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nummer 106 mai/juni 2013

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philtrat

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Zeitung der Studierendenschaft der Philosophischen Fakultät der Uni Köln

Ausgewechselt Neue Koalition im Allgemeinen Studierendenausschuss: Während die Unabs in den AStA zurückkehren, rutscht Campus:Grün in die Opposition. Kant zum Selbermachen

cbn www.flickr.com/people/davidgsteadman

»Philosophiert frei« ist das Prinzip und auch der Titel der von der Fachschaft Philosophie organisierten Abende, an denen Studierende am Rednerpult stehen und selbst philosophieren. Wie das funktioniert steht auf Seite 3

Café Babylon Die Sprachenstammtische des Studentenwerks machen das Sprachenlernen im wahrsten Sinne des Wortes unterhaltsam und bringen MuttersprachlerInnen und Interessierte an einen Tisch Seite 4

Perfekter Schuss Wechsel im AStA: Ende für die Links-Koalition.

Nachdem die Wahlen zum Studierendenparlament (SP) im Dezember unklare Mehrheiten vorgebracht hatten, schien es erst, als würde sich die Koalitionsbildung länger hinziehen. Anders als erwartet, fand sich jedoch schnell eine Koalition aus den Unabhängien, der Juso-Hochschulgruppe, der Freien Tunten Partei (FTP)/Rosa Liste und der Liste Die Liste, um den neuen AStA zu stellen. Die befürchtete Pattsituation stellte sich nicht ein. Dabei gelang den Jusos das Kunststück, als einzige Liste im ehemaligen AStA einen Sitz im SP zu verlieren und dennoch weiterhin im AStA vertreten zu sein. Für Campus:Grün kommt das Verhalten der Jusos wenig überraschend. Diese würden Weg des geringsten Widerstandes wählen, so Jonas Thiele.

Campus:Grün selbst hatte eine Koalition mit den Unabhängigen von vornherein ausgeschlossen. Ihre WählerInnen würden sie auch als bewusstes Gegenkonzept zu den Unabhängigen wählen und daher wäre eine Koalition mit eben diesen für sie undenkbar. Die Jusos betonen hingegen, dass sie sich auch eine andere Konstellation hätten vorstellen können. Sie sehen sich selbst nicht als Auslöser für das Scheitern der Gespräche. Die Spannungen zwischen den anderen, an den Gesprächen beteiligten, Gruppen sei jedoch zu groß gewesen. »Die eine Liste wollten nicht ohne die andere, dafür dann die wiederum nicht mit einer weiteren«, erklärt Patrick Schnepper von der JusoHochschulgruppe. Fortsetzung auf Seite 2

Kyudo, die Kunst des japanischen Langbogenschießens, ist um einiges weniger bekannt als Judo oder Karate. Dabei ist das Training perfekt, um sich in Konzentraion, Ausdauer und Geduld zu üben. Seite 5

Museum mal anders Im Museum Ludwig gibt es Kunst zum ansprechen, zumindest fast. Bei den Kunstdialogen erklären Studierende die ausgestellte Kunst. Sie lernen in einer Aubsildung zuvor die Basics der Kunstvermittlung. Seite 6 und 7


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Fortsetzung von Seite 1 Trotz des Wechsels im AStA wird sich vorerst für die Studierenden nicht viel ändern. Erfolgreiche Projekte wie die Fahrradwerkstatt werden fortgesetzt werden. Auch ansonsten werden viele langjährige Projekte weiter fortgeführt. Das »festival contre le racisme« und die Aktionstage gegen Seximus und Homophobie etwa. Am Projekt des Campusgarten ist die Studierendenvertretung ebenso weiterhin beteiligt. Das Ökologierefrat selbst wurde allerdings wieder abgeschafft. Doch nicht nur das sorgt für Kritik aus Reihen der neuen Opposition: »Was uns allerdings fehlt ist eine ökologische Einstellung im Gesamt-AStA und die politische Arbeit zu ökologischen Themen«, sagt Anne Wiemers von Campus Grün. »Unser ökologisches Verständnis beinhaltet nicht nur Service-Leistungen, sondern auch politische Auseinandersetzung«, so Anne Wiemers weiter.

Die Unabhängigen wehren sich gegen den Vorwurf, eine unpolitische Hochschulgruppe zu sein. »Manche Leute verwechseln halt unpolitisch mit undogmatisch«, so der neue erste AStA-Vorsitzende Adrien Rist. »Wir sind nicht unpolitisch, nur weil wir unseren Fokus auf Hochschulpolitik legen.« Neben dem ersten Vorsitz kommen auch der Finanzreferent, der Öffentlichkeitsreferent so wie die Fachschaftsreferentin von den Unabhängigen, die mit 20 Sitzen die größte Hochschulgruppe im Studierendenparlament darstellen. Der zweite Vorsitzende, sowie das Politikreferat und das Sozialreferat werden von den Jusos gestellt. Die FTP/Rosa Liste stellen den Referenten für Wissenschaftskontroverse und Diversity und treten damit die Nachfolge des Referats für Kritische Wissenschaft und Antidiskriminierung an.

Auch wenn Campus:Grün nicht mehr im AStA vertreten ist, wollen sich die Mitglieder nicht nur auf Kritik im SP beschränken. »Gemeinsam mit den kritischen Medizinstudierenden und Oikos planen wir Aktionstage zum Klimawandel«, kündigt Max Derichsweiler an. »Außerdem werden wir die Jubiläumsfeiern der Uni kritisch begleiten und uns weiterhin mit Gesetzgebungsprozessen in der Landespolitik auseinandersetzen«, sagt Max Derichsweiler. Der AStA hat derweil die Arbeit aufgenommen und Themen wie den doppelten Abiturjahrgang und den knappen Wohnraum für Studierende im Blick. Dabei läuft die Arbeit trotz der vielen Hochschulgruppen sehr harmonisch, wie auch Adrien Riest bemerkt: »Ich habe, was die zukünftige Arbeit angeht, ein sehr positives Bauchgefühl.« Peter Hacke


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Frei philosophieren Es ist Donnerstagabend, halb acht. Die Vorlesungen sind vorbei und die meisten Studierenden machen sich auf den Weg nach Hause, begeben sich in eine Bar oder betätigen sich sportlich. Ein Seminarraum im Hauptgebäude füllt sich jedoch zunehmend mit Studierenden. Niemand hat Papier und Stift vor sich liegen, es geht keine Anwesenheitsliste herum. Die Stimmung ist gelöst, die Studierenden unterhalten sich angeregt und erwarten gespannt die Vorträge ihrer KommillitonInnen. Viermal im Semester organisiert die Fachschaft Philosophie den Vortragsabend »Philosophiert frei!«. Dort treffen sich Studierende fern von DozentInnen, ProfessorInnen, Scheinerwerb und Credit Points und diskutieren ohne Leistungsdruck über philosophische Themen. Frei nach dem Motto »Jeder kann, keiner muss« können Studierende aller Fachrichtungen an diesen Veranstaltungen teilnehmen, selbst vortragen oder einfach nur mitdiskutieren. Während vorne im Raum noch schnell ein Rednerpult aufgebaut wird, ebbt das Stimmengewirr langsam ab. Richard Iniengo von der Fachschaft für Philosophie begrüßt die Anwesenden und erläutert den Ablauf des Abends. Kurz darauf beginnt der erste Redner des Abends, Artur Schönhütte, seinen Vortrag über »Wissenschaftsgläubigkeit und Kreationismus«. Die Studierenden lauschen. Als der Vortrag endet klopfen sie auf die Tische. Dann ist der Respondent Peer Schittenhelm an der Reihe. In einigen Dingen stimmt er

cnb flickr.com/people/paullew

Die Fachschaft Philosophie organisiert regelmäßig einen Vortragsabend, bei dem Studierende über philosophische Themen diskutieren.

Es müssen nicht immer alte Herren sein: Philosophie-Studierende legen selbst los.

seinem Kommilitonen zu, in anderen widerspricht er. Die HörerInnen folgen der Diskussion gespannt, an manchen Stellen schmunzeln sie, nicken zustimmend oder schütteln die Köpfe. Nun kann Artur Schönhütte antworten und auch alle anderen können in die Diskussion einsteigen. »Die Hemmschwelle etwas zu sagen, ist nicht so hoch«, erklärt Björn Birkenbeil. Der Philosophie- und Geschichtsstudent empfindet die Atmosphäre sehr angenehm und entspannter als in einem Seminar. Im Anschluss an den Vortrag lassen die Studierenden den Abend gemütlich bei einem Glas Wein und Knabbereien ausklingen. Der philosophische Vortragsabend orientiert sich am Format der Reihe »Philosophie kontrovers«, bei dem

ProfessorInnen Vorträge über philosophische Themen halten und gemeinsam diskutieren. Bei Philosophiert frei! sind es dagegen die Studierenden selbst die Themen nach ihrem Interesse auswählen und vortragen. Die Veranstaltungsreihe habe es früher schon einmal gegeben, erklärt Fachschaftsmitglied Richard Iniengo. Nach einem Wechsel in der Besetzung sei die Fachschaft seit dem vergangenen Sommersemester darum bemüht, das Vortragsforum wieder auszubauen. Mit einem Abstract können sich Interessierte bei der Fachschaft für einen Vortrag anmelden. »Im Prinzip kommt alles in Frage, was philosophisch angehaucht ist.« Sabrina Schmidt

Impressum philtrat – Die Zeitung der Studierendenschaft der Philosophischen Fakultät wird vom SprecherInnenrat der Philosophischen Fakultät (Phil-SpRat) herausgegeben.

(HLH, V.i.S.d.P.), Anna Hölscher (AH), Fatima Khan (FK), Vera Kleinken (VK), André Patten (PAT), Anna Pavani (AI), Sabrina Schmidt (SAS), Christoph Wegener (CW).

Redaktion: Johanna Böttges (JB), David Fesser (DF), Melanie Fuchs (MF), Julia Groth (JG), Peter Hacke (PH), Julia Haas (JH), Hanna-Lisa Hauge

Mitarbeit: Patrick Gomolka (PG). Redaktionsschluss nächste Ausgabe: 30. Mai 2013.

Redaktionsadresse: philtrat, c/o Phil-SpRat, Universitätsstr. 16, 50937 Köln. Fon: (0221) 470-26 20, (0221) 470-26 11, Fax: (0221) 41 33 18. E-Mail: philtrat-red@uni-koeln.de. Layout und Satz: Carolin Wedekind, die Redaktion. Druck: Verlag Neuer Weg, Essen. Auflage: 2000.


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Gang durch die Uni XXVIII: Sprachenstammtisch Café Babylon

Bombenentschärfung auf Englisch Betritt man an einem Mittwochabend im Semester die Campuslounge im Erdgeschoss der Hauptmensa, kommt einem ein Stimmengewirr aus verschiedenen Sprachen entgegen: französische, englische, spanische, portugiesische, italienische und deutsche Wortfetzen klingen wild durcheinander. Der Grund: die Sprachenstammtische des Café Babylon, die vom Kölner Studentenwerk organisiert werden. Rund 70 Studierende und MitarbeiterInnen der Kölner Hochschulen verteilen sich auf sechs Tische, die von Studierenden in ihrer Muttersprache geleitet werden. Am englischen Stammtisch herrscht an diesem Abend Aufregung: »I’ve been evacuated!«, erzählt eine Studentin aufgebracht. Aufgrund eines Bombenfunds im Severinsviertel mussten alle AnwohnerInnen ihre Wohnungen verlassen. Rasch mischen sich die anderen TeilnehmerInnen ins Gespräch ein. Ungefähr 15 sprachbe-

geisterte Studierende aus verschiedenen Fachrichtungen sitzen zusammen an dem großen Tisch, um ihre Englischkenntnisse anzuwenden und auszubauen. Eine Bombenentschärfung auf Englisch zu diskutieren, ist jedoch gar nicht so einfach. Glücklicherweise ist Megan da. Sie moderiert den englischen Stammtisch bereits seit drei Semestern. Ein Teilnehmer bezeichnet die gebürtige Amerikanerin scherzhaft als »mighty boss«. Diese Beschreibung trifft auf die quirlige Studentin jedoch nicht zu. Sie unterhält sich angeregt mit den TeilnehmerInnen, beantwortet Fragen zur richtigen Aussprache und sorgt für gute Laune. Zwischendurch ruft sie immer mal wieder den ModeratorInnen der anderen Stammtische etwas zu. Die Atmosphäre im gesamten Café Babylon ist ungezwungen und freundschaftlich. »Der Vorteil am Café Babylon ist, dass es keine Gesprächsvorgaben oder lang-

weilige Grammatikstunden gibt«, sagt Megan. »An einem Tisch spielen sie mal Tabu, am anderen wird über Politik oder Filme geredet.« Fragen bezüglich der Sprache oder Grammatik werden im Gespräch geklärt. Ruth Schamlott ist als Referentin für Kultur und Internationales im Kölner Studentenwerk für das Café Babylon zuständig. Im April 2009 hat sie die Fremdsprachenstammtische erstmals angeboten. Das Angebot kommt gut an – nur den chinesischen Stammtisch musste sie einstellen, da das Angebot nicht auf genügend Nachfrage stieß. Insbesondere die Sprachen Englisch, Französisch und Deutsch sind sehr beliebt. Viele internationale Studierende besuchen den deutschen Stammtisch, da sie neben dem Sprachaustausch auch neue Kontakte knüpfen können. Diesen sozialen Aspekt findet Ruth Schamlott besonders wichtig: das Café Babylon soll ein Treffpunkt für Studierende sein. Deswegen veranstaltet sie auch jedes Jahr im Dezember eine Weihnachtsfeier im Café Babylon. In Zukunft soll das Fremdsprachenangebot weiter ausgebaut werden. Ruth Schamlott wünscht sich, dass zumindest eine osteuropäische Sprache in das Café Babylon aufgenommen wird. Zudem gibt es im Studentenwohnheim Hürth-Efferen weitere Stammtische mit den Sprachen Englisch, Deutsch und Spanisch. Jeden zweiten Donnerstag im Monat können Bewohner des Studentendorfs von 17.30 Uhr bis 20.30 Uhr ins Efferino kommen. Das Café Babylon in der Campuslounge ist mittwochs von 18 Uhr bis 21 Uhr für alle Studierende und MitarbeiterInnen der Kölner Hochschulen offen.

© Kölner Studentenwerk

Melanie Fuchs

Café Babylon: Hier unterhalten sich Studierende ungezwungen und in freundlicher Atmosphäre in Fremdsprachen.


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Volle Konzentration

Amazon-Skandal

© Christoph Wegener

Wer Geduld und eine ruhige Hand hat, kann beim Campussport die japanische Sportart Kyudo lernen

Es müssen nicht immer alte Herren sein: Philosophie-Studierende legen selbst los.

Die Augen auf das Ziel am anderen Ende der Halle gerichtet, spannt Helgard Rome die Sehne ihres Bogens. Ihre ganze Konzentration gilt in diesem Moment dem Schuss. Der Pfeil löst sich und schlägt in eine kleine Scheibe ein, die auf der gegenüberliegenden Seite der Turnhalle platziert wurde. Auch der zweite, dritte und vierte Bambuspfeil verfehlt sein Ziel nicht. Kein Wunder, schließlich übt sich die Trainingsleiterin schon seit über 30 Jahren in der Kunst des japanischen Bogenschießens, dem Kyudo. Vor über 800 Jahren im Reich der aufgehenden Sonne entwickelt, verlangt das Training mit dem Langbogen vor allem Selbstdisziplin und höchste Konzentration. Jeder der acht Bewegungsabläufe vor dem Abschuss des Pfeils ist genau festgelegt. Das Treffen des Ziels ist dabei zweitranging. Anders als beim europäischen Bogenschießen muss man erst die verschiedenen Abläufe beherrschen, bevor man auf große Distanz schießen darf. »Viele kommen zum Training und erwarten, dass sie direkt mit dem Bogen schießen können«, erklärt Trainer Sebastian Nippold. »Aber die Bewegungsabläufe beim Kyudo sind sehr komplex und können nicht in drei Wochen erlernt werden.« Als AnfängerIn übt man deshalb zuerst mit einem Gummizug das Spannen des Bogens und schießt danach aus zwei Metern Entfernung auf einen Strohblock. Erst wenn man die richtige Körperhaltung und die Bewegungen verinnerlicht hat, kann man sich an der exakt 28 Meter entfernten Zielscheibe versuchen. Bis man soweit ist, kann aber schon mal

ein Semester vergehen. Geduld und ein hohes Durchhaltevermögen sind also Pflicht. Auch die Materialkosten sind relativ hoch. So kostet der über zwei Meter große japanische Langbogen aus Fiberglas rund 300 Euro. Wen das alles nicht abschreckt, der oder die lernt eine der außergewöhnlichsten und faszinierendsten Sportarten kennen, die die Sporthochschule Köln zu bieten hat. Die VWL-Studentin Rujun Liang trainiert seit einem halben Jahr die Kunst des Bogenschießens und ist von ihrem neuen Hobby begeistert. »Man übt sich in Geduld und lernt, auf jedes noch so kleine Detail zu achten. Außerdem ist das Schießen mit dem Bogen echt cool«, fügt sie lachend hinzu. Seit 20 Jahren wird Kyudo nun schon an der Sporthochschule angeboten, doch es sind schwere Zeiten für den Sport. »Früher konnten wir drei Mal in der Woche trainieren, heute nur noch einmal«, sagt Trainerin Rome traurig. Außerdem hätten durch das zeitintensive Bachelorstudium kaum noch Studierende die Möglichkeit, sich einem so zeitaufwändigen Hobby wie dem Kyudo zu widmen. Wer sich schon immer für die japanische Kultur und das Bogenschießen interessiert hat, nach einem Kontrastprogramm zum hektischen Unialltag sucht und genügend Geduld und Lernbereitschaft mitbringt, sollte sich das Kyudo-Training anschauen. Es lohnt sich. Zur Kontaktaufnahme einfach nach Kyudo auf www.campussportkoeln.de suchen. Christoph Wegener

Eines der Zeitarbeitsunternehmen, das unter rechtswidrigen Bedingungen ArbeitnehmerInnen im Auftrag von Amazon beschäftigte, wurde 2011 als einer von »Deutschlands besten Arbeitgebern« ausgezeichnet. An der entsprechenden Ausschreibung war neben dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales auch die Uni Köln beteiligt. Im Zuge einer Befragung bewerteten die MitarbeiterInnen des Personaldienstleisters Trenkwalder ihre Arbeitsbedingungen, die LeiharbeiterInnen wurden nicht befragt. Die Auszeichnung wurde bis auf Weiteres ausgesetzt. Auf einen offenen Brief studentischer Hochschulgruppen vom Februar reagierte das zuständige Seminar für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Personalwirtschaft bis Redaktionsschluss nicht. Campus Grün, Alternative Liste, Linke/SDS und die Piraten-Hochschulgruppe forderten die Verantwortlichen zu einer öffentlichen Stellungnahme auf. Im Februar hatte der OnlineHändler Amazon internationales Aufsehen erregt, weil er Dienstleister wie Trenkwalder beschäftigte, die ausländische LeiharbeiterInnen unter unwürdigen Bedingungen beschäftigten. (JB)

Neuer Dekan In der konstituierenden Sitzung der Engeren Fakultät (EF) am 13. März wurde ein neuer Dekan gewählt. Stefan Grohé, Professor für Kunstgeschichte, tritt damit die Nachfolge von Katharina Niemeyer an, welche krankheitsbedingt aus dem Amt scheiden musste. Bei nur einer Gegenstimme, war die Wahl von Grohé dennoch eine kleine Überraschung, da er im Januar nicht in die Engere Fakultät gewählt wurde, aus deren Mitgliederkreis üblicherweise die Dekanin oder der Dekan kommt. Offiziell beginnt die Amtszeit mit dem 1.4. 2013 und dauert vier Jahre.


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Ist das Kunst?! Das Museum Ludwig bildet jedes Jahr etwa 30 Studierende zu KunstexpertInnen aus. Bei der »Jungen Nacht« präsentieren sie die Kunstwerke und diskutieren mit den BesucherInnen über den Sinn und Unsinn von Kunst. Im Anschluss steigt eine Party im Museum.

© kunst:dialoge +

»Was soll das?«, »Was ist das?« oder »Warum ist das Kunst?« – diese oder ähnliche Fragen gehen dem einen oder der anderen sicherlich durch den Kopf, wenn er oder sie durch ein Museum mit moderner Kunst läuft. Viele der Werke sind alles andere als leicht zu verstehen und darum bildet sich bei so manchen BesucherInnen schnell ein großes Fragezeichen auf der Stirn. Wäre es nicht schön, wenn man alle seine Fragen direkt im Museum loswerden könnte? Genau das selbe muss sich wohl auch der Museumsdienst im Museum Ludwig gedacht haben und rief deshalb im Jahr 2003 die »Kunst:dialoge« ins Leben, ein Kunstvermittlungsprogramm für moderne und zeitgenössische Kunst, bei dem der Name Programm ist. Seitdem bildet das Museum Ludwig in Köln jedes Jahr rund 30 Studierende der Kunstgeschichte oder fachverwandter Fächer zu KunstvermittlungsexpertInnen aus, die dann – anders als bei normalen Führungen – den MuseumsbesucherInnen die Kunstwerke in persönlichen Gesprächen nahebrin-

gen – eben nach dem Dialog-Prinzip. Diese Ausbildung zum/r Kunstvermittler/in dauert etwa vier Monate und findet während des Semesters im Museum Ludwig statt. Die Freiwilligen verteilen sich dabei auf mehrere Tutorien zu den Sammlungsschwerpunkten des Museums, wie etwa Pop Art, Picasso oder der Sammlung Haubrich und erhalten dort von erfahrenen KunstvermittlerInnen ein besonderes Training, um schließlich an nur einem einzigen Abend das zuvor gelernte Wissen anzuwenden, nämlich bei der »Jungen Nacht«. Dieses großangelegte Ereignis, bei dem sich das Team der »Kunstdialögler« im ganzen Museum vor den selbstgewählten Kunstwerken verteilt, um sie mit den BesucherInnen zu besprechen, findet einmal jährlich statt. Im Anschluss gibt es dann jedes Jahr eine Party. So auch in diesem Jahr am 1. März, wo die Junge Nacht zum mittlerweile 9. Mal stattgefunden hat. Wieder einmal kamen hunderte von kunstbegeisterten BesucherInnen ins Kölner Museum Ludwig, um an den

Gesprächen teilzunehmen und etwas über die Kunstwerke zu erfahren. Das Projekt lohnt sich jedoch nicht nur für das Museum und für die kunstinteressierten BesucherInnen, sondern auch für die Studierenden, denn sie bekommen durch die Kunst:dialoge und vor allem durch das monatelange DialogTraining im Museum die Möglichkeit, erste berufliche Erfahrungen im Bereich der Kunstvermittlung zu sammeln. Dabei erhalten sie auch Einbli­ cke in den Museumsbetrieb, lernen die MitarbeiterInnen des Museums kennen und erfahren etwas über die Infrastrukturen innerhalb des Museums. Für den einen oder die andere ergab sich die Arbeit als »Kunstdialögler« auch als Sprungbrett, wie etwa für Julia Krings und Tobias Peper, die früher selbst einmal die Ausbildung mitgemacht haben und heute gemeinsam das Pop Art-Tutorium leiten. Auf die Frage, was sie durch die Ausbildung bei den Kunst:dialogen mitgenommen hat antwortet Krings: »So einiges! In unterschiedlichen Workshops werden etwa rhetorische Fähigkeiten, Atemtechnik, Körpersprache und -einsatz geübt.« Durch ein professionelles Theatertraining mit der Schauspielerin und Schauspieltrainerin Frederieke Bohr haben die Studierenden auch in diesem Jahr an insgesamt drei Sonntagen Tipps und Tricks gezeigt bekommen, wie man beispielsweise seine Nervosität in den Griff kriegen kann. »Was man mitnimmt sind sicherlich souveräneres Auftreten während eines Gesprächs mit Fremden, Vermittlungskompetenzen, Wissen und die Erkenntnis, dass Kunst nichts Erhabenes ist, was nur einem kleinen Kreis zugänglich ist, sondern dass Kunst Teil unseres Lebens ist und als solche jedem Betrachter wertvolle Ideen und Impulse geben kann«, sagt Peper. Kunstdialoge im Museum Ludwig: Studierende sammeln erste berufliche Erfahrungen in der Kunstvermittlung.


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Wichtig ist dabei auch das Prinzip des »Peer-to-peer«, welches die Wissensvermittlung auf Augenhöhe bezeichnet – sprich: innerhalb derselben Generationen werden in direkten Gesprächen Fragen zur Kunst diskutiert. Zum einen werden dabei Hemmschwellen abgebaut, zum anderen geht es vielmehr darum, gemeinsam persönliche Zugänge zur Kunst zu entdecken, als nur um die reine Wissensvermittlung. Außerdem soll das Museum dadurch als ein lebendiger Ort mit Bezug zum alltäglichen Leben wahrgenommen werden. Die Studierenden profitieren darüber hinaus sehr von den vielen Übungen vor »echten« MuseumsbesucherInnen – zum Beispiel, wenn sie das nächste mal eine Präsentation in der Uni halten müssen, aber auch insgesamt werden die StudentInnen diskutierfreudiger – gerade wenn es um die Kunst geht. Das kann auch Julia Krings bestätigen, die beobachtet hat, dass anfangs schüchterne Charaktere sich im Laufe der Zeit mehr einbringen oder lernen sich besser auszudrücken. Doch auch Krings selbst profitiert von ihrer Arbeit als Tutorin: »Jedes Mal ist ein Tutorium ganz anders als das vorige.«, sagt sie, »Die Gespräche über Kunst sind oft auch Gespräche über Meinungen,

© kunst:dialoge

Ein Gespräch auf Augenhöhe: Studierende diskutieren über die Werke der Sammlung Haubrich.

Einstellungen und Erfahrungen – das alles bereichert mich unheimlich in meinem Denken über Kunst und die Gesellschaft, in der ich lebe. Außerdem lerne ich jedes Mal sehr nette Menschen kennen, die doch häufig verschiedene Hintergründe haben. Mit ihnen über Kunst zu diskutieren heißt, über das Leben zu diskutieren. Das ist großartig!« Die Junge Nacht ist schließlich so etwas wie das Finale der »Kunst:dialoge«-Ausbildung. Von 19 bis 23 Uhr stehen die Studierenden vor »ihren« Kunstwerken und beantworten Fragen von »‚Wo bitte geht es zur Toilette?‘ über ‚Darf ich das anfassen?‘ und ‚Wie teuer ist das?‘ bis hin zu ‚Was sagen Sie eigentlich zur letzten Veröffentlichung von XY zum Thema Z?‘«, so Krings. Etwa vier Stun-

den lang heißt es während der Jungen Nacht für die »Kunstdialögler« den BesucherInnen Rede und Antwort zu stehen. Und was geschieht danach? Die Studierenden können nach ihrer bestandenen »Feuerprobe«, wie Julia Krings die Junge Nacht nennt, zu weiteren Terminen des Museum Ludwig gebucht werden. »Die Dialoge finden regelmäßig statt, sowohl im öffentlichen Rahmen – langer Donnerstag, lange Nacht, Museumsfest etc. – als auch im geschlossenen Rahmen, wenn beispielsweise Sponsoren die Möglichkeit bekommen, eine Ausstellung abseits der regulären Öffnungszeiten zu sehen.«, sagt Tobias Peper. Die Junge Nacht ist also erst der Anfang im Kampf gegen die Stille im Museum! David Fesser

Termine Für grüne Daumen

Wer Lust hat, in Erde zu wühlen, mehr übers Gärtnern zu lernen oder einfach ein bisschen Natur in Uni-Nähe genießen möchte, kann sich am Campusgarten-Projekt beteiligen. Bei den regelmäßigen Planungstreffen könnt ihr einfach vorbeikommen und mitmachen. Die nächsten Termine sind Montag, der 27. Mai und Montag, der 3. Juni um 18 Uhr. Ort: Hörsaaal XXXI (kleiner Hörsaal ehemalige Botanik).

Surfen am Seil

Am 24./25. Mai findet wieder das internationale Wakeboard Event »O’Neill Wake the Line« statt. Zwei Tage lang zeigen die WakeboarderInnen im Stadionbad Köln ihre Tricks: beim Best Trick Contest am Freitag und beim Main Event am Samstag. Eine Aftershow Party an beiden Tagen wird unter anderem vom Beatpackers DJ Cem unterstützt. Der Eintritt für einen Tag ist 10 Euro, für beide Tage 18 Euro.

Sommerblut im AZ

Der unkonventionellste Kunstraum Kölns nimmt dieses Jahr am Sommerblutfestival teil: Im Autonomen Zentrum Kalk (Wiersbergstr. 44) kommen von Freitag, den 24. bis Sonntag, den 26. Mai auch die BesucherInnen zum Zuge. Gemeinsam mit ProfikünstlerInnen könnt ihr in Workshops kreative Ideen verwirklichen. Eintritt gegen Spende. Infos unter http://2013.sommerblut. de/autonomes-zentrum/.


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lebenswelt

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Alternativen IV: Reisen

Weg ohne Dreck

cbn www.flickr.com/people/btsunami

Innerhalb kürzester Zeit an fremden Orten sein und dafür noch nicht einmal viel zahlen – das ist dank Billigfliegern in den letzten Jahren möglich geworden. Auch viele Studierende freuen sich über die Freiheit, am Wochenende mal kurz nach Barcelona, London oder Prag zu jetten. Es könnte so schön sein, wäre da nicht der CO2-Ausstoß. Die zwischenstaatliche Vereinbarung der Klimakonferenz von Cancun besagt, dass jeder Mensch 2300 Kilogramm CO2 pro Jahr produzieren darf, damit sich die Erderwärmung auf 2 Grad bis 2050 begrenzen lässt. Das mag nach viel klingen, aber allein ein Langstreckenflug von Köln/ Bonn nach New York verbraucht bereits mehr als 2000 Kilogramm CO2. Da ist das klimaverträgliche Budget schnell aufgebraucht. Damit man trotzdem mit gutem Gewissen reisen kann, bieten einige Fluggesellschaften auf ihren Websites CO2-Kompensationen an. Die Kompensation des Fluges von Köln/Bonn nach New York kostet bei der Lufthansa 12 Euro. Das Geld geht an den

unabhängigen Partner der Lufthansa: myclimate. Diese Schweizer Stiftung investiert das Geld dann in Klimaschutzprojekte wie den Bau eines Windparks in Neuseeland oder Solarkocher in Bolivien. Die Idee dahinter ist, dass unvermeidbare Emissionen an einem Ort durch den Abbau von Emissionen an einem anderen Ort ausgeglichen werden. Das Zertifikat CDM Gold Standard, das regelmäßig von den Vereinten Nationen geprüft wird, sichert die Qualität. Die Bonner Non-Profit-Organisation atmosfair wendet das Kompensations-Prinzip ebenfalls an und wurde dafür mehrmals ausgezeichnet. Atmosfair kompensiert nicht nur den CO2-Ausstoß eines Fluges, sondern auch den anderer Schadstoffe – weshalb die Abstandssumme auch deutlich höher ist. So kostet der Flug Köln/Bonn - New York 48 Euro. KritikerInnen bezeichnen dies als modernen Ablasshandel. Natürlich sollte die Zahlung eines Ausgleichs kein Freifahrtschein zum Umweltverschmutzen sein, sondern mit klima-

freundlichem Verhalten einhergehen. Darauf weisen die Organisationen auf ihren Websites auch ausdrücklich hin. Eine Alternative wären Zugreisen. Auch die Bahn bietet ein Umweltprogramm an, das jedoch anders als das Kompensieren funktioniert. Für einen Aufpreis von einem Euro wird die Menge an Energie, die für die Fahrt benötigt wird, durch Strom aus erneuerbaren Energien ersetzt. So entsteht erst gar kein CO2. Ab dem ersten April geschieht dies in allen Fernverbindungen für BahnCard- und Streckenzeitkarten-InhaberInnen sogar kostenlos und automatisch. Auch im Nahverkehr gibt es erste Ansätze. So fährt die Hamburger S-Bahn bereits komplett CO2-frei. Wer im Urlaub auch bei der Unterkunft auf ökologische Verträglichkeit setzen möchte, wird auf der Website www.forumandersreisen.de fündig. Hier haben sich 130 ReiseveranstalterInnen zusammengeschlossen, die sich für ökologisch nachhaltigen Tourismus, aber auch für eine Wahrung ethischer und sozialer Standards in den Reiseländern einsetzen. Alle Mitglieder müssen sich den Kriterien eines Corporate-Social-Responsibility-Katalogs verschreiben, deren Einhaltung alle zwei Jahre überprüft wird. Sie verpflichten sich dazu, dass keine Flugreisen unter einer Entfernung von 700 km angeboten werden, es keine Rundflüge vor Ort gibt, aber auch, dass die Verpflegung regional geprägt ist. Elisa Moll

Trotz Kompensationszahlungen für eine bessere CO2-Bilanz ist das Fliegen weiterhin einer der größten Klimakiller


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Ein unkonventionelles Portrait einer Generationenbeziehung

Wenn Oma die Hosen an hat

Wie verarbeitet ein Enkel die zwiespältigen Gefühle gegenüber einer Großmutter, die zugleich liebenswürdige Oma und heimliche Familientyrannin ist? Das allein ist schon schwierig zu bewältigen. Noch schwieriger muss es sein, wenn diese Frau die Hölle des Holocaust erlebt hat. Wie soll er mit der Sprachlosigkeit angesichts des von ihr durchlebten Leides umgehen? Und wie kann ein Enkel trotzdem eine persönliche Haltung finden gegenüber der Großmutter als Mensch mit ihren Vorzügen, Fehlern und Eigenheiten?

Ariel Magnus, der Enkel und Autor, hat sich lange Zeit gelassen mit dieser Auseinandersetzung. Seine Großmutter, eine deutsche Krankenpflegerin und Jüdin, war mit 22 Jahren ihrer blinden Mutter in das Konzentrationslager Theresienstadt gefolgt, um diese nicht allein zu lassen. Später überlebte sie das Vernichtungslager Auschwitz. Nach der Befreiung zog sie nach Brasilien, wo sie bis heute lebt. Dort führte ihr Enkel, der sein Studium in Deutschland verbrachte, ein langes Interview mit seiner Großmutter – ein Gespräch voll widerstrebender Fakten und Gefühle, das beide an die Grenzen ihrer Geduld brachte. Zwei Jahre und einen nervenaufreibenden Besuch seiner Großmutter in Deutschland lang dauerte es, bis Magnus sich an die Auswertung wagte. Das Ergebnis ist ein schmales, sehr persönlich geschriebenes Buch, das einfühlsam, aber dabei niemals heuchlerisch vom Verhältnis zwischen Enkel und Großmutter erzählt. Darin schildert Magnus die Geduldsprobe, auf die der Berlinbesuch der Großmutter seine Partnerin und ihn stellt. Zehn Tage lang bestimmt die Matriarchin das Leben des jungen Paares. Dabei fordert sie unablässig die volle Aufmerksamkeit ihrer BegleiterInnen. Nicht immer bringt Magnus genügend Verständnis auf, um mit Gleichmut auf die großmütterlichen Zumutungen zu reagieren. Zum Beispiel, wenn sie den Juden selbst die Schuld für ihre Verfol-

gung zuweist. Aber auch die kleinen Unmöglichkeiten und Widersprüche kosten Nerven: Fernsehgucken hält Oma angeblich für Zeitverschwendung, trotzdem spendiert sie dem Enkel eigens einen Fernseher, nur um nicht zehn Tage lang auf ihre Soaps verzichten zu müssen. Statt ins Museum will sie täglich ins KaDeWe. Und dann ist da dieser unauflösbare Konflikt zwischen der Zuneigung zur deutschen Heimat und dem Abscheu wider sie, den auch Magnus spürt und der beide verbindet. Zusammen mit Passagen des Interviews kommt eine gezeichnete, aber ungebrochene und stets zuversichtliche Persönlichkeit zum Vorschein: eine Frau, die die Stärke hat, zu vergeben. Es gelingt Magnus, nicht nur die Lebensgeschichte eines Holocaust-Opfers aufzuschreiben, sondern darüber hinaus die Ambivalenzen einer generationenübergreifenden Beziehung offenzulegen. Dabei erscheinen viele Konflikte trotz des Ausnahmeschicksals der Familie nicht fremd. So unvergleichlich das Leben und Leiden der Großmutter ist, so bekannt wirken doch viele Züge dieser Generationenbeziehung, die Magnus mit viel Feinsinn und doch schonungslos ehrlich aufarbeitet. Johanna Böttges Ariel Magnus: Zwei lange Unterhosen der Marke Hering. Die erstaunliche Geschichte meiner Großmutter, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012, 175 Seiten, 18,99 Euro.

Europäische Integration Wer sich wirklich mit der Europäischen Union auskennen will, kann sich wohl niemals auf dem Gelernten ausruhen. Denn die EU ist ein ‚moving target‘ par excellence. Nicht nur durch die Einführung des Vertrags von Lissabon, der derzeitigen gesetzlichen Grundlage der EU, sondern auch durch die Neuerungen im Zuge der Finanz- und Schuldenkrise hat sich allein in den vergangenen drei Jahren einiges verändert. Auch die Theorien, die sich mit der europäischen Integration beschäftigen, stehen so ständig neuer Empirie gegenüber. Hans-Jürgen Bieling und Marika Lerch versu-

chen mit der dritten Auflage des Sammelbands Theorien der europäischen Integration (Springer VS), dieser Tatsache gerecht zu werden. Dazu hielten sie die AutorInnen dazu an, ihre Beiträge zu aktualisieren und dabei neue Diskussionspunkte, aber auch neu erschienene Forschungsliteratur zur berücksichtigen. Wie bisher behandelt jeder Beitrag vornehmlich eine oder einen der VertreterInnen der jeweiligen Schule. Das Buch deckt von altbekannten Theorien, wie dem Neofunktionalismus, bis hin zu neueren Ansätzen wie dem der Europäisierung die meisten der Theorien der europäischen Integration ab. (HLH)


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angeschaut

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Zauberduell in Las Vegas Schon als Kind waren der kleine Burt und sein Kumpel Anton von der Magie fasziniert. Jahre später haben sich die beiden den Traum eines jeden Magiers erfüllt und treten täglich in ihrer eigenen Show in einem Casino in Las Vegas auf. Doch durch die tausende Auftritte, in denen sie immer wieder die gleichen Illusionen zum Besten geben, wird vor allem Burt immer egozentrischer und gleichgültiger. Als auch noch der Straßenzauberer Steve Gray mit gefährlichen Stunts und schockierenden Tricks eine völlig neue Form der Magie etabliert, bedeutet dies das Ende für Burts und Antons Jim Carrey - der Zauberer von der Straße. Show. Beide müssen nun andere Wege finden, um mit ihrem Handwerk der mit seiner Show »Mindfreak« das Geld zu verdienen, was vor allem dem Thema Zauberei wieder in den Fokus hochnäsigen Burt schwer fällt. Dessen der Öffentlichkeit rückte. Jim Carrey Luxusbedürfnis sorgt immer wieder hat sichtlich Spaß an seiner Kopie vom für komische Momente, die Starkomi- Mindfreak und vor allem sein letzter ker Carell mit genialem Mienenspiel Trick, am Ende des Films, stellt die mounterstreicht. Erst als sich Burt, holly- derne Art der Zauberei an den Pranwoodtypisch, vom Egozentriker zum ger. Bei einem Zaubererduell auf einer bescheidenen Zauberer entwickelt, Geburtstagsparty zeigt sich sowohl die verliert seine Figur an Reiz. Aber das Größe beider Schauspieler, als auch ist nicht schlimm, schließlich gerät er die Kombination aus Wortwitz, Slapab diesem Moment immer wieder mit stick und beeindruckenden Illusionen, Steve Gray, gespielt von Jim carrey, die Der unglaubliche Burt Wonderstone aneinander. Dieser ist die absurde zu einem wirklich guten Film machen. Parodie des Starmagiers Chris Angel, Einziges Manko ist, dass die anderen

© Warner Bros. Pictures

In Der Unglaubliche Burt Wonderstone zaubern Jim Carrey und Steve Carell um die Wette. Trotz vorhersehbarer Story tun sie dies auf eine sehr unterhaltsame Weise.

SchauspielerInnen neben Carry und Carell etwas untergehen. Außerdem ist die Geschichte selber vorhersehbar und uninspiriert, aber das machen die Illusionen, Witze und Figuren locker wieder wett. Vor allem die stets überzeugende Situationskomik peppt die Story immer wieder auf. Christoph Wegener Der Unglaubliche Burt Wonderstone. USA. 2013. Regie: Dom Scardino. Darsteller: Steve Buscemi, Steve Carell, Jim Carrey. Kinostart: 4. April.

In Django Unchained bleibt Regisseur Quentin Tarantino sich treu

»The D is silent« Wir schreiben das Jahr 1859, zwei Jahre vor dem Beginn des amerikanischen Bürgerkriegs. Von seiner Frau getrennt, durch Peitschenschlägen gezeichnet und ohne Hoffnung auf Freiheit scheint der Sklave Django in einer ausweglosen Situation gefangen zu sein. Doch das Blatt wendet sich, als er vom deutschen Kopfgeldjäger Dr. King Schultz befreit wird. Django soll dem Staatsdiener helfen, die kriminellen Brittle Brüder zu finden und wenn nötig zur Strecke zu bringen. Im Gegenzug verspricht Schulz, dem Sklaven die Freiheit zu schenken und mit ihm seine Ehefrau Broomhilda aus den Händen des Plantagenbesitzers Calvin Candie zu befreien.

Mit Django Unchained dreht Kultregisseur Quentin Tarantino eine Hommage an den Italo Western der 60er Jahre und bleibt dabei seinem Stil treu. Wer die anderen Werke des Amerikaners kennt, der wird von »Django Unchained« also nicht überrascht sein. Wie schon bei seinen Filmen Inglorious Basterds und Kill Bill wechseln sich auch hier intelligente Dialoge und coole Sprüche mit wahren Explosionen aus Blut und Gewalt ab. So hebt sich der Western angenehm vom üblichen Hollywood Einheitsbrei ab, ist aber gleichzeitig auch nicht für zart besaitete. Neben einer vielfältigen Auswahl an Musik, die von 2Pac bis zu Johnny Cash reicht, hat sich Tarantino eine ganze Armada von

berühmten SchauspielerInnen an Bord geholt, um seinen Western zu erzählen. Egal ob Jamie Fox als Django, der immer einen lässigen Spruch auf den Lippen hat, Christopher Walz in der Rolle des deutschen Kopfgeldjägers oder Leonardo Di Caprio als rassistischer Plantagenbesitzer: Django Unchained ist auf allen Positionen hervorragend besetzt. Für Tarantino- und Westernfans ist der Film Pflicht, aber auch allen anderen kann man Django Unchained nur empfehlen. Christoph Wegener Django unchained. USA 2010. Regie: Quentin Tarantino. DarstellerInnen: Jamie Foxx, Christoph Waltz, Leonardo diCaprio u.a.


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© Neue Visionen

Paradies: Hoffnung

Paradies:Hoffnung. D 2013. Regie: Ulrich Seidel. DarstellerInnen: Melanie Lenz, Joseph Lorenz, Michael Thomas, Verena Lehbauer.

Melanie hat einen großen Makel: Sie ist dick. Während ihre Mutter zum Urlaub in Kenia aufgebrochen ist, muss Melanie in ein Diätcamp, um endlich abzunehmen. Zwischen sportlichem Drill und Ernährungsberatung knüpft die 13-jährige zarte Freundschaftsbande und verliebt sich zum ersten Mal. In den 40 Jahre älteren CampArzt, der ihre Sehnsucht nicht nur bemerkt, sondern auch erwidert. Der Unmöglichkeit dieser Liebe jedoch bewusst, weist er ihre Annäherungen zunehmend brüsk zurück. Melanie ist hin- und hergerissen, spürt sie doch, dass der Arzt sie auch begehrt. Doch warum lehnt er sie immer wieder ab? Melanie gibt ihrem Übergewicht

die Schuld. Ermutigt von ihrer neuen Freundin Verena, beschließt sie jedoch, um ihre erste Liebe und ihr Glück zu kämpfen. Auch im letzten Teil seiner Paradies-Trilogie zeigt Regisseur Ulrich Seidl in schonungslosen Bildern das Scheitern seiner zutiefst verunsicherten Protagonistin auf, die trotz allen Widrigkeiten auf die Erfüllung ihrer Sehnsüchte hofft. Die ernst genommen, akzeptiert und geliebt werden will, auch wenn sie nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht. Träume, die scheitern müssen in einer Gesellschaft, in der jedes Herausfallen aus der Norm streng bestraft wird. Fatima Khan

© Filmwelt

The Artist is Present

The Artist is Present. Regie: Matthew Akers, Jeff Dupre. Kinostart: bereits angelaufen.

Drei Monate saß die Performancekünstlerin Marina Abramovic im New Yorker Museum of Modern Art auf einem Stuhl. Ihr gegenüber auf einem anderen Stuhl konnten BesucherInnen des Museums Platz nehmen. Es war verboten zu reden oder auf eine andere Art, als sich gegenseitig anzuschauen, miteinander zu interagieren. Was blieb, war der unmittelbare Blick auf die Person gegenüber, ins Gesicht der Künstlerin. In der fast zweistündigen Dokumentation The Artist is Present begleitet Regisseur Matthew Aker die Performance-Künstlerin bei ihrer gleichnamigen Performance aus dem Jahr 2010. Besonders eindrücklich sind die Szenen, in denen die Kame-

ra die Reaktionen der BesucherInnen aufnimmt und zeigt, welche Kraft und Emotionalität durch die direkte Begegnung freigesetzt wird. Leider kommen nur wenige BesucherInnen im Film zu Wort. Berührend ist der Moment als Ulay, Abramovics langjähriger Performance- und Lebenspartner, ihr gegenüber Platz nimmt. Die zuvor in Interviews dargestellte innige Beziehung des früheren Künstlerpaars wird nun besonders deutlich: Für einen kurzen Moment wird der Mensch hinter der Performerin sichtbar. So ist The Artist is Present trotz einiger Längen ein sehenswertes Porträt einer außergewöhnlichen Künstlerin. André Patten

© Piffl Medien

Max Beckmann - Departure

Max Beckmann - Departure, Regie: Michael Trabitzsch. Kinostart: 06. Juni

Mit 21 sagte Max Beckmann: »Ich glaube, ich werde alles erreichen, was ich will.« Beeinflusst von Cézanne und Van Gogh malt er im selben Jahr sein erstes Ölgemälde Junge Männer am Meer, für das er den Ehrenpreis des Allgemeinen Deutschen Künstlerbundes erhält. Fortan arbeitet er als Maler, doch als er den ersten Weltkrieg als freiwilliger Krankenhelfer miterlebt, ändert sich sein Malstil und wird schlagartig härter, schonungsloser. 1932 beginnt der Künstler mit seinem ersten Triptychon Departure. In dem dreigeteilten Gemälde nimmt er die Bedrohungen des Naziregimes vorweg und versieht dabei altherge-

brachte Mythen mit einer neuen Symbolik. Eine Vorgehensweise, der man in folgenden Gemälden wieder begegnet. Regisseur Michael Trabitzsch zeigt in einer Montage aus Fotos, Zitaten und den rätselhaften Gemälden Beckmanns dessen bewegende Lebensgeschichte auf. Zusammen mit ausgewählten ExpertInnen geht es auf eine faszinierende Reise, die zeigt, wie sich die Selbstbildnisse im Laufe der Zeit verändern. Der Dokumentarfilm entstand in Zusammenarbeit mit der Enkelin des Künstlers und das merkt man auch: So ist ein sehr persönliches und eindrucksvolles Porträt gelungen Fatima Khan


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panorama

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Š Carolin Wedekind

Das Wunschklo


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