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PROGR AM M

18 6. KO N Z E R T S A I S O N


K O N Z E R T B E S E T Z U N G D E S 4 . P H I L H A R M O N I S C H E N KO N Z E R T S KO NZE RT M E I S T E R Konradin Seitzer Thomas C. Wolf Joanna Kamenarska-Rundberg 1. VIO LI N E N Bogdan Dumitrascu Danuta Kobus Jens-Joachim Muth Janusz Zis Solveigh Rose Annette Schäfer Christiane Wulff Sidsel Garm Nielsen Tuan Cuong Hoang Piotr Pujanek Daria Pujanek Razvan-Eugen Aliman** Britta Wewer** 2. VIO LI N E N Hibiki Oshima Marianne Engel Berthold Holewik Thomas F. Sommer Herlinde Kerschhackel Heike Sartorti Felix Heckhausen Mette Tjærby Korneliusen Brigid Leman ** Vladik Otaryan ** Fabian Bischof* Thomas Huppertz** Christian Heubes** Sabine Eitemüller** Iris Menzel ** Eva Csermák

Liisa Haanterä Stefanie Frieß V IO LON CE LLI Thomas Tyllack Manfred Schumann** Prof. Klaus Stoppel Monika Märkl Arne Klein Brigitte Maaß Sebastian Gaede Tobias Bloos Yuko Noda Yura Park*

Andre Schoch* Eckhard Schmidt Martin Frieß POSAU NE N Michael Steinkühler Hannes Tschugg Joachim Knorr TUBA Andreas Simon

KON TR AB ÄS SE

PAUKE

Gerhard Kleinert Peter Hubert Tobias Grove Friedrich Peschken Katharina von Held Benedikt Kany Alexander Tegtmeier* Robert Amberg**

Jesper Tjærby Korneliusen SC HLAGWE RK Massimo Drechsler Frank Polter Matthias Hupfeld Oliver Ploschewski* Rüdiger Pawassar**

FLÖT EN HAR FE Björn Westlund Vera Plagge

Irina Kotkina Lena-Maria Buchberger

OB OEN KLAVI ER / CE LESTA Nicolas Thiébaud Melanie Jung

Moshe Landsberg Alexander Winterson

K LARIN ET TE N ORC HESTE RWA RT E Rupert Wachter Henriette Störel*

B RATS C HE N FAGOT T E Naomi Seiler Isabelle-Fleur Reber Sönke Hinrichsen Thomas Rühl Christopher Hogan Daniel Hoffmann Jürgen Strummel Roland Henn Elke Bär Gundula Faust

TROMPE TEN

Josef Euler Thomas Geritzlehner Christian Piehl**

Christian Kunert Mathias Reitter H ÖR N ER Bernd Künkele Paul Pitzek* Ralph Ficker Saskia van Baal

* Mitglied der Orchesterakademie ** Gast


IV. PHILHARMONISCHES KONZERT SONNTAG, 26. JANUAR 2014, 11 UHR MONTAG, 27. JANUAR 2014, 20 UHR LAEISZHALLE HAMBURG

Nikolai Rimsky-Korsakow (1844-1908) Ouvertüre zu »Die Mainacht« (1880) ca. 8 Min. Sergej Rachmaninow (1873-1943) Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 c-Moll op. 18 (1901) Moderato – Adagio sostenuto – Allegro scherzando

ca. 34 Min.

– Pause – Igor Strawinsky (1882-1971) Chant du rossignol (Gesang der Nachtigall) Poème symphonique (1917) ca. 20 Min. Presto – Andantino – Presto und Chinesischer Marsch – Gesang der Nachtigall – Spielwerk der mechanischen Nachtigall Igor Strawinsky L’Oiseau de feu (Der Feuervogel) Suite Nr. 2 (1919) ca. 30 Min Introduktion – Der Tanz des Feuervogels – Variation des Feuervogels – Reigen der Prinzessinnen – Höllentanz des Zauberers Kaschtschei – Berceuse – Finale

ANNA VINNITSKAYA KLAVIER JUN MÄRKL DIRIGENT Dmitrij Kitajenko und Elisabeth Leonskaja mussten ihre Mitwirkung leider absagen. Wir danken Anna Vinnitskaya und Jun Märkl für die kurzfristige Bereitschaft, das Konzert zu übernehmen und bitten um Verständnis für die Programmänderung.

Einführung mit Juliane Weigel-Krämer Sonntag, 10.15 Uhr im Studio E, Montag, 19.15 Uhr im Kleinen Saal Kindereinführung am Sonntag, 11.00 Uhr im Studio E


Seejungfrauen. Pate stand aber die gleichnamige Erzählung von Nikolai Gogol, die Rimsky besonders liebte. »Schon als wir noch Brautleute waren, bat mich meine Frau mehrfach, ich solle doch einmal eine Oper über dieses Sujet schreiben. Gemeinsam hatten wir ›Die Mainacht‹ an dem Tag unserer Verlobung gelesen. Seither war sie mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen«, schildert Rimsky in seiner Autobiographie. 1878, sechs Jahre nach der Hochzeit mit der Pianistin Nadeshda Nikolajewna Purgold, war es soweit: Rimsky begann die Arbeit an der Gogol-Oper, die vom Sieg der Liebe eines jungen Paars in einem ukrainischen Dorf erzählt. Gogols zwischen satirischer Beobachtung und träumerischer Naturstimmung angesiedelte Erzählung reicherte Rimsky nach eigener Aussage mit »Resten alten heidnischen Brauchtums«, etwa der Nixenerscheinung, an. Auch die Musik ist von verschiedensten Volksliedmotiven durchzogen – Rimsky hatte zu dieser Zeit gerade seine Sammlung russischer Volkslieder herausgegeben, aus der Strawinsky später schöpfte. In der Ouvertüre der »Mainacht« ist der frische folkloristische Einfluss deutlich zu hören. Rimsky verarbeitete hier zarte lyrische Bögen aus den Duetten des Liebespaars Lewko und Hanna, schillernde Motive aus der hilfreichen Erscheinung der Nixenkönigin – doch am Schluss steht der mitreißende Hochzeitstanz für das glückliche Paar, das sich schließlich über alle Hindernisse hinwegsetzt. Die Oper über eine glückliche Liebe widmete Rimsky denn auch seiner Frau, die ihn zum Sujet inspiriert hatte. Bei der erfolgreichen Uraufführung der »Mainacht« 1880 im Petersburger Mariinsky-Theater wirkte übrigens in der Hauptrolle des intriganten Dorfältesten ein hervorragender Bassist mit. Es war niemand anderes als Fjodor Ignatjewitsch Strawinsky – der Vater Igor Strawinskys.

N IKO LA I RI MS K Y-KORS A KOW Ouvertüre zu »Die Mainacht«

LEHRER UND SCHÜLER »Rimsky war hochgewachsen. Er war ein ganz ungewöhnlicher Pädagoge« – so erinnerte sich Igor Strawinsky an seinen einstigen Kompositionslehrer Nikolai Rimsky-Korsakow. »Obwohl er selbst Professor am St. Petersburger Konservatorium war, riet er mir davon ab, dort zu studieren. Dafür wurde mir das kostbare Geschenk seines unvergesslichen Unterrichts zuteil.« Vor allem Instrumentationslehre studierte Strawinsky bei ihm, und hier hätte er keinen besseren Mentor finden können. Rimsky-Korsakows Werke, etwa die berühmte »Scheherazade« oder das »Capriccio espagnol«, zeichnen sich durch eine außerordentlich farbenreiche und effektvolle Instrumentation aus. Als Rimsky 1908 an einem Asthmaleiden starb, war Strawinsky schwer erschüttert und widmete ihm seinen »Chant funèbre«. Rimsky ermutigte seinen Schüler mit Strenge, aber Wohlwollen zu großen Arbeiten, etwa zur Oper »Le rossignol« (»Die Nachtigall«), die Strawinsky nach dem Tod seines Lehrers in Angriff nahm und später daraus die im heutigen Konzert zu hörende Sinfonische Dichtung abzweigte. Rimsky-Korsakows Opern sind außerhalb Russlands kaum bekannt – leider, denn ihre Musik ist von höchster Qualität. Als »Magier des Orchesters« wurde dieser Vertreter des »Mächtigen Häufleins« bezeichnet, und seine Ausweitung der instrumentalen Farbpalette prägte nicht nur Strawinsky, sondern auch Prokofjew, Debussy, Ravel und Respighi. In seinen Opern griff Rimsky meist auf russische Märchen und Sagen zurück. Auch »Die Mainacht« vereint Märchenmotive, etwa das zauberische Eingreifen der »Russalken«, der Nikolai Rimsky-Korsakow

KE RS T IN SCHÜSS LER-BAC H

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grund seiner Schreibblockade bislang nicht zu komponieren in der Lage gewesen war. Bereits nach wenigen Monaten stellte sich dann ein erster klingender Behandlungserfolg ein: »Obwohl es kaum zu glauben ist, diese Kur hat mich wirklich geheilt. Zu Beginn des Sommers 1900 begann ich mit dem Komponieren. Das Material wuchs ständig, und neue musikalische Ideen begannen sich in mir zu regen – mehr als genug für mein neues Konzert.« So entstanden zunächst die Sätze zwei und drei jenes Klavierkonzertes Nr. 2 in c-Moll op. 18, das der Komponist später aus Dankbarkeit besagtem Arzt widmete. Diese beiden Sätze kamen im Rahmen eines Moskauer Wohltätigkeitskonzertes im Dezember 1900 bereits vorab zur Aufführung und fanden sogleich begeisterte Aufnahme. So schrieben die »Moskauer Nachrichten«: »Erst jetzt aber scheint es, als sei dieses Talent sich seiner inneren Kraft völlig bewusst und deshalb frei von dem früheren Zwang, außergewöhnlichen Effekten der Harmonik und Instrumentierung hinterherzulaufen. Die klassische Klarheit der Form, die Weite der Melodien, die Üppigkeit und Kraft der Harmonik zwingen uns, das Werk als bemerkenswert anzusehen.« Und in einer Rezension der »Russischen Musikzeitung« war zu lesen: »Dieses Werk zeigt sich sehr poetisch, voller Schönheit, Wärme und weist eine reichhaltige Orchestrierung auf, mit gesunder und energievoller Macht.« Beflügelt von derart positiver Resonanz machte sich Rachmaninow umgehend an die kompositorische Ausarbeitung des ersten Satzes. Kurz vor der für den 27. Oktober 1901 angesetzten Premiere des nun vollständigen Werks jedoch wurde Rachmaninow von neuerlichen Selbstzweifeln geplagt. An einen Freund schrieb er noch fünf Tage vor der Uraufführung: »Ich habe es im Gefühl, der erste Satz ist insgesamt vermurkst. Ich bin ganz verzweifelt.« Tatsächlich wurde die im Rahmen der Moskauer Philharmonischen Konzerte erfolgte Premiere des gesamten c-Moll-Klavierkonzerts unter der Leitung von Alexander Siloti und mit dem Komponisten

S E RG E J RACH MA NIN OW Klavierkonzert Nr. 2 c-Moll

DIE SEELE RUSSISCHER ROMANTIK Nach der desaströsen Uraufführung seiner 1. Sinfonie 1897 verfiel Rachmaninow in eine tiefe Depression. Der gerade 24-Jährige wurde fortan von dem ständigen Gedanken gequält, bereits am Ende seiner Karriere zu stehen. Seine Schaffenskraft war derart erlahmt, dass er in den folgenden zwei Jahren keine Komposition mehr zustande brachte und sich völlig von der Außenwelt abkapselte. Als 1899 die Schaffenskrise sogar trotz erster internationaler Erfolge seiner Musik in England und den USA weiterhin anhielt, konnten ihn seine Freunde endlich überreden, sich in ärztliche Behandlung zu begeben. Rachmaninow suchte Rat bei dem Psychiater Dr. Nikolaus Dahl. Vier Monate, von Januar bis April 1900, besuchte Rachmaninow täglich Dahls therapeutische Sitzungen, in denen ihm mittels Hypnose immerzu einsuggeriert wurde: »Sie werden Ihr Konzert beginnen zu schreiben … Das Konzert wird von hervorragender Qualität sein.« Gemeint war damit jenes Klavierkonzert, mit dessen Komposition die Londoner Royal Philharmonic Society Rachmaninow schon zwei Jahre zuvor beauftragt hatte, das er aber auf-

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Komposition sehr organisch, denn auch die Sätze zwei und drei schließen stimmungsmäßig wie auch thematisch zum Teil sehr dicht an den Kopfsatz an. Der zweite Satz, dessen von der Klarinette vorgetragenes schwelgerisches Hauptthema bis heute ganz oben in der Beliebtheitsskala rangiert, ist mit Adagio sostenuto überschrieben und in dreiteiliger Liedform (A B A’) angelegt. Zunächst noch in der Tonart des Kopfsatzes c-Moll stehend, entfaltet er allein schon durch die mittels verschiedener Dominantklänge erreichte entferntere Tonart E-Dur einen einzigartigen Zauber. Das Finale, eine Mischung aus Sonaten- und Rondoform, offenbart sich als ein wahres Feuerwerk kapriziöser Stimmungsbilder. So fehlt es auch hier nicht an jenen lyrisch-strömenden Passagen, die dieses Konzert so eingängig machen. Diese sind jedoch kombiniert mit Themen heiteren tänzerischen Schwungs sowie lebhaften Tempiwechseln, in denen der Pianist noch einmal all sein technisches Können unter Beweis stellen kann. Nach einer Steigerung schier unendlichen Ausmaßes entsteht gegen Ende des Satzes, wenn das Hauptthema sowohl im Klavier als auch im Orchester »maestoso« erklingt, ein wahrhaft monumentales Klanggebilde. Dass Rachmaninow zudem ohne den Einsatz jeglicher Folkloreversatzstücke diesem Werk einen durchweg »russischen« Ton aufzuprägen vermochte, verblüffte auch seinen Freund, den Pianisten und Komponisten Nikolai Medtner: »Die Themen seiner Hauptwerke sind die Themen seines Lebens. Jenes seines überaus inspirierten zweiten Klavierkonzerts erweckt stets den Eindruck eines der klarsten Themen Russlands, und zwar nur deshalb, weil die Seele dieses Themas russisch ist. Hier gibt es kein einziges ethnographisches Accessoire, keinen Sarafan, keinen Bauernkittel, nicht eine volksliedhafte Wendung. Man fühlt mit dem ersten Glockenschlag und der hieraus anhebenden Entwicklung, wie sich vor uns Russland in seiner vollen Größe erhebt.«

als Solist zunächst eher verhalten aufgenommen. Die zweite Aufführung am 26. März 1902 indes, diesmal in vertauschten Rollen mit Siloti als weitaus effektgeladenerem Pianisten und Rachmaninow als von der Presse hochgelobtem Dirigenten, sollte frenetische Zustimmung ernten und dem rund 35-minütigen Konzert schließlich zu seinem weltweiten Siegeszug verhelfen. Bis heute gehört es zu den beliebtesten Schöpfungen des 1943 in Beverly Hills gestorbenen, so genannten »Letzten Romantikers«. Nicht zuletzt die Unterhaltungsindustrie des 20. Jahrhunderts trug dabei zum Ruhm dieses Solokonzerts bei: Schon 1932 wurde der erste Satz im Tonfilm »Menschen im Hotel« mit Greta Garbo als Hintergrundmusik verwendet. Und auch für Billy Wilders »Das verflixte 7. Jahr« (1955) mit Marilyn Monroe, ja sogar für Musicals und Schlager musste dieses Konzert immer wieder als Materiallager herhalten. »Rachmaninows [zweites] Konzert gefällt mir mit jedem Male mehr. Man könnte an ihm höchstens kritisieren, dass das Klavier fast nie ohne Orchester spielt«, notierte Rachmaninows Kompositionslehrer Sergej Tanejew in sein Tagebuch. In der Tat fehlt der konzertierende Wettstreit zwischen Solist und Orchester hier fast völlig, und beide verschmelzen, in der Konzeption dem sinfonischen Instrumentalkonzert der Romantik folgend, über weite Strecken zu einer spannungsgeladenen Einheit. Ungeachtet dessen verlangt der Klavierpart dem Solisten größte Virtuosität ab. Zu Beginn des mit Moderato überschriebenen ersten Satzes jedoch hebt der Pianist zunächst solistisch mit acht allmählich ins Crescendo gesteigerten Akkorden an, die anschwellendes Glockengeläute suggerieren – ein Kunstgriff, dessen sich Rachmaninow öfter bediente. Nach zehn Takten erklingt das erste Thema der Streicher, eine schwermütige c-MollMelodie mit schlichter Rhythmik, einfacher Harmonik und weit gespannten Bögen, das von rauschenden Figuren im Klavier begleitet wird. Das zweite Thema ist noch etwas fließender und inniger gestaltet, tritt so aber nicht in großen Kontrast zum ersten. Insgesamt wirkt die

A NN ET T RE ISCHERT-BRUCK MANN

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Gegenvorschlag. Ich hatte sowieso die Absicht, aus der Musik zu den beiden homogenen Akten von ›Le rossignol‹ (dem 2. und 3. Akt) eine sinfonische Dichtung für Orchester zusammenzustellen; ich bot ihm nun an, über diese Arbeit zu verfügen, falls er sie für ein Ballett gebrauchen könne. Der Gedanke gefiel ihm sehr, und so schuf ich nach der Erzählung von Andersen eine abgeänderte Szenenfolge, die der Bühne Rechnung trug.« Die sinfonische Dichtung »Chant du rossignol« (»Gesang der Nachtigall«) entstand 1916/17, ihre konzertante Uraufführung fand am 6. Dezember 1919 in Genf mit dem neu gegründeten Orchestre de la Suisse Romande unter der Leitung von Ernest Ansermet statt; am 2. Februar 1920 folgte in Paris die erste Aufführung als Ballett. Mit der Bühnenausstattung hatte Diaghilew Henri Matisse betraut – sehr zum Missfallen von Pablo Picasso, der die Bühnendekorationen von »Pulcinella« vorbereitete. Bei der Orchesterbesetzung des Werkes herrschen solistische Instrumente und kleinere Instrumentalgruppen vor. Der Part der Nachtigall, in der Oper vom Sopran gesungen, wird von der Flöte und der Violine übernommen. Die an Klangfarben reiche Musik ist in hohem Maße von einem exotischen, »chinesischen« Idiom geprägt. Mit pentatonischen Skalen, Chromatik und dem genau ausgehörten Einsatz von Celesta und Schlagwerk wird die Welt am Kaiserlichen Hof in China heraufbeschworen. In der Anfangsszene wird der Kaiserliche Palast für den Empfang der Nachtigall hergerichtet. Ein chinesischer Marsch (»Marche chinoise«) kündigt das Erscheinen des Kaisers an. Nach dessen zeremoniell-pompösen Auftritt erklingt der Gesang der Nachtigall. Zunächst in der unbegleiteten Solo-Flöte vorgetragen, dann mit betörenden Farben des Orchesters begleitet, verzaubert die Nachtigall mit ihrem Gesang den Kaiser und seinen gesamten Hof. Eine schneidende Melodielinie der Trompete kündet von Unheil. Die mechanische Nachtigall, ein Geschenk des Kaisers von Japan, stimmt in der Oboe ihren blutleeren Gesang an und vertreibt die echte Nachtigall. Mit der

I GO R S T R AW IN S KY Chant du rossignol

» … DEN TOD BESIEGEN UND DIE STERNE BEFREIEN« Diesmal blieb der Skandal aus. Fast auf den Tag genau ein Jahr zuvor hatte Igor Strawinsky mit der Uraufführung von »Le sacre du printemps« für einen der größten Skandale der Musikgeschichte gesorgt. Doch als er am 26. Mai 1914 in Paris seine Oper »Le rossignol« (»Die Nachtigall«, nach dem Märchen von Hans Christian Andersen) vorstellte, gab es keine Aufregungen und Tumulte. »Die Premiere war nur insofern kein Erfolg, als sie keinen Skandal hervorrief …«, war Strawinskys lakonische Bemerkung hierzu. Mit der Komposition der Oper hatte Strawinsky bereits 1908 begonnen und im Jahr darauf den ersten Akt fertiggestellt. Doch dann wurde die Arbeit unterbrochen: Sergei Diaghilew bat um Musik für seine Ballets russes. Strawinsky komponierte den »Feuervogel«, bald danach folgten »Petruschka« und »Le sacre«. Als er sich 1913 wieder mit »Le rossignol« beschäftigte, hatte sich sein Kompositionsstil deutlich verändert. Statt der impressionistischen »Debussyismen« (Strawinsky) des ersten Aktes kommen die Erfahrungen mit den Ballettmusiken zum Tragen, die Klangsprache ist expressionistischer, mit den Schroffheiten einer musikalischen Archaik. Gleichwohl vollendete Strawinsky die Oper, war aber mit der mangelnden Einheitlichkeit des Werkes unzufrieden und dachte über die Umarbeitung zu einer sinfonischen Dichtung nach. Die Gelegenheit hierzu ergibt sich drei Jahre später, während sich Strawinsky im Schweizer Exil von einer schweren Krankheit erholt. Wieder einmal ist es Diaghilew, der den Anstoß gibt. Er schlägt vor, die Oper als Ballett auf die Bühne zu bringen. Doch Strawinsky »machte ihm einen

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Sterben, der mechanische Vogel weigert sich zu singen. Schließlich lässt sich jedoch die wahre Nachtigall vernehmen, ihr Gesang vertreibt den Tod und rettet den Kaiser.

Trompete gedenkt das Klagelied eines Fischers der bezaubernden Kraft des Singvogels – in der Oper mit den Worten: »Der Tod hält die Sterne in seinem ewigen Grab gefangen, doch in dem Vogel wird die Stimme des Geistes auf himmlische Art den Tod besiegen und die Sterne befreien.« In der Schlussszene liegt der Kaiser im

M AT T HIAS D EN YS

Aus der autographen Partitur der Oper »Le rossignol«: Lied des Fischers

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sich Strawinsky in die Arbeit, entflammt von der geistigen Libertinage der Truppe, hochmotiviert gleichermaßen durch den Wunsch, sich »dieser Gruppe fortschrittlicher und tatkräftiger Künstler anzuschließen« wie durch die Sehnsucht, seiner Petersburger Provinzexistenz zu entfliehen. Mit seiner Prognose sollte Diaghilew nicht übertreiben: »Seht ihn euch an, er ist ein Mann am Vorabend seines Ruhms«, lobte er seine Entdeckung vor der Premiere. Der Instinkt des Impresarios hatte auch diesmal nicht getrogen: die Uraufführung des »Feuervogels« geriet im Juni 1910 an der Pariser Opéra zu einem triumphalen Erfolg und machte den jungen Russen über Nacht zu einem der berühmtesten Komponisten der Welt. Und geschäftstüchtig war er auch: für eine schnelle Verbreitung der »Feuervogel«Musik sorgte er bereits 1911 durch eine Suite, der er 1919 eine zweite in deutlich reduzierter Besetzung folgen ließ. 1945 schließlich stellte er in den USA eine dritte Suite zusammen, die die kleinere Besetzung beibehielt, aber fünf zuvor ausgeschiedene Nummern wieder einfügte. Schnöde materielle Gründe hatten ihn zur Umarbeitung bewogen: die erste Revision wahrte seine urheberrechtlichen Ansprüche im nachrevolutionären Russland, die zweite in Amerika. Das Libretto hat nach Strawinskys Erinnerung viele Väter: den Choreografen Michail Fokin, der auch die Rolle des Iwan Zarewitsch tanzte, Diaghilew und seinen Favoriten Vaslaw Nijinsky sowie die Bühnenbildner Alexandre Benois und Léon Bakst. Dieser Kreativitätscocktail rührte russische Märchenmotive in verschwenderischer Fülle zusammen: den geheimnisvollen Feuervogel, den bösen Zauberer, die gefangenen Prinzessinnen und den rettenden Märchenprinzen. Die Handlungsstränge des Balletts lassen sich auch in der Suite in groben Zügen verfolgen: In der schillernden Introduktion werden die beiden Motive des magischen Feuervogels und des bösen Zauberers Kaschtschei miteinander verwoben. Die betörend flirrende, silbrige, mit orientalischen Arabesken angereicherte Klangwelt des Feuervogels macht deutliche Anleihen bei der Harmonik und Instrumentation Debussys,

I GO R S T R AWI NS K Y Der Feuervogel

Figurine von Leon Bakst

EIN SCHILLERNDER FLUG IN DIE BERÜHMTHEIT Im Mai 1910 betrat der 27-jährige, noch herzlich unbekannte Igor Strawinsky zum ersten Mal die Kulturmetropole Paris, im Gepäck ein Auftragswerk, für das bereits die Endproben stattfanden. Die bestellte Partitur namens »Der Feuervogel« (»L’Oiseau de feu«) war Strawinskys erster genuiner Beitrag zum Ballett, einer Gattung, die er nach eigener Aussage »mehr liebte als alles andere«. Für die legendäre Compagnie der Ballets russes unter ihrem Impresario Sergei Diaghilew hatte Strawinsky bereits ein Jahr zuvor zwei ChopinKlavierstücke instrumentieren dürfen. Kurz darauf vertraute der mit einer untrüglichen Spürnase gesegnete Talentsucher dem jungen Mann ein eigenes Stück an – freilich erst, nachdem bekannte Größen wie Ljadow und Glasunow abgelehnt hatten. Mit Feuereifer stürzte

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während die dunklen Klangfarben und verminderten Akkorde des Zauberers, verbunden mit der Bevorzugung der tiefen Bläser, seit jeher für die Welt des Bösen einstehen. Die KaschtscheiMusik geht außerdem auf eine »magische Leiter« aus großen und kleinen Terzen zurück, die schon Strawinskys Lehrer Rimsky-Korsakow (immerhin Komponist der Oper »Der unsterbliche Kaschtschei«) verwendet hat. Der Held Iwan Zarewitsch fängt den Feuervogel ein, lässt ihn aber wieder frei und erhält zum Dank eine goldene Feder, die ihn vor Gefahr schützen soll. Die von Kaschtschei gefangene Prinzessinnen tanzen im Garten des Zauberers vor einem Goldapfelbaum einen Reigen – die beliebteste Nummer der Partitur. Ihre Oboenkantilene geht auf ein Volksliedzitat aus der Sammlung von Rimsky-Korsakow zurück. Iwan verliebt sich in die schöne Zarewna. Für die Sphäre der Menschen verwendete Strawinsky im Unterschied zur Chromatik der phantastischen Welt diatonisch bestimmte Modelle und Elemente aus der russischen Folklore. Iwan wird von den Wachen Kaschtscheis gefangen genommen und ruft mit Hilfe der Feder den Feuervogel herbei. Die magische Kraft des gefiederten Geschöpfs bezwingt den Zauberer und sein Gefolge in einem »Höllentanz«, dessen effektvolle Tutti-Blöcke und archaische Synkopen bereits eine Vorahnung der Primitivismen und rhythmischen Ausbrüche des »Sacre du Printemps« herauf beschwören. In der »Berceuse« beruhigt sich das Geschehen: der böse Zauberer fällt in tiefen Schlaf und wird entmachtet. Ein feierlicher Hymnus im ungewöhnlichen 7/4-Takt – erneute Verbeugung vor der russischen Tradition – beschließt das »Happy End« für Iwan und seine prinzessliche Eroberung. Mit einer Apotheose des Feuervogel-Motivs in den Blechbläsern klappt der junge Strawinsky seine ungeheuer farbenprächtige Partitur zu, die er später mit einem Schuss Selbstironie als »Bonbon für die Hörer« bezeichnete.

KE R STI N S CH Ü S S L E R- BAC H

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ANNA VINNITSKAYA

NDR und des SWR, dem Royal Philharmonic Orchestra, dem Orchestre National de Belgique, der NDR Radiophilharmonie, dem Museumsorchester Frankfurt und dem Orchestre de la Suisse Romande. Hierbei hat sie u.a. bereits mit den Dirigenten Andrey Boreyko, Charles Dutoit, Reinhard Goebel, Vladimir Fedoseyev, Pietari Inkinen, Marek Janowski, Dimitri Jurowski, Emmanuel Krivine, Andris Nelsons, Kirill Petrenko, Helmuth Rilling, Krzysztof Urbanski und Gilbert Varga zusammen gearbeitet. Regelmäßig konzertiert Anna Vinnitskaya bei den Festivals im Rheingau, in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Verbier, Luzern, Colmar und La Roque d’Anthéron. 2013 debütierte sie höchst erfolgreich beim Klavier-Festival Ruhr. Anna Vinnitskaya hat bislang drei CDs für das französische Label naïve aufgenommen, die mit Preisen wie dem Diapason d’Or und dem ECHO Klassik (2011) ausgezeichnet wurden. Ihre neueste CD mit Werken von Ravel erschien 2012 und wurde außerdem mit dem Gramophone Magazine Editor’s Choice ausgezeichnet. Mit dem heutigen Konzert gibt Anna Vinnitskaya ihr Debüt bei den Philharmonikern Hamburg.

Anna Vinnitskaya wurde 1983 in Novorossijsk geboren. Mit sechs Jahren erhielt sie den ersten Klavierunterricht von ihrer Mutter und mit neun Jahren spielte sie ihren ersten Klavierabend. Nach Studien bei Sergej Ossipenko im SergejRachmaninow-Konservatorium in Rostov-amDon wurde Ralf Nattkemper bei einem Klavierwettbewerb auf sie aufmerksam und lud sie an die Hochschule für Musik und Theater (HfMT) Hamburg ein. Dort wurde sie bei Evgeni Koroliov ausgebildet. Im Oktober 2009 wurde sie selbst zur Professorin für Klavier an der HfMT Hamburg berufen. Anna Vinnitskaya hat mehrere internationale Klavierwettbewerbe gewonnen. Zu ihren Auszeichnungen zählen der 1. Preis beim KöniginElisabeth-Wettbewerb in Brüssel 2007 und der Leonard Bernstein Award des Schleswig-Holstein Musik Festivals 2008. Solo-Engagements führen Anna Vinnitskaya zu zahlreichen bedeutenden Orchestern wie z.B. der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, dem City of Birmingham Symphony Orchestra, dem Rundfunk-Sinfonieorchester, dem DSO und dem Konzerthausorchester Berlin, den Münchner Philharmonikern, den Sinfonieorchestern des

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JUN MÄRKL

am New National Theatre Tokyo. Außerdem gastierte er an der Bayerischen Staatsoper München, der Deutschen Oper Berlin, der Wiener Staatsoper und der Dresdner Semperoper. In den vergangenen Jahren arbeitete er mit einigen der besten Orchester weltweit, darunter das Orchestre de Paris, das Tonhalle Orchester Zürich, die Münchner Philharmoniker, das NHK Symphony Orchestra Tokyo sowie die Sinfonieorchester von Chicago, Boston, Cleveland, Montreal, Melbourne, Oslo und Stockholm. Jun Märkl hat außerdem zahlreiche CD-Einspielungen vorgelegt. Insbesondere seine Einspielungen der Orchesterwerke von Debussy errangen internationale Anerkennung. Projekte für Jugendliche liegen Jun Märkl besonders am Herzen. Daneben unterrichtet er als Professor am Kunitachi College of Music in Tokio. Sein Hamburg-Debüt gab Jun Märkl 1992/93 mit »Don Carlos«. Außerdem dirigierte er hier »Parsifal« »La Bohème«, »Tosca« und »Aida«. Im Februar dirigiert er die Wiederaufnahme von »Fidelio« an der Staatsoper Hamburg. 2012/13 stand er bei den Philharmonikern Hamburg mit Werken von Dvoˇrák, Debussy und Ravel am Pult.

Jun Märkl, geboren in München, studierte an der Musikhochschule Hannover sowie in München und an der University of Michigan u. a. bei Sergiu Celibidache. 1986 gewann Jun Märkl den Dirigentenwettbewerb des Deutschen Musikrates. Im folgenden Jahr erhielt er ein Stipendium des Boston Symphony Orchestra, um bei Leonard Bernstein und Seiji Ozawa in Tanglewood zu studieren. Nach Engagements an Theatern in Luzern, Bern und Darmstadt war Jun Märkl bis 1994 Musikalischer Leiter des Staatstheaters in Saarbrücken und danach bis 2000 Operndirektor und Generalmusikdirektor am Nationaltheater Mannheim. Von 2005 bis 2011 war er Chefdirigent des Orchestre National de Lyon, von 2007 bis 2012 außerdem Chefdirigent des MDR Sinfonieorchesters Leipzig. Sein erfolgreiches Debüt an der Wiener Staatsoper mit »Tosca« 1993 verhalf ihm zu internationalem Ansehen. Seither dirigiert Jun Märkl an renommierten Opernhäusern in Europa, Asien und Amerika. Er leitete Wagners »Götterdämmerung« am Londoner Royal Opera House Covent Garden, »Il Trovatore« und »La Traviata« an der New Yorker Metropolitan Opera sowie Wagners »Ring des Nibelungen«

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DIE NÄCHSTEN KONZERTE SONNTAG, 16. FEBRUAR 2014, 11 UHR MONTAG, 17. FEBRUAR 2014, 20 UHR

SONNTAG, 2. MÄRZ 2014, 11 UHR

V. PHILHARMONISCHES KONZERT

III. KAMMERKONZERT

Felix Mendelssohn Bartholdy Das Märchen von der schönen Melusine op. 32

Werke von Jan Dismas Zelenka, Henri Dutilleux, Bertold Hummel, Gordon Jacob und Georg Philipp Telemann

Violinkonzert e-Moll op. 64 Sinfonie Nr. 4 A-Dur op. 90 »Italienische« (Zweite Fassung)

N IC OL AS TH IÉB AU D OBO E RAL PH VAN DAAL OB OE CH RI ST IAN K UNERT FAG OT T TO BIAS G ROVE KO NT RABASS BR IAN B ARK ER SC HLAGZE UG WOL FG ANG ZERER C E MBALO

T H OM A S Z EH ET MA IR V IOL IN E C H RI STO P HE R HOGWOO D D IR IG E NT

DIE BLUMEN FÜR SOLISTIN UND DIRIGENTEN WERDEN GESPONSERT VON

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STIFTUNG PHILHARMONISCHE GESELLSCHAFT HAMBURG Die Stiftung Philharmonische Gesellschaft Hamburg steht seit ihrer Gründung im Jahre 1985 den Philharmonikern Hamburg zur Seite – beispielsweise mit der Förderung der Jugend- und Kinderarbeit, Finanzierung der Philharmoniker-Website, CD-Produktionen und der Zeitungsbeilage »Philharmoniker-Welt«. Bringen auch Sie Ihre Verbundenheit mit der Musikstadt Hamburg und den Philharmonikern zum Ausdruck. Spendenkonto Haspa, Kontonummer 1280373992, BLZ 200 505 50

HERAUSGEBER Landesbetrieb Philharmonisches Staatsorchester GENERALMUSIKDIREKTORIN Simone Young GESCHÄFTSFÜHRENDER DIREKTOR Detlef Meierjohann ORCHESTERDIREKTOR Thorsten Stepath PRESSE UND MARKETING Hannes Rathjen

REDAKTION / DRAMATURGIE Dr. Kerstin Schüssler-Bach GESTALTUNG Annedore Cordes GRAFISCHES KONZEPT bestbefore LITHO Repro Studio Kroke GmbH HERSTELLUNG Hartung Druck + Medien NACHWEISE Die Artikel von Matthias Denys und Kerstin Schüssler-Bach sind Originalbeiträge für dieses Heft. – Der Artikel von Annett Reischert-Bruckmann wurde 2009/10 für die Philharmoniker Hamburg geschrieben. –

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Gela Megrelidze – Jean Baptiste Millot: Nikolai Rimski-Korsakov. Paris: L‘avantScène Opera 1994 – Michael Raeburn und Alan Kendall (Hrsg.): Geschichte der Musik, 3. Bd. – Strawinsky, Sein Nachlass, Sein Bild, Kunstmuseum Basel 1984

ANZEIGENVERWALTUNG Antje Sievert, Telefon (040) 450 69803 antje.sievert@kultur-anzeigen.com


Das Orchester der Hansestadt.

Programmheft 4. Philharmonisches Konzert 2013/2014  

26./27. Januar 2014 Nikolai Rimsky-Korsakow: Ouvertüre zu »Die Mainacht« Sergej Rachmaninow: Klavierkonzert Nr. 2 c-Moll op.18 Igor Strawin...

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