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Kindern Fähigkeiten und Potenziale, die lediglich freigelegt werden müssen.

Foto: Alinary Bridgeman

Präsenz christlicher Bilder

a Firenze in der Kapelle Santa Maria Novella, Florenz.

zwar gerade deshalb, weil sie uns nicht auffallen.

Erziehung zum Guten Bei Augustinus ist klar, dass Erziehung und Bildung zu tugendhaftem Leben führen müssen, dazu, dass der Einzelne sich an die gottgegebenen Regeln hält. So lässt es sich aus den Stufen ableiten, die zur Weisheit führen – und so steht es auch im Gottesstaat. Das gilt bis heute: Auch in der Moderne bleibt die Erziehung zum Guten die bestimmende Hintergrundannahme, selbst wenn sich das Verständnis des Guten weitgehend von der Konfession oder gar vom christlichen Bekenntnis gelöst hat. Eine Moral, die Genuss, Körperlichkeit und Abwesenheit von Schmerz ins Zentrum stellt – wie das zum Beispiel Lukrez in

der Antike formuliert hat – widerstrebt dem kulturellen Fundament vollständig und ist weder eine erkennbare Basis von praktischer Erziehung noch ein Ausgangspunkt pädagogischer Empirie. Es gibt bei Augustinus eine Seele mit vorherbestimmtem Schicksal und angelegten Möglichkeiten. Dieses Motiv taucht in der Geschichte der Erziehung immer wieder auf, speziell in der Reformpädagogik, die viele religiöse Motive in säkularisierter Form aufgreift. Alles ist schon im Kind angelegt, da ist schon ein Entwicklungsplan, ein Kern, und die Lehrerin soll dem Kind nicht den Rhythmus und das Schlechte der Welt aufdrängen, sondern ihm ermöglichen, sich selbst zu werden und seine Bestimmung zu finden. Selbst gebildete Pädagogen postulieren bis heute bei

Ganz grundsätzlich zeigt der Blick in die Geschichte, dass alles andere als eine starke Präsenz religiöser Momente in der pädagogischen Gegenwart überraschend wäre. Vergegenwärtigen wir uns: Augustinus formulierte zur Zeit des untergehenden Römischen Reiches als zentrales Ziel von Bildung die Vorbereitung der Seele für ihren Weg zurück zu Gott. Seit dem Ausgang der Antike war Europa fast ausschliesslich christlich verfasst. Die kulturelle Überlieferung zwischen Antike und Mittelalter wurde von christlicher Bildung kontrolliert, das christliche Wissensmonopol hielt sich bis ins 13. Jahrhundert, und die Vorrangstellung von christlicher Bildung und Erziehung dauerte bis ins 18. Jahrhundert. Im Verlaufe dieser 1500 Jahre formten sich pädagogische Erwartungen und Vorstellungen, die bis in die Gegenwart denkbestimmend und wirksam blieben. Das gilt für den Vorrang von Seele und Geist gegenüber dem Körper, für die Vision des reinen Kindes, für das Bild der guten und ebenfalls rein liebenden Mutter, das eng mit dem Marienkult verbunden scheint, schliesslich für die Vorstellung der «heiligen Familie» – oder eben für die Tugend als zentralen Fluchtpunkt von Erziehung und Bildung sowie für die Vorstellung eines stufenförmigen Bildungsprozesses. Es wäre unhistorisch zu vermuten, dass das christliche Paradigma mit den liberalen Verfassungen des 19. Jahrhunderts ausser Kraft gesetzt worden wäre. Es wirkt weiter, und heute sind wir mit dem Problem konfrontiert, dass die in einer äusserlich vollständig säkularen Welt aufgewachsene gegenwärtige junge Generation wegen eines verkürzten historischen Bewusstseins daran gehindert ist, die religiösen Wurzeln in der pädagogischen Realität der Gegenwart zu erkennen und kritisch zu hinterfragen. Rudolf Isler, Redaktion ph|akzente

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ph akzente 4/2012: glauben  

Zeitschrift ph akzente 43/2012: Spektrum «glauben»