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Paul Koncew icz

Paul


Je nach Gelegenheit nennt man mich mal Pauli, Paule, Paulo oder Paulchen, Paulowski, Pauletta … es nimmt kein Ende. Im Gegensatz dazu bekomme ich Paweł selten zu hören. Meine Mutter nennt mich Paul.


Paul/Paweł Vorwort von Petra Herbert

Es ist unmöglich den Fotografen Paul Koncewicz von der Privatperson zu trennen – Schaffen und Leben gehören einfach zusammen. Nun könnte ich das Klischee vom Jungen mit der analogen Kleinbildkamera erzählen, denn die Kamera war überall dabei – im Seminar, während der Exkursionen und natürlich auf Parties. Aber auch wenn in den Jahren während des Fotografiestudiums unzählig viele Fotos von Kommilitonen, Freunden und Familie entstanden sind, hat Pauls serielle Fotografie nichts von Schnappschüssen, unter denen mal ein gutes Bild ist; es handelt sich vielmehr um aufwendig inszenierte Situationen, auf kostbaren Rollfilm fotografiert, jedes Mal mit Bedacht auf den Auslöser gedrückt. So ist Paul einerseits Bildersammler, der Abzüge und Negative in Drogerie-­ Fotohüllen archiviert, und andererseits Künstler, der die Kamera als Werkzeug gewählt hat, um seiner eigenen Sicht auf die Dinge eine Form zu geben. Ohne Scheu und völlig uneitel nimmt er den Betrachter mit in seine eigene Welt, lässt ihn – mit einem ungeschönten, aber immer sensiblen und einfühlsamen Blick – am Alltag seiner Familie und Freunde teilhaben. Er erlaubt uns einen Blick ins private Familienalbum, indem er archivierte Bilder sorgfälltig auswählt und mit seinen eigenen Fotografien aus der Gegenwart verknüpft. Hier wird die Geschichte einer Familie erzählt, in der Hauptrolle Pauls Eltern, deren neue Partner, sowie Geschwister und Halbgeschwister und noch einige andere Familienangehörige. All diesen Personen und deren Erinnerungen, auf Papier gebannt im Fotoalbum, wird durch Pauls Bilder neues Leben eingehaucht – es scheint, als würde die Geschichte nun fortgesetzt – wie in einem mehrteiligen Film, dessen archiviertes Material des ersten Teiles für alle folgenden verwertet wird und trotzdem Raum für etwas völlig Neues entsteht. Während des einen Teiles seiner Arbeit, der Auswahl von archivierten Bildern, fungiert Paul zwar nicht aktiv als Fotograf und schafft trotzdem neue Bilder, indem er

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archiviertes Material in den Kontext der Gegenwart setzt. Paul, der Bildersammler, lässt Damals und Heute zusammen wachsen im visuellen Puzzle einer Familiengeschichte, die in Polen und Deutschland spielt – seiner eigenen Geschichte. Als Fotograf reagiert er intuitiv und gleichzeitig sehr überlegt auf Situationen und schafft seinen Protagonisten eine Bühne, die ihnen gerecht wird, indem er eine bereits vorhandene Kulisse nach seinen Vorstellungen erweitert. Somit agiert er auch als Bühnenbildner und Regisseur und trotzdem wirken die Personen in den Bildern immer so, als hätte man sie in Ruhe gelassen. Da sind kleine blonde Frauen, traurig blickende Männer, Hunde und Katzen. Immer wieder Blumen und Arrangements mit Spitzendeckchen und Porzellan, skurrile Szenen im Wohnzimmer. Verliebte tauschen Küsse, ein sehr junges Paar sitzt schüchtern im Standesamt, die Braut im rosa Zweiteiler wird nach der Trauung mit Reis beworfen. Frisuren und Mode verraten uns, dass der Fotograf auf ein Archiv vor seiner Zeit Zugriff hat – der Aufnahmeort ist weitestgehend unbestimmt. Der private Blick ins Familienalbum lässt den Betrachter neugierig werden. Wie geht es weiter mit diesem jungen Paar? Zwanzig Jahre später führt deren Sohn die Geschichte visuell weiter. Um die aktuell entstandenen Bilder im Kontext mit den archivierten Aufnahmen zu verstehen, muss man sich mit der Familienstruktur der Koncewiczs beschäftigen. Pauls Eltern trennen sich früh, er und seine ältere Schwester bleiben bei seiner Mutter in Stettin, ein neuer Mann, Siegmund tritt in ihr Leben. Der leibliche Vater zieht, einer eigenen Beziehung wegen, aus der Großstadt in die polnische Provinz – nach Bieczyno um. Der einjährige Paul wird seinen Vater nur noch selten sehen, noch seltener als er mit seiner Mutter, Schwester und seinem Stiefvater fünf Jahre später endgültig nach Deutschland zieht. Ein für Außenstehende kompliziert verästelter Stammbaum entsteht, hier die Kurzversion: Pauls Vater heiratet erneut, seine neue Frau bringt zwei Kinder mit in die Ehe, 1987 bekommen sie eine gemeinsame Tochter – Ewelina, Pauls Halbschwester. Die Familie väterlicherseits lebt weiterhin in einem alten Haus in Bieczyno – ein Dorf, in dem es lange keine sanitären Anlagen in den Häusern gab. In Pauls Erinnerung an die spärlichen Besuche gab es nur ein Plumpsklo im Garten.

Auf deutscher Seite lebt die vierköpfige Familie zunächst in zwei verschiedenen „Notwohnungen“, bevor endlich die eigene Mietwohnung am Niederrhein folgt; der größte Wunsch der polnischen Auswanderer ist ein eigenes Haus mit Garten. Dieser Wunsch erfüllt sich nach einiger Zeit, die Familie hat sich in Deutschland gut eingelebt, ist glücklich. 2006 fotografiert Paul zum ersten Mal seriell seine Mutter und seinen Stiefvater: „My Parents Love Each Other …“ ist die Typologie einer Ehe; in bunten Metaphern inszeniert er seine in Deutschland lebenden Eltern und deren Lebensraum. Die neuen Bilder sind weniger wild, fast ruhig, aber es haftet ihnen diese feine Ironie an, die so typisch ist für Pauls Fotografie. Einige Fotografien sind im Krankenhaus entstanden: Siegmund hatte einen schweren Unfall, muss lange rehabilitieren – eine schwere Zeit für die Familie, die auf Pauls Fotografie Einfluss nimmt. Die Beziehung zwischen Mutter und Stiefvater steht im Mittelpunkt – eine Fortführung der vorhergehenden Serien, jedoch werden nun auch weitere Verwandte berücksichtigt. So besucht Paul seine vom Onkel getrennt lebende Tante; es kam ein gut betuchter Deutscher in ihr Leben und bringt direkt einen neuen Lebensstandard mit. Nun steht sie dort auf teurem Teppich im großen Wohn­ zimmer und präsentiert sich im Tennisdress. Zur gleichen Zeit sitzt der Onkel in einer Wohnung und zeigt seine hobbyistische Waffensammlung. Die „jungen Wilden“ von damals sind heute in der Mitte des Lebens angelangt; sie haben Kinder, die längst im Erwachsenenalter sind. Das „Älter-Werden“ und die Sterblichkeit des Menschen ist ein Thema, welches die Familie gerade am Beispiel von Pauls Stiefvater mit voller Wucht trifft. Den langsamen Prozess der Genesung begleitet Paul u. a. in eindrücklichen Einzelportraits, die eine über Jahre gewachsene Intimität voraussetzen – der Betrachter ahnt nur, was passiert sein könnte. Vor ein paar Jahren trifft Paul seinen leiblichen Vater nach langem wieder. Paul ist jetzt erwachsen, Student der Fotografie und sein Interesse gilt dem Familienportrait. Seit Jahren portraitiert er nun schon seine Mutter und seinen Stiefvater in deren Haus. Die Kamera ist für Paul nicht nur Werkzeug, sondern eine Art visuelles Gedächtnis, Tagebuch. In Polen wird er Paweł genannt. Paul spricht kaum Polnisch, sein Vater versteht kein Wort Deutsch. Es gibt viele Momente der Stille in dieser fremden und doch eigenen Familie.


Es ist ein Herantasten an das Leben in der polnischen Provinz. Langsam und bedächtig geht er vor, zeigt eine idyllische aber trostlose Landschaft und seine müde aussehenden Bewohner. Eine leichte Ironie schwingt mit, aber der emotionale Abstand zwischen Vater und Sohn und die Suche nach einem gemeinsamen Austausch wird spürbar. In Gesichtern, Körpern und spielerischen Situationen untersucht Paul den in Polen lebenden Teil der Familie; dort wohnen mehrere Generationen unter einem Dach und es fällt auf, dass viele Kinder und junge Erwachsene die Familie zur Großfamilie machen. Ab und zu taucht der Fotograf selbst in seinen Fotos auf. Etwas zurückhaltend, am Rande, so als wäre er noch hinter der Kamera, versucht er sich mehr oder weniger aus dem Bild zu stehlen, überlässt seinem Gegenüber die Bühne, während er selbst im Bild stiller Beobachter der Szene bleibt. Seine Protagonisten agieren einerseits als sie selbst und andererseits als Statisten, an die Hand genommen von Paul. Es wird überspitzt, gepost und präsentiert, jedoch nie auf unangenehme oder diffamierende Art und Weise. Der Portraitierte gibt sich Paul hin, ist ihm willentlich ausgeliefert, aber nicht ohnmächtig. Nachts, wenn es ruhig ist und sich eine tiefe Dunkelheit über Bieczyno senkt, sucht er sich neue Protagonisten. Er geht auf botanische Entdeckungstour und schafft eine fast unheimliche Szenerie im Garten des Vaters. Der Apfelbaum steht einsam in der Dämmerung, die Astern erscheinen im Kunstlicht unwirklich gelb, fast giftig grell. Diese nächtlichen Stillleben stehen im Kontrast zum idyllischen Familienleben im hellen, belebten Haus. Sie sind außerdem vollkommen losgebunden von einer lokalen Einordnung. Polen oder Deutschland – in diesem Moment spielt der Ort keine Rolle.

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Index

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Hochzeit meiner Eltern Maria und Janek, Stettin, 1976

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Maria und Janek, 1976

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Maria, 1976

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Maria und Siegmund, Stettin

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Hochzeit meiner Mutter mit Siegmund #1, Stettin, 1989

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Hochzeit meiner Mutter mit Siegmund #2, Stettin, 1989

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Das erträumte Eigenheim, Mönchengladbach, 2012

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Maria und Siegmund im Wohnzimmer, Mönchengladbach, 2012

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Abendessen in der Notwohnung, Düsseldorf, 1990

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Abendessen im erträumten Haus, Mönchengladbach, 2012

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Isabella, Maria, Siegmund und Ich, Mönchengladbach, 2010

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Maria, Siegmund, Isabella und Ich, Krefeld, 2012

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Ich mit meiner Schwester und einem Kreuz in den Händen, Mönchengladbach, 1992

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Rosenzimmer, Mönchengladbach, 2012

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Isabella, Mönchengladbach, 2012

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Isabella in den 90ern, Mönchengladbach

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Isabella mit Phallus-Pflanze, Erkelenz, 2012

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Elfmal Ich, Mönchengladbach, 2012

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Selbstportrait, Hamburg, 2012

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Meine Mutter und Ich, Mönchengladbach, 2011

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Die Bühne für den Papst, meine Mutter und Ich, Stettin, 1987

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Die Bühne für den Papst, Siegmund und Ich, Stettin, 1987

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Meine Mutter mit mir, Mönchengladbach, 2012

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Siegmund und Ich, Mönchengladbach, 2012

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My Parents Love Each Other … #4, Mönchengladbach, 2008

50 My Parents Love Each Other … #2, Mönchengladbach, 2008 53

Werkecke, Mönchengladbach, 2012

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Vorratskammer, Mönchengladbach, 2012

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They Still Love #4, Mönchengladbach, 2010


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They Still Love #7, Mönchengladbach, 2010

113 Renatas Kommunion #2, Düsseldorf, 1988

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Siegmund löst Kreuzworträtsel, Maggy schläft, Mama liegt auf dem Boden, Mönchengladbach, 2012

115 Renata, Düsseldorf, 2012

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Mama auf dem Boden, Mönchengladbach, 2012

116 Renata von der Seite, Düsseldorf, 2012

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30.01.2012, Mönchengladbach, 2012

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Ewa von der Seite, Düsseldorf, 2012

66 Mein Kinderzimmer, Stettin, 1989

119 Ewa und Narziss, Düsseldorf, 2012

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Junge Mutter, Stettin, 1976

Tomek, 1993

69 Isabella und Ich mit Mama, Mönchengladbach, 2012

122 Ed Hardy Tiger, Düsseldorf, 2012

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Siegmund und Maria, Mönchengladbach, 2012

123 Tomek mit Tigeraugen, Düsseldorf, 2012

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Liegender Siegmund, Mönchengladbach, 2012

124 Tigerpants, Düsseldorf, 1988

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They Still Love #6, Mönchengladbach, 2012

126 Mein Onkel auf dem Balkon, Düsseldorf, 2012

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Aufzugstür, Krefeld, 2012

127 Tomek von hinten, Düsseldorf, 2012

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Nachthimmel, Mönchengladbach, 2012

128 Mein Onkel Andreas, Düsseldorf, 2012

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Aus der Serie „Places“: Siegmund, Mönchengladbach, 2007

131 Meine Mutter mit ihrem Bruder, Düsseldorf, 2012

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Siegmund im Garten, Mönchengladbach, 2012

132 Turnschuhe, Socken und Speedos, 1988

80 Am Baggersee, Düsseldorf, 1992

133 Isabella, Ich, Renata und meine Tante, Schweden, 1992

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Die große Scheiße, Mönchengladbach, 2012

135 Isabella und Katze, Erkelenz, 2012

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Siegmund sehend, Mönchengladbach, 2012

136 Oma und Opa in Glasvitrine, Mönchengladbach, 2012

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Siegmund blind, Mönchengladbach, 2012

138 Omas letztes Weihnachten, Mönchengladbach, 2004

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Meine Mutter mit Siegmund und Maggy, Krefeld, 2012

139 Meine Oma vor Berglandschaft

88 My Parents Love Each Other … #5, Mönchengladbach, 2008

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Meine Mutter mit Hähnchen, Mönchengladbach, 1991

90 Das Schlafzimmer, Mönchengladbach, 2012

143 Der Swimmingpool, Mönchengladbach, 2010

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Der Kuscheltierturm, Mönchengladbach, 2012

144 Schlafende Katze, Mönchengladbach, 2009

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Das Badezimmer, Mönchengladbach, 2008

145 Glücklicher Siegmund, Mönchengladbach, 2010

96 Siegmund, Maria und ein Riese, Düsseldorf, 1991

147 Siegmund mit Katze, Stettin, 1987

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148 Maggy, Mönchengladbach, 2012

Silvester, Stettin, 1986

98 Siegmund, Mönchengladbach, 2008

150 Let’s Dance, Mönchengladbach, 2009

99 Maria, Mönchengladbach, 2008

151 Das alte Wohnzimmer, Stettin, 1988

100 My Parents Love Each Other … #6, Mönchengladbach, 2008

152 Der Alltag, Mönchengladbach, 2012

103 Der Weihnachtsbaum, Stettin, 1987

154 Ein Kuss, Mönchengladbach, 2012

104 Weihnachten #1, Mönchengladbach, 2009

157 Grüße aus Miedzyzdroje, Miedzyzdroje, 2010

105 Weihnachten #2, Mönchengladbach, 2009 106 Siegmund vor einem Weihnachtsbaum, Mönchengladbach, 1992 107 Mutter mit Isabella und Nicole vor einem Weihnachtsbaum, Mönchengladbach, 1992 109 Familienportrait vor dem Weihnachtsbaum, Mönchengladbach, 2008 111

Meine Mutter mit mir, Tomek und Renata, Düsseldorf, 1988

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Renatas Kommunion #1, Düsseldorf, 1988


Impressum

Fotografie, Idee, Konzept Paul Koncewicz Vorwort Petra Herbert Typografie Felix Link Lektorat Sophie Ast Druck PUK-Media, Bielefeld Papier Maxi Offset, 120 g Schriften Knockout 29, Knockout 49 Produktion Buchbinderei Bonin, Bielefeld

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www.photopaul.de


Danke

Vielen Dank meiner Mutter, Maria, und meinem Vater, Janek. Danke Wanda und Ewelina, danke Isabella und danke Ewa und Renata. Danke schÜn Siegmund, Rafał, Andreas und Tomek. Besten Dank Axel, danke Roman. Vielen Dank Petra, Felix und danke Sophie.

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Paul Koncewicz - Paul (/ Paweł)  

Paul Koncewicz - Paul / Paweł Diploma 12/13 FH Bielefeld www.photopaul.de

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