pflichtlektuere_04_2015

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onntag. Erst einmal die Jogginghose an, Lernen ist schon ungemütlich genug. Dann mein Schreibtisch, 139 Spanisch-Vokabeln und ich. Ich setze mich auf meinen Drehstuhl und schlage mein Vokabelbuch auf. Lektion acht: Erziehung, Schule, Universität – wie passend. Bis zum Ende dieses Semesters muss ich für meine Spanischklausur Vokabeln auswendig lernen. Ich beginne zu lesen, laut, um mir die Betonung so vorzusprechen, dass ich mir die Akzentuierung der Wörter merken kann. La guarderiiiiia (la guardería), der Kindergarten. So lernen sicherlich auch meine Nachbarn gleich mit. Die werden sich freuen. Ich rutsche langsam auf meinem Stuhl nach vorne. Huch, zu weit und außerdem unbequem. Mist. Vielleicht ein Stück weiter nach hinten? Der Stuhl rollt zurück, mein Rücken hängt durch. El comedor universitario, die Mensa. Stimmt, Hunger hätte ich auch und mein Rücken tut weh. Mit einer Klatschzeitschrift halte ich nun die spanischen Vokabeln zu. Die Wandtafel. Ich ziehe die Zeitschrift ein Stück herunter, um das spanische Wort sehen zu können – richtig, la pizarra. Oh, Wladimir Klitschko mit seiner kleinen Tochter am Strand. Halt, so geht das nicht weiter! Es muss doch einen Weg geben, Lernen so zu gestalten, dass es schneller ist und trotzdem effektiv! Dass es vielleicht sogar Spaß macht und ich mich nur auf die Lerninhalte fokussiere!

Aktiv sein ist die Devise Googelt man „besser lernen“, schlägt die Suchmaschine zuerst zweierlei vor: einerseits „besser lernen durch Hypnose“ und andererseits „besser lernen durch Bewegung“. Hypnose? Vielleicht ein bisschen zu viel des Guten. Bewegung erscheint mir sinnvoller und alltagstauglicher. Was aber kann ich mir darunter vorstellen? In einem Zeitschriftenartikel habe ich einmal etwas über das sogenannte „Active Office“ gelesen, das vor allem in den USA weit verbreitet ist. Mithilfe von Ringen an der Decke, Reckstangen und Hindernissen, die es zu überwinden gilt, sollen Mitarbeiter in Büros zu mehr Bewegung animiert werden. Firmenchefs hoffen,

dass sich dadurch Konzentration und Gesundheit ihrer Angestellten verbessern. Ob das auch beim Lernen funktioniert? Gut, mit Ringen an der Decke und Reckstangen an der Wand wird der Vermieter wohl eher nicht einverstanden sein, aber Hindernisse lassen sich doch ganz leicht umsetzen. Aus Ordnern, Katzenspielzeug, Stühlen, Büchern und allem, was ich so finden kann, entsteht ein kleiner Parcours in meinem Zimmer. Bevor ich meinen Test beginne, möchte ich wissen, ob und inwiefern sich Bewegung auf das Lernen auswirken kann. Kann Bewegung überhaupt die Konzentration fördern und wenn ja: Wie setze ich das am besten im Alltag um? Ich frage Ulrike Burrmann, Professorin am Institut für Sport und Sportwissenschaft an der TU Dortmund. Sie hält Bewegung zwischen den Lerneinheiten oder sogar beim Lernen für sinnvoll. Sie könne jedoch nicht einschätzen, wie effektiv sie tatsächlich sei. Bei der Betrachtung von Studienergebnissen sei Vorsicht geboten. Man müsse unter anderem beachten, ob es eine Vergleichsgruppe gebe, die sich gar nicht oder nur wenig bewegt.

Bewegtes Lernen oder bewegte Pausen? „Manche Studien deuten durchaus darauf hin, dass die bewegte Pause positive Effekte haben kann.“ Ob bewegte Pausen oder bewegtes Lernen die richtigen Methoden seien, hänge von jedem selbst ab. Allerdings sollte man in den bewegten Pausen darauf achten, inwieweit man sich anstrengt. Denn ist der Körper zu erschöpft, trage die Bewegung nicht zur Konzentrationsförderung bei. „Nach dem Sport ist man müde und braucht eine Zeit, um sich wieder richtig konzentrieren zu können. Sich auszupowern, um den Kopf frei zu kriegen oder wieder ruhiger schlafen zu können, würde ich dann empfehlen, wenn man weiß, dass man danach erst einmal ein paar Stunden Ruhe hat“, erklärt Burrmann. Laufen zu gehen sei beispielsweise eine Option, um sich nach dem Lernen auszupowern, man könne es in „leichterer“ Form auch in der bewegten Pause einsetzen. Am folgenden Sonntag: mein Parcours, 207 Spanisch-Vokabeln und ich. In 13

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Jogginghose und mit meinem Vokabelbuch bewaffnet stelle ich mich an den Anfang der Teststrecke. Ich schlage das Buch auf, Lektion neun: Berufs- und Arbeitswelt – da will ich hin. Und wenn mich ein Hindernisparcours als VokabelTrainer dahin bringt, warum nicht? Ich gehe los, zwischen den zwei Stühlen hindurch. „La herramienta“ bedeutet „das Werkzeug“. Ich steige über die Ordner – bloß nichts umwerfen – und laufe Slalom um die Bücherstapel. An der Leinwand vorbei, zwischen Tisch und Sofa hindurch, erste Runde geschafft. Ich muss mich auf drei Dinge gleichzeitig konzentrieren: den Parcours einzuhalten, nichts umzuwerfen und meine Vokabeln zu lernen. Mein Gehirn jongliert mit diesen Vorgängen und meistert sie reibungslos. Nein, stopp, ich habe einen Bücherstapel umgenietet. Macht nichts, wiederaufbauen und weiter geht es. La ferreteriiiiia (la ferretería), die Eisenwarenhandlung. Ich gehe zwischen Sofa und Tisch hindurch. Obwohl ich mich in diesem Fall sogar auf mehrere Dinge gleichzeitig konzentrieren muss, scheint mein Gehirn alles besser zu verarbeiten. Dass ich 68 Vokabeln mehr lernen muss als vor einer Woche fällt gar nicht auf. Beim Lernen am Schreibtisch musste ich mich zwar im Grunde lediglich auf die Vokabeln konzentrieren, wurde jedoch von anderen Reizen abgelenkt. Ich laufe an der Leinwand vorbei. Organizar, organisieren. Fertig. „Nach dem Lernen auspowern“, hatte Frau Burrmann empfohlen. Aber Laufen gehen? Nein, danke. Keine zehn Pferde bringen mich dazu, jetzt noch Laufen zu gehen. Doch Zumba geht immer. Und nach einer Stunde fühle ich mich doch gleich viel wohler.

Die ganz eigene Prüfungsstrategie Aber was ist denn nun der richtige Weg? Gibt es überhaupt DEN einen Weg? Was mir hilft, muss ja nicht unbedingt für jeden das Richtige sein. Professorin Burrmann empfiehlt eine Strategie zur Prüfungsvorbereitung zu entwickeln, die auch auf Dauer in den Alltag integrierbar ist. Jeder sollte individuell für sich herausfinden, wie man das Lernen so gestalten