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EDUARDO IGLESIAS ENDE DER LINIE 4 Hรถrspiele Illustrationen von Enrique Flores รœbersetzung von Marei Ahmia

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Originaltitel: Al Final de la Línea © Text: Eduardo Iglesias © Vorwort: Alfredo Mateos Paramio © Illustrationen: Enrique Flores © Übersetzung: Marei Ahmia ISBN: DL: TO-614-2011 Erstausgabe, 2011 Design und Edition: db comunicación Alle Rechte vorbehalten.


Vorwort 5

DER MORD DIE PISTOLE CHERRY LALANE DER WAHNSINN

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Vorwort

Das literarische Talent des spanischen Schriftstellers Eduardo Iglesias wird seit der Veröffentlichung seines erfolgreichen Romans Tarifa im Mai 2011 in Frankreich auch außerhalb der Grenzen Spaniens geschätzt. Der bei Rouge-Inside erschienene Band wurde von der angesehenen Buchhandlung Les Cordeliers als eine der wichtigsten Neuheiten des Jahres ausgewählt. Wir sehen uns einem Autor gegenüber, der aus dem literarischen Panorama Spaniens heraussticht, das in den letzten Jahren durch deutliche Überschneidungen des journalistischen und des literarischen Schreibens gekennzeichnet war. Entgegen diesem Trend sah sich Eduardo Iglesias ausschließlich der Erzählung verpflichtet, er hat bis heute fünf Romane bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht (wie z.B. Alfaguara, Punto de Lectura und El Tercer Nombre). Seine Seiten vermitteln den Eindruck scheinbarer Durchsichtigkeit, das Ergebnis der Sorgfalt eines Autors, der es geschafft hat sehr unterschiedliche Leser in seinen Bann zu ziehen. Seine Romane erschienen als Taschenbücher und werden gerne Jugendlichen empfohlen, die von Abenteuergeschichten zur Erwachsenen-Literatur übergehen 5


wollen, gleichzeitig heben die Kritiker der Kulturbeilagen stets seinen innovativen Einfluss innerhalb des spanischen Romans hervor. Ein etwas ungewöhnliches Zusammenspiel, angesichts der Tatsache, dass der Autor angibt, seinem Vorbild Miguel de Cervantes gefolgt zu sein, dessen Don Quijote jedem Leser, je nach seiner Verständnisebene, eine andere, aber stets befriedigende Erfahrung bietet. Diese scheinbare Einfachheit betreffend drängen sich Analogien mit anderen Autoren seiner künstlerischen Generation auf. Eduardo Iglesias (geboren 1952 in San Sebastian) könnte in eine Strömung eingeordnet werden, die sich in den bildnerischen Künsten Spaniens »Nueva Figuración« nannte, in manchen Fällen auch »Neo Pop«, und von Malern wie Eduardo Arroyo, Fernando Bellver oder Javier de Juan (der auch den Einband eines seiner Bücher illustrierte) repräsentiert wird. Mit ihren klaren Linien versuchen diese Künstler nicht das unbekannte Meisterwerk zu erschaffen, vielmehr fügen sie die stereotypen Bilder der Werbung oder des Comics in einen ironischen und alltäglichen Diskurs ein. In Ende der Linie, dem Mikroroman, der uns hier vorliegt, handeln die Charaktere ebenfalls beladen von Stereotypen, und die Erzählung beschreibt ihr Scheitern, eben diese an die gemeinsame Realität anzupassen. Ähnlich wie Don Quijote versucht, die Welt der Ritterromane in das Spanien des 16. Jahrhunderts zu übertragen, handelt Fred Zimbalist geleitet von der dramatischen Sentimentalität des Liedes von Nina Simone, das den vier Geschichten ihren Namen gibt. Er reizt die in breiten Schichten der Gesellschaft noch immer gültigen Ideen über die männliche Vorherrschaft in der sexuellen Beziehung bis zum Extrem aus und vermittelt so ein 6


ausdrucksstarkes Bild der Mechanismen erotischer Gewalt. Die Paralellen dieser Erzählung zur Novelle El curioso impertinente, die in den ersten Teil des Don Quijote eingefügt ist, sind zahlreich.Wie auch diese, ist Ende der Linie im Stile einer mündlichen Erzählung, in Form von vier Hörspielen, in eine breitere Erzählung eingebettet: in Por las rutas los viajeros responden a las plegarias (»Auf dem Weg antworten die Reisenden den Gebeten«), ein Roman, der auf den Landstraßen Kastiliens spielt. Und wie auch bei Cervantes basiert die Handlung auf einem eifersüchtigen Liebenden, der seinen besten Freund dazu treibt, mit der geliebten Frau das zu tun, was er am meisten fürchtet. Das Geschehen wird aus den Blickwinkeln der drei Protagonisten erzählt. Dennoch sind die Erzählungen aller Beteiligten übereinstimmend, im Gegensatz zum exemplarischen Spiel der Spiegel aus Rashomon von Ryonosuke Akutagawa. Hier spaziert der allwissende Erzähler von der Stimme eines der Charaktere zu der des nächsten. Diese sind Zeugen – unmögliche Zeugen – einiger der Ereignisse, die an dieser Endstation des Liedes von Nina Simone auf sie zusteuern – auch eine Metapher für die letzte Ruhe der Schrift – Ende der Linie. Die Tatsache, dass zwei der Protagonisten aus dem Jenseits zu uns sprechen, sorgt für eine zusätzliche ironische Schicht in dieser maßlosen und gewöhnlichen Tragödie, nicht unähnlich denen, die in den Zeitungen unter »Vermischtes« erscheinen, aber hier aufgehellt vom künstlichen Licht ihrer lächerlichen Ideale. Die Illustrationen des berühmten Zeichners Enrique Flores entsprechen perfekt dem Krimi-Ambiente des Textes. Seine Blautöne und dunklen Farben verbin7


den sich mit dem nüchternen Stil des klassischen Kriminalfilms und übertragen ebenso gut »die allzu düsteren Schattierungen« der Story wie die Verbindung zwischen der Farbe Blau und der Eifersucht in der älteren spanischen Literatur: »grausame Eifersucht / Wasser violetten Blaus«, wie Lope de Vega in »Liebe aus Neid oder des Gärtners Hund« (El Perro del Hortelano) beschreibt. Aber dies sind Feinheiten, die die pure Freude am Lesen dieser leidenschaftlichen kleinen Novelle von Eduardo Iglesias in keiner Weise stören, dieser Geschichte, die es schafft, die psychologische Intrige mit dem nachhaltigen Genuss guter Literatur zu versöhnen.Von Marei Ahmia in ein klares und fliessendes Deutsch übersetzt, bildet Ende der Linie einen guten Einstieg in die Welt eines der wichtigsten Erzähler der spanischen Gegenwart. Alfredo Mateos Paramio

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We’ve reached the end of the line Nina Simone


DER MORD


Er erreichte Calais um sieben Uhr morgens, mit der Fähre, die aus Dover kam. Ein feiner Regen durchdrang die Lichter des Hafens und der Fabriken und hinterließ in der Atmosphäre eine jahrhundertealte Beklemmung. Er ließ seinen Peugeot von der Rampe des Schiffes gleiten. Während er über den großen Vorplatz zum Zoll fuhr, schaltete er den Scheibenwischer ein und suchte im Radio die Nachrichten. »Was für eine Einsamkeit«, dachte er. Er passierte die Routine-Kontrolle und stieß in die nassen Straßen der Stadt vor. Fred Zimbalist suchte ein offenes Café. Die Enttäuschung lag ihm wie eine schwere Last auf der Seele. Er hatte die bittere Erfahrung der Wahrheit gemacht. Die Wahrheit eines Betrugs. Des Betrugs an einer Wahrheit, die für ihn unverletzlich war: die Liebe. Fred Zimbalist und Cherry Lalane hatten sich vor einigen Jahren in London kennen gelernt. Er war damals 35 und sie 20 Jahre alt gewesen. Die fünfzehn 13


Jahre, die sie trennten, die Mulattin von dem Blonden, die Frau aus Trinidad von dem Iren aus Belfast, die Tänzerin vom Drehbuchautor, stellten keinerlei Hindernis dar, sondern vielmehr eine weitere Verlockung, die die gegenseitige Anziehungskraft unwiderstehlich machte. Fred Zimbalist plante sie dort zu töten, wo sie am glücklichsten gewesen waren. Er würde sich dort mit ihr verabreden, in einem Café auf dem Platz und er würde unter dem Tisch auf sie schießen. Danach würde er in dem Bewusstsein weiterleben müssen, sie niemals wieder zu sehen. Ihre Abwesenheit als etwas Unerträgliches zu spüren, so stellte er es sich bereits vor, als er in seinem Auto in Richtung Arlès fuhr. Während der Regen unablässig auf die Windschutzscheibe prasselte, sang Nina Simone den Song The end of the line. So seltsam das auch erscheinen mag, er verspürte keine Angst vor seinen Gedankengängen, trotz ihrer dramatischen Einfärbung. Sollte er sich der Justiz stellen, nach dem Verbrechen? Das war eine Frage, die ihn anfangs nicht weiter beschäftigte. Das würde er später entscheiden, nachdem er sie getötet hatte. »Ja, sie töten«, dachte er. Mit diesem brennenden Gefühl, sie in den Armen eines anderen Mannes zu wissen, konnte er nicht leben. Fred Zimbalist hatte seinen Geschmack in Richtung Poesie verlagert. Der Roman interessierte ihn nicht mehr. Seit zwei Jahren konzentrierte er sich ausschließlich auf den inneren Wert des Wortes. Infolgedessen wurden seine Drehbücher sehr kurz und 14


knapp. Die Produzenten lehnten sie ab, weil sie zu spirituell seien: »Pass auf Fred, arbeite so wie früher und du wirst ein Erfolgsautor, aber wenn du auf diese Art weiter machst, kannst du dich ins Kloster oder auf einen Berggipfel zurückziehen.« Mit seiner Frau begann es auch schlecht zu laufen. Und so, allmählich, nicht allzu plötzlich, fühlte sie sich zu anderen Männern hingezogen. Die Eifersucht hinterließ auf brutale Art und Weise Eindruck bei ihm. Am Anfang war alles noch unter der Oberfläche, aber langsam zeigte sich das innere Unwohlsein auch in seinen Zügen. Bis zu dem Punkt, als alles einen Ton annahm, der zu düster war, um weiter versteckt zu bleiben. Cherry lief mit ihrem Tänzer davon, und Fred Zimbalist, verzweifelt in seiner Wehrlosigkeit, zog böse Geister an. Die Krankheit, der Alkohol, die Erniedrigung und der Zorn ritten gemeinsam über das von Eifersucht zerfressene Gelände. Während er jetzt nach Süden fuhr, verließ ihn seine Besessenheit nicht für den kleinsten Moment. Arlès war die Stadt, in der sie ihre große Leidenschaft gelebt hatten. Cherry hatte damals die Tanzgruppe verlassen und folgte Fred auf dem Weg zum Ruhm. Der hatte ein Drehbuch in Arbeit und wollte es genau dort weiterentwickeln.Weshalb er diesen Ort wählte, konnte ich aus den Unterhaltungen mit ihm heraushören. Die Tatsache, dass es sich um eine Enklave im Delta eines Flusses handelt, um eine alte römische Stadt, die sich noch dazu in der so angenehm duftenden Region der Provence befindet, verhalf 15


ihm zu der strahlenden und romantischen Atmosphäre, die er benötigte, um ein leidenschaftliches Drama zu schreiben. Zu dieser Zeit war sein Leben von einem Drama weit entfernt. Warum also wollte er etwas in diesem Stil schreiben? Wir können uns alle möglichen Arten von Geschichten ausdenken, aber für mich gab es nur eine definitive Antwort: Er erahnte intuitiv sein eigenes Schicksal und wollte es schon im Voraus kennenlernen. Jeder von uns schmiedet es sich auf die eine oder andere Weise, aber unser Antlitz birgt auch eine Vorbestimmung. Fred witterte geradezu den Ort seiner Sehnsucht. Als ich ihn kennen lernte, hatten wir gerade einen Vortrag von Redmond O’Hanlon in der Bodleian Library in Oxford gehört.Wir wurden einander von einem gemeinsamen Freund vorgestellt, er als Schriftsteller und ich als Filmregisseur.Wir interessierten uns beide für anthropologische Fragen. Der Funke des Interesses und schließlich der Freundschaft brauchte nicht lange um sich zu entzünden. Sofort begannen wir Pläne für ein gemeinsames Projekt zu schmieden: Er würde ein Drehbuch über den Pfad der Elefanten schreiben und ich den Film dazu machen. Fred ist ein sehr begeisterungsfähiger Mann und zieht mit seiner Unterhaltung rasch die Aufmerksamkeit der Leute an. Es scheint, als würden sie sich, angezogen durch die Kraft seiner Bedeutung, um seinen Mantel versammeln und nicht mehr losgelassen werden. Ich fürchte, das ist genau das, was mit Cherry passiert ist. Obwohl 16


es anfangs so überaus angenehm zwischen seinen breiten Schultern ist, drücken sie einen mit der Zeit immer enger zusammen, bis man keine Luft mehr bekommt. So ähnlich ist es auch mir ergangen. Fred wollte sich in alles einmischen; bis ich ihn in seine Schranken verwies. Natürlich haben wir den Film beendet, aber für mich war es notwendig, Abstand von ihm zu gewinnen. Eine längere Ruhepause von seiner Gegenwart. Zu eben diesem Zeitpunkt lernte er seine Mulattin aus Trinidad kennen. Das ist jetzt schon einige Jahre her. Während all dieser Zeit sahen wir uns praktisch gar nicht; Fred war zu sehr mit ihr beschäftigt. Offensichtlich war er rettungslos verliebt. Und dann wandte er sich plötzlich wieder an mich, damit ich ihn tröstete. Doch ich glaube, dass das nahezu unmöglich war. Er hatte seine Entscheidung schon getroffen. In Arlès waren die beiden sehr glücklich gewesen. Sie machte ihn sanfter, seine Gesten wurden geschmeidiger, und so begannen sie ihr Leben als Paar. Man konnte sie zu jeder Tageszeit zusammen sehen. All das wurde mir von einem gemeinsamen Freund erzählt. Sie pflegten turtelnd auf dem Platz zu erscheinen und sich in ein Café zu setzen. Meistens erzählte Fred Cherry unablässig irgendwelche Dinge. Sie hörte ihm wie einem Lehrer zu, aber immer mit ihrem Arm auf seiner Schulter. Nach einer Weile näherte sie stets ihre Lippen und küsste ihn auf den Hals oder ins Gesicht, je nach Gefühl. Wenn Fred etwas Lustiges erzählt hatte, küsste sie ihn geräusch17


voll auf die Wange; wenn es etwas war, das mit der Arbeit zu tun hatte, vereinte sie ihre Lippen mit den seinen, und wenn sie eine Weile geschwiegen hatten, näherte sie sich diskret seinem Hals. Sie waren das beliebteste Pärchen von ganz Arlès. Ein eintönig grauer Himmel begleitete Fred Zimbalist, während er sich Kilometer um Kilometer durch Frankreich bewegte, unter einem Regen, der zwar nicht heftig war, aber unablässig fiel. Das Lied von Nina Simone erklang ohne Unterbrechung. Es war das wiederkehrende Thema, von dem er nicht abkommen wollte. Gelegentlich stiegen Tränen in ihm auf, die er still fließen ließ; manchmal wischte er sie aber auch mit einer Handbewegung ab. Sein unauffälliger Peugeot tarnte sich perfekt in der Landschaft und Mr. Zimbalists Seele befand sich in einem trostlosen Zustand. Er musste sie töten, es gab keinen Ausweg. Sein Schicksal, oder besser gesagt, seine Situation, musste man akzeptieren, wie ein Kind, das gezwungen ist, seinen Teller leer zu essen, weil es sonst nie aus der verdammten Küche raus darf. So wusste er, dass seine Seele keinen Frieden finden konnte, solange er es nicht getan hätte. Danach würden die Schwierigkeiten kommen, aber er war überzeugt, dass diese eher praktischer Natur seien: vor den Polizisten zu fliehen, sich der Justiz zu stellen oder zuzulassen, dass die Ereignisse ihren Lauf nehmen. Aber der gute Fred hatte nicht mit dem größten Problem gerechnet, das sich nach einem Mord auftut: der Flucht vor sich selbst. Die Erinnerung an 18


sie war unerträglich, aber noch schlimmer würde es sein, wenn sie erst tot war... Das Drehbuch, an dem Fred Zimbalist in Arlès arbeitete, handelte im Grunde von der Eifersucht. Seine Art zu arbeiten, so hat er es mir hinterher erzählt, oder besser, seine Methode, sich in die gewünschte Atmosphäre zu versetzen, bestand darin, sich vorzustellen, dass Cherry ihn für einen anderen Mann verließ. Das gab ihm jenes Gefühl des Unbehagens und der Beklemmung, das für das Schreiben der Geschichte nötig war. Nach einigen Stunden bedrückten Arbeitens ging er seine Geliebte im Tanzsaal abholen. In ihren Armen verschwanden schließlich die Ängste. Doch ist es nicht nötig, ein derartiges Drama zu schreiben, um stets die Ungewissheit eines drohenden Betrugs zu verspüren. Das Spiel mit Phantasie und Wirklichkeit lässt ihre Grenzen mehr und mehr verschwimmen. Der Revolver im Handschuhfach des Wagens schien zu pochen wie ein Herz. Es war, als befände sich dort ein Tier mit ganz spitzen Zähnen. Er bekam eine Gänsehaut, wenn er nur daran dachte, die kleine Klappe zu öffnen. Dennoch war ihm klar, dass er sich daran gewöhnen musste. Mehr als einmal brauchte er den Lappen, in den der Revolver gewickelt war, um die vom anhaltenden Regen beschlagene Scheibe zu putzen. Aber die Angst quälte ihn. Als er die Waffe zum ersten Mal in die Hand nahm, zu Hause in seiner Garage, fasste er sie mit seinen fünf Fingern am Griff an und deponierte sie sofort an jenem Ort, an 19


dem sie sich jetzt befand. Würde er nachher in der Lage sein, sie bei sich zu tragen, an seinen Körper gedrückt, sie anzufassen und dann unter dem Tisch abzudrücken? Diese unangenehme Frage beunruhigte ihn. Die Idee sie zu töten, war an sich keine negative Vorstellung, ganz im Gegenteil. Das, was ihm wirklich Angst einjagte, war die praktische Durchführbarkeit, die Frage, wie er es anstellen würde. Bei der kleinsten Entmutigung oder Schwäche, die ihn befiel, wenn Erinnerungen aus seiner glücklichen Vergangenheit mit Cherry zu ihm durchdrangen, griff er sofort auf das Bild zurück, das sich so schrecklich in seine Gedanken eingebrannt hatte: das Bild von ihr in den Armen eines anderen Mannes. Und was konnte man angesichts eines derartigen Angriffs schon tun? Mehr noch als die Untreue, das hat er mir unter Tränen der Wut gestanden, war es das Unwürdige, das Unaufrichtige der ganzen Sache, das Fred nicht ertragen konnte. »Wenn sie mich wenigstens vor der Gefahr gewarnt hätte. Ich weiß nicht..., irgendein Zeichen. Eine Lösung zu finden, für was auch immer, aber gemeinsam. Ich habe sie geliebt, und für mich gab es keine anderen Frauen... Sie ist eine Hure und ich werde sie töten«, sagte er mir am Ende mit Entschlossenheit. Ich war entsetzt und versuchte ihm das zu verstehen zu geben, denn, da ich Fred kannte, hielt ich ihn durchaus für imstande, es auch wirklich zu tun. »Weißt du, John, das ist eine persönliche Angelegenheit, und Irrtümer sind Teil unserer Freiheit«, sagte er, nachdem er all meine Rat20


schläge gehört hatte. »Aber wenn du deine Frau umbringst, wirst du dein Leben ruinieren.« »Sie wird das sehr gut verstehen, wenn sie mich dann von der anderen Seite sieht. Ich kenne sie.« Von diesem Augenblick an wusste ich, dass er es tun würde. Dass ihn nichts davon abhalten könnte. Das einzige, was ich tun konnte, war seine Frau zu warnen, obwohl ich sie nicht kannte. Ich verabredete mich mit ihr in einem Café in Kensington. Als ich sie hereinkommen sah, versuchte ich meine Verwirrung im Zaum zu halten, denn sie war jene Frau, die ich seit einiger Zeit allein auf Spaziergängen durch den Park gesehen hatte. Um der Wahrheit Genüge zu tun, muss ich zugeben, dass ich schon seit ein paar Monaten überlegte, wie ich sie ansprechen und ihr den Hof machen könnte. Und das Schicksal brachte sie direkt an meinen Tisch in Form von Freds Ehefrau. Das war zum Verrücktwerden. Ich versuchte ruhig zu erscheinen, aber ihre Attraktivität brachte mich ganz durcheinander. In diesem Moment erinnerte ich mich an den Tag, als Fred und ich während der Vorbereitung des Films entdeckt hatten, dass wir, was Frauen betraf, den gleichen Geschmack hatten: eine klare Neigung zu Frauen fremder Länder. Angesichts unserer Ausbildung in Oxford, der Wiege des Forschergeistes, war das nicht weiter verwunderlich. Aber wie sollte ich dieses Problem nun angehen? All meine zurechtgelegten Pläne brachen in sich zusammen, als sie in meine Nähe kam. Ich verstand Fred. Ruhig, sagte ich mir, denk nur an ihn. 21


Ja, natürlich waren wir Freunde. Aber was kann man gegen den Drang des Herzens tun? Am Telefon hatte ich mich bereits als John Ashbury, als ein Freund von Fred, vorgestellt und gesagt, dass ich sie sehen wollte, dass es sich um eine Angelegenheit von höchster Wichtigkeit handelte. Zunächst hatte ich vorgehabt, ihr alles zu sagen, damit sie sich vorsichtig verhalten würde. Ich spürte, dass das eine moralische Verantwortung war. Es war ziemlich schwierig gewesen, von Fred ihre Nummer zu bekommen. Am Ende sagte er mir: »Einverstanden.Vielleicht ist es ja besser so, wenn sie vorbereitet ist.« Aber während ich ihr in jenem Café von meiner Freundschaft mit ihm erzählte, merkte ich, dass ich sie persönlich beschützen wollte. Sie strahlte eine gewisse Wehrlosigkeit aus, die sie als eine sehr weibliche Waffe benutzte, um einen auf ganz natürliche Weise in ihre Netze einzuwickeln. Obwohl sie, wie ich später feststellen konnte, eine sehr entschlossene Frau war. Was Fred dachte, als er von uns beiden erfuhr, kann ich mir vorstellen. Es ist schwer zu akzeptieren, dass man sogar von einem Freund betrogen wird. Wenn ich auf irgendeine Weise meine Schuld mindern kann, dann muss ich sagen, dass ich mich rettungslos in Cherry verliebte. Ich verfiel ihrem Charme. Wie könnte man da auch widerstehen? Wenn eine Frau wie sie etwas entscheidet, ist es unmöglich sie zu stoppen. Anfangs stellte sich der schweigende Fred zwischen uns; danach erschien Fred der Schreihals und 22


schon begann alles düstere Farben anzunehmen. Ich würde sagen, dass Cherry eine sehr große Liebesfähigkeit hatte, sie konnte verschiedene Männer gleichzeitig lieben. Der Tänzer schien abserviert worden zu sein, aber tatsächlich blieb immer noch ein Rest Zweifel. Könnte man sagen, dass ich zu dieser Zeit eifersüchtig war? Ich glaube schon. Ich begann den Verdacht zu hegen, dass ihre Methode, sich sicher zu fühlen, sich geliebt zu wissen, darin bestand, dich glauben zu lassen, dass du über ein Minenfeld läufst. Jeden Moment könnte die Überraschung hoch gehen – in Gestalt eines anderen Liebhabers.Trotz allem, trotz des Wissens, provoziert zu werden, gab es keine Chance ihrer Manipulation zu entkommen. Sie war so anziehend... Fred parkte seinen Wagen auf einem Feld. Er sah auf das Handschuhfach und verharrte lange Zeit in Gedanken. Dann öffnete er es mit einer raschen Handbewegung. Der bleiche metallische Glanz des Abzugs, der aus der Umhüllung hervor sah, blendete seine Sicht. Er atmete tief, ergriff vorsichtig die Waffe und entfernte zitternd den Lappen, der sie bedeckte. Augenblicklich verströmte die schöne Pistole den Schimmer ihrer tödlichen Kraft. Fred verspürte eine Art eisigen Schauder, etwas, das er noch nie zuvor gefühlt hatte. Er behielt die Waffe eine Zeitlang in seinem Schoß, und während er sie versunken betrachtete und Nina Simone ein weiteres Mal »ich liebte dich so sehr« sagte, hatte der Regen aufgehört. Er stieg aus dem Auto, steckte die Pistole in seine 23


Jackentasche und begann über das Feld in Richtung einer Baumgruppe zu laufen. Auch ich spürte die Versuchung, eine Dummheit zu begehen, als sie mich verließ. Aber meine Triebe beruhigen sich schnell wieder. Fred dagegen wusste, dass er es eines Tages tun würde; er ist zu britisch, und ich entschied ihm freien Weg zu lassen. Ich muss zugeben, dass ich nicht einen einzigen Gewissensbiss verspürte. Und von diesem Moment an, als ich den ersten Schrecken über mich selber überwunden hatte und zu meiner Verantwortung stand, kam ich besser mit mir zurecht und fühlte größere Ruhe und Frieden mit der Welt. Kurzum, ich akzeptierte mein Maß an Glück. Alles Weitere brach sich so schnell Bahn, wie das Wasser dem Verlauf der Stromschnellen folgt. Indem er irgendetwas in Verbindung mit unserer alten Freundschaft anführte, schaffte Fred es, ein Treffen in Arlès zu vereinbaren. Ich wusste nicht, dass Cherry kommen würde, und auch sie ging nicht davon aus, mich zu treffen. Es war eine große Überraschung. Er hatte uns zu einem Aperitif auf die Place de l’Arme bestellt. Und so, ohne weitere Umstände, trafen wir uns zu dritt in einer Art Meeting für den Frieden und die Ewigkeit. Wir begrüßten uns höflich, so als sei Platz für Versöhnung in unserem Gemüt. Ich würde nicht sagen, dass Fred nervös war, vielmehr erschien er mir freudig erregt. Und Cherry... tja, was kann ich über sie sagen? Sie war, wenn das möglich ist, anziehender denn je; es schien, als wäre sie darauf 24


vorbereitet zu sterben. Ich hatte nur eine gewisse Angst vor der Detonation. Fred fragte uns, ob es uns etwas ausmachte, ein Lied zu hören. Dann, wie der Lauf der Dinge so ist – immer eins nach dem anderen, hörten wir »alles ist so bitter« und Fred feuerte zwei Schüsse in Cherrys Bauch ab, die blutüberströmt zusammenbrach. Gleich darauf erlebte ich mit Schrecken, wie Fred seine Waffe auf mich richtete und ohne eine Sekunde um mich zu schützen, spürte ich wie meine Brust explodierte. Das Lied von Nina Simone The end of the line hilft mir, mich an alles zu erinnern, während ich mich zwischen Schleiern aus Licht entferne.

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DIE PISTOLE


Es war Samstag und ich stand sehr früh auf. Ich wohnte im Hotel du Midi und die Sonne begann durch die Gardinen des hohen Fensters zum Platz hin zu scheinen. Ich ging ins Badezimmer mit dem hohlen Gefühl, schon lange Zeit wach zu sein. Ich hatte schlecht geschlafen. Ich betrachtete mich im Spiegel und überprüfte die Falte, die mir vom Backenknochen bis zum unteren Ende der Wange verlief. Sie sah aus wie ein alter, von einem Messer stammender Schnitt. Seit einiger Zeit fragte ich mich, warum sie sich manchmal zeigte und manchmal nicht. Könnte das die Müdigkeit sein oder doch der unvermeidliche Prozess des Alterns? Ich zog sie mit dem Finger nach und wusch mir anschließend das Gesicht mit kaltem Wasser. Gleich danach dachte ich an Cherry. Heute würde ich sie endlich töten. Das Leben kam mir vor wie eine große Wüste mit kleinen Oasen, an denen man auftanken und eine vage Art von Glück spüren konnte. Manche fallen in den Dünen und andere haben das Glück, dass 29


der Tod sie an eine Palme gelehnt überkommt. Das würde bei Cherry der Fall sein, zweifellos.Von daher musste ich keinerlei Bedauern verspüren. Ich wandte mich zum Schrank, öffnete den Koffer, schob die Hand unter einen Pullover und befühlte die Pistole, die in ein Fensterleder gewickelt war. Ich holte sie ans Licht, indem ich sie mit beiden Händen ergriff. Ich spürte ihr metallisches Gewicht. So bedeckt, ohne sie zu sehen, fühlte sie sich an wie ein lebloses Tier. Ich legte sie auf den Tisch. Vorsichtig deckte ich sie auf. Ein sehr grauer Glanz überflutete meine Sicht. Der Zylinder trat hervor wie ein massiger Torso. Der Lauf war kurz und der Griff hatte eine Ummantelung aus braunem Holz. Ich verspürte großen Respekt vor einem solchen Gerät. Die Waffe war gesichert, wie ich wiederholt nachprüfte. Das war meine größte Sorge. In regelmäßigen Abständen sah ich nach, ob die Sicherung in der richtigen Position war.Ab und zu verlor ich den Überblick, ob sie sich auf der einen oder auf der anderen Seite befand, und ich musste genau aufpassen. Der Mann, der mir die Waffe gegeben hatte, hatte gesagt: »Tragen Sie sie immer so. Wenn sie wissen, dass der Moment zu schießen näher rückt, drücken sie auf den Sicherungshebel und die Kugel wird bereit sein. Machen Sie sich keine Sorgen, sie wird keine Ladehemmungen haben. Der Revolver ist zwar schon etwas älter, befindet sich aber in gutem Zustand und ist gut gewartet.« Ich sah noch einmal die Waffe an. Ich dachte daran, dass sie mir helfen würde, die Person zu töten, 30


die ich am meisten geliebt hatte. Daran gab es keine Zweifel, Cherry war die Frau, die ich meisten liebte. Nie zuvor hatte ich so intensiv die Notwendigkeit verspürt, einen nackten Körper zu umarmen. Wenn ich an sie dachte, konnte ich die Erinnerung an ihre sanfte Wärme nicht unterdrücken. Das Gefühl, wie ihre Brüste sich an meinen Körper drückten, ihre Arme mich umfingen und ihre Lippen auf die meinen trafen wie eine wohltuende Sonne. Aber jetzt blieb mir nur noch der Hass. Der Hass, wie eine klamme Liebkosung. Auch wenn die schüchternen Sonnenstrahlen heute jeden üblen Verdacht fernzuhalten schienen, würde ich sie ohne jede Gnade töten. So, als hätte diese Frage keine tiefere Bedeutung, dachte ich gleich darauf mit einer gewissen zeremoniellen Besessenheit daran, wie ich mich anziehen würde. Wieder betrachtete ich die Pistole. Ich berührte sie, meine Hand auf ihrem kalten Körper abstützend, und plötzlich wagte ich es, sie am Griff zu nehmen. Meine Hand passte sich ihm sehr gut an. Der Zeigefinger fand automatisch den Abzug. Das überraschte mich und machte mir Angst. Der Finger hatte Lust abzudrücken und ich musste mich anstrengen, ihn davon abzuhalten. Es fand eine Art nervlichen Abkoppelns statt. Ich spürte, dass mein Finger aus eigenem Antrieb handeln konnte und dass die Pistole vielleicht versuchte sich seiner zu bemächtigen und ihn zu ihrem Werkzeug zu machen, um die Funktion zu erfüllen, für die sie geschaffen worden war. Ich 32


verspürte eindeutig eine gewisse Wut, und mit Gewalt zog ich den Finger vom Abzug weg; dann bemerkte ich das Gewicht des Revolvers. Es war ein handliches Gewicht. Ich blickte geradeaus. Die Schranktür war halb offen und der Spiegel zeigte mein Abbild. Ich bewegte den Arm nach vorne, die Waffe in der Hand, legte den Finger wieder auf den Abzug und drückte ab, während ich mir vorstellte, wie der Spiegel in tausend Stücke zerbrach. Die Pistole machte nur klick. Mit einer gewissen Verwunderung legte ich sie zurück auf das Fensterleder, wickelte sie ein und ohne genau zu wissen, was ich da ausführte oder auf was meine Person reagierte, packte ich sie in den Koffer. Danach schaute ich in den Schrank und wählte ein Paar dunkle Hosen, einen schwarzen Pullover mit rundem Ausschnitt und ein graues Jackett. Dann brauchte ich nur noch die Schuhe aus rotbraunem Leder anzuziehen. All diese Sachen hatten Cherry und ich zusammen gekauft. Manchmal mochten wir es, durch die Straßen zu gehen und in den Geschäften Geld auszugeben. Mir gefiel es immer sehr, aus der Entfernung ihren Körper zu betrachten, wenn sie die neuen Kleider anprobierte. Die Art, in der sie sich streckte, sich das Kleid zurecht zog und sich im Spiegel ansah, während sie ganz kokett auf eine zustimmende Geste wartete, die besagte: »kauf es«. Die Zeit würde mittags sein; der Ort des Treffens das Café du Palais; die Anzahl der zusammengerufe33


nen Personen drei. Aus Marmor mit vergoldetem Rand würde der runde Tisch sein; so war es immer gewesen. Ich ging hinunter um zu frühstücken. Mich überraschte der Appetit, der mich überkam. Ich bestellte Kaffee, Eier mit Speck und Brot. Die Entscheidung war so unwiderruflich, dass der Zweifel keinen Platz mehr hatte, und das muss der Grund dafür gewesen sein, dass ich so ruhig war. Ganz besonders interessierten mich die Nachrichten in der Zeitung. Es war die gleiche Art Nachrichten wie immer: zwei Bomben in Paris; eine Katastrophe in Pakistan; ein Politikertreffen für den Frieden; und ein neuer Weltrekord im Stabhochsprung von Bubka. Nichts, was den Ereignissen von gestern nicht ähneln würde, mit Sicherheit auch nicht denen von morgen. Jedenfalls las ich geradezu gierig die Artikel und versuchte die Geschichten zu verstehen. Ich wollte mich in der Welt fühlen, teilnehmen an ihrem Unglück. Wahrscheinlich wusste ich, dass morgen alle über mich urteilen würden; mehr als einer würde sich mit mir solidarisieren, während andere mich als Staatsfeind Nummer 1 betrachten würden. Der einzige Trost, der mir blieb, war dass das Ganze nur einen Tag lang dauern würde. Am nächsten Tag würden noch schrecklichere Nachrichten die meine schlucken. Tatsächlich aß ich mein Frühstück mit Heißhunger. Mir blieben noch drei Stunden bis zur Verabredung. Was sollte ich bis dahin tun? Ich entschied, dass es das Beste wäre, mich durch die Straßen von Arlès 34


treiben zu lassen und mich an die guten Zeiten zu erinnern.Wie schwer das sein muss, die guten Zeiten zu bewahren! Es ist nutzlos, sich auf etwas zu versteifen, das so unbarmherzig und labil ist wie die Natur. Unsere Beziehung ging vom heißen Sommer über einen wechselhaften Herbst in den rauen Winter über. Ich fühlte mich der Liebe immer schutzloser ausgeliefert. Es kam ein Moment, in dem ich Cherry nicht mehr wieder erkannte, und, schlimmer noch, auch mich selbst nicht mehr. Meine Reaktionen waren unvorhersehbar geworden und in meinen Handlungsbereich drangen unangenehme Besucher ein. Besucher in Form von Fragen, die meine Bewegungen mal lähmten und mal auf eine zerstreute und unsichere Art beschleunigten. Ich ging nach draußen. Das Licht der Sonne blendete meine Gedanken. Ich ging langsam und das Vertraute trat mir so sanft vor Augen wie der Anblick blühender Geranien auf den Balkonen. Ich schlenderte ruhig und mit festem Schritt. Ich ging sogar so weit, Menschen, die ich kannte, zu grüßen. Mit freundschaftlichem aber distanziertem Gruß. Schließlich sollten der Spontaneität auch nicht allzu viele Zugeständnisse gemacht werden. Es war nicht einfach, so kühl zu bleiben. Ich versuchte mich hinter einer dunklen Brille zu verstecken und auf diese Weise unbemerkt zu bleiben. Das gab mir das sichere Gefühl eine Schutzwand zu haben, die mein Aussehen veränderte. So ging ich weiter und ließ mich treiben. Die Stierkampfarena 36


kam mir beeindruckend vor. Ich dachte an ihr blutiges Fest. An die Würde dieses Schicksals. Der sichere Tod im Rund der Arena. Ihn zu einer festen Verabredung zu treffen. Das Rot des Blutes zu sehen, als das wertvollste, das durch das innere Labyrinth fließt und das Opfer zu spüren, wie es als heraussprudelndes Leben vergossen wird.Vielleicht hätte ich mich mit Cherry und John in der Arena verabreden und mit ihnen wie wahre Gladiatoren kämpfen sollen, aber das hätte ihnen jene Würde zugestanden, die sie nicht verdienten. Plötzlich erinnerte ich mich an das Lied von Nina Simone und an die Bar, in der wir es immer gehört hatten. Die Versuchung war plötzlich sehr stark und führte mich direkt dorthin. Ich konnte mich nicht mehr exakt an ihren Namen erinnern, aber den Ort wusste ich noch ganz genau: die Straße verlief ansteigend mit einer gepflasterten Fahrbahn. Als ich sie erreichte und das Schild mit der Aufschrift Chez l’espoir sah, kamen entfernte Erinnerungen an einige Dinge hoch, und ich verspürte einen brennenden Schauder, so wie wenn man an etwas sehr Bewegendes denkt. »Hey, Sie hier«, grüßte mich der Besitzer der Bar, der hinter der Theke stand. »Sie haben wir ja lange nicht gesehen.« »Ich war weg«, antwortete ich etwas ausweichend. »Und Ihre Frau?« Diese Frage kam überraschend. »Also, ehrlich gesagt... Ich glaube, sie kommt heute.« Diese Antwort musste deutlich genug gewesen sein, so dass er nicht mehr weiter fragte. 37


Nachdem ich einen Kaffee bestellt hatte, ging ich zur Jukebox um das Lied anzumachen. Ich wusste, dass es in der dritten Titel-Reihe stand. Ich suchte es, indem ich mit dem Finger über die Zeilen fuhr, aber es war nicht mehr da. Ich wurde unruhig. Ich musste es hören. Noch einmal fuhr ich alle Lieder ab, die aufgelistet waren. The end of the line war nicht darunter. Nach einer Erklärung suchend teilte ich das dem Barmann mit. Der sagte mir, ohne dem Bedeutung beizumessen, dass die Platten aktualisiert worden seien. Schlecht gelaunt trank ich meinen Kaffee und ging auf die Straße.Wie anders musste mich jetzt der Mann von der Bar sehen, im Vergleich zum leutseligen und stets zufriedenen Verliebten aus jenen Tagen, als Cherry und ich in seinem Lokal so gerne etwas getrunken hatten. Jetzt verspürte ich eine gewisse Abscheu und das Unbehagen der Leere kam in mir hoch. Der Countdown hatte begonnen. Ich kramte in meiner Jackentasche und holte das Beruhigungsmittel hervor, das ich, akribisch geplant, nehmen wollte, falls meine Nerven mich ebenfalls im Stich lassen sollten. Im Moment der Tat musste ich präzise handeln. Ich nahm die Tablette in den Mund, versuchte Spucke zu sammeln und schluckte sie. Dann begann ich bewusst das Lied zu summen. Das, so dachte ich, würde mich beruhigen. We were so happy... Es drängte mich zu meiner Räuberhöhle und ich ging ins Hotel zurück. Ich musste meine Gedanken zur Vernunft bringen. 39


Zuvor hatte ich geglaubt, dass es das beste sei, wenn die Ereignisse selbst den Moment des Handelns anzeigen würden, jetzt dagegen begann ich zu denken, dass es angemessener wäre, den exakten Augenblick, wann ich abdrücken würde, genau zu planen. Dafür musste ich mich konzentrieren. Bis zur Verabredung waren es noch anderthalb Stunden. Zuerst setzte ich mich in die Empfangshalle, neben das große Fenster. Ohne die Leute anzusehen, aber ihrer Gegenwart gewahr, würde ich eher fähig sein meinen Plan zu entwickeln. Anfangs hatte ich mir überlegt, dass ich die beiden schon halb versteckt in einer Bar an der Ecke des Platzes erwarten würde, um sie kommen zu sehen, und mich dann erst bei ihnen einfinden würde. Nachdem ich diese Vorstellung eine Weile lang analysiert hatte, kam ich zu dem Schluss, dass mein Gefühl sich doch noch ändern könnte, wenn ich Cherry und John sehen würde und Zeit zum Nachdenken hätte. Die Entscheidung war bereits getroffen und war genau das, was ich wirklich und klaren Gewissens tun wollte. Keine Milderung der Schuld. Folglich beschloss ich, dass ich vor dem verabredeten Zeitpunkt erscheinen und am passendsten Tisch warten würde, mit zwei bereit gehaltenen freien Stühlen für die beiden. Auf diese Weise würde kein Platz für Gefühlsschwankungen bleiben. Mein Plan und mein Wille bekamen Vorrang vor jedwedem Versuch der Umstimmung und nichts würde mehr den schwindelerregenden Lauf der verbleibenden Zeit aufhalten. 40


Ich ging auf mein Zimmer. Es fiel mir etwas schwer, die Tür zu öffnen. Das zeigte mir, in welch mitgenommenem Zustand ich mich befand. Ich dachte, dass das Beruhigungsmittel noch nicht gewirkt hatte, und alles eine Frage des Abwartens war. Ich ging direkt ins Badezimmer, wusch mir das Gesicht und betrachtete mich im Spiegel. Ich war alt geworden. Das Leben hinterlässt Spuren. Sofort dachte ich an den Revolver. Jetzt stellte sich die dringende Frage, wo ich ihn tragen sollte. Man hatte mir geraten, mir einen Gurt mit der Pistolentasche umzuschnallen, gegenüber meiner rechten Hand, so dass die Waffe unter dem Jackett versteckt bliebe. Ich öffnete den Schrank, stellte mich vor den Spiegel und befestigte den Gurt an meiner linken Schulter, so dass sich das Futteral unter meiner Achsel, direkt an den Rippen befand. Dann steckte ich die Waffe hinein und mühte mich mit den Riemen des Gurtes ab. Der Spiegel zeigte mir das Bild eines Verbrechers. Szenen französischer Gangsterfilme durchfluteten mein Hirn. Ohne Zeit zu verlieren zog ich die Jacke an und justierte sie an meinem Körper. Danach befühlte ich den Packen mit der Hand und stellte fest, dass keine Hügel an meiner Figur zu bemerken waren. Schließlich würde mich auch niemand abtasten oder durchsuchen und ich hatte nicht vor, irgendjemanden zu umarmen. Etwas benommen setzte ich mich in einen Sessel und streckte mich der Länge nach aus. Im Versuch, zu verschnaufen, schloss ich die Augen. 41


DenVorgang, die Hand in die Jacke zu stecken und die Pistole herauszuziehen, musste ich üben. Aber ich wollte ja unter dem Tisch schießen.Warum wollte ich das so tun? Ehrlich gesagt machte es mich neugierig. Ich könnte direkt aufs Herz schießen. Es ist möglich, dass mich die Angst dazu brachte, es so tun zu wollen. Würde ich mich damit auch an ihrem schmutzigen Spiel, alles im Verborgenen zu erledigen, beteiligen? Sollte ich es nicht mutiger angehen, aufstehen und ohne jede Scheu schießen? Oder lag es daran, dass ich in den Augen der anderen nicht als Mörder erscheinen wollte? Oder wollte ich einfach nur ihren Leib zerstören? Diese Zweifel durchkreuzten meine praktischen Strategien. Ich stand aus dem Sessel auf und begann durch das Zimmer zu laufen. Nach einer Weile entschied ich, dass es das wichtigste war, sie zu töten und dass ich das »wie« der Inspiration des Augenblicks überlassen würde. Alles andere war mir vollkommen egal. Ich sah auf die Uhr. Es war viertel nach zwölf. In fünfundvierzig Minuten würden wir alle vereint sein. Ich glaube, das Beruhigungsmittel hatte angefangen, mir seine Streicheleinheiten zu verpassen. Dennoch erzeugte die Waffe an meinen Rippen ein gewisses Unbehagen. Ich trug sie so, als gehörte sie zu meiner Kleidung. Ich schwor mir, mich ihrer sofort nach Gebrauch zu entledigen. Was würde ich fühlen, wenn alles vorbei war? In wen würde ich mich verwandeln? Oder hatte ich mich schon ausreichend verändert mit der einzigen und unwiderruflichen Entscheidung, ihr das Leben 43


zu nehmen? Ich wollte diese Farce nicht noch weiter fortsetzen. Wenn sie nicht für mich da ist, soll sie für niemanden da sein. Außerdem hatte sie meine Ehre verletzt, und ich habe stets eine Neigung zu romantischen Lösungen gehabt. Rechtfertigende Haltungen und schwächliche Ausflüchte, um sich aus der Affäre zu ziehen, sind mir schon immer als Feigheit erschienen. Nicht mehr lange, gleich würde ich sie töten. Es würde eine Erleichterung sein. Ich ging aus dem Hotel und direkt zur Place de l’Arme. Ich brauchte ungefähr zehn Minuten bis dorthin. Ich wählte einen Tisch draußen vor dem Café, von dem ich das ganze Panorama des Platzes überblicken konnte.Von diesem Punkt würde ich sofort sehen, wenn sie erschienen. Als ich dort saß, stellte ich fest, dass ich die Pistole doch lieber in der rechten Jackentaschen hatte; das war bequemer und leichter zu handhaben. Ich ging zur Toilette und steckte die Waffe um. Ich würde ihnen ja nur die Hand geben und niemand würde die metallene Beule berühren. Ich musste sehr kühl und distanziert sein. Ich dachte auch, dass alles besser laufen würde, wenn ich die Sonnenbrille aufbehielte. Bis zu diesem Moment war mir nie die Idee gekommen, dass sie möglicherweise gar nicht kommen würden. Das beunruhigte mich einen Augenblick lang.Vielleicht wollte ich es sogar so, aber ich war der Sache bereits moralisch verpflichtet. Mein innerer Kodex sagte mir, dass ich sie töten musste, und diese Starrheit war es, die mich in die Katastrophe führte. 44


Es ist sehr wahrscheinlich, dass ich während des Wartens über eine gewisse Klarheit verfügte. Eine Klarheit, die ich so schon lange nicht mehr gehabt hatte. Die Möglichkeit, sie nicht umzubringen zeichnete sich verworren ab und verstörte mich ein wenig. Sie äußerte sich in einer großen Unruhe. Aber ich konnte das nicht erkennen, da mein geistiger Zustand zu durcheinander war. Schließlich kamen die beiden tatsächlich. Ich erinnere mich, dass ich Abscheu ihnen gegenüber empfand. Für mich war es, als trügen sie Masken von damals. Das Gesicht gezeichnet von mangelnder Frische. Auch wenn Cherry – daran erinnere ich mich gut – in ihrer Starrheit schön war. Wir sprachen kaum. Wir erwähnten das Wetter, die Reise und Arlès. Ich gab ihnen keine Zeit für irgendeine Erklärung. Ich machte unser Lied an. Zwei Schüsse in ihren Bauch reichten aus. Beim Aufstehen sah ich John an und weit davon entfernt Mitleid zu verspüren, schoss ich in seine Brust. Danach bemerkte ich ein tiefes Unwohlsein und später bin ich verrückt geworden.

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CHERRY LALANE


Von dort, wo ich jetzt bin – tot – kann ich ihn nicht entschuldigen. Es ist klar, dass er verrückt geworden ist. Darum erzählt er in Momenten geistiger Klarheit seine Horrorgeschichten. Aber ein Mann muss sich im Griff haben, er muss wissen, dass wir nicht mehr in der Zeit der schutzbedürftigen Mädchen leben. Jetzt ist es an den Männern zu leiden, und das mehr denn je; genauso, wie die Frauen über die Jahrhunderte gelitten haben. Fred muss für seine Dummheit zahlen. Nur mit Mühe und ohne genaue Einzelheiten erinnere ich mich an mein Leben in London. Ich kam mit einer Freundin dorthin, von unserer Insel,Trinidad. Ich hatte so viel Spaß am Tanzen, dass ich alle Schwierigkeiten trotz meiner Hautfarbe meisterte, sogar mit einer gewissen Freude. Wir wohnten zusammen, Joseline und ich, in einer Art Wohnheim für »drittklassige« junge Frauen: Inderinnen, Pakistanerinnen, Südafrikanerinnen... Es war ein traditionell englisches Gebäude und ich verbrachte dort eine 49


der besten Phasen meines Lebens. Gerne würde ich aus dieser gesunden und friedlichen Zone, in der früher oder später alle landen, einmal dorthin zurückzukehren. Neulich traf ich Sarah Bernhardt. Eine phantastische Frau. Sie erzählte mir von ihrem aufregenden Leben. Wenn du hier jemanden sehen möchtest, musst du nichts weiter tun, als es dir zu wünschen, und schon triffst du ihn. Du kannst auch die Lebenden besuchen, aber nicht mit ihnen sprechen. Da muss man eben einfach warten. Hier ist die Geduld unendlich. Wenn Fred kommt, werden wir in Ruhe reden. Als ich ihn kennenlernte, fielen mir sofort seine Intensität und seine Kraft auf. Er zog mich unwiderstehlich an, und außerdem muss ich zugeben, dass ich es als schmeichelhaft empfand, dass ein weißer Engländer sich mir hingab. Na gut, Fred bestand immer auf seinem irischen Blut. Er war fest davon überzeugt, dass daher seine künstlerische Ader kam. Ehrlich gesagt war er sehr eitel. Obwohl er mir zu Füßen lag, wie er immer gerne sagte, schaffte er es nicht, sein Überlegenheitsgefühl los zu werden. Es schien, als seien die Engländer alle mit dem gleichen Grundsatz ausgestattet: zuerst die rechtmäßigen Bürger Großbritanniens und dann alle anderen. Auf den ersten Blick merkte man das gar nicht, aber in raueren Zeiten kam es ans Licht wie die Blüten im Frühling. Trotzdem ist Fred ein zärtlicher Mann. Und wir haben uns sehr geliebt... zart und köstlich. Ihm gefiel meine Haut, so gebräunt. Er erforschte sie mit seiner 50


Zunge und ich verspürte großen Genuss. Ich erinnere mich an die Winternachmittage, wir beide nackt neben dem Kamin in unserem Landhaus. Aber das ist so wenig greifbar wie Rauch. Hier verwischt jedes stärkere Gefühl, darum muss sich das Gedächtnis so anstrengen. So verging eine Zeit, in der ich mich vor allem unserer Liebe widmete. Danach nahm das Tanzen mehr Raum ein als Fred recht war, und die Eifersucht überkam ihn. Er akzeptierte einfach niemanden neben sich und versuchte sich vor möglichen Vergleichen zu schützen. Auf diese Weise wollte er mich besitzen. Einmal, mitten in Arlès, umarmte er mich so heftig, dass ich dachte, er würde mich erwürgen. Gleich darauf sah er mich an und lächelte. Von da an beschlich mich eine leichte Angst, wie ein bösartiger Tumor. Ich fühlte mich hilflos und der Alkohol floss zwischen uns wie ein Fluss. Für den Augenblick half uns das Trinken, obwohl der darauf folgende Streit immer schrecklich wurde. Fred glaubte in allem Recht zu haben. Er wurde zu einem Besessenen. Und hinterher erschien die Versöhnung stets perfekt. Es klingt unglaublich, aber selbst hier spüre ich noch dieses leichte Kribbeln der Aufregung. Das sind die kleinen Vergnügen, die nur mit Anstrengung der Phantasie erblühen und uns dennoch einzigartig machen. Obwohl sie danach still und leise verschwinden, ohne auch nur die Spur von Unruhe zu hinterlassen. Das muss der Frieden sein. 51


Ich muss zugeben, dass ich mich Stück für Stück von Fred entfernte. Die Distanz begann zu wirken und mein Verlangen nach Liebe wechselte die Richtung. Natürlich hatten sich auch schon vorher andere Männer für mich interessiert, aber mit meinem Geruch nach ihm habe ich sie in die Flucht geschlagen. Solange, bis dieser Duft verflog. Malcolm, der hinter mir her geschnüffelt kam, bemerkte den Unterschied und begann seine Runden um mich zu ziehen. Wir tanzten zusammen im gleichen Ensemble. Ich erlag der Versuchung, natürlich tat ich das, er hatte einen prachtvollen Körper und ich glaube, dass ich sogar jetzt noch eine gewisse Erregung verspüre, wenn ich mich an ihn erinnere. Das ist nicht das erste Mal, das mir so etwas passiert. Auch an diesem Ort hier gibt es Überraschungen. Trotz allem spüre ich gleichzeitig eine besänftigende Ruhe. Genau das muss es sein, was auf der Welt fehlt. Der Stolz und die Eitelkeit zerstören das Verständnis zwischen den Menschen. Es scheint mir, als könnte die Welt eine Kur des Rückzugs vertragen, aber alle wollen immer Chef sein. Sie sind sich nicht bewusst, dass wenn sie einmal hier angekommen sind, all das wie ein Traum ist. Fred hat ebenfalls aus Stolz einen Fehler begangen und jetzt leidet er als Geistesgestörter. Ich habe es nie bereut, fortgegangen zu sein, mit meinem Tänzer, wie er ihn nannte, und das war es ja letztlich, was ihn verrückt gemacht hat. Wie sollte ich es auch bereuen, wo es doch die Flucht vor seiner tyrannischen Vereinnahmung mei52


ner Person war. Mit Sicherheit konnte ich herablassend sein. Es blieb mir keine andere Wahl, als mich in den wilden Strom zu stürzen. Auch ich habe gelitten. Jeder Frau gefällt die Sicherheit ihres Mannes. Ich habe noch keine getroffen, die nicht am liebsten den Mann umarmt, den sie liebt; aber leider, wenn man nicht aufpasst, wird dieser mit der Zeit arrogant. Malcolm war natürlich anders als Fred, aber auch er wurde schließlich überheblich. Es hat den Anschein, als hätten Männer eine Tendenz, ihren kindlichen Drang nach absolutem Besitz zu erhalten. In der Tat sind sie ziemlich simpel gestrickt. Ob sie wohl unschuldig sind? Als der Tänzer ins Tal der Enttäuschung hinabsank, erschien der gute John. Er wollte mich warnen, aber er verliebte sich rettungslos in mich. Irgendwann langweilt ein so emsig werbender Mann schließlich, und genau das ist passiert. Außerdem muss ich zu meiner Entlastung sagen, dass Fred immer noch einen Platz in meinem Herzen hatte. Ich spielte nicht mit ihnen, doch Frauen haben Phasen gegensätzlicher Gefühle, und dann ist es nicht leicht verstanden zu werden. Männer unterliegen gewissen Beschränkungen und möchten andauernd verwöhnt werden. Sie sind entzückend. Aber manchmal ist es angebracht, sie einzusperren. Sein Gewissen sagt Fred, dass er dort ist, wo er hingehört. Zu töten macht einen wahnsinnig. Jeder intelligente Mensch würde den Verstand verlieren, in den wirren Schatten seiner eigenen Realität und 53


Unrast umherirren und ihnen ohne Ausweg erliegen. Jetzt, von hier aus, bin ich mir vollkommen im Klaren darüber, dass das Wichtigste zwischen den Menschen das logische Verständnis der Ereignisse ist. Doch Fred folgte einer Logik, die unüberwindbare Erdspalten aufwies. Diese Abgründe trugen den Namen der Rache, der Habgier... und das hohe Ross der Eifersucht war ihm auf dem Weg dorthin durchgegangen. Armer Fred! Einmal, als ich mit John zusammen war, sprachen wir über all das, und auch er war der Meinung, dass der Wahnsinn für Fred der einzige Ausweg war. Sein Geist konnte eine derartige Ungeheuerlichkeit nicht zulassen, und seine Neuronen haben entschieden, das Weite zu suchen. Sein Leiden hat sogar etwas Komisches. Was auf der Welt das Flüchtige der Zeit ist, hat hier die Beständigkeit des Meeres, das kommt und geht, um ein Beispiel aus der irdischen Schönheit zu verwenden. Anfangs ist es merkwürdig, dass man sehen kann, wen man möchte. Neulich dachte ich an Martin Luther King, und beschloss, ihn zu treffen. Und da war er – ruhig plaudernd mit Malcolm X. Das sind zwei sehr interessante Kerle. Sie sagten, dass das Rassenproblem auf der Welt nur eine Frage der Zeit und des Raums sei; dass eines Tages alle Menschen so gemischt seien, dass alle praktisch die gleiche Hautfarbe hätten. Ich fragte sie, weil mich das sehr neugierig machte (ungewöhnlich für diesen Ort, nicht wahr?), welche Farbe das denn wäre. King sagte lachend, ein sehr helles Braun, das etwas ins Beige spielte; Mal54


colm X sagte ernster und mit Nachdruck, dass es eher ein richtiges Braun wäre. Nach einer Weile entfernte ich mich zufrieden und überließ die beiden Vordenker sich selbst und ihrem Schicksal. Es ist schon seltsam, danach ging ich zu meiner Mutter und traf mich dann mit meinem Vater, den ich nie kennengelernt hatte. Das Interessante daran war, dass er sich überhaupt nicht wunderte, mich zu sehen, und es schien, als hätten wir schon zu Lebzeiten zusammen gewohnt. Es ist so, als ob alles in Ordnung kommt. Die Welt ist vergänglich, so wie wenn man mit Zahnschmerzen oder nicht enden wollenden Bauchschmerzen darauf wartet, dass sie vorübergehen, und dann endlich die Ruhe kommt wie das höchste Glück. So sehe ich Freds Leben. Ohne Trauer. Denn ohne es zu merken, wird er vom Leiden zur Lethargie übergehen. Was ich aber möchte, ist, dass er versteht, dass er unter meinem Tod leidet und nicht ich. Dass, wenn man einmal hier ist, die Grenzen verschwinden wie ein Schiff im Nebel. Aber ich kann mich nicht für ihn einsetzen, auch wenn er intensiv darum bitten würde, und ich glaube, dass Fred für sein Verbrechen bezahlen möchte. Wer sucht schon das Glück? Auf der Erde sucht es niemand. Es ist ein nutzloses Wort. Es ist alles sehr kompliziert geworden und die Einfachheit hat sich in einem dichten Wald versteckt. Die Leute beten mit unendlicher Ausdauer zu Gott, obwohl sie sich eigentlich an jemand Näherstehenden wenden sollten. Gott ist unserer über55


drüssig geworden oder er war von der Masse an Menschen abgelenkt. Seine Augen richten sich auf viele Welten, und vielleicht befinden wir uns außerhalb seines Blickfeldes. Wenn Fred und viele andere sich flehentlich bittend an Cherry Lalane im Jenseits wendeten, dann würde ich mich für die Erde einsetzen, um alles erträglicher werden zu lassen. Verständlicher. Eine Wahrheit für jeden, so exakt wie sein Tod. Aber ... wäre das nicht ebenso schrecklich wie ein Mord?

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DER WAHNSINN


Er selbst bekannte sich schuldig, und im Urteil des Richters wurde er für geistesgestört erklärt, mit anhaltenden Phasen von Gedächtnisverlust. Unmittelbar darauf wurde er in die Irrenanstalt eingewiesen, genauer in das psychiatrische Krankenhaus von Camden. Der Rasen. Ich mag den Rasen so sehr, dass ich mich am liebsten den ganzen Tag auf ihm herumwälzen würde. Der Geruch des Grases dringt ganz tief ein. Die Erde in den Eingeweiden. Ich würde sie gerne fressen, wie ein Pferd. Das habe ich neulich Doktor Faustus MacGovern vorgeschlagen, aber er sagte mir, dass ich dadurch nicht die nötigen Vitamine erhielte. Mir würde es nichts ausmachen, mich in ein Pferd zu verwandeln und Cherry auf meinem Rücken spazieren zu tragen. Zuerst im Trab und dann im Galopp.Wir würden auf einer kleinen Wiese anhalten und uns zusammen im Gras wälzen. Das wäre so gesund... Aber sicher kommen dann noch mehr Pferde um uns zu pflegen und es wäre nicht 59


mehr dasselbe. Ich will alleine galoppieren, nur mit Cherry; und Gras fressen... aber sie lassen mich nicht... Kürzlich besuchte mich meine geliebte Cousine, die wie eine Schwester für mich ist. Es tat mir sehr weh, mich hier eingesperrt zu wissen. Ich umarmte sie, wie ich schon lange niemanden mehr umarmt hatte. Ich merkte, wie ihre Seele vorsichtig in meinen Körper eintrat und sich überall in mir Freude ausbreitete. Ich sah sie intensiv an, und sie fragte mich, weil ihr nichts Besseres einfiel, wie es mir ginge und warum ich es getan hätte. Das war das erste Mal, dass ich mich in der Pflicht sah, eine Erklärung abzugeben. Wir gingen in den Garten, und als ich das Gras sah, wollte ich mich mit meiner Cousine in ihm wälzen. Ihr seid alle Huren! schrie ich. Die Pfleger kamen sofort und schlossen Fred Zimbalist in seinem Zimmer ein. Er ist nie wieder gesund geworden.

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Diese Ausgabe von Ende der Linie wurde am 21. September 2011 gedruckt, zur Tagundnachtgleiche des Herbstes.


Eduardo Iglesias | Ende der Linie  

Ein kleiner Kriminalroman aus vier Hörspielen von dem Spanischen Schriftsteller Eduardo Iglesias, mit Illustrationen von Enrique Flores.

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