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PFLEGE

auch für Menschen mit Demenz. Allerdings ist der Grat zwischen Fürsorge und Autonomie ein sehr schmaler: Können beide jeweils zum Ausdruck bringen, wenn das Verhalten des anderen als übergriffig empfunden wird? Und kann der andere dies dann verstehen und entsprechend sein eigenes Bedürfnis zurückstellen? Wo müssen wir Pflegenden und Betreuenden uns zurückziehen, um Privatheit zuzulassen und wie weit im Rahmen der Fürsorge Kontrolle ausüben?

Wir als Gesellschaft diskriminieren das Alter schlechthin und die Pflegenden noch dazu. Wir entziehen Osteuropa, den Drittstaaten, den Philippinen u. a. ihre Pflegenden, zerrütten Familien und das dortige Gesundheitssystem, statt den Beruf an sich generell attraktiver zu gestalten, die Arbeitsbedingungen zu verbessern und somit Menschen langfristig an den Beruf zu binden. Ganz aktuell übertrifft sich Herr Spahn selbst: Mit der Gründung der Deutschen Fachkräfteagentur für Gesundheits- und Pflegeberufe im Dezember 2019, die zwar das löbliche Ziel verfolgt, Anerkennungsverfahren zu entbürokratisieren, darüber hinaus aber auch Pflegefachkräfte u. a. aus Mexiko abwerben will. Ein Verfahren, das in dieser Form dem WHO Verhaltenskodex zur internationalen Anwerbung von Gesundheitsfachkräften widerspricht. Ganz nebenbei verpflichtet uns die Anwerbung zu Recht übrigens auch zur gelingenden Integration, einer Willkommenskultur, die die immer stärker vertretenen rechten Kräfte im Lande beschämender Weise nicht in Aussicht stellen. Dies zeigt eine Gemengelage auf, die Niemandem gegenüber fair ist. Auch für diese Art der Gewalt, über die Landesgrenzen hinaus, darf sich unsere Gesellschaft verantwortlich fühlen. Pflege kostet. Nimmt unsere Gesellschaft deshalb strukturelle Gewalt billigend hin - in einem Land, das 2019 gemessen am Gesamtvermögen international auf Platz 4 des Global Wealth Report steht? Gemessen am Bruttoinlandsprodukt investieren wir nur 1 % unserer Gesamtausgaben in die Pflege – die Skandinavier beispielsweise 2,5 % und dies ohne Pflegeversicherung. Kommerzielle Pflegeheime gibt es dort gar nicht. Die Verwaltung der Pflegeheime obliegt der Verantwortung der Kommunen. Statt auf fünf Bewohner kommt dort eine Pflegefachkraft auf nur zwei Bewohner. Bedingungen, unter denen es sich gut über Gewalt in der Pflege diskutieren lässt. Wer Gewalt in der Pflege verhindern möchte, darf also Pflege an sich nicht verhindern.

Wenn wir von personeller Gewalt sprechen, gibt es immer eine Ursache, einen Nährboden wie etwa Strukturen, die diese Gewalt erst möglich machen, begünstigen oder dulden. Da bedarf es eines sehr sensiblen Teams, das über den Willen, die Fähigkeiten und Möglichkeiten verfügt, gemeinsam unter Berücksichtigung ethischer Prinzipien Lösungen für jeden individuellen Fall zu erarbeiten. Das gesamte Leitungsteam muss mit einem entsprechenden Konzept und einer Haltung, die auch die Mitarbeitenden mittragen, offen für das Thema Gewaltprävention sein. Im Grunde ist dies sehr eng verknüpft mit dem neuen Expertenstandard Beziehungsgestaltung bei Menschen mit Demenz. Denn Gewalt unter Menschen, die dem stationären Zusammenleben unterworfen sind, kann nur über die vielen komplexen Beziehungen und deren Gestaltung sowie die Gestaltung der Umgebung beleuchtet und gelöst werden. Nicht immer wird diese Lösung gelingen, dann bleibt immer noch die validierende Grundhaltung. … zur strukturellen Gewalt Für all dies braucht es vor allem eines: Ausreichendes und qualifiziertes Personal. Zum jetzigen Zeitpunkt sind die Pflegenden am Limit – sie erfahren von Seiten der Gesellschaft und der Politik ein empörendes Maß an gesellschaftlicher und struktureller Gewalt, welches sie einer Ohnmachtssituation aussetzt: Das Herz will, aber die Hände können nicht. Unsere Gesellschaft wird den besonderen Bedürfnissen von Menschen mit Demenz nicht gerecht. Sie wird auch den Bedürfnissen der jetzt Pflegenden nicht gerecht. Strukturelle Gewalt kann und darf zwar niemals eine Rechtfertigung für personelle Gewalt sein. Jedoch sabotiert sie einen reflektierten, lösungsorientierten und professionellen Umgang mit Gewalt in der Pflege.

QUELLEN WHO Bericht, 2008 Stiftung Zentrum für Qualität in der Pflege, ZQP Deutsche Alzheimer Gesellschaft, Prof. Dr. Dr. Rolf D. Hirsch Charta der Rechte hilfs- und pflegebedürftiger Menschen, Bundes­ ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2018 Hermes Intensivpflege, Pflege in aller Welt – Skandinavien WHO Verhaltenskodex zur internationalen Rekrutierung von Gesundheitspersonal Münchner Merkur: Jens Spahn: Pflegeheime sollen leichter an neues Personal kommen, 07.12.2019 Süddeutsche Zeitung: Spahn will Zugang für ausländisches Personal erleichtern, 02.12.2019

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Pflege in Bayern Ausgabe 53  

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