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nummer 107 juli 2014

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philtrat

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Zeitung der Studierendenschaft der Philosophischen Fakultät der Uni Köln

Rausgekickt Mit dem Auslaufen der alten Lehramtsprüfungsordnung droht zahlreichen Studierenden die Zwangsexmatrikulation – aber nicht alle wissen ausreichend Bescheid. Ganz oben im AStA

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Was macht eigentlich ein AStAVorsitzender und was kann er für die Studierenden erreichen? Über seine Arbeit und Beweggründe, das Amt aufzunehmen erzählt Christopher Kohl im Interview auf Seite 3

Konzert auf der Säge Eine neue Veranstaltungsreihe lädt zu abendlichen Konzerten in einen ganz speziellen Konzertsaal: die Schreinerei Stadtwaldholz öffnet ihre Türen für junge Bands. Wie das aussieht und vor allem wie es klingt steht auf Seite 5 Für Lehramtsstudierende, die nach der Prüfungsordnung von 2003 studieren, wird die Zeit knapp.

Sie gehören zu einer aussterbenden Spezies an der Uni Köln: Lehramstsstudierende, die noch nach den alten Prüfungsordnungen studieren. Die letzten verbliebenen geraten nun zunehmend in Zugzwang, denn die Universität muss all diejeniegen, die das Staatsexamen im Wintersemester 2017 nicht bestanden haben werden, exmatrikulieren. Diese Frist wurde jedoch nicht von der Universität selbst festgelegt, sondern durch das Landeshochschulgesetz. Der Senat der Universität Köln reagierte im September 2011 mit einer Auslaufordnung auf diese Regelungen. Demnach müssen alle Lehramtsstudierenden, die nach der Landesprüfungsordnung aus dem Jahr 2003 (LPO 2003) studieren, bis 2016 ihr Studium abschließen. Lehramtsstudierende mit den Schulformen

Gymnasium, Gesamtschule, Berufskolleg und Sonderpädagogik müssen sich bis zum 31. Oktober 2016 zum Abschlusskolloquium anmelden, Lehramtsstudierende für Grund-, Haupt- und Realschulen bereits zum 31. Oktober 2015. Leider sind jedoch nicht alle betroffenen Studierenden ausreichend über die Fristen informiert, wie Janine Jonelat, studentische Vertreterin im Senat, berichtet. Um dies zu ändern, hat das Prorektorat für Studium und Lehre eine Arbeitsgemeinschaft (AG) eingerichtet. Die AG besteht aus studentischen VertreterInnen sowie MitarbeiterInnen aus verschiedenen Abteilungen der Universitätsverwaltung. Durch eine enge Zusammenarbeit wollen sie eine kompetente Beratung gewährleisten. Fortsetzung auf Seite 2

Shakespeare als App Uni mal ganz anders. Studierende haben in einem Seminar selbst eine App entwickelt, welche die Spieler­Innen gemeinsam mit Shakespeare auf eine Schnitzeljagd durch die Kölner Altstadt schickt Seite 6 und 7

Katzencafé Die aus Taiwan stammende Idee hält nun auch in Köln Einzug. Das erste Katzencafe lädt zum gemeinsamen Trinken und Speisen mit den Vierbeinern ein. Mehr dazu auf Seite Seite 9


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Ouvertüre

Demnächst vielleicht: die Redaktion beim Rektor-Casting.

Lang ist’s her, da wurde der Rektor der Universität Köln im Senat gewählt; aus den Reihen der hiesigen ProfessorInnen, natürlich mit ein bisschen Klüngeln im Hintergrund, ist ja schließlich Köln. Aber er war zumindest theoretisch doch so eine Art primus inter pares, ein „Erster unter gleichen“, für alle, die auch nur das uni-interne Latinum haben. Beim letzten Mal hat uns das Verfahren den Axel beschert und das Ende seiner Amtszeit ist nun absehbar. Denn zum ersten April 2015 sucht die Uni per Stellenanzeige auf der Homepage eineN NachfolgerIn. „Hervorragende wissenschaftliche Qualifikationen“ soll der Wunschkandidat haben und „mehrjährige Managementerfahrung“, gerne in einer „leitenden Position einer Universität“, es darf aber auch eine „außeruniversitäre Forschungseinrichtung“ sein, wahrscheinlich möglichst wirtschaftsnah. Immerhin sind wir ja jetzt ein Spitzenstandort, weil wir soviel Erfolg in der „Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder“ hatten, da muss natürlich jemand ran, der uns mit „Durchsetzungsvermögen“ im „nationalen und internationalen Wettbewerb“ noch weiter nach vorne managet. Aber Papier, auch das auf dem Bewerbungen geschrieben werden, ist geduldig. Weiß man da wirklich, was man für sein Geld bekommt? Warum machen wir auf dem Weg vom Wahlverfahren hin zur Ausschreibung im Internet nicht noch einen weiteren Schritt zur „IN-Bewerbung“ überhaupt – dem Casting. Sowas wie KSDS, Köln sucht den Superrektor, oder Köln’s got Talent, oder wir folgen gleich in den Fußstapfen von Donald Trumps „The Apprentice“. Da kann man direkt sehen, wie sich die KandidatInnen in der Praxis schlagen, mit entsprechenden Aufgaben wie „Setze die Streichung eines Orchideenfaches durch“ oder „Werbe die meisten dubiosen Drittmittel ein“ oder „ersetze den Mittelbau durch ZeitarbeiterInnen“. Und im großen Finale kommt dann der PR-Test, der beweist, dass man das Prinzip der wirtschaftlichen Uni verstanden hat „Verkaufe deine Kürzungen so, dass alle glauben, sie dienen der Verbesserung der Lehre“. In gespannter Erwartung rekelt sich auf der Castingcouch die Redaktion

Fortsetzung von Seite 1 Die Mitglieder der AG organisieren Informationsveranstaltungen und stellen die zuständigen Ansprechpartner­ Innen an der Uni vor. Da es keine zentral zuständige Abteilung für die verschiedenen Probleme der Betroffenen gibt, kann es passieren, dass Studierende sowohl beim Fachbereich als auch bei der Zentralen Studienberatung und dem Prüfungsamt vorstellig werden müssen. „Wenn man mehr wissen will, muss man in die persönliche Sprechstunde gehen“ sagt eine betroffene Studentin, die lieber anonym bleiben möchte. „Da sind aber nur total schwer Termine zu bekommen.“ Ein weiteres Projekt der AG ist ein Info-Schreiben, welches per Post an die betroffenen Studierenden versendet werden soll. Darin sollen unter andem Informationen zu einem geplanten Online-Fragebogen enthalten sein. Die Universität versucht außer-

dem, mit den verschiedenen Ministerien des Landes NRW in Kontakt zu bleiben, um Ratschläge bei Problemfällen zu bekommen. Auch die Studierendenvertreter­ Innen der Uni Köln wurden aktiv. In einem offenen Brief an das Landesschulministerium und das Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung fordert das Studierendenparlament (StuPa) die Abschaffung der Auslauffrist, weil dies die Studierenden zu stark unter Druck setzt. Dass in einer solchen Situation keine Zeit mehr bleibt für studentische Projekte oder Kurse, die nicht direkt studiumsrelevant sind, ist einleuchtend. „Man läuft den Scheinen hinterher und versucht, so schnell wie möglich alles hin zu kriegen“, erklärt eine betroffene Studentin aus dem siebten Semester. Sollte die Auslaufordnung bestehen bleiben, so wünscht sich das StuPa zumindest die Möglichkeit, leichter

in den Bachelor zu wechseln. Derzeit ist nach einmal erfolgter Prüfungsanmeldung ein Wechsel nicht mehr möglich. Konkret bedeitet dies, dass Studierende, die beispielsweise eine der neun Prüfungsleitungen bereits abgelegt haben, .nicht mehr in den Bachelorstudiengang wechseln können. Legen sie dann nicht erfolgreich alle neun Prüfungen ab, zählt dies in jedem Fall wie ein nicht bestandenes erstes Staatsexamen. Auch Härtefälle werden aufgrund der gesetzlichen Bestimmungen nicht mehr berücksichtigt. Das gilt auch für Studierende mit Kind, die bislang oftmals Härtefallanträge bewilligt bekommen haben. Das Problem liegt jedoch auf landespolitischer Ebene, meint Janine Jonelat: „Die Uni hat schon das Beste für uns Studenten rausgeholt“ - mehr Spielraum bleibt aufgrund der Landesgesetze nicht. Alina Finke


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„Keine Luftschlösser bauen“ Zum ersten Mal seit vielen Jahren ist mit Christopher Kohl (Jusos) wieder ein Student der Philosophischen Fakultät Vorsitzender des Allgemeinen Studierenden Ausschusses (AStA). Philtrat-Redakteur Peter Hacke führte ein Interview mit ihm.

Wie viel Zeit fordert das Amt bei all diesen Aufgaben von dir? Christopher: Es ist zeitlich ein enormer Aufwand, aber es macht auch Spaß. Man lernt die Abläufe an der Universität kennen, versteht wie Entscheidungen zustande kommen und trifft viele Menschen. Ein Studium in Regelstudienzeit ist aber nicht mehr möglich. Philtrat: Also besuchst du dieses Semester nicht allzu viele Seminare? Christopher: Ich bin sehr optimistisch mit acht Veranstaltungen eingestiegen. Inzwischen bin ich bei drei Veranstaltungen. Aber ich bedauere das nicht. Mir war schon vorab klar, dass ich kaum Zeit für die Uni haben würde. Ich studiere Germanistik und Geschichte auf Lehramt. Dort fühle ich mich wohl. Es gibt eine angenehme, entspannte Atmosphäre in den Kursen und bei den Leuten. Du bist noch nicht lange an der Universität und in der Hochschulpolitik. Wie kommt es, dass du bereits AStAVorsitzender bist?

cab Tracey Ruggles

Was sind deine Aufgaben als 1. AStAVorsitzender? Christopher: Der 1. Vorsitzende ist zuerst der Vertreter der Studis an der Uni selbst. Dafür sitze ich in Gremien wie dem Senat oder den Lenkungsausschüssen. Auch der Austausch mit dem Rektorat und Uni-Verwaltung findet vorwiegend über den Vorsitzenden statt. Außerdem ist man für das Personal des AStA mit knapp 50 Festangestellten verantwortlich.

Einmal AStA-Vorsitzende/r sein: Das macht viel Arbeit, ist aber auch eine Möglichkeit, etwas an der Uni zu verändern.

Christopher: Das war für mich selber auch überraschend. Nachdem ich im Sommer 2013 an die Uni gekommen war, wurde ich über die Juso Hochschulgruppe bald zum Referenten für Soziales und Internationales im AStA. Das hatte mir trotz des enormen Arbeitsaufwandes viel Freude gemacht, da man so ein ganz anderes Gerüst an sozialen Kontakten bekommt. Als nach den Wahlen klar wurde, dass die alte Koalition weiter machen soll, hatten die Koalitionspartner zu dem Zeitpunkt keinen geeigneten Kandidaten für den Vorsitz. Ich habe dann gesagt, dass ich mir das vorstellen könnte und habe dafür Rückendeckung im gesamten AStA erhalten.

Bist du das Amt mit konkreten Zielen angetreten? Christopher: Ehrlich gesagt nicht. Das habe ich auch bei meiner Befragung im Studierendenparlament klar gemacht. Natürlich sind das Lehramt und das Hochschulzukunftsgesetz wichtige, aktuelle Themen, aber ich habe immer gesagt, dass ich die Gremien, in denen die Entscheidungen dazu getroffen werden, noch nicht kenne. Ich will keine Luftschlösser bauen, sondern bin lieber Realist. Was können Studierende überhaupt an der Uni bewegen? Christopher: Eine Menge. Die Profs, vor allem aber auch die Verwaltungsangestellten, haben eigentlich immer offene Ohren für unsere Belange und Meinungen. Bei den neu-akkreditierten Studiengängen etwa, wird es viel weniger Restriktionen geben. Das wäre ohne studentisches Engagement nicht möglich gewesen. Wieso sind so wenig Studierende aus der Philosophischen Fakultät in der Hochschulpolitik aktiv? Christopher: Zum einen sorgt die Umstellung auf Bachelor und Master für eine veränderte Wahrnehmung bei den Studis. Man suggeriert ihnen, sie müssten schnellstmöglich fertig werden. Sie glauben nicht mehr, sich die Zeit nehmen zu können, neben dem Studium aktiv zu sein. Zum anderen ist es für viele vielleicht auch nicht so relevant, da unsere Fakultät nicht so starke Restriktionen aufweist wie andere Fakultäten.

Impressum philtrat – Die Zeitung der Studierendenschaft der Philosophischen Fakultät wird vom SprecherInnenrat der Philosophischen Fakultät (Phil-SpRat) herausgegeben. Redaktion: Johanna Böttges (JB), Alina Finke (AF), Peter Hacke (PH), Hanna-Lisa Hauge

(HLH, V.i.S.d.P.), Regina Klass (RK), Vera Kleinken (VK), Franziska Kopp (FJK), André Patten (PAT), Sabrina Wirth (SW). Mitarbeit: Patrick Gomolka (PG), Beate Schulz Redaktionsschluss nächste Ausgabe: 30. August 2014.

Redaktionsadresse: philtrat, c/o Phil-SpRat, Universitätsstr. 16, 50937 Köln. Fon: (0221) 47026 20, (0221) 470-26 11, Fax: (0221) 41 33 18. E-Mail: philtrat-red@uni-koeln.de. Layout und Satz: Carolin Wedekind, die Redaktion. Druck: Verlag Neuer Weg, Essen. Auflage: 2000.


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Gang durch die Uni XXIX: Das Kompetenzzentrum Schreiben

Hilfe bei Schreibblockaden Wer kennt das Problem nicht: Man sitzt an einer Hausarbeit und kommt einfach nicht weiter. Der Kopf fühlt sich leer an. Oder man ist sich unsicher, ob das Geschriebene verständlich ist und hätte gerne ein Feedback von einer unabhängigen Person. Hierfür bietet das Kompetenzzentrum Schreiben der Philosophischen Fakultät eine Schreibberatung an. Das Kompetenzzentrum wurde 2007 gegründet und richtet sich vor allem an Studierende der Fakultät. Gearbeitet wird nach dem Peer-Konzept. Das heißt, dass man von geschulten KommilitonInnen beraten wird, statt von klassisch ausgebildeten Lehrpersonen. Denn diese sind näher an den Problemen der Studierenden dran. Man kann mit seiner Arbeit oder Referat zu einem der BeraterInnen gehen und bekommt eine Meinung und Antworten zu offenen Fragen. Wo sind noch Unklarheiten? Sind die Gedankengänge nachvollziehbar? Stimmen Aufbau und Struktur der Arbeit? Man

kann mit den BeraterInnen über das Thema diskutieren, Fragen stellen, Feedback zum Schreibstil bekommen oder neue Anregungen sammeln. Auch bei Fragen zur Themenfindung oder zu Literaturangaben hilft die Schreibberatung. Im Angebot sind sowohl Einzelberatungen als auch ein Schreibcoaching, bei dem die BeraterInnen bei konkreten Schreibproblemen helfen, indem sie diese analysieren und gemeinsam konkrete Handlungsstrategien und Lösungswege erarbeiten. Ein weiteres Angebot sind die Schreibgruppen. Anstatt mit nur einem/r Berater/in über die Arbeiten zu sprechen, kann man sich in einer kleinen Gruppe mit KommilitonInnen austauschen und gegenseitig helfen. Das Kompetenzzentrum vermittelt auf Anfragen hin Termine für ein erstes Treffen mit weiteren Interessierten. Da viele Studierende ihre wissenschaftlichen Arbeiten auf Englisch verfassen müssen oder möchten, berät

montags und freitags von 10 – 13 Uhr eine englische Muttersprachlerin. Auf der ILIAS-Lernplattform gibt es außerdem ein Schreibforum, welches Hilfe bei Hausarbeiten bietet und wo man Antworten zu bisher gestellten Fragen und Rat von anderen Studierenden erhalten kann. In den Semesterferien bietet das Kompetenzzentrum unterschiedliche Kurse an, unter Anderem zu den Themen Zeitmanagement, Lesetechniken, Zeichensetzung, Referate halten, Wissenschaftliches Arbeiten, und vielen mehr. Credit Points können hierfür nicht erworben werden, die Seminare dienen hauptsächlich als Hilfestellung beim wissenschaftlichem Arbeiten. Sabrina Wirth Weitere Angebote und Informationen finden sich auf der Internetseite: www. schreibzentrum.phil-fak.uni-koeln.de oder im Philosophikum, Raum 2.321 (2. OG). Sprechzeiten sind Montag bis Freitag von 09:30 - 16:30 Uhr.


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Musik aus der Schreinerei Eine neue Veranstaltungsreihe bringt junge Bands in einer Schreinerei auf die Bühne. Kölsch und Sonnenuntergang sind hier inklusive. Für alle Kölner LagerfeuerfreundInnen, Kleinkunstfans und SonnenuntergangsromantikerInnen gibt es eine neue Abendbeschäftigung. Und das auch noch bei freiem Eintritt und in einem familiären, gemütlichen Rahmen. „Live aus dem Stadtwald“ ist eine neue Veranstaltungsreihe, die von dem Kulturverein Kultur küsst Köln in Kollaboration mit dem Hochschulradio Kölncampus veranstaltet wird. Seit Ende Mai wird nun regelmäßig – meist am letzten Samstagabend im Monat – in die Schreinerei Stadtwaldholz in Köln Bayenthal eingeladen, um gemeinsam Musikalisches zu erleben. Live-Musik und die Förderung neuer, junger Bands stehen im Fokus des Konzepts. Jede Band spielt einige Tracks passend zu einem für jeden Abend gewählten Motto. Im Anschluss lassen sich die Bandmitglieder zu einem Gespräch mit der Moderatorin Susan Simin Zare auf einer Bank neben nostalgischen Retro-Stehlampen nieder. Dazu gibt es ein Gläschen

Wein oder Kölsch. Die Unterhaltung dreht sich um die eigene Musik, aber auch um Musik im Allgemeinen. Dabei gelingt es der Moderatorin, durch ihre Fragen auch das Publikum einzubinden. Hinter dieser Sendung stehen vor allem die zwei kreativen Köpfe Samuel Simon und Marcel Ölschläger von „Kultur küsst Köln“. Dritte im Bunde ist Moderatorin Zare, die unter anderem bei Kölncampus aktiv ist. Daneben ist noch ein großes Team von Kameraleuten, Cuttern sowie Licht- und Tontechnik mit eingespannt. Ende Mai stand der musikalische Abend unter dem Motto „Der Beat muss Liebe machen“. Eingeladen waren drei junge Bands, die alle dem übergeordneten Thema „Elektronische Musik“ ihren Tribut zollten. Lavender, Le Seander und Moglebaum verwandelten die kleine Schreinerei, die der Besitzer Wilfried Nissing aus eigener Begeisterung für Kulturrförderung zur Verfügung stellt, in einen

Konzertsaal der besonderen Art. Die als letztes auftretenden Bandmitglieder von Moglebaum bauten ihr Set zum Beispiel auf der ausfahrbaren Säge der Schreinerei auf. Diese ragte dann wie ein langer Tisch über die volle Länge der Bühne hinaus. Währenddessen sitzen die Gäste entspannt auf Limonadenkisten, von wo aus sie dem Spektakel aus nächster Nähe zusehen und -hören. Es wirkt ein wenig wie ein Wohnzimmerkonzert – nur irgendwie noch besonderer. Wer gerade nicht der Musik oder dem Interview lauscht, kann draußen um ein Lagerfeuer sitzen und dem Sonnenuntergang zusehen. Zum Ende dieses Abends gaben alle Bandmitglieder gemeinsam noch eine ungeplante Zugabe zum Besten, die in eine spontane Kostprobe des Livesets von Moglebaum ausuferte. Der Beat erzeugte wahre Musikliebe und Tanzlust: Die Gäste schoben die Kisten einfach zur Seite und tanzten direkt vor der Bühne. Nach diesem improvisierten Extrakonzert von Moglebaum war die Stimmung auf Weitertanzen ausgerichtet und der DJ übernahm wie geplant das Ruder für die Aftershow Party. Stets am Sonntag nach der Veranstaltung wird die ganze Sendung von 16:00 bis 18:00 Uhr bei Kölncampus ausgestrahlt – eine gute Gelegenheit, um den Abend noch einmal Revue passieren zu lassen

© Samuel Simon

Franziska Kopp

Die Bands lassen sich nach dem Konzert noch zu einem interview auf der Couch nieder.


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Shakespeare trifft Tünnes & Schäl Studierende der Medienkulturwissenschaften haben in einem Seminar eine App zum Thema Shakespeare entwickelt.

© Gerrit Weber +

Pünktlich zum neuen Semester erwartet die meisten Studierenden erst mal ein dicker Papierstapel mit Texten, die es zu lesen gilt. Vor allem in den Geisteswissenschaften sind die Seminarthemen oft praxisfern und viel zu leselastig. Dass das nicht unbedingt so sein muss, bewiesen Masterstudierende des Instituts für Medienkultur und Theater in ihrem Projekt. Im Rahmen eines Seminars entwickelten sie die App „Will in Town“. Diese schickt die SpielerInnen auf eine virtuelle Schnitzeljagd auf die Spuren von Shakespeare durch die Kölner Altstadt. Die AnwenderInnen müssen im Verlauf des Spiels verschiedene Aufgaben absolvieren und Fragen zu Shakespeare beantworten. Für jede gelöste Hauptaufgabe erhalten sie einen virtuellen Knochen Shakespeares, den sie am Ende zu einem vollständigen Skelett zusammensetzen. Sind sie erfolgreich, können sie mit dem Poeten seinen 450. Geburtstag feiern. Bei der Lösung kleinerer Aufgaben erhalten die SpielerInnen die typisch kölschen

Kamelle, mit denen sie sich Antworthilfestellungen erkaufen können. Die beiden urkölschen Kultfiguren Tünnes und Schäl begleiten die SpielerInnen, stellen Fragen und geben Ratschläge. Das „Shakespeare Universum“ mit all seinen Figuren und Geschichten trifft hier auf die traditionsreiche kölsche Sagenwelt und beide vereinen sich auf der realen Spielfläche der Kölner Altstadt. Auch als Shakespeare-Neuling macht die Rallye auf jeden Fall großen Spaß. „Man muss nicht den Hamlet gelesen haben, um das Spiel gewinnen zu können“, sagt Gerrit Weber, einer der studentischen Programmierer. „Es ist auch so ein großartiges Spielvergnügen“. Ein Besuch in der Shakespeare-Ausstellung „A Party for Will“ im Kölner Museum für angewandte Kunst (MAKK) könne jedoch hilfreich sein, da einige der Exponate und Kunstwerke auch im Spiel aufgegriffen wurden, so Weber. Dadurch erlangen die SpielerInnen bereits vorab ein größeres Shakespeare-Wissen. Außerdem finden sie die „starre Kunst“ an

den Museumswänden anschließend auch in der virtuellen Welt des Spielens wieder. Den Impuls für dieses Seminar gab Peter W. Marx, Professor am Institut für Medienkultur und Theater. Das Projekt war von Anfang an auf zwei Semester angelegt. Was am Ende tatsächlich heraus kommen sollte, war zunächst aber noch sehr vage. Der Grundgedanke war es, die App begleitend zu der von Marx organisierten Shakespeare-Ausstellung im MAKK zu programmieren. Die 22 Studierenden trafen sich dann zu wöchentlichen Treffen und entwickelten eigenständig ein Konzept. Eine Gruppe beschäftigte sich mit der Narration, während eine zweite das Layout entwarf. Als drittes Team kamen die ProgrammiererInnen hinzu. Unterstützt wurden die Studierenden von Marx, seinem wissenschaftlichen Mitarbeiter Sascha Förster, sowie Professor Beil, alle vom Institut für Medienkultur und Theater. Für die technische, medieninformatische Seite erhielten die SeminarteilnehmerInnen Hilfe von Manfred Thaller, Professor für Historisch-Kulturwissenschaftliche Informationsverarbeitung. „Letztendlich haben die Studierenden aber eigentlich alles komplett selber gestemmt“, erklärt Weber. Das Rechenzentrum der Universität stellte den Server, dann konnten die Studierenden mit der praktischen Arbeit beginnen. Es war einiges an eigenem Lesen und Tüfteln von Nöten, denn für die Informatikstudierenden war eine App- Programmierung völliges Neuland, so Weber. Abgesehen von den Zeichnungen, die aus Federico Alvarez’s Feder stammen, Doktorand am Institut für Medienkultur, haben die ProjektteilnehmerInnen alle Arbeiten eigenständig durchgeführt. Für die Studierenden natürlich auch von großem Interesse: die Anrechnung. Der Kurs lässt sich im Master regulär als Hauptseminar mit 7 Credit

Mit IPhone und Co durch die virtuelle Shaekspeare-Landschaft.


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© Gerrit Weber

Bafög-Reform

Spielerin auf der Kölner Hohenzollern-Brücke.

Points werten. Doch hat sich der große Aufwand tatsächlich gelohnt? „Ja, definitiv“, sagt Weber. „Wenn man es in CP umrechnet sicherlich nicht, weil wir gerade von der technischen Seite sehr viel mehr Energie, Zeit und Aufwand hinein gesteckt haben als die CP letztlich repräsentieren.“ Jedoch sei dieses Projekt natürlich etwas, das man in den Lebenslauf schreiben könne. „ Außerdem ist es eine besondere Erfahrung gewesen und vor allem ein Teamprojekt, was man über ein Jahr getragen hat.“ „Will in Town“ ist ein lebendiges, praktisches Projekt mit Eigendynamik. An solch einem Seminar zeigt sich, dass Lernen an der Uni nicht nur „Texte lesen“ bedeuten muss. Auch wenn es gerade für die ProgrammiererIn-

nen nicht ganz ohne theoretische Wissensanreicherung durch Texte funktionierte, eine selbsterstellte und selbst programmierte App ist definitiv eine Hausarbeit der besonderen Art. Zusätzlich ist die App einer der anschaulichsten Beweise für die Verknüpfung der universitären Fächer Medienwissenschaften und Informatik beziehungsweise Management im BA- Verbundstudiengang. Sie steht aber auch beispielhaft für eine Kollaboration zwischen Universität, der theaterwissenschaftlichen Sammlung auf Schloss Wahn, (welche den Großteil der Exponate für die Ausstellung zur Verfügung gestellt hat) und dem kölner Museum für angewandte Kunst. Franziska Kopp

Die Ausstellung „ A Party for Will“ wird bis zum 27.Juli verlängert. Der Eintrittspreis liegt bei 6,50 Euro, ermäßigt 5 Euro. Außerdem ist ein Rahmenprogramm mit teils kostenlosen Führungen angeschlossen. Die App steht seit März 2014 kostenfrei für Apple und Android Smartphones zum Download bereit.

Ab 2015 übernimmt der Bund die gesamten Kosten für das Bafög und entlastet damit die Länder um jährlich rund 1,17 Milliarden Euro. Im Zuge dessen sollen zudem die Auszahlungen an Studierenden zum Wintersemester 2016/17 erheblich steigen. Details stehen jedoch bislang noch nicht fest. StudierendenvertreterInnen kritisieren die späte Abwicklung der Reform. Bisher trugen die Länder 35 Prozent der Kosten für das Bafög. Die zukünftig eingesparten Gelder müssen sie weiterhin in den Bildungssektor investieren. Um diese direkte, finanzielle Förderung zu ermöglichen, muss jedoch zunächst das Kooperationsverbot im Grundgesetz geändert werden. Es verbietet eine direkte Finanzierung von Bildungsprojekten auf Länderebene durch den Bund. Wie genau diese Änderung aussehen wird, steht ebenso noch nicht fest. Die Neuerungen werden sich jedoch vorerst nur auf Hochschulen und nicht auch auf andere Bildungsbereiche beziehen. (AF)

E-Studies Um die Online-Kompetenz von Studierenden und NachwuchswissenschaftlerInnen zu fördern, gibt es ein neues E-Learning-Angebot des Historischen Instituts der Philosophischen Fakultät. Es umfasst so genannte e-Tutorials zu den Hauptthemen Wissenschaftliches Recherchieren, Kommunikation und Publikationen im Netz. Zur Verfügung gestellt werden beispielsweise Tutorien zum Thema Recherche, Quellenarbeit, Archivarbeit und Quelleneditionen. Masterstudierende können sich außerdem in offenen und geschlossenen Online-Foren mit anderen HistorikerInnen austauschen. Dort stehen auch aktuelle Informationen und Termine des Historischen Instituts für die User bereit. Auf der Website können die NachwuchswissenschaftlerInnen zudem ihre Forschungsergebnisse veröffentlichen. (SW)


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Die Farbe dieser Erde ist grün Ecuadors Präsident Rafael Correa will einen Konzern im Yasuni Nationalpark nach Öl bohren lassen – und nimmt die Zerstörung der Natur dafür in Kauf.

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Der Amazonas-Regenwald ist faszinierend. Bunte Schmetterlinge tanzen von einer exotischen Blume zur nächsten. Einzigartige Vögel fliegen über die Baumkronen und bauen ihre Nester in ihnen. Er hat tausend unterschiedliche Grüntöne. Doch wahrscheinlich wird es dies alles nicht mehr lange geben. Denn Unternehmen und Staatschefs versuchen ihre Kasse durch den Abbau von Ressourcen in dem riesigen, tropischen Gebiet aufzubessern. Mit Dämmen zum Beispiel, wie in Brasilien. Im Falle Ecuadors mit Öl. Sehr viel Öl liegt unter dem Boden des Waldes, mit dem Milliarden gemacht werden können. Große Teile des AmazonasRegenwalds, genauer des Yasuni Nationalparks in Ecuador, würden durch Ölbohrungen zerstört werden. Das Unternehmen, das hier nach Öl bohren will, ist Chevron Corporation. Einer der größten Ölkonzerne weltweit, der schon 2001 in einer Region in Ecuadors Regenwald eine

Welle der Zerstörung hinterlassen hat. Wie die Umweltorganisation Amazon Watch schilderte, würden durch die Ölförderung im Yasuni Nationalpark 400 Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Luft gestoßen werden. Das Öl würde den Boden, die Luft und die Flüsse verpesten – giftiges, krebserregendes Wasser, das getrunken werden würde. Indigene Völker, wie die Tagaeri und Taromenane, die in diesem Gebiet in absoluter Isolation leben, würden ihre Heimat verlieren. In so einer Gegend mit einer unglaublichen Artenvielfalt nach Öl zu bohren, hieße nicht nur, dass die meisten Arten aussterben würden. Durch die riesige Menge an Kohlendioxid, die ausgestoßen würde, wäre die Ölbohrung auch katastrophal für den Klimawandel. Denn die Bäume des Amazonas produzieren lebenswichtigen Sauerstoff. Viele Umweltorganisationen wie Amazon Watch und Yasunidos setzen sich für den Yasuni Nationalpark ein und wollen die Erdölerschließung

verhindern. Sie riefen Petitionen ins Leben, die Menschen aus aller Welt unterschrieben, und organisierten Demonstrationen. Um ein nationales Referendum zu erzwingen, werden Unterschriften von 5 Prozent der ungefähr 14 Millionen EinwohnerInnen Ecuadors benötigt – das sind rund 600.000 Stimmen. Yasunidos sammelte Anfang 2014 über 850.000! Im Prinzip wäre das ein riesiger Erfolg für die EcuadorianerInnen und vor allem die indigenen Völker. Doch Präsident Correa erkannte nur 359.762 der gesammelten Unterschriften an. Somit hat er de facto den Nationalpark zur Ölbohrung freigegeben. Yasunidos wirft der Regierung Betrug vor und wird weiter für Yasuni kämpfen. Damit sich die Erde nicht schwarz färbt, sondern grün bleibt. Vera Kleinken Der bedrohte Yasuni-Nationalpark.


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Tierisch guter Kaffee Durch eine kleine Holzschleuse gelangen Gäste ins gemütliche Café Schnurrke. Dort erwartet sie Katze Emma, die gerne mal zur Begrüßung um die Beine der Gäste herumstreift. Das Café Schnurrke ist das erste Katzencafé in ganz Nordrhein-Westfalen. Seit Januar ist die Stadt Köln um diese neuartige Attraktion reicher. Das Konzept: Hier teilen sich die CaféBesucherInnen den Gastraum mit vier Katzen. Die Idee stammt aus Taiwan, wo Ende der Neunziger Jahre die ersten Katzencafés entstanden, nachdem einige Gastronomen Straßenkatzen bei sich aufgenommen hatten. Neugierig sind alle vier Katzen, die im Café Schnurrke zu Hause sind, nur sehr zutraulich sind sie nicht. Auf dem Schoß gekuschelt wird meist nur mit bekannten Gesichtern und Stammgästen. Aber das macht überhaupt nichts, denn den Gästen wird viel Unterhaltung geboten: Tiga, Betty, Gino und Emma tollen herum, spielen miteinander, jagen Bällen hinterher und laufen neugierig durch das Café. Vor allem Emma und Tiga tapsen unter den Holztischen und Stühlen umher, schnuppern neugierig an den Gästen und springen einem mit etwas Glück auf den Schoß. Gino, der einzige Kater, schläft meist den ganzen Tag, lässt sich auf dem Retro-Sofa kraulen und schnurrt genüsslich.

© Sabrina Wirth

Das erste Kölner Katzencafé am Hansaring bietet seinen Gästen neben Kaffee, Tee und Co auch die Gesellschaft von vier ehemaligen Straßenkatzen.

„Eine Portion Schmusen und einen Kaffee, bitte!“ - das gibt‘s im Café Schnurrke

Der Besitzerin des Cafés, Sabrina Szabo, ist es wichtig, ein schönes Miteinander zwischen Mensch und Tier zu schaffen, bei dem sich sowohl die Katzen, als auch die Gäste ihre Portion Kuscheln und Schmusen abholen können. „Ich wünsche mir, dass das Café ein Treffpunkt für alle KatzenliebhaberInnen ist“, sagt Szabo. „Ein Ort, an dem Katzen-Fans, vor allem Leute die sich selbst keinen Vierbeiner halten können oder dürfen, ein wenig Liebe tanken können“. Tiga, Betty, Gino und Emma sind Straßenkatzen. Sie stammen aus einem spanischen Tierheim. Szabo hat

die vier Katzen bei sich aufgenommen und gibt ihnen mit ihrem Café ein dauerhaftes Zuhause. Sie können sich Tag und Nacht frei in den Räumlichkeiten bewegen, ihnen stehen auch ein Außengehege im Innenhof und ein privater Raum, der nicht für Gäste des Cafés zugänglich ist, zur Verfügung. Nur in die Küche dürfen die Vier aus hygienischen Gründen nicht. Angeboten werden neben der Bespaßung durch die Katzen auch Kuchen, Kaffee, alkoholfreie Getränke und vegetarisches Essen. Die meisten Getränke werden in einem Becher mit Strohhalm serviert, damit sie vor Katzenhaaren geschützt sind. Das Café ist liebevoll eingerichtet, mit Heften und Büchern zum Thema Katzen, klassischen Holzmöbeln und einer Retro-Sofaecke. In der Mitte ist genug Platz und Spielzeug für die Katzen. An der Wand verläuft eine HolzLaufbahn, damit die Katzen mehr Platz zum Herumstreunen haben. Für alle KatzenliebhaberInnen ist ein Besuch beim Café Schnurrke ein Muss. Vier süße, verspielte Kätzchen, eine leckere Auswahl an Speisen und Getränken und ein kompetentes und freundliches Personal sorgen dafür, dass man sich rundum wohl fühlt und vielleicht ein neues Stammcafé gefunden hat. Sabrina Wirth


aufgeblättert

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In Street Art Cologne stellt Anne Scherer die Kölner Street Art-Szene vor.

Street ��������������������������������� Art boomt. Immer mehr Menschen sind von ihr fasziniert. Banksy, der britische Künstler, der auf der ganzen Welt illegal Wände mit politischen Statements bemalt, ist schon lange Held von Vielen. Häuserwände in Großstädten werden immer häufiger bunt bemalt. Aber es gibt auch kleinere Kunstwerke, die kaum auffallen, wie Sticker oder auch Stencils - Graffitis, die mit Schablonen auf Wände gesprüht werden. All das ist auch in Köln zu finden. Ihre Wurzeln hat die Street Art im Graffiti. Oftmals beginnen StreetArt-KünstlerInnen ihre Karriere in der Graffitiszene und entwickeln sich von da aus weiter. Aber immer noch benutzen Street-Art-KünstlerInnen hauptsächlich Sprühdosen und immer noch ist die Street Art illegal. 2011 und 2013 fand das CityLeaks Festival in Köln statt. Es bot KünstlerInnen aus aller Welt eine legale Plattform, riesige Häuserwände zu gestalten. Das Interesse der KölnerInnen am Festival war so groß, dass sogar Fahrrad-Führungen abgesagt werden mussten: Zu viele TeilnehmerInnen hatten den Verkehr in Ehrenfeld blockiert.

© Sasha Kisselkova

Kunst auf zweiten Blick

Lady Diana als Banksys Mutter.

Jetzt hat Anne Scherer, die das erste CityLeaks Festival kuratiert hat, ein Buch veröffentlicht, indem sie Werke und KünstlerInnen vorstellt: Street Art Cologne. Im Rahmen der Buchveröffentlichung fanden eine erfolgreiche Vernissage in Scherers Galerie „Die Kunstagentin“ (Maastrichter Straße 26) statt sowie Führungen durch Kölner Viertel. Das Buch gibt eine informative Einleitung in das Thema Street Art und erklärt die verschiedenen Techniken, die die KünstlerInnen benutzen. Vor allen Dingen aber führt

Scherer im Buch mit Hilfe von Straßenkarten, Bildern und Texten durch Köln. Auch wenn kein Vorwissen über Street Art besteht, bereitet das Buch große Freude. Es inspiriert die LeserInnen zur Auseinandersetzung mit dem Thema und lädt zum Spaziergang durch Köln ein. So kann sich jeder selbst ein Bild von dieser vielfältigen Kunst machen, die überall zu entdecken ist. Vera Kleinken Scherer, Anne: Street Art Cologne, KiWi, Köln 2014. 192 Seiten, 19,99 Euro.

„Street Art steckt noch in den Kinderschuhen“ Philtrat-Redakteurin Vera Kleinken führte anlässlich des Erscheinens von Street Art Cologne ein Interview mit der Herausgeberin Anne Scherer. Bevor du im Kunstbereich angekommen bist, hast du in der Rechtsabteilung einer Aktiengesellschaft und dann in einer Eventagentur gearbeitet. Wie bist Du zur Kunst gekommen und warum ausgerechnet zur Street Art? Scherer: Bei der Kunst war ich eigentlich zuallererst. Ich bin in einer Kunstfamilie aufgewachsen. Meine Oma war Künstlerin, mein Vater Kunstsammler und irgendwie hat Kunst in unserer Familie immer eine Rolle gespielt. In unserem Haus sind Künstler ein und ausgegangen und haben immer die interessantesten Geschichten erzählt. Ich fand das als Kind immer total faszinierend. Künstlerin zu werden, wie meine Oma, wollte ich aber schon damals nicht. Das Dahinter

fand ich immer schon spannender. Als ich für die Aktiengesellschaft gearbeitet habe, ist mir schnell klar geworden, dass mir das zu unkommunikativ war. So bin ich dann in eine Eventagentur gegangen, bis ich dann von einem Schweizer Kunstsammler abgeworben wurde. Der hatte ein Kunstmagazin gekauft, das sich nur der Street Art widmete. Das war für mich die Eintrittskarte in diese Szene. Ich war oft mit den Künstlern unterwegs und habe so andere Künstler kennengelernt. Durch die lange Zeit beim Magazin und durch die ganzen Kontakte hat sich dann ergeben, dass ich das CityLeaks Festival 2011 [in Köln] kuratiert habe. So kam das eine zum anderen, aber wo genau es angefangen hat, kann ich gar nicht genau sagen.

Woher kam die Idee, ein Street Art Cologne Buch rauszubringen? Scherer: Die Idee, zum Thema Street Art was zu schreiben, hatte ich schon lange, aber ich habe mich nie so richtig getraut. Der glückliche Zufall war, dass im Kiepenheuer & Witsch Verlag eine sehr kunstaffine Redakteurin sitzt, die das Thema vorgeschlagen und sich mit mir in Verbindung gesetzt hat. Ich denke, dass Street Art ein Thema ist, das wirklich zu mir passt und worüber ich auch viel sagen kann. Ich hatte nur ein paar Vorgaben, aber vor allem sollte das Buch Spaß bringen. Beide Seiten sind total glücklich, weil es eine total schöne Zusammenarbeit war. Ich würde es jederzeit wieder machen.


philtrat 107 Woher hast Du dein ganzes Wissen über die verschiedenen Techniken, die Street Art-KünstlerInnen benutzen? Scherer: Das bekommt man ja automatisch mit, wenn man sich damit beschäftigt. Wenn man sich viel mit Künstlern unterhält, erfährt man, wie die Arbeiten entstehen. Oftmals kann man auch dabei zuschauen. Je mehr man sich mit dieser Szene beschäftigt, desto mehr will man auch wissen: Wie arbeitet der Künstler? Welche Idee und Technik steckt dahinter? Und so eignet man sich das Wissen einfach an ohne dass man es merkt, einfach weil es einen begeistert. In welche Stadtteile gehst du gern auf die Suche nach neuen Arbeiten? Scherer: In Köln gibt es ein paar Hotspots wie das Belgische Viertel oder Ehrenfeld, an denen fast täglich etwas

aufgeblättert Neues entsteht. Dann gibt es Stadtteile, die sind völlig clean und das ist auch gut so, weil es da vielleicht gar nicht hinpasst. In der Innenstadt findet man selten Street Art, aber wenn, dann sind das oft sehr gute Arbeiten. Die entdeckt man erst auf den zweiten oder dritten Blick, wie zum Beispiel die Kacheln von Invader. Seit 2011 hast du deine eigene Galerie „Die Kunstagentin“. Findet man in deiner Galerie nur Kunst aus der Street Art Szene oder auch andere? Scherer: Ich stelle zeitgenössische Kunst aus und arbeite mit KünstlerInnen, deren Wurzeln in der Street-ArtSzene liegen. Somit liegt der Schwerpunkt auf jeden Fall in der Street Art. Ich glaube, dass es eine außergewöhnliche Kunstrichtung ist, die jetzt noch in den Kinderschuhen steckt, aber sehr gro-

seite 11 ßes Potential hat. Die Anerkennung im Kunstmarkt ist im Moment noch durchwachsen. Es gibt Stimmen, die sagen, dass die Street Art den Kunstmarkt revolutioniert, und andere, die die Kunstrichtung nicht akzeptieren. Das ist auch nicht verwunderlich, denn alles Neue wird im etablierten Kunstmarkt erst mal abgelehnt. So erging es auch den Pionieren des Expressionismus oder der Pop Art. Aber gerade in der Kunst gibt es zum Glück keinen Stillstand und mit jeder Generation bilden sich neue Künstlerszenen, die jeweils ihren eigenen Zeitgeist transportieren. Vielen Dank für das Interview!

Der Debütroman von Graeme Simsions erobert die Buchwelt

Mit dem Fragebogen zur perfekten Ehefrau Ein Genetikprofessor doziert über das Asperger Syndrom in wissenschaftlich höchster Versiertheit, ohne seine eigene Disposition zu erkennen. Er tappt so ziemlich in jedes soziale Fettnäpfchen, das die menschliche Interaktion zulässt. Der schönsten Frau, die man je gesehen hat, antwortet man auf die Frage, ob man sie attraktiv finde, eher nicht: „Das habe ich noch nicht bedacht“. Don Tillmann schon. Professor Dr. Don Tillmann identifiziert sich als ein völlig normales, jedoch hochintelligentes, strukturiertes und höchst effizient lebendes menschliches Individuum. Der Protagonist hat einen festgelegten Speiseplan für jeden Wochentag, damit er keine Zeit bei der Auswahl eines Gerichtes oder mit unkoordinierten Zubereitungsabläufen während des Kochvorgangs verliert. Dons Leben läuft so logisch ab, da bekommt das Wort ALLTAG eine ganz neue Bedeutung. Doch was zur totalen Perfektion noch fehlt, ist eine Ehefrau. Deswegen startet er pragmatisch und mit wissenschaftlichem Eifer das Ehefrauen-Projekt, um eine geeignete Partnerin für Tisch und Bett zu finden. Um die Fehlerquote von ungeeigneten Frauen und unökonomischen Dates von Anfang an so gering wie möglich zu halten, plant er, die in Frage kommenden Kandidatinnen mittels eines Fragebogens im Vorhinein auf ihre

Kompatibilität zu prüfen. Um sie dann im Anschluss der persönlichen Examinierung zu unterziehen. Doch wider Erwarten läuft plötzlich alles ganz anders: denn dann kommt Rosie. Rosie, die so ganz und gar nicht Dons Vorstellungen von einer passenden Ehefrau entspricht, versucht ihren biologischen Vater ausfindig zu machen und benötigt dafür die Genetik-Kenntnisse von Don Tillmann. Das „VaterProjekt“, nimmt seinen Lauf. Mit Rosie weichen jegliche Strukturen aus Dons Leben und sein Terminplan verwandelt sich plötzlich in das ganz normale Chaos namens Leben. Mit trockenem Humor und viel Situationskomik, die größtenteils der sozialen Inkompetenz des Protagonisten geschuldet ist, erzählt Graeme Simsion wie das Leben des Don Tillmann gehörig auf den Kopf gestellt wird. Was für die Hauptfigur purer Ernst ist, ist für die LeserInnen zum Brüllen komisch. Man fühlt sich durch den Sprachrhythmus in das ständig ratternde Hirn des Protagonisten versetzt und kann durch die präzise Wortwahl des Autors Dons Innenwelt nachempfinden. Ein wortgewandter und aberwitziger Sheldon Cooper der Literatur, der ohne lästig zwischengeschaltete Publikumslacher und Werbepausen auskommt und dafür die eigenen Bauchmuskeln an-

Simsion, Graeme: Das Rosie-Projekt, Fischerverlag Krüger, Frankfurt am Main 2013. 352 Seiten, 18,99 Euro.

strengt, Lachfalten fördert und Mundwinkel schmunzeln lässt. Auch wenn der Verlauf der Geschichte zum Teil recht absehbar ist und den allgemeinen Regeln einer Liebeskomödie auf Umwegen folgt, ist dieser Roman doch originell und eine leichte, freudige Sommerlektüre. Franziska Kopp


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panorama

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Street Art in Köln I

© Vera Kleinken

Überwacht am Bahnhof Ehrenfeld

Das Kunstwerk „Surveillance of the fittest“ der Künstlergruppe Captain Borderline am Bahnhof Ehrenfeld soll das Überwachungssystem der N.S.A. verbildlichen. Es erfuhr auch international Beachtung.

Termine Haiti – Vor und nach dem Erdbeben

Der Kölner Verein „Lespwa e.V. – Hoffnung für Kinder in Haiti“ zeigt vom 24. Juni bis zum 14. Juli eine Ausstellung des Fotografen Frank Domahs über seine Besuche in Haiti. Die Fotografien sind im Allerweltshaus (Körnerstr. 7779) zu sehen.

Köln im Lichterrausch

Am 19. Juli lockt zum 14. Mal das Feuerwerk der Kölner Lichter. Unter dem Motto „Tanzbar! – Die wilden 70er“ leiten ab 20:15 Uhr Guildo Horn und weitere MusikerInnen den Abend am Tanzbrunnen ein, bevor um 23:30 Uhr das musiksynchrone Feuerwerk startet. Eintritt frei, Anreise vor 20 Uhr empfohlen.

Street Art in Köln entdecken

Hörsaal-Slam

Pützchens Markt Bonn

Kölner Zootag

Bis zum 31. Juli zeigt die Galerie „Die Kunstagentin“ (Maastrichter Str. 26) Kölner Straßenkunst. OrganisatorInnen des Street-Art-Festivals CityLeaks führen außerdem noch einmal zu urbanen Kunstwerken in einzelnen Veedeln. Der Preis liegt bei 7,50 Euro, Termine unter www.cityleaks-festival.com. Vom 12. bis zum 16. September 2014 findet erneut der traditionsreiche Pützchens Markt auf den Marktwiesen in Bonn statt. Auf rund 80.000 Quadratmetern bieten 550 SchaustellerInnen ihren BesucherInnen ein abwechslungsreiches Kirmesprogramm. Der Eintritt ist frei.

Am 22. Oktober 2014 veranstaltet Campus Grün den ersten Kölner Hörsaal-Slam. Mit dabei sind die aus dem Blue Shell bekannten Poetry-Slammer Sven Hensel und Zwergriese. Interessierte Nachwuchstalente können mit Campus Grün über ihre Facebookseite Kontakt aufnehmen. Der Eintritt ist frei.

Am 28. September öffnet der Zoo seine Pforten und man kann spannende Einblicke in das tierische Treiben hinter den Kulissen gewinnen. Die BesucherInnen können zum Beispiel die Futterküchen der Tiere erkunden oder mit den PflegerInnen die Elefantenboxen besichtigen.


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