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PFLEGE

Kraft ist man auf solche Situationen oft nicht vorbereitet. Es fehlt an Strategien im Umgang und in der Aufarbeitung. Das kommt dann mit der Berufserfahrung.“ Manche Pflegedienstleitungen sehen in ihren Einrichtungen einen Zusammenhang zwischen der steigenden Zahl demenziell erkrankter Männer und der Zunahme sexueller Übergriffe. Meine Frage, ob Alter, Berufserfahrung und Fachlichkeit davor schützen, wird größtenteils bejaht. Demenzielle Veränderungen oder entsprechende Charaktereigenschaften sind zwei Beispiele für Ursachen der Übergriffe. „Hinzu kommt, dass einigen Pflegekräften die Gabe oder der Wille der Reflexionsfähigkeit fehlt, um den eigenen Anteil an einer eskalierenden Situation erkennen zu können.“ Gerade bei ausländischen Pflegekräften scheint Reflektion kein Bestandteil der Ausbildung gewesen zu sein, erfahre ich auf Nachfrage. Missverständnisse zwischen Pflegebedürftigen oder Pflegekräften können harmlose Situationen eskalieren lassen. Auch sprachliche Barrieren, tagesformabhängige Befindlichkeiten und kulturelle Unterschiede bieten Konfliktpotenzial – dies trifft auch für Mitarbeiter*innen in der Hauswirtschaft zu. Sind Pflegekräfte mit Migrationserfahrung häufiger von Gewalt betroffen? Darüber lacht eine PDL herzlich: „Ist das eine ernsthafte Frage? Je nach Einrichtung fallen 70–80 % unserer Pflegekräfte unter diese Definition.“ Anders gefragt: „Gibt es einen erkennbaren (subjektiv empfundenen) Zusammenhang zwischen Gewaltzunahme und dem steigenden Anteil nicht einheimischer Pflegekräfte?“ Einige langjährige Pflegedienstleitungen bejahen dies in Gesprächen, andere sehen keinen Zusammenhang. Angehörige und Gewalt gegen Pflegekräfte Eine Pflegekraft aus dem ambulanten Bereich berichtet von männlichen Angehörigen, die übergriffig wurden, indem sie junge Pflegekräfte mit anzüglichen Bemerkungen begrüßten, bei der Positionierung der zu Pflegenden mithalfen und dabei gezielt körperliche Nähe suchten. Der zuständige Pflegedienstleiter reagierte hier umgehend, es kamen nur noch männliche Pflegekräfte zum Einsatz. Daraufhin kündigten die Angehörigen dem Pflegedienst.

Sehr verletzend empfand eine Pflegekraft die Aussage eines Angehörigen, der ihr vorwarf, zu langsam zu arbeiten. Traurig merkt sie an: „Im Umgang mit an Demenz Erkrankten kann man aber nicht schnell arbeiten, nur sieht das ein Angehöriger nicht, der fachlich keine Ahnung hat.“ Weitere Ursachen für Gewalt ausgehend von Angehörigen können kulturell bedingte Frauenbilder, Sozialisation im Allgemeinen, psychische Erkrankungen und latente Gewaltbereitschaft sein. Ich werde gebeten auf die Bedingungen hinzuweisen, unter denen Pflegekräfte in der stationären Dauerpflege häufig arbeiten müssen. Es fallen Stichwörter wie familienunfreundliche Arbeitszeiten, fehlende Kinderbetreuung, die sich an Schichtzeiten orientiert, hohe Verantwortung, wenig Gestaltungsspielraum, permanenter Zeitdruck, Fachkräftemangel. Wenn man unter diesen Bedingungen arbeiten müsse, sei es nicht verwunderlich, wenn Nervenkostüme blank lägen. Gewaltprävention und verschiedene Möglich­keiten Gewalt zu begegnen Der Arbeitgeber kommt seiner Fürsorgepflicht nach, indem er bekannt gewalttätige Pflegebedürftige nicht aufnimmt und mit dafür sorgt, dass sie an Pflegeheime vermittelt werden, die darauf eingerichtet sind. Berichtet wird von einem Heimbewohner, der sich so verhaltensauffällig zeigte, dass die PDL versuchte, ein zeitweises Einschließen des Bewohners auf seinem Zimmer und eine entsprechende Medikamentengabe richterlich genehmigen zu lassen. Wenn man keine alternativen Handlungsmethoden mehr kennt, stehen am Ende leider drastische Maßnahmen. Gespräche mit Betreuern, Angehörigen und Fachärzten waren erfolglos geblieben, der Antrag scheiterte. Eine sehr belastende Situation für alle. Nach einer Akutaufnahme des Herrn in einer psychiatrischen Klinik erhielt die Einrichtung glücklicherweise Unterstützung. Der Mann konnte schließlich in einer spezialisierten Einrichtung untergebracht werden. Was schützt? Wissen im Bereich Kommunikation und Gesprächsführung - besonders Schulungen in gewaltfreier Kommunikation – sind unbedingt nötig. Dadurch

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lassen sich viele Situationen entschärfen bzw. entstehen erst gar nicht. Kenntnisse über demenzielle und andere psychische Erkrankungen sind nicht nur für Pflegekräfte, sondern auch für hauswirtschaftliche Kräfte sinnvoll. Kollegiale Beratung ist eine gute Strategie. Kolleginnen und Kollegen unterstützen sich darin, kritische Situationen einzuschätzen und Handlungsalternativen aufzuzeigen. Als PDL oder Case Manager ist es wichtig, Anzeichen für häusliche Gewalt festzustellen, um potenziell gewalttätige Pflegebedürftige erkennen zu können. Erwähnt wird noch, dass Gewalt ein gesamtgesellschaftliches Problem ist, das Gewaltpotenzial generell steigt und auch vor der Pflege nicht Halt macht. Wichtig ist, entsprechend gegenzusteuern. „Wir müssen sensibilisieren, erkennen, handeln“ Alle befragten Pflegefachkräfte sind der Meinung, dass es wichtig ist, sich und andere für das Thema Gewalt zu sensibilisieren. Erkennen und hinsehen sind der erste Schritt auf dem Weg zur Vermeidung oder noch besser zur Prävention, d. h. bereits zu Beginn der pflegerischen Ausbildung auf diese schwierigen Situationen vorzubereiten und die Auszubildenden zu begleiten. Das Präventionsprogramm eines Trägers sieht beispielsweise vor, die Mitarbeiter*innen in einer eintägigen Fortbildung von einem Pflegewissenschaftler speziell im Präventionsbereich zu schulen. Führen gute Arbeitsbedingungen zu weniger Gewalt? Eine PDL, die in ihrer Einrichtung keinen Personalmangel erlebt, sieht einen Zusammenhang zwischen guten Arbeitsbedingungen und dem Rückgang von Gewalt. Betriebliches Gesundheitsmanagement voranzutreiben und als Arbeitgeber dadurch ein Alleinstellungsmerkmal vorzuweisen, könnte ein interessanter Denkansatz sein. — Der Artikel erhebt keine wissenschaftlichen Ansprüche auf Richtigkeit. Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es sich hier um einen Erfahrungsbericht von Fachkräften handelt, die direkt in der Pflege arbeiten. —

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Pflege in Bayern Ausgabe 53  

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