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Ideen

Das Gespräch

Luciano Floridi

„Onlife“, „Infosphäre“, „4. Revolution“, mit diesen Begriffen beschreibt Luciano Floridi die neue Lebensform des digitalen Menschen. Der Philosoph sieht ein Zeitalter nahen, in dem Unternehmen wie Facebook oder Google unser Wirklichkeitsverständnis zunehmend prägen – und manipulieren Das Gespräch führten Wolfram Eilenberger und Frederike Kaltheuner/ Fotos von Andrew Testa

Luciano

Floridi

»Digitale Unternehmen haben ontologische Macht«

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urück ins Mittelalter? Wer Luciano Floridi in Oxford besucht, wähnt sich auf einer Zeitreise. Auch Floridi begann einst als Philosophiehistoriker. Doch hat sich der gebürtige Römer mittlerweile ganz den Prozessen unserer Gegenwart verschrieben. Mit dieser Ausrichtung leitet er eines der führenden Forschungszentren zum Thema Internet und Gesellschaft – das Oxford Internet Institute. Wie er in seinem jüngsten Werk „Die 4. Revolution“ (Suhrkamp, 2015) darlegt, erleben wir mit den digitalen Technologien eine Revolution unseres Daseins. Um deren Auswirkungen auf unser Selbstverständnis zu verstehen, greift Floridi auf Kant, Charles Sanders Peirce und Ernst Cassirer zurück. Er stellt sich damit in eine Tradition, die den Menschen als zeichenverwendendes Wesen, als ein animal symbolicum versteht. Die Grundlagen unseres Zeichengebrauchs bestimmen demnach die Grundlagen unserer Ethik, unserer Politik, unserer Erkenntnistheorie. Begegnung mit einem Denker der Zukunft.

68 / philosophie Magazin Oktober / November 2015

Herr Floridi, die neuen Informationstechnologien stehen im Zentrum Ihres Denkens. Führte auch Ihr eigener Weg in die Philosophie über das Internet? Luciano Floridi: Nein, sondern noch ganz klassisch über das Medium des Buches. Ich war zwölf Jahre alt, als ich das erste Mal einen Text über Philosophie las. Es war ein Eintrag aus einem Lexikon für Kinder, der von der griechischen Philosophie handelte. Was für eine Enttäuschung! Ich dachte: So einen Quatsch können die Griechen niemals behauptet haben. Ich fragte meinen Vater, der Arzt und philosophisch sehr interessiert ist. Er gab mir dann zur weiteren Lektüre sein Exemplar von Bertrand Russels „Philosophie des Abendlandes“ in die Hand. Das machte mich sehr stolz. So fing es an. Worin lag für Sie der entscheidende Reiz? Als ich zu studieren begann, sagte ich scherzhaft, ich möchte eine Art akademischer „Agent 007“ werden: mit der Lizenz, einfach alles zu studieren. Philosophie schien mir da die bes-

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Philosophie Magazin Nr. 6 / 2015  

Macht meine Arbeit noch Sinn?

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