung und Verdichtung der Aufgaben stattgefunden hat. Zu einer ganzheitlichen Aufgabe, die ich von vorne bis hinten erledige, habe ich aber ein ganz anderes Verhältnis. Sie wirkt wie ein Stresspuffer. Zudem wird an Arbeitsplätzen kaum mehr darüber gesprochen, wie man Dinge macht, wo man Unterstützung benötigt oder geben kann, sondern nur noch über Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten. Bei Lehrpersonen haben Überlastungen zugenommen. Was hat sich im Lehrberuf verändert? Kinder zu unterrichten ist eine sehr AKZENTE 2/2016

Über Theo Wehner Theo Wehner, 1949 in Fulda (D) geboren, fand auf dem zweiten Bildungsweg zur Psychologie. Nach einer kaufmännischen Lehre bei einer Bank studierte er einige Semester Medizin und Statistik und wechselte dann zu Psychologie und Soziologie. Sein Interesse für die Arbeits- und Organisationspsychologie entspricht einem Bild des Menschen als in erster Linie tätiges und nicht primär soziales Wesen. Nach Promotion und Habilitation an der Universität Bremen lehrte Wehner bis 1997 als Professor für Arbeitspsychologie an der TU Hamburg und bis 2015 an der ETH Zürich. In den letzten 20 Jahren forschte er intensiv im Bereich der Freiwilligen- und Milizarbeit sowie der Zusammenarbeit in komplexen Organisationen wie Schulen oder Spitälern. Wehner ist Vater von zwei Kindern und lebt mit seiner Frau in der Stadt Zürich. Er trennt nicht zwischen Arbeit und Freizeit, sondern spricht vom Privileg, sich ganzheitlich mit den Themen beschäftigen zu können, die ihn leidenschaftlich interessieren.

ganzheitliche Aufgabe, doch auch diese ist zergliedert worden in Richtung Fliessbandarbeit. Die Einführung fixer Lehrpläne und die Modularisierung des Unterrichts sind möglicherweise vom Segen zum Fluch geworden. Denn Schule ist auf Ganzheit und Beziehungen angelegt. Ein Klassenlehrer oder eine Klassenlehrerin ermöglicht Nähe, Bindung und damit Chancen des Verstehens. Viele Lehrpersonen fühlen sich heute nicht mehr als Teil des Ganzen. In anderen Ländern gibt es bereits Lehrpersonen, die von Schule zu Schule pendeln. Grund für die Überlastungen im Schulfeld sind also weniger zusätzliche Aufgaben und die hohe zeitliche Belastung als fehlende Beziehungen? Auch in der Schule hat es Verdichtung gegeben. Doch schwerer als das quantitative Mehr wiegt der qualitative Verlust. Nicht nur die Solidarität untereinander ist ein Stück weit verloren gegangen, sondern auch das Selbstwertgefühl und die Wertschätzung von aussen. Bei vielen Lehrpersonen herrscht eine Kluft zwischen Berufsverständnis und Berufsauftrag, weil dieser gesellschaftlich so aufgeladen ist. Auch Reformen sind für Lehrpersonen immer eine Belastung, weil sie die bisherige Praxis in Frage stellen. Heute unterrichten viele mit Vorsicht und kochen verständlicherweise auf Sparflamme. Das aber mögen Schüler und Eltern gar nicht. Wie wirkt sich die Identifikation von Lehrpersonen mit der Schule auf den Umgang mit Belastungen aus? In der Psychologie unterscheiden wir zwischen der personalen Identität, also wie ich mich persönlich sehe, und der geteilten, sozialen Identität, die beschreibt, wie ich mich beispielsweise mit meinem Team identifiziere. Eine Reihe von Studien zeigt, dass die Burnout-Raten bei Lehrpersonen niedrig sind, wenn die soziale Identität stark ist. Die Ursache für Stress liegt demnach nicht darin, dass das Individuum in Stresssituationen mit den Belastungen nicht klarkommt, sondern in fehlender sozialer Unterstützung aufgrund mangelnder geteilter Identität. Gemäss einer Umfrage des Zürcher Lehrerinnen- und

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Wir klagen heute gerne über Stress in Beruf und Alltag. Was ist das überhaupt, Stress? Es gibt kaum einen Beruf, der nicht Belastung in den Vordergrund stellt, selbst Arbeitslose und Künstler klagen über Stress. Von aussen kommt aber kein Stress auf mich zu, sondern sogenannte Stressoren wie Lärm, eine Aufgabe oder ein Terminplan. Diese sind objektiv messbar, das Erleben ist immer subjektiv. Was zu Stress wird, liegt an der Art, wie wir Stressoren aufnehmen und bewerten, aber auch an den Ressourcen und Unterstützungssystemen, die uns zur Verfügung stehen. Letztlich kann ich alles stressig erleben, auch Yoga, einen Abend mit Freunden oder den Kirchgang. Dabei spielt der Zeitgeist ebenfalls eine nicht zu unterschätzende Rolle: Wer zur Rush Hour durch den Zürcher HB schlendert, wirkt auf viele wie ein Faulenzer.


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Theo Wehner: «Wenn ich für alles verantwortlich bin, kann das nur in die Erschöpfung führen.»

Lehrerverbands zur Zufriedenheit im Beruf sind Lehrpersonen mit den ich-bezogenen Aspekten wie Pensum und Vertrag grösstenteils zufrieden. Alles, was das Kollektiv betrifft, Stundenplan oder Projektarbeit, schafft hingegen Unzufriedenheit, weil die personale Identität nicht mehr in ein Wir-Gefühl eingebunden ist. Weshalb findet diese Einbindung nicht statt? Die Entsolidarisierung in der Schule hängt natürlich mit der Individualisierung der gesamten Gesellschaft zusammen. Die Leistung von Lehrpersonen wird zudem stark personifiziert, von den Eltern, aber auch vom Kollegium. Ich höre von vielen Lehrpersonen, dass sie ein schlechtes Abschneiden der Schülerinnen und Schüler als Kränkung erleben. Wenn ich für alles verantwortlich bin, kann das nur in die Erschöpfung führen. Wir neigen dazu, Scheitern uns selbst zuzuschreiben, statt zu fragen, was das für unsere Schule bedeutet. Wenn ich mich als Lehrperson auf die soziale Identität beziehen kann, habe ich ein Unterstützungssystem, das ich alleine mit persönlicher Identität nicht erreiche. Es ist enorm, was geteilte Identität und soziale Unterstützung der Gesundheit bringen. Wenn mich eine Kollegin beim Elternabend unterstützt, wird dieser vom Stressor zum Lernfeld. AKZENTE 2/2016

Die Gesellschaft verändert sich nicht von heute auf morgen. Welche konkreten Handlungsmöglichkeiten gibt es für Lehrpersonen Ihrer Ansicht nach? Es braucht viel Fantasie, um vom Modus des Selbstmanagements wieder zum gemeinsamen Handeln zu kommen. Man könnte seinen Unterricht mit anderen viel stärker absprechen, möglich wäre auch ein CoTeaching in Zweier- oder Dreierteams, kollegiale Beratung, Intervision oder Shadowing ‒ das Begleiten als stiller Beobachter und Feedbackquelle. Die

«Kinder zu unterrichten ist eine sehr ganzheitliche Aufgabe, doch auch diese ist zergliedert worden in Richtung Fliessbandarbeit.» Schulleitung kann natürlich auch für diesen Gemeinsinn sorgen, indem Probleme nicht mehr bilateral zwischen Lehrpersonen und Schulleitung gelöst werden. Es darf auch nicht mehr zugelassen werden, dass Eltern bei Konflikten zuerst die Schulleitung anrufen. Lehrpersonen, aber auch Schülerinnen und Schüler müssen Teilhaber ihrer Schule werden. Wenn sich Schülerinnen und Schüler, aber auch Bürgerinnen und Bürger stärker mit ihrer Schule identifizieren, geht es der gesamten Schule besser.

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Wie gelingt es, ein solches Wir-Gefühl zu generieren? Ist dies Aufgabe der Lehrerinnen und Lehrer oder eher der Schulleitung? Es ist Aufgabe der Gesellschaft. Wir sprechen von der Bildungsgesellschaft, aber das ist dann eine Farce, wenn wir die Zuständigkeitsbereiche und Verantwortlichkeiten einfach abschieben. Es gibt nicht das Elternhaus hier, die Schule dort und das Lernen von acht bis zwölf Uhr. Dieses Auseinanderdividieren muss aufhören, Bildung muss wieder zu unserem gemeinsamen Anliegen werden. Es besteht überhaupt kein Zweifel, dass wir die Schule brauchen, doch es gelingt nicht mehr, die Komplexität des Lehrberufs und des Schulalltags in die Bevölkerung zu tragen. Die Krise in der Wissens- und Bildungsgesellschaft ist aber stark genug, um einen Wandel hervorzurufen.


Wie Studierende Belastungen im Praktikum meistern Studierende absolvieren während ihrer Ausbildung eine Reihe von Praktika. Ein Forschungsprojekt der PH Zürich hat sich mit der Frage beschäftigt, wie die Studentinnen und Studenten mit den dabei erlebten Herausforderungen umgehen.

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Text: Christoph Hotz

Welche Situationen im Praktikum nehmen die Studierenden als Herausforderung wahr und welche dieser Herausforderungen erleben sie als belastend? Mit dieser Frage beschäftigte sich das durch den Schweizerischen Nationalfonds finanzierte Forschungsprojekt «Blogging in internships: Writing online journals as a method for coping with stress in medical and teacher education», das die PH Zürich von 2013 bis 2015 durchführte. Insgesamt hatten sich 140 Studierende der Primarstufe beteiligt. Ihre Aufgabe war es, in Blogeinträgen über herausfordernde Situationen – die sogenannten Stressoren – im Praktikum zu berichten und zu beschreiben, ob sie diese als belastend wahrnahmen oder nicht. Durchgeführt wurde die Studie während des vierwöchigen Lernvikariat im 5. Semester. Vielzahl an Herausforderungen Die Ergebnisse zeigen, dass die Studierenden mit einem Grossteil der Herausforderungen gut klarkommen. Insgesamt wurden 745 Situationen von den Studierenden geschildert, die einen Stressor enthielten. Aber nur bei rund 170 dieser Schilderungen erwähnten die Studierenden auch, dass diese Situationen von ihnen als sehr belastend empfunden wurden. Beispielsweise scheint die im folgenden Beitrag geschilderte Situation für die angehende Lehrperson eine Herausforderung – einen Stressor – darzustellen, die aber letzlich nicht als Belastung emp20

funden wird: «Die Jungs versuchen es immer noch mit allen Mitteln, mich aus dem Konzept zu bringen. Da ich aber sowohl von der Schulleitung, den anderen Lehrpersonen als auch dem Schulsozialarbeiter Rückendeckung habe, ziehe ich meine Linie wie gehabt durch.» Projektmitarbeiterin Alexandra Totter von der PH Zürich interpretiert die Ergebnisse so: «Die Studierenden sind mit einer Vielzahl von herausfordernden Situationen konfrontiert, sie scheinen jedoch mit der Mehrzahl davon gut umgehen zu können. Die Situationen werden am ehesten dann als hohe Belastung von den Studierenden wahrgenommen, wenn darin mehrere Stressoren gleichzeitig auftreten.» Studierende fühlen sich in ihrer Rolle wohl Betrachtet man die Anzahl Nennungen der einzelnen Herausforderungen, ergibt sich folgendes Bild: Am häufigsten ‒ rund 290 Mal ‒ nannten die Studierenden Stressoren disziplinarischer Art, beispielsweise wenn sich die Schülerinnen und Schüler untereinander stritten oder die Teilnahme am Unterricht verweigerten. In rund 54 dieser Nennungen wurden die Situationen als sehr belastend empfunden. Ebenfalls oft erwähnten die Studentinnen und Studenten in den Beiträgen herausfordernde Situationen im Zusammenhang mit den eigenen Ressourcen ‒ beispielsweise wenn sie unterrichteten, obwohl sie sich krank fühlten. Bei insgesamt 57 Nennungen wurde die Situation 18 Mal als sehr belastend empfunden. Schliesslich wurden auch relativ häufig Situationen mit einzelnen verhaltensauffälligen Schülerinnen oder Schülern genannt ‒ insgesamt 30 Mal. In 13 Fällen wurde die Situation als sehr belastend wahrgenommen. Eine gleichzeitig durchgeführte quantitative Befragung der Studierenden hat insgesamt ähnliche Resultate hervorgebracht. Als explizit nicht belastend herausgestellt hat sich dabei der Faktor «Sich in der Rolle als Lehrperson wohlfühlen». Der Vergleich der Ergebnisse mit den Erkenntnissen einer Studie mit rund 90 Berufseinsteigenden aus dem Jahr 2015 zeigt eine Reihe von Parallelen auf. In dieser von der Bildungsdirektion des Kantons Zürich in Auftrag gegebenen Untersuchung stand die Frage im Zentrum, wie die Berufseinsteigenden den Beginn ihrer Berufstätigkeit bewältigen. Es zeigte sich, dass die Belastung bei den Berufseinsteigenden insgesamt auf einem mittleren Niveau liegt. Am stärksten fallen bei den Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteigern die Heterogenität der Klasse, ausserunterrichtliche Pflichten, das Verhalten schwieriger Schülerinnen und Schüler sowie die Beurteilung von Schülerinnen und Schülern ins Gewicht. Am wenigsten fühlen sie sich durch die Zusammenarbeit mit Fachpersonen, den Unterricht in Fächern ausserhalb des eigenen Fächerprofils sowie durch die Zusammenarbeit mit der Schulleitung belastet. AKZENTE 2/2016


Abschied von falschen Idealen 15 Lehrerinnen und Lehrer holten sich Anfang April in einer Weiterbildungsveranstaltung der PH Zürich Inputs zum Thema «Sinnvolle und hilfreiche Ideale» – ein Aspekt, der viel zum beruflichen Wohlbefinden beiträgt.  «Akzente» war am Anlass mit dabei.

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Text: Claudia Merki, Fotos: Markus Forte

Berater Jürg Frick betont: Die Vielzahl an Anforderungen im Schulzimmer kann niemand permanent erfüllen.

Es ist Dienstagabend, kurz vor 18 Uhr. Berater Jürg Frick begrüsst die zwölf Frauen und drei Männer. Sie sind heute an die PH Zürich gekommen, um mehr über den Umgang mit Idealen zu erfahren. Die Veranstaltung ist Teil der Themenreihe «Gesund bleiben im Beruf», sie bildet den Abschluss der insgesamt neunteiligen Reihe. Mit seiner rhetorischen ersten Frage «Warum sind Sie Lehrerin geworden und nicht Banker oder Spargelstecherin?» ist Frick bereits mitten im Thema. Denn sowohl die Berufswahl als auch die Gesundheit hätten viel mit Idealen zu tun, erklärt er. In der ersten Aufgabe werden die Teilnehmenden aufgefordert, sich in Dreiergruppen darüber Gedanken zu machen, was aus ihrer Sicht eine gute Lehrperson ist und welche Eigenschaften sie auszeichnet. Die Diskussion ergibt eine ganze Liste von Erkenntnissen: Genannt werden Faktoren wie Empathie, Geduld, Humor, Au-

thentizität, Gelassenheit oder  Transparenz. Auch der Beziehungsaspekt, die fachliche Kompetenz oder die Freude am Unterrichten finden häufige Erwähnung. Den Lehrerinnen und Lehrern wird bewusst: Diese Vielzahl an Anforderungen kann im Schulzimmer niemand permanent erfüllen.

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Lachen über eigene Missgeschicke Solche übersteigerten Ideale und Ansprüche erkennen und überprüfen zu können, ist eines der Kursziele. Weiter sollen die Teilnehmenden Schritte zur Entwicklung von angemessenen Idealen kennen lernen und sich mit Berufskolleginnen und -kollegen über ihre Erfahrungen austauschen. Die Männer halten sich dabei eher zurück, zur Hauptsache ergreifen die Frauen das Wort. Jürg Frick stellt immer wieder Fragen oder streut auch einmal eine Anekdote ein, die von seiner eigenen Unzulänglichkeit


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Austausch unter den Teilnehmenden: «Ich habe herausgefunden, wo ich ansetzen kann, um entspannter zu sein.»

im Beruf erzählt. In einer anderen Aufgabe möchte er von den Teilnehmenden erfahren, wie ihre Ideale entstanden sind und wie sich diese über die Zeit verändert haben. Eine Lehrerin erklärt, dass sie sich stark an den in der Ausbildung vermittelten Inhalten orientiere. Eine andere erzählt, durch die Sozialisation im Beruf hätten sich ihre Ideale immer wieder verändert. Auch Jürg Frick, einst selbst Lehrer, nennt ein Beispiel. «Für mich war der Lehrberuf auch ein Feld, um die Gesellschaft zu verändern.» Er erklärt, wie beispielsweise mit einer Überprüfung der Verhaltensmuster individuelle Gewohnheiten angepasst werden können. Auch regt er an, sich gesundheitsfördernde Ziele zu setzen, die konkret und alltagsnah formuliert sind oder das Positive im Fokus haben. Statt der vielbeschworenen «best practice» plädiert er für eine «good practice». Und für Humor. Worüber kann man heute lachen, was einst ein Misserfolg war? Frick macht den Anfang und erzählt eine für ihn damals als jungen Psychologen peinliche Geschichte. Nach einem Moment des Zögerns trauen sich zwei Frauen, es ihm gleichzutun. Die eine erzählt von einem Ausflug in den Wald mit Kindergärtlern, von denen einige am Schluss verschwunden waren und polizeilich gesucht werden mussten. Die Ausreisser wurden zum Glück gefunden. Die andere berichtet von einem Elternabend. Beamer und Kabel machten Probleme, sie musste sich mehrmals bücken, wobei das Licht des Beamers ihren 22

Ausschnitt ausleuchtete. Seither überlegt sie sich genau, was sie an Elternabenden trägt. Handlungsmuster prophylaktisch überprüfen Inzwischen nähert sich die Veranstaltung dem Ende. Jürg Frick möchte wissen, was die Teilnehmenden inhaltlich mit nach Hause nehmen. «Ich habe herausgefunden, wo ich ansetzen kann, um entspannter zu sein», so ein Votum. Eine andere Lehrerin will mit den Anleitungen nachforschen, woher ihre Idealvorstellung kommt, bis zum Alter von 60 Jahren als Lehrerin tätig sein zu müssen. Eine der Teilnehmenden ist Unterstufenlehrerin. Die 40-Jährige arbeitet seit 17 Jahren im Beruf, vor fünf Jahren erlitt sie ein Burnout. Die Kurse hat sie zum Anlass genommen, ihre Handlungsmuster zu überprüfen, um nicht wieder in schädliche Gewohnheiten zu verfallen. Wie sie haben etliche Lehrpersonen mehrere Kurse der Reihe belegt. Jürg Frick zieht Bilanz: «Die Teilnehmenden waren motiviert und brachten sich mit grosser Offenheit und viel Engagement ein.» Damit das Gehörte nicht in Vergessenheit gerät, empfiehlt er, sich einigen der Themen anzunehmen und sich im Austausch mit Berufskolleginnen und -kollegen damit zu beschäftigen oder erworbene Inhalte im Schulteam weiterzuvermitteln. Die Themenreihe wird ab Herbst 2016 erneut durchgeführt.

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Studierendenporträt

Benjamin   Brunner   wusste schon   zu   Studienbeginn, dass er einmal ein Semester im Ausland verbringen will. Skandinavien war sein Wunsch, zugeteilt wurde er schliesslich etwas südlicher: in die estnische Hauptstadt Tallinn. Als er dies erfuhr, musste der erprobte Weltenwanderer zunächst Google konsultieren, um sich einen Überblick zu verschaffen. Er ging im August hin und kam Ende Dezember 2016 als reicher Mann zurück: «Es war eine wunderbare Zeit und ich habe enorm viele Erfahrungen mitgenommen.» Sein aussergewöhnliches Interesse an Land und Leuten schätzten die estnischen Mitstudierenden sehr. Erasmus-Studierende in Tallinn, so waren sie sich gewohnt, bleiben sonst am liebsten unter sich. Der angehende Primarlehrer dagegen 24

wollte alles wissen, und so nahmen sie ihn überall hin mit: in ihre Wochenendhäuser auf dem Land, wo gesungen und getanzt wurde, an Flohmärkte in Fabrikhallen aus der Sowjetzeit, in unspektakuläre, fröhliche Cafés in den PlattenbauQuartieren fernab der herausgeputzten Innenstadt.

Den   Grundstein   für   sein Netzwerk zu estnischen Mitstudierenden legte er in den zahlreichen Sportkursen, die er an der Uni Tallinn belegte. In der Sportdidaktik seien die Esten hervorragend, und er habe nicht nur sozial, sondern auch fachlich von diesen Kursen profitiert. Gerne hätte er auch Einblick in weitere Bereiche der Lehrerbildung erhalten. Die Sprachbarriere schränkte seine Wahlfreiheit jedoch ein, und die

Uni Tallinn bietet im Bereich Pädagogik nur wenige Vorlesungen in Englisch an. Benjamin Brunner ist sich harte Arbeit und straffes Zeitmanagement gewohnt. Aufgewachsen ist er auf einem Bauernhof nahe Winterthur, wo er gerne mithilft, wenn immer es die Zeit neben Studium, Vikariaten, Freunden und Sport erlaubt. Dennoch war er erstaunt, wie intensiv ein AustauschSemester ist. «Wer wirklich etwas mitnehmen und sich auf Land und Leute einlassen will, dem bleibt wenig Zeit zum Schlafen», meint er. Empfehlen würde er es allen Studierenden: «Es ist eine einmalige Chance, Neues und sich selber besser kennen zu lernen.» – Christian Wagner

Christian Wagner ist Redaktor in der Abteilung Kommunikation der PH Zürich.

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Foto: Nelly Rodriguez

Studierendenseite

Benjamin Brunner, 27, studiert an der PH Zürich auf der Primarstufe.


Die Bachelorarbeit leistungsschwächeren Kindern im Unterricht ist heute fester Bestandteil der Schule. Wie entdeckt und fördert eine Lehrperson aber umgekehrt besonders begabte bis hochbegabte Kinder? Diesem Thema widmete Melina Hächler ihre Bachelorarbeit «Begabtenförderung im Mathematikunterricht: Der Umgang mit herausragenden Kindern». Den Ausschlag für diese Themenwahl hatte ihr Bedürfnis gegeben, gerade diesen Kindern im Unterricht gerecht zu werden. Sie sah die Bachelorarbeit als Chance, Informationen zu sammeln, Wissen aufzubauen und theoretische Kenntnisse zu gewinnen.

Die   Arbeit   besteht   aus einem theoretischen und einem praktischen Teil. Im Theorieteil geht Melina Hächler zuerst auf den Begabungsbegriff ein, dann setzt sie sich mit verschiedenen Forschungsergebnissen auseinander. Der theoretische Bezug bietet Anhaltspunkte für ihre tägliche Arbeit mit Schülerinnen und Schülern im Klassenzimmer; er sensibilisiert sie als zukünftige Lehrperson auf die bedeutsame Rolle, Begabung zu erkennen und zu fördern. «Ich erarbeitete mir durch die Auseinandersetzung mit dem theoretischen Hintergrund einen grossen Wissenszuwachs. Die Bedeutung der Begabtenförderung in der Schule sowie in der Gesellschaft ist mir weitaus verständlicher geworden», schreibt sie. Vor allem das sogenannte Didaktische Design, begründet von Robert Gagné, einem experimentellen Psychologen aus Amerika, machte ihr begreiflich, welche verschiedenen Aspekte und Einflussfaktoren zur Entfaltung einer AKZENTE 2/2016

Begabung oder eines Talentes beitragen können.

Im   praxisbezogenen   Teil der Arbeit geht Melina Hächler auf die Erfahrungen ein, die sie im Rahmen eines Forschungs- und Entwicklungsprojektes an der PH Zürich gesammelt hat. Sie unterrichtete eine Gruppe von Viert- und Fünftklässern, die sich freiwillig für ein mathematisches Förderprojekt eines Schulhauses angemeldet hatten. Dafür entwickelte sie eigene Unterrichtssequenzen und konnte ihre theoretischen Erkenntnisse in der Praxis umsetzen. Ebenso zeigt sie die durch den Lehrplan und das Gesetz gesteckten Rahmenbedingungen für die Begabungsförderung auf und erläutert konkrete Umsetzungsmöglichkeiten für den Unterricht mit hochbegabten Kindern. Sie ist überzeugt, dass sie mit ihrem erarbeiteten Wissen die Verantwortung als Klassenlehrperson übernehmen kann, situationsgerecht auf begabte und hochbegabte Kinder reagieren zu können. Das bestätigt Peter Flury, Dozent an der PH Zürich und Betreuer von Melina Hächlers Bachelorarbeit, mit seiner Beurteilung: «Zum Schluss werden die Vor- und Nachteile der Begabtenförderung kritisch diskutiert und Schlussfolgerungen für den eigenen Unterricht gezogen.» Zudem gebe Melina Hächler mit ihrer Bachelorarbeit einen guten Überblick sowohl über theoretische als auch praktische Aspekte der Begabtenförderung im Mathematikunterricht und über die aktuelle Forschungslage zum Thema Hochbegabung, führt er weiter aus.

Eine gerechtere Schule schaffen

– Vera Honegger

Schon im ersten Jahr der Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule wird vielen Studierenden klar, dass gewisse Faktoren des Zürcher Bildungssystems wie z.B. Hausaufgaben und frühe Selektion gegen das Prinzip der Chancengleichheit verstossen – für den Bildungserfolg ist gegenwärtig in der Regel der sozioökonomische Hintergrund massgeblich. Das lässt sich unter anderem an verschiedenen Indikatoren ablesen: kostenpflichtige Nachhilfeorganisationen boomen, in Gemeinden mit sozioökonomisch gut gestellten Familien kommen signifikant mehr Kinder ins Gymnasium als in den anderen. Und gibt es Kinder, die ohne das Zutun der Eltern sorgfältig ihren Hausaufgaben nachkommen, statt zu spielen? Aufgrund der Offensichtlichkeit dieser Indikatoren könnte man vermuten, dass der überwiegende Teil der am Bildungssystem Beteiligten sich dieser diskriminierenden Faktoren bewusst sein sollte. Mir stellt sich am Ende die Frage, weshalb sich nicht sämtliche Pädagogen, Soziologen und Lehrpersonen gegen diese Umstände stellen und im Namen der Kinder eine gerechtere Schule schaffen? Natürlich, Änderungen im Bildungssystem sind immer ein Politikum und nur schwer zu realisieren – aber manchmal scheint es mir, als seien wir Beteiligten wie der Elefant im Zirkus: unwissend über unsere Kraft, das Gehege überwinden zu können, drehen wir in lethargischem Gemütszustand unsere ewigen Runden.

Die Bachelorarbeit von Melina Hächler ist online publiziert: blog.phzh.ch/akzente

Juri Egger ist Student auf der Primarstufe und Tutor im Schreibzentrum der PH Zürich.

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Studierendenseite

Die   spezielle   Förderung und   Unterstützung   von

Ausstudiert – die Studierendenkolumne


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Wie lassen sich herausfordernde Unterrichtssituationen bewältigen ?

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Im Rahmen ihrer Ausbildung setzen sich Studierende der PH Zürich auch mit Aspekten aus dem Bereich der Forschung auseinander. Das Beispiel der Lehrveranstaltung «Teacher Inquiry» zeigt eine Möglichkeit, wie bei Studentinnen und Studenten das Interesse an forschendem Lernen geweckt werden kann. Text: Bettina Diethelm und Ronnie Fink

Das Ziel der Lehrveranstaltungen im Bereich «Forschung und Entwicklung» liegt darin, den Studierenden das Verständnis einer «forschenden Haltung» näherzubringen ‒ eine Haltung, die über das Studium hinaus als zentrales Element der eigenen Professionalität Bestand haben sollte. Die Veranstaltungen finden auf allen Ausbildungsstufen der Volksschule statt, und die Studierenden können aus einem grösseren Angebot auswählen. Anders als in diesen Veranstaltungen arbeiten die Studierenden in der Veranstaltung «Teacher Inquiry» (to inquire: nachforschen, erkunden) an eigenen Fragestellungen, erforschen so ihr eigenes Handeln. Sie wurde in diesem Jahr zum ersten Mal durchgeführt und umfasste mehrere Phasen. Im ersten Teil stand die Auseinandersetzung mit der eigenen Person sowie grundlegenden Fragen zum Lehrberuf im Zentrum: «Welche Verantwortung habe ich als Lehrperson?», «Wie treffe und begründe ich Entscheidungen?» oder «Was ist wünschenswert im Rahmen von Schule, Unterricht und Erziehung?». Die Studierenden formulierten ihre Gedanken in einem Blog, der Austausch erfolgte in Kleingruppen. Im nächsten Schritt ging es darum, eine persönlich relevante Fragestellung zu finden (das sogenannte «Wondering») mit dem Ziel, den eigenen Unterricht zu verbessern. Grundsätzlich gilt: je präziser die Fragestellung, desto einfacher der weitere Forschungsverlauf. Die Studierenden formulierten beispielsweise folgende Fragestellungen: «Wie begegne ich Hemmungen im Musikunterricht auf der Oberstufe?», «Wie kann ich im Praktikum AKZENTE 2/2016

Theorie und Praxis sinnvoll verbinden «Teacher Inquriy» bezieht sich auf Aristoteles, der in seiner Schrift «Nikomachische Ethik» fünf Seelenzustände beschreibt. In dem hier erläuterten Zusammenhang von Bedeutung sind die Elemente «epistéme», «techné» und «phronesis» oder übersetzt: Theorie, Praxis und Klugheit (in «Teacher Inquiry» auch als «Practical Wisdom» bezeichnet). Während «epistéme» und «techné» eher auf allgemeingültiges Wissen fokussieren, richtet sich «phronesis», also die Klugheit, auf den einzelnen konkreten Fall mit der Absicht, in ethischer Hinsicht das Gute zu erreichen. Es ist die Klugheit, welche eine sinnvolle Verbindung zwischen Theorie und Praxis herstellt, ohne dem einen oder anderen mehr Bedeutung zu geben. In British Columbia wird «Teacher Inquiry» seit Jahren in der Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen erfolgreich eingesetzt. Bettina Diethelm ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Sekundarstufe 1 der PH Zürich. Ronnie Fink ist Dozent in der Abteilung Forschung und Entwicklung der PH Zürich.

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PH Zürich – Ausbildu ng/Forschu ng

Die eigene Forschung in der Praxis umsetzen

eine gute Beziehung zu den Kindern aufbauen?», «Was sind pädagogisch sinnvolle Sanktionen in der Schule?». In der anschliessenden Recherche wurde nach Textmaterial gesucht ‒ beispielsweise nach Forschungsergebnissen ‒, das in Zusammenhang steht mit der Fragestellung und Antworten auf die Frage ermöglicht. Daraus entwickelten die Studierenden umsetzbare Strategien und Instrumente für die bevorstehenden Praktika. Dieser Prozess umfasste wiederum Blogeinträge, Austausch in den Gruppen und mit Lehrpersonen aus den Zielstufen. Dann wählten die Studierenden die Methode, mit der sie die Frage überprüfen wollten ‒ beispielsweise Interview, Fragebogen oder Videobeobachtung. Nach dem Praxiseinsatz wurde überprüft, ob oder inwieweit das gewählte Vorgehen zu den gewünschten Veränderungen des Unterrichts geführt hatte. Der Rückblick auf die Veranstaltung zeigt, dass die Auseinandersetzung mit persönlichen Fragestellungen in den Studierenden eine grosse forschende Neugier weckte. Die Aufgabe, mögliche Ideen für die Praxis formulieren, umsetzen und überprüfen zu können, wirkte motivierend. Die Studierenden erkannten, dass Lösungen nicht basierend auf alltagstheoretischen Überlegungen gesucht werden können, sondern ein Literaturstudium vorangehen muss. Der forschende Prozess erschliesst sich den Studierenden nach und nach. Es werden sich weitere Fragen anschliessen, welche den Prozess von Neuem in Gang bringen und so als forschender Zyklus zu einem normalen Element des Berufsalltags werden. Im Herbstsemester 2016 wird die Veranstaltung wieder durchgeführt.


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FREMDSPRACHEN ALS WICHTIGER BESTANDTEIL DES LEHRBERUFES UND FÜR DIE WEITERBILDUNG

Sind Sie bereit für den Einstieg in den Lehrberuf oder möchten Sie Ihre Fremdsprachenkenntnisse noch auf Vordermann bringen? Eine gute Möglichkeit, die Sprachkenntnisse noch während des Studiums zu verbessern, sind Sprachaufenthalte. Im Ausland ist man 24 Stunden am Tag von der fremden Sprache umgeben und kann das im Unterricht gelernte direkt im Alltag anwenden. Zudem besteht die Möglichkeit den Auslandsaufenthalt mit dem Erwerb eines Sprachzertifikates, wie zum Beispiel Cambridge First und Advanced, DELF/DALF oder CELI/CILS, zu kombinieren. EF Education First bietet Ihnen hierzu flexible Kurslängen an, damit Sie den optimalen Zeitpunkt für Ihren Sprachaufenthalt bestimmen können. Sind Sie aber bereits im Lehrberuf und suchen Inspiration für den Unterricht oder möchten Sie sich persönlich weiterbilden? Besuchen Sie unsere Teacher Zone Plattform und holen Sie sich neue Ideen oder nutzen Sie unsere kostenlosen Schulmaterialien. Hier können Sie sich auch mit Lehrpersonen auf der ganzen Welt austauschen oder über unsere Online Webinars selber an einer Weiterbildung teilnehmen. www.ef.com/teacher

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Internationale Sprachschulen

01/04/16 14:22 AKZENTE 2/2016


Die Bibliothek der PH Zürich auf dem Weg in die Zukunft Mit ihrer neu entwickelten «Vision und Strategie 2016-2020» will sich die «Bibliothek PHZH» als führende pädagogische Bibliothek der Schweiz etablieren. Die Benutzerinnen und Benutzer spielen bei der Weitentwicklung der Bibliothek eine bedeutende Rolle.

Braucht die moderne Hochschule eine Bibliothek? Welchen Einfluss haben die neuen technologischen Entwicklungen? Können Bibliotheken den heutigen Lernformen gerecht werden? Seit Jahren beschäftigen diese Fragen die bibliothekarische Fachwelt. Der ehemalige Direktor der ETH-Bibliothek, Wolfram Neubauer, forderte bereits vor über zehn Jahren zur dringenden «Neuerfindung der Bibliothek» auf. Und kürzlich entfachte der neue Bibliotheks-Direktor der ETH, Rafael Ball, mit seiner Aussage, das Internet mache die Bibliotheken überflüssig, eine gesellschaftlich-politische Diskussion. Bibliotheken sind Betriebe wie alle anderen: Sie müssen mit der Zeit gehen, die eigenen Geschäftsmodelle überprüfen, anpassen und mit ihrer Umwelt interagieren. Die «Bibliothek PHZH» ist diesen Weg gegangen: Sie hat sich mit den technischen, gesellschaftlichen und finanziellen Trends sowie mit den Entwicklungen an der PH Zürich auseinandergesetzt und eine neue Strategie entwickelt. Dabei haben sich zahlreiche Chancen herauskristallisiert. Einen wichtigen Vorteil stellt insbesondere die zentrale Lage dar. Zudem bieten der Ausbau der Fachdidaktiken sowie die Veränderungen im Curriculum hin zu mehr Selbststudium an der PH Zürich die Möglichkeit, den Bestand der Bibliothek gezielter auszubauen und diese zu einem attraktiven Lern- und Arbeitsort weiterzuentwickeln. Nicht zuletzt beeinflussen die Ausrichtung der Bibliothek der Lehrplan 21 sowie die elektronischen Medien und die Open-Access-Bewegung. Realer und virtueller Bibliotheksraum In ihrer «Strategie 2016-2020» wird die Bibliothek als inspirierender und anregender realer und virtueller Raum definiert. Demnach bietet sie zwei unterschiedliche Orte an: den realen Lern- und Arbeitsort und den virtuellen Raum. Der reale Raum der Bibliothek soll als lebendiger Ort des Wissens, Lernens und Begegnens gefestigt werden. Künftig gestalten die Bibliotheksbenutzenden dank mobiler Infrastruktur und Möblierung einen Teil des BiAKZENTE 2/2016

bliotheksraumes nach den eigenen Bedürfnissen selber. Im virtuellen Raum sollen Benutzende orts- und zeitunabhängig auf die Dienstleistungen zugreifen und E-Ressourcen nutzen können. Denkbar wäre der weitere Ausbau der digitalen Dienstleistungen in Form von Beratungsangeboten sowie die intensive Nutzung der Social-Media-Kanäle für die Kommunikation mit den Benutzenden. Weiter erhält der Faktor Innovation eine wichtige Bedeutung. Diese sollen unter verstärktem Einbezug der Benutzenden entstehen und zur Entwicklung von innovativen Bibliotheksdienstleistungen führen. Geplant sind jährliche thematische Workshops mit den Benutzenden. Auch das neu entwickelte Kundenmanagementsystem soll einer der Grundsteine für den Dienstleistungskatalog der Bibliothek darstellen. Mit dem Kundenmanagementsystem wird das Feedback der Benutzenden erfasst und analysiert. Daraus ergeben sich zahlreiche Ideen, die umgesetzt werden können. Auch setzt die Bibliothek zunehmend auf elektronische Medien. Dass diese künftig eine noch stärkere Rolle einnehmen werden, scheint gewiss. Ob sie jedoch tatsächlich nachhaltig auf das Interesse von Benutzenden stossen, wird die Zukunft zeigen. Auch ist unklar, wie sich die Preis- und die Lizenzierungspolitik der Verlage gestaltet, ob Bibliotheken überhaupt elektronische Medien zur Verfügung stellen dürfen und wie sich das Urheberrecht entwickelt. Die Bibliothek wird diese Entwicklungen genau beobachten und entsprechende Massnahmen treffen. Eine wichtige Bedeutung hat zudem Open-Access, also der freie Zugang zu wissenschaftlichen Materialien im Internet. Hier könnte die Bibliothek beispielsweise den Zugang zu den von der PH Zürich entwickelten wissenschaftlichen Beiträgen oder Lernmaterialien anbieten und es den Nutzenden so ermöglichen, jederzeit auf diese Angebote zuzugreifen. Biljana Vukmanovic-Mojsilovic leitet die Bibliothek der PH Zürich.

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PH Zürich – Dienstleistu ngen

Text: Biljana Vukmanovic-Mojsilovic


PH Zürich – Zentr u m IPE

«Ein Grossteil beherrscht die Erstsprache nur mündlich»

Ist dieser Zusammenhang den Eltern von mehrsprachigen Kindern bewusst? Oft fehlt dieses Wissen. Trotz verschiedener Informationskampagnen ist es beispielsweise nicht gelungen, die albanischen Familien von der Wichtigkeit des HSK zu überzeugen. Bei der türkischen und albanischen Bevölkerung – zwei besonders grosse Migrationsgruppen – besuchen nur etwa zehn Prozent der Kinder den HSK.

Was sind die Gründe für diese tiefe Quote? Es gibt verschiedene Ursachen. Ich habe dies am BeiDer Unterricht in Heimatlicher Sprache spiel der albanischen Community untersucht. Diese und Kultur (HSK) bietet mehrsprachigen Gruppe lebte vor dem Kosovokrieg, also bis in die Kindern die Gelegenheit, ihre Erstsprache 90er-Jahre in der Hoffnung, in die Heimat zurückzuzu stärken. Nun hat das Zentrum Internakehren. Diese Hoffnung hat sich inzwischen zerschlational Projects in Education (IPE) neue gen, die Perspektiven dort sind zu gering. Deshalb ist es Lehrmittel dafür entwickelt. Projektleifür viele Eltern nicht mehr ersichtlich, weshalb ihre ter Basil Schader äussert sich über die Kinder Albanisch lernen sollten. Der erwähnte ZusamBedeutung des HSK und die Notwendigkeit menhang zwischen Erst- und Zweitsprache scheint sie neuer Unterrichtsmaterialien. als Argument für den HSK zu wenig zu überzeugen. Ein weiterer Grund sind die Kosten, die von den Eltern Text: Christoph Hotz, Foto: Reto Klink selber übernommen werden müssen. Zudem findet der HSK in der Regel in Randstunden statt. Diese Zeitgefässe stehen in hoher Konkurrenz mit anderen Freizeitaktivitäten. Als Schwierigkeit kommt hinzu, dass der HSK meist kaum mit dem regulären Volksschulunterricht verbunden ist.

Basil Schader, Projektleiter im Zentrum International Projects in Education (IPE) der PH Zürich.

Akzente: Basil Schader, weshalb ist die Stärkung der Erstsprache so wichtig? Schader: Ein Grossteil der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund beherrscht die Erstsprache nur mündlich. Oftmals stammen diese Kinder aus bildungsfernen Familien, haben kaum Zugang zu Büchern in ihrer Sprache und sprechen zu Hause ausschliesslich Dialekt. Um nicht Analphabetinnen und Analphabeten in ihrer Erstsprache zu bleiben und im Sinne einer ausgewogenen bilingualen Entwicklung sollten sie ihre Sprache jedoch nicht nur mündlich gebrauchen, sondern auch lesen und schreiben können. Verschiedene Studien haben zudem gezeigt, dass vertiefte Kenntnisse in der Erstsprache das Erlernen einer Zweitsprache positiv beeinflussen. 30

Was würde eine stärkere Anbindung bewirken? Eine enge Zusammenarbeit zwischen HSK und Volksschulunterricht wirkt sich für beide Seiten positiv aus. Wenn die entsprechenden Lehrpersonen Themen gleichzeitig behandeln, ergeben sich Synergien bei der Erweiterung des Wortschatzes und die Kinder werden unterstützt, die beiden Sprachen zu vernetzen. Zugleich kann der Regelunterricht von den Kenntnissen profitieren, die die Schülerinnen und Schüler aus dem HSK mitbringen. Nun haben Sie eine neue Lehrmittelreihe für den Herkunftssprachlichen Unterricht entwickelt. Was war die Ausgangslage für das Projekt? Viele Sprachgruppen verfügen über gar keine Lehrmittel. Die Lehrpersonen müssen sich die Materialien selber zusammenstellen. Hinzu kommt, dass viele HSKLehrpersonen ihre Ausbildung vor Jahrzehnten beispielsweise im ehemaligen Jugoslawien absolviert haben. Ihr pädagogisches Verständnis ist nicht mehr kompatibel mit den heutigen Vorstellungen von Unterricht. Die Lehrpersonen sind auch nicht darauf vorbereitet, Kinder verschiedener Altersstufen gleichzeitig zu unterrichten. Genau dies ist im HSK jedoch die Regel. Diese Gegebenheiten versuchen die neuen Lehrmittel zu berücksichtigen. AKZENTE 2/2016


«Damit steigt die Akzeptanz der Lehrmittel»

Aus welchen Lehrmitteln setzt sich die Reihe zusammen? Die Reihe besteht aus zwei Teilen: einem Arbeitsbuch mit Grundlagen und Hintergründen zu der bei uns aktuellen Pädagogik, Didaktik und Methodik sowie fünf Heften mit didaktischen Anregungen zu wichtigen Bereichen des HSK für den Unterricht. Am Arbeitsbuch, das aus 16 Kapiteln mit je einem Theorie- und Praxisteil besteht, haben insgesamt 70 Fachleute mitgearbeitet.

«Für viele Eltern ist es nicht mehr ersichtlich, weshalb ihre Kinder Albanisch lernen sollten.»

Akzente: Die ALM ist Drehscheibe für sämtliche Lehrmittelprojekte an der PH Zürich. Was heisst das genau? Idrizovic: Die PH Zürich beteiligt sich seit ihrer Gründung an der Entwicklung von Lehrmitteln. Die ALM übernimmt dabei eine Koordinationsfunktion. Dazu ein Beispiel: Bei der Entwicklung der obligatorischen Lehrmittel erteilt der Bildungsrat des Kantons Zürich in der Regel dem Lehrmittelverlag Zürich (LMV) den Auftrag. Dieser gelangt dann an die PH Zürich, welche in dessen Auftrag das Lehrmittel-Manuskript erstellt. In dieser Dreiecksbeziehung nimmt die ALM auf Seite PH Zürich die Vermittlerrolle ein, führt die Verhandlungen, nominiert die Projektleitung, begleitet das Projektteam und verantwortet Finanzen und Ressourcen.

Was sind die Inhalte der fünf Hefte für den Unterricht? Hier geht es um die Förderung des Schreibens, des Lesens und der Mündlichkeit in der Erstsprache sowie um die Vermittlung interkultureller Kompetenzen und von Lernstrategien. Im Zentrum stehen ganz konkrete, praxiserprobte Umsetzungsbeispiele, die die Gegebenheiten des Mehrklassenunterrichts und des Migrationskontextes berücksichtigen.

Akzente: Initiiert die PH Zürich auch von sich aus Lehrmittelprojekte? Idrizovic: Ja, bei den nicht obligatorischen Lehrmitteln. Ein aktuelles Beispiel ist das Geografie-Lehrmittel für die Sekundarstufe I «Weltsicht».

In welche Sprachen werden die Lehrmittel übersetzt? Die Lehrmittel werden in fünf Sprachen übersetzt: Albanisch, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch, Englisch, Portugiesisch und Türkisch. Das sind die bei uns grössten Migrationssprachen. Der Vertrieb wird von den jeweiligen Ländern organisiert. Geplant ist, dass die Lehrmittel in ganz Europa zur Anwendung kommen. Das Zentrum IPE der PH Zürich wird dabei unter anderem die Koordination mit den Verlagen übernehmen.

Akzente: Wer ist neben den erwähnten drei Beteiligten – Bildungsrat, LMV, PH Zürich – weiter in die Entwicklung involviert? Idrizovic: Eine wichtige Funktion nehmen die Lehrerverbände und die Lehrpersonen ein, die als Fachexpertinnen und Fachexperten mitarbeiten. Ihre Mitwirkung beginnt zu einem frühen Zeitpunkt der Entwicklung – zum Beispiel in Form von Hearings zu den didaktischen Konzepten. Diese Rückmeldungen fliessen in die Manuskripte mit ein. Dadurch steigen die Praxistauglichkeit sowie die Akzeptanz der Lehrmittel.

Herkunftsländer finanzieren Lehrpersonen Der Unterricht in Heimatlicher Sprache und Kultur (HSK) wird in Zürich Kindern aus ca. 20 verschiedenen Sprachgruppen angeboten. Er besteht aus zwei Wochenstunden und ist fakultativ. Im Zentrum steht die Erweiterung der Kompetenzen in den jeweiligen Erstsprachen sowie der Kenntnisse über die Herkunftskultur. Eine zweite wichtige Funktion ist die Unterstützung der Kinder bei der Integration in der Schweiz. Die Lehrpersonen stammen aus den jeweiligen Herkunftsländern und werden meist auch von diesen finanziert.

AKZENTE 2/2016

Akzente: Wie viele Lehrmittel sind an der PH Zürich seit ihrer Gründung entwickelt worden? Idrizovic: Insgesamt sind es rund 25 Lehrmittel für die Volksschule, davon befinden sich sieben Titel noch in Entwicklung. Mehrere Lehrmittel wurden international ausgezeichnet. – Christoph Hotz

Ausführliches Interview: blog.phzh.ch/akzente

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PH Zürich – Dienstleistu ngen

Raim Idrizovic, Leiter Arbeitsstelle für Lehrplan und Lehrmittel (ALM) der PH Zürich


Der Kampf der Dorfschulen ums Überleben

Schule besteht aus sieben Kindern von der V   orschule bis zur zweiten Klasse. Heute gibt es etwa 500 Dorfschulen in Finnland, vor zwei Jahren waren es noch gut 700 Schulen mit 2000 Schülerinnen und Schülern. Die Kommunen stehen unter Sparzwang und forcieren die Zusammenlegung von Schulen. Zwar hat sich das Tempo der Schulschliessungen mittlerweile verlangsamt, aber kleine Schulen müssen immer wieder um ihre Existenz fürchten. Mit insgeIn Finnland besitzen Lehrpersonen grosse samt 23 Schülern braucht sich die Lankojärvi-Schule Gestaltungsspielräume, und in den kleinen derzeit keine Sorgen zu machen, aber schon der Wegzug Dorfschulen haben sie besonders viele zweier kinderreicher Familien könnte das Aus für die MiMöglichkeiten, diese auszunutzen. Aber nischule bedeuten. Dann würde sich der Schulweg der die Zahl der Dorfschulen nimmt rasch ab. Angesichts leerer Kassen schliessen vie- Kinder, von denen viele mit dem Schultaxi zu Hause abgeholt werden, deutlich verlängern. Bislang sind sie morle ländliche Gemeinden ihre Minischulen gens und auf dem Nachhauseweg maximal jeweils eine und setzen auf die Zusammenlegung von Stunde mit dem Auto unterwegs; für nordfinnische VerSchulen. hältnisse ist das nicht lang.

Serie – Schule in aller Welt

Text und Fotos: Claudius Technau

Erdkunde fällt heute aus. Saila Sirkkala will lieber den in der Finnischstunde begonnenen Unterricht zum finnischen Nationalepos Kalevala fortsetzen. Nachdem die Grundschullehrerin der Lankojärvi-Schule in der nordfinnischen Gemeinde Pello den Inhalt des Epos in wenigen Sätzen zusammengefasst hat, haben die Schülerinnen und Schüler dazu gemeinsam ein Mindmap erstellt. Die meisten Kinder haben natürlich schon etwas von dem Werk gehört. Jetzt sollen sie im Internet zu zweit eigenständig weitere Informationen zum Kalevala suchen. «Nicht streiten», ermahnt Sirkkala die beiden Geschwister Venla und Roope Rautio, die durch das Los als Partner für diese Übung bestimmt wurden. Venla geht in die 3. Klasse und ihr Bruder Roope in die 5. Klasse, unterrichtet werden sie aber gemeinsam. In Sirkkalas Gruppe sitzen die Schülerinnen und Schüler in den Klassen 3 bis 6, insgesamt sind es 16 Kinder – Alltag in einer finnischen Dorfschule. Die zweite Gruppe der Lankojärvi32

Sitzbälle statt Stühle im Klassenzimmer Mit Eifer machen sich die Kinder unterdessen an die Arbeit, zeichnen, lesen, machen Notizen und stöbern im Internet nach Musik zum Kalevala. Dabei stellen sie fest, dass ungewöhnlich viele Folk-Rockbands Songs zum Kalevala geschrieben haben. Die Kinder arbeiten harmonisch zusammen, und es ist beinahe unmöglich, sie in ihre Klassenstufen zu unterteilen. Und genau das macht Saila Sirkkala in der Minischule so viel Freude: «Die Kinder lernen sehr viel voneinander.» Von den gemischten Gruppen profitieren laut Sirkkala auch die älteren Schüler. «Die Grossen lernen, den Kleinen die Regeln zu erklären, und sie lernen, auf andere Rücksicht zu nehmen.» Auf ihrem Sattelstuhl rollt Sirkkala von einer Gruppe zur nächsten, gibt Tipps, stellt Fragen und lässt sich die ersten Ergebnisse der Kinder zeigen. Statt auf Stühlen sitzen einige der Schülerinnen und Schüler auf grossen Gymnastikbällen. Die Bälle hat die Schule bereits vor einigen Jahren angeschafft. Sie sind Teil des landesweiten Projekts Schule in Bewegung «Liikkuva koulu», das die Bewegung von Kindern während des Schultages fördern soll. Sirkkala hat ihren Unterricht zu diesem Zweck jedoch bereits vor dem Start des Projekts gerne nach draussen verlegt. In Finnland wird selbstständiges Arbeiten der Schülerinnen und Schüler in allen Schulen und Klassen gefördert. In dieser Hinsicht unterscheidet sich die Dorfschule in Lankojärvi nicht von einer regulären Schule in der Stadt. «Hier haben wir aber sehr viel mehr Flexibilität», betont Sirkkala. «Wir können alles ganz im Sinne der Kinder planen, und da die Gruppen klein sind, bekommen die Schüler sehr viel persönliche Betreuung.» In der Mathematikstunde beispielsweise verschwinden die Drittklässler und werden zusammen mit der kleineren Gruppe der unteren Klassenstufen unterrichtet. So bleibt AKZENTE 2/2016


Schulsport auf dem Ei s (ganz oben). Die Kinder zeigen Lehr erin Saila Sirkkala die Resultat e ihrer Recherche (oben).

t in ern erhäl t u p m o C t richt mi Gewicht. Der Unter och mehr n g i t f n ü k Finnland

Sirkkala mehr Zeit für die älteren Schülerinnen und Schüler. Auch ihren Stundenplan sieht Sirkkala nicht als strikte Vorgabe, sondern als Rahmen, den sie selbst mit Leben füllt. Denn finnische Lehrpersonen verfügen im Unterricht über einen weiten Gestaltungsspielraum. «In Finnland sind wir in der glücklichen Lage, dass die Lehrer in der Klasse grosse pädagogische Freiheit geniessen.»

und Lehrpersonen im ganzen Land zahlreiche Neuerungen bringt. Erstklässler lernen dann nicht mehr die verbundene Schreibschrift, sondern nur noch die Blockschrift. Künftig arbeiten die Kinder auch schon früher und intensiver als bisher mit  Tablets oder Laptops, und ab dem nächsten Jahr soll der Unterricht zudem sehr viel stärker fachübergreifend ausgerichtet werden. Sirkkala sieht der Reform gelassen entgegen: «Ich habe während Neuer Lehrplan bringt viele Änderungen meiner ganzen Laufbahn als Lehrerin jeden Stoff fachEine Herausforderung in der gemischten Gruppe ist hin- übergreifend unterrichtet. Das ist viel inspirierender – gegen die Vermittlung von neuem Unterrichtsstoff. Dann sowohl für mich als auch für die Kinder.» nimmt Sirkkala einzelne Schülerinnen und Schüler gelegentlich aus der Gruppe heraus und geht mit ihnen den Claudius Technau ist freier Journalist. neuen Stoff in Ruhe durch. Um die übrigen Schüler Er lebt und arbeitet in Helsinki. kümmert sich währenddessen eine der beiden Hilfslehrerinnen, die auch Kindern hilft, die zusätzliche UnterstütSerie «Schule in aller Welt» zung benötigen. Schülerinnen und Schüler mit Lernproblemen werden in Finnland früh betreut und erhalten Im Rahmen der Serie «Schule in aller Welt» stellen Stützunterricht, um nicht den Anschluss zu verlieren. wir an dieser Stelle jeweils exemplarisch eine Schule aus dem Norden, Osten, Süden und Westen der Sitzenbleiben ist nicht vorgesehen. Welt vor. Nach dem Norden in dieser Ausgabe folgt Im kommenden Herbst wird ein viel diskutierter im kommenden Heft der Westen mit einem Beitrag aus neuer Rahmenlehrplan in Kraft treten, der für Schüler Los Angeles. AKZENTE 2/2016

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Serie – Schule in aller Welt

Beliebt bei den Kindern: Stange für Klimmzüge (l.). In Finnland ist das Essen in der Schule kostenlos (u).


ANALOGISCHES DENKEN

Das 45-seitige Sachregister lässt bereits erahnen, dass hier ein Thema in aller Breite und Tiefe angegangen wird. Der Mathematiker und Kognitionsforscher Douglas Hofstadter unternimmt mit seinem französischen Kollegen Emmanuel Sander den Versuch, dem Wesen des Denkens auf den Grund zu gehen. Hierfür erweist sich die Sprache als unerschöpfliches Untersuchungs­ objekt. Wie kommen Analogien zustande, und warum klappt die Verständigung, obwohl die Grenzen der gebildeten Kategorien verschwommen und dehnbar sind? Redewendungen, Sprichwörter, metaphorische Idiome und sprachliche Fehlleistungen weisen den Weg und sollen enthüllen, wie wir kognitiv ticken. Die beiden Autoren schmücken ihre Ausführungen mit amüsanten Anekdoten und geistreichen Kommentaren aus. Leider verliert die Argumentationslinie ob der vielen Details und Redundanzen etwas an Kontur. Schliesslich sind auch die Leserinnen und Leser nicht auf den Kopf gefallen. – Daniel Ammann

D. Hofstadter, E. Sander. Die Analogie: Das Herz des Denkens. Aus dem Amerikanischen v. Susanne Held. Stuttgart: Klett-­ Cotta, 2014. 784 Seiten.

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YOUTUBE ­ZITIEREN?

Quellen bewerten und zitieren ist Teil des wissenschaftlichen Betriebs. Wie aber soll bewertet und zitiert werden, wenn es sich um eine digitale Quelle handelt? Dieser Frage widmet sich Lydia Prexl in ihrem Ratgeber. Die Autorin betont, dass eine Quelle – egal ob gedrucktes Buch, Fernsehsendung oder Internet­ angebot – zitierfähig,

zitierwürdig und relevant sein muss, um den Ansprüchen einer Facharbeit zu genügen. Das Augenmerk der Schreibenden soll sich auf die Qualität der Information richten, bevor es ans Zitieren und Belegen geht. Prexl liefert einen vertieften Einblick in Daten- und Literatursuche, Techniken des Zitierens und schliesst mit zahlreichen Hinweisen für den Umgang mit elektronischen Quellen und

Sonderfällen wie Interviews, Blogs, Wikis oder Online-Videos. Empfehlenswert ist der Ratgeber für alle, die zum ersten Mal eine wissenschaftliche Arbeit schreiben. – Sarah Zgraggen

L. Prexl. Mit digitalen Quellen arbeiten: Richtig zitieren aus Datenbanken, E-Books, YouTube und Co. Paderborn: Ferdinand Schöningh, 2015. 120 Seiten.

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Foto: Christoph Hotz

Medientipps

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ZAUBER­ KOMPETENZ

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LITTLE BIG DATA

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KINDHEIT IN BILD UND WORT

Kompetenzorientierung in Unterricht und Lehrplan 21 bekommen in den Medien mehrheitlich schlechte Schlagzeilen. Das vorliegende Buch versteht sich als Kontrastprogramm und Orientierungshilfe für Lehrpersonen. Kurz und prägnant legen die ersten Kapitel dar, was die Gesellschaft von der Schule fordert und die Kinder von der Schule brauchen. Der Autor belegt seine Aussagen mit Bildungsstudien und Erkenntnissen aus der Hirnforschung und zeigt auf, wie Wissen von Qualifikation und Kompetenz unterschieden wird. Hinweise und ein Hilfsmittel zur Beurteilung sowie der vorgestellte Kompetenzatlas sind im Unterricht direkt einsetzbar. Das Buch zeigt, dass die Kompetenzorientierung neben Herausforderungen auch ein starkes Potenzial für wirksamen Unterricht enthält. Problempunkte werden jedoch nur am Rande erwähnt. Fraglich bleibt, ob die Arbeit der Lehrperson nicht komplexer wird, wenn sie zum Lehrplan noch einen zusätzlichen Kompetenzpass verwenden soll.

Die Digitalisierung führt dazu, dass immer mehr Daten darüber anfallen, was Menschen wann mit welchem Ergebnis machen. Deren statistische Auswertung lässt Zusammenhänge in einem bis vor kurzem unvorstellbaren Ausmass sichtbar werden. Das spannende und leicht lesbare Büchlein fragt, was der BigData-Trend für das Bildungswesen bedeutet, vor allem bezogen auf Online-Kurse mit Zehntausenden von Nutzern. So wird es etwa möglich, die Aufgaben zu identifizieren, die einem bestimmten Lernenden zu einem bestimmten Zeitpunkt am meisten weiterhelfen dürften. Oder die Kommentare im Online-Forum zu identifizieren, die am ehesten gelesen werden müssen, um in der Prüfung besser abzuschneiden. Big Data zeigen aber nur Wahrscheinlichkeiten auf, keine Ursachen. Und sie lassen sich auf lange Zeit speichern, was die Gefahr von Missbrauch erhöht. Das Buch erläutert auch die Risiken, die mit der Sammlung von Big Data verbunden sind.

Ein Blick in ein Familienalbum weckt Erinnerungen an die eigene Kindheit. Das ist beim vorliegenden Fotoband nicht anders. Die Bilder stammen von verschiedenen Schweizer Fotografinnen und Fotografen und um­fassen eine Zeitspanne von mehr als 150 Jahren. Es ist eine Art «Best-of»Auswahl von Kinderfotografien aus der Schweiz, mit Bildern bekannter Namen wie René Burri, Gotthard Schuh, Anita Niesz oder Annelies Štrba. Wir entdecken auch Unbekanntes, etwa ein Bild des Fotoamateurs Albert Meierhofer, dem Vater von Marie Meierhofer. Gattungsmässig deckt der Band vom Einzelund Gruppenporträt bis hin zu Schnappschüssen in verschiedenen sozialen Zusammenhängen ab. Was der Band mit Bildern schafft, gelingt dem «Zwillingsband» mit Worten. Es sind erzählte Erinnerungen zu Alltäglichem oder zu biografischen Meilensteinen wie der Konfirmation. Zu Wort kommen 34 Autorinnen und Autoren, unter ihnen Anne Cuneo oder das ehemalige Verdingkind Dora Stettler.

– Tobias Zimmermann

– Thomas Hermann

– Harry Koch

V. Mayer-Schönberger, K. Cukier. Lernen mit Big Data: Die Zukunft der Bildung. München: Redline, 2014. 87 Seiten.

Kindheit in der Schweiz: Fotografien. / Kindheit in der Schweiz: Erinnerungen. Zürich: Limmat, 2015. 260 bzw. 231 Seiten.

D. Hunziker. Hokuspokus Kompetenz? Bern: hep verlag, 2015. 174 Seiten.

Memento mori Wir sind nicht unsterblich – und das ist gut so. Wie die Autoren des Sachbuches «Der Wurm in unserem Herzen» (DVA 2016) nachweisen, wirkt sich das Wissen um unsere irdische Vergänglichkeit massgeblich darauf aus, welche Entscheidungen wir tref­fen und wie wir unser Leben gestalten. Das menschliche Bewusstsein, so ihre These, bedeutet nicht nur einen Quantensprung in der Evolution, sondern macht Reflexion und Religion erst möglich und lässt uns den ge­setz­ten Grenzen kreativ und kühn gegenübertreten. Gleichzeitig scheint Todesangst aber kulturelle Intoleranz und Gewaltbereitschaft gegenüber Andersdenkenden zu verstärken. Eine andere Annäherung an das Thema unternimmt Thea Dorn in ihrem vielstimmigen Roman «Die Unglückseligen» (Knaus 2016). Die Geschichte handelt von einer Molekularbiologin und ihrer unheimlichen Begegnung mit dem unsterblichen Goethe-Zeitgenossen Johann Ritter, der nach 240 Jahren des Lebens überdrüssig ist. Die Bearbeitung des alten Faust-Mythos führt drastisch vor Augen, dass die Mensch­heit zwar nach ewigem Leben trachtet, aber körperliche Un­sterb­lichkeit ebenso Fluch wie Segen wäre. Weniger programmatisch, dafür umso einfühlsamer erzählt der Film «The Age of Adaline» (USA 2015), wie einsam ewige Jugend macht. Als die junge Adaline Bowman in den 1930er-Jahren nach einem Autounfall nicht mehr altert, be­ginnt für sie ein jahrzehntelanges Versteckspiel. An ein normales Leben mit Familie und Freunden ist nicht mehr zu denken. Immer wieder muss sie flüchten und unter wechselnden Identitäten ein neues Leben beginnen. – Daniel Ammann

Besprechungen weiterer Titel: blog.phzh.ch/akzente/rubrik/medientipps AKZENTE 2/2016

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Medientipps

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Inserate

«Das savoir-fer» n, chulklasse ebot für S e ng A nd re es ie eu in N sz Sie die fa entdecken enbahn ! is E r de t Wel

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in Pré-Petitjean (Montfaucon). Einzigartig in der Schweiz! • Preis: CHF 19.90 pro Person, Transport inklusive* • Ablauf in Form von vier Workshops und Experimenten zum

Thema Eisenbahn. Programm für Schüler der 6. bis 9. Klasse Harmos (Kinder von 9 bis 13 Jahre). Geöffnet von Mitte April bis Ende Oktober. Dauer: ca. 1½ Stunden. Bike Trotti*Preis für eine Klasse von 20 Schülern mit zur auch einer Lehrperson, Tageskarte CJ inbegriffen. Velos g!

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Sprachkursleitende im Integrationsbereich Sie möchten sich gezielt fachliche, methodische und soziale Kompetenzen für Ihren Unterricht im Bereich Deutsch als Zweitsprache für Migrantinnen und Migranten aneignen. Drei Module führen zusammen mit einem Abschluss in der Erwachsenenbildung (SVEB 1 oder gleichwertige Ausbildung) zum Zertifikat «Sprachkursleitende im Integrationsbereich»: Moduldaten mit Kursort Zürich Modul 1 Migration und Interkulturalität (MuI) Samstag 16.04. / 21.05. / 04.06.16

Modulzeiten Jeweils von 09.00 – 12.30 Uhr und von 13.30 – 17.00 Uhr

Modul 2 Fremd- und Zweitsprachendidaktik (FZD) Samstag 27.8. / 17.09. / 01.10.16

Kosten CHF 700.00 inkl. Kompetenznachweis CHF 400.00 inkl. Kompetenznachweis für DaZ-Kursleitende, die bereits in Deutschkursen für Schulungewohnte im Kanton Zürich unterrichtet haben oder zum Zeitpunkt des Modulbesuchs unterrichten. Unterstützt durch die Integrationsförderung des Kantons Zürich.

Modul 3 Szenariobasierter Unterricht nach fide-Prinzipien (SBU) Kurs 1 Samstag 19.03. / 09.04. / 23.04.16 Kurs 2 Samstag 28.05. / 11.06. / 25.06.16 Kurs 3 Samstag 05.11. / 19.11. / 10.12.16 Moduldaten mit Kursort Winterthur Modul 3 Szenariobasierter Unterricht nach fide-Prinzipien (SBU) Kurs 1 Samstag 16.01. / 30.1. / 13.02.16 Kurs 2 Samstag 02.04. / 16.04. / 21.05.16

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Informationen Stiftung ECAP, Kompetenzzentrum Deutsch, Nathalie Benoit, 032 342 19 65, nbenoit@ecap.ch, www.ecap.ch

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Mario Bernet und Ruedi Isler – Unter vier Augen

Illustration: Elisabeth Moch

Ruedi Isler: Immer wieder sieht die Schulpädagogik neue Heilslehren – Versprechungen, dass die ultimative Lernmethode gefunden ist, dass sich nun alle Probleme lösen lassen. Unter den Berufsleuten macht sich dann erregte Geschäftigkeit breit, da und dort Euphorie. Brauchen wir Menschen einfach die Hoffnung auf Erlösung von der Mühsal des Alltags? Bringen die sich jagenden Neuerungen tatsächlich den kontinuierlich steigenden Fortschritt in die Schule? Mario Bernet: Wo ortest du diese Versprechungen und Verlockungen? Ich kann nur erahnen, wovon du sprichst. Unter Lehrpersonen erlebe ich kaum, dass Innovationen den Status von Heilslehren annehmen. Und ja, ich sehe Fortschritte. Viele Lehrpersonen sind ambitioniert und offen für Neues, wie andere Berufsleute auch. Isler: Gestern las ich beispielsweise in der Zeitung «Kinder, lernt Frühphilosophisch!» Wer früh philosophiert, liest und rechnet auch besser, sagt eine englische Studie. Sicher werden einige auch auf diesen Trend aufspringen! Bernet: «Schach holt Kinder weg von der Strasse», war kürzlich in der andern grossen Zürcher Zeitung zu lesen. Gut, dass uns die Journalisten gelegentlich daran erinnern, dass es Lehrreicheres gibt als die schriftliche AKZENTE 2/2016

Division. An unserer Schule gibt es einen Schachclub. Es ist zu begrüssen, wenn Lehrpersonen etwas verstehen von kuriosen Dingen wie Schach oder gar Philosophie. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass sie den Stellenwert solcher Neuerungen einordnen können. Isler: Zum Schach: Ja, auch was keinen direkten Nutzen hat, ist Bildung. Was mich daran irritiert, sind nur die Versprechungen: mehr Philosophie, mehr Musik, mehr Chinesisch, mehr Ateliers, mehr altersdurchmischtes Lernen – und alles wird gut, alle lernen besser, schneller, konzentrierter, mehr. Werden Enthusiasmus und Tatkraft der Lehrpersonen so nicht fehlgeleitet? Bernet: Nochmals: Viele Lehrpersonen können diese Versprechungen einordnen, nach dem Motto «Prüfet alles, das Gute behaltet». Im Unterrichtsalltag sind aber keine Feuerwerke, sondern andere Qualitäten gefragt. Ich halte mich gerne an den alten pädagogischen Leitgedanken «Die Menschen stärken, die Sachen klären», in dem ich den Kern unserer Arbeit sehe. Zu dessen Umsetzung sind Fantasie und Beharrlichkeit gefragt, und zwar jeden Tag. Eine hübsche Definition von Bildung hast du übrigens eben eingeflochten. Kannst du das präzisieren?

Isler: Vielleicht in einer nächsten Unterhaltung. Lieber greife ich deinen Leitgedanken auf. Wer das als Kern seiner Arbeit sieht, der braucht Zeit. Das kann nur episch langsam geschehen, da gibt es keine Tricks und Wundermittel, da geht es um tägliche Bemühung, um Arbeit an Inhalten, um motivierende Beziehung zu den Schülerinnen und Schülern. Da kochen alle mit Wasser. Gerne kann ich dir auch ein paar abgestürzte Hypes nennen, welche diesen Umstand ausser Acht liessen. Bernet: Ja, nenne mir bitte diese Bruchlandungen. Isler: Die Sprachlabors in der Volksschule beispielsweise oder die sogenannten Mitschauanlagen in der Lehrerbildung. Bernet: Siehst du: Das sind Ruinen aus Zeiten, in denen noch mit der grossen Kelle angerührt wurde. Heute ist mehr Besonnenheit eingekehrt in der Bildungslandschaft. Oder täusche ich mich etwa? Isler: Ich hoffe, dass du recht hast. Mit kritischem Verstand und historischem Bewusstsein Neues erproben: gerne! Mario Bernet (links) ist Primarlehrer, Ruedi Isler ist Pädagogikprofessor. Die zwei Bildungsexperten unterhalten sich an dieser Stelle über ein aktuelles Schulthema.

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Unter vier Augen

Pädagogische Wunderwaffen


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1 — 7. bis 19. März 2016: Es fotografieren für die #PHZH die Lehrerinnen Ariane und Claude von @a _teachers _ lifestyle. 2 — Baschtel-Session mit der Göttiklasse zusammen. Ostern ist schon bald da. 3 — Last Minute Fensterdeko für Ostern! 4 — Die Ruhe vor den kleinen Wirbelstürmchen. Heute wirds aber

ganz gemütlich – ein bisschen Rechnen, vieeeeel Osterbasteln. Wir freuen uns dann aber auch auf das wohlverdiente, sonnige Wochenende.

7 — Friyay!

Zur Rubrik

8 — So macht EnglischVoci-Lernen Spass! «A dice game» ist ein einfaches Spiel.

Jeweils für zwei Wochen übernimmt eine Person aus dem Schulfeld den Instagram-Account der PH Zürich (@phzuerich) und fotografiert während dieser Zeit in ihrem Berufsalltag – in diesem Fall von Anfang bis Mitte März 2016. Die besten Bilder erscheinen an dieser Stelle in der Rubrik «Instagram #takeover».

9 — Wie erklärt ihr den Kindern den 5 — Wir wünschen euch Dreisatz? Mit dieser einen schönen Samstag. einfachen Methode Das Vorbereiten kann «Brückenbauen» üben warten. die Kinder, selbst6 — Die Kids lieben es, ständig Dreisätze zu Monster zu erfinden! lösen. Eine tolle Arbeit für zwischendurch.

Impressum «Akzente» erscheint viermal jährlich, 23. Jahrgang, Nr. 2, Mai 2016, ISSN 2296-7281 (Print), 2296-732X (Online). Herausgeberin: Pädagogische Hochschule  Zürich. Redaktion: Christoph Hotz (Redaktionsleitung), Redaktor Kommunikation; Daniel Ammann, Dozent für Medienbildung; Bettina Diethelm, wissenschaftliche Mitarbeiterin; Anne Bosche, wissenschaftliche Mitarbeiterin; Vera Honegger, Redaktorin Kommunikation; Reto Klink, Leiter Kommunikation; Martina Meienberg, wissenschaftliche Mitarbeiterin; Michael Prusse, Abteilungsleiter Sek II Berufsbildung. Redaktionelle Mitarbeit: Melanie Keim, Claudia Merki. Adresse:  Pädagogische Hochschule Zürich, Redaktion «Akzente», Christoph Hotz, Lagerstrasse 2, 8090 Zürich, akzente@phzh.ch, www.phzh.ch/akzente. Grafisches Konzept:  Raffinerie AG für Gestaltung, Zürich. Layout: Regi Müller, Typografische Gestalterin PH Zürich. Druck: FO-Fotorotar, Egg ZH. Inserate: IEB AG, Industriestrasse 6, 8627 Grüningen, Tel. 043 833 80 40, Fax 043 833 80 44, info@ieb.ch, www.ieb.ch. Abonnemente: Jahresabonnement CHF 20.– inkl. Porto, Pädagogische  Hochschule Zürich, Vera Honegger, Lagerstrasse 2, 8090 Zürich, vera.honegger@phzh.ch. Gedruckt auf FSC-zertifiziertem Papier.

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AKZENTE 2/2016

Fotos: Ariane Voellmy und Claude Meierhofer

Instagra m #takeover

Die Fotografinnen Ariane Voellmy und Claude Meierhofer unterrichten beide auf der Primarstufe. Sie posten auf Instagram unter dem gemeinsamen Namen @a_teachers_lifestyle.


Inserate

ZHE – Zentrum für Hochschuldidaktik und Erwachsenenbildung

Wie gelingt Mentoring? Tagung, 3. November 2016, 13 bis 18 Uhr, Tagungszentrum Schloss Au An dieser kurzen Tagung fragen wir nach Bedingungen für wirkungsvolles Mentoring und bieten zwei Workshops, in denen Sie konkrete Konzeptideen für neue Mentoringprogramme erarbeiten können. Follow-up zur erfolgreichen Mentoring-Tagung von 2015; diesmal in Kooperation mit der Fachstelle Gleichstellung und Diversity der Zürcher Hochschule der Künste. hochschuldidaktik.phzh.ch/mentoringtagung

Moodle – die unab

hängige Lernplat

tform

Mehr als Up- und Download. Moodle macht vernetztes, interaktives und individuelles Lernen möglich. Unser Angebot als zertifizierter Kursentwickler

Strategie

Design

Betrieb

Training

Ein Unternehmen der FO-Gruppe Telefon +41 44 986 35 70 | www.fo-publishing.ch

Von der Bildungsdirektion des Kantons Zürich bewilligte Privatschule

Integrationsprogramme für Kinder, Jugendliche und Erwachsene  Rasche und nachhaltige Integration in die Regelklasse  Ganz- und Halbtagsvariante möglich  26/20 Lektionen pro Woche in Kleingruppen  Mittagstisch

 Dübendorf  Horgen  Winterthur  Zürich

+ 41 (0)43 888 70 70 | www.allegra-sprachen.ch | info@allegra-sprachen.ch


Infos unter: phzh.ch/cas WEITERBILDUNG UND BERATUNG

Frische Kompetenz f端r Sie und Ihre Schule CAS Bildung und Betriebswirtschaft CAS P辰dagogische Schulf端hrung CAS F端hren einer Bildungsorganisation (Schulleitungsausbildung)