Il Canto della Terra - Der Gesang der Erde

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IL CANTO DELLA TERRA Der Gesang der Erde FRANCESCA CATALDI ANNA ESPOSITO DANIEL HEES WALTER KRATNER Katalog-Auszug Bildtafeln und Texte zu den Ausstellungen in Rom (Biblioteca Casanatense) Weiz (Kunsthaus) Stuttgart (W端rttembergische Landesbibliothek)



Stefania Severi Kuratorin

«Il Canto della Terra«– Die Entstehungsgeschichte eines Projektes Das Projekt „Il Canto della Terra“ („Der Gesang der Erde“) begann im Herbst 2010 Gestalt anzunehmen. Einen ersten Anstoß hatte mir mein Essay über Francesca Cataldis „work in progress“ gegeben. Vor allem drängte mich eine anhaltende Faszination, die von den magischen Räumlichkeiten der Biblioteca Casanatense ausging, seitdem ich dort erstmals eine Ausstellung kuratieren durfte. Schon damals schien mir, als befinde sich in dieser Bibliothek der „Altar aller Papiere“. Gewichtige Gründe, in diesem besonderen Ambiente eine Schau einzurichten, die sich ausschließlich dem Medium Papier widmen sollte. Papier nutzte auch Francesca Cataldi zu dieser Zeit. Auf ungewöhnliche Weise kombinierte sie es mit Metallen, um grafische Strukturen zu erzeugen, die sie durch komplexe digitale Manipulationen verfremdete. Bilderzählungen aus modularen Strips entstanden, die weniger an das „Bewusste“ appellierten, sondern sich an ein „Unbewusstes“ richteten. In ihrer Serie bildete das Element „Erde“ eine auffallende Konstante. Ebenso in den Holzschnitten von Daniel Hess und in der beißenden Ironie von Anna Espositos zoomorphen Bildkompositionen. Drei künstlerische Positionen, die ich unbedingt im Kontext „Erde“ vorstellen wollte. Zwei italienische Damen und ein deutscher Herr? – Diese Kombination schien mir doch etwas aus der Balance zu sein und ich erinnerte mich an meinen alten Freund Walter Kratner. Ein raffinierter Konzeptkünstler, den ich bereits 2004 zur Teilnahme an der Ausstellung „Venite Adoremus“ bewegen konnte. Damals die erste Ausstellung in einer Reihe zeitgenössischer Sakralkunst, die 2010 ihre sechste Edition erreichte. Auf Anfrage erfuhr ich von seiner Arbeit über Hart Island, über diese unglaubliche Insel, über die Erde des Todes und des Schmerzes. Mit seiner Zusage ergab sich auch die Gelegenheit einen Ausschnitt der römischen Ausstellung im „Kunsthaus Weiz“ zu zeigen, das sich im Verbund mit der lokalen Stadtbibliothek befindet. Zufall? – „Zufall gibt es nicht!“, pflegte Giorgio De Chirico zu sagen und sprach von „Patafisica“ als Möglichkeit, die Ereignisse beeinflussen zu können. Bekanntermaßen begleiten oft literarische Texte die visuellen Künste und Bücher bestehen meist aus Wort und Bild. Also galt es, für mein Ausstellungsthema eine Stimme der Poesie zu finden. Ich fand sie in den Schriften des Poeten und Philosophen Claudio Claudi. In der ihm gewidmeten Stiftung arbeiteten Prof. Massimo Ciambotti und Dr. Cristina Ubaldini gerade an einer kritischen Ausgabe, um die Komplexität des Schriftstellers und seines Werkes zu erfassen. Mit größter Sensibilität stellte Dr. Ubaldini eine Auswahl von Gedichten zusammen, die sich auf das Motiv „Erde“ beziehen und filterte aus dem Werk literarische Auszüge, die eine thematische Nähe zu den Arbeiten der Künstler aufweisen. „Il Canto della Terra“ war geboren. Ein einziges, großes Poem über unseren Planeten Erde – über den schönsten wohl auch, weil wir ihn bewohnen.


FRANCESCA CATALDI

«Die Schrift der Erde» Mit ihren Arbeiten ist Francesca Cataldi auf der Suche nach Spuren, die der Mensch hinterlassen hat. Der Künstlerin verlangt es nicht nach Aktion, sondern nach Reflexion. Sie betrachtet nicht das Ereignis, sondern das davon Verbliebene. Ihr Interesse gilt der im Inneren eines Materials gefangenen Erinnerung: die Eisen sind verrostet, die Gebäude sind verlassen, die Papiere sind abgegriffen. Beispielgebend für das Gesamtwerk der Künstlerin ist jene Objektreihe, in der sie sich, unter verschiedenen Aspekten, mit dem Gegenstand des „ex voto“, den Votivgaben, befasst. Karge Objekte lässt die Künstlerin in flüssigem Glas erstarren, um die erkalteten Formen als unvergängliche Erinnerung konservieren zu können. Die Suche nach einer Schrift der Erde, bringt Cataldi schließlich auf die Spur von Planisphären, See- und Erdkarten und führt sie zur arabischen und chinesischen Kartographie, deren zirkulare Erscheinungsbilder dem Aussehen der Erdkugel sehr nahe kommen. Sie findet Begrenzungslinien der Kontinente, Sternenkarten, Karawanenwege, Flussläufe, maritime Umschiffungswege und die Seidenstraße. Die Kartographie, die Landkarte, ist der Beweis für den Versuch des Menschen, Gott die Welt entreißen zu wollen, um sie alleine in Besitz zu haben. Ohne Angst vor dem Fegefeuer lässt er die begrenzenden Säulen des Herkules hinter sich. Die Erde wird zu seinem Eigen, je mehr er beginnt sie zu erforschen, zu vermessen und zu beschreiben. Die Schrift der Erde ist eine der großen Errungenschaften der Menschheit. So wichtig, als könne der Mensch die Götter für immer ersetzen! Francesca Cataldi folgt mit ihren Arbeiten den Spuren der Kamele in der Wüste. Sie entdeckt auf alten Karten mysteriöse Kreaturen im Wasser und zu Lande und lässt sich in einem Boot vom Wind treiben. Jede ihrer Etappen wird zu einem Bild, jedes Bild zu einer Erzählung, jede Erzählung zu einer Reflexion, jede Reflexion führt zu einer neuen Erkenntnis. Und jede Erkenntnis ist, nach Dante Alighieri, reich an Erinnerung. Im Höllenkreis lässt er Odysseus warnend sagen: „Bedenkt, wozu dies Dasein euch gegeben; Nicht um dem Viehe gleich zu brüten, nein, um Wissenschaft und Tugend zu erstreben.“


Il Canto della Terra (particolare), tecnica mista su carta, 2011 Der Gesang der Erde (Detail), Mischtechnik auf Papier, 2011


Il Canto della Terra (particolare), tecnica mista su carta, 2011 Der Gesang der Erde (Detail), Mischtechnik auf Papier, 2011


Il Canto della Terra (particolare), tecnica mista su carta, 2011 Der Gesang der Erde (Detail), Mischtechnik auf Papier, 2011


Il Canto della Terra (particolare), tecnica mista su carta, 2011 Der Gesang der Erde (Detail), Mischtechnik auf Papier, 2011


ANNA ESPOSITO

«Animalia» Seit fast 50 Jahren, seit ihrer ersten Personale (1969), wirft Anna Esposito ihren „ex-zentrischen“ Blick auf unsere Welt. In den frühen siebziger Jahren beginnt sie, unter Einbeziehung neuer Medien, Materialien aus dem Alltagsleben, in ihre Bilder zu holen: eigene und gefundene Fotografien, Plakate, Filmstreifen, Papierreste oder Stoffe, Plastik und Schnüre. Die Bildfindungen sind Collagen und Materialbilder. Ex-zentrisch wirkt ihre Sicht auf die Dinge auch deshalb, weil Anna Esposito in ihren Arbeiten keine klare Bildachse vorgibt, und den Betrachter drängt, mehrere Lesarten ihrer Bilder ins Auge zu fassen. Zum Beispiel in der Reliefcollage aus dem Jahre 1974: Hier spielt sie mit der Bedeutung des Wortes „cavallone“, mit dem im italienischen Sprachgebrauch eine „hohe Welle“, oder aber ein „großes Pferd“ gemeint sein kann. Folgerichtig kombiniert sie die Gischt einer Welle mit dem Abbild eines Schimmels. Der lyrische Bildeindruck täuscht, denn intendiert wird eine kritische Stellungnahme zur Umweltproblematik. Ein immer wiederkehrendes Thema in ihrem Werk. Eine ähnliche Position wird 1980 in ihrer Collage „la madre terra“ („die Mutter Erde“) vertreten: Ein neugeborenes Kind säugt selbstbezogen an einer großen Mutterbrust, deren Form eine Erdkugel erahnen lässt. In der ersten Wahrnehmung ist das Bild schön und liebevoll. Doch ein zweiter Blick erachtet die Menschheit – sogar das zarte, unschuldige Kleinkind – mitverantwortlich für die Austrocknung der Nahrungsmittelressourcen. Die Künstlerin ist weit davon entfernt, Richtersprüche fällen zu wollen. Sie nimmt im weitesten Sinne die Rolle einer „Aufklärerin“ ein. Die Ambiguität ihrer Bilder, die Mehrdeutigkeit, erlaubt es dem Betrachter aus den Aussagen der Bilder, die für ihn richtige Antwort auf seine Fragen zu filtern. Je nach Gefühlslage oder Wissen wird er die angenehme wählen, oder die beunruhigende Antwort an sich heranlassen. Das bleibt seinem Gewissen überlassen. Die Bilder von Anna Esposito transformieren „alles in Embleme und Allegorien, zeigen Intelligenz und Verantwortungsbewusstsein gleichermaßen, und verweisen mit Empathie und Abstand auf Wahrheit und Mitgefühl“. (Elio Pecora, 2006)


Rete (Intervento pittorico su foto), 57x39 cm, 2004 Netz (Malerischer Eingriff auf Foto), 57x39 cm, 2004


Il pesce, tecnica mista su carta, 50x39 cm, 2007 Der Fisch, Mischtechnik auf Papier, 50x39 cm, 2007


Il cavallone (Collage a rilievo), 27x33 cm, 1974 Das groĂ&#x;e Pferd (Relief-Collage), 27x33 cm, 1874


La madre terra (Collage), 75x50 cm, 1980 Mutter Erde (Collage), 75x50 cm, 1980


DANIEL HEES

«Holzdrucke»


Voci delle ombre (Stampa da legno), 340x98 cm, 2000 Stimmen der Schatten (Holzdruck), 340x98 cm, 2000


I legni di Sharuni (Stampa da legno), 18x26 cm, 1978 Die Hรถlzer des Sharuni (Holzdruck), 18x26cm, 1978


I legni di Sharuni (Stampa da legno), 18x26 cm, 1978 Die Hรถlzer des Sharuni (Holzdruck), 18x26cm, 1978


I legni di Sharuni (Stampa da legno), 18x26 cm, 1978 Die Hรถlzer des Sharuni (Holzdruck), 18x26cm, 1978


Walter Kratner

«Hart Island» Mit seinen Arbeiten auf Papier betreibt Walter Kratner eine fiktive Rekonstruktion von Lebensspuren, die sich auf die Geschichte der Insel Hart Island beziehen. Das unbewohnte Eiland ist New Yorks Stadtbezirken Bronx und Queens vorgelagert. Von der Justizbehörde verwaltet und zum Sperrgebiet erklärt, handelt es sich wahrscheinlich um den größten Armenfriedhof weltweit. Hier landen noch immer die Leichen aus den marginalisierten Milieus der Metropole neben Totgeburten und amputierten Körperteilen. Von Strafgefangenen verscharrt, verschwindet ohne Zeremonie, ohne Inschrift, ohne Blumen, alles und alle binnen weniger Jahre. Hart Island war seit jeher ein Ort der Trostlosigkeit und des Schmerzes. 1654 mussten die Ureinwohner das Land abtreten, bis es schließlich die Stadt New York 1869 erwarb, um auf der Insel einen Armenfriedhof einzurichten. Von der weiteren Nutzung als Gefängnislager, als Erziehungscamp, als psychiatrische Anstalt, als Jugendgefängnis oder als Isolationsstation für Tuberkulosekranke zeugen heute nur mehr einige zerfallene Gebäude. Hart Island ist zu einem Ort des Todes geworden, wo die Zeit die Erinnerung für immer überlagert hat. Dem Verlust einer unwiederbringlichen Erinnerung und dem kollektiven Vergessen setzt Walter Kratner eine Reihe fiktiver Erinnerungsbilder entgegen. Sein Bildzyklus beinhaltet Objektdarstellungen (übermalt und dekontextualisiert), Modellaufnahmen (Landschaften aus Karton, Erde und Stoffresten), Zeichnungen (zerkratzt oder verschattet) und Archivbilder unklarer Provenienz. Es sind Abbilder einer unsicheren Wahrheit auf Widerruf. Doch in diesem fiktiven Bildgedächtnis speichert der Künstler real erlittenes Leid und Unrecht gegen das Vergessen. Mit der ihm eigenen Ästhetik nähert sich Kratner einer Anmerkung des Literaten Ugo Foscolo:„Gegen die Zeit, die alles auslöscht, besteht nur die zeitlose Poesie.“ Um einen Dokumentations- und Archivcharakter des Werkblocks zu erzielen, finden sich auf den Passepartouts Inventarnummern, die eine vermeintliche Authentizität vorgeben. Die irritierende „Wahrheit“ dieser Bilddokumente liegt allerdings darin, dass sie in der Realität nicht existieren.


228.senza titolo.95 (olio, carbone e grafite su fotografia), 31x45 cm, 2010 228.Ohne Titel.95 (テ僕, Kohle und Graphit auf Fotografie), 31x45 cm, 2010


230.senza titolo.10 (olio, carbone e grafite su fotografia), 35x35 cm, 2010 230.Ohne Titel.10 (テ僕, Kohle und Graphit auf Fotografie), 35x35 cm, 2010


226.senza titolo.10 (olio, carbone e grafite su fotografia), 30x40 cm, 2010 226.Ohne Titel.10 (テ僕, Kohle und Graphit auf Fotografie), 30x40 cm, 2010


227.senza titolo.10 (olio, carbone e grafite su fotografia), 35x35 cm, 2010 227.Ohne Titel.10 (テ僕, Kohle und Graphit auf Fotografie), 35x35 cm, 2010


IL CANTO DELLA TERRA Der Gesang der Erde FRANCESCA CATALDI ANNA ESPOSITO DANIEL HEES WALTER KRATNER Katalog-Auszug Bildtafeln und Texte zu den Ausstellungen in Rom (Biblioteca Casanatense) Weiz (Kunsthaus) Stuttgart (W端rttembergische Landesbibliothek)