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Gewerkschaft Pflichtschullehrerinnen und Pflichtschullehrer in der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst 6/2011

Dezember

aps

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wir wünschen ein schönes weihnachtsfest und alles gute für 2012! Dienstrechtsnovelle 2011

Gesamtschule Ein Blick nach Finnland


Impressum

„aps“ ist die Zeitschrift der Gewerkschaft Pf­licht­schul­leh­rerinnen und Pf­licht­schul­leh­rer in der Ge­werk­schaft Öf­fent­licher Dienst. He­raus­ge­ber: Ge­werk­ schaft Öf­fent­licher Dienst. Medieninha­ber und Ver­leger: GÖD Wirtschaftsbetriebe GmbH., Teinfaltstraße 7, 1010 Wien. Chefredaktion und für den Inhalt verantwortlich: Rudolf Mayer (Ltg.), Paul Kimberger, 1010 Wien, Schenkenstr. 4/V, Tel.: 01/534 54-435. Redaktion, Pro­duk­tion, Konzeption und Anzeigenverwaltung: Mo­dern Ti­mes Me­di­a Ver­lags­ges.m.b.H., 4020 Linz, Büro Wien: 1030 Wien, Lagergasse 6/2/35, Tel.: 01/513 15 50. Hersteller: Nieder­öster­rei­chi­sches Presse­haus Druck- und Verlags­ ges.m.b.H., Gutenberg­straße 12, 3100 St. Pölten. Verlagsort: Wien. Herstellungsort: St. Pölten. DVR-Nr.: 0046655. Na­ment­lich ge­kenn­­zeich­nete Bei­trä­ge stel­len die Mei­nung des Au­tors dar, die sich nicht mit der Mei­nung der Re­dak­tion dec­ken muss.

Info

Gewerkschaft Pf­licht­schul­leh­rerinnen und Pf­licht­schul­leh­rer in der Ge­werk­schaft Öf­fen­t­­licher Dienst, 1010 Wien, Schenken­ straße 4/V. Te­l.: 01/534 54-435 Fax: 01/534 54-452 E-­Ma­il: aps@goed.at Bü­ro­zei­ten: Mon­tag bis Do­nner­s­­tag von 7.30 bis 16.30 Uhr, Frei­tag von 7.30 bis 13.30 Uhr. Ko­sten­lo­se In­for­ma­tion für Mitglie­der der GÖD, Gewerk­ schaft Pf­licht­schul­lehrerinnen und Pflichtschullehrer.

editorial

inhalt

Liebe Leserin, lieber Leser!

3 Seite des Vorsitzenden service 5 Initiativantrag an den GÖD- Bundeskongress

aktuell

7 Auch Pflichtschulen wollen einen Platz an der Sonne 10 Ist Schulreife eine Frage des

Alters? gastkommentar 12 Die Arroganz der Verlierer soll

Rudolf Mayer

Wenn die Regierung also will, dass junge Lehrer mehr Zeit in der Schule verbringen, muss sie endlich auch für bessere Arbeitsbedingungen sorgen – vor allem, wenn sie sich zeitgleich des Ausbaues ganztägiger Schulformen rühmt. Dass die Pädagogen vernünftige Arbeitsplätze erhalten und die Konferenzzimmer mehr als nur eine Lagerstätte für Schularbeitshefte sein müssen, ist nur der Anfang. Auch von unnötigen administrativen Tätigkeiten müssen die Lehrer entbunden werden. Damit sie sich wieder auf das konzentrieren können, wofür sie eigentlich bezahlt werden: auf das Unterrichten. (aus dem Leitartikel von C. Schwarz, „Die Presse“) Diese Forderungen möchte ich dahingehend ergänzen, dass das alles nicht nur für junge, neu eintretende Kolleginnen und Kollegen zu gelten hat, sondern auch für alle im Dienst befindlichen.

Misserfolg vergessen machen 13 Stoff erfüllten Lebens service 14 Dienstrechtsnovelle 2011 schule

Zum Ergebnis des Bildungsvolksbegehrens: […] Gerade weil so viele an Bildung interessiert sind, weil es ihnen um „Bildung“ geht, haben sie nicht unterschrieben; weil dieses Begehren alles mögliche begehrt, nur keine Bildung, ja nicht einmal den Mut hatte, auch nur ansatzweise erkennen zu lassen, was denn hier mit Bildung gemeint sein könne. (Prof. Marian Heitger, „Die Presse“)

19 Gesamtschule. Ein Blick nach Finnland gastkommentar 22 Fortschreitender Realitätsverlust

Alle wirklichen Konfliktzonen im Bildungsbereich hat das Volksbegehren, zu dessen Unterstützung deshalb wahrlich kein Mut gehörte, systematisch ausgeblendet. (Konrad Paul Liessmann, „Der Standard“; Print­ausgabe, 12./13. 11. 2011) Gesamter Artikel auf den Seiten 22 und 23.

in der Bildungsdebatte? 24 Diensttausch

Redaktionsschluss der nächsten Ausgabe: 31. 1. 2012 Beiträge senden Sie bitte per E-Mail (aps@goed.at) an die Redaktion.

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Ihr Rudolf Mayer aps • Ausgabe 6_2011


seite des vorsitzenden

Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der 16. GÖD-Bundeskongress ist Geschichte. Die Hauptthemen waren … • d  er Gehaltsabschluss 2012 für alle öffentlich Bediensteten (bei Redaktionsschluss und Druckfreigabe unseres „aps-Magazins“ fordert GÖD-Vorsitzender Fritz Neugebauer eine ­faire und gerechte Anhebung unserer Bezüge um 4,65 Prozent, IHS-Chef Bernhard Felderer polemisiert in populistischer „Wirtshaustischmentalität“ über eine Nulllohnrunde und die Bundesregierung war bis zu diesem Zeitpunkt zu keinem Angebot bereit); • die Weiterentwicklung der öffentlichen Verwaltung (prominente Wirtschaftskapitäne wie der „Bildungsvolksbegehrer“ Hannes orten hier bis zu 30 Milliarden Euro (!!) Einsparungspotenzial, so ganz nebenbei bemerkt kostet diese aber nur 21 Milliarden Euro (!!) – freie Assoziationen unter dem Motto „Wer bietet mehr“, könnte man meinen, und dem Gewinner dieses Einsparungspokers winkt ein Rechtsstaat, dem die Luft ausgeht); • die Wiederwahl unseres GÖD-Vorsitzenden Fritz Neugebauer (herzliche Gratulation zum Wahlergebnis von 85,59 Prozent – es wäre in diesen schwierigen Zeiten mehr als unklug gewesen, auf seine gewerkschaftliche Erfahrung und sein politisches Gewicht zu ver­ zichten); • weit über 500 Anträge unter dem Motto „Vernunft hat einen Namen – GÖD“ (es sei wieder einmal darauf hingewiesen, dass die Gesetze – und das vergessen manche immer wieder – nach wie vor von den Abgeordneten im Parlament beschlossen werden und nicht von den Delegierten bei Gewerkschaftskongressen); • das Bildungsvolksbegehren (mit 383.820 Stimmen oder 6 Prozent der Wahlberechtigten blieb es deutlich hinter den geäußerten Erwartungen von – und vor allem auch durch – „Bildungspharisäer“ Hannes Androsch); • die europäische Wirtschafts- und Finanzkrise (in seiner eindrucksvollen Festrede sagte Bundespräsident Heinz Fischer, man müsse die Staatsverschuldung reduzieren, aber nicht auf Kosten der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und der öffentlich Bediensteten).

Die Neue Mittelschule Das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur schickte kurz vor Redaktionsschluss und Druckfreigabe unseres „aps-Magazins“ die Gesetzesnovellen zur Implementierung der Neuen Mittelschule in das Regelschulsystem im Rahmen des Gesetzwerdungsprozesses in Begutachtung. Eine erste Analyse ergab eine Reihe von sehr positiven Ansätzen, die man nur begrüßen kann, aber auch einige unerwartete Mängel, die in der derzeit laufenden Begutachtungsphase unbedingt zu beheben sind.

Paul Kimberger Bundesvorsitzender der Gewerkschaft Pflichtschullehrerinnen und Pflichtschullehrer

PLUS-Punkte: • E  ine rasche Überführung der Neuen Mittelschule ins Regelschulsystem. • Das Ende der Dreiteilung (Hauptschule – Neue Mittelschule – Allgemeinbildende Höhere Schule) im Bereich der Schule der 10- bis 14-Jährigen. • Eine Verbesserung der Position der bisherigen Hauptschule (dieses Ziel wird mit diesem Gesetzesentwurf leider nur teilweise erreicht!). • Zusätzliche sechs Stunden pro Klasse mit mehr Möglichkeiten des flexiblen Einsatzes moderner Unterrichtsformen. • Eine Konzeption der 5. und 6. Schulstufe ohne Selektionsdruck und unterschiedlicher Lehrplanausweisung. • Die Möglichkeit verschiedener Differenzierungsformen, bei denen jedoch noch sicherzustellen ist, dass die Entscheidung, welche dieser Formen zum Einsatz kommen, schulautonom zu treffen ist. • Die Verpflichtung zum Einsatz von Lehrerinnen und Lehrern höherer Schulen wurde mit Blick auf die zu erwartende Personalknappheit und eine individuellere standortbezogene Schulentwicklung gelockert.

MINUS-Punkte: • M  anche der im Schulversuch gemachten minis­ teriellen Versprechungen bezüglich Gleichstellung der Neuen Mittelschule mit Allgemeinbildenden Höheren Schulen (Zeugnisse, 3


seite des vorsitzenden Lehrpläne, Berechtigungen, …) werden nicht eingehalten. Nicht akzeptabel sind unterschiedliche Lehrpläne an der Neuen Mittelschule und der Unterstufe der Allgemeinbildenden Höheren Schule für die vertiefende Allgemeinbildung. Außerdem muss für Schülerinnen und Schüler an der Neuen Mittelschule, die das Ziel der vertiefenden Allgemeinbildung erreichen, weiterhin der Zusatz „… wurde nach dem Lehrplan des Realgymnasiums beurteilt“ im Zeugnis vermerkt werden können. Ein breit gefächertes Angebot an Pflichtgegenständen muss auch Geometrisches Zeichnen und Ernährung und Haushalt beinhalten. Auf die zusätzlichen sechs Stunden pro Klasse wird nur in den Erläuterungen hingewiesen, ein Vermerk über Ressourcen für den verpflichtenden Förderunterricht fehlt gänzlich. Eine Verankerung der regionalen Kompetenzteams und der Lerndesigner am jeweiligen Schulstandort ist weder organisatorisch noch finanziell im Gesetzesentwurf enthalten. Statt eines im Gesetzesentwurf nicht klar definierten Schülerportfolios sollte in Verbindung mit den Bildungsstandards ein „Talentecheck“ als differenzierte Leistungsbeurteilung in standardisierter Form (zusätzlich zur Ziffernnote) durchgeführt werden. Bei der Bewilligung eines 10. und 11. Schuljahres fehlt die Einbindung der zuständigen Lehrerinnen und Lehrer in den Entscheidungsund Bewilligungsprozess.

in Österreich mittragen, mitgestalten und unterstützen, sehr herzlich zu danken:

Ich möchte darauf hinweisen, dass meine „PLUS/ MINUS-Punkte“ natürlich nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben und die tatsächliche Beurteilung der vorgeschlagenen Gesetzestexte auch dadurch erschwert wird, dass wichtige Ausführungsbestimmungen (Lehrpläne, Gehaltsgesetz, Leistungsbeurteilungsverordnung, schulzeitliche Regelungen, … ) noch nicht vorliegen. Abschließend taucht aber auch – wahrscheinlich nicht nur für mich – wieder die Frage auf, warum man Schulversuche macht, wenn dann offensichtlich bewährte Maßnahmen nicht ins Regelschulsystem übernommen werden.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Ihren Familien ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest, Glück, Erfolg und Gesundheit im neuen Jahr 2012 und schöne, erholsame Weihnachtsferien, die wir uns verdient haben und wirklich genießen sollten!

• m  einen Kolleginnen und Kollegen in der Bundesleitung der Gewerkschaft Pflichtschullehrerinnen und Pflichtschullehrer für die gute Zusammenarbeit, • den Vorsitzenden der Lehrergewerkschaften und Zentralausschüsse mit ihren Bundesländer- und Bezirksteams für ihren Einsatz sowie allen Kolleginnen und Kollegen, die in ganz Österreich „mit Leidenschaft für unsere Lehrerinnen und Lehrer“ tätig sind, • den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in unseren Büros, die unsere tägliche Arbeit professionell und hilfreich unterstützen und immer da sind, wenn wir sie brauchen. Es ist mir aber auch ein besonderes Anliegen, mich ganz persönlich bei Ihnen allen für die vielen konstruktiven Gedanken, Ideen, Vorschläge, vor allem aber auch für das Vertrauen und Wohlwollen, für die Unterstützung und Aufbruchstimmung in meiner „neuen“ Arbeit als Bundesvorsitzender der Gewerkschaft Pflichtschullehrerinnen und Pflichtschullehrer zu bedanken. Ich habe mir für die Zukunft viel vorgenommen und gemeinsam mit Ihnen allen werden wir ganz sicher viele unserer Ziele erreichen. So wird unsere Gewerkschaft auch in Zukunft die Organisation in Österreich sein, auf die man hört und die Schule macht.

Ihr

Ein herzliches Danke Am Ende dieses Kalenderjahres möchte ich hier die Gelegenheit nutzen, allen, die unseren gemeinsamen Einsatz für die mehr als 70.000 Lehrerinnen und Lehrer an den Pflichtschulen 4

Paul Kimberger Reaktionen bitte an: paul.kimberger@goed.at aps • Ausgabe 6_2011


initiativantrag an den GÖD-Bundeskongress Die Unterzeichneten fordern die GÖD auf, alles zu veranlassen, um die Fürsorgepflicht des Dienstgebers gegenüber den Lehrerinnen und Lehrern gesetzlich besser zu verankern. Die Gesellschaft überträgt der Schule und damit den Lehrerinnen und Lehrern immer mehr Aufgaben. Das dafür notwendige zusätzliche Personal stellt der Dienstgeber aber nicht zur Verfügung, womit es zu einer immer stärkeren Belastung bis hin zur gesundheitlichen Beeinträchtigung der Lehrerinnen und Lehrer kommt. Der Dienstgeber wird aufgefordert, das neben dem Lehrpersonal notwendige Fachpersonal im administrativen, psychologischen, sozialen und medizinischen Bereich in ausreichender Zahl zusätzlich den Schulen zuzuweisen. Nur so können Lehrerinnen und Lehrer von Tätigkeiten, die nicht in ihren Aufgabenbereich fallen, derzeit aber von ihnen ausgeübt ­werden müssen, entlastet werden. Für die Bundesleitung 10 Paul Kimberger, Vorsitzender 5


Wir gestalten Zukunft für 600.000 Kinder – und das jeden Tag! service

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aktuell

Auch Pflichtschulen wollen einen Platz an der Sonne Das Bildungsjahr 2011 vermittelte den PflichtschullehrerInnen wieder einmal, nur LehrerInnen 2. Klasse zu sein. Eine Zusammenstellung von MMag. Dr. Thomas Bulant, Vors.-Stv.

Zeit: November 2011. Ort: Interpä­ dagogica in Wien. Kollegin Mustermann und Kollege Musterfrau haben sich nicht nur mit Informationen, sondern auch einer Fülle von Arbeitsmaterialien, Kopiervorlagen und Lernspielen eingedeckt. Wieder einmal ist der Fall eingetreten, dass LehrerInnen mit ihrem Haushaltsgeld die Qualität ihres Arbeitsplatzes, ihrer Pflichtschule, verbessern. Ein einmaliger Vorgang in der österreichischen Arbeitswelt und trotzdem von der Öffentlichkeit unbemerkt. Warum neigen gerade PflichtschullehrerInnen zu einem solchen Verhalten? Die Antwort ist einfach und

­ üsste immer wieder Anerkennung m auslösen: „Das Kind steht im Zentrum des Denkens und Handelns.“ Es wäre eigentlich Kollegin Mustermann und Kollege Musterfrau Bewunderung zu zollen, wenn man bedenkt, wie oft sie als PflichtschullehrerInnen Ungerechtigkeiten, nennen wir sie jetzt einmal Irritationen, im Berufsalltag und in der bildungspolitischen Diskussion ausgesetzt sind.

Irritation 1: Integration & Co gehören den Pflichtschulen Das Schulorganisationsgesetz definiert unter anderem in seinen §§ 9, 15 und 34

das Prinzip der sozialen Integration von behinderten Kindern als Aufgabe aller österreichischen Schulen im Pflichtschulalter. Im Verhältnis 100 zu 1 wird diese Aufgabe von den Pflichtschulen fast im Alleingang wahrgenommen. Alle pädagogischen Reformansätze der letzten Jahrzehnte, ob schülerzentrierte Lernformen oder pädagogische Kooperationen, hatten ihr Zentrum ebenso in den Pflichtschulen. Die Absicherung dieses Engagements über ­Ressourcen oder die besoldungsmäßige Wert­schätzung dieser für die Gesellschaft immanent wichtigen Leistungen ist ausgeblieben. 7


aktuell

Irritation 2: Aus- und Fortbildung erhält künstlich Unterschiede Durch eine Novelle des Hochschulgesetzes 2005 wurde im Juni 2010 die Möglichkeit des Upgradings für im Dienst befindliche PflichtschullehrerInnen mit dem Bachelor of Education geschaffen. § 65a (1) Auf Antrag ist Personen, die 1. eine insgesamt sechssemestrige Lehramtsausbildung oder 2. eine Lehramtsausbildung unter sechs Semestern sowie ein zusätzliches Lehramt nach den vor dem Inkrafttreten dieses Bundesgesetzes geltenden Studienrechtsvorschriften erfolgreich abgeschlossen bzw. erlangt haben, nach Absolvierung von berufsbegleitenden Ergänzungsstudien sowie einer Bachelorarbeit im Gesamtausmaß von 39 ECTS (davon 9 ECTS für die Bachelorarbeit) der akademische Grad „Bachelor of Educa­tion, BEd“ zu verleihen […] Dabei können Qualifikationen, die erlangt wurden, zur Gänze oder zum Teil nach den Anforderungen des Rahmencurriculums anerkannt werden. Eine überwiegende Zahl von interessierten PflichtschullehrerInnen wird, sobald die für diese Nachgraduierung notwendige Verordnung des bm:ukk in den nächsten Monaten verlautbart worden ist, mit den 30 Studien-ECTS keine Probleme haben, weil sie sich wie Kolle8

gin Mustermann und Kollege Musterfrau nach ihrem Erststudium intensiv der Fort- und Weiterbildung gewidmet haben und deshalb eine Fülle an Qualifikationen zur Anrechnung vorlegen werden können. In puncto Anrechnung einer bereits verfassten wissenschaftlichen Arbeit im Sinne einer Bachelorarbeit hat das Gesetz jedoch eine Schranke eingezogen: § 57 Bachelorarbeiten, Diplom-, Magis­ ter- und Masterarbeiten sowie Dissertationen, die an einer anerkannten inländischen oder ausländischen postsekundären Bildungseinrichtung positiv beurteilt wurden, sind vom für die studienrechtlichen Angelegenheiten zuständigen Organ auf Antrag anzuerkennen, wenn sie den Anforderungen einer Bachelorarbeit an der Pädagogischen Hochschule inhaltlich entsprechen. Haus- und Diplomarbeiten, die an der postsekundären Pädagogischen Akademie geschrieben worden sind, können sowohl den Regeln des wissenschaftlichen Arbeitens als auch den inhaltlichen Anforderungen einer Pädagogischen Hochschule entsprechen, sie sind jedoch für die Anrechnung per legem ausgeschlossen. Kollegin Mustermann und Kollege Musterfrau erwarten mit Spannung, wie die ministerielle Verordnung mit dieser Ungleichbehandlung umgehen wird.

Kollegin Mustermann gehört noch immer zu den interessierten BeobachterInnen bildungspolitischer Reformschritte. Das neue Dienstrecht für die Pädagogischen Hochschulen hat sie sich als Vortragende im Rahmen der Fortbildung an einer Pädagogischen Hochschule genau durchgelesen und folgendes Mail an ein Zentralausschussmitglied gesandt:

Lieber Kollege! Das neue Dienstrecht für PH-LehrerInnen geht in die Begutachtung. Bei (wohlgemerkt) oberflächlicher Durchsicht fällt mir doch deutlich auf: Alle BundeslehrerInnen werden automatisch ungeprüft und unhinterfragt übernommen (p1, p2, p3). Jeder bleibt, wo er (eingestuft) ist. LandeslehrerInnen können weiterhin als billiges Personal an der PH arbeiten. Damit setzt das Papier die alte Tradition der Benachteiligung von hoch qualifizierten APS-LehrerInnen fort. Dass viele L2a2-LehrerInnen mit mehreren APS-Lehrämtern, einem zusätzlichen Magis­terium und Doktorat sowie erprobter universitärer Forschungskompetenz Humanwissenschaften unterrichten und die Forschung an den Häusern vorantreiben, interessiert niemanden. Sie bleiben, was sie sind: PflichtschullehrerInnen. Übernommen werden sie nicht, die hohen aps • Ausgabe 6_2011


Würden bleiben ihnen verschlossen, denn dazu ist L1 notwendig – und das haben nur die AHS-LehrerInnen. Man hat die Tür für die KollegInnen von den Universitäten (auch ohne Lehramt) aufgemacht. Gut so. Die Tür für die PflichtschullehrerInnen ist zugeblieben! Die Politik hat die Chance, in der Begutachtung und Gesetzwerdung dieser PHMaterie zu beweisen, dass auf der PH neu Expertise, Qualifikation und Leis­ tung, unabhängig von der ursprünglichen Verwendung von LehrerInnen, zählen.

Irritation 3: Mehrdienstleistung ist nicht gleich Mehrdienstleistung Kollegin Mustermann und K ­ollege Musterfrau haben in ihrer dreißigjährigen Dienstzeit schon die unterschiedlichsten Regelungen erlebt, wie Mehrdienstleistungen im Unterricht abgegolten werden. Das Bekenntnis des Staates, jede zusätzlich gehaltene Unterrichtsstunde im Vertretungsfall erhöhe die Qualität und wäre daher zu bezahlen, haben sie noch nicht gehört. Bei einem Vergleich im Wiener Schulsys­tem (aps – ahs) sind sie auf ein weiteres Ärgernis gestoßen. § 61 des Gehaltsgesetzes und § 50 des Landeslehrerdienstrechtsgesetzes beschäftigen sich mit der gleichen Frage: Welche Auswirkung hat eine längere Absenz eines/ einer LehrerIn auf die Vertretungstätigkeit? Der Schulalltag kennt jedoch unterschiedliche Qualitäten. § 61 (1) GehG: Überschreitet der Lehrer durch […] dauernde Unterrichtserteilung […] das Ausmaß der wöchentlichen Lehrverpflichtung, so gebührt ihm hiefür […] eine besondere Vergütung. Im Vertretungsfall ist die Lehrfächerverteilung entsprechend abzuändern, sobald feststeht, dass die Vertretungsdauer zwei Wochen übersteigen wird. § 50 (3) LDG: Für jede gehaltene Unter-

richtsstunde, mit der aufgrund einer unbedingt erforderlichen Änderung der Lehrfächerverteilung bzw. Diensteinteilung während des Schuljahres (insbesondere wegen der Vertretung eines an der Erfüllung seiner lehramtlichen Pflichten gehinderten Lehrers) durch dauernde Unterrichtserteilung das dem Lehrer zugewiesene Stundenausmaß gemäß § 43 Abs. 1 Z 1 überschritten wird, gebührt dem Landeslehrer […] eine besondere Vergütung […] In einer Vereinbarung der Wiener Schulaufsicht im APS-Bereich aus dem Dezember 2009 heißt es dazu: „Der Zeitrahmen, wann eine Supplierstunde zu einer fixen MDL wird und verbunden damit auch die Lehrfächerverteilung entsprechend geändert werden muss, wurde mit einem Monat festgelegt. […] Bei Krankenständen, wo im Vorhinein […] absehbar ist, dass sie länger als einen Monat dauern, kann von dieser Regelung abgewichen werden.“ Demzufolge gibt es – nicht nur in Wien – aufgrund einer früher verpflichtenden Änderung der Lehrfächerverteilung in der AHS zu einem früheren Zeitpunkt Unterrichtsstunden mit Vor- und Nachbereitung anstatt von Betreuungsstunden – und verbunden damit auch früher eine Vergütung von Mehrdienstleistungen für die betroffenen LehrerInnen.

Irritation 4: Neue Mittelschule Die Einführung der Neuen Mittelschule zur Regelschule der Sekundarstufe 1 wäre eine Möglichkeit gewesen, auch die eine oder andere Ungleichbehandlung von LehrerInnen, die gleichaltrige Kinder nach fast identischen Lehrplänen, jedoch mit unterschiedlicher Arbeitszeit und Besoldung unterrichten, zu beseitigen. Die Neue Mittelschule wird zwar mit vielen pädagogischen Veränderungen durchstarten, aber im Regelfall ohne AHS.

Kollegin Mustermann und Kollege Musterfrau fragen sich daher, was sie als PflichtschullehrerInnen der Gesellschaft angetan haben, sodass ihr Engagement bei pädagogischen Reformen nie Verbesserungen in ihrem Dienst- und Besoldungsrecht nach sich ziehen. Als Wiener PflichtschullehrerInnen werden sie in ihrem Hauptschulgebäude aus der Kaiserzeit die vierte Ausformung einer Pflichtschule auf der Sekundarstufe 1, die einst Hauptschule hieß und in manchen politischen Kreisen angeblich an Attraktivität stets gewonnen hat, implementieren. Ihr Engagement, das sie mit Neuen Mittelschulen in den Tiroler Bergen wie im Hügelland des Burgenlands teilen, wird dadurch getrübt, dass andere selbst die geringste Unebenheit scheuen und sich einem gemeinsamen Entwicklungsprozess verschließen.

In Pflichtschulen lebt stets ein Funke Hoffnung Kollegin Mustermann und Kollege Musterfrau könnten noch viele andere Bereiche nennen, in denen PflichtschullehrerInnen die Verantwortung und Belastung tragen, ohne dementsprechend gewürdigt zu werden. Doch der Jahreswechsel und der Redaktionsschluss dieser „aps“-Ausgabe stehen bevor. So hoffen unsere KollegInnen auf die LehrerInnenausbildung neu und auf ein neues Dienstrecht, damit zumindest die zukünftigen PflichtschullehrerInnen ihrer Bedeutung gemäß wertgeschätzt werden und im gesellschaftlichen Konsens Gerechtigkeit erfahren. Freud sei Dank! Das Verdrängen lebt, die Hoffnung stirbt zuletzt. Ciao, Bildungsjahr 2011. Prosit 2012!

Reaktionen an thomas.bulant@goed.at 9


aktuell

Ist Schulreife eine Frage des Alters? Nein, das ist sie nicht, denn immer mehr Kinder im eigentlich schulreifen Alter weisen einen Reifegrad auf, der weit darunter liegt. Von „Problemschülern“ und unserem Umgang mit ihnen. Von LAbg. Claudia Wolf-Schöffmann

„Lukas, zeig mir bitte deine Hausübung“, fordert die Klassenlehrerin den Erstklässler auf. Da Lukas keine Reaktion zeigt, wiederholt die Pädagogin ihre Bitte. Doch der Sechsjährige hat keine Lust dazu, er spricht ausgelassen mit seinem Sitznachbar weiter. Schon etwas lauter im Ton steht die Lehrerin vor Lukas mit der Frage, ob er sie nicht verstanden habe? Da dreht sich der Junge um, sieht seine Klassenlehrerin an, murmelt „hab’s vergessen“ und dreht sich wieder dem Sitznachbar zu. Solche und ähnliche Szenen p ­ assieren tagtäglich in unseren K ­ lassenzimmern. Wobei dieses Beispiel noch zu den harmlosen zählt. Respektlosigkeit, Aggressionen gegenüber ­Mitschülern und Lehrern, die oft in gewalttätigen Übergriffen enden, sind leider nicht selten! Die Ursachen dafür sind jedoch nicht im Klassenzimmer zu suchen. „Diese Respektlosigkeit, der man begeg­net, gründet vielfach nicht in fehlender Erziehung, sondern in fehlender Entwicklung. Und solange das kleinkindliche Weltbild „Ich kann alles steuern und bestimmen“ vorherrscht 10

und das Gegenüber nicht als solches erkannt wird, fehlt die Basis, um überhaupt Kulturtechniken lernen zu können!“, meint Dr. Michael Winterhoff, deutscher Jugendpsychiater und erfolgreicher Buchautor, zu diesem Thema.

Problemschüler: Tendenz steigend Die Wurzel des Übels müssen wir also schon im früheren Alter suchen, wie uns aktuelle Zahlen bescheinigen. Schon im Kindergarten nimmt die Zahl der Kinder, die als verhaltensauffällig oder psychisch gestört eingestuft werden, zu. Die Symptome können im körperlichen (z. B. Essstörungen, Nägelkauen), im psychischen (Ängstlichkeit, Depressivität, Konzentrationsstörungen usw.) oder im sozialen (Aggressivität, Schüchternheit) Bereich liegen. In deutschen Grundschulen entsprechen 60 bis 70 Prozent der Kinder nicht dem dafür nötigen Reifegrad. Eine beunruigende Tendenz, die eines ganz klar zeigt: Schulreife ist nicht einfach eine Frage des Alters. So besagt § 6 (2b) des Schulpflichtgesetzes, dass ein Kind schulfeif ist, wenn angenommen werden kann, dass es dem Unterricht

in der ersten Schulstufe zu folgen vermag, ohne körperlich oder geistig überfordert zu werden. Das trifft auf un­sere Problemschüler aber immer weniger zu. Schwierig ist diese Situation nicht zuletzt für die Lehrer. Immer mehr Kinder, die gar nicht herkömmlich unterrichtet werden können, sitzen in unseren Klassen. „Kleine Terroristen“, „Zeitbomben“, „Tyrannen“, so nennt man sie hinter der verschlossenen Tür des Lehrerzimmers. Pädagogen fürchten diese schwierigen Schüler mehr als große Klassen oder den Unterrichtsbesuch des Inspektors. In hohem Maß sind sie die Ursache für Burn-out oder frühzeitige Pensionierung. Dazu kommen noch Eltern, die möglicherweise sehr negativ einmischend, aber nicht problembewusst sind, sowie eine Schulaufsichtsbehörde, die grundsätzlich den Eltern recht gibt und dem Lehrer Vorwürfe macht. Geradezu kontraproduktiv wirken sich dann die ständig neuen Reformideen für den Unterricht aus, denn die sind gerade bei diesen Kindern gar nicht umsetzbar. aps • Ausgabe 6_2011


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„Für uns Lehrer ist wichtig, dass schulreife Kinder in unseren Klassen sitzen, die den Lehrer auch als solchen akzeptieren. Erst dann und nur dann kann die eigent­liche Unterrichtsarbeit beginnen.“

Nur Probleme, keine Lösung? Der erste Schritt zu einer Lösung kann nur über ein Erkennen der Situation führen. Erst wenn grundsätzliche Einigung darüber herrscht, dass Kinder und Jugendliche heute, unabhängig von ihrer Intelligenz und Herkunft, massive psychische Reife­ defizite aufweisen, kann man Maßnahmen ergreifen, die diese Fehlentwicklung kompensieren. Je früher damit begonnen wird, umso erfolgreicher wird sich die Schullaufbahn entwickeln. Womit wir wieder bei der Schulreife angelangt wären. Ein möglichst frühzeitiges Eingreifen, das empfiehlt auch Dr. Michael Winterhoff, der sich in einem Interview in der „Presse“ vom 10. 10. 2011 für die Einführung einer allgemeinen Vorschule mit einer Gruppengröße von acht bis zwölf Kindern ausspricht. „Dort sollte es aber in keinem Fall um das Erlernen von Kulturtechniken gehen, sondern darum, dass die Kinder lernen, Strukturen zu erkennen und das Gegenüber wahrzunehmen.“ In welcher Institution Kinder ihre psychische Entwicklung nachholen können, ob im Kindergarten oder in der Vorschule oder in einer Synergie aus beiden, das bleibt den Bildungsverantwortlichen überlassen. Für uns Lehrer ist wichtig, dass schulreife Kinder in unseren Klassen sitzen, die den Lehrer auch als solchen akzeptieren. Erst dann und nur dann kann die eigent­ liche Unterrichtsarbeit beginnen. 11


gastkommentar

Die Arroganz der Verlierer soll wohl ihren gründlichen Misserfolg vergessen machen Wer glaubt, die optimale Schule auf dem Reißbrett entwerfen zu können, will sich von einer demokratischen Entscheidung nicht beirren lassen. Von Rudolf Taschner. Der Artikel erschien am 17. November 2011 in der „Presse“.

In unnachahmlicher Klarheit, Stringenz und Präzision analysiert Konrad Paul Liessmann im Artikel „Die Irrtümer der Bildungspharisäer“ das Ergebnis des Bildungsvolksbegehrens. Seine Worte sollten den anmaßenden „Experten“ des Bildungswesens auf das Brett vor ihrem Kopf genagelt werden, auf dass sie öffentlich bekunden, welche Chancen sie mit ihrem Ansinnen, die optimale Schule gleichsam auf dem Reißbrett entwerfen zu können, vertan haben.

Schule als Experimentierfeld Schon im Frühjahr, als das Begehren vorbereitet wurde, konnte man die Schlag­ seite des Unternehmens ahnen: Es ist zwar höchst verdienstvoll, dass sich eine im politischen Geschäft versierte Persönlichkeit wie der ehemalige Vizekanzler Hannes Androsch für ein so wichtiges Anliegen wie die Zukunft der Schulen, ja des gesamten Bildungs- und Ausbildungswesens engagiert. Doch es gelang offenkundig nicht, unter den sich ihm andienenden Mitstreitern jene der 1968-Spätlese vor die Tür zu weisen oder, wenn schon nicht zur Einsicht, so wenigstens zum Schweigen zu bringen. Es sind dies jene sich „Experten“ nennenden Personen, die alles und jedes von der Schule erwar12

ten, für die Schule nichts anderes als das Experimentierfeld der utopischen Idealgesellschaft darstellt, eine wirklichkeitsfremde Schule, in der alle ohne Unterlass mit Leidenschaft lernen, in der keinerlei Differenzierung mehr gestattet ist, weil Verschiedenheit doch den Makel der Diskriminierung in sich trägt, die nur aus Fröhlichkeit und Begeisterung für das Kreative, aber sicher nicht aus Frontalunterricht, nicht aus Prüfungen, nicht aus der Eventualität, auch manchmal zu versagen, besteht. (Die meisten dieser Utopisten kennen die Freuden und Härten des Schulalltags nur von der eigenen Schulzeit. Ließe man sie auf eine Klasse los, liefen viele von ihnen wohl nach kurzer Zeit enttäuscht und weinend aus dem Klassenzimmer.)

Realitätsfern Viele Unterstützer des Volksbegehrens wussten wohl, dass sich in seinem Text zu Floskeln, die Binsenwahrheiten sind, auch die realitätsfernen Wünsche dieser Phantasten gesellten. Sie rieten dennoch zur Unterschrift, um den Schulproblemen mehr Gehör zu verschaffen. So ehrenwert und verständlich dieses Anliegen ist, so wenig wurde es von der Bevölkerung goutiert. Und dies zu Recht. Denn

um ihn unterstützen zu können, hätte der Text von völlig anderem Format sein müssen.

Armutszeugnis Doch statt selbst aus diesem Misserfolg zu lernen, schalten die überheblichen der sogenannten „Experten“ auf stur: „Die Weigerung, die Trägheit oder die Gleichgültigkeit einer übergroßen Mehrheit der österreichischen Bevölkerung, eine umfassende Bildungsreform zu unterstützen“, so der rastlose Gesamtschulprediger Karl Heinz Gruber, sei ein „bildungspolitisches Armutszeugnis“. Bitter beklagt er sich über Liessmanns luzide Analyse. Aber weil ihm die einfachen Wahrheiten, die auch 94 Prozent der Wahlberechtigten davon abgehalten haben, den Text des Begehrens zu unterschreiben, nicht genehm sind, verhöhnt er sie, Albert Einstein zitierend – da kann man nie falsch liegen –, als zu einfach. Er wisse es von Amts wegen besser. Dafür verschweigt der „Standard“, wo diese kleinkarierte Replik auf Liessmanns Artikel erschien, dass Herr Gruber schon längst aus Altersgründen seiner Amtspflichten enthoben ist – Liessmann selbst hat der „Standard“ (eine kleine Perfidie?) um zwei Jahre älter gemacht. aps • Ausgabe 6_2011


Stoff erfüllten Lebens Eine zufällige Nachbarschaft auf Zeit ließ mich vor einigen Tagen in einem Zugabteil zwei junge Leute – wohl Mitte zwanzig – kennenlernen. Von Wilfried Stadler Der Artikel erschien am 6. Oktober 2011 in der „Furche“.

Während meiner Reise von Salzburg nach Wien war mir aufgefallen, wie sie sich lebhaft in einer mir fremden Sprache unterhielten und vertraut miteinander umgingen, wenn sie gerade schwiegen. Anrufe, die sie von Freunden und Verwandten auf ihren Mobiltelefonen erreichten, beantworteten sie in der Mehrzahl auf Deutsch, genauer: auf Kärntner Deutsch. Die Beiden wirkten ausgeglichen, unbeschwert und zugleich irgendwie ernsthaft.

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„Nur Elektriker“ Ein halbe Stunde vor Wien mischte ich mich in das Gespräch meiner sympathischen Mitreisenden und wollte wissen, ob die wohlklingende Fremdsprache, in der sie sich unterhielten, Slowenisch sei und ob sie aus dem zweisprachigen Teil Kärntens stammten. Natürlich folgte ein Gespräch über Ortstafeln und über die Frage, wie zufrieden sie mit der nun gefundenen Lösung seien. Mehr wäre realistischerweise nicht erreichbar gewesen, meinten sie, aber eigentlich sei es traurig, dass ein verfassungsgemäß zustehendes Recht einem Kompromiss weichen musste. Es entwickelte sich ein angeregtes Gespräch, unter anderem über die Vorteile von Zweisprachigkeit. Als ich meine so aufgeweckten, gebildeten Zufallsbekannten schließlich neugierig nach ihrer Studienrichtung befragte, kam die Überraschung: Die junge Frau erzählte, sie sei Krankenschwester, und ihr Begleiter sagte in einem nach Eingeständnis klingenden Tonfall, er sei

„nur Elektriker“. Ich überspielte meine Beschämtheit über mein implizites Vorurteil, nur Studierende könnten so gebildet und weltoffen wirken wie diese beiden. Am Ende der Reise verabschiedeten wir uns mit guten Wünschen. Wieder einmal wurde mir bewusst, wie einseitig unsere von Pisa-Tests und Bologna-Prozessen getriebene Bildungspolitik ihre Erfolge an der Steigerung von Akademikerquoten misst, statt sich um wirkliche Bildung zu sorgen. Für junge Menschen, die nicht direkt auf eine kopflastige akademische Karriere zusteuern, sondern frühes Interesse an einem angewandten Beruf zeigen, brauchen wir tragfähige Brücken zwischen angewandtem Können, selbstbewusster Eigenständigkeit und Intellekt. Wir müssen solche Entscheidungen unterstützen, statt sie in Ausbildungs-

Sackgassen für Nicht-Maturanten leerlaufen zu lassen.

Arroganz der Titelträger Dazu gehören mehr ­ postsekundäre, berufsnahe Ausbildungen, statt an Massenuniversitäten Studienabbrecher zu frus­trieren. Und schließlich andere Begriffe als „Lehrlinge“ und „Facharbeiter“ für die Vielfalt der Berufe, die wir alle so schätzen, wenn wir sie dringend benötigen – ob Krankenschwestern oder Elektriker – denen wir aber in der verfes­tigten Arroganz von Titelträgern sozial nur Außenseiterchancen geben. Eine Bildungsdiskussion, die endlich bei einem ganzheitlichen Menschenbild ansetzt und sich nicht im Streit um Schulformen erschöpft, ist überfällig. Denn erst in Verbindung mit Menschenbildung und musischer Förderung wird Prüfungsstoff zum Stoff erfüllten Lebens. 13


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Dienstrechtsnovelle 2011 Im Folgenden werden die durch die Dienstrechtsnovelle 2011 kommenden Änderungen im Gehaltsgesetz (GehG), Vertragsbedienstetengesetz (VBG), Landeslehrer-Dienstrechtsgesetz (LDG) und Pensionsgesetz (PG) auszugsmäßig dargestellt.

Gehaltsgesetz

Kinderzuschuss § 4 (1) Ein Kinderzuschuss von 15,6 Euro monatlich gebührt, soweit im Abs. 3 nicht anderes bestimmt ist, für jedes Kind, für das Familienbeihilfe nach dem Familienlastenausgleichsgesetz, BGBl. Nr. 376/1967, bezogen wird oder für das nur deshalb keine Familienbeihilfe bezogen wird, weil für dieses Kind eine gleichartige ausländische Beihilfe bezogen wird. Als Kinder gelten:

5 . sonstige Kinder, wenn sie dem Haushalt der Beamtin oder des Beamten angehören und diese oder dieser überwiegend für die Kosten des Unterhaltes aufkommt. (2) Für ein Kind, das seit dem Zeitpunkt, in dem der Anspruch auf den Kinderzuschuss nach Abs. 1 wegfällt, infolge Krankheit oder Gebrechens erwerbsunfähig ist, gebührt der Kinderzuschuss, wenn weder das Kind noch dessen Ehegattin oder Ehegatte oder eingetragene Partnerin oder eingetragener Partner über eigene Einkünfte gemäß § 2 Abs. 3 des Einkommensteuergesetzes 1988, BGBl. Nr. 400, verfügt, die den Betrag nach § 5 Abs. 2 erster Satz des Allgemeinen Sozialversicherungsgesetzes (ASVG), BGBl. Nr. 189/1955, monatlich übersteigen.

1 . eheliche Kinder 2. legitimierte Kinder 3. Wahlkinder 4. uneheliche Kinder

(3) Für ein und dasselbe Kind gebührt der Kinderzuschuss nur einmal. Hätten mehrere Personen für ein und dasselbe Kind Anspruch auf diesen Zuschuss

Zu § 4 GehG und § 16 VBG: Die Kinderzulage wird in eine zwölfmal jährlich gebührende Leistung, die nicht nach Beschäftigungsausmaß aliquotiert wird, umgewandelt und erhöht. Dadurch ist höhere soziale Treffsicherheit gegeben.

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oder eine ähnliche Leistung aus einem Dienstverhältnis zu einer inländischen Gebietskörperschaft, gebührt der Kinderzuschuss nur der Person, deren Haushalt das Kind angehört. Hiebei geht der früher entstandene Anspruch dem später entstandenen vor. Bei gleichzeitigem Entstehen der Ansprüche geht der Anspruch der älteren Person vor. (4) Dem Haushalt der Beamtin oder des Beamten gehört ein Kind an, wenn es bei einheitlicher Wirtschaftsführung unter der Leitung der Beamtin oder des Beamten die Wohnung teilt oder aus Gründen der Erziehung, der Ausbildung, einer Krankheit oder eines Gebrechens woanders untergebracht ist. Durch die Leistung des Präsenzoder Ausbildungs- oder Zivildienstes wird die Haushaltszugehörigkeit nicht berührt. (5) Die Beamtin oder der Beamte ist verpflichtet, alle Tatsachen, die für den

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Anfall, die Änderung oder die Einstellung des Kinderzuschusses von Bedeutung sind, binnen einem Monat nach dem Eintritt der Tatsache, wenn sie oder er aber nachweist, dass erst später von dieser Tatsache Kenntnis erlangt wurde, binnen einem Monat nach Kenntnis, der Dienstbehörde zu melden. (6) Auf die Dauer des gänzlichen Entfalls des Monatsbezuges entfällt auch der Kinderzuschuss.“ VBG § 16 samt Überschrift lautet: „Kinderzuschuss §  16 Vertragsbedienstete haben An­­ spruch auf Kinderzuschuss, soweit ihnen nicht aufgrund eines öffentlichrechtlichen Dienstverhältnisses gleichartige Zuschüsse gebühren. § 4 GehG ist sinngemäß anzuwenden.“

Landeslehrer-Dienstrechts­ gesetz Zu § 4 Abs. 1 Z 4 LDG 1984:

Nach der Pensionsharmonisierung lässt sich die vorgesehene Altershöchstgrenze von 40 Jahren, die ursprünglich den Zweck hatte, den Bezug eines Ruhegenusses mit der Dauer des Dienstverhältnisses in Relation zu stellen, nicht mehr rechtfertigen. Künftig soll daher eine solche Altershöchstgrenze nicht mehr vorgesehen werden. Das Mindest­ alter von 18 Jahren soll aber weiterhin bestehen bleiben, da der Abschluss eines Dienstverhältnisses, welches dem Charakter nach auf Lebensdauer eingegangen wird, auch künftig nur volljährigen Personen vorbehalten bleiben soll.

rigen an derselben Schule im Verhältnis der Über- und Unterordnung aus regionalen und sozialen Gründen mit der Einschränkung, dass Interessen des Dienstes nicht gefährdet werden dürfen, in Kauf. Aufgrund der Ausweitung des § 42 Abs. 2 BDG 1979 auf alle Arten von Dienstverhältnissen von in bestimmten Nahebeziehungen stehenden Personen, unabhängig von ihrer rechtlichen Zuordnung, erscheint es auch geboten, den Verwandtschaftsgrad bis zum dritten Grad anzugleichen. Der bisherige § 28 Abs. 2 LDG 1984 wird in der aktuellen Fassung als überschießend nicht mehr vorgesehen. Die zu befürchtende Gefährdung der Interessen des Dienstes kann wohl nur durch Dienstpflichtverletzungen seitens der betroffenen ehemaligen Ehepartner entstehen und wäre auch als solche zu ahnden. Die Tatsache einer getrennten Ehe alleine und die damit verbundenen psychischen Belastungen rechtfertigen jedenfalls noch keine amtswegige Untersagung einer Verwendung und eine allfällige Versetzung.

Zu § 28 LDG 1984:

§ 28 samt Überschrift lautet: „Verwendungsbeschränkungen § 28 (1) Landeslehrpersonen, die miteinander verheiratet sind, die in eingetragener Partnerschaft leben, die zueinander in einem Wahlkindschaftsverhältnis stehen oder die miteinander in auf- oder absteigender Linie oder bis einschließlich zum dritten Grad der Seitenlinie verwandt oder verschwägert sind, dürfen an derselben Schule im dienstlichen Verhältnis der Über- und Unterordnung nicht verwendet werden. Diese Verwendungsbeschränkungen gelten sinngemäß für alle Personen, die an derselben Schule verwendet werden.

Anders als für andere Bereiche des öffentlichen Dienstes nimmt § 28 LDG 1984 eine Verwendung von Angehö-

(2) Die oberste Dienstbehörde kann Ausnahmen von den Verwendungsbe-

In § 4 Abs. 1 Z 4 entfällt die Wortfolge „und von höchstens 40 Jahren“.

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schränkungen des Abs. 1 genehmigen, wenn aus besonderen Gründen eine Beeinträchtigung dienstlicher Interessen nicht zu befürchten ist. (3) Die Genehmigung einer Ausnahme gemäß Abs. 1 ist auf der Website der obersten Dienstbehörde zu veröffentlichen. Die Veröffentlichung hat jedenfalls 1. die Namen der betroffenen Bediens­ teten und ihre Funktionen und 2.  jene besonderen Gründe, die eine Beeinträchtigung dienstlicher In­teressen nicht befürchten lassen, zu beinhalten.“ Der bisherige § 6c erhält die Absatzbezeichnung „(1)“ und folgende Abs. 2 bis 4 werden angefügt: „(2) Vertragsbedienstete, die miteinander verheiratet sind, die in eingetragener Partnerschaft leben, die zueinander in einem Wahlkindschaftsverhältnis stehen oder die miteinander in aufoder absteigender Linie oder bis einschließlich zum dritten Grad der Seitenlinie verwandt oder verschwägert sind, dürfen nicht in folgenden Naheverhältnissen verwendet werden: 1. Weisungs- oder Kontrollbefugnis der oder des einen gegenüber der oder dem anderen Vertragsbediensteten, 2. Verrechnung oder Geld- oder Materialgebarung. Diese Verwendungsbeschränkungen gelten auch im Verhältnis zwischen Vertragsbediensteten und Beamtinnen und Beamten, Lehrlingen oder Verwaltungspraktikantinnen und Verwaltungspraktikanten. (3) Die Zentralstelle kann Ausnahmen von den Verwendungsbeschränkungen des Abs. 2 genehmigen, wenn aus aps • Ausgabe 6_2011


besonderen Gründen eine Beeinträchtigung dienstlicher Interessen nicht zu befürchten ist.

In § 115d Abs. 5 erster Satz wird nach dem Wort „Landeslehrperson“ die Wortfolge „des Dienststandes“ eingefügt.

(4) Die Genehmigung einer Ausnahme gemäß Abs. 3 ist auf der Website der Zentralstelle zu veröffentlichen. Die Veröffentlichung hat jedenfalls

In den §§ 115d Abs. 5 und 115f Abs. 3 wird jeweils im vorletzten Satz das Wort „ihm“ durch das Wort „ihr“ ersetzt.

1. die Namen der betroffenen Bediens­ teten und ihre Funktionen, 2. die Art ihres von Abs. 2 Z 1 oder 2 erfassten Verhältnisses und 3.  jene besonderen Gründe, die eine Beeinträchtigung dienstlicher Interessen nicht befürchten lassen, zu beinhalten.“

§ 49 LDG 1984, § 23 Abs. 6 MSchG und § 10 Abs. 8 VKG: Regelungen, wonach Lehrerinnen und Lehrer, die Leitungsfunktionen ausüben oder mit Schulaufsichtsfunktionen betraut sind, von der Herabsetzung der regelmäßigen Wochendienstzeit ausgeschlossen sind, zwingen Eltern, sich zwischen Familie und Karriere entscheiden zu müssen. Realpolitisch werden dadurch vorwiegend Frauen davon abgehalten, solche Funktionen anzustreben. Diese unzeitgemäßen und indirekt Frauen diskriminie­ renden Regelungen sollen daher entfallen. § 49 samt Überschrift entfällt.

Zu den §§ 115d und 115f LDG: Bereinigungen von Redaktionsversehen und Zitatberichtigungen.

In § 115f Abs. 2 Z 1 und 4 wird das Wort „Bundesdienstzeit“ jeweils durch das Wort „Landesdienstzeit“ ersetzt. In § 115f Abs. 2 Z 4 wird das Zitat „Z 1 bis 3“ durch das Zitat „Z 1 bis 3 und 5“ ersetzt. § 115f Abs. 2 Z 6 lautet: „6. nach Abs. 3 oder § 104 Abs. 1 des Pensionsgesetzes 1965 nachgekaufte ­Zeiten.“ In § 115f Abs. 3 erster Satz wird nach dem Wort „Landeslehrperson“ die Wortfolge „des Dienststandes“ eingefügt.

Vertragsbedienstetengesetz Zu § 7 Abs. 1 VBG:

Derzeit setzt die Bescheinigung des Grundes der Dienstverhinderung stets ein konkretes Verlangen der oder des Vorgesetzten voraus. Durch die Normierung einer Bescheinigungspflicht bei einer länger als drei Arbeitstage andauernden Dienstverhinderung auch ohne Verlangen der oder des Vorgesetzten wird einerseits der vielfach bereits bisher geübten Praxis Rechnung getragen und andererseits eine Harmonisierung mit den entsprechenden Bestimmungen des Beamtenrechts herbeigeführt.

In § 115d Abs. 2 Z 1 und 4 wird das Wort „Bundesdienstzeit“ jeweils durch das Wort „Landesdienstzeit“ ersetzt.

Dem § 7 Abs. 1 wird folgender Satz an­gefügt:

In § 115d Abs. 2 Z 4 wird das Zitat „Z 1 bis 3“ durch das Zitat „Z 1 bis 3 sowie 5 und 6“ ersetzt.

„Der Grund ist jedenfalls zu bescheinigen, wenn die Dienstverhinderung länger als drei Arbeitstage dauert.“

Zu § 7 Abs. 2 VBG: Im Sinne einer weiteren Harmonisierung zwischen Bestimmungen des Beamtenrechts und jenen des Vertragsbedienstetenrechts wird die Verpflichtung von wegen Krankheit vom Dienst abwesenden Vertragsbediensteten normiert, sich auf Anordnung der bzw. des Vorgesetzten einer ärztlichen Untersuchung zu unterziehen. Die bisherige Einschränkung auf eine amtsärztliche Untersuchung entfällt, eine solche ist aber weiterhin möglich. In § 7 Abs. 2 wird das Wort „amtsärztlichen“ durch das Wort „ärztlichen“ ersetzt.

Pensionsgesetz

Zu § 3 Abs. 2, § 10 Abs. 3, § 13a Abs. 3 und 4, § 14 Abs. 5, § 15 Abs. 4 Z 3 und 5, § 17 Abs. 1 und 7, § 24 Abs. 3, § 25, § 56 Abs. 3, § 71 Abs. 2 und § 77 Abs. 1 und 2 PG: Technische Anpassungen an den neu eingeführten Kinderzuschuss (§ 4 GehG).

Zu § 4 Abs. 3 und § 59 Abs. 4 PG: Die gesetzlich vorgeschriebene Mitteilungspflicht des Dienstgebers über die Pensionsbeitragsgrundlagen und die erworbenen N ­ ebengebührenwerte kann auch auf elektronischem Weg erfüllt werden, etwa durch die Ermöglichung der Einsichtnahme der Bediens­ teten in ihre Personaldaten im Wege des ESS. In § 4 Abs. 3 wird nach dem Wort „Beamten“ die Wortfolge „nach Maßgabe der technischen Möglichkeiten elektronisch oder“ eingefügt.

Zu § 11 lit. a PG: Da das Ernennungserfordernis einer bestimmten Staatsbürgerschaft in Zukunft durch dasjenige des Zugangs 17


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zum österreichischen Arbeitsmarkt ersetzt wird, soll auch ein Wechsel der Staatsbürgerschaft künftig kein Grund mehr sein, einen bereits erworbenen Anspruch auf einen Ruhebezug zu ­verlieren. § 11 lit. a wird aufgehoben.

Zu § 13a Abs. 2b PG: Bei Beamtinnen und Beamten, die bereits Anspruch auf Korridorpension hätten, aber zumindest ein Jahr länger im Dienststand verbleiben, wird der zusätzliche (Pensionssicherungs-)Beitrag pro Jahr des längeren Verbleibens im Dienststand um ein Drittel reduziert. In § 13a wird folgender Absatz 2b eingefügt: „(2b) Der Beitrag nach Abs. 2a vermindert sich für Beamtinnen und Beamte für jedes im Dienststand verbrachte Dienstjahr, in dem die Voraussetzungen für eine Ruhestandsversetzung nach § 15c BDG 1979 bereits erfüllt waren, um ein Drittel. Dies gilt auch für die Hinterbliebenen dieser Beamtinnen und Beamten.“

Zu den §§ 34 und § 52 Abs. 2 PG Ein Ruhen von Beamtenpensionen während einer Strafhaft ist im Beamtenpensionsrecht zum Unterschied vom ASVG nicht vorgesehen. Da der Versorgungsbedarf während einer Strafhaft entfällt, soll diese Lücke in Anlehnung an das ASVG geschlossen werden. § 34 PG sieht daher ein Ruhen der wiederkehrenden Leistungen nach dem PG während einer mehr als einmonatigen Strafhaft vor. Beim Hausarrest mit elektronischen Fußfesseln tritt kein Ruhen ein. Für die Dauer des Ruhens der Leistung haben die Angehörigen von Beamtinnen und Beamten des Ruhe18

standes Anspruch auf Geldleistungen in Höhe des Ergänzungszulagen-Richtsatzes, allerdings ohne Anwendung der Bemessungsregeln für die Ergänzungszulage. Das Ruhen gilt sowohl für Pensionen als auch für Unterhaltsbeiträge und Versorgungsgelder; § 52 Abs. 2 PG kann daher entfallen.

Zu § 104 Abs. 1 PG:

Nach § 33 wird folgender § 34 samt Überschrift eingefügt:

Zu § 105 Abs. 3 PG:

„Ruhen der wiederkehrenden Geldleis­ tungen wegen Strafhaft § 34. (1) Die wiederkehrenden Geldleistungen nach diesem Bundesgesetz ruhen auf die Dauer des Vollzugs einer wegen einer oder mehrerer mit Vorsatz begangener strafbarer Handlungen verhängten Freiheitsstrafe oder der zugleich mit einer solchen Freiheitsstrafe angeordneten, mit Freiheitsentziehung verbundenen Maßnahme. Das Ruhen tritt nicht ein, wenn die Freiheitsstrafe oder die Anhaltung nicht länger als einen Monat währt oder durch Anhaltung im elektronisch überwachten Hausarrest nach dem fünften Abschnitt des Strafvollzugsgesetzes, BGBl. Nr. 144/1969, vollzogen wird. (2) Für die Dauer des Ruhens der Geldleistungen gebühren den Angehörigen einer inhaftierten Beamtin bzw. eines inhaftierten Beamten monatliche Geldleistungen in Höhe der Mindestsätze gemäß § 26 Abs. 5, wenn sie im Fall ihres oder seines Todes Anspruch auf Hinterbliebenenversorgung hätten. Die Summe dieser Geldleistungen darf den Ruhebezug der inhaftierten Beamtin bzw. des inhaftierten Beamten nicht übersteigen; erforderlichenfalls sind die Geldleistungen gleichmäßig zu kürzen.“ 24. § 52 Abs. 2 entfällt.

Klarstellung, dass ein Nachkauf von erstatteten Zeiten für das Pensionskonto nur von Beamtinnen und Beamten des Dienststandes getätigt werden kann. In § 104 Abs. 1 erster Satz wird nach dem Wort „Beamte“ die Wortfolge „des Dienststandes“ eingefügt.

Auf Beamtinnen und Beamte, die ab 1. Jänner 2005 in ein öffentlich-rechtliches Dienstverhältnis ernannt worden sind, sind das ASVG und das APG anzuwenden. Einige Regelungen des ASVG und des APG wie etwa die diversen Ruhens- und Wegfallsbestimmungen stellen aber auf bestimmte (vorzeitige) Pensionierungsarten nach dem ASVG bzw. dem APG ab. Die Regelung stellt klar, welche (vorzeitige) Pensionierungsart nach den dienstrechtlichen Bestimmungen den entsprechenden Pensionsantrittsregelungen nach dem ASVG bzw. dem APG entspricht. Dem § 105 wird folgender Abs. 3 angefügt: „(3) Für die Anwendung des ASVG und des APG sind gleichzuhalten: 1. eine Versetzung in den Ruhestand nach § 14 BDG 1979 oder vergleichbaren dienstrechtlichen Be­stimmungen einer Berufsunfähigkeitspension nach den §§ 271, 273 und 274 ASVG, 2. eine Versetzung in den Ruhestand bei Vorliegen von Schwerarbeitszeiten nach § 15b BDG 1979 einer Schwerarbeitspension nach § 4 Abs. 3 APG bzw. § 607 Abs. 14 ASVG und 3.  eine vorzeitige Versetzung in den Ruhestand durch Erklärung nach § 15c BDG 1979 oder vergleichbaren dienstrechtlichen Bestimmungen einer Korridorpension nach § 4 Abs. 2 APG.“ aps • Ausgabe 6_2011


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Gesamtschule Ein Blick nach Finnland Die „Schule der 10- bis 14-Jährigen“, „Gesamtschule“, die „Gemeinsame Schule“ oder sogar die „Schule der 10- bis 15-Jährigen“: So viele Namen kennzeichnet die jahrzehntelange Frage nach der Änderung der Sekundarstufe 1. Wie immer diese Form auch in Zukunft heißen mag, es ist an der Zeit, sich ernsthaft über eine sinnvolle Reform Gedanken zu machen. Von Mag. Romana Deckenbacher, Bundesfrauenreferentin, GÖD/APS-Mitglied des ZA Wien

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So reduzieren sich politische Aussagen unserer BM beispielsweise auf: „Am Ende werden die Eltern über die Neue Mittelschule als Gesamtschule entscheiden …“1 Und von völlig unerwarteter Seite verlautet BM Stöger zusätzlich: „Eine Gesamtschule – und nicht nur eine Neue Mittelschule an allen bisherigen Hauptschulen – würde die intensivste Betreuung der Schüler garantieren. „Weniger zu selektieren“, sei gesünder.2

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Immer wieder wird Finnland als das schulische Vorbild dem österreichischen Schulsystem gegenübergestellt. Ein gerne strapaziertes Argument der BefürworterInnen einer Gesamtschullösung in Österreich ist u. a. die Tatsache, dass Finnland 2006 als „Sieger“ und 2009 an dritter Stelle (nach Shanghai und Korea) beim Programme for International Student Assessment (PISA)3 hervorgegangen ist. Nur am Rande sei dabei beispielsweise die Frage nach der allgemein bekannten (Selbst-)Disziplin asiatischer Kulturen, ihrem Einfluss auf persönliche Leistung des Individuums, aber auch die negativen Seiten dieses teils menschenverachtenden Drills erwähnt. Entspricht daher ein statistischer Vergleich ohne Berücksichtigung des soziokulturellen Umfeldes tatsächlich einer seriösen Auseinandersetzung mit der Frage der Gesamtschule? Ich möchte mich daher mit dem europäischen Spitzenreiter der PISA-Studie näher beschäftigen und einen Beitrag zur konstruktiven Entspannung zum Thema leisten.

Unterschiede In Finnland gibt es das System, das hierzulande als „Gesamtschule“ bezeichnet wird – und daraus wird hierorts gefolgert, dass wir ebenfalls unser differenziertes Schulsystem abschaffen und eine „Gesamtschule“ einführen sollten. Selbstverständlich gibt es im finnischen System einiges, das übernehmenswert scheint und auch bei uns gute Ergebnisse bringen würde. Alles jedoch auf den Umstand zu reduzieren, dass dort alle SchülerInnen gemeinsam sechs Jahre lang die Grundschule besuchen und dass die drei Jahre dauernde Mittelschule überall die gleiche Bezeichnung hat (ohne in Wirklichkeit gleich zu sein), ist dabei aber ziemlich irrelevant. Denn immerhin werden Finnlands SchülerInnen erst mit sie20

ben Jahren eingeschult.4 Finnland ist eben anders als Österreich. Der Anteil an Kindern mit ausländischer Muttersprache ist mit ca. drei Prozent sehr gering. Für diese Kinder besteht Kindergartenpflicht. Zum Unterricht in einer regulären Schulklasse werden sie erst dann zugelassen, wenn sie eine der beiden Landessprachen (Finnisch oder Schwedisch) so gelernt und verinnerlicht haben, dass sie problemlos in den Regelunterricht integriert werden können. Damit wurden wesentliche Voraussetzungen dafür geschaffen, dass der Lernfortschritt der anderen SchülerInnen nicht behindert wird. In der Zwischenzeit haben die Finnen aber auch erkannt, dass es nicht nur um die Förderung schwacher SchülerInnen geht, sondern auch um jene, die besonders talentiert sind. So sagt beispielsweise der finnische Unterrichtsminister Henna Virkkunen: „The Finnish system supports very much those pupils who have learning difficulties but we have to pay more attention also to those pupils who are very talented.‘‘5 Die Gesellschaft Finnlands ist sehr traditionsbewusst und weltanschaulich homogen.6 Aus all diesen Gründen gibt es verhältnismäßig wenige Probleme mit der Grundeinstellung zu Disziplin und Leistung. Was das finnische Schulsystem jedoch besonders hervorhebt, ist sein Fördersystem. Die Forderung nach einer „inneren Differenzierung“ im Unterricht, die den Grundpfeiler der deutsch-österreichischen Gesamtschulidee darstellt, stößt bei finnischen LehrerInnen auf Vorbehalte.

Mehr Fachleute In Finnland gibt es nicht nur kleinere Klassen als bei uns, sondern neben den LehrerInnen in jeder Schule auch eine Schulschwester (eine Krankenschwester mit Zusatzausbildung für vorbeugende Gesundheitsarbeit), eine Kuratorin

mit sozialpädagogischer Ausbildung, eine Psychologin, SpeziallehrerInnen mit sonderpädagogischer Zusatzausbildung, die sich um die schwachen SchülerInnen kümmern, sowie diverse BetreuerInnen und ErzieherInnen.7 Diese Fachleute ermöglichen es den LehrerInnen, sich ganz auf das Unterrichten zu konzentrieren, weil sie sich der schwächeren und verhaltens­ auffälligen SchülerInnen annehmen und sich um deren individuelle Probleme kümmern.

Kaum Wiederholungen Das Wiederholen einer Klasse gibt es in Finnland daher nur ganz selten. Zwischen 17 und 20 Prozent der finnischen Schulkinder werden jedes Jahr im Rahmen von Einzelunterricht (oder Spezialunterricht in ganz kleinen Gruppen) in einem oder mehreren Schulfächern gefördert, manche davon das ganze Jahr. Das entspricht in etwa jenem Anteil, der bei uns die PISAErgebnisse nach unten nivelliert. Mit dem Ruf nach der Gesamtschule hat das aber alles nichts zu tun. Ein derartiges Förderprogramm an den Pflichtschulen wäre auch bei uns prinzipiell möglich; es ist primär eine Frage des einsetzbaren Budgets, von Fachleuten und Spezialis­ten und der Verfügbarkeit von LehrerInnen!8 Doch abseits der Förderungsproblematik muss festgehalten werden, dass es weitere diskussionswürdige Aspekte gibt. So ist beispielsweise das finnische Schulsystem in Wirklichkeit genauso selektiv wie das deutsche oder österreichische. In Finnland gibt sich jede Schule selbst ihr Profil. Manche sind akademisch anspruchsvoller und entsprechen damit mehr oder weniger unserem Gymnasium, andere wiederum sind weniger anspruchsvoll (und entsprechen damit im Wesentlichen unserer Hauptschule). Für weiterführende Schulen gelten leistungsabaps • Ausgabe 6_2011


Ein weiterer Aspekt sind Bildungsstand und Einkommen der Eltern. An finnischen Universitäten ist der Prozentsatz der StudentInnen, die aus vermögenden und Akademikerfamilien stammen, trotz des Föderungsengagements in der Gesamtschule weit höher (und damit der Prozentsatz von StudentInnen aus armen und bildungsfernen Familien weit niedriger) als in allen anderen EU-Ländern.9 Zu guter Letzt muss betont werden, dass das finnische Fördersystem für schwache SchülerInnen sehr gut ist, für die überdurchschnittlich Begabten es aber – mit ganz wenigen Ausnahmen (in den großen Städten) – derzeit kaum besondere Förderung gibt. Dieses Defizit, das vor allem für begabte Kinder aus „bildungsfernen“ Haushalten sehr frus­trierend sein muss, schränkt Letztere ein und hemmt sie in ihrer eigenen Entwicklung. Zuletzt muss noch einmal darauf hingewiesen werden, dass die Schule in Finnland von dem, was bei uns als „Gesamtschule“ bezeichnet wird, weit entfernt ist. Was am finnischen Schulsystem gut ist, ist die Tatsache, dass es aus vielen kleinen Schulen besteht, dass die Schulen sehr viel Autonomie genießen, dass der Staat für jeden einzelnen Schüler viel mehr Geld ausgibt als uns, dass das Recht auf freie Schulwahl besteht und dass die Finnen, wie schon erwähnt, ein sehr gutes Fördersystem haben. Außerdem werden Lehramtskandidaten nach sehr strengen Kriterien ausgewählt

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hängige Zugangsbeschränkungen. Die Schullandschaft entspricht damit, vor allem in den größeren Städten, ziemlich genau der Situation in Österreich. Die Schulen sind zwar nicht gleich, haben aber dieselbe Bezeichnung.

„Die PISA-Studie sagt über die Qualität eines Bildungssys­tems nichts aus. Sie misst nur grundlegende Fertigkeiten, die in Finnland – dank des guten Fördersystems – bei fast allen Kindern vorhanden sind.“

und die Lehrer genießen in der Gesellschaft hohes Ansehen. Was können wir daher aus PISA wirklich lernen? Die PISA-Studie sagt über die Qualität eines Bildungssystems nichts aus. Sie misst nur grundlegende Fertigkeiten, die in Finnland – dank des guten Fördersystems – bei fast allen Kindern vorhanden sind. Die PISA-Studie wird daher von jenen, denen das differenzierte Schulsystem aus ideologischen oder dogmatischen Gründen nicht opportun ist als Vorwand genommen, bei uns die leistungsorientierte Differenzierung fallen zu lassen. Wir brauchen unzweifelhaft Reformen, aber wir sollten diese ohne Berücksichtigung soziokultureller Eigenheiten nicht unreflektiert

übernehmen. Ein großer Schritt auf diesem Weg wäre es, wenn die Verantwortlichen sich von ideologisch geprägten Prinzipien freimachen könnten. 1 BM C. Schmied in: „Österreich“, Print-Ausgabe, 2. 6. 2011 2 BM A. Stöger in: „Die Presse“, Print-Ausgabe, 4. 2. 2011 3 PISA 2009 Results. Online unter: www.oecd.org/edu/pisa/2009. 4 Vgl. auch: Bildungssystem in Finnland. Online unter: http://de.wikipedia.org/wiki/BildungssysteminFinnland 5 Tom Burridge: Why do Finland’s schools get the best results? In BBC World News. Online unter: http://news.bbc.co.uk/2/hi/programmes/ world_news_america/8601207.stm 6 Vgl. hiezu auch: Finnland Online. Online unter: http:// www.finn-land.net/finnland-e/einwanderung.htm 7 Vgl. hiezu auch: Schulsystem im Finnland-Lexikon. Online unter: http://www.finnland-lexikon.de 8 Vgl. hiezu auch: Wissenschaftliche Artikel zu aktuellen pädagogischen Fragen. Online unter: http://www.pisa-kritik.de/schule-in-finnland 9 Vgl. hiezu auch: Educational Qualifications and Wage Inequality: Evidence for Europe. Online unter: http://mpra.ub.uni-muenchen.de/91/

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gastkommentar

Fortschreitender Realitätsverlust in der Bildungsdebatte? Nicht überall, wo Bildung verweigert wird, liegt die Schuld am System oder am Anbieter. Von Konrad Paul Liessmann. Der Artikel erschien am 12. November 2011 im „Standard“.

Trotzig versuchte der Proponent zu retten, was nicht mehr zu retten ist: Das soll uns erst einmal einer nachmachen! In der Tat: Für ein Anliegen, das von den Sozialpartnern mit der Industriellenvereinigung an der Spitze, von der zuständigen Ministerin, von zahlreichen Organisationen und Institutionen, von noch zahlreicheren Prominenten und von fast allen Medien des Landes lauttönend unterstützt wurde, gerade einmal 6 % der Wahlberechtigen zu mobilisieren – das muss einem erst einmal gelingen. Und sich dann noch darüber zu freuen, dass im ersten Wiener Gemeindebezirk gar 28 % unterschrieben haben, zeugt noch einmal von jenem dramatischen Realitätsverlust, der die Bildungsdebatte insgesamt kennzeichnet.

Vom Träumen und Schwärmen Die in der Innenstadt konzentrierten Eliten, die ihre Kinder auf humanistischen Gymnasien, in teuren Privatschulen und an ausländischen Universitäten gut aufgehoben wissen, begehren für das Volk Gesamt- und Ganztagsschulen, das Ende des Sitzenbleibens und eine Lehrerausbildung, die zur endgültigen Dequalifizierung dieses Berufsstandes führen würde. Darüber hinaus berauschen sie sich an der Rhetorik der Gerechtigkeit und der Fairness, schwärmen von Integration und Inklusion und träumen von einer Schule, die alle Defizite dieser Gesellschaft aus22

gleichen und alle Übel dieser Welt beseitigen wird. Und natürlich sollen dabei junge Menschen genau das lernen, was die Wirtschaft brauchen wird, aber alle werden ihre Talente entfalten können, und fast alle werden einen akademischen Abschluss bekommen. Wenn die Eliten so genau wissen, was das Volk begehren soll, wird das Volk zurückhaltend. Die sozial deklassierten Schichten aus den Randund Arbeiterbezirken, die nach gängiger Lehre ja nach Bildung gieren sollten, haben ebenso wenig unterschrieben wie Menschen aus jenen Regionen, die mit ihren Schulen offenbar zufrieden sind.

Reale Mängel ignoriert Alle wirklichen Konfliktzonen im Bildungsbereich hat das Volksbegehren, zu dessen Unterstützung deshalb wahrlich kein Mut gehörte, systematisch ausgeblendet. Die Tatsache, dass bis zu 20 % der Kinder nicht irgendwo, sondern in den gerühmten Gesamtvolksschulen nicht ordentlich lesen lernen, wurde ebenso ignoriert wie die Realität des Unterrichts in Klassen mit einem hohen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund, die aus Bildungseinrichtungen mitunter schlicht Aufbewahrungsanstalten mit falsch qualifiziertem Personal macht. Die Überforderung von Schulen mit Aufgaben und Zumutungen aller Art wurde ebenso ausgeblendet wie die realen Mängel einer Lehrerbildung, die nicht in

einem Defizit an pädagogischer Kompetenz, sondern in einer zunehmenden Ferne zum Fachwissen und dem damit verbundenen Verlust an Souveränität und Begeisterungsfähigkeit bestehen. Und natürlich gab es keinen Diskurs darüber, was man denn eigentlich unter Bildung verstehen wollte. Im Gegensatz zu den nebulösen Formulierungen des Volksbegehren kann und muss nämlich sehr wohl zwischen dem Erwerb basaler Kulturtechniken, der Aneignung und Auseinandersetzung mit den zentralen Wissensbeständen unserer Kultur, der Schulung von Artikulations-, Kommunikations- und Denkfähigkeiten, der berufsorientierten Qualifizierung und dem Eindringen in die Verfahren und Methoden der neuzeitlichen Wissenschaften unterschieden werden. Das Gerede von einer generellen „Kompetenz­ orientierung“ hilft hier nicht weiter. Das Spannungsfeld zwischen ökonomisch und gesellschaftlich notwendigen beruflichen Ausbildungen und dem Anspruch einer Bildung, die sich nicht als Mittel für die Wirtschaft oder die Politik, sondern als Ziel und Selbstzweck versteht, wurde deshalb auch geflissentlich übersehen.

Recht auf Bildung Die entscheidende Frage in diesem Zusammenhang durfte und darf auch weiterhin nicht gestellt werden: dass Bildung nicht nur ein Recht ist, sondern aps • Ausgabe 6_2011


begehrens auch hier eindeutig ist: Bildung ist ein Mittelstandsphänomen. Für die Eliten ist sie bedeutungslos, weil entweder selbstverständlich oder überflüssig. Und die sogenannten bildungsfernen Schichten haben andere Werte und Ideale, an denen sie ihre Lebensläufe orien-

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dass die – übrigens keineswegs zwingende – Inanspruchnahme dieses Rechts auch Pflichten implizieren könnte: Nicht überall, wo Bildung verweigert wird, liegt die Schuld am System oder am Anbieter. Und über eines darf gar nicht gesprochen werden, obwohl das Ergebnis des Volks-

tieren möchten. Ihren Medien können sie alle möglichen Vorbilder entnehmen, vom alkoholisierten Rockstar bis zum millionenschweren Kicker, der Gebildete zählt nicht dazu. Nur die durch die Globalisierung bedrohte Mittelschicht glaubt noch an ihre Chancen durch Bildung und an einen sozialen Aufstieg durch das Sammeln von ECTS-Punkten, Modulen und Zertifikaten. Zum Schluss, wie könnte es anders sein, eine kleine Literaturempfehlung. In der soeben erschienenen neuesten Nummer der Zeitschrift Merkur findet sich eine bemerkenswerte Kolumne von Jürgen Kaube zum Thema „Bildung, Schule“. In ernüchternder Weise stellt der FAZ-Bildungsredakteur fest, dass die vermeintlich selbstverständlichen Vorannahmen aller Reformbemühungen – dass wir zu wenig Bildung haben, dass die Chancen, zu Bildung zu gelangen, ungleich verteilt sind und dass die Schule das ändern kann – schlicht falsch sind. Diese Irrtümer verdanken sich nicht nur einer Ideologie, sondern auch einer empirischen Bildungsforschung, die permanent ihre unter eher fragwürdigen Bedingungen gewonnenen Daten mit der Wirklichkeit verwechselt. Und dieser Autor kommt zu dem Schluss, dass viel gewonnen wäre, wenn man die Schule das tun ließe, was sie wirklich kann, nämlich „unterrichten“, anstatt sie „ständig in Hinblick auf etwas zu reformieren und zu kritisieren, was ohnehin nicht in ihrer Macht steht“. Dazu bräuchte man kein Volksbegehren, dazu bräuchte man auch nicht viel Geld. Dazu genügte es, Rahmenbedingungen zu schaffen, die es fachlich und didaktisch gut ausgebildeten und entsprechend bezahlten Lehrern ermöglichen, ihre Arbeit zu verrichten, ohne dabei ständig von jemandem in oder außerhalb der Klasse gestört zu werden.

Konrad Paul Liessmann, Jg. 1951, Philosoph und Essayist, lehrt an der Universität Wien und veröffentlichte u. a. die „Theorie der Unbildung“ (Zsolnay 2008). 23


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