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4. Philharmonisches Konzert

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Die heutige Konzertbesetzung des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg Konzertmeister Markus Wolf Thomas C. Wolf Violine 1 Bogdan Dumitrascu Annette Schäfer Danuta Kobus Jens-Joachim Muth Janusz Zis Solveigh Rose Stefan Herrling Imke Dithmar-Baier Christiane Wulff Sidsel Garm Nielsen Tuan Cuong Hoang Piotr Pujanek Daria Pujanek Birgit Erz Violine 2 Sebastian Deutscher Marianne Engel Berthold Holewik Sanda-Ana Popescu Herlinde Kerschhackel Martin Blomenkamp Heike Sartorti Felix Heckhausen Annette Schmidt-Barnekow Dorothee Fine Josephine Nobach Antje Kroeger María del Mar Vargas A. Gideon Schirmer Viola Nathan Braude Ludwig Hampe Minako Uno-Tollmann Daniel Hoffmann Jürgen Strummel Roland Henn Annette Hänsel Liisa Haanterä Stefanie Frieß Adrienne Hochman Grzegorz Rajmund Pajak Olof von Gagern

Violoncello Johannes Wohlmacher Markus Tollmann Ryuichi R. Suzuki Monika Märkl Arne Klein Brigitte Maaß Tobias Bloos Yuko Noda Christine Hu Inka Aurora Saavalainen Kontrabass Stefan Schäfer Tobias Grove Friedrich Peschken Katharina von Held Franziska Kober Franziska Petzold Balthasar Brockes Kerstin Lück-Matern Flöte Walter Keller Anke Braun Vera Plagge Oboe Thomas Rohde Birgit Wilden Klarinette Rupert Wachter Amelie Bertlwieser Fagott Constantin Barcov Olivia Comparot Horn Cristian Palau Tena Pascal Deuber Saskia van Baal Torsten Schwesig Trompete Andre Schoch Mario Schlumpberger

Posaune André Melo Hannes Tschugg Jonas Burow Tuba Lars-Christer Karlsson Pauke Jesper Tjærby Korneliusen Schlagwerk Massimo Drechsler Frank Polter Matthias Hupfeld Špela Cvikl Fabian Otten Harfe Lena-Maria Buchberger Orchesterwarte Thomas Geritzlehner Janosch Henle Thomas Storm


4. Philharmonisches Konzert Sonntag, 11. Dezember 2016, 11 Uhr Montag, 12. Dezember 2016, 20 Uhr Laeiszhalle Hamburg

Sergej Prokofjew (1891-1953) Symphonie Nr. 1 D-Dur op. 25 „Symphonie classique“ (ca. 15 Min.) I. Allegro – II. Larghetto III. Gavotta. Non troppo allegro – IV. Finale. Molto vivace

Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) Violinkonzert e-Moll op. 64 (ca. 30 Min.) I. Allegro molto appassionato – II. Andante III. Allegretto non troppo-Allegro molto vivace

Pause Nikolai Rimski-Korsakow (1844-1908) Scheherazade op. 35 (ca. 40 Min.) I. Largo e maestoso-Lento-Allegro non troppo-Tranquillo (Das Meer und Sindbads Schiff) II. Lento-Andantino-Allegro molto-Vivace scherzando-Moderato assai-Allegro molto ed animato (Die Geschichte vom Prinzen Kalender) III. Andantino quasi allegretto (Der junge Prinz und die junge Prinzessin) IV. Allegro molto-Lento-Vivo-Allegro non troppo e maestoso-Lento-Tempo come I (Feier in Bagdad. Das Meer. Das Schiff zerschellt an einer Klippe unter einem bronzenen Reiter)

Solovioline: Markus Wolf

Dirigent Gustavo Gimeno Violine Augustin Hadelich

Einführung mit Janina Zell am Sonntag, 10.15 Uhr und am Montag, 19.15 Uhr im Kleinen Saal Familienangebot am Sonntagvormittag: Spielplatz Orchester und Kindereinführung zu „Scheherazade“


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Instrumentation ist ein Teil der wirklichen Seele des Werkes. Nikolai Rimski-Korsakow


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Von Sommervillen und Märchenwelten: Musikalische Rückzugsorte Revolution und Ruhepunkt: Prokofjews „Symphonie classique“ Entstehung: 1916 bis 1917 Uraufführung: 21. April 1918 im damaligen Petrograd (St. Petersburg) Widmung: seinem Studienfreund Boris Assafjew Besetzung: 2 Flöten, 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotte, 2 Hörner, 2 Trompeten, Pauke, Streicher

Den Auftakt zum 4. Philharmonischen Konzert macht Prokofjews Symphonie classique – seine Nr. 1 in dieser Gattung, zugleich auch die bekannteste und kürzeste Symphonie aus der Feder des Tonkünstlers. Ihre Melodien wurden mehrfach vertanzt, als Titelmelodie vom Kulturmagazin „aspekte“ gespielt und erklingen im Abspann der WDR3-Sendung „Mosaik“: ein wahrer „Klassiker“. Die Symphonie entsteht inmitten der Aufbruchsstimmung des russischen Revolutionsjahres 1917. Die erste Hälfte des Jahres verbringt Prokofjew in Petrograd, wo die Unruhen und Streiks zunehmen. Am 15. März bricht die Revolution aus, der Zar muss abdanken: „Die Februar-Revolution wurde von mir und den Kreisen, in denen ich verkehrte, freudig begrüßt. Während des Aufstandes war ich in Petrograd auf der Straße und verbarg mich von Zeit zu Zeit hinter Mauervorsprüngen, wenn die Schießerei allzu heftig wurde ...“. Die Eindrücke finden unmittelbar in seinem Klavierzyklus Flüchtige Visionen und gegen Ende des Jahres in der Kantate Chaldäische Beschwörung Niederschlag. Um die revolutionären Brennpunkte herum geht das Leben weiter: Die Theater und Kinos spielen, Restaurants und Nachtbars bleiben offen. Für Prokofjew ist das Revolutionsjahr ein äußerst produktives. Er vollendet sein 1. Violinkonzert, skizziert sein 3. Klavierkonzert, überarbeitet zwei Klaviersonaten, beschäftigt sich mit der Oper Die Liebe zu den drei Orangen und schließt im Sommer in einem Landhaus bei Petrograd seine erste Symphonie ab. Während sich die Ereignisse in Russland förmlich überschlagen, wendet sich Prokofjew mit seiner Symphonie in einer Mischung aus Nostalgie und Parodie der Vergangenheit zu: „Wäre Haydn heute noch am Leben, dachte ich, hätte er sicher seine Art zu komponieren beibehalten und zusätzlich einiges Neue übernommen. In dieser Weise wollte auch ich meine Symphonie schreiben.“ Haydns Musik hatte ihn im Kompositionsunterricht stark beeindruckt. Vor allem die Klarheit der Tonsprache übte einen besonderen Reiz auf ihn aus und sollte ihm Leitfaden für dieses neoklassizistische Experiment sein. Die persönliche Herausforderung lag in der selbstauferlegten Bedingung, ohne Zuhilfenahme seines stetigen Begleiters zu komponieren: dem Klavier. Prokofjew erhoffte sich davon, die Orchesterfarben in ihrer Ursprünglichkeit und Reinheit besser zur Geltung zu bringen. Das Ergebnis ist ein


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vitales Klangpaket, das die Tonsprache Haydns mit leichter Ironie und raffinierten Gegenwartseinflüssen gewürzt wiederauferstehen lässt: Die unerwarteten rhythmischen und harmonischen Wendungen machen das Werk laut Leonard Bernstein zum Musterbeispiel für „Humor in der Musik“. Das Zentrum bilden höfische Tänze: eine Gavotte im dritten Satz und hörbare Anleihen beim Menuett im zweiten Satz, gerahmt von zwei energiegeladenen Ecksätzen. Die Oktober-Revolution, bei der auch die konservative provisorische Regierung durch einen linken Putsch gestürzt wird, erlebt Prokofjew nur aus der Ferne. Er war gegen Ende des Sommers für ein Konzert in den Kaukasus gereist und saß gewissermaßen dort fest. Im folgenden Frühjahr kehrt er schließlich nach Petrograd zurück, gibt Klavierkonzerte und erlebt im April die Uraufführung seiner ersten Symphonie (der bereits drei unveröffentlicht gebliebene Symphonien vorausgingen). Wenige Tage danach verlässt Prokofjew Russland und reist über Tokio nach New York, lebt später einige Jahre in Paris und kehrt erst 1936 dauerhaft in die Sowjetunion, nach Moskau zurück.

„Ein Konzert, dass sich die Engel im Himmel freuen”: Mendelssohns Violinkonzert e-Moll Entstehung: 1838-1844 Uraufführung: 13. März 1845 im Leipziger Gewandhaus Besetzung: Solovioline, zwei Flöten, zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Fagotte, zwei Hörner, zwei Trompeten, Pauken, Streicher

Gut 70 Jahre zuvor entsteht das Violinkonzert von Mendelssohn, das an dieser Stelle des Konzertes in seiner romantischen Tongebung wie das historisch jüngere Werk wirkt. Der romantische Ausdruck des Werkes steht – ganz in Mendelssohn’scher Manier – in einem ausgewogenen Verhältnis zur klassischen Anmut. Der gebürtige Hamburger ist ebenfalls ein großer Verehrer Haydns, dessen Werke er vor allem an seiner langjährigen Wirkungsstätte in Leipzig mehrfach zur Aufführung bringt. Das Violinkonzert fällt in Mendelssohns späte Schaffensphase. Bereits als 13-Jähriger schreibt er sein erstes Violinkonzert, verwirft es aber als Jugendwerk. Im Jahr 1838 will er sich dem Vorhaben nun ein zweites Mal widmen und kündigt dem Konzertmeister des Leipziger Gewandhausorchesters, dessen Leitung er damals innehat, ein Violinkonzert an. Das Großprojekt – auch das keine Seltenheit bei Mendelssohn – braucht allerdings seine Zeit zum Reifen. Ein Jahr später hakt der Konzertmeister Ferdinand David bittend nach: „Erbarme Du Dich doch und schreibe ein Violinconcert … Du bist der rechte Mann dazu, Dich kostet es 14 Tage und Du erntest eine ewige Dankbarkeit.“ Diese schmeichelhafte Untertreibung kontert Mendelssohn mit Ironie: „Das ist gar zu hübsch von Dir, dass Du mich zu einem Violinkonzert stempeln willst; ich habe die allergrößte Lust, Dir eins zu machen, und wenn ich ein paar gutgelaunte Tage hier habe, so bringe ich Dir etwas der Art mit. Aber


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leicht ist die Aufgabe freilich nicht; brillant willst Du’s haben, und wie fängt unser eins das an? Das ganze erste Solo soll aus dem hohen e bestehen.“ Die gutgelaunten Tage lassen auf sich warten; bis zur Uraufführung sollen noch weitere 6 Jahre vergehen. Mendelssohns Ziel ist es „ein Konzert …, dass sich die Engel im Himmel freuen“ zu schreiben, in dem das scherzhaft angekündigte hohe e tatsächlich erklingen soll. Wie die Violinklänge im Himmel aufgenommen wurden – wer weiß? Die „ewige Dankbarkeit“ von Virtuosen wie Publikum ist ihm – so die Prognose nach 171 Jahren – vermutlich gewiss. Zum Komponieren zog sich Mendelssohn in eine Sommervilla nach Bad Soden am Taunus zurück. Das idyllische Umland Frankfurts war für ihn seit der Heirat mit der Frankfurterin Cécile Jeanrenaud 1837 zum familiären Rückzugsort in den Sommermonaten geworden. Die Gegend wurde durch Kurpark, Wanderwege und wunderschöne Ausblicke in den folgenden Jahrzehnten zu einem kreativen Anlaufpunkt der Künstlerszene: Tschaikowski, Wagner, Tolstoi und viele andere ließen sich dort zeitweilig nieder, um Inspiration und Erholung zu suchen. Ein Rückzugsort inmitten der Natur vermittelt den Eindruck eines abgeschotteten Arbeitens, das hervorragend ins Bild eines Künstlergenies des 19. Jahrhunderts passt. Dort endlich findet Mendelssohn die ersehnten „gutgelaunten Tage“ und vollendet das Violinkonzert. Allerdings entwickelt er das Werk nicht ausschließlich in Abgeschiedenheit, sondern sucht die Zusammenarbeit mit dem Geiger Ferdinand David. Auch den Dirigenten der Uraufführung, Nils Gade (ein Zögling Mendelssohns, der in seiner Abwesenheit das Gewandhausorchester leitete), bezieht er in den Entstehungsprozess mit ein. Lange Zeit pendelt die Partitur zwischen den Musikern hin und her, um alle Wünsche und Bedenken zu berücksichtigen – eine lohnende Arbeit, zählt das Stück doch noch heute zu den meistaufgeführten Violinkonzerten. Die zarte Violinkantilene des Anfangs entfacht eine aufwallende Dramatik. Impuls und Energie gehen vom Soloinstrument aus, das in hoher Lage eine räumliche Distanz zu den tiefliegenden Streichern des Orchesters zu suchen scheint. Es ist der Geige vorbehalten das Thema vorzustellen und zu etablieren; das Orchester folgt. Mit diesem Beginn schafft Mendelssohn eine der prägenden formalen Innovationen der Gattung. Die nächste folgt kurz darauf, denn bereits vor der Reprise steht die Violine mit einer präzise auskomponierten Kadenz wiederum im Fokus. Das Vorziehen der Kadenz vom Satzende in die Satzmitte bereitet die dritte Neuerung vor: den nahtlosen Übergang der drei Sätze. Durch die Einbettung der Solokadenz in den ersten Satz gelingt ein fließender Übergang zum zweiten, der in seiner Lyrik und schlichten ABA-Form wie ein Lied ohne Worte klingt. Der dritte und finale Satz schließt in Sonatenrondoform ebenfalls attacca an und endet (nachdem es im ersten Solo nicht wie angekündigt eingelöst wurde) mit dem prophezeiten viergestrichenen e in der Solovioline.


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Nikolai Rimski-Korsakow, Sheherazade, Frontispiz


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Orient und Märchenwunder: Rimski-Korsakows „Scheherazade“ Entstehung: 1888 Uraufführung: 1888 in St. Petersburg Besetzung: Piccoloflöte, 2 Flöten, 2 Oboen (2. auch Englischhorn), 2 Klarinetten, 2 Fagotte, 4 Hörner, 2 Trompeten, 3 Posaunen, Tuba, Pauke, Schlagwerk, Harfe, Streicher

Mit Rimski-Korsakows berühmter Scheherazade steht das Orchester schließlich als Solist im Mittelpunkt. „Warum nun hat meine Suite den speziellen Namen Scheherazade? Weil dieser Name und der Titel 1001 Nacht in jedermanns Sinn den Orient und seine Märchenwunder kennzeichnen ...“, verrät der Komponist und entspinnt auf dem Nährboden der vielen unterschiedlichen Geschichten und Stimmungen ein musikalisches Spiel, das fesselnd wie fordernd Musiker und Zuhörer in seinen Bann zieht. Zum Stichwort „1001 Nacht“ werden in unseren Breitengraden vermutlich als erstes Erinnerungen an „Aladdin und die Wunderlampe“ wach. Welche Episoden Rimski-Korsakow zu seiner sinfonischen Dichtung inspirieren, lässt sich in den programmatischen Satztiteln ablesen. Dem ewigen Für und Wider, ob nun solch konkrete Verweise dem Zuhörer als Anregung der Fantasie dienen oder ihn doch nach einer zu konkreten Geschichte suchen lassen und von der Musik ablenken, entgeht auch er nicht. Zunächst ergänzt er die Hinweise, nach der Uraufführung ersetzt er sie wiederum durch schlichte Tempoangaben: „Diese Überschriften waren allerdings nur dazu gedacht, die Fantasie des Hörers in die Richtung zu lenken, den meine eigene Fantasie beim Komponieren gegangen war. … Ich wollte dem Hörer, dem meine Suite als sinfonische Musik gefällt, zu verstehen geben, dass hier allerlei orientalische Märchengeschichten erzählt werden und es sich eben nicht bloß um vier aufeinanderfolgende Sätze mit gleichen musikalischen Themen handelt.“ Hier nun seien die beschreibenden Titel genannt und erläutert, da sie nicht nur unterhaltsam sind, sondern auch wunderbar als Hörhilfen dienen können. Zunächst jedoch sei auf die Rahmenhandlung von 1001 Nacht verwiesen, die als kurze Zusammenfassung am Ende der Partitur stand: Sultan Schahriar war von der Falschheit und Unbeständigkeit der Frauen so überzeugt, dass er einen Eid schwur, jeder seiner Frauen nach der Brautnacht den Tod zu geben. Scheherazade jedoch rettete ihr Leben, indem sie sein Interesse an den Geschichten erregte, die sie ihm während tausendundeiner Nacht erzählte. Von Tag zu Tag verschob der Sultan, neugierig auf die Fortsetzung der Geschichten, ihre Hinrichtung und gab schließlich seine blutige Absicht auf. Gleich zu Beginn des ersten Satzes hören wir ein drohendes, blechbläserdominiertes Motiv, das in seinem tyrannischen Gestus dem Sultan entspricht. Kurz darauf ertönt das sinnlich-bezirzende Gegenmotiv in der Solo-Violine mit Harfenbegleitung: Scheherazade. Die erste Geschichte, die Scheherazade erzählt, „Das Meer und Sindbads Schiff“, ist musikalisch


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in der wellenartigen Bewegung in den Celli zu finden: Sindbad sticht in See und gerät in neue Abenteuer. Immer wieder funkt das Sultan-Motiv dazwischen und unterbricht die Erzählung, bis es in den hohen Streichern verklingt. Die erste Nacht scheint überstanden. Im zweiten Satz setzt Scheherazade wieder zum Erzählen an: „Die Geschichte vom Prinzen Kalender“. Der Musik nach zu urteilen, gleicht der Prinz einem Paradiesvogel, der seine Formen und Farben wechselt. So gesellt sich zum Violinmotiv Scheherazades eine Melodie im Solo-Fagott, die sich beständig wandelt und durch die verschiedenen Instrumente wandert. Es folgt die dritte Geschichte, „Der junge Prinz und die junge Prinzessin“: eine musikalisch fein differenzierte Liebesgeschichte, in der sich ein Prinz auf die Suche nach der geliebten Prinzessin macht und diese, wie die letzten Tönen suggerieren, auch findet – und wenn sie nicht gestorben sind … Im Finale steigert Scheherazade ihre Erzählung zum fulminanten Höhepunkt, bei dem es an nichts fehlen darf: „Feier in Bagdad. Das Meer. Das Schiff zerschellt an einer Klippe unter einem bronzenen Reiter“. Die Motive der vorausgegangenen Sätze treffen nun kaleidoskopisch zusammen. Mit voller Orchesterbesetzung und zelebrierendem Schlagwerk strebt die sinfonische Dichtung gen Ende und vereint in den letzten Takten die Themen von Scheherazade und Sultan – und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Der Orient-Bezug dieses Werkes spiegelt eine im russischen Reich weit verbreitete Faszination wider. Ebenso wie die literarische Vorlage indische, persische und arabische Elemente verbindet, sind auch die musikalischen Einflüsse zahlreich. Mit den Worten Andrej Rimski-Korsakows, dem Sohn des Komponisten, lässt sich eine Triade ausmachen, die den Tonkünstler fortwährend beschäftigt habe und in diesem Werk Niederschlag findet: das Meer, das Volkslied und der Orient. Als 18-Jähriger war Rimski-Korsakow drei Jahre lang um die Welt gesegelt. Damals war er noch Marineoffizier, durchaus aber der Musik verschrieben und ein ehrgeiziger Pianist. Im Jahr 1862 tritt er schließlich als jüngstes Mitglied dem „Mächtigen Häuflein“ bei, einer kleinen Komponisten-Gemeinschaft, die sich der Förderung der national geprägten, russischen Musik angenommen hat. Sie zählt nur fünf Mitglieder: Mili Balakirew, César Cui, Alexander Borodin, Modest Mussorgsky und ihn selbst. Er nimmt daraufhin Unterricht bei Tschaikowsky am Moskauer Konservatorium und wird einige Jahre später selbst Professor am St. Petersburger Konservatorium, das heute seinen Namen trägt. Das neue Umfeld beeinflusst auch den Kompositionsstil Rimski-Korsakows: Er öffnet sich den musikalischen Entwicklungen Westeuropas – in Scheherazade am deutlichsten im Zwist um den programmatischen Gehalt (wie er von Berlioz und Liszt bekannt ist) zu spüren. Wie viel die Überschriften nun tatsächlich über die musikalischen Geschichten verraten – wer weiß? Halten wir es mit den Worten des Komponisten: „Die Ausmalung der Details sollte dem Vorstellungsvermögen und der Stimmung eines jeden einzelnen Hörers überlassen bleiben.“ Janina Zell


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Scheherazade, Odaliske 1910, KostĂźmentwurf von LĂŠon Bakst


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Gustavo Gimeno

Gustavo Gimeno ist seit der Saison 2015/16 Musikdirektor des Orchestre Philharmonique du Luxembourg. Neben der künstlerischen Leitung des OPL führten ihn in jüngster Vergangenheit ausgewählte Gastdirigate zu Orchestern wie den Münchner Philharmonikern, dem Cleveland Orchestra, City of Birmingham Symphony Orchestra, Orchestre National de France, Rotterdam Philharmonic und der Philharmonia Zürich. 2015 leitete Gustavo Gimeno das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam auf Asien-Tournee. Erstmalig steht er in der Saison 2016/17 am Pult des Boston Symphony Orchestra, Chicago Symphony Orchestra, National Symphony Orchestra Washington, NHK Symphony Orchestra und des Orchesters der Academia Nazionale di Santa Cecilia. Viele der Werke, die im Zentrum von Gustavo Gimenos erster Saison als Musikdirektor in Luxembourg standen, stehen auch im Mittelpunkt zukünftiger Konzerte: Mit Bruckners 1. Sinfonie kehrt er zu den Münchner Philharmonikern, mit der 1. Sinfonie von Schumann zum Royal Concertgebouw Orchestra und City of

Birmingham Symphony Orchestra zurück. Mahlers 1. Sinfonie dirigiert er beim Philharmonia Orchestra in der Royal Festival Hall London und Schostakowitschs 1. Sinfonie mit dem Sydney Symphony Orchestra. Gleich zweifach stellt sich Gustavo Gimeno im Frühjahr 2017 in Wien vor: Mit dem OPL im Konzerthaus und den Wiener Sympho­nikern im Musikverein. Sein Operndebüt gab Gustavo Gimeno 2015 mit Bellinis Norma an der Oper in Valencia, im März 2017 dirigiert er seine erste Luxembourger Opernproduktion, Verdis Simon Boccanegra. Geboren in Valencia, begann Gustavo Gimeno seine internationale Dirigentenkarriere 2012, zu dieser Zeit Mitglied des Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam, als Assistent von Mariss Jansons. Maßgebliche Erfahrungen sammelte er zudem als Assistent von Bernard Haitink und Claudio Abbado, der ihn als Mentor intensiv förderte und in vielerlei Hinsicht prägte.


Augustin Hadelich

Der Grammy Award-Preisträger Augustin Hadelich hat sich als einer der großen Geiger seiner Generation etabliert. Er konzertiert mit allen bedeutenden amerikanischen Orchestern und auch bei seinen immer zahlreicher werdenden Auftritten in Großbritannien, Europa und Fernost eilt ihm ein phänomenaler Ruf voraus. Höhepunkte dieser sind Wiedereinladungen zu den Philharmonikern in New York und Los Angeles sowie Konzerte mit den Sinfonieorchestern in Baltimore, Dallas und San Diego. Er ist Solist der Saisoneröffnung des WDR Sinfonieorchesters Köln und debütiert beim HR Sinfonieorchester Frankfurt, den Münchner Philharmonikern, der Dresdner Philharmonie, dem Rotterdam Philharmonic Orchestra und dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg. Eine Tournee mit dem Orquestra de Cadaqués führt ihn nach Deutschland und Spanien. Im Sommer 2016 spielte er erstmals bei den BBC Proms, dem Bowdoin Music Festival und Sun Valley Summer Symphony. Darüber hinaus folgte er Wiedereinladungen zu den Sommerfestivals Aspen, Bravo! Vail und

Tanglewood. Zu seinen jüngst zurückliegenden Engagements wie auch zu den kommenden Auftritten gehören Konzerte mit BBC Philharmonic, BBC Symphony, Royal Scottish National Orchestra, Mozarteumorchester Salzburg, Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR, São Paulo Symphony, NHK Symphony sowie Auftritte mit den Sinfonieorchestern von Boston, Chicago, Cleveland, Philadelphia und San Francisco. 2016 erhielt Hadelich einen Grammy Award in der Kategorie „Best Classical Instrumental Solo“ für seine Einspielung des Violinkonzerts „L’Arbre des songes“ von Dutilleux mit dem Seattle Symphony Orchestra unter Ludovic Morlot. 2015 gewann er den erstmalig ausgelobten Warner Music Prize. Er wurde mit dem „Martin E. Segal Award“ des Lincoln Center (2012) und einem Fellowship des Borletti-Buitoni Trust (2011) geehrt. 2009 erhielt er in New York den prestigeträchtigen „Avery Fisher Career Grant“. 2006 sorgte er mit dem Gewinn der Goldmedaille beim Internationalen Violinwettbewerb von Indianapolis für Furore.

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Vorschau

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Sonderkonzert

5. Philharmonisches Konzert

im Elbphilharmonie-Eröffnungsfestival Freitag, 13.1.2017, 20:00 Uhr Jörg Widmann: ARCHE - Ein Oratorium für Soli, Chöre, Orgel und Orchester (Uraufführung) Dirigent: Kent Nagano Sopran: Marlis Petersen Bariton: Thomas E. Bauer Hamburger Alsterspatzen Audi Jugendchorakademie Choreinstudierung: Martin Steidler Chor der Hamburgischen Staatsoper Choreinstudierung: Eberhard Friedrich

Sonntag, 22.1.2017, 11:00 Uhr Montag, 23.1.2017, 20:00 Uhr Joseph Leopold Edler von Eybler: Follia für Orchester nach Arcangelo Corelli Franz Clement: Violinkonzert Nr. 1 D-Dur Ludwig van Beethoven: Symphonie Nr. 1 C-Dur op. 21 Dirigent: Reinhard Goebel Violine: Mirijam Contzen Laeiszhalle, Großer Saal

Elbphilharmonie, Großer Saal

Die Blumen für Solisten und Dirigenten werden gesponsert von


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Stiftung Philharmonische Gesellschaft Hamburg Die Stiftung Philharmonische Gesellschaft Hamburg steht seit ihrer Gründung im Jahre 1985 dem Philharmonischen Staatsorchester zur Seite und führt die hanseatisch-philharmonische Tradition der Gründerväter des Orchesters fort. Die Stiftung unterstützt den Klangkörper im Bereich der Orchesterakademie, bei der Finanzierung von CD-Produktionen und der Zeitungsbeilage „Philharmonische Welt“ oder bei der Anschaffung von Instrumenten. Bringen auch Sie Ihre Verbundenheit mit der Musikstadt Hamburg und dem Orchester der Hansestadt zum Ausdruck! Spendenkonto Haspa, IBAN: DE24 2005 0550 1280 3739 92, BIC: HASPDEHH

Freunde und Förderer Freundeskreis-Mitglieder sind ganz nah dran an den Philharmonikern und kommen in den Genuss von Probenbesuchen, Künstler- und Expertengesprächen sowie Einladungen zu exklusiven Veranstaltungen rund ums Orchester. Der Freundeskreis unterstützt die künstlerische Arbeit der Philharmoniker einerseits durch Förderbeiträge, andererseits als engagierter Botschafter für das Orchester in der Hansestadt. Seien auch Sie dabei! Unterstützen Sie Ihr Orchester und werden Sie Mitglied im Freundeskreis! Weitere Informationen: www.staatsorchester-hamburg.de/freundeskreis

Herausgeber Landesbetrieb Philharmonisches Staatsorchester Generalmusikdirektor Kent Nagano

Redaktion Janina Zell Gestaltung Annedore Cordes Design-Konzept

Orchesterintendant Georges Delnon

PETER SCHMIDT, BELLIERO & ZANDÉE

Orchesterdirektorin Susanne Fohr

Litho Repro Studio Kroke GmbH

Dramaturgie Dr. Dieter Rexroth

Herstellung Hartung Druck + Medien

Presse und Marketing Hannes Rathjen

Nachweise Der Artikel von Janina Zell ist ein Originalbeitrag für das Philharmonische Staatsorchester Hamburg Programmbuch Internationale Musikfestwochen Luzern Sommer 1993 –Richard Shead, Ballets Russes, New Jersey 1989 Marco Borggreve Anzeigenverwaltung Antje Sievert, Telefon (040) 450 69803 antje.sievert@kultur-anzeigen. com


Programm 4. Philharmonisches Konzert  

Sergej Prokofjew: Symphonie Nr. 1 D-Dur op. 25 „Symphonie classique“ Felix Mendelssohn Bartholdy: Violinkonzert e-Moll op. 64 Nikolai Rimski...

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