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nummer 105 nov/dez 2012

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philtrat

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Zeitung der Studierendenschaft der Philosophischen Fakultät der Uni Köln

Haste mal ‘ne Bleibe? Günstige Wohnungen für Studierende sind rar in Köln. Die Situation könnte sich noch verschlimmern, fürchten StudierendenvertreterInnen. Geldangelegenheiten Wer neben dem Studium Geld verdient, sollte sich über seine oder ihre Rechte im Job im Klaren sein. Das Campus Office informiert bei allen Fragen zu Arbeitsrecht, Versicherung oder Lohnsteuer. Seite 4 cbna www.flickr.com/people/foxxyz

An die Urnen Im Dezember stehen die Wahlen zum Studierendenparlament und anderen Gremien an. Auch wenn Studierende nur wenig Macht an der Uni haben, mischen sie sich doch erfolgreich ein. Seite 5

Open Access Bei der Wohnungsnot in Köln hilft nur noch Zelten.

Mit dem neuen Semester haben sich wieder einmal tausende Erstsemester an der Universität zu Köln eingeschrieben. Durch doppelte Abiturjahrgänge, die Abschaffung von Wehr- und Zivildienst und nicht zuletzt durch den Wegfall der Studiengebühren haben dieses Jahr mehr junge Frauen und Männer ein Studium aufgenommen als in den vergangenen Semestern. Die Studierendenzahlen steigen dadurch enorm. Doch wo sollen all diese Studierenden wohnen? Der Kölner Wohnungsmarkt kann diesen Ansturm kaum bewältigen. Durch den akuten Wohnungsmangel, besonders in den beliebten Stadtteilen nahe der Universität, wie etwa Lindenthal oder Sülz sowie in der Kölner Innenstadt, steigen die Mietpreise zunehmend an. Laut dem

Deutschen Studentenwerk ist Köln nach München und Hamburg die drittteuerste Stadt was die Wohnungsmieten angeht: Die durchschnittliche Miete für Kölner Studierende beträgt mehr als 330 Euro pro Monat und liegt damit fast 50 Euro über dem bundesweiten Durchschnitt. „Die Situation ist eine Katastrophe“, sagt Alexander Suchomsky. Der Referent für Soziales und Internationales im Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) der Uni Köln befürchtet, dass sich die Lage auf dem Kölner Wohnungsmarkt sogar noch weiter verschärfen wird. Nicht einmal sieben Prozent der Kölner Studierenden finden einen Wohnplatz in einem der Studierendenwohnheime. Fortsetzung auf Seite 2

Was passiert mit meiner Abschlussarbeit, wenn sie fertig ist? Wer verhindern möchte, dass sie in der Schublade landet, kann sie online veröffentlichen. Auch für WissenschaftlerInnen hat Open Access Vorteile. Seite 6

Brennpunkt Syrien Ein neues Buch versammelt Hintergrundwissen zum Syrienkonflikt. Neben Themen wie dem Zusammenleben der konfessionellen Gruppen oder dem AssadClan wird auch der zivile Widerstand beleuchtet. Seite 8


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Ouvertüre

Im neuen Lichthof des Philosophikums wird sich so einiges tummeln.

Vergil, Hartmann von Aue und Heinrich von Kleist hätten ihre wahre Freude an den Umbaumaßnahmen der Universität zu Köln gehabt. Was die unterschiedlichen Dichter aus verschiedenen Epochen mit unserer Uni zu schaffen haben? Sie alle besangen in ihren Werken den locus amoenus, den liebreizenden Ort, zu dem nun auch endlich unser heißgeliebtes Philosophikum umgebaut werden soll. All die Qualen, die wir während der Baumaßnahmen zu erleiden haben, der ohrenbetäubende Lärm, der modrige Geruch, das mühselige Zwängen durch sogenannte Löwengänge, werden sich bald doppelt und dreifach rentieren. Denn: Das Prunkstück, das Atrium, soll endlich frei begehbar gemacht werden. Träumen wir also von einem Ort für künftige Hoffeste, Liebesszenen und Meditationen. Wer nach einem anstrengendem Seminar in einem der muffigen, fensterlosen Räume des Betonklotzes nach frischer Luft lechzt, kann den neuen Lichthof betreten und sich – gutes Wetter vorausgesetzt – an der hereinfallenden Sonne laben. Eine blumige Wiese schmeichelt dem Schuh und eine Schatten spendende Linde lädt zum Verweilen ein. Munter sprudelt ein Quell vor sich hin, aus dem Unterholz lugt neugierig ein Reh hervor. Vögel zwitschern leise Hintergrundmusik und bezirzen die AtriumsbesucherInnen, den Unialltag hinter sich zu lassen und auszuspannen. Die Universität zu Köln als ein Garten Eden, welcher all unsere verborgenen Sehnsüchte und Begierden erfüllt – und nur durch die jähe Erinnerung daran zerstört wird, dass unweit dieser Idylle, im neuen Servicegebäude der Uni, der Lokus (ihr wisst schon welcher) vergessen wurde einzubauen. Eine Schreckensvision mischt sich in den Tagtraum: das liebreizende Atrium, ein improvisierter Donnerbalken? Das könnte die Universität ganz schnell wieder in einen schrecklichen Ort verwandeln: einen locus terribilis nämlich. Auf ein anderes Örtchen zieht sich zurück die Redaktion

Fortsetzung von Seite 1 In anderen Universitätsstädten sind es immerhin mehr als 10 Prozent. Nach Angaben des Studentenwerks bildet Köln somit das Schlusslicht bei der Versorgung mit Wohnheimplätzen in Nordrhein-Westfalen. 2011 musste das Kölner Studentenwerk deshalb bereits rund 6.500 Studierende abweisen. Die Bewerbung für einen Wohnheimplatz beim Kölner Studentenwerk läuft über ein Online-Formular, welches die BewerberInnen in regelmäßigen Abständen aktualisieren müssen. Tatsächlich bekommt aber nur jede oder jeder Dritte einen Platz im Wohnheim vermittelt – das Angebot ist einfach zu knapp. „Die Kommunalpolitik müsste wesentlich mehr tun.“ so Suchomsky, „Die Stadt müsste bezahlbare

Grundstücke zur Verfügung stellen, um mehr Wohnheimplätze schaffen zu können.“ Das Kölner Studentenwerk argumentiert ebenfalls, dass der Sozialbeitrag der Studierenden und die Mieteinnahmen aus den Wohnheimen nicht ausreichen, um weitere Grundstücke in unmittelbarer Nähe zur Universität zu kaufen. Auch sei es für das Studentenwerk zu riskant, ­Grundstü­c­­­ke­am Stadtrand zu kaufen, denn die meisten Studierenden wollen nah der Uni wohnen. Auch Suchomsky sieht den Bedarf an uninahen Immobilien: „Dafür gab es bereits erste Ansätze, wie etwa die Planung eines Wohnheims am Eifelwall - was super gewesen wäre - jedoch sind da alle Planungen im Sande verlaufen“. Den Studierenden bleibt somit nichts anderes übrig, als nach Alter-

nativen Ausschau zu halten. Suchomsky rät Studierenden, sich beispielsweise zusammenzuschließen und eine WG zu gründen, um sich so die teure Miete zu teilen. Oftmals erfährt man über Mundpropaganda von freien WG-Zimmern. Notunterkünfte, wie es sie in anderen großen Universitätsstädten gibt, hat die Uni Köln leider nicht zu bieten. Das Kölner Studentenwerk rät allen, die sich auf einen Platz im Wohnheim bewerben, ihre Kriterien nicht zu eng zu fassen und notfalls eine längere Anfahrt zur Uni in Kauf zu nehmen. Für diejenigen, die zum Semesterstart weniger Glück bei ihrer Wohnungssuche hatten, kann es sich lohnen noch einmal nachzufragen, wenn sich der erste Ansturm gelegt hat. David Fesser


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Einmal durchgetauscht Es ist ein bisschen so, als wäre über die Sommerpause Philipp Rösler zum Kanzler aufgestiegen und Angela Merkel abgetreten. Allerdings ist hier nicht die Rede von der Bundesregierung, sondern vom AStA der Uni Köln. Dessen bisherige erste Vorsitzende Luisa Schwab (Campus Grün) ist vor den Semesterferien zurückgetreten. Dadurch ist Philipp Schubert von der Linken/SDS vom zweiten in den ersten Vorsitz gerückt. Zweite Vorsitzende wurde Laura Lemmer von Campus Grün. Luisa Schwab nennt als Grund für ihren Rücktritt, dass sie einen sozialeren Umgang miteinander im AStA vermisst habe. „Meiner Meinung nach wurden im AStA viel zu sehr machtpolitische Spiele ausgetragen“, sagt sie. Tatsächlich hatte es in den vorangegangenen Monaten verstärkt Konflikte innerhalb der Koalition aus Campus Grün, Jusos und der Linken/SDS gegeben. Für Alexander Suchomsky, Sozialreferent des AStA und Mitglied der Jusos, bestand ein Teil der Konflikte zwischen Einzelpersonen. Aber das sei nicht der einzige Grund gewesen. „Manchmal hat sicherlich auch das Verständnis über die Anliegen und Strukturen der jeweils anderen Gruppen gefehlt“, sagt Suchomsky. „Wir haben in den letzten Monaten sehr stark daran gearbeitet, solche Differenzen zu überwinden und sind auch weiterhin darum bemüht.“ Die Krise sei überstanden. Auch die anderen Beteiligten sind inzwischen mit dem Klima innerhalb der AStA-Koalition zufrieden. „Der

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Der Vorsitz des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) hat in den Semesterferien gewechselt. Zuvor hatte es in der Koalition aus Campus Grün, Jusos und der Linken/SDS stark gekriselt.

Die Ruhe nach dem Sturm. In der AStA-Koalition ist Ruhe eingekehrt.

Wechsel ist gut gelungen“, sagt der erste Vorsitzende Philipp Schubert. Zwar gebe es immer noch politische Diskussionen zwischen den Hochschulgruppen, doch das sei normal in einer Koalition. Suchomsky sieht das ähnlich. „Wir blicken jetzt nach vorne.“ Die größte Hochschulgruppe in der Opposition im Studierendenparlament, die Unabhängigen, findet grundsätzlich einen Wechsel im AStA nicht problematisch. Sie kritisieren jedoch, dass der AStA die Wahl des Bildungspolitik-Referenten Patrick Schnepper durch das Studierendenparlament zu lange hinausgezögert habe. Dieser sei deshalb zunächst nicht offiziell legitimiert gewesen. Sozialreferent Alexander Suchomsky weist diesen Vorwurf zurück. Die Verzögerung sei nicht absichtlich geschehen, sondern habe sich aus terminlichen Schwierigkeiten ergeben.

Die Ausrichtung der AStA-Arbeit ändere sich durch den Wechsel an der Spitze nicht, so die Vorsitzenden. Schließlich sind die gleichen Hochschulgruppen vertreten. Da im Dezember wieder Neuwahlen zum Studierendenparlament anstehen, seien Programmänderungen nicht sinnvoll, erklärt die zweite Vorsitzende Lemmer. Wichtige Projekte bis dahin sind eine Konferenz zur Reform der Bachelor- und Masterstudiengänge sowie eine Podiumsdiskussion zum Thema Wohnungsnot. Außerdem veranstaltet der AStA gemeinsam mit dem Frauenund Lesbenreferat sowie dem Lesbenund Schwulenreferat die Aktionstage gegen Sexismus und Homophobie. Zwischen dem 27. Oktober und dem 10. November stehen dort unter anderem Vorträge, Workshops und eine Ausstellung auf dem Programm. Hanna-Lisa Hauge

Impressum philtrat – Die Zeitung der Studierendenschaft der Philosophischen Fakultät wird vom SprecherInnenrat der Philosophischen Fakultät (Phil-SpRat) herausgegeben.

Anna Hölscher (AH), Fatima Khan (FK), Nambowa Mugalu (NAM), André Patten (PAT), Anna Pavani (AI), Laura Reina (LR), Sabrina Schmidt (SAS), Cornelia Wienen (CWI), .

Redaktion: Johanna Böttges (JB), David Fesser (DF), Julia Groth (JG), Peter Hacke (PH), Julia Haas (JH), Hanna-Lisa Hauge (HLH, V.i.S.d.P.),

Mitarbeit: Patrick Gomolka (PG). Redaktionsschluss nächste Ausgabe: 15. Dezember.

Redaktionsadresse: philtrat, c/o Phil-SpRat, Universitätsstr. 16, 50937 Köln. Fon: (0221) 470-26 20, (0221) 470-26 11, Fax: (0221) 41 33 18. E-Mail: philtrat-red@uni-koeln.de. Layout und Satz: Carolin Wedekind, die Redaktion. Druck: Verlag Neuer Weg, Essen. Auflage: 2000.


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Gang durch die Uni XXVII: Das Campus Off ice

Nachhilfe im Arbeitsrecht

© Fatima Khan

In Köln liegen die Lebenshaltungskosten weit über dem Bundesdurchschnitt. Deswegen müssen viele Studierende neben ihrem Studium einem oder sogar mehreren Jobs nachgehen. Oft haben sie allerdings unzureichende Kenntnisse über ihre Rechte und Pflichten als ArbeitnehmerInnen. Deshalb gibt es seit Dezember 2009 das Campus Office. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) Köln-Bonn und der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) haben das Büro ins Leben gerufen. „Wir haben das Beratungsangebot eingerichtet, weil es ähnliche Projekte bereits in anderen deutschen Städten gibt und wir dachten, das fehlt hier in Köln“, erklärt AStA-Politikreferent Patrick Schnepper. Die BeraterInnen des Campus Office beantworten Fragen rund um Ausbildung, Nebenjob und Krankenversicherung, helfen aber auch bei der Suche nach Praktika. So wie der ehemalige Landesstudierendensprecher Schnepper werden die BeraterInnen in einem fünftägigen Seminar der

DGB-Jugend ausgebildet und arbeiten ehrenamtlich. „Mittlerweile muss ich auch immer öfter private Fragen von Freunden und Kommilitonen beantworten, die wissen, dass ich mich als Beraterin habe ausbilden lassen“, schmunzelt Lehramtsstudentin Stephanie Schär, die im Campus Office arbeitet. Es bedeutet ihr viel, eine erste Anlaufstelle zu sein und einen Überblick über die individuelle Situation geben zu können. Sie ist überzeugt, dass vielen Studierenden nicht bewusst ist, dass sie benachteiligt werden. „Studentische Hilfskräfte machen oft Überstunden, was sie eigentlich gar nicht dürfen“, sagt sie. „Das Geld bekommen sie dann natürlich nie ausgezahlt.“ Schnepper betont hingegen, dass das auch nicht immer die Schuld der ProfessorInnen sei, da diese selber unzureichende Kenntnisse in arbeitsrechtlichen Fragen hätten. „Die Unwissenheit ist auf beiden Seiten sehr groß“, erklärt der VWL- und BiologieStudent. Er findet, dass auch die Pro-

fessorInnen sich besser informieren sollten. „Das sollte auch in ihrem Interesse liegen“, fügt Schär hinzu. „Das Ziel ist schließlich ein solidarisches Miteinander von Arbeitgebern und Arbeitnehmern.“ Solche Informationen könnten auch für Susanne Ludes hilfreich sein. Die Lehramtsstudentin für sonderpä­ dagogische Förderung tritt bald ihren Zweitjob als studentische Hilfskraft an und hat Fragen bezüglich ihrer Krankenversicherung und Verdienstgrenzen neben ihrem Studium. Obwohl sie sich bereits bei ihrer Krankenkasse, dem Finanzamt und ihrem Institut informiert hat, waren noch nicht alle Fragen geklärt. „Für mich ist das Angebot des Campus Office sehr hilfreich, weil ich hier eine umfassende Beratung bekomme“, erzählt die 21-Jährige. Sie vertraut auf die Kompetenz der BeraterInnen und freut sich über die kostenlose Unterstützung, die sie im Büro des Campus Office erhält. Die Beratungen finden jeden Dienstag und Donnerstag im Raum des AStA im neuen Seminargebäude statt. In den Semesterferien unterstützen die BeraterInnen hilfesuchende Studierende über E-Mail-Kontakt. „Viele Fragen können wir bereits in einer E-Mail abhandeln“, sagt Schnepper. „Manchmal ist ein Fall allerdings so verzwickt, dass es besser ist, wenn die Studierenden persönlich vorbeikommen.“ In der gemütlichen Beratungsecke laden ein großes Sofa mit vielen bunten Kissen und mehrere Sessel und Stühle zum Gespräch ein. Unterschiedliche Broschüren liegen zum Mitnehmen in einem Regal aus. Vor allem die Broschüre mit Tipps und Hinweisen für das Jobben in Restaurants und Kneipen ist beliebt. „Studieren und arbeiten in der Gastronomie ist ja eine altbekannte Kombination“, erklärt Schär. Fatima Khan

Im neuen Seminargebäude gibt es Beratung zu Krankenversicherung, Lohnsteuer & Co.


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Viele bunte Zettel

Wahlgeschenke: Bei den studentischen Wahlen geht es um mehr als Gummibärchen.

Jedes Jahr im Winter geht es wieder los. Dann verwandelt sich die Universität in eine bunte Litfaßsäule und an allen Ecken werden den Studierenden Flyer und Wahlgeschenke in die Hand gedrückt. Mitunter hasten sie jedoch nur an den Ständen vorbei und werfen kaum einen Blick auf Wahlprogramme und Co. Auf der anderen Seite der Informationstische sitzt zum Beispiel Hannah Schöngen von der Liste Das Original - Liste von FachschafterInnen. „Wir versuchen, so vielen Studis wie möglich zu erklären, wie und was sie in dieser Woche überhaupt wählen.“ Und das ist auch bitter nötig. Nur die wenigsten wissen tatsächlich über die Wahl Bescheid. Verwunderlich ist die Verwirrung der Studierenden nicht, schließlich bekommen sie an der Wahlurne vier große, bunte Zettel. Studentinnen erhalten sogar noch einen mehr, den für den Gleichstellungsbeirat. Aufklärung ist also notwendig. Denn obwohl fast ausschließlich für die Wahl zum Studierendenparlament Werbung gemacht wird, finden zeitgleich noch andere Wahlen statt. Auch die studentischen VertreterInnen in der Engeren Fakultät (EF) und dem Senat stehen zur Wahl. In diesen Gremien werden die Studien- und Prüfungsordnungen verabschiedet und der Haushalt für Uni, Fakultäten und Institute festgelegt. An der Philosophischen Fakultät wird außerdem die Fakultätsvertretung gewählt. „Die können wir aber hoffentlich wieder auflösen,“ sagt Leonie Schwalb vom SprecherInnenrat der Philosophischen Fakultät (Phil-SpRat). „Als Mini-Parlamente

sollen die Fakultätsvertretungen bestimmen, was die Fachschaften machen und wofür sie Gelder bekommen. Bei 15 Sitzen und über 30 Fachschaften geht dieses Prinzip aber an der Phil schon rein rechnerisch nicht auf.“ Darum lösen die Fachschaften die Fakultätsvertretung seit über 30 Jahren zu Gunsten einer Fachschaftenkonferenz auf, in der jede Fachschaft eine Stimme hat. Die Wahlbeteiligung bei den studentischen Wahlen ist traditionell gering. Im vergangenen Jahr sank sie sogar. Vielleicht liegt dies daran, dass die Einflussmöglichkeiten der Studierendenvertretung gering sind. In nahezu allen Gremien sind die ProfessorInnen in der deutlichen Überzahl. Und auch der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA), als größte Interessensvertretung der Studierenden, kann nur in geringem Maß auf die Entwicklungen an der Uni einwirken. So ist er im Senat nur beratend vertreten und hat keine Stimme. „Dennoch ist es wichtig, die Möglichkeiten, auch wenn sie noch so gering sind, zu nutzen, um Dinge an der Uni zu verbessern“, meint Nina Weinbrenner, aktuelle studentische Senatorin und Vertreterin in der EF. „Man erreicht immer wieder Punktsiege. Wenn man etwa ein Fach vor der Schließung retten kann oder in einer Prüfungsordnung zu hohe Hürden aus dem Weg räumt.“ Es gibt also gute Gründe für Studierende, sich die Flyer aufmerksam durchzulesen und anschließend ein Kreuz bei der Person zu machen, die sie gerne in dem jeweiligen Gremium sehen möchten. Peter Hacke

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Wahlen: Auch wenn ihr Einfluss begrenzt ist, StudierendenvertreterInnen können etwas bewegen.

Judaistik reloaded Eine Sonderkommission hat sich mit einer möglichen Neuausrichtung der Kölner Judaistik befasst. Vier auswärtige ProfessorInnen von verschiedenen Standorten nahmen an einer Sitzung der Kommission am 19. Oktober teil, um mögliche Schwerpunkte zu diskutieren. Studierende hatten im Vorfeld betont, dass die Verbesserung der Sprachausbildung eine Priorität sein sollte. Diskutiert wurde auch, in welchen Bereichen die Kölner Judaistik Schwerpunkte setzen könnte. Eine stärkere Gewichtung der Neuzeit, sowohl in moderner Geschichte als auch im Bereich Philosophie wurde erwogen. Näheres wird jedoch eine Sitzung der Engeren Fakultät Ende Oktober entscheiden. Grund für die Überlegungen um eine Umstrukturierung sind einerseits die stark gesunkenen Studierendenzahlen und andererseits die bevorstehenden Emeritierungen der derzeitigen Professoren Gerrit Bos und Theodore Kwasmann. (HLH)

Exzellenz-Lobby 15 deutsche Universitäten haben sich zu einem Interessenverbund zusammengeschlossen. Zu dem im Oktober gegründeten Verbund „German U15“ gehört auch die Uni Köln. Die beteiligten Universitäten, die größtenteils durch die Exzellenzinitiative gefördert werden, setzen sich für eine dauerhafte Förderung forschungsstarker Spitzenunis durch den Bund ein. Bisher darf der Bund Hochschulen nur im Rahmen befristeter Projekte fördern. German U15 will, dass das Grundgesetz diesbezüglich geändert wird. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) begrüßte den Zusammenschluss. KritikerInnen befürchten, dass die ohnehin privilegierten Hochschulen noch mehr der knappen Hochschulmittel für sich beanspruchen wollen. Sie würden so künftig den weniger finanzstarken Hochschulen noch stärkere Konkurrenz machen. Ähnliche Uni-Lobbys gibt es bereits in Großbritannien und den Niederlanden. (JB)


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Alternativen III: Open Access macht Forschungswissen öffentlich zugänglich

Viel Wissen für weniger Geld

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Wissenschaftliches Publizieren kann eine bizarre Angelegenheit sein. In der Regel läuft es so: Aus öffentlichen Mitteln wird ein Forschungsprojekt an der Uni finanziert. Bevor ein Verlag den Forschungsbericht publiziert, wird er in der Regel im Peer-Review-Verfahren geprüft. Das heißt, dass wiederum öffentlich bezahlte WissenschaftlerInnen den Artikel gegenlesen. Die Unibibliotheken müssen schließlich ein teures Zeitschriftenabonnement abschließen, damit die ForscherInnen an der eigenen Uni den Bericht überhaupt lesen können. So kauft die öffentliche Hand das Recht an der von ihr finanzierten Forschung gewissermaßen zurück. Dass die Gesellschaft für frisches Wissen somit quasi dreifach bezahlt, wollen viele nicht mehr akzeptieren. Open Access heißt der Ansatz, der das ändern soll. Unter diesem Schlagwort werben unter anderem die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Hochschulrektorenkonferenz für freien Zugang zu wissenschaftlichem Wissen. Das Verfahren ist einfach: Wer eine Forschungsarbeit veröffentlichen will, lädt diese auf einem öffentlich verwalteten Online-Server hoch. Dort kann sie von anderen Wissen-

schaftlerInnen gefunden, durchsucht und heruntergeladen werden. Die UrheberInnen verlieren dadurch nicht ihr Urheberrecht. Sie erlauben aber anderen, ihre Arbeiten zu zitieren, abzubilden, zu verteilen und für den persönlichen Gebrauch auszudrucken. Bis vor ein paar Jahren war es üblich, dass AutorInnen alle Verwertungsrechte an einen Verlag abtreten mussten. Nachdem er publiziert worden war, durften sie ihren eigenen Text nicht mehr an anderer Stelle, zum Beispiel auf ihrer Homepage, veröffentlichen. Der Einfluss der OpenAccess-Bewegung hat hier bereits Veränderungen bewirkt. Viele Verlage räumen nun ein, dass UrheberInnen ihre Werke zusätzlich oder nach einer Frist online stellen dürfen. Was an der Philosophischen Fakultät den meisten nicht bekannt sein dürfte: Auch an der Kölner Uni gibt es ein frei zugängliches Forschungsarchiv nach Open-Access-Standards. Der Kölner Universitäts-Publikationsserver (KUPS) wurde vor rund zehn Jahren von der Universitätsbibliothek (UB) eingerichtet. Studierende und Lehrende können dort zum Beispiel ihre Dissertationen, Master- und Bachelor-

arbeiten nach bestimmten formalen Vorgaben hochladen. So könnte sich auch der Wunsch mancher Studierender erfüllen, dass die eigene Abschlussarbeit einmal Eingang in größere Forschungsprojekte findet. Denn ForscherInnen aus ganz Deutschland können die in KUPS archivierten Aufsätze über die Suchkataloge der UB und des Bibliotheksverbunds NRW finden. Ein Rückzieher ist allerdings nicht möglich: Einmal hochgeladene Publikationen verbleiben mindestens fünf Jahre lang unverändert auf dem Server. Wie gedruckte Publikationen sollen auch die Arbeiten in der Online-Datenbank zuverlässig verfügbar sein. Einer gleichzeitigen oder späteren kommerziellen Veröffentlichung steht aber nichts im Weg. Die Rechte bleiben bei dem oder der UrheberIn. Das Konzept des offenen Zugangs ist nicht unumstritten. KritikerInnen sehen etwa Probleme beim Schutz vor Urheberrechtsverletzungen, bei der Qualitätssicherung und der Finanzierung. Um Vorbehalte aus dem Weg zu räumen, haben einige Universitäten zusammen mit namhaften Forschungsgesellschaften eine Website aufgesetzt, die verbreitete Fragen beantwortet. Die Resonanz auf das Angebot der Kölner UB ist mit knapp 2800 Dokumenten für die letzten zehn Jahre derzeit noch vergleichsweise gering. Am meisten nutzen Angehörige der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer die KUPS-Datenbank. Neue Anstöße in Sachen Open Access könnten für das Jahr 2013 zu erwarten sein. Dann jährt sich mit der „Berliner Erklärung über offenen Zugang zu wissenschaftliche n Wissen“ ein Meilenstein der Bewegung zum zehnten Mal. In der Erklärung verpflichteten sich seit 2003 zahlreiche internationale Einrichtungen, den Open-AccessGedanken weiterzutragen. Johanna Böttges Weitere Informationen: www.open-acces.de Mit Open Acces verstauben Abschlussarbeiten nicht mehr in den Kellern der Uni.


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Hamlet ist tot Die Studiobühne inszeniert Hamlet ist tot. Keine Schwerkraft in Kooperation mit dem Ensemble Analog.

© Christof Wolf

Der Plot wird mit dem ersten Bühnenbild vage angedeutet, das einen Friedhof darstellt, auf dem sich soeben der Nebel verzieht. Nicht nur Hamlet ist hier tot, sondern auch Hannes, ein früherer Freund von Dani und Mani. Auf dem Begräbnis treffen die beiden Bine und Oli, auch FreundInnen von früher. Durch das zufällige Wiedersehen der vier FreundInnen lernt das Publikum ihre Geschichte und ihre Persönlichkeiten kennen: In einer Rauchfahne von Erinnerungen und Gefühlen stellt jede Figur aus ihrer Perspektive dar, was damals war und was heute ist. Die Erzählung, die sich wie ein Krimi entwickelt, wird ständig von Überlegungen unterbrochen. Die erste hat mit einer mathematischen Universaltheorie zu tun: Da Gott tot ist, gibt es im Himmel eine Maschine. Die Figuren auf der Bühne suchen nach Punkten, Linien, Funktionen. Sie suchen nach ihrer eigenen Funktion, nach einem Sinn. Doch ohne Schwerkraft geht die Orientierung verloren. Und auch die Perspektive. Sie sind verloren in dieser Geometrie der Perspektivlosigkeit, ein bisschen

so wie Hamlet, ein bisschen so wie wir alle. Die Theater- und Performancegruppe Analog und die Studiobühne inszenieren mehr als ein bloßes Zusammentreffen von vier FreundInnen. Das Stück porträtiert die innere Verkrampfung einer pervertierten Gesellschaft. In ihrer metaphysischen Heimatlosigkeit zerfleischen sich die SchauspielerInnen auf der Bühne und das Publikum fühlt sich gleichermaßen in diesem ausweglosen Stillstand gefangen. Der tief beeindruckende Text von Ewald Palmetshofer wird souverän inszeniert und die Atmosphäre mitreißend dargestellt. Mit einer scharfsinnigen Komik, die mit Sprache und Rhythmus spielt, wird das Publikum zur wichtigsten Frage geführt: resignieren oder reagieren? Anna Pavani Hamlet ist tot. Keine Schwerkraft. Koproduktion der Studiobühne mit Analog. Regie: Daniel Schüssler. DarstellerInnen: Dorothea Förtsch, Daniel Heck, Susanne Kubelka, Ingmar Skrinjar, Ina Tempel und Tomasso Tessitori. Regie: Daniel Schüssler. Nächste Termine: 8., 9., 10., 11. und 12. Januar 2013, 20 Uhr.

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Stimmungsmache

Amnesty International prangert in einer Pressemitteilung vom 16. Oktober die Stimmungsmache gegen AsylbewerberInnen in Deutschland an. Insbesondere kritisiert die Menschenrechtsorganisation Aussagen des Innenministers Hans-Peter Friedrich (CSU). Er hatte gefordert, die Leistungen für Menschen aus so genannten sicheren Drittstaaten wie Mazedonien und Serbien zu kürzen. Amnesty-Asylexpertin Franziska Vilmar betont, dass Asylanträge von Menschen aus diesen beiden Ländern genauso sorgfältig überprüft werden müssten wie andere. Besonders Roma in Serbien und Mazedonien würden teilweise massiv diskriminiert. „Die Asylsuchenden aus diesen Ländern dürfen nicht als ‚Asylbetrüger‘ abgestempelt werden“, so Vilmar. Wie ein kürzlich veröffentlichter Bericht von Amnesty International belegt, wurden erst im April 2012 beinahe 1000 Roma in Serbien Opfer von rechtswidrigen Zwangsräumungen. (HLH)

Krise in Afghanistan Das Internationale Komitee des Roten Kreuz (IKRK) warnt vor einer humanitären Krise in Afghanistan. Vor allem wächst die Sorge davor, dass sich die Sicherheitslage verschlechtert und die Gewalt eskaliert. Die Heinrich-Böll-Stiftung zieht deshalb ab dem 1. Januar 2013 ihre Büroleitung aus Kabul ab. Barbara Unmüßig, Vorstandsmitglied der Stiftung, schreibt in einem Internet-Statement, dass „die ohnehin instabile Sicherheitslage in Afghanistan für das entsandte Personal der Stiftung, seit der Bekanntgabe des Abzugs der internationalen Truppen bis 2014, mittlerweile dramatisch“ sei. Das IKRK schätzt die Lage auch für die afghanische Bevölkerung immer schlechter ein. Auf einer Pressekonferenz in Kabul machte IKRK-Chef Reto Stocker darauf aufmerksam, dass sich lokale bewaffnete Gruppen stark vermehrt haben. Die Ausweitung des Konflikts und eine schlechter werdende Sicherheitslage behinderten humanitäre Hilfe vor allem dort, wo sie dringend benötigt werde. (DF)


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aufgeblättert

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Syrien von Innen Kristin Helberg hat sieben Jahre als Korrespondentin des NDR in Syrien gelebt. Ihr Wissen über Land und Leute hat sie nun in einem Buch verarbeitet. Es behandelt Themen wie das Zusammenleben der Konfessionen, den Aufstieg des Assad-Clans oder den Konflikt mit Israel um die Golanhöhen. Dabei lässt Helberg im Reportage-Stil viele Szenen mit Interviews einfließen. Durch diese Themenvielfalt ist Brennpunkt Syrien sehr viel mehr als Sekundärliteratur zum gegenwärtigen Konflikt. Zugleich ziehen sich Einschätzungen zur aktuellen Situation durch das ganze Buch. So schlüsselt die Journalistin und Politikwissenschaftlerin beispielweise die verschiedenen Strömungen der Opposition auf oder berichtet, auf welche Art und Weise sich der friedliche zivile Widerstand entwickelt. Da dieser oftmals sehr viel weniger mediale Aufmerksamkeit bekommt als die bewaffneten Rebellinnen und Rebellen, sind dies wertvolle Informationen. Darüber hinaus weist Helberg auf einige Missstände in der Berichterstattung über Syrien hin. Dazu zählt sie das Misstrauen gegenüber syrischen Quellen. Sie stellt die These auf, dass kein Konflikt dieser Welt bisher so umfassend medial festgehalten worden ist wie der syrische. SyrerInnen dokumentierten von Anfang an mit Videos und Fotos die Gewalttaten des Regimes, die bereits seit mehr als eineinhalb Jahren andauern. Eine Art BürgerInnenjournalismus sei entstanden, der zum Teil ein hohes Maß an Professionalität aufweise. Oftmals hieße es dann jedoch in den deutschen Medien, dass diese Quellen nicht überprüfbar seien und dass man darum nicht wisse, was in Syrien wirklich vor sich gehe. Sie kritisiert diese Haltung, da die meisten Szenen ihrer Ansicht nach nicht gefälscht oder inszeniert werden könnten, zumal so viele Beiträge pro Tag hochgeladen werden. Ein weiterer Aspekt betrifft die Berichterstattung ausländischer JournalistInnen. So berichtete Helberg bei

cb www.flickr.com/people/syrian-freedom-captured

In Brennpunkt Syrien kombiniert eine ehemalige Syrienkorrespondentin Hintergründe des gegenwärtigen Konflikts mit persönlichen Begegnungen und detailreichem Wissen. Ihr Buch ist damit ein wichtiger Beitrag zur Darstellung Syriens.

Ein Demonstrant in Baniyas im Nordwesten Syriens im Mai 2011.

einem Vortrag in Düsseldorf im September 2012, dass diese entweder mit Erlaubnis des Regimes einreisen oder illegal mit den Rebellinnen und Rebellen das Land betreten müssten. Die einseitige Erfahrung habe in beiden Fällen gravierende Auswirkungen auf die Berichterstattung, was aber kaum offen thematisiert werde. An anderer Stelle erläutert die Autorin die „schizophrene“ Haltung des Westens gegenüber Syrien in der Vergangenheit. Diese habe oftmals einen Einfluss darauf gehabt, welche ihrer Themen in Deutschland gut angekommen seien, je nachdem, ob der Diktator gerade in der Gunst des Westens stand oder nicht. So habe eigentlich niemand genau wissen wollen, dass in Syrien IslamistInnen oder vermeintliche IslamistInnen jahrelang am brutalsten verfolgt wurden und reihenweise in den Gefängnissen verschwanden. In Zeiten, in denen hiesige JournalistInnen, die nicht einmal ein Wort Arabisch sprechen, zu ExpertInnen erklärt werden, kommt dieses Buch einer wirklichen Syrien-Kennerin gerade recht. Teilweise wirken die Texte jedoch wie schnell herunter geschrieben und kommen beinahe stichwortartig daher. Das mag der Aktualität geschuldet sein, denn das Buch deckt Ereignisse bis zum Sommer 2012 ab.

Das persönliche Engagement, welches aus den Texten herausklingt, mag man der Journalistin nicht ankreiden. Schließlich berichtet sie trotzdem auf eine differenzierte Art und Weise. Befremdlicher wäre es, wenn Helberg angesichts der furchtbaren Gewalt in ihrer zweiten Heimat einen nüchternen Bericht abliefern würde. Hanna-Lisa Hauge Kristin Helberg: Brennpunkt Syrien. Einblick in ein verschlossenes Land, 272 Seiten, Herder Verlag. 9,99 Euro.


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In Das brennende Archiv gelingt ein vielseitiges Portrait Thomas Klings

O Nacht! Ich nahm schon Flugbenzin „O Nacht! Ich nahm schon Flugbenzin …“, so beginnt ein großartiges Gedicht des Düsseldorfers Thomas Kling aus dem Gedichtband „Geschmacksverstärker. Gedichte von 1985-1988“. Den richtigen Satz zum richtigen Zeitpunkt, das genaue Wort, den Auftakt effektvoll zu gestalten – das wusste Kling stets gut in seinen Texten zu inszenieren, wie der Einstieg in das Gedicht „Ratingen Zettbeh“ zeigt. Thomas Kling verbrachte den Großteil seines Lebens im Rheinland, bevor er 2005 im Alter von 48 Jahren in Dormagen verstarb. Sein eindrucksvolles lyrisches Werk gab seitdem zu mehreren Publikationen Anlass. Dieses Jahr kam eine weitere wichtige hinzu: Für Das brennende Archiv stellten Norbert Wehr und Ute Langansky unveröffentlichte Texte Klings, Skizzen und Fotos sowie zu Lebzeiten entlegen publizierte Gedichte, Essays und Gespräche zusammen – und förderten damit einige literarische Schätze ans Tageslicht! Neben den Manuskriptseiten zu „Öffentliche Verkehrsmittel“ oder

„letzter take: bogart“ mit den Gelegenheitszeichnungen des Autors finden sich in Das brennende Archiv Postkarten, expressive Fotos von Auftritten Klings, einige Gedichte aus den Achtziger Jahren, Essays sowie private E-Mails, Briefe und sogar die fotokopierten Hände des Autors. Langansky und Wehr verzichten auf Kommentare und Erläuterungen. Stattdessen lassen sie einzig Kling über seine schriftstellerische Tätigkeit sprechen und bieten den LeserInnen so einen Einblick in den Menschen hinter dem Text. Das brennende Archiv ist eine wunderbare Einladung, sich (wieder) mit einem der besten deutschen Lyriker­ Innen der Achtziger und Neunziger Jahre zu befassen. All jenen, die den Dichter Kling noch nicht kennen, sei empfohlen, sich auf Youtube das eine oder andere Performance-Video des Künstlers anzusehen. Denn Thomas Kling hat seine Gedichte nicht bloß vorgelesen, er hat sie ausdrucksstark inszeniert. André Patten

Thomas Kling: Das brennende Archiv, Suhrkamp 2012, 192 Seiten, 12,99 Euro.

Tahrir und kein Zurück

Lola Bensky

Die Bilder vom Tahrir-Platz in Kairo, von hunderttausenden DemonstrantInnen bevölkert, stehen wie keine anderen für die Revolution in Ägypten. Juliane Schumacher und Gaby Osman lassen in Tahrir und kein Zurück (Unrast) die AktivistInnen, die sich dort organisierten, in weiten Teilen selbst zu Wort kommen. Dazu sprachen sie mit vielen von ihnen, werteten aber auch Blogeinträge und andere Quellen aus. Das Buch stellt keine wissenschaftliche Untersuchung dar, dies war jedoch auch nicht beabsichtigt. Vielmehr geht es darum, die verschiedenen Strömungen innerhalb der Bewegung und den Ablauf der Proteste zu untersuchen. Das Fazit der AutorInnen fällt nicht gerade hoffnungsvoll aus. Die Jugendbewegung konnte (noch) nicht bis in die Politik durchdringen, die Macht des Militärs ist ungebrochen. Manche AktivistInnen müssen sich immer noch vor dem Geheimdienst fürchten. Eine einmalige Erfahrung vermittelt das Buch jedoch sehr anschaulich: dass die 18 Tage der Revolution auf dem Tahrir-Platz die jungen Leute für immer verändert haben. Viele von ihnen engagieren sich seither politisch in anderen Kontexten. (HLH)

Worüber unterhält sich eine Musikreporterin mit Jimi Hendrix? Über Lockenwickler, Diäten und den Holocaust. Lola Bensky lebt in den Sixties und ist die Tochter jüdischer Überlebender von Auschwitz. Für ein australisches Rockmagazin interviewt sie die künftigen Stars der Achtundsechziger: Janis Joplin, Mick Jagger und Jim Morrison. Doch in die bunte Flower-Power-Welt mischt sich immer wieder die traumatische Vergangenheit von Lolas Eltern. Im fast lakonischen Plauderton seziert Lily Bretts Roman (Suhrkamp) die Psyche einer Generation, die den Holocaust nicht erlebt hat und doch mit ihm leben muss. Auf den ersten Blick wirkt die Handlung fast ein wenig flach. Doch Brett schafft eine fruchtbare Synthese. Die schlichte Sprache und das oberflächliche Milieu der Popstars kontrastieren und verstärken die psychologische Tiefe des Romans. Das zunächst simple Strickmuster aus Vorund Rückblenden wird zunehmend komplexer. Es macht deutlich: So verwoben Gegenwart und Vergangenheit im Roman sind, so unentrinnbar durchdrungen ist Lolas Leben von der Vergangenheit ihrer Eltern. (JB)


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Bond bleibt Bond Pünktlich zum 50-jährigen LeinwandJubiläum des berühmtesten Geheimagenten der Welt meldet sich James Bond alias 007 mit Skyfall zurück auf der Kinoleinwand. Bond, der nach Casino Royale und Ein Quantum Trost mittlerweile zum dritten mal von Daniel Craig verkörpert wird, muss in Skyfall seiner Vorgesetzten M (Judi Dench) helfen, die scheinbar von ihrer Vergangenheit eingeholt wird. Der Film beginnt, als eine Mission Bonds auf fatale Weise schief läuft. Als eine Reihe von verdeckt arbeitenden Agenten auf der ganzen Welt enttarnt werden, sieht sich der britische AusAchtung, Bond! Nicht in den eigenen Fuß schießen! landsgeheimdienst MI6 einem brutalen terroristischen Angriff ausgesetzt. Wer jedoch erwartet, dass James Dies hat zur Folge, dass Ms Position Bond in Skyfall neu erfunden wird, von ihrem neuen Vorgesetzten in Fra- dürfte wohl enttäuscht den Kinosaal ge gestellt wird. Weil der MI6 nunmehr verlassen, denn Bond ist nun mal Bond von innen und außen unter Beschuss und bleibt auch Bond. Natürlich ist es gerät, kann M nur noch auf einen letz- bei jedem Bond-Film bisher so geweten verbliebenen Verbündeten zäh- sen, dass er vom jeweiligen Regisseur len: Bond. Dieser muss die Angreifer geformt und gestaltet wurde. In Skydes MI6 unschädlich machen. Sein fall führte der Oscar-Preisträger Sam Widersacher, der von Javier Bardem Mendes Regie, dem von Anfang an gespielte Silva, hat dabei eine interes- bewusst war, dass der 23. Bond-Film sante Verbindung zu Bond, wodurch im Jahr 2012 Jubiläum feiern würde. der Kampf der beiden bis zum drama- Deshalb sollte die neueste Folge der tischen Finale spannend bleibt. am längsten existierenden Filmreihe

© Sony Pictures

James Bond feiert sein 50. Leinwand-Jubiläum mit einem neuen Kinofilm. Überraschungen gibt es nicht, dafür Bond par excellence.

der Kinogeschichte auch all das bieten, was Bond immer schon zu Bond gemacht hat: todesverachtende Action, schillernde Schurken, bildschöne Bond-Girls, exotische Schauplätze, unwiderstehliche Musik, der Aston Martin DB5... und natürlich 007 höchstpersönlich. All diese Elemente fügen sich zusammen wie Gin und Vermouth – geschüttelt, nicht gerührt. David Fesser Skyfall. GB/USA/Türkei 2012. Regie: Sam Mendes. DarstellerInnen: Daniel Craig, Judi Dench, u.a. Kinostart: 1. November.

Der Dokumentarfilm Speed analysiert die Beschleunigung unseres Lebens und sucht nach Alternativen.

Raus aus dem Hamsterrad „Ich hab keine Zeit!” Wie oft sagen und hören wir das? Wir versuchen ständig Zeit zu sparen, effizienter und Multitasking-fähiger zu werden – und trotzdem bleibt am Ende oft keine Zeit übrig für die Dinge, die wir schätzen. Im Dokumentarfilm Speed – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit macht sich Regisseur Florian Opitz auf den Weg, um herauszufinden, wo unsere Zeit geblieben ist. Er führt seine ZuschauerInnen von Berlin ins ferne Bhutan, wo die Zeit Teil des Bruttonationalglücks ist. Über experimentelle Langsamkeitsprojekte in Patagonien geht es bis zum Zentrum des Finanzmarkts nach London, um die verschiedenen Spielarten der Zeit zu entdecken. Die ZuschauerInnen begegnen mit dem Regisseur vielen ExpertInnen, die

sich mit dem Thema Zeitmanagement beschäftigen. Eine besonders wichtige Rolle spielt Professor Hartmut Rosa, dessen Buch Beschleunigung – wie der Regisseur in der Pressekonferenz erklärte – den entscheidenden Anstoß für den Film gab. Rosas These ist, dass Beschleunigung ein gesamtgesellschaftliches Phänomen ist. Opitz versucht im Film, diese These zu überprüfen. Wer zwingt uns, immer schneller zu werden? Gibt es konkrete Möglichkeiten, aus diesem Hamsterrad auszusteigen? Auf seiner Reise durch die Welt begegnet Opitz Menschen, welche die Beschleunigung vorantreiben und solche, die versuchen, konkrete Alternativen zu denken und zu leben. Die „Zeit ist Geld“-Logik und die alternativen Wege der Entschleunigung werden kraftvoll

porträtiert. Besonders zu genießen sind der Humor und die Ehrlichkeit des Regisseurs, der gleichzeitig als Protagonist seine Erfahrungen teilt. Die kontrastierenden Szenarien, die Qualität der Bilder und die vielfältigen GesprächspartnerInnen beeindrucken. In dieser Reflexion über das Tempo unseres Lebens spielt das stetig wechselnde Tempo des Filmes selbst eine wichtige Rolle. Die Suche selbst ist das Verdienst dieser besonderen Reise – sie ist vielleicht wichtiger als eine eindeutige Lösung des Zeitproblems. Proust, dessen berühmter Roman dem Film seinen Namen leiht, hätte das bestimmt hoch geschätzt. Anna Pavani Speed – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Deutschland 2012. Regie: Florian Opitz. Bereits angelaufen.


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© Allegro Film

More than Honey

More than Honey. Deutschland/Schweiz/Österreich 2012. Regie: Markus Imhoof. Kinostart: 8. November.

Einstein soll einmal gesagt haben, dass vier Jahre, nachdem die Bienen aussterben, auch die Menschen aussterben werden. Inzwischen wirken diese Worte beinahe wie eine Prophezeiung. Denn seit einigen Jahren sterben weltweit massenhaft Bienen. Markus Imhoof, selbst Sprössling einer Imkerfamilie, versucht dem mysteriösen Sterben auf die Spur zu kommen. In seinem Dokumentarfilm teilen sich aufwändige Nahaufnahmen der Bienen die Leinwand mit BienenforscherInnen, KöniginnenzüchterInnen und ImkerInnen. Darunter Fred Jaggi, der hoch oben in den Schweizer Alpen Honig herstellt. Dort sind seine Bienen zwar keinen Pestiziden ausgesetzt, trotzdem muss auch er dabei zusehen,

wie viele seiner Bienen sterben. Imhoofs Reise führt auch zu den riesigen Mandelplantagen Kaliforniens zu dem Großimker John Miller. Dessen Trucks karren 15 000 Schwärme quer durch die USA, immer dahin, wo gerade Blüte ist. Doch obwohl Miller bereits massiv Antibiotika einsetzt, sterben Tausende seiner Bienen. Eine einfache Antwort auf die Frage nach dem Grund für das Bienensterben findet der Film nicht. Pestizide, Parasiten und andere Auswirkungen der systematischen Vereinnahmung der Natur spielen zusammen. Eine einfache Lösung, so gern man sie als ZuschauerIn präsentiert bekäme, gibt es daher leider auch nicht. Hanna-Lisa Hauge

© Concorde

On the Road

On the Road. Frankreich/Brasilien 2012. Regie: Walter Salles. DarstellerInnen: Garrett Hedlund, Sam Riley, Kristen Stewart, u.a. Kinostart: 4. Oktober.

Sal Paradise beginnt eine Reise ohne konkretes Ziel, auf der Suche nach sich selbst. Bald lernt der angehende Schriftsteller, der seinen ersten Roman schreiben möchte, den stets gut gelaunten und überall beliebten Dean Moriarty kennen. Auf ihrem Roadtrip begleitet sie meist Deans große Liebe, die minderjährige Marylou. So erforschen sie die weiten Straßen der Staaten und dabei auch sich selbst. Die Verfilmung der Romanvorlage von Jack Kerouac inszeniert die Unentschlossenheit und den Lebenshunger der Beat-Generation, die nicht weiß, wo sie hingehört. Sex, Drugs und Jazz ziehen sich durch den gesamten Film.

Die Reise der ProtagonistInnen ist von einer langatmigen Stimmung geprägt, die sich in der Musik des zweifachen Oscarpreisträgers Gustavo Santaolalla wiederfindet. Die bekannten HollywoodschauspielerInnen, Viggo Mortensen und Kirsten Dunst, halten sich als Nebenfiguren eher im Hintergrund. Mit Garrett Hedlund, Sam Riley und Kristen Stewart setzt Regisseur Walter Salles auf junge, aber nicht unbekannte Talente. Durch die glaubwürdige Darstellung der SchauspielerInnen wird der Film zu einer authentischen Reise durch das Amerika der Fünzigerjahre. Sabrina Schmidt

© Camino

Ein freudiges Ereignis

Ein freudiges Ereignis. Frankreich 2012. Regie: Rémi Bezançon. DarstellerInnen: Louise Bourgoin, Pio Marmai u. a. Kinostart: 13. Dezember.

Neun Monate reinen Glücks: So stellt sich die verliebte Barbara ihre Schwangerschaft vor. Doch weit gefehlt. In der Beziehung zwischen der jungen Philosophiestudentin und ihrem unreifen Freund Nicolas, der in einem Videoverleih arbeitet, ist plötzlich nichts mehr so unbeschwert wie vorher. Warum hat sie niemand gewarnt? Barbara empfindet ihre Schwangerschaft als einen Übergriff auf ihren Körper, ihre Identität und ihre Karriere. Während sie sich nur langsam ihrer Rolle als Mutter annähert, driften sie und Nicolas zunehmend auseinander. Regisseur Rémi Bezançon begeg­ net dem Thema Mutterglück in philosophischer Manier und zeigt dabei

den inneren Konflikt einer Frau auf, die in der Gesellschaft die glückliche Mutter mimen soll, während ihr Leben und ihre Beziehung im Chaos versinken. Teilweise wirkt der Film dabei ein wenig platt, etwa wenn Barbara gegen Ende des Films in einem Moment tiefster Verzweiflung einen Roman über ihre Geschichte verfasst. Das mag daran liegen, dass dem Film eine Romanvorlage zugrunde liegt, welche die Biographie der Autorin widerspiegelt. Der Film rührt an ein wenig thematisiertes Tabu: dass Mutterschaft nicht ausschließlich eine wundervolle Angelegenheit ist. Fatima Khan


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Abgelichtet IV:

© Johanna Böttges

Übergangslösung

Die BauplanerInnen der Uni haben nicht nur einen Sinn für Pragmatismus, sondern auch für Extravaganz. Eine Brücke verbindet die Container C1 und C2 neben dem Neuen Seminargebäude - nur für den Übergang.

Termine Schwarze Biografien

Antifeministische Kackscheiße

Beethoven für die Kinderonkologie

Nicht laaaangweilig!

Das Weltende naht

Mit Bach auf Weihnachten freuen

„Biografien schwarzer Menschen in der deutschen Geschichte und Gegenwart“ sind zwischen dem 3. und 25. November Thema von Lesungen, Diskussionen, Theaterstücken sowie einer Ausstellung in der Alten Feuerwache (Melchiorstraße 3). Der Eintritt ist in der Regel frei, Programm unter www. homestory-deutschland.de. Wissenschaft muss nicht trocken sein, wie Studierende und Wissenschaftler­ Innen im Science Slam beweisen. Die Kunst ist es, das Wissen unterhaltsam zu präsentieren. Geslammt wird wieder am 13. November um 20.15 Uhr im Club Bahnhof Ehrenfeld (Bartholomäus-Schink-Str. 65-67).

Besonders lautstark ist sie in Internetforen: Die polemisierende antifeministische Männerrechtsbewegung. Ihre Denkweisen und wie sie der Geschlechtergerechtigkeit schaden, hat Sozialwissenschaftler Hinrich Rosenbrock erforscht. Campus Grün lädt ihn am Dienstag, dem 20. November um 18 Uhr ein. Ort: A2 (Hörsaalgebäude).

Die Maya haben den Weltuntergang angeblich für das Jahr 2012 prophezeiht. Wie die Deutungen des Mayakalenders interpretiert werden, erläutert der Mesoamerikanist Lars Frühsorge am Donnerstag, dem 22. November um 19 Uhr im Rautenstrauch-JoestMuseum statt. Eintritt 6/4 Euro.

Das Streichsextett des Collegium Musicum der Uni Köln gibt am Freitag, dem 30. November ein Benefizkonzert mit Werken von Beethoven und Korngold. Der Eintritt von 15 Euro (ermäßigt 10 Euro) geht an die Kinderonkologie. Beginn ist um 20 Uhr in St. Stefan (Lindenthal), die Platzwahl ist frei. Reservierung unter www.collmus.com.

Am Sonntag, dem 9. Dezember lassen Chöre und Kammerorchester der Uni Bachs Weihnachtsoratorium und die Uraufführung der „Erscheinung“ von Herchenröder im Rathaus erklingen. Einlasskarten gibt es gratis ab 5. November im Bürgerbüro (Laurenzplatz 4). Beginn ist um 11 und 20 Uhr.

philtrat nr. 105  

Die philtrat ist die Zeitung der Studierendenschaft der Philosophischen Fakultät an der Uni Köln.

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