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Vexierbilder der Vergangenheit Gruppenbilder formen eine Vielzahl von Menschen zu einer Einheit. Die einzelnen Personen geben ihre Individualität temporär auf und ordnen sich ins Ensemble ein. Sie werden aber nicht nur auf Teile eines Ganzen reduziert, sondern erhalten ein Gesicht und übernehmen eine Rolle in der Gesellschaft: in der Familie, in der Schule, im Beruf oder im Verein. So wirken die Fotos identitätsstiftend, wie Paul Hugger im Vorwort ausführt. Die Praxis des Gruppenporträts hat sich nach der Erfindung der Fotografie im 19. Jahrhundert in verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten durchgesetzt und erfreut sich bis heute grosser Beliebtheit – man denke nur an die zahllosen Klassenfotos. Umso erstaunlicher ist, dass diese Gattung von

der Forschung bisher sehr stiefmütterlich behandelt wurde. Paul Hugger und Richard Wolf leisten daher mit ihrem gewichtigen und schön gestalteten Band einen willkommenen Beitrag zur Würdigung des Gruppenbilds. Ausgehend von einer riesigen Sammlung historischer Fotos präsentieren sie diese nach sozialen Feldern. Eindrücklich sichtbar wird die gestalterische Bandbreite dieser vermeintlich einförmigen Bildsorte. In ihren beschreibend-analytischen Kommentaren zu den einzelnen Bildern zeigen die Autoren auf, welche Einblicke diese Vexierbilder der Vergangenheit in die Zeit unserer Vorfahren geben können. | Thomas Hermann Paul Hugger, Richard Wolf Wir sind jemand Gruppenfotografien 1870–1945 – ein Spiegel der Gesellschaft Bern: Benteli, 2012. 348 Seiten. CHF 78.—; € 62.—

Porno, Pornonutzung und Pornowirkung Inwiefern wirkt sich der Konsum von Pornographie oder pornographisch angelehnten Formen (etwa «Sporno», Sport und Porno) bei Jugendlichen tatsächlich auf ihr sexuelles Handeln und Erleben aus? Eine wiederkehrende Kernfrage des Sammelbandes. Der Befund ist, dass «Heranwachsende Medien nutzen, um ihre Neugier und ihren Wissensdurst in Sachen Sex» zu stillen. Medienpädagogische Anleitung zum Umgang mit dem Phänomen «Pornografisierung» und vor allem theoretische, empirische sowie gesellschaftliche Aspekte dazu finden sich im Sammelband. Pornografisierung bedeutet, dass Sexualität popularisiert, kommerzialisiert in Medien vorkommt und die Pornonutzung im Alltag steigt. Der Band bietet Fachleuten aus Lehrerbildung und Medienbildung an-

regende Grundlagen und Befunde. Der Theorieteil zeigt unter anderem, wie Pornographie als klassischer Inhalt und mit wechselnden Formen seit jeher in Gesellschaften funktioniert. Sexuelles Handeln abzubilden gehört zum kulturellen Ausdruck und bewegt sich stets an Grenzen von Moral und Ethik. Dies veranschaulichen Forschungsergebnisse der letzten zwanzig Jahre. Pornographie ist Ausdruck der Sexualkultur und funktioniert zwangsläufig häufig mit stereotypisierten und heteronormativen Bildern; Irritationen sind dennoch manchmal möglich und erzielbar. Anstatt PorNo: PorYes. | Monique Honegger Martina Schuegraf, Angela Tillmann (Hrsg.) Pornografisierung von Gesellschaft Perspektiven aus Theorie, Empirie und Praxis Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft, 2012. 385 Seiten. CHF 51.90; € 39.–

Unzuverlässiges Erzählen im Film Bietet uns Hollywood immer wieder Neues oder werden nach bewährtem Rezept stets die gleichen Handlungsmuster bedient? In unzähligen Plot­analysen hat sich Michaela Krützen intensiv mit Mainstreamfilmen beschäftigt. Während in ihrem Vorgängerband Dramaturgie des Films: Wie Hollywood erzählt (2004) noch das Handlungs­schema des «classical cinema» im Vordergrund stand, nimmt die Autorin nun «das etwas andere Hollywood» in den Blick. In präzisen ­Analysen und durch Vergleiche mit themenverwandten Beispielen aus der Film- und Literaturgeschichte gelingt es ihr, komplexe Dramaturgien, unzuverlässige Erzählungen und mehrsträngige Kompositionen aufzuschlüsseln. Wie kommt es, dass wir in nicht-chronologischen Geschichten und mehr-

strängigen Handlungen nicht den Faden verlieren? Was macht den Reiz von Filmen aus, die uns nur mit dunklen Rätseln ködern oder am Ende in einem «last act twist» alles auf den Kopf stellen? Für einmal verspricht der Klappentext nicht zu viel: Wer Krützens aufschlussreiche Nacherzählungen und Kommentare gelesen hat, möchte nicht nur Robert Altmans Short Cuts, Baz Luhrmanns Moulin Rouge!, M. Night Shyamalans The Sixth Sense oder Stephen Daldrys The Hours noch einmal sehen. Das aktuelle Kino wartet mit weiteren Knack­ nüssen auf und will ebenfalls auf etablierte Muster und subtile Abweichungen abgeklopft werden. | Daniel Ammann Michaela Krützen Dramaturgien des Films: Das etwas andere Hollywood Frankfurt/M.: S. Fischer Verlag, 2010. 621 Seiten. CHF 35.50; € 24.95

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ph akzente 4/2012: glauben  

Zeitschrift ph akzente 43/2012: Spektrum «glauben»

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