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pflichtlektüre Studierendenmagazin für Dortmund

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GESTORBEN WIRD IMMER Bestatter, Hirnchirurgie, Hospiz: Arbeiten mit dem Tod

ABGESTIEGEN

AUFGESTIEGEN

Unterwegs auf Dortmunds Radwegen

Vom Hauptschüler zum Akademiker


AUS DER REDAKTION Langwierige Suche

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rbeiten mit dem Tod: Dieses Thema wollte ich bearbeiten und habe dafür jemanden gesucht, der eine Ausbildung zur Bestattungsfachkraft macht. Ich schrieb an die 30 E-Mails, telefonierte täglich – und war kurz davor, aufzugeben. Doch dann traf ich mich mit einem Auszubildenden in Dortmund. Der Hoffnungsschimmer entwickelte sich während des Interviews jedoch schnell zu einer tiefen Enttäuschung. Fotos durfte ich nicht machen, Namen sollte ich nicht nennen. Ein „Werbung brauchen wir nicht“ knallte mir der Chef haltlos um die Ohren. Jetzt hat sich das Thema erledigt, dachte ich. Der Ehrgeiz packte mich ein letztes Mal – und meine Ausdauer wurde belohnt, wie ihr ab Seite 26 lesen könnt. Michelle Goddemeier

Airlebnis der besonderen Art

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allschirmspringen, das war schon immer ein Traum von mir. Doch erstens ist das für einen Studenten verdammt teuer, und zweitens sollte der Sprung aus dem Flugzeug dann schon über einer eindrucksvollen Landschaft erfolgen. Ja, man ahnt es schon: Das kann noch lange ein Traum bleiben. Einen ersten Schritt Richtung „Mission Fallschirmspringen“ habe ich nun aber getan. Ich bin nach Bottrop getuckert und habe dort „Indoor-Skydiving“ ausprobiert – Fallschirmspringen in preiswert und mit Ausblick auf eine 2000-PS-Maschine. Doch bin ich eher Körperklaus als Feinmotoriker. Die richtige Flugposition einzunehmen, war schon eine große Herausforderung. Aber – olé olé – ich bin geflogen und es war geil! Noch mehr dazu erfahrt ihr in unserer einmaligen Kategorie „Abgeflogen“ auf Seite 38. Gefilmt wurde ich bei meinem Flugversuch auch: pflichtlektuere.com/wie-gedruckt. Lukas Hemelt

Zählen für Anfänger

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ei meinem Schüleraufenthalt in den USA war ich im Jogging-Team. Meine männlichen Teammitglieder waren bei jedem Mini-Marathon sehr erfolgreich – nach jedem Rennen musste natürlich ein Gruppenfoto gemacht werden. Um zu zeigen, dass sie den ersten Platz ergattert hatten, streckten sie den Zeigefinger nach oben aus. Eine Eins. Logisch für die Amis. Aber nicht verständlich für mich als Austauschschülerin: „Warum zeigen die denn alle in die Luft?“ Solche Missverständnisse habe doch bestimmt nicht nur ich erlebt. Da ist doch noch mehr drin an der Uni! Also habe ich mich auf die Suche gemacht. Was Dortmunder Studis mir alles erzählt haben, lest ihr auf Seite 10. Mona Fromm


14 TOD IN SICHT

Hirnchirurg, Hospizmitarbeiterin und Bestatterin erzählen von ihrer Arbeit

INHALT ‘

MOMENTE

EINS VORAB T

eils war sie sachlich, teils polemisch: Die Diskussion um die Frage, ob und wie in der pflichtlektüre gegendert werden soll. Die Debatte in der Redaktion reichte vom Anliegen, alle Geschlechter in der Sprache zu berücksichtigen bis zu AlphamännchenVorwürfen gegen die Gender-Gegner.

... aus dem Urlaub VON JANIS BEENEN UND TIMO HALBE

Wir sind gespannt, wie Euch unsere ersten Gehversuche beim Gendern gefallen und freuen uns auf Rückmeldungen. Wir suchen auf jeden Fall weiter nach dem optimalen GenderWeg. Hitzige Debatten sind gewiss. Und jetzt viel Spaß mit spannenden Geschichten. Wir schreiben über die Fahrradwege in Dortmund, den Schritt in die Selbstständigkeit und Berufe, in denen der Tod Teil des Alltags ist.

Letztlich konnten wir einen Kompromiss finden. Und als Zeichen der Verständigung präsentieren wir, Klischee-Macho Janis und Gleichberechtigungs-Fan Timo, das Vorhaben Viel Spaß! gemeinsam. Wir probieren es mit dem Gendern! Wie das aussehen soll? Wir nennen in jedem Artikel bei der ersten Erwähnung einer heterogenen Personengruppe einmal die männliche und einmal die weibliche Form. So agieren beide Geschlechter, ganz so wie es in der Realität ist. Wichtig ist es uns, die Lesbarkeit der Texte zu erhalten. Deswegen haben wir auf Formen mit GenderSternchen, zum Beispiel Student*innen, verzichtet. Auch genderneutrale Formen wie „die Spielenden“ statt Spielerinnen und Spieler haben wir verworfen. An der Formulierung „Studierende“ halten wir hingegen fest, da sich diese im Alltag etabliert hat.

MACH ‘S KURZ Die Rapper „Kunstrasen“ über Camembert-Brote

HINGEGANGEN Tipps für den Herbst: Entenhausen in Oberhausen

GRATIS-MONETEN Grundeinkommen – und zwar bedingungslos

VOLL KRASS BLOND Missverständnisse zwischen Kulturen

BONUSMEILEN Studentin Charlotte jobbt als Stewardess

ALEX, DER BUSCHPILOT Drohnen: Auf dem Boden der Tatsachen

GRÜNDERZEIT Start-ups: Hofladen und Bewerbungs-Tinder

DRITTER BILDUNGSWEG Mit Hauptschulabschluss an die Uni

CAMPUSRADELEI Dortmund ist fahrradfreundlicher als sein Ruf

SAG MAL PROF...!? Wie funktionieren 3D-Brillen?

ABGEFLOGEN Lukas hebt ab und probiert sich im Skydiven

IMPRESSUM Wer was wann wie gemacht hat und Rätsel

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Can , ova our K a Olg

Mona Fromm, Rügen

MAL WIEDER RICHTIG SOMMER

Die Semesterferien sind vorbei. Zeit, die schönsten Urlaubserinnerungen rauszukramen. Wir öffnen unsere Fotoalben und zeigen, wo wir den Sommer verbracht haben.

Timo Halbe, Lara Wantia und Janis Beenen, Berlin

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Julia Knübel (im Zelt), Elsass

Julian Hilgers, Rio de Janeiro 04

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Michelle Goddemeier, Kreta

FOTO: BINH TRUONG

Nicolas FeiĂ&#x;t, Copacabana Claudia Brade, Los Angeles

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Dominik Reintjes (links), Wilhelmshaven

Daniela Arndt, Carolin West, Stella Venohr, Anneke Niehues, Texel


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MA K U RCH‘S Z!

MACH S KURZ! Lutz Harbaum und Moritz Harms rappen mit ihrer Band „Kunstrasen“ den Wochenrapblick in den RTL II News. Mit der pflichtlektüre haben die Musiker über Camembert-Brote und Taxifahrten zur Uni gesprochen – kurz und knapp. TEXTHANNAH STEINHARTER FOTOSKUNSTRASEN

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Als Student war ich frei, desorientiert, begeisterungsfähig und (vor allem im Nachhinein betrachtet) ziemlich zufrieden. (Lutz)

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Zu diesem Seminar bin ich immer zu spät gekommen: Zu denen um acht Uhr morgens. (Moritz)

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Wenn ich ein Seminar erfinde müsste, hieße es: „Spiel, Satz, Sieg: Wie man mit kreativer Sprache Zuschauer gewinnen kann.“ (Lutz)

peinlichstes Erlebnis an der Uni... 4 Mein als Kommilitonen gesehen haben, dass ich mit dem Taxi zu einem Klausurtermin gekommen bin. (Moritz)

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Wenn ich noch einmal einen Tag Student wäre, würde ich vormittags schlafen, mittags zur Mensa, nachmittags schlafen, abends lesen und nachts trinken. (Lutz)

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Wir heißen Kunstrasen, weil wir damals fanden, dass das Rap und Fußball am besten in einem Wort ausdrückt.

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Rappen ist wie Gedichte in der Schule aufsagen – nur in cool.

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Ich träume von klugem Rap, von klugen Menschen, die die Dichtkunst wieder dorthin bringen, wo sie hingehört: Ins Zentrum gesellschaftlicher Debatten. (Moritz)

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Wenn ich nicht gerade rappe, dann mache ich Fernsehbeiträge, esse CamembertBrote oder lese meiner kleinen Tochter etwas vor. (Lutz)

ist: Halbzeit auf dem Weg 10 Dortmund von unserem Wohnort Köln zu unserer Heimat Osnabrück. 06

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Kurz nach der vorlesungsfreien Zeit hat euch der Uni-Stress schon wieder fest im Griff und ihr braucht dringend eine Auszeit? Kein Problem! Egal ob Musicalfan oder Elektro-Liebhaber, wir haben den perfekten Ausgleich für euch. Also: hingegangen! TEXTMARTIN NEFZGER FOTOSMICHÈL PASSIN&MATTHIAS JUNG

DER SPASSPÄDAGOGE

ENTENHAUSEN MEETS OBERHAUSEN

Für dieses Programm von Was? Comedian Matthias Matthias Jung haben wir Jung kommt in den Bahnhof zweimal zwei Plätze auf der Langendreer und erzählt von Gästeliste. Schreibt uns einfach der „Generation Teenitus“. eine Nachricht an unsere Der selbsternannte „SpaßFacebook-Seite pflichtlektüre! pädagoge“ klärt auf über die Welt der Jugendlichen und plaudert aus seiner eigenen Kindheit auf dem Land. Für alle, die sich selbst und das eigene Umfeld nicht ganz ernst nehmen. Wo? Bahnhof Langendreer, Wallbaumweg 108, Bochum Wann? Sonntag, 30. Oktober, 19 Uhr Wie viel? Vorverkauf 15 Euro, Abendkasse 18 Euro Web? bahnhof-langendreer.de

Für diese Ausstellung verschenken Was? Sie dürften für viele wir zweimal zwei Karten.Wollt die Helden der Kindheit ihr dabei sein? Dann schreibt uns sein: Donald Duck, Micky eine Nachricht an die FacebookMaus und ihre Freunde. Die Seite pflichtlektüre! Ludwiggalerie in Oberhausen stellt in der Ausstellung „Donald, Micky and Friends“ die Entstehungsgeschichte der berühmtesten Disney-Figuren aus Entenhausen vor – von ihren Schöpfern bis zu den Zeichnern von heute. Wo? Ludwiggalerie im Schloss Oberhausen, Konrad-Adenauer-Allee 46 Wann? Bis Januar Dienstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr Wie viel? 8 Euro, ermäßigt 4 Euro Web? ludwiggalerie.de

DIVENALARM IN DORTMUND

POP UND ELEKTRO-SOUND IM FZW

Was? Hollywoodflair in der Oper Dortmund: Im Musical „Sunset Boulevard“ geht es um die alternde Stummfilm-Diva Norma Desmond. Ihre große Zeit ist längst vorbei, doch das will sie nicht akzeptieren. Deshalb arbeitet sie eifrig an ihrem Comeback. Bereits 1950 wurde die Geschichte verfilmt, 1993 verwandelte Andrew Lloyd Webber sie in ein Musical. Mehr als 20 Jahre später wird das Stück an der Dortmunder Oper gespielt. Wo? Opernhaus Dortmund, Platz der alten Synagoge Wann? Diverse Vorstellungen noch bis Januar Wie viel? Mit der Theaterflatrate für Studenten der FH und TU Dortmund kostenlos, sonst Karten ab 15 Euro Web? theaterdo.de

Was? Spätestens seit der Neuseeländer Graham Candy im Sommer 2014 dem Hit „She Moves“ des DJs „Alle Farben“ seine Stimme lieh, ist er deutschen Musikfans ein Begriff. Nun geht er allein auf Tournee und macht unter anderem Halt im Dortmunder FZW. Bei seiner „BACK INTO IT“-Tour vermischt er fröhlichen Pop mit Elektro-Sounds und Akustik-Elementen. Wo? FZW Dortmund, Ritterstraße 20 Wann? Dienstag, 25. Oktober, 20 Uhr Wie viel? 17,20 Euro Web? fzw.de

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GELD OHNE GEGENLEISTUNG Jeden Monat 1000 Euro und das ein Jahr lang: Seit zwei Jahren verlost der Berliner Verein „Mein Grundeinkommen“ eine monatliche Finanzspritze. Für die vielen Gewinnerinnen und Gewinner bringt das meist eine große Veränderung im Leben. TEXTTIMO HALBE ILLUSTRATIONENANJA HARDT TEXT

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s klingt nach einer Utopie: Seit längerer Zeit wird die Idee einer monatlichen Zahlung des Staates an alle immer wieder diskutiert. Erst im Sommer hat die Schweiz bei einem Volksentscheid gegen die Einführung gestimmt. Auch in Deutschland ist das Thema in der öffentlichen Wahrnehmung. „Ich glaube, dass das Grundeinkommen kommen wird. Wahrscheinlich sogar schneller als wir glauben“, sagt Katrin Klink.

Mit 53 noch mal ein Studium beginnen Die 53-jährige Kölnerin ist eine von rund 50 Gewinnern der Lotterie von „Mein Grundeinkommen“. Seit zwei Jahren verlost der Berliner Verein regelmäßig die monatlichen Zahlungen. Teilnehmen können alle, die sich auf der Webseite des Projekts anmelden. Ohne irgendwelche Bedingungen zu erfüllen, ohne irgendetwas zahlen zu müssen. „Ich habe durch eine Freundin von dem Projekt erfahren. Da ich mich schon vorher mit dem Thema beschäftigt hatte, habe ich mich dann einfach angemeldet“, erzählt Katrin. „Als die Nachricht kam, dass ich gewonnen habe, war ich total überrascht.“ Seit Januar erhält die freiberufliche

Grafikerin nun ein Jahr lang monatlich 1000 Euro. Genau wie einen Lottogewinn muss sie das Geld nicht versteuern. Was sie damit anstellt, ist ihr völlig selbst überlassen. „Als Freiberuflerin habe ich mich quasi immer von Auftrag zu Auftrag gehangelt. Mit dem Grundeinkommen lässt sich natürlich ganz anders planen“, sagt sie. Doch ein langer Urlaub oder das Arbeitspensum herunterzuschrauben, kam für Katrin nicht in Frage. Sie entschloss sich, beruflich nochmal eine ganz andere Richtung einzuschlagen: Sie fing ein Fernstudium zur betrieblichen Gesundheitsmanagerin mit IHK-Zertifikat an und schloss es in nur wenigen Monaten ab. Schon vorher hatte sie nebenbei in dem Bereich gearbeitet und sich damit beschäftigt, welche Auswirkungen Stress auf den menschlichen Körper hat. „Jetzt habe ich eine Dozentenstelle an einer Kölner Hochschule. Ohne das Grundeinkommen hätte ich nie die Zeit für all das gehabt“, sagt Katrin. Die Idee, Grundeinkommen zu verlosen, stammt von Michael Bohmeyer. Der 31-jährige Berliner stieg 2013 aus seiner Internetfirma aus und ließ sich von seinem Anteil am Geschäftsvermögen ein Jahr lang monatlich 1000 Euro auszahlen. Nach den zwölf Monaten war er sich

sicher: Auch andere Menschen sollten in den Genuss eines Grundeinkommens kommen und selbst kreative Ideen entwickeln. Vereinssprecherin Maheba Goedeke Tort erzählt, wie dann das erste Grundeinkommen zustande kam: „Wir beschlossen per Crowdfunding, Grundeinkommen zu finanzieren. Am Anfang waren viele Leute skeptisch: Wer sollte schon einfach so Geld für eine andere Person spenden? Ohne zu wissen, was sie damit anfängt? Doch dann hatten wir ziemlich schnell die ersten 12 000 Euro zusammen.“

Verlosungen live im Internet Die Lotterie, an der mittlerweile rund 350 000 Menschen teilnehmen, wird sogar per Livestream im Internet übertragen. Bei einer Marathonverlosung im März gab es eine Woche lang jeden Tag ein Grundeinkommen zu gewinnen. „Montags und dienstags habe ich die Verlosung noch geschaut. Doch nachdem ich nicht gezogen wurde, habe ich sie die restliche Woche gar nicht mehr verfolgt. Freitag kam dann plötzlich die Mail, dass mein Name gezogen wurde“, erinnert sich Tilman Commes, der seit April das Grundeinkommen erhält. Zurzeit


ist der 24-jährige Kölner Trainee beim Westdeutschen Rundfunk im Bereich Online-Design und will daher das Geld erst einmal sparen. „Momentan bin ich da ja voll eingespannt und bekomme ein festes Gehalt. Da ich später wahrscheinlich freiberuflich arbeiten werde, ist ein gewisses finanzielles Polster nicht schlecht. Außerdem würde ich mit dem Geld gerne einen eigenen Animationsfilm produzieren. Das wäre für mich natürlich auch beruflich eine tolle Erfahrung.“

Neue Sozialsysteme dringend notwendig Über die Webseite des Projekts können Interessierte ganz einfach für das nächste Grundeinkommen spenden und dabei auch den Grund für ihre Unterstützung angeben. Ein Großteil der Spenderinnen und Spender will einfach die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens fördern und verbreiten. Andere finden es toll, das Leben eines anderen zu verändern. Den Großteil der Finanzierung machen aber die sogenannten „CrowdHörnchen“ aus. „Das sind Förderer, die jeden Monat einen bestimmten Betrag an das Projekt überweisen. Durch sie hangeln wir uns von Grundeinkommen zu Grundeinkommen, wie Eichhörnchen von Baum zu Baum. Daher der Name“, sagt Vereinssprecherin Maheba. Alle Spender können vorher festlegen, wie viel ihres Geldes in den Topf fürs nächste Grundeinkommen geht und wie viel der Verein erhält. Schließlich müssen auch die Homepage und die Organisation finanziert werden. Immer wenn 12 000 Euro zusammengekommen sind, wird ein neues Grundeinkommen verlost.

arbeiten möchte. „Wenn jemand den ganzen Tag zu Hause rumsitzen und an der Konsole zocken will, soll er das tun. Aber ich glaube nicht, dass die Mehrheit der Leute darin ihre Erfüllung findet“, meint Tilman. Katrin sieht das ähnlich. Sie hält den Vorwurf für ein Scheinargument und betrachtet eine Veränderung der Gesellschaft als unausweichlich: „Schon heute funktioniert unser Rentensystem nicht. Durch die fortschreitende Digitalisierung werden in Zukunft immer mehr Arbeitsplätze wegfallen. Daher werden wir bald gezwungen sein, uns mit neuen Sozialsystemen, wie dem bedingungslosen Grundeinkommen, ernsthaft zu beschäftigen.“

Sowohl Katrin als auch Tilman sind überzeugt, dass das Grundeinkommen nicht dafür sorgen wird, dass niemand mehr

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ressort

BEDINGUNGSLOSES GRUNDEINKOMMEN Die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens würde bedeuten, dass der Staat jeden Monat an alle Bürger – unabhängig von ihrer wirtschaftlichen Lage – einen bestimmten Geldbetrag auszahlt. Größter Kritikpunkt an einem solchen Sozialsystem ist die Frage, wie diese monatlichen Zahlungen finanziert werden sollen. Bei einer Einführung des Systems würden Sozialleistungen wie Hartz IV wegfallen, da jeder bedingungslos eine Zahlung erhält. Die Befürworter des Systems berufen sich daher darauf, dass Kosten in der Bürokratie gespart werden. Ob das zur Finanzierung ausreicht, ist jedoch umstritten. Zumal es verschiedene Ansichten gibt, wie hoch das monatliche Einkommen sein soll. Die meisten sprechen von etwa 800 bis 1000 Euro.


MISSVERSTANDEN Ein Küsschen zur Begrüßung: hierzulande bei Fremden ungewohnt. Leuten in die Augen fassen: auch das ist eher nicht die Norm. Die Menschen dieser Welt sind eben verschieden. Dortmunder Austauschstudierende erzählen von ihren interkulturellen Missverständnissen. TEXT&FOTOSMONA FROMM

Als ich in der Bibliothek saß, bemerkte ich zwei Japanerinnen, die hinter mir tuschelten. Die eine fragte mich, ob sie mal meine Haare anfassen dürfte, und berührte sie, als wären sie Gold wert. Sie fragte: „Darf ich eins mitnehmen?“ Bevor ich antworten konnte, riss sie schon ein Haar heraus und lief glücklich aus dem Raum. Die Japanerinnen kannten nur dunkle Haare und waren fasziniert. Auch von meinen blau-grau-grünen Augen, denn viele dort haben dunkle Augen. Manchmal sind Mädchen zu mir gekommen und haben meine Augenlider weit aufgemacht. Jana Burczyk, 21, Wissenschaftsjournalismus, aus Deutschland nach Japan

Bei uns zu Hause im Iran haben wir einen Brauch: Wenn jemand aus der Familie oder der Verwandtschaft stirbt, ist es als Mann üblich, sich nach dem Tod 40 Tage lang nicht zu rasieren. Neben dem Studium arbeite ich in Dortmund in der Gastronomie, da muss ich immer ordentlich erscheinen. Als mein Großvater gestorben ist, habe ich mich aus Respekt vor ihm nicht mehr rasiert. Es gehörte sich einfach so. Mein Chef fand das erst gar nicht lustig und hat mich ermahnt. Aber nachdem wir einige Gespräche geführt hatten, akzeptierte er das zum Glück. Alireza Vahidi, 29, Robotertechnik, aus dem Iran nach Deutschland

In Deutschland ist eine Sache anders als in den Niederlanden: An Sonntagen haben keine Geschäfte geöffnet. Ich bin das nicht gewohnt, denn in Holland haben selbst Geschäfte in sehr christlichen Städten am Sonntag auf. Normalerweise mache ich Erledigungen immer an meinem freien Tag, dem Sonntag. In Deutschland vergesse ich oft, samstags für den nächsten Tag einkaufen zu gehen, und dann ist der Hauptbahnhof mein bester Freund. Klar, es ist schön, wenn es einen Ruhetag in der Woche gibt, aber ich kann das nicht verstehen – es wäre so praktisch! Kaj van Noord, 20, Journalistik, aus den Niederlanden nach Deutschland

In den ersten Tagen an der Uni haben wir in einem Kurs Partnerarbeit gemacht. Ich habe mich meiner Partnerin vorgestellt – direkt mit einem Küsschen auf die Wange. Das ist in Mexiko so üblich und ich hatte vergessen, dass ich in Deutschland war. Sie war total empört. Ich war peinlich berührt und nervös. Aber mittlerweile bin ich viel selbstsicherer, wenn ich andere Leute begrüße. Ich kann besser einschätzen, wer unseren Brauch versteht und wen ich lieber nicht auf die mexikanische Art begrüßen sollte. Heute bin ich mit dem Mädchen aus meinem Kurs befreundet.“ Ramón Merano, 23, International Business, aus Mexiko nach Deutschland


Charlotte Baierl ist Flugbegleiterin bei Condor. Unter der Woche sitzt sie in der Universität, am Wochenende fliegt sie um die Welt. Sie erzählt, wie es ist, neben dem Studium als Stewardess zu arbeiten.

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BONUSMEILEN TEXTMICHELLE GODDEMEIER FOTODANIELA ARNDT

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harlotte läuft durch den Gang des Flugzeugs, rechts und links von ihr sitzen Fluggäste und warten auf den Start in Frankfurt am Main. Die 25-Jährige greift über sich und holt eine Sauerstoffmaske aus der Gepäckablage. Lächelnd führt sie vor, wie die Maske im Falle eines Absturzes genutzt werden muss. So schildert Charlotte Baierl eine ihrer Aufgaben. Sie ist Flugbegleiterin – während sie unter der Woche BWL-Vorlesungen an der Universität Regensburg besucht, pendelt sie mit dem Auto am Wochenende nach Frankfurt und bereist die ganze Welt. Auf die Idee, diesen Job zu machen, brachte sie schon vor dem Studium ihre Tante, die ebenfalls als Flugbegleiterin arbeitet. Von den Reisen brachte sie ihrer Nichte regelmäßig kleine Geschenke mit – das beeindruckte Charlotte. Also bewarb sie sich bei der Fluggesellschaft Condor. Die Fluglinie lud sie erst zum Telefongespräch und dann ins Assessment-Center ein. Dort musste sie zeigen, wie gut ihre Englischkenntnisse und ihr Allgemeinwissen sind, ob sie in der Lage ist, im Team zu arbeiten, und wie sie auftritt. Neben Gastronomie-Erfahrungen und guten Englischkenntnissen ist Empathie eine wichtige Voraussetzung für den Job. Als Charlotte die Zusage hatte, begann eine mehrwöchige Ausbildung in Frankfurt, bei der Erste Hilfe und das Verhalten während Turbulenzen auf dem Programm standen. Zum Beispiel lernte sie, die Gäste zu beruhigen. Nach dem Abitur begleitete die heutige BWL-Studentin Flüge zwei Jahre in Vollzeit. Als sie anfing zu studieren, reichte die Zeit dafür nicht mehr. Das Programm „study and fly“ von Condor ermöglicht es ihr, neben dem Studium weiter als

Flugbegleiterin zu arbeiten. In den Uniphasen fliegt sie meist an zwei Wochenenden im Monat von Freitag bis Sonntag. Wenn sie schon donnerstags fliegen muss, steht die Uni hintenan. In der vorlesungsfreien Zeit fliegt sie häufiger. „In der KlausurenPhase kann ich mir dafür mal einen Monat frei nehmen“, sagt Charlotte. Im Schnitt verdient sie jetzt 500 bis 600 Euro pro Monat. Als sie noch Vollzeit gearbeitet hat, hat sie um die 1500 Euro verdient, hinzu kamen Provisionen und Schichtzulagen. Den Wunsch zu studieren hatte sie bereits bevor sie den Job als Flugbegleiterin ausgeübt hat. Jetzt kombiniert sie beides. Stunden vor Abflug treffen sich die Flugbegleiter und Piloten am Flughafen, um über die Flugroute und mögliche Komplikationen zu sprechen. Anschließend müssen die Flugbegleiter die Sicherheitsausrüstung überprüfen und schauen, ob Essen und Trinken an Bord sind. Charlotte ist aber nicht nur eine Servicekraft. „Bei Langstreckenflügen kann es auch mal sein, dass wir Seelsorger, Krankenschwester oder Kinderanimateur sind“, sagt sie. Nach der Landung haben die Begleiter dann selbst einen bis drei Tage frei und können das Urlaubsziel genießen. Ob Charlotte den Job als Flugbegleiterin weiterhin machen wird, wenn sie ihr Master-Studium abgeschlossen hat, weiß sie nicht. „Mir schmerzt schon ein wenig das Herz, wenn ich daran denke, den Job nach dem Studium aufzugeben.“ Eine Zukunft bei einer Fluggesellschaft kann sie sich durchaus vorstellen – sei es im Büro oder in der Luft.


ALEX, DER BUSCHPILOT Illegale Filmaufnahmen, Durchqueren von Sperrgebieten, Unfälle: Wer sich beim Fliegen mit Drohnen nicht auskennt, kann rechtliche Probleme bekommen. Für gewerbliche und private Zwecke bieten die Flieger jedoch tolle Möglichkeiten. TEXTJULIAN HILGERS FOTOSDANIELA ARNDT&JULIA SCHINDLER

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ur ein paar Sekunden schwankt die Drohne in der Luft, dann stürzt sie zu Boden. Alexander rennt ihr hinterher, die Fernbedienung in der Hand. „Alles gut“, ruft er. „Die Dinger sind ziemlich robust.“ Wie ein hilfloser Käfer liegt „das Ding“ auf dem Parkplatz hinter dem REFA-Center an der Dortmunder Universität. Es zappelt auf dem Boden, die Rotorblätter drehen sich. Nur wenige Autos und Bäume stehen hier, an den Parkplatz grenzen ein weitläufiges Feld und ein paar Sträucher. Genug Platz, um die Drohne ohne Gefahren starten zu lassen. „Ich versuche es nochmal“, ruft Alexander, setzt sie auf den Asphalt und schiebt den Regler auf seiner Fernbedienung nach oben. Die Blätter rotieren, die Drohne schwebt zunächst summend wenige Zentimeter über dem Boden. Dann hebt sie ab. Wieder wackelt sie in der Luft. Alexander blickt etwas skeptisch in den bewölkten Himmel. Der 24-Jährige hat das Gerät seit fast einem Jahr nicht mehr gesteuert, sein Flugstil ist dementsprechend unsicher. Aber auch das Modell spielt eine Rolle: Alexander besitzt nur eine Anfänger-Drohne, mit weniger Funktionen und geringer Stabilität in der Luft.

Alexander Friedrich ist Informatik-Student an der TU Dortmund und bezeichnet sich selbst als „Luftfahrt-Enthusiasten“. Alles zum Thema Fliegen fasziniert ihn, vom Flugzeug-Simulator bis hin zu den unbemannten Luftfahrzeugen. Vor allem für Renndrohnen begeistert er sich. Sie sind besonders leicht und schnell. Mithilfe einer Brille, die das Kamerabild der Drohne live überträgt, kann der Pilot an der Fernbedienung virtuell mitfliegen und die Welt durch dieses „Auge“ sehen. Bei Drohnenrennen überwinden die Besitzer dann Hindernisse, fliegen durch Reifen oder enge Schächte. In Dubai fand in diesem Jahr der „World Drone Prix“ statt, das größte Drohnenrennen aller Zeiten. Der Sieger: Ein 15-jähriger Brite. Sein Preisgeld: 250 000 Dollar. Alexander träumt davon, auch mal an einem solchen Wettbewerb teilzunehmen.

Die Drohne als Rettungshelfer Neben dem Hobbybereich gibt es für Drohnen immer mehr professionelle Einsatzgebiete. Niklas Goddemeier vom Lehrstuhl Kommunikationsnetze an der TU Dortmund arbeitet mit seinem Team an der Vernetzung von diesen Geräten.

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Sie fliegen automatisiert, Entwickler programmieren die Routen vorab. Während des Fluges tauschen sie dann untereinander ihren Standort aus, um Kollisionen zu vermeiden. „Drohnen können nach Erdbebenopfern suchen, Luftmessungen nach Reaktorkatastrophen vornehmen oder durch präzise Bildaufnahmen bei Wartungsarbeiten helfen. Zum Beispiel an Windrädern oder Bahnstrecken“, sagt Goddemeier. Der Diplom-Informatiker hat bei vielen Personen und Medienberichten bisher jedoch eher eine ängstliche Haltung gegenüber Drohnen festgestellt. „Die Menschen haben Angst vor Unfällen oder denken, unbemerkt gefilmt zu werden“, sagt Goddemeier. „Unfälle oder Fehler sind aber absolut selten, die gewerblichen Chancen und Möglichkeiten sind viel größer. Für illegale Filmaufnahmen bräuchte es keine Drohne. Drohnen machen das Ausspionieren der Nachbarn vielleicht etwas einfacher. Durch Modellflieger sind solche Aufnahmen jedoch schon lange möglich.“ Auch Paketdrohnen sind oft im Gespräch. Sie seien aber eher ein Randaspekt und momentan schwer umsetzbar, weil sie außerhalb des Sichtbereichs fliegen und in einer Stadt ineffizienter


sind als die Auslieferung per Paketbote. „Es ist aber durchaus vorstellbar, dass Drohnen in Zukunft abgelegene Orte oder Katastrophenregionen anfliegen.“ Dorthin könnten sie dann etwa Notversorgungspakete liefern.

Kein Führerschein für Drohnenpiloten Alexander scheitert schon beim Flug mit seiner Anfängerdrohne. Der Wind macht ihm zu schaffen. Wegen der vier Rotoren heißt seine Drohne in der Fachsprache „Quadrocopter“. Sie wiegt nicht einmal 200 Gramm. Dadurch wirkt sich jeder Windstoß stark auf die Flugbahn des kleinen Geräts aus. Wiegt eine Drohne mehr als fünf Kilogramm, brauchen Piloten im Hobby-Bereich eine Aufstiegserlaubnis. Diese erteilt die Bezirksregierung für die Dauer von zwei Jahren. Ab einem Gewicht von 25 Kilogramm muss sogar jeder Start einzeln genehmigt werden. Derart schwere Drohnen werden aber nur im gewerblichen Bereich genutzt. Per Definition zählt jede autonom fliegende, unbemannte Maschine als Drohne. Also auch Modellflieger. „Eine Drohne zu fliegen ist nicht schwer, teure Modelle fliegen durch die GPS-Ortung fast selbstständig“, erklärt Goddemeier. Die hochwertigen Modelle merken sich ihre Strecke und fliegen automatisch zu der Fernbedienung zurück, wenn sie drohen abzustürzen oder das GPS-Signal verlieren. Einen Führerschein gibt es für die Geräte momentan nicht. Wichtig findet Goddemeier nur, dass alle Benutzer die Gesetze kennen. Piloten sollten sich deshalb bei der Bezirksregierung oder beim Dachverband der unbemannten Luftfahrt über die genauen Paragraphen informie-

ren. „Es sollte klar sein, dass Piloten sich nötige Genehmigungen einholen müssen und nicht in der Nähe von Flughäfen, Autobahnen oder Menschenmengen fliegen dürfen.“ Auch für die Kameranutzung gibt es klare Regeln. „Für Bild- und Videoaufnahmen gelten die gleichen Rechte wie bei normalen Kameras auch.“ Heißt: Für alle Aufnahmen außerhalb des eigenen oder öffentlichen Grundes sind Genehmigungen nötig. Außerdem brauchen Drohnenbesitzer für ihre Flieger eine eigene Versicherung. Schäden und Unfälle werden nicht durch die Haftpflichtversicherung abgedeckt. Grundsätzlich registriert werden müssen Drohnen aber nicht. Bei Unfällen oder Verlust kann das Gerät dem Besitzer daher nicht zugeordnet werden. Wer nach einem Unfall abhaut, begeht im Prinzip Fahrerflucht – kann aber nicht belangt werden. Niklas Goddemeier sieht das kritisch: „Drohnen sollten beim Kauf mit einer Art SIM-Karte registriert werden, um geortet und zugeordnet werden zu können.“ Alexander ist da anderer Meinung: „Wer Drohnen selbst baut, könnte eine Registrierung ohnehin umgehen. Dann wäre die Nachverfolgung wieder unmöglich.“

Gefahrenpotential durch Drohnen Ein Windstoß erfasst Alexanders Quadrocopter, treibt sie weg vom Parkplatz und aus seinem Sichtfeld. „Eine der wichtigsten Regeln beim Fliegen ist, dass die Drohnen in Sichtweite bleiben“, sagt Alexander und versucht, gegenzusteuern – vergeblich. Er hat die Kontrolle verloren. Die Drohne fliegt weg vom leeren Parkplatz in Richtung befahrener Straße.

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Diplom-Informatiker Niklas Goddemeier

Das ist besonders gefährlich. Auf der A40 knallte im Mai 2015 eine tieffliegende Drohne gegen die Windschutzscheibe eines Pkws. Im Dezember 2015 wäre ein Ski-Profi bei der Pistenabfahrt fast von einer abstürzenden Drohne getroffen worden, die Filmaufnahmen anfertigte. Glücklicherweise blieben beide Fälle ohne Folgen. Um nichts zu riskieren, lässt Alexander seine Drohne sicherheitshalber abstürzen – mitten in einen großen Dornenbusch. Vergeblich versucht er, das Fluggerät aus dem Dickicht zu bergen. „Die kriegen wir nicht wieder“, sagt der 24-Jährige. Das Surren der vier Rotoren ist noch zu hören, die rote Lampe der Drohne durch das Gestrüpp leicht zu erkennen. Alexander verzichtet darauf, sie aufwendig aus dem Gebüsch herauszuschneiden. 150 Euro kosten Anfängerdrohnen wie diese, kleine Indoor-Flieger für das Wohnzimmer gibt es schon ab 10 Euro. „Mit dem Verlustrisiko lebt man immer, das muss man wissen.“ Bald will er sich ohnehin eine eigene Drohne bauen.


TOD IN SICHT

Der Patient liegt auf dem OP-Tisch: Ein falscher Schnitt und er ist gel채hmt oder tot. Kranke oder alte Menschen kommen zum Sterben ins Hospiz. Tote m체ssen f체r die Beerdigung aufgebahrt werden. Wie geht man damit um, wenn der Tod st채ndiger Begleiter bei der Arbeit ist? Ein Hirnchirurg, eine Hospizmitarbeiterin und eine Bestatterin berichten. SYMBOLFOTODANIELA ARNDT


Bestatten Sie? Mirjam Harhues macht eine kaufmännische Ausbildung beim Bestatter. Neben den üblichen Bürotätigkeiten bedeutet das für sie auch die Arbeit an Leichen. Sie erzählt wie es ist, als junger Mensch mit dem Tod konfrontiert zu sein. TEXT&FOTOSMICHELLE GODDEMEIER

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irjam öffnet die Glastür. Sie durchquert den marmornen Eingangsbereich, vorbei an einer Tischgruppe, einem „Carpe Diem“-Bild und setzt sich an den Schreibtisch. Die Auszubildende hört den Anrufbeantworter ab. Gab es einen neuen Todesfall? Um diesen kümmern sich die Bestatterinnen und Bestatter als erstes. Das heißt, sie kontaktieren die Angehörigen und holen den verstorbenen Menschen ab. Heute gab es einen solchen Anruf noch nicht. Für Mirjam bedeutet das: Urkunden beim Standesamt abholen, Danksagungen schreiben und Zeitungsanzeigen vorbereiten. Doch die 22-Jährige, die ihre Ausbildung zur Bürokauffrau bei dem Bestattungsunternehmen Stokkelaar in Münster macht, ist nicht nur für Telefonate und Büroarbeiten zuständig. Wenn ihre Kollegen und Kolleginnen Verstorbene aus dem Krankenhaus oder Altenheim abholen und in die Leichenhalle bringen, hilft sie ebenfalls mit – zumindest, sofern sie kann. „Ich bin keine große Hilfe, wenn ein schwerer Mann verstorben ist und getragen werden muss.“ Obwohl Mirjam eine kaufmännische Ausbildung macht, gehört es auch zu ihren Aufgaben, die Leichen zu versorgen. Dass sie Leichen sieht und an ihnen arbeitet, stört Mirjam nicht. „Gerüche sind manchmal unangenehm, aber sowas gibt es in jedem Beruf.“ So gibt Mirjam den Verstorbenen Mittel, damit sie langsamer verwesen. Haben die Verwandten den Wunsch, den Toten persönlich zu verabschieden, richten Mirjam und ihre Kollegen den Leichnam her: Sie waschen, rasieren und schminken ihn, zusätzlich kleiden sie ihn an. Auch auf

individuelle Wünsche gehen sie ein, sei es der Lieblingslippenstift der Mutter oder die Halskette der verstorbenen Frau. Die Menschen sollen nicht anders aussehen als zu Lebzeiten. „Wir versuchen sie so natürlich wie möglich zu lassen.“ Mirjam und ihre Kollegen kümmern sich um die komplette Beerdigung, rufen die Mitarbeiter des Friedhofs an, telefonieren mit dem Pfarrer oder der Pfarrerin und sprechen die Messezeiten ab. Außerdem müssen sie die Kapelle oder Kirche reservieren. Am Tag der Beerdigung treffen sie meist eine Stunde vor Beginn der Zeremonie auf dem Friedhof ein, stellen den Sarg oder die Urne auf, zünden Kerzen an und dekorieren die Kapelle oder Kirche mit Blumen. Schon früh war Mirjams Freunden und ihrer Familie bewusst, dass sie „merkwürdige Wünsche und Interessen hat“. In der neunten Klasse machte sie bereits ein zweiwöchiges Schülerpraktikum bei einem Bestatter. Der Beruf gefiel ihr. Das Gefühl, Menschen in einer Krisenzeit zu unterstützen, weckte ihr Interesse. Trotzdem wählte sie erst einmal einen anderen Weg. Drei Semester studierte sie Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Bis sie merkte, dass ihr das Studieren nicht liegt. Nachdem ihre Großmutter verstorben war, interessierte Mirjam sich immer mehr für den Tod und die Arbeit von Bestattern. Daher war es für sie ein logischer Schritt, ihre Ausbildung dort zu machen. „Komische Fragen stellen nur die Leute, die mich nicht kennen“, sagt Mirjam. Im Oktober vergangenen Jahres fing sie ihre Ausbildung an. Ursprünglich wollte sie 16

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sich zur Bestattungsfachkraft ausbilden lassen, doch die Schule dafür liegt in Wermelskirchen. Deshalb beriet sie sich mit ihrem Chef und beschloss, eine kaufmännische Ausbildung zu machen, um in Münster zur Schule gehen zu können. „Ich würde dort vieles lernen, was ich hier in Münster nicht brauche“, sagt sie über die Ausbildung zur Bestattungsfachkraft. Etwa wie man mit einem Bagger ein Grab aushebt. Dafür sind in Münster die Friedhofsgärtner zuständig. Jetzt lernt sie in der Berufsschule die Dinge, die für eine Bürokauffrau wichtig sind: Steuerung, Kontrolle, Buchführung. Das Wissen, das sie in einem Bestattungsunternehmen benötigt, verfestigt sie im Arbeitsalltag. Ein Lieferant kommt vorbei und bringt neue Kataloge mit Sargmodellen. „Oh guck mal, der ist ja schön“, sagt Mirjam zu ihren Kollegen. Sie durchblättert den Katalog, als wäre es das neuste Fashionmagazin. Särge und Urnen anzuschauen und sich eine Meinung darüber zu bilden, welche schön sind: Das gehört für sie dazu. Vor dem Tod hat Mirjam keine Angst: „Ich gehe schon anders damit um, als andere in meinem Alter.“ Da sie genau weiß, was mit einer Leiche passiert, sieht sie dem entspannt entgegen. Über ihre eigene Beerdigung hat die 22-Jährige sich aber noch keine Gedanken gemacht. „Später wird es schon


wieder ganz andere Möglichkeiten geben, jemanden zu bestatten“, sagt sie. Vielleicht sei der typische Sarg dann längst überholt. „Aber so ab 60 kann man schon mal über die Beerdigung nachdenken.“

Verstorbene in ihrem Alter beschäftigen sie besonders Langfristige Planung hat allerdings seine Vorzüge: Es ist möglich fast die ganze Beerdigung im Voraus beim Bestattungsunternehmen zu organisieren und Geld dafür zu hinterlegen. Zum Beispiel kann sich jeder zu Lebzeiten den eigenen Sarg oder die Musik für die Trauerfeier aussuchen. So manch ein Sarg steht mittlerweile seit über 20 Jahren beim Bestatter, weil die Menschen doch länger leben, als sie selbst erwartet haben. Hart ist es für Mirjam, wenn sie mit den Eltern von jungen, verstorbenen Menschen in

Kontakt kommt. Dann denkt sie noch mehr über das Schicksal nach und beschäftigt sich auch nach der Arbeit damit. Gespräche mit den Freunden und der Familie helfen ihr dann. Der Beruf des Bestatters ist für Mirjam ein Traumjob. Vor allem wegen des Kontakts mit den Angehörigen: „Man hört so viel Lob und Dank.“ Die Hinterbliebenen seien erleichtert, dass sie sich würdevoll von dem Verstorbenen verabschieden konnten. Deshalb ist Mirjam sich sicher, dass sie auch nach ihrer Ausbildung bei einem Bestattungsunternehmen arbeiten möchte.

Scheißgefühl Dr. Gernot Reimann ist leitender Arzt der Intensiv- und Schlaganfallstation der neurologischen Klinik Dortmund. In seinen bisher 21 Berufsjahren wurde der Neurologe immer wieder mit dem Tod konfrontiert. Bei einem Rundgang erzählt er, was er für ein Verhältnis zum Sterben hat. TEXTDOMINIK REINTJES FOTOSCHRISTOPHER HOLLETSCHEK

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err Dr. Reimann, wie bereiten Sie sich als Arzt auf den Druck vor, bei akuten Fällen Menschenleben in der Hand zu haben? Zeitlich kann ich mich überhaupt nicht darauf einstellen. Wenn eine Notaufnahme erfolgt, muss gehandelt werden. Ich nehme den direkten Weg zum Patienten, gehe aber langsam, um nochmal alles im Kopf zu ordnen und ruhig zu bleiben.

Während so eines Eingriffes erfordern viele Entscheidungen ein schnelles, aber durchdachtes Handeln. Das ist für das spätere Leben des Patienten entscheidend und muss trotzdem binnen Sekunden geschehen. Durch ständige Übungen, meine bisher gesammelte Erfahrung und das Zusammenarbeiten mit dem Ärzteteam bereite ich mich auf kritische Situationen vor. Dass ich immer auf jeden Patienten 17

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perfekt vorbereitet bin, kann ich dann leider nicht behaupten. Aber als Arzt gehört eben viel Intuition dazu. Retten Sie täglich Leben? So schön das klingen mag, kann ich das nicht so stehen lassen. Als leitender Arzt der Intensivstation und der Schlaganfallsstation betreue und unterstütze ich auch die Ärzte und Ärztinnen unserer Klinik


„Ich erachte das Leben

auch gelähmt im Rollstuhl als lebenswert.“

und überwache den Gesundheitszustand der Patienten durch regelmäßige Untersuchungen und Übungen. In Notsituationen greife ich selbst als Arzt ein und führe auch anspruchsvolle Eingriffe durch, wie einen Luftröhrenschnitt oder eine Blutverdünnung bei Schlaganfallpatienten. Bei einem Schlaganfall sterben pro Minute zwei Millionen Zellen im Körper ab, das ist extrem viel. Da muss schnell und hoffentlich richtig gehandelt werden. Woran denken Sie während einer riskanten Operation? So komisch es klingt, ich denke oft an fast nichts. Im Kopf gehe ich lediglich eine Liste von Symptomen durch und anhand dieser handle ich. Für andere Gedanken ist kein Platz. Während der Operation ist größte Konzentration überaus wichtig. Ich vermeide Gedanken wie: „Ist meine Patientin erst 16?“ Oder: „Ist sie verheiratet und hat zwei Kinder?“ Ich darf mich nur fragen, wie ich diesen Fehler im zentralen Nervensystem des Patienten beheben kann. Das läuft sehr emotionslos ab. Reimann steht in seinem weißen Ärztekittel in der Einfahrtshalle der Rettungswagen und schaut den Flur in die Notaufnahme herunter. „Hier werden die Patienten mit Höchstgeschwindigkeit in den Schockraum gebracht und von mir und meinen Kollegen

hoffentlich gerettet“, erklärt der 49-Jährige. In diesem Raum werden alle Notoperationen der Neurologischen Klinik durchgeführt. Neben einer großen Liege mit allerlei elektronischen Geräten, gibt es viel Platz für ein großes Ärzteteam. Ein Assistenzarzt hebt gerade einen Gummihandschuh vom Boden auf. „Es soll ja auch ordentlich sein, wenn wieder neuer Besuch kommt“, scherzt Reimann. Ist der Tod in Ihrem Beruf etwas Alltägliches und Normales? Der Tod wird gerade mit steigender Erfahrung als Arzt zur Routine, ja, definitiv. In unserer Klinik kommt es ein oder zwei Mal in der Woche vor, dass ein Patient auf der Intensivstation stirbt. Das ist einfach so. Belastet das nicht? Meine persönliche Meinung ist: Wenn ein Patient stirbt, dann ist es nicht ein Fehler von uns Ärzten oder mangelnde Kompetenz, sondern ein Versagen der Medizin, weil diese noch nicht besser ist. In 200 Jahren könnte es besser sein. Es gab für mich dann einfach keine Chance, den Patienten mit meinen Fähigkeiten zu retten. Damit kann ich mich als Arzt – vom Gewissen her – aber gut abfinden. Haben Sie bei jedem Patienten die Hoffnung, ihn retten zu können? Zumindest würde ich gerne alle retten. 18

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Mein medizinischer Ethos lautet: „Alles retten, was nicht weglaufen kann.“ Da bin ich auch ein sehr extremer Typ, weil ich immer versuche den Tod zu verhindern, wenn es denn möglich ist. So habe ich Medizin schon immer aufgefasst. Durch Patientenverfügungen und -testamente kommt es da aber leider immer zu Widersprüchen. Inwiefern? In manchen Fällen könnte ich einen Menschen definitiv retten, aber aufgrund seiner Patientenverfügung bin ich gezwungen, ihn sterben zu lassen. Der Tod wird mir hier ein Stück weit vorgeschrieben und befohlen. Bereitet Ihnen das Probleme? Ja, ich erachte das Leben auch gelähmt im Rollstuhl als lebenswert. Auf dem Weg von Reimanns Büro zur Intensivstation steht im Gang der Station der mobile Wiederbelebungswagen mit einem eingeschalteten Defibrillator, der im Notfall sofort zum Einsatz kommen kann. Darüber hängt ein altes Schaubild des menschlichen Gehirns. Reimann öffnet die Schubladen des Wagens und zeigt die Medikamente: Adrenalin lautet der einzige Name, der einem bekannt vorkommt. Aber das ist nur einer der vielen kleinen „Lebensretter“, wie Reimann sie nennt.


Was können Risiken und bleibende Schäden sein, wenn Sie sich dazu entschließen, einen Patienten zu retten? Gerade bei einem Schlaganfall-Patienten können schwerwiegende Schäden auftreten. Er kann die Fähigkeit verlieren zu sprechen, zu sehen oder es können Lähmungserscheinungen auftreten. So kann es vorkommen, dass ich Patienten vor dem Sterben bewahre, sie danach aber durch Schäden im Gehirn gelähmt sind. Wie entscheidet man in so einer Situation, ob das wirklich die beste Lösung ist? Das geschieht im Bruchteil von Sekunden. Auf solche lebensrettenden Entscheidungen kann man sich nur durch viel Training, Weiterbildungen und Erfahrung vorbereiten. Wie bilden Sie sich persönlich weiter? Als Facharzt besteht für mich die Pflicht mich fortzubilden. So muss ich in fünf Jahren 250 Punkte durch die Teilnahme an Weiterbildungen erhalten. Ein Seminar, das circa vier Stunden in Anspruch nimmt, wird mir mit zwei Punkten angerechnet. Eine ganze Menge Zeit. Diese Mindestanzahl habe ich meistens schon nach zwei Jahren erfüllt. Für mich persönlich sind Weiterbildungen extrem wichtig – und ob die 250 Punkte da

nicht zu niedrig angesetzt sind, frage ich mich immer wieder. Genauso wichtig wie die Fortbildungen sind aber auch praktische Trockenübungen an Puppen. So sieht meine fachliche Vorbereitung auf akute Situationen aus. „Da kommt ja der beste Arzt der ganzen Klinik“, ruft eine Krankenschwester, als Reimann die Intensivstation der neurologischen Klinik betritt. Es wird gemeinsam gescherzt und Reimann begrüßt seine Ärzte mit Verbeugungen oder einstudierten Handschlägen. Lediglich die piependen Geräusche und die lauten Beatmungsgeräte erinnern daran, dass auf diesem Flur zehn Menschen behandelt werden und hier jede Woche Patienten sterben. Die Stimmung unter den Ärzten wirkt entspannt, doch trotzdem ist allen der Ernst der Lage bewusst. Sobald es wieder um Leben geht, wird das Team schnell professionell. Reden Sie während eines Eingriffes viel mit Ihren Assistenzärzten? Die meisten Eingriffe laufen sehr ruhig ab und konzentriert. Nervosität, oder gegenseitiges Meckern bringt in solchen zum Teil stundenlangen Operationen keinem etwas. Kommunikation ist natürlich trotzdem wichtig: Diese muss vor allem deutlich sein. Auf den Wunsch: „Ich brauche Adrenalin eins zu zehn“, muss die Antwort folgen: „Ich gebe dir Adrenalin eins zu zehn.“ Ansonsten schleichen 19

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sich Fehler ein und die sind in manchen Situationen lebensbedrohlich. Ist Druck ein steter Begleiter bei solchen Operationen? Druck ist mir als Arzt immer gegenwärtig, aber ich kann ihn glücklicherweise während eines Eingriffes ausblenden. Zumindest meistens. Wann denn nicht? Früher wurde ich in Notsituationen in die Frauenklinik gerufen, um gebärenden oder schwangeren Frau zu helfen. Da wird einem klar, dass man zwei Menschenleben verlieren kann, eins davon startet gerade erst. Und alles hängt an mir. Das ist ein Scheißgefühl. Aber da muss man durch. Das ist der Beruf. Auf der Schlaganfallsstation sieht Gernot Reimann nochmal bei seinen Patienten nach dem Rechten. Mit einem Blick auf den Computerbildschirm hat er die Herzfrequenz von zwölf Menschen vor Augen. Nach zwei Sekunden wendet sich sein Blick von dem Computer ab – ein Zeichen dafür, dass alles in Ordnung ist. Auf die Frage, ob es denn allen gut ginge, antwortet er trocken: „Wenn etwas nicht in Ordnung wäre, würden Sie das nicht merken. Um jetzt nervös zu werden und in Panik zu geraten bin ich einfach zu alt“, sagt der 49-Jährige überzeugt.


Frau Weyers und der Tod Denise Weyers arbeitet im Hospiz. Obwohl sie erst 30 ist, hat sie schon viele Menschen sterben sehen. Der Alltag ist für sie belastend, eine andere Arbeitsstelle wünscht sie sich aber nicht. Denn hier hat sie Zeit für Menschen, die sie brauchen. TEXT&FOTOSTHORBEN LIPPERT

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m dunklen Treppenhaus der Villa in Bochum-Mitte steht in einer Nische eine brennende Kerze, daneben eine kleine Marienikone. Die Kerze brennt immer dann, wenn im Haus jemand gestorben ist. Und das passiert häufig. Denn die Menschen, die im St. Hildegard Hospiz wohnen, kommen mit dem Wissen, nicht mehr lange zu leben. Gerade mit diesen Menschen arbeitet Denise Weyers. Die gelernte Gesundheits- und Krankenpflegerin begleitet die Menschen auf dem, was oft als „der letzte Weg“ bezeichnet wird. Wenn die Kerze im Treppenhaus brennt, ist die Stimmung bei Weyers gedrückt. Diese Momente sind die härtesten Phasen während ihrer Arbeit. „Es kommt vor allem darauf an, was man für eine Beziehung zu dem- oder derjenigen aufgebaut hat“, sagt Weyers. Nicht alle Pflegerinnen und Pfleger haben ein enges Verhältnis zu jedem der HospizBewohner. Auch Weyers versteht sich mit einigen sehr gut, zu anderen Bewohnern baut sie dafür keine engere Beziehung auf. Egal wie nah sie den Verstorbenen während ihrer Zeit im Hospiz stand: Der Abschied ist jedes Mal wieder belastend: „Es wäre merkwürdig, wenn es nicht so

wäre. Wenn ich es einfach stumpf abtun könnte.“ Die Belastung durch ihre Arbeit versucht Weyers zu kompensieren, indem sie Privatleben und Beruf voneinander trennt: „Ich spreche natürlich nach der Arbeit über den einen oder anderen oder denke noch mal nach, aber grundsätzlich lebe ich dann mein eigenes Leben.“ Und das sollte abwechslungsreich sein. „Sozialhygiene“ nennt Weyers das. Sport zum Ausgleich hilft ihr, Gartenarbeit auch. Sowieso hat ihre Arbeit einen positiven Einfluss auf das Privatleben: „Ich sehe die Dinge viel gelassener.“ Schließlich erleben die Angestellten sehr häufig, dass das Leben endlich ist. Wie oft Weyers Bewohner des Hospizes schon hat sterben sehen, weiß sie gar nicht. An den ersten Toten bei ihrer Arbeit kann sie sich dagegen gut erinnern. Für die meisten Menschen ist das ein prägendes Ereignis, doch Weyers verarbeitete es erstaunlich gut. Denn eine enge Bindung hatte sie zu dem Menschen – anders als jetzt im Hospiz – nicht aufgebaut. Das lag vor allem an ihrem Arbeitsumfeld. Nach ihrer Ausbildung war Weyers in einem Krankenhaus als Pflegerin angestellt. Zwar liebte sie die Arbeit mit 20

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den Menschen, doch die Strukturen im Krankenhaus gefielen ihr nicht: Pflege an einem Ort, der eher wie ein Unternehmen geführt wird. Sie erinnert sich an todkranke Patienten, die ihre Diagnose innerhalb von zwei Minuten erfuhren und danach allein in ihrem Zimmer lagen. Das war nicht ihre Welt. Sie gibt zu: „Ich konnte manche Sachen nicht mit meinem Gewissen vereinbaren. Die Ärzte wollen natürlich operieren, die wollen Leben retten.“ Die Ärzte standen im durchgetakteten System des Krankenhauses zu sehr unter Druck. Zeit für die persönliche Pflege blieb zu selten übrig und auch die Empathie für die Kranken wurde häufig Opfer des enormen Drucks. Weyers aber sehnte sich gerade nach mehr Zeit – und nahm deswegen 2015 die Stelle im Hospiz an. Dass es hier anders als im Krankenhaus ist, zeigen die Pfleger schon mit kleinen Gesten. Weyers und ihre Kollegen nennen die Bewohner des Hauses „Gäste“ und nicht Patienten. Außerdem schränken sie sie so wenig wie möglich ein. Einer der aktuell elf Menschen, die im Hospiz gepflegt werden, sitzt im Garten der herrschaftlichen Villa im Rollstuhl.


Die alte Frau wird bald sterben. Mit stoischer Ruhe raucht sie eine Zigarette nach der anderen. „Wir wollen jeden so leben lassen, wie er ist“, sagt Weyers. Kein Wecken, keine festen Frühstückszeiten, einzig das tägliche Waschen ist für alle Gäste Pflicht. Der Tagesablauf ist ansonsten Sache der Bewohner. Sie entscheiden selbst, worauf sie Lust haben: Spiele, fernsehen, manchmal sogar Ausflüge. Sofern es die Krankheit noch zulässt.

Mehrere hundert Anfragen auf 15 Zimmer Wie die Gäste ihre Tage verbringen wollen, merken die Angestellten schnell. „Wir entwickeln ein Gespür dafür. Manche Gäste freuen sich, wenn ich einfach nur bei ihnen sitze und was vorlese. Oder nur zuhöre. Und manche wollen aktive Kommunikation“, sagt Weyers. Das ist ihre wichtigste Aufgabe: das Reden. Diese Zuwendung haben die Gäste im Krankenhaus meist nicht erfahren. Und daher reagieren sie positiv auf die Aufmerksamkeit, die ihnen im Hospiz entgegen gebracht wird. Denn einige Gäste schaffen hier das, was ihnen im Krankenhaus zuvor verwehrt war: Sie werden geheilt.

Die medizinische Versorgung ist auch im Hospiz sichergestellt. Mehrere Palliativärzte kümmern sich um die Bewohner. Natürlich ist diese Behandlung nicht mit der in einem Krankenhaus zu vergleichen. Dass trotzdem mehrere Menschen pro Jahr das Hospiz wieder verlassen können, liegt laut Weyers nicht unbedingt an den Therapien. „Kleine Wunder gibt es“, sagt sie. Möglich würden das die Ruhe im Haus machen und das unbeschwerte Leben, das die Gäste hier führen können. Ebenso trägt das enge Verhältnis zwischen Angestellten und Bewohnern seinen Teil dazu bei. Die Pfleger betrachten sich als Mitbewohner, auch das Wort Familie fällt. Und das meint Weyers ernst. Sie erzählt, dass manche Bewohner des Hospizes sofort merken würden, wenn es ihr nicht so gut gehe. „Wir achten alle aufeinander“, sagt sie, „und das hat dann einen sehr familiären Rahmen.“ Und diese Familie könnte noch viel größer sein. Mehrere hundert Personen im Jahr erkundigen sich im Jahr nach einem Platz in diesem Hospiz – bei einer Kapazität von gerade einmal 15 Zimmern. Nicht nur alte Menschen werden aufgenommen. Auch Neugeborene, 21

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Jugendliche, Familienväter und -mütter sind Gäste im Hospiz. Manche sterben schon nach einigen Tagen, andere bleiben monatelang – oder können eben wieder nach Hause. Zeit ist hier relativ – Hektik oder knappe Arbeitszeiten kann man lange suchen. Im ganzen Haus herrscht immer eine entspannte Ruhe. Und genau diese Ruhe schätzt Weyers so an der Einrichtung. Das, was sie nach ihrer Kündigung im Krankenhaus suchte, hat sie hier gefunden. „Die beste Entscheidung meines Lebens“, sagt sie nach einem Jahr im Hospiz über den Jobwechsel. Auch wenn nicht alle in ihrem Umfeld das verstehen. „Das hört sich für Außenstehende komisch an, wenn ich sage, dass ich gerne arbeiten gehe“, sagt sie. Sie weiß aber auch, wann sie mit der Arbeit abschließen muss: „Wenn ich nach dem Dienst gehe und die Tür zufällt.“


GRÜNDERZEIT

Drei Studenten möchten die IT-Szene ein bisschen revolutionieren. Ein anderer die Welt mit seinem Hofladen ein bisschen besser machen. Zwei Geschichten über Existenzgründungen. TEXTALEXANDRA DOMANSKI&DOMINIK REINTJES FOTOSDOMINIK REINTJES&JULIA SCHINDLER

BEWERBUNGS-TINDER

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in paar Studierende sitzen um einen Laptop herum und sind in ein Skype-Gespräch vertieft. Sie arbeiten nicht etwa an einem Referat für die Uni, der 21-jährige Justin hält eine Liste mit Unternehmen in die Kamera. Justin ist Leiter des Start-ups „Catch Talents“, sein Geschäftspartner Lucas absolviert gerade ein Auslandssemester in Istanbul und da müssen Entscheidungen häufig per Skype diskutiert werden. Seit Justin, Lucas und ihr Freund Marc Catch Talents Anfang 2016 offiziell als Gewerbe anmeldeten, haben sie 40 Unternehmen kontaktiert. Fünf sind seit September dabei, als die Firma ihre Arbeit offiziell aufgenommen hat. Die Anzahl der Mitarbeiter – allesamt Studierende – ist inzwischen auf neun gewachsen und wird von Justin betreut, der auch die Personalabteilung darstellt. Mit ihrem Start-up möchten Justin, Lucas und Marc Bewerbungsprozesse vereinfachen. Zentraler Bestandteil ihres Konzeptes ist eine Persönlichkeitsanalyse: Fragen zu Persönlichkeit und Arbeitsverhalten können online innerhalb von wenigen Minuten beantwortet werden. Die Ergebnisse werden verglichen mit den Erwartungen der teilnehmenden Unternehmen, die neue Mitarbeiter und

Mitarbeiterinnen suchen. Je höher diese Übereinstimmung ist, desto größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Nutzer eine Benachrichtigung mit Bewerbungsmöglichkeit erhalten. Bevor sich jemand bewerben kann, muss auch der digitale Lebenslauf den Vorstellungen des potentiellen Arbeitgebers entsprechen. Informationen zur Schullaufbahn, zu Sprach- und Computerkenntnissen und einen kurzen Vorstellungstext müssen Bewerber auf dem Online-Portal ausfüllen. Sollte jemand dank der Persönlichkeitsanalyse und dem Lebenslauf zu einer Stelle passen, wird er oder sie online benachrichtigt. Mit wenigen Klicks können die Nutzer dann den bereits hinterlegten Lebenslauf an die jeweilige Firma schicken. Das spart Zeit und ist für die Bewerber kostenlos. Umsätze wollen die Studierenden durch die Unternehmen machen: Um den Service von Catch Talents nutzen zu können, müssen sie Gebühren zahlen. Justin und seine Mitstreiter erwarten nun die ersten Einnahmen, die sie auch dringend benötigen: „Bislang zahlen wir das monatliche Gehalt der Mitarbeiter von 450 Euro noch aus eigener Tasche, von Ersparnissen aus vorherigen Nebenjobs“, sagt Justin. „Einen Kredit werden wir wohl

trotzdem noch aufnehmen müssen.“ Damit sie das Start-up nicht komplett allein aufbauen müssen, nehmen die Gründer die Hilfe der Gründungsinitiative „Gateway“ der Uni Köln in Anspruch. Diese stellt kostenlos Büroräume in der Nähe des Campus zur Verfügung. Außerdem vermittelt „Gateway“ Mentoren, die Gründer in rechtlichen Fragen beraten. Die Mentoren selbst haben sich mit Start-ups selbstständig gemacht und geben nun ihre Unternehmererfahrung weiter. „Wir gewinnen dadurch viel Zeit, die wir besser in unseren BWL-Vorlesungen verbringen können“, sagt Justin. So wollen sie ihren Nutzern einen hoffentlich idealen Job vermitteln und gleichzeitig ihr Studium wahrnehmen.

START-UP AN DER UNI An der TU Dortmund können sich studentische Gründer Rat bei tu>startup holen. Das Gründungsnetzwerk, das zur WiSo-Fakultät gehört, bietet Büroräume im Co-Working Space und Beratung durch erfolgreiche Gründer an. Als Partner mit dabei sind die Wirtschaftsförderung der Stadt Dortmund und das Technologiezentrum. Web: www.tu-startup.de


HOFLADEN

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ienstagmorgen: Julian nimmt die tägliche Lieferung entgegen. Für ihn mittlerweile ein gewohnter Ablauf. Wurst und Fleisch bekommt er heute. Julian verkauft Lebensmittel. In einem kleinen Laden im Dortmunder Kaiserviertel. Wen es hierher schon einmal verschlagen hat, dem ist „Der Hans“ vielleicht bekannt. Für alle anderen: Es ist ein kleiner Hofladen an der Kaiserstraße, benannt nach Julian Hans. Der 31-Jährige hat es sich zur Aufgabe gemacht, frische Lebensmittel aus der Region zu verkaufen. Obst, Gemüse, Fleisch, Milch und Gewürze gehören zum Sortiment. Ein Vollzeitjob. Julian ist seit über einem Jahr sein eigener Arbeitgeber. Dabei war das ursprünglich gar nicht geplant. Aufgewachsen ist Julian im Münsterland. Obst und Gemüse aus eigenem Anbau und Milch vom Bauern um die Ecke gehörten zu seinem Alltag. Jedoch verband er das damals ausschließlich mit dem Landleben. Nach seinem Abitur begann er eine Ausbildung zum Hotelkaufmann in Bonn. 2008 entschied er sich, an der TU Dortmund Angewandte Sprach- und Wirtschaftswissenschaften zu studieren. „Das ist dem, was ich heute mache, gar nicht so unähnlich“, sagt Julian. „Ich habe mich während des Studiums mit Kommunikationskonzepten beschäftigt, also mit Verkaufsgesprächen und der Frage, wie man ein simples Produkt, wie beispielsweise eine Kartoffel, erfolgreich verkaufen kann.“ Er wollte in die Wirtschaft gehen, in einem größeren Unternehmen oder einer Werbeagentur

arbeiten. Die Idee, sich mit einem Geschäft für regionale Lebensmittel selbstständig zu machen, kam Julian während seines Auslandssemesters in Helsinki. „Es ist fest im Alltag der Menschen integriert, dass sie das essen, was gerade regional auf den Wiesen, in den Wäldern, im Meer zu erbeuten ist“, sagt Julian. „Und ich dachte mir: krass, das geht also auch in der Großstadt.“ Sein Ziel von nun an: einen Laden in Dortmund eröffnen, der zeitgemäß kommuniziert und hochwertige Lebensmittel anbietet.

Der Weg zum Erfolg führte über die Uni Zurück in Deutschland wandte sich Julian an die Gründerinitiative der Dortmunder Universität. Er stellte sein Konzept vor und bekam Feedback und eine Mentorin, machte sich ein Bild von der gegenwärtigen Marktlage und untersuchte, ob er später so seinen Lebensunterhalt bestreiten könnte und wie ähnliche Geschäfte angenommen werden. Vor allem aber benötigte er das Urteil von potentiellen Kunden. Die rieten ihm davon ab, einen Onlineshop zu gründen. Julian änderte sein Konzept und machte sich auf die Suche nach passenden Räumen. Er hatte Glück, der Projektraum „offene antworten“ in Dortmund stand frei, den man für begrenzte Zeit günstig mieten kann. Julian bekam dort die Möglichkeit, für vier Monate einen PopUpStore zu gründen, eine Beta-Version dessen, was er sich als langfristigen Beruf 23

wirtschaft

vorstellte. Schnell stand der Entschluss fest: Er will einen Hofladen eröffnen. Wieder musste er nicht lange nach neuen Räumen suchen: Er mietete eine ehemalige Weinstube in derselben Straße an, so dass ihm seine Kundschaft erhalten blieb. „Ein echter Glücksgriff“, berichtet Julian. Für das Startkapital wandte er sich an Banken, die aber von seiner Gründungsidee abrieten. Julian ließ sich nicht beirren, zog Familie und Bekannte zurate und lieh sich von seinen Eltern 10 000 Euro. Viel Geld, das er bis heute monatlich zurückzahlt. Viele Vorbereitungen, wie zum Beispiel den Bau der Palettenregale, die vorher im Garten eines Freundes lagen, hat Julian allein gestemmt. Am 1. April 2015 eröffnete Julian sein Geschäft. Die Arbeit, die er investiert hat, hat sich gelohnt. Ausruhen kann er sich allerdings nicht. Die anfallenden Aufgaben versucht Julian während der Öffnungszeiten zu erledigen: Ware kontrollieren und neu bestellen, Lieferungen entgegennehmen und Abrechnungen machen. Und natürlich verkaufen. Der Austausch mit seinen Kunden ist ihm wichtig, von ihnen holt er sich Tipps. „Die Molkerei, von der ich meinen Ziegenkäse bekomme, kannte ich nicht, bis eine Kundin sie mir empfohlen hat. Bis heute bekommt sie dafür Rabatt“, erzählt Julian. Mittlerweile bekommt der Ladenbesitzer auch Anfragen von den Erzeugern aus der Umgebung. Ein großer Fortschritt für Julian. Er ist zufrieden und froh, dass er endlich ernst genommen wird.


PLÖTZLICH STUDENT Vom Hauptschüler zum erfolgreichen Master-Studenten – diesen Weg hat Tobias Bengfort hinter sich gebracht. Aus Herausforderungen machte er Erfolge. Seine Biografie ist eine Ode an den Ehrgeiz. TEXTLARA WANTIA FOTOSLARA WANTIA&NRW-ZENTRUM FÜR TALENTFÖRDERUNG/HATICE CIRITOGLU

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ls Tobias an einem Morgen im Herbst 2009 seinen Briefkasten öffnet, glaubt er, sich verlesen zu haben. In den Händen hält er einen Brief von der Begabtenförderung: „Da dachte ich schon: Was wollen die denn von mir? Ich bin doch nicht begabt. Begabt sind Leute, die gut in Mathe sind und die Kreiszahl Ÿ bis auf die dreißigste Stelle auswendig kennen. Aber nicht jemand von der Hauptschule. Ich hab’ den Brief einmal, zweimal gelesen. Ich sollte mich um ein Stipendium für ein Studium bewerben. Und ich war völlig perplex. Ich hatte ja kein Abi, kein Fachabi, ich hatte nichts. Also hab’ ich bei der Begabtenförderung angerufen und mal nachgefragt und bekam als Antwort: ‚Jaja, das stimmt schon. Wir haben Sie ja ausgesucht.‘“ Nach der Grundschule geht Tobias Bengfort zur Hauptschule. Dann hat der heute 31-Jährige seinen Realschulabschluss. In der Hauptschule können

leistungsstärkere Schüler in der zehnten Klasse einen B-Abschluss machen. Bei guten Noten bekommen diese Schüler eine Qualifikation, die dem Realschulabschluss entspricht. Schnell ist klar, wie es weitergehen soll. Eine Ausbildung zum Elektroniker. Seine Eltern empfehlen ihm, erst einmal zu arbeiten: „Dein Abi kannst du nachher noch machen.“ Also folgen dreieinhalb Jahre Ausbildung bis zum Gesellenbrief. Elektroniker für Maschinen- und Antriebstechnik ist das Ergebnis. Und das läuft gar nicht schlecht: Tobias wird Kammersieger in seinem Jahrgang, also Erster der Handwerkskammer Münster. Dadurch wird die Begabtenförderung für berufliche Bildung (sbb) zum ersten Mal auf ihn aufmerksam. Von ihr bekommt Tobias ein Stipendium als Förderung für die Meisterschule. Zwei Jahre später ist er Meister. „Dann war für mich persönlich der Karriereweg zu Ende. Ich hab’ wohl ein bisschen über ein Studium nachgedacht, hatte aber keine 24

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Lust auf Schule und Fachabi. Als Meister hatte ich einen guten Einstieg direkt im Unternehmen: Viel Geld, ein guter Job, eine unbefristete Stelle.“

Der Professor macht Tobias Mut An diesem Plan hält Tobias fest, bis er erneut Post von der sbb bekommt. Die Begabtenförderung bietet dem Münsterländer jetzt an, sich um ein Stipendium für ein Studium zu bewerben. Nicht restlos überzeugt schickt Tobias seine Zeugnisse und ein Bewerbungsschreiben hin. Dann gibt es einen Kompetenzcheck und ein persönliches Auswahlgespräch mit einem Vertrauensdozenten in der Nähe von München. „Da hab ich mich schon gefragt: München? Lohnt sich das überhaupt? Ich war ja auch nicht begabt, konnte keine Formeln lösen. Ich hatte ja keine Ahnung.“ Also ruft Tobias noch einmal beim sbb an und fragt, ob sich die


weite Anfahrt für ihn überhaupt lohnt. Wieder ist die Antwort eindeutig. Also packt er seine Sachen und fährt los. „Bei dem Vorgespräch war es dann sehr komisch. Alle waren mit Begleitung da, mit der Familie und mit Freunden, und ich war allein. Ich kam ja auch ganz ohne Erwartungen. Ich dachte, es gibt bessere Leute. Mit 25 denkt man ja, man geht nicht mehr studieren. Ich hatte ja auch eigentlich nicht die Zulassungsvoraussetzungen. Ich war ja nur auf der Hauptschule.“ Im Gespräch macht ihm der Professor ziemlich schnell deutlich, dass sie genau solche Leute wie Tobias suchen: junge Leute aus Nichtakademikerfamilien. Der Professor ist selbst von einer Hauptschule über eine Ausbildung zu seinem Beruf gekommen und macht Tobias Mut: „Er hat mir dann gesagt: ‚Ich hab’s gepackt und du packst das auch. Du hast jetzt ja eine lange Rückfahrt, dann kannst du dir schon mal Gedanken über einen Studienplatz machen.‘“ Tobias will die Chance nutzen. Ungeduldig wartet er auf eine Antwort der sbb. Drei Wochen später kommt der Brief mit der Zusage des Stipendiums. Die Studienplatz-Suche beginnt: Die Entscheidung fällt auf Wirtschaftsingenieurwesen an der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen (WH). Für Tobias ist die Entscheidung nicht einfach, weil er seine Position als leitender Angestellter nicht verlieren will. „Ich mache meine Arbeit gerne. Ich wusste ja auch nicht, wie die Firma reagiert.

Talentscout Suat Yilmaz

Die haben fest mit mir geplant. Aber mein Chef hat mir dann gesagt, dass er mir keine Steine in den Weg legen will. Er hat mir sogar flexible Arbeitszeiten zugesichert, sodass ich auch während des Studiums weiter arbeiten konnte.“ Die Förderung vom sbb ist eigentlich für Leute, die nicht mehr arbeiten. Tobias macht aber ein Vollzeit-Studium und arbeitet nebenbei. Wenn er um zehn Uhr in der Uni sein muss, geht er von sechs bis neun Uhr seinem Job nach. „Mein Chef hat mich mit einem lachenden und einem weinenden Auge verabschiedet, sagte aber, dass er froh ist, wenn ich als Ingenieur wiederkomme. Aber mir war die Note natürlich nicht egal. Dafür war der Ehrgeiz zu groß.“ Dass Tobias ehrgeizig ist, wissen auch seine Mutter und seine Freunde. Sie unterstützen ihn von Anfang an. „Papa war am Anfang

unsicher, warum ich meine gute Stelle aufgebe. Aber ich habe mich durchgesetzt und das war genau richtig. Im Studium stand meine Familie dann auch voll und ganz hinter mir.“ Selten denken junge Leute ohne Abitur wirklich über ein Studium nach, weiß Suat Yilmaz. Sein Job ist es, Leute wie Tobias zu finden und zu begleiten. Er ist Talentscout beim NRW-Zentrum für Talentförderung und betreut Schüler und Schülerinnen ab der zehnten Klasse bis zum Ende des Studiums. „Oft spielt der akademische Weg kaum eine Rolle. Viele Jugendliche haben einfach keine Fantasie, was so ein Weg bedeuten kann. Häufig fehlen ihnen auch ganz einfach die Netzwerke. Unter Umständen kommen sie aus einer bildungsfernen Familie, aus der keine Impulse kommen.“

Kinder aus der Mittelschicht studieren deutlich seltener

Top-Ingenieur von der Hauptschule: Tobias Bengfort

Während in Deutschland 77 Prozent der Schüler aus der Mittelschicht studieren, ist die Situation bei Kindern aus sozial schwachen Familien genau umgekehrt: Hier studieren 77 Prozent nicht; und diese Zahlen gehen im Ruhrgebiet noch weiter auseinander, sagt Yilmaz. Kurios: Obwohl die Mittelschicht-Kinder gerne studieren, sind viele Eltern bei diesem Wunsch eher skeptisch. „Die sind die Schwierigsten“, sagt der Experte. „Da fallen dann Sätze wie: ‚Warum soll unser Kind denn studieren, wenn es doch auch eine Ausbildung machen kann? Ich habe 25

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das doch auch gemacht. Das ist doch gut und reicht ja aus.’“ Auf der anderen Seite seien viele Schüler auch einfach orientierungslos. „Es gibt in Deutschland ja auch 17 000 Studienfächer und 340 Ausbildungsplätze, da kann man schon mal den Überblick verlieren.“ 2010 startet Tobias an der WH. Bei der Einschreibung verändert sich sein Eindruck von der Uni. „Für mich waren Profs früher Männer im Anzug mit Schichtdenken. Bei dem Gespräch in Gelsenkirchen hat sich mein Bild aber komplett gewandelt: Der Prof lief in kurzer Hose rum. Das war alles viel lockerer.“ Der Einstieg ins Studium ist für Tobias eher ernüchternd. Es besteht zur Hälfte aus Maschinenbau, was Tobias aus der Ausbildung kennt. Aber auch zur Hälfte aus Wirtschaft. Während die Professoren ihm vorher Mut gemacht hatten, kommt nun der Schock. „Dann gingen die Vorkurse los. Zwei Wochen lang wurde der Mathe-Stoff aus der Schule besprochen. Ich konnte nur Dreisatz und ein bisschen Geometrie, Parallelverschiebung. Im Vorkurs wurden dann die Klassen 11

bis 13 wiederholt. Da kamen auf einmal Sachen wie Integrale und Vektoren. Ich war total fertig.“ Tobias sucht sich sofort eine Lerngruppe. „Die war sehr gut gemischt. Ich war in Werkstoffkunde und Elektrotechnik gut und hab den anderen das erklärt. Die haben mir dann im Gegenzug bei Mathe und Physik geholfen.“ Tobias lernt bis tief in die Nacht. Vieles ist neu für ihn. „Ich hab’ ja vorher nie mit Professoren zu tun gehabt. Und mein Mathedozent hat so viele altdeutsche Wörter benutzt, da musste ich erstmal googeln, was der überhaupt von mir will. Den habe ich so gar nicht verstanden.“

Jede Zielgruppe stößt auf unterschiedliche Baustellen Im Studium haben viele junge Erwachsene Probleme, auch wenn sie als Talente gefördert werden. „Es ist ja nicht so, dass die Fragen auf einmal aufhören. Für die Studenten ist das eine ganz neue Situation. Die Leute in ihrem Umfeld haben ja oft überhaupt keine Erfahrung mit dem Studium, ihnen fehlen die Informationen und die Motivation“, sagt Talentscout

Am Motorenprüfstand testet Tobias Neuentwicklungen unter Belastung.

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Suat Yilmaz. „Da kommen dann Fragen zum Bafög, Probleme mit der Wohnungssuche oder mit den Eltern. Jede Zielgruppe stößt auf unterschiedliche Baustellen, aber sie entstehen meistens an den Übergängen, zum Beispiel direkt am Anfang vom Schulabschluss zum Studium. Bei fehlender Unterstützung von zuhause kann es dann auch vorkommen, dass den Jugendlichen die Puste ausgeht und sie das Stipendium abbrechen.“

Begabtenförderung übt Notendruck aus Tobias hält trotz Startschwierigkeiten durch. Diese gehen weiter bis ins dritte Semester. Mathe und Physik sind Siebfächer, in ihnen hat Tobias die meisten Probleme. In den Mathe-Übungen muss er zwei Stunden lang Aufgaben lösen. „Das sollten dann Übungen zum Warmwerden sein. Und ich konnte nichts, nicht ableiten, nicht aufleiten, einfach gar nichts. Da habe ich mich schon gefragt: Was mache ich eigentlich hier? Was soll ich hier? Da fällt man absolut in ein Loch.“ Durch solche Rückschläge sinkt sein Anspruch an sich selbst. Und gleichzeitig


Bevor sie in die Serienproduktion gehen, analysiert Tobias technische Konstruktionen am PC.

steigt der Druck. „Am Anfang wollte ich erstmal nur durchkommen. Und gerade vor der Mathe-Klausur hatte ich auch die meisten Zweifel. Meine Kommilitonen hatten alle Mathe-LK und sind durchgefallen. Da macht man sich natürlich selbst nervös.“ Tobias’ Angst vor schlechten Noten, vor verschenkten Versuchen in Klausuren hat noch einen anderen Grund. Er muss bei der sbb einmal pro Semester seine Noten einreichen. „Da hat man immer die gleichen Gedanken im Hinterkopf. Was erzähle ich denen, warum meine Noten nicht passen? Vielleicht fällt dann die Förderung weg. Dann hast du kein Stipendium mehr. Du darfst bloß nicht durchfallen. Alles, nur das nicht. Dann war der Druck natürlich extrem groß.“ Tobias hat seine Klausuren zwar geschoben, durchgefallen ist er nie. „Ich habe alles in Regelstudienzeit geschafft.“ Das Ergebnis der Mathe-Klausur fällt letztlich positiv aus. Tobias besteht im ersten Versuch, und das als Studiengangsbester. Mit 2,7 hat er die beste Klausur, bei einem Durchschnitt von 4,9 und einer Durchfallquote von 50 bis 60 Prozent. „Das war dann der Moment, in dem mich irgendwann doch der Ehrgeiz gepackt hat, dieses Studium mit einer

Eins vor dem Komma abzuschließen. Da habe ich dann wirklich gewusst: Ich pack’ das Studium.“ Ab dem vierten Semester geht es für Tobias nur noch aufwärts. Er ist sogar so gut, dass ihm ein Professor anbietet, Tutor unter anderem in Rechnungswesen zu werden. „Das war für mich etwas ganz Absurdes. Ich als Hauptschüler konnte Tutor für die Abiturienten sein.“ Beim Bachelor kommt Tobias dann unter die besten zehn Prozent.

Bald Ingenieur mit Top-Abschluss Während Tobias seinen Bachelor macht, wird 2011 in Gelsenkirchen das NRWZentrum für Talentförderung gegründet. Suat Yilmaz koordiniert das an der WH. Er spricht Tobias an, ob er nicht Lust hat, über sich zu erzählen. An der WH haben zu dem Zeitpunkt nur 0,2 Prozent der Studenten und Studentinnen ein Stipendium. Yilmaz lobt genau diese. „Er hat dann zu uns gesagt: Ihr seid Talente, ihr seid Vorbilder. Versteckt euch nicht! Euch muss man fördern. Und da hat es bei mir erst richtig Klick gemacht. Da dachte ich: ‚Mensch, du kannst ja wirklich ein Vorbild sein.‘“ Seitdem berät Tobias andere Schüler und Studenten 27

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auf Hochschultagen. Mit dem Bachelor hat er nun alle Möglichkeiten. „Ab dem Moment war es egal, woher ich kam. Ich konnte überall alles studieren. Ich konnte sogar zur Uni, während ich bei meinem Bachelor noch zur FH musste. Auf einmal zählte es nicht mehr, ob ich Abi hatte oder nicht.“ Zuerst ist sich Tobias noch nicht sicher, ob er weiter studieren will. Dann wechselt er aber doch zur Fachhochschule Münster – wieder eine FH wegen des Praxisbezugs, wieder gefördert durch die sbb. Der Master ist für ihn kein Problem mehr. Mit den ersten Semestern im Bachelor hat er das Schwierigste überwunden - heute schreibt Tobias seine MasterArbeit und arbeitet währenddessen schon wieder Vollzeit in seinem Ausbildungsbetrieb. „Das ist zugegeben schon ein bisschen stressig, aber ich mache meine Arbeit gerne und habe Spaß daran“, sagt der Elektroniker von der Hauptschule, der als Ingenieur mit Top-Abschluss zurückkehren wird.


LOBBYIST EINER MINDERHEIT Fabian Menke setzt sich für die Belange von Radfahrern und Radfahrerinnen in Dortmund ein. Mit einer steilen These kämpft er gegen das Image, die Stadt sei fahrradunfreundlich: Die Infrastruktur Dortmunds ist besser als die der „Fahrradhochburg Münster“. TEXT&FOTOSJANIS BEENEN

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as knallrote Lastenfahrrad ist ein wuchtiges Gefährt. Zwischen Sattel und Vorderreifen liegt ein großer Korb. Voll beladen sorgt der für ordentliches Gewicht. Fabian Menke macht das nichts aus. Er fährt zügig über die Emil-Figge-Straße, weg vom Nordcampus der TU Dortmund. Die Innenstadt ist sein Ziel. Er ist gerne flott mit dem Rad unterwegs. Der Fahrradverkehr gehört ohnehin auf eine Fahrbahn mit dem Autoverkehr, findet der 29-Jährige, zumindest in der Stadt. Eine solche Aufteilung sei Standard in der modernen Verkehrsplanung. Ein Bürgersteig, aufgeteilt zwischen Fußgängern und Radfahrern? „Das hemmt den Fahrradverkehr zu sehr. Der ist der Dynamik von Autos ähnlicher.“ Fabian Menke ist so etwas wie die Stimme der Radfahrer in Dortmund. Er engagiert sich in Interessenvertretungen von Radlern – darunter die Velokitchen Dortmund – und beteiligt sich in städtischen Gremien zur Verkehrsplanung. Die Velokitchen ist ein offener Treff für Radler. Fachliche Expertise sammelt Fabian im Studium. Aktuell arbeitet er an seinem Master in Raumplanung. Seine Fahrt über die Emil-Figge-Straße unterbricht er abrupt. Er springt vom Rad, packt eine Digitalkamera aus. Der Radweg ist aufgrund von Kanalbauarbeiten gesperrt. Fabian möchte die unzureichende Beschilderung dokumentieren. „Die Schilder zeigen, dass man den Ersatzweg in beide Richtungen befahren darf. Das ist aber falsch. Denn auf der anderen Straßenseite gibt es ja auch einen Radweg“, klagt er. Seine Fotos schickt er an die Stadtverwaltung. Es seien häufig solche Kleinigkeiten, zum Beispiel unkla28

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Halt Stopp! Unzureichende Beschilderung und zugewucherte Wege behindern Fabians Fahrt auf der Emil-Figge-Straße.

re Wegführung oder auf den Radstreifen wuchernde Pflanzen, die Dortmund für Radfahrer unattraktiv machen würden. Obwohl es an vielen Stellen Verbesserungsmöglichkeiten gibt, kämpft Fabian gegen die vorherrschende Meinung, Dortmund sei fahrradunfreundlich. Zu diesem Image hat vor allem eine Studie des ADAC aus 2014 beigetragen. Unter zwölf deutschen Großstädten haben Experten, wohlbemerkt gestellt von einem Automobilclub, Dortmund zur fahrradunfreundlichsten erklärt. Fabian hält von diesem Test nicht viel. Die Experten hätten ausschließlich Straßen mit Problemstellen für Radfahrer gewählt, sagt der Student: „Bei diesen Strecken gibt es aber gut ausgebaute Alternativrouten, die sich bestens zum Radfahren eignen. Und es muss ja nicht jede Straße über beste Radinfrastruktur verfügen.“

Nur wenige fahren in Dortmund mit dem Rad Dann verteidigt Fabian Dortmunds Ruf mit einer Aussage, die aufhorchen lässt: „Die Infrastruktur hier ist an vielen Stellen besser als in Münster.“ Besser als in Deutschlands „Fahrradhauptstadt“? Fabian erklärt: Viele Hauptstraßen in Dortmund seien für den Radverkehr geöffnet. Die Benutzungspflicht von Radwegen auf dem Bürgersteig sei an vielen Stellen gekippt. Radfahrer dürfen auf einer Fahrbahn mit Autos fahren.

Teilweise sind eigene Bereiche markiert oder Schutzstreifen eingerichtet. Diese Elemente moderner Verkehrsführung habe Dortmund Münster voraus. So sei insbesondere der Weg aus der Innenstadt in die außerhalb liegenden Bezirke gut zu bewältigen. In Münster gilt an vielen Stellen noch die alte Regelung, dass, falls ein Fahrradweg auf dem Bürgersteig existiert, dieser auch genutzt werden muss. Ein zentrales Problem für den Radverkehr in Dortmund sei, dass Fahrräder nur einen Anteil von sieben Prozent am Gesamtverkehr haben. Viele Menschen würden lieber aufs Auto zurückgreifen. Das mache die Entwicklung einer fahrradfreundlichen Stadt natürlich schwieriger. Mit verschiedenen Aktionen versucht Fabian, die Dortmunder zu motivieren, aufs Rad zu steigen. Einmal im Monat gibt es den offenen Radtreff „Critical Mass“. „Dabei fahren wir ausgehend vom Friedensplatz durch die Stadt“, sagt Fabian. Jährlich gibt es zudem eine Sternfahrt in die Innenstadt, mitorganisiert vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC), der Stadt und Fabians Velokitchen. Bei der Sternfahrt radeln die Teilnehmer aus Nachbarstädten oder außerhalb liegender Stadtteile ins Zentrum, um ein Zeichen für die Förderung des Radverkehrs im Ruhrgebiet zu setzen. Das Problem des gefühlt geringen Stellenwerts der Radfahrer in Dortmund bestätigt auch eine Studie des ADFC 29

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aus 2014. Basierend auf Interviews mit 360 Radfahrern wurde die Bedeutung der Fahrräder im Straßenverkehr mit der Note 4,6 bewertet. Das heißt, dass sie aus Sicht der Radler in der Verkehrsplanung einen geringeren Stellenwert als Autos haben. Insgesamt belegt Dortmund in dieser Erhebung im Vergleich zu anderen deutschen Großstädten Platz 25 von 39. Besonders positiv fällt hingegen die mit einer 2,9 bewertete Infrastruktur auf.

Manchmal scheitern Planungen an der Politik Um einen großen Schritt in Richtung Fahrradfreundlichkeit zu machen, wünscht sich Fabian die Umsetzung eines modernen Modells der Verkehrsplanung. Er hofft auf Fahrradstraßen. Das sind Strecken, die parallel zu Hauptstraßen liegen und nur für Radfahrer und die Autos der Anwohner freigegeben sind. In Essen sei dieses Konzept an zahlreichen Stellen umgesetzt und habe sich bewährt. Zudem fordert Fabian von der Stadt, bei Neuplanungen die Radfahrer zu berücksichtigen. Zu häufig würden noch Unsauberkeiten passieren. „Ein Beispiel aus diesem Jahr ist der Umbau der Bushaltestelle ,Am Gardenkamp‘ in Eichlinghofen“, sagt Fabian. Hier ende der Radweg nun auf beiden Seiten der Haltestelle. Wie die Strecke dazwischen überwunden werden soll, sei unklar. Denn eigentlich ist es nicht erlaubt, durch den Haltestellenbereich zu fahren.


Dafür, dass bei neuen Verkehrsplanungen die Radfahrer nicht übergangen werden, engagiert sich Fabian im städtischen Beirat „Nahmobilität“, der im Mai neu gegründet wurde. Das Gremium, bestehend aus Verkehrsvereinen, Politikern und Angestellten der Verwaltung, berät die Stadt bei Fragen der Stadtentwicklung. Fabian vertritt im Beirat den Verein „Velocity Ruhr“.

Oberbürgermeister Sierau unterstützt Radfahrer Dass die Verwaltung auf Radfahrverbände zugeht, ist Teil einer Entwicklung. Immer mehr Behörden nähmen auf die Interessen der Fahrradfahrer Rücksicht, sagt Fabian. Problem sei eher die Politik. Sie muss den Verwaltungsplänen zustimmen. Das tue sie regelmäßig nicht. Durch die SPD, die die größte Fraktion im Dortmunder Rat stellt, gehe ein Riss. „SPD-Oberbürgermeister Ullrich Sierau ist selbst begeisterter Alltagsradfahrer“, sagt Fabian. Daher unterstütze er die Entwicklung einer fahrradfreundlichen Stadt. Bei den SPD-Abgeordneten in den Bezirksvertretungen sehe das häufig anders aus. Das liege wohl daran, dass sich häufig Anwohner gegen Projekte zum Ausbau des Fahrradnetzes wehren. Diese möchten die Wahlkreisvertreter nicht vor den Kopf stoßen, vermutet Fabian. Auf seiner Tour in Richtung Innenstadt biegt Fabian auf eine Straße, die exemplarisch für den Protest von Anwohnern ist. Gemeint ist die Große Heimstraße im Kreuzviertel. Eine ruhige Nebenstraße ohne viel Durchgangsverkehr, dafür vollgeparkt von den Anwohnern. Seit einigen Monaten gibt es den Plan, diese in eine Fahrradstraße umzuwandeln. Sollte es soweit kommen, werden Parkplätze für Autos wegfallen. Und die sind in der Innenstadt bekanntlich ohnehin selten. Die Anwohner wehren sich. Fabian hofft dennoch, dass die Fahrradstraße kommt. Denn der nächste Schritt in Richtung einer fahrradfreundlichen Stadt soll getan werden.

Fabian ärgert sich, wenn auf dem schmalen Fahrradweg auch noch Hindernisse stehen.

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SAG MAL, PROF …!? Wie funktionieren 3D-Brillen?

, PROF SAG MAL

TEXT&FOTOTIMO HALBE MONTAGESTEPHAN KLEIBER ILLUSTRATIONSUE KUNKEL

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m Kino entsteht ein 3D-Bild, indem Kameras zwei Bilder aus zwei leicht unterschiedlichen Blickwinkeln produzieren. Eine 3D-Brille hat dann die Aufgabe, diese Bilder jeweils in nur eines der beiden Augen zu leiten. Grundlage dafür ist unser räumliches Sehvermögen: Wir haben zwei Augen, die aus zwei Blickwinkeln in den Raum gucken. Dabei nehmen sie jeweils ein eigenes Bild auf und leiten dieses an das Gehirn weiter. Dort werden beide Bilder dann so zusammengesetzt, dass wir einen räumlichen Eindruck erhalten. Wie unser Gehirn das genau macht, ist der heutigen Forschung noch unbekannt.

in vertikaler Richtung. Trifft das Licht auf die Projektionsfläche, wird es reflektiert und behält dabei die Polarisationsrichtung bei. Dies ist nur möglich, weil Leinwände für 3D-Filme zu einem gewissen Anteil aus Metall bestehen. Bei einer normalen Leinwand würde die Schwingungsrichtung bei der Reflexion verändert. Die Brillengläser besitzen dann sogenannte Polarisationsfilter. Diese kann man sich als dünne Stäbchen vorstellen, die unterschiedlich angeordnet sind: im einen Brillenglas horizontal und im anderen vertikal. Durch diese Gitter gelangt so nur das Bild mit der passenden Polarisationsrichtung in das Auge. Das Gehirn produziert dann den 3DEffekt.

3D-Filme werden mit Kameras produziert, die zwei Objektive haben. Diese sitzen ungefähr im Abstand unserer Augen nebeneinander. Daher ist auf der Kinoleinwand ohne 3D-Brille auch immer ein Doppelbild zu sehen. Für einen 3D-Effekt darf jedes Auge jedoch nur eines der Bilder wahrnehmen. Dafür zu sorgen ist gar nicht so einfach. Um die Bilder zu trennen, hat man früher sogenannte Rot-Grün-Brillen verwendet. Das eine Bild auf der Leinwand war dann rot und gelangte nur durch das Brillenglas mit der grünen Folie. Das andere Bild war grün und gelangte nur in das Auge mit roter Folie davor. Allerdings ging dadurch die Farbinformation des Bildes verloren und der Film war nur in Schwarz-Weiß. Da die Filmindustrie natürlich farbige 3D-Filme produzieren will, nutzt sie seit einigen Jahren eine neue Technologie, um die beiden Bilder zu trennen: Polarisation.

Diese Technik hat aber auch einen Nachteil: Schaut man ein wenig schräg, ändert sich die Anordnung der Stäbchen und der 3D-Effekt geht verloren. Um dies zu verhindern, werden mittlerweile die elektromagnetischen Wellen durch den Projektor in kreisende Schwingungen gebracht. Beim einen Bild schwingen die Kreise rechts rum, beim anderen links rum. Durch eine bestimmte Anordnung der Stäbchen wird dann auch hier dafür gesorgt, dass nur ein Bild in jeweils ein Auge gelangt. Falls der Film in 2D ausgestrahlt werden soll, wird übrigens einfach nur ein Bild aus einem der beiden Objektive der 3D-Kamera verwendet.

Licht ist eine elektromagnetische Welle, die in unterschiedliche Richtungen schwingen kann. Man spricht von der Polarisationsrichtung. Ein 3D-Projektor strahlt die beiden aufgezeichneten Bilder getrennt aus. Bei dem einen Bild schwingen die elektromagnetischen Wellen in horizontaler Richtung. Beim anderen schwingen sie

Prof. Dr. Metin Tolan arbeitet am Lehrstuhl Experimentelle Physik I an der TU Dortmund.

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ABGEFLOGEN

EN

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Sich fühlen wie im freien Fall: Geht entweder im Freizeitpark, beim Fallschirmspringen oder im Windkanal. Das pflichtlektüre-Team ist mit dem Semesterticket bis nach Bottrop gefahren und hat Indoor-Skydiving ausprobiert.

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TEXTLUKAS HEMELT FOTOCHRISTOPHER HOLLETSCHEK

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bis zu 17 Metern erreicht und der Traum vom Fliegen wahr werden.

her nicht ab – trotz Gebläse mit fast 200 Stundenkilometern von unten.

Dann heißt es fliegen. Eineinhalb Minuten, wahlweise mehr oder weniger. In Deutschlands einziger professioneller Indoor-Skydiving-Simulation in Bottrop können Menschen ab vier Jahren auf der Suche nach Adrenalin und dem besonderen Kick den freien Fall erleben – in einer kostengünstigen Version des Fallschirmspringens. Mit Hilfe einer gläsernen Flugkammer mit 4,30 Metern Durchmesser kann eine Flughöhe von

Möglich macht das ein Windkanal, durch den pro Sekunde mehr als 1000 Kubikmeter Luft strömen. Vier Ventilatoren mit insgesamt über 40 Tonnen Gewicht und 2170 PS erzeugen Geschwindigkeiten von bis zu 286 Kilometern pro Stunde. Dadurch können sowohl Anfänger als auch Fortgeschrittene einen Fallschirmsprung simulieren. „Das ist alles gelebte Physik“, erklärt Christian Böhlke vom Skydiving-Team. Je nach Statur der Fliegenden und Position in der Luft werden die Geschwindigkeiten eingestellt - mich trieben circa 190 Stundenkilometer in die Höhe. Damit vor allem Anfänger nicht kreuz und quer durch den Glaskasten fliegen, steht immer ein Instructor mit in der Flugkammer und gibt Hilfestellungen beim Fliegen. Durch die senkrechte Position bietet die unterstützende Person weniger Angriffsfläche als ich, der ich waagerecht in der Luft liege. Sie hebt da-

Und nun: Hinfahren oder zuhause bleiben? Ein Ausflug lohnt sich für alle, die auf Action stehen, schon immer mal außerhalb eines Flugzeugs das Gefühl des Fliegens erleben oder vielleicht auch die Angst davor überwinden wollen. Ab 49 Euro kann man innerhalb einer Stunde in die Flugkleidung schlüpfen, die wichtigsten Kniffe erlernen und mindestens zweimal eine Minute fliegen. Dank fachkundiger Unterstützung schafft fast jeder den Flug, auch wenn man wie ich nicht das größte körperliche Feingefühl besitzt und die Kontrolle über die Beine verliert. Das Lächeln für Fotos sollte man auch lieber sein lassen, sonst geht einem trotz jeder Menge Luft von unten schnell die Puste aus. Und wer sich nicht ganz ungeschickt anstellt, der erhält am Ende auch sein Diplom – so wie ich – und kann mit ein bisschen mehr Übung zum geübten Flieger, dem „Proflyer“, werden.

eilnahmebedingungen ausgefüllt, fit fürs Fliegen. Rein in den roten Overall und kurz in einen Vorbereitungsraum. Briefing: „Immer cool bleiben. Gedanken aus, einfach entspannen und chillen“, sagt Instructor Tanja und schüttelt dabei locker-lässig ihre Hand. Dann geht’s rein: Stöpsel in die Ohren, Brille und Helm auf. Durch die Sicherheitsschleuse zum Eingang in den Windkanal. Arme hochgestreckt, Hüfte nach vorne gebeugt und schon bin ich in der Luft.

Wo? Prosperstraße 297, 46238 Bottrop (am Alpincenter) Wie? Von Dortmund Hauptbahnhof mit dem RE1 bis Essen Hauptbahnhof und dort in die S9 umsteigen. Ab Bottrop Hauptbahnhof mit dem Bus 262 bis Prosperstraße/Ostring, dort umsteigen in den Bus 263 bis Alpincenter. Wann? Montags bis sonntags 9 bis 21 Uhr; Voranmeldung notwendig Wie viel? 2 Flüge 49 Euro; 4 Flüge 89 Euro Web? indoor-skydiving.de

Wir verschenken ein „AIRlebnis für Zwei“! Schreibt uns eine Nachricht an die Facebook-Seite pflichtlektüre und ihr landet im Lostopf. 32

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IMPRESSUM Herausgeber Institut für Journalistik, TU Dortmund Projektleiterin Prof. Dr. Wiebke Möhring Redaktionsleiterin Sigrun Rottmann Redaktion Uni-Center, Vogelpothsweg 74, Campus Nord, 44227 Dortmund Tel.: 0231/755-7473, post@pflichtlektuere.com Chefin vom Dienst Julia Knübel Textchef & Logistik Nico Feißt Illustrationen Anja Hardt, Sue Kunkel Freepik.com Fotoredaktion Daniela Arndt, Christopher Holletschek, Julia Schindler Layout & Grafik Janis Beenen, Naima Fischer, Stephan Kleiber, Olga Kourova, Malin Annika Miechowski, Anneke Niehues, Martin Schmitz Redakteure und Reporter Markus Bergmann, Claudia Brade, Johanna Daher, Alexandra Domanski, Niklas Dummer, Mona Fromm, Michelle Goddemeier, Nils Gronemeyer, Timo Halbe, Lukas Hemelt, Julian Hilgers, Pia Lisa Kienel, Tim Kröplin, Thorben Lippert, Martin Nefzger, Dominik Reintjes, Hannah Steinharter, Lara Wantia Das Grafik-Team dankt: Universal-Symbolbild-Model Jonathan sowie Caros Cousin, dem Kanye. Und TAUSEND Dank an alle fleißigen Urlaubsknipser. Druck Hitzegrad Print Medien & Service GmbH Auf dem Brümmer 9 44149 Dortmund

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