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Dem Geld auf der Spur Der r채tselhafte Hersbrucker M체nzfund und die Kulturgeschichte des Geldes Anja-Nadine Mayer & Wolfgang Mayer

Pfeiffer Verlag


Dem Geld auf der Spur Der r채tselhafte Hersbrucker M체nzfund und die Kulturgeschichte des Geldes Anja-Nadine Mayer & Wolfgang Mayer

Pfeiffer Verlag


© „Dem Geld auf der Spur”: Anja-Nadine Mayer, Wolfgang Mayer 2013 Pfeiffer Verlag, Hersbruck, pfeiffer-medienhaus.de Alle Rechte vorbehalten. Layout: Pfeiffer Verlag Druck: PuK Krämmer GmbH ISBN: 978-3-927412-29-3 Mit freundlicher Unterstützung von

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Inhaltsverzeichnis Egberts Erbe

Teil 2: Kleine Kulturgeschichte des Geldes

Die fiktive Geschichte des Egbert aus Hersbruck im 13. Jahrhundert

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Eine „komische“ Erfindung

Teil 1: Rätsel um den Hersbrucker Münzfund

Geld statt Naturalientausch – „exotische“ Währungen der Naturvölker – mittelalterliches Münzchaos – Siegeszug des Talers – die „Papierpest“ der Geldscheine

Silberpfennige aus dem 12. und 13. Jahrhundert

„Gutes“ Geld, „schlechtes“ Geld

Die Geschichte des Schatzfundes – Thesen und Rätsel –

Der „Wert“ im Wandel: Teuerungen und Inflationen –

zwei widersprüchliche Gutachten – die Odyssee der Münzen – Hersbruck als Prägestätte

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Sold seit dem 18. Jahrhundert v. Chr. – Schinderlinge, Kipper 14

und Wipper – Notgeld und Währungsreformen

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Anarchie in Franken

Von Cäsar bis Gandhi: Motive ohne Ende

Der politische Hintergrund: die turbulente Zeit des Interregnums

Symbole und Konterfeis – Abbildungen auf Münzen und Schei-

– Nürnberg zwischen den Fronten – Geld wir knapp –

nen – Propaganda und Folklore – Medaillen und Scherz-Geld-

das Schicksal Hersbrucks

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scheine

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Mit festem Schlag: Die Münzfertigung

Geld verändert die Welt

Geldherstellung vom Mittelalter bis heute – die hohe Kunst der

Das „Schwungrad“ der Wirtschaft – Städte im Aufbruch –

Stempelschneider – Brakteate – vom Schlagen über das Pressen

Ablassbriefe, Verschuldung und andere negative Wirkungen –

bis hin zur Automatisierung

Einfluss auf Revolutionen – Blutzoll jenseits des Atlantik

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Nachwort

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Das Geschäft mit Ochsen Die Silberpfennige als „Ochsenzoll“? – Ochsen aus Ungarn: ein einträgliches Geschäft – Turniere, Hoftage und Fleischbedarf – die Kuhpegnitz

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Egberts Erbe Das Donnergrollen des morgendlichen Gewitters verliert sich in der Ferne. Über Hersbruck bahnen sich die ersten Sonnenstrahlen ihren Weg durch die Wolken. Doch dafür hat niemand ein Auge. Alle Männer und Frauen, selbst die Kinder des Ortes haben Ketten gebildet und reichen ihre ledernen Eimer zwischen der Pegnitz und dem Haus des Schusters hin und her. Der Blitz hat in sein Haus eingeschlagen und ein Stück des Dachstuhls in Brand gesetzt. Nun helfen alle beim Löschen. Egbert, der Brückenwart, fragt sich dabei insgeheim: Warum nur hat der Schuster nicht wie er ein Hufeisen an seine Tür gehängt? Man weiß doch, dass ein Hufeisen mit der Öffnung nach unten weder den Teufel noch den Blitz ins Haus kommen lässt. Nach einer Stunde ist der Brand gelöscht. Es zeigt sich: Der Schaden ist, dem Herrn sei‘s gedankt, begrenzt. Das wichtigste: Die Flammen sind nicht auf die Nachbarhäuser übergesprungen – das grenzt fast an ein Wunder. Wie leicht hätte der ganze Straßenzug abbrennen können! Als die letzten Funken versiegen und nur noch qualmende Balken von dem Unglück zeugen, das den Schuster getroffen hat, macht sich Egbert auf den Weg. Mit prüfenden Blicken schreitet er die Brücke über die Pegnitz ab. Das ist sein ihm anvertrautes Revier. Als Brückenwart treibt er nicht nur den Brückenzoll ein – vor allem hat er die Verantwortung dafür, dass alle Reisenden zu Fuß und zu Pferde hier sicher den Fluss überqueren können. Manchmal ist es auch Vieh, wenn nach starken Regenfällen die Furt weiter flussaufwärts nicht durchquerbar ist. Der Kontrollgang zeigt: Alles ist in Ordnung. Die Regenmassen und die Sintflut der vergangenen Stunden haben keine Spuren am Bauwerk hinterlassen. Man schreibt den Frühling 1265. Die Überschwemmungen nach der Schneeschmelze sind vorbei, und die Einwohner von Hersbruck freuen sich, dass die Knospen an den Apfelbäumen üppig sprießen. Das wird in diesem Jahr eine gute Obsternte geben. Als sein völlig durchnässtes Leinengewand endlich getrocknet ist, 6

steht Egbert wieder an der Brücke. Ein Trupp Reiter nähert sich. Sie tragen das Banner des Bamberger Bischofs. Egbert steht zwar ebenfalls in Diensten dieses Bischofs, aber er weiß: Man sollte diesen Männern mit den Harnischen aus dem Weg gehen, ihre Ankunft verheißt nie etwas Gutes. Denn die Herrschaften streiten sich überall darum, wer die Macht hat. Sie alle eignen sich ständig Dörfer und Städte an, ohne nach dem Recht zu fragen. Sie tragen ihre Streitigkeiten auf dem Rücken der einfachen Bevölkerung aus; manch einer aus dem Volk weiß oft gar nicht mit Sicherheit (und interessiert sich nicht dafür), wer gerade über seinen Ort herrscht. Gewalt ist an der Tagesordnung. Der Sohn des Böttchers ist vor zwei Jahren ums Leben gekommen, nur weil er einem der Ritter nicht den gebührenden Respekt entgegenbrachte… Aber die ankommenden Reiter finden in Hersbruck heute keine Gegner. Nach zwei Stunden brechen sie wieder auf, um weiterzuziehen. Fast wäre es dabei zu einem Unfall gekommen. Eines der vielen herumlaufenden Schweine kam dem Trupp in die Quere, und eines der Pferde scheute. Fast hätte es den Reiter abgeworfen. Tja: Die Schweine sind wie in allen Orten eine wahre Plage.

Ludwig, Egberts Sohn, reißt die Tür zum Haus auf: „Eine Herde kommt!“. Ludwig ist ein braver Junge, der wirklich aufpasst. Egbert steht von seinem Lager auf und läuft zur Brücke – dem Zug entgegen, der über die Pegnitz muss, weil die „Kuhpegnitz“, die Furt, noch zu viel Wasser führt. Schon ist aus der Ferne das Blöken der Ochsen zu hören. Es ist der erste Treck in diesem Jahr – normalerweise setzt die Saison erst später ein, wenn das Gras am Wegesrand üppiger sprießt. Aber irgendwo steht wahrscheinlich ein großes Turnier an. Egbert weiß: Da reicht der Bestand der Bauern an Schlachtvieh vor Ort nicht aus, um die Ritter, ihre Gefolge und all die vielen noblen Herren samt ihren Frauen zu verpflegen. Hun-


derte, ja Tausende kommen schließlich zu einem solchen Spektakel. An einem Hoftag von Kaiser Friedrich Barbarossa in Mainz sollen einmal an die 70.000 Ritter teilgenommen haben, hat der Egbert gehört. Da hatten die Ochsenschlachter vor Ort garantiert jede Menge zu tun. Auf der Brücke schreitet Egbert ein Mann mit Hirtenstab entgegen. Er stellt sich als Béla vor. Es ist der Anführer des Trupps von Hirten, die den Treck geleiten. Der deutschen Sprache ist er nur eingeschränkt mächtig. Aber der Béla zeigt ein gesiegeltes Schriftstück vor und kann damit belegen, dass es sich um ein rechtmäßiges Geschäft handelt, für das er unterwegs ist. Das Dokument erwähnt den Kaufmann, der die Herde erstanden hat und für den sie bestimmt ist. Egbert nennt dem Anführer der Hirten den Zolltarif, der für die Überquerung der Brücke üblicherweise zu zahlen ist. Béla kommt von weit her, hat auf der langen Reise schon viele Zollstationen passiert und will zu feilschen beginnen. Aber das funktioniert mit Egbert nicht. Der will nur einfach wissen: Wie viele Tiere sind in der Herde? Den Ochsenzoll einzufordern, das ist Egberts Aufgabe, und zwar auf den Pfennig genau. In diesem Fall also geht es um 52 Tiere. Zum Glück ist der Béla nicht so stur wie manch anderer streitsüchtige Geizhals, der des Weges kommt: Egbert wird wegen ein paar Pfennigen manchmal sogar in eine Rauferei verwickelt. Er hat es wahrlich nicht leicht – aber das ist sein Los als Brückenwart. Schließlich sagt man, der Name der Stadt leite sich ursprünglich von „Haderichsbrücke“ ab – von einem frühen Amtsvorgänger des Egbert, mit dem es so viel „Hader“ um den Brückenzoll gegeben haben soll. Nein, stolz ist Egbert auf diesen Ruf seines Amtes nicht – dazu besitzt er ein viel zu friedfertiges Gemüt… Am Ende steht der Betrag fest, der zu zahlen ist. Béla holt einen Geldsack hervor, den er am Gürtel befestigt hat, und zählt die Pfennige ab. Sie stammen aus aller Herren Länder entlang der Route, die der Viehtrieb passierte. Egbert besieht sich das Geld und fragt nach: „Woher ist diese Münze? Die habe ich noch nicht gesehen.“ Béla erinnert sich: „Ist aus Passau. Diese von Wien. Und diese von Regensburg“. Dem Egbert kann es eigentlich egal sein. Münzen

werden stets für ein bestimmtes Herrschaftsgebiet geschlagen, und sie werden gegen neue Münzen eingetauscht, wenn eine neue Herrschaft antritt. Aber wer kann schon wissen, wer in der Ferne gerade regiert? Schon gar nicht Untertanen-Volk, zu dem der Egbert nun einmal zählt. Die Münzen behalten wegen des Silbers, aus dem sie sind, ihren praktischen Wert. Egbert ist einfach nur neugierig, welche verschiedenen Münzherren auf den Pfennigen abgebildet sind. Aber sehen die hohen Herren in Wirklichkeit so aus? Letztes Jahr hat er sogar eine Münze aus Ungarn bekommen, aus dem Land, wo die Ochsentrecks ihren Ursprung nehmen. Egbert hat den Pfennig gut aufgehoben – er selbst wird niemals so weit reisen. Zwar läuft er regelmäßig nach Nürnberg, aber nicht einmal zu Hoftagen oder Ritterturnieren kann er dort hin, weil gerade dann viele Menschen auf dem Weg dorthin durch Hersbruck kommen. Unter den Reisenden sind auch jedesmal viele fahrende Kaufleute, die die Gunst der Stunde nutzen wollen, um in dem überfüllten Nürnberg ihre Waren feilzubieten. Und diese Einnahmen aus dem Brückenzoll kann sich Egbert schließlich nicht entgehen lassen… Die Rinder passieren die Brücke. Die Balken zittern unter den donnernden Hufen. Doch plötzlich geschieht es: In der Nachhut schert eines der Tiere aus, bricht durch das Geländer und fällt ins Wasser der Pegnitz. Es ist ein ausgewachsener Ochse, der laut blökend in den Fluten treibt – geradewegs auf die Wäscherinnen zu, die flussab am Ufer ihre Arbeit verrichten. Eilig raffen sie ihre nassen Tücher zusammen und fliehen kreischend und fluchend vom Ufer fort. Das größere Problem sind die Fischfallen, die die Fischer in der Pegnitz stehen haben. Gute Schleie gibt es zu dieser Jahreszeit im Fluss, die Zuckmücken geben ihnen reichlich Nahrung. Stabil sind die Seile nicht, an denen die Käfige befestigt sind. Tatsächlich kracht der Ochse mit seinem ganzen Gewicht in die Anlage. Das Holz splittert, und das Seil reißt. Geschrei ertönt sofort vom Ufer her. Wer wird den Fischern den Schaden ersetzen? Der Ochse treibt weiter, bald ist sein Kopf unter Wasser, das Blöken verstummt. Natürlich ist der Vorfall auch für Egbert ärgerlich – er trägt schließlich die Verantwortung für die Brücke. Wäre die Furt passierbar gewesen, wäre das alles nicht geschehen – aber wer weiß: Vielleicht hätte Béla sich dann um den Ochsenzoll streiten wollen… 7


Die Dämmerung bricht ein über Hersbruck. Es ist die Stunde der Diebe und des Gesindels, und außerhalb der Städte lauern Räuber. Alle Einwohner ziehen sich in ihre Häuser zurück, und wer es sich leisten kann, zündet ein Talglicht an. Egbert traut den Hirten nicht, die der Béla anführt. Während die Herde draußen vor der Stadt ruht und nur von zwei Männern bewacht wird, haben drei andere in einer Scheune im Ort einen Schlafplatz gefunden. Von der drohenden Gefahr ahnen Bélas Hirten nichts. Müde vom langen Tagesmarsch, schlafen sie tief und fest. Anfangs bekommt es kaum einer mit, dass sich die Fischer am Marktplatz versammeln. Sie sinnen auf Rache wegen der Zerstörung der Fischkäfige. Der Seilmacher von Hersbruck hat inzwischen den Preis für die Halteseile beziffert, der Zimmermann für die Holzkonstruktion die Rechnung erstellt. Zusammengerechnet ergibt das einen ziemlichen Haufen Geld. Zu den Fischern sind weitere Männer gestoßen. Darunter sind die Gerber, die ebenfalls nahe dem Fluss ihrem Gewerbe nachgehen. Unter Nachbarn hält man in diesen Zeiten schließlich zusammen, schon gar gegen Fremde. Überhaupt leben in der Stadt nicht so viele Leute, dass sich nicht alle untereinander kennen und unterstützen würden. Im Mondschein fliegen erste Steine gegen die Scheune. Dann bricht die Meute das Tor auf und dringt in das Gebäude vor. Weitere Schaulustige, vor allem Frauensvolk, haben sich inzwischen vor dem Eingang versammelt. Von der Rauferei im Inneren halten sich die Neugierigen lieber fern. Nach einiger Zeit schleppen die Fischer und ihre Kumpane einen der fremden Hirten heraus. Sie haben seine Hände mit Stricken gefesselt. Gleich dahinter tragen andere Männer den Gerber Hannes ins Freie. Schnell spricht es sich herum: Der Hannes ist tot. Mausetot. Mausdreckertstot, wie man hier sagt. Der Fremde hat ihn erstochen. Dass der Mord in Notwehr geschah, und wer mit der Rauferei angefangen hat, das interessiert niemanden. Bélas Hirte muss es büßen. „Hängt ihn am nächsten Baum“, ist der Ruf zu hören. Doch andere Stimmen sagen: „Überlasst ihn dem Henker in Nürnberg. Da haben wir mehr 8

davon“. So soll der Henker in Nürnberg Arbeit bekommen. Hersbruck selbst verfügt über keinen Vertreter dieses Berufsstandes. Wird der Henker den Mörder aufhängen? Ihn vielleicht vierteilen? Rädern? Mit dem Schwert enthaupten? Egal: Ein Schauspiel wird es in jedem Fall geben, an dem sich wieder einmal das einfache Volk ergötzen kann. Alles, was Beine hat, wird dazu von Hersbruck nach Nürnberg laufen. Der Fußmarsch nach Nürnberg dauert acht Stunden. Um auf dem Rückweg in der Dunkelheit nicht Räubern in die Arme zu laufen, bleiben viele, die sich eine Herberge leisten können, über Nacht. Ob er wohl Ludwig für zwei Tage die Brücke überlassen kann, überlegt Egbert. Lust hätte er schon, sich die Hinrichtung anzusehen, schließlich hat er den Hannes gern leiden können. Und es wird Zeit, dass sein Sohn Verantwortung lernt. Aber er hat ja noch einige Tage Zeit, sich zu entscheiden. So schnell wird der Übeltäter nicht dem Henker vorgeführt.

Heute ist der wöchentliche Markttag. Egbert macht sich schon früh auf den Weg. Er ist glücklich verheiratet, aber ein Auge auf fremde Frauen zu werfen ist ja nichts Böses. Von der Kleidung kann man auf ihren Status schließen: Kopftücher verhüllen Haar und Hals von verheirateten Frauen; die ledigen, unfreien Mädchen gehen dagegen barhäuptig. Egbert strebt dem Marktstand mit dem größten Zulauf zu. Hier ist der wandernde Krämer zu finden. Von Branntwein bis zu Spiegeln und Lebkuchen reicht sein Sortiment. Egbert will für Agnes Nadeln kaufen. Sie braucht ein paar neue, um ihr Gewand zu flicken. In Hersbruck hat nämlich kein Nadler seine Werkstatt. Aber Waren aus deren Fertigung kann man eben beim Krämer kaufen. Wichtig sind andere Handwerke in der Stadt. Ohne Schmiede ginge es nicht. Manchmal sieht der Brückenwart ihrer Arbeit zu. Es ist faszinierend, wie der Schmied in seiner Werkstatt vor der Feueresse steht, die von einem Blasebalg gespeist wird, wie er an


seinem Amboss schlägt und mit dem Hammer ein Stück flaches Eisen in die gewünschte Form bringt. Manchmal entstehen Hufe für Pferde, ein anderes Mal Nägel. Egbert hat schon überlegt, ob er nicht seinen Sohn dem Schmied als Lehrling anbieten soll. Zwei bis drei Jahre würde die Lehrzeit dauern, und der Meister hätte für Logis und Verköstigung zu sorgen. Aber es ist harte Arbeit, den Blasebalg in Bewegung zu setzen. Und wer spielt dann anstelle von Ludwig den Aufpasser, ob eine Herde Ochsen oder fahrende Kaufleute im Anmarsch sind?

aufbewahrt ist. Wem hat er auf Verlangen die vielen Münzen auszuhändigen? Den Vertretern des Bischofs von Bamberg, die ihn einmal einsetzten? Den Männern des Burggrafen von Nürnberg? Den Soldaten des Herzogs Ludwig von Bayern? Wechselweise tauchen sie in Hersbruck auf und benehmen sich, als seien selbstverständlich sie die Herren. Wenn Egbert das Geld der falschen Partei übergibt, wird er garantiert von den Männern der anderen geköpft. Da sollte er lieber versuchen, die Münzen eine Weile zurückzuhalten, und einen Großteil davon verstecken.

Die nächste Station auf Egberts Einkaufstour ist der Gürtler im Ort. Egbert hat, dank der Kochkunst der Agnes, in den letzten Monaten einigen Speck am Bauch zugelegt. Der Gürtler zaubert einem wieder eine bessere Figur im Untergewand. Er ist ein echter Künstler: Er kann nicht nur mit Stoff und Leder umgehen, sondern beherrscht auch Fertigkeiten im Umgang mit Metall – für die Verzierungen an den Schnallen. Das Endprodukt ist dann der Stolz eines manchen Mannes. Egbert kauft einen nicht gar so teuren Gürtel – schließlich sieht man unter dem Überrock seinen Bauch gar nicht so sehr.

In seinem eigenen kleinen Häuschen bietet sich kein geeignetes Versteck an. So entschließt sich Egbert, seinem Schwager, dem Bierbrauer und Schankwirt Ulrich, das Problem anzuvertrauen. Ulrich ist zudem der Gevatter, der Taufpate von Egberts und der Agnes‘ Sohn Ludwig. Er wohnt nur zwei Häuser weiter. Zum Michelsberg hin hat der Ulrich einen Hopfengarten. Hopfen ist die Seele im Bier, gibt ihm das Aroma und sorgt für Haltbarkeit. Schon oft hat der Egbert bei der Ernte geholfen. Das verringert Ulrichs Ausgaben für die benötigten Tagelöhner. Dafür darf der Egbert zusehen, wenn der Ulrich mit einem langen Stab in der Braupfanne rührt, das auf einer gemauerten Feuerstelle eingelassen ist. Und er darf gemeinsam mit den Brauknechten als erstes den fertigen Sud aus einem der Eimer kosten. Das schöne braune Bier aus Hersbruck ist schon weit über die Ortsgrenzen hinaus als besonders schmackhaft bekannt.

Zum Schluss geht der Egbert auf dem Heimweg noch schnell beim Bäck vorbei. Drei Bäcker waren bis vor kurzem in der Stadt ansässig, aber den einen haben sie erwischt, dass er sein Mehl mit gefärbten Sägespänen gestreckt hat. Sie haben ihn aus Hersbruck fortgejagt. Die Meisterfrau ist nicht zu Hause, also klopft der Meister den Mehlstaub von seinem Gewand ab, um selber zu bedienen. Gerade noch hat er einen Laib Brot aus dem Ofen geholt und mit dem Pinsel eingestrichen, damit das Produkt appetitlich glänzt. Egbert hat die Wahl zwischen dem hellen, weichen Brot aus Weizenmehl und dem aus Roggen. Er nimmt letzteres, das billiger und nahrhafter ist.

Egbert verdrängt seit Tagen den Gedanken: Er sollte dafür sorgen, dass das Geld, das er über die Monate hinweg kassiert hat, sicher

Ulrich macht Egbert das Angebot, das sich dieser insgeheim erhofft hatte: In Ulrichs Keller ist genügend Platz. Wenn man das Geld hinter das Mauerwerk an einem der Gewölbepfeiler eingräbt, kann es niemand finden, und Egbert kann abwarten, bis wieder Klarheit über die politischen Verhältnisse im Nürnberger Land hergestellt ist. Gesagt, getan. Eines nachts gehen die zwei Männer im Schein einer Fackel ans Werk. Haken zum Aufbrechen des Mauerwerks haben sie in einer Ecke des Kellers gefunden. Die Arbeit dauert nicht viel länger als eine Stunde, dann sind die Silberpfennige im Versteck versenkt und die Ziegel wieder am alten Platz. 9


Bei einem Trunk Bier erholen sich die beiden von der ungewohnten Schufterei. Egbert braucht noch einmal Rat: „Was meinst Du, soll die Agnes von dem Versteck erfahren?“ Der Ulrich überlegt nur kurz und meint dann: „Lass es sein. Das Frauenvolk kann unter sich den Mund schlecht halten. Die Agnes ist eine gute Frau, und deshalb ist sie eher leichtgläubig. Allzu schnell kann ihr in Gottvertrauen an die Verschwiegenheit der anderen Weiber ein Wort herausrutschen. Aber es sind auch böse Frauen in der Stadt, sie sind neidisch und missgünstig. Wenn sich eine von denen einen Vorteil davon verspricht, das Geheimnis auszuplaudern, wer weiß, wen wir dann am Hals haben.“ Egbert hält sich an die Empfehlung – und auch bei Ulrich ist das Geheimnis gut aufgehoben. Was jetzt noch zu tun bleibt, ist die Vernichtung der Buchführung. Natürlich registriert Egbert genau, wann er wie viele Abgaben kassiert hat. Ob das Verschwinden des Rechnungsbuchs auffällt? Das ist in diesen Zeit, in der so viel gebrandschatzt wird, eher unwahrscheinlich…

Zum Sonntagsmahl hat der Egbert den Münzmeister und den Steinmetz von Hersbruck eingeladen. Alle drei gehören sie zur oberen Schicht der Stadt. Sie sind angesehen, weil sie des Lesens, Schreibens und Rechnens kundig sind. Grenzenlose Völlerei, wie sie die noblen Herren noch weiter oben betreiben, kann Egbert nicht bieten, aber für Fleisch reicht es, und in der Speisekammer hat er genügend Bier und Wein. Der Brückenwart schaut seiner Frau gern bei den Essensvorbereitungen über die Schulter: Wie sie die Stücke Rindfleisch im siedenden Wasser kocht und die Brühe immer wieder abschäumt, damit sie nicht unrein wird. Sellerie gibt es heute dazu. Agnes schneidet die Wurzeln wie Apfelschnitze, gibt auch ein paar Rüben hinzu, und natürlich Schmalz. Das wird gekocht, bis alles weich ist, und kommt am Ende über das Fleisch. Das ist gesunde Ernährung: Man weiß ja, Sellerie reinigt den Magen, die Wurzel vertreibt die 10

Melancholie, und manche sprechen ihr noch andere Wirkungen zu – weshalb sie von der „Geilwurz“ reden. Den Sellerie zieht die Agnes übrigens selber im kleinen Garten hinter dem Haus hoch, zusammen mit Kohl und Rüben; dazwischen wachsen Schalotten, Knoblauch, Koriander, Petersilie und Kreuzkümmel. Wie üblich bringen beide Gäste ihr eigenes Messer mit. Die Kochkunst der Agnes begeistert alle. Beim Essen plaudern sie über die Worte des Pfarrers. Der Prediger hat am Morgen in der Kirche allen tüchtig Angst eingejagt. Steht wirklich das Weltende nahe bevor, wie er vorhergesagt hat? Naja, Reue und Umkehr von allem sündigen Tun, wie es der Prediger fordert, kann ja nicht schaden. Als ersten Schritt haben die Gläubigen schon mal den herumgehenden Beutel des geistlichen Herrn gut gefüllt. Aber die drei Männer kommen bald auf ihre persönlichen Alltagsprobleme zu sprechen. Der Münzmeister klagt: „Mir fehlen immer noch Rohlinge für den Münzschlag“. Vom Meister in Nürnberg muss er solche kaufen. Das Problem: In den Wirren dieser Tage war die Münzherstellung dort eine Zeitlang ausgesetzt. Jetzt ist sie wieder angelaufen. Aber: „Die Partei des Königs verlangt vom magister monetae in Nürnberg Nachschub an Geld ohne Ende. Daneben hat er noch viele Aufträge aus anderen Städten. Ich muss stets bitten und betteln, dass er mir ein paar Rohlinge abgibt“. Der Steinmetz hat ähnliche Sorgen: „Seit Tagen warte ich auf das Fuhrwerk, das mir Rohlinge aus den Sandsteinbrüchen südlich von Nürnberg bringt“. Lange geht das Gespräch hin und her. Natürlich kommen sie auch auf die Herrschaften zu sprechen: Gerüchte gehen schon wieder um über Streit bei denen da oben. Wer hat letztlich das Recht über Hersbruck, wer hat wirklich das Sagen? Wie stabil sind die Verhältnisse in Nürnberg? Es wird ein langer Abend, bis der Münzmeister und der Steinmetz mit Fackeln in der Hand das Haus verlassen. Unschlitt, das tierische Fett, gibt den Flammen die Nahrung.


Trotz des politischen Chaos passiert in diesen Tagen viel fahrendes Volk die Brücke. Es sind Gaukler und musizierende Spielleute darunter, ebenso wie Possenreißer, Wunderdoktoren und Wanderärzte, die man auch als Quacksalber bezeichnet. Sie alle gelten als unehrliche Menschen. Natürlich sind auch fahrende Dirnen darunter. Kürzlich kam sogar ein Bärenführer mit seinem zotteligen Tier über den Fluss nach Hersbruck herein. Das hat im Ort für einige Aufregung gesorgt. Auf Jahrmärkten sorgen diese Leute für Belustigung. Dort können sie mit ein paar Münzen rechnen, ansonsten sind sie arm dran. Lästig sind jedoch die Bettler. Manche sind blind, andere kommen humpelnd daher. Heimatlos sind sie alle. Nach Hersbruck kommen sie nur auf ihrem Weg zu den größeren Städten, wo sie sehr wohl auf Almosen hoffen dürfen. Egbert hat bei seinen Besuchen in Nürnberg gehört, dass so mancher reiche Stadtbürger sein Vermögen den Bettlern hinterlässt, um auf diese Weise seiner Seele einen sicheren Platz im Jenseits zu erkaufen. Reich müsste man sein, um es so einfach zu haben! Es hat sich herumgesprochen, dass das Handwerk in der viel größeren Stadt Nürnberg gedeiht wie an keinem anderen Ort weit und breit. Seit kurzem hat sie den Status einer Reichsstadt. Das Gerangel der Fürsten um die Macht über die Burg hindert die Bürger nicht daran, fleißig ihren Gewerben nachzugehen. So strebt nach Nürnberg vielerlei Volk, das sich dort Möglichkeiten zum Gelderwerb verspricht. Die Stadt ist in vollem Aufschwung. Die Kaufleute aus Nürnberg erkaufen sich durch unterschiedlichste Abgaben Zollfreiheit in anderen Städten. Ihre Geschäftsbeziehungen reichen bis zur Nordseeküste. Dort tauschten sie Wein aus Franken gegen Heringe ein – diese sind durch Einlegen in Salz gut zu transportieren und auch in Franken mehr und mehr als Fastenspeise begehrt. Diese Ware wird auf dem Markt von den „gesalzenen“ Fischern verkauft – den frischen Fisch aus der Pegnitz bieten dagegen die Grünfischer feil. Einmal im Monat wandert Egbert auf dem Weg entlang der Pegnitz nach Nürnberg, vorbei an den Stromschnellen, die zu Lauf die

Mühlen antreiben. Auf diesen Wegen zieht Egbert stets seine zerlumptesten Kleider an, um nicht aufzufallen, denn überall können Raubritter lauern. Früher hatte es sie kaum gegeben. Aber seit die Kreuzzüge vorüber sind, sind viele nachgeborene Söhne von Burgherren ohne Beschäftigung und ohne Einkommen. In ihrer Not lauern sie Reisenden auf und überfallen diejenigen, die vermögend erscheinen. Mit Waffengewalt nehmen sie ihnen alles weg, was sie bei sich tragen. Der ein oder andere Reisende ist schon an einer tödlichen Verletzung gestorben, weil er sich wehrte und seinen Besitz zu verteidigen suchte – und wenn es nur sein Reiseproviant war. Die beliebtesten Ziele der Raubritterbanden aber sind die Kaufmannszüge, die von Nürnberg aus in die Ferne ziehen. Bei seinem letzten Besuch in der Reichsstadt hat der Egbert zugeschaut, wie einer der Wagen eines Kaufmannszuges beladen wurde. Bei der Arbeit sind viele Handlanger zugange. Sie gehen arbeitsteilig vor: Die einen sind die Ballenbinder, andere die Spanner, die beim Spannen der Decken über die Frachtwagen Hand anlegen. Egbert hat dann auch zugesehen, wie vor der Abfahrt das Geleit für die Wagen zusammengestellt wurde. Ohne ein solches sind die Fahrten der Kaufleute in diesen Zeiten zu gefährlich. Morgen soll in Nürnberg der Hirte aus Ungarn hingerichtet werden, der nach dem Unfall mit dem Ochsen nächtens den Hannes erstochen hat. Egbert wird nicht zu dem Spektakel gehen, und auch seine monatlichen Besorgungen in der Reichsstadt werden noch etwas warten müssen. Die Agnes hat lange auf ihn einreden müssen, bis er sich zu der Entscheidung durchringen konnte – er fühlt sich zu Zeit gar nicht gut. Wehleidig denkt er an seine LieblingsBierschänke nicht weit unterhalb der Reichsburg, der er jedes Mal einen Besuch abstattet. Faszinierend ist es für ihn, zuzuhören, was in Nürnberg gerade Stadtgespräch ist. Beim letzten Besuch hatte es kurz zuvor große Regengüsse gegeben, und weil alle Bürger ihre Abfälle einfach auf die Straße kippen, waren einige Plätze wegen dem angeschwemmten Straßenschmutz kaum zu passieren gewesen. Die Ratsherren sollen nur auf Stelzen ins Rathaus gekommen sein, besagte das Gerücht. Egbert kam aus dem Staunen nicht heraus: Irgendwer hat erzählt, dass man in anderen Städten mit der 11


Pflasterung einiger Straßen begonnen hat. Naja: Es ist wohl auszuschließen, dass man in Hersbruck jemals solch teure Baumaßnahmen nachahmen wird.

kann aber die Ursache von Egberts Krankheit nicht sein – die Agnes reißt ständig die Fenster auf. Dann sind die Essensgewohnheiten das Gesprächsthema. Auch hierbei finden beide keinen Hinweis auf die Ursache der Erkrankung. Hat Egbert beim Schlafen den Mund offen, damit die unnötigen Gehirndämpfe entweichen können? „Ja, das hab‘ ich“.

Seit Tagen fühlt sich Egbert schlapp. Er fröstelt, und alle Glieder schmerzen. Das jagt ihm Angst ein: Jetzt ist es nicht mehr zu übersehen, dass er ernsthaft erkrankt ist. Egbert will Hilfe suchen, aber es gibt hier, im Gegensatz zu anderswo, keine Mönche, und es hat sich schon gar kein studierter Medikus in Hersbruck niedergelassen. In manchen Städten gibt es einen Bader, der es versteht, einen zu schröpfen, um die schlechten Säfte aus dem Körper abfließen zu lassen. Aber einen solchen findet man in Hersbruck leider ebenfalls nicht.

Am Ende drückt der Hirte dem Egbert ein paar Kräuter in die Hand. Um was es sich handelt, will er wissen, doch der Hirte verrät es ihm nicht. Er weist ihn nur an, daraus einen Sud zu kochen und diesen zu trinken. „Was Kraut nicht heilt, heilt der Tod“, lautet ein dummes Sprichwort. Aber man muss nur glauben, dass die Pflanzen helfen, weiß der Egbert. Dann wird es schon wieder gut…

Doch draußen, auf den städtischen Wiesen, hausen die Hirten, die das Vieh der Gemeindebürger hüten. Sie sind Einzelgänger, und das schürt Misstrauen gegen sie. Nur manchmal kommen sie in die Stadt, um Schnitzarbeiten anzubieten, die sie in der Einsamkeit fertigen. Aber Egbert ist frei von Vorurteilen. Die Hirten müssen schließlich tagein, tagaus die Rinder zusammenflicken, wenn sie sich verletzt haben. Die Hirten müssen sie hegen und pflegen und ihre diversen Krankheiten kurieren. Ist das vielleicht Zauberei? Unsinn! Viele Mitbewohner im Ort sind überzeugt: Das Wissen der Hirten kann Menschen ebenso helfen wie dem Vieh. Ihre Kräuterkunde ist jedenfalls viel umfangreicher als das Wissen der Agnes, die nur die allgemeinen Hausmittel kennt. Diese haben ihre Wirkung bisher leider verfehlt.

Eines Tages sind Egbert und sein Schwager Ulrich zur falschen Zeit am falschen Ort. Am Vormittag haben sie sich zu einem Plausch getroffen, während Ludwig auf die Brücke aufpasst. Es ist um die Mittagszeit, als wieder einmal Reiter in voller Rüstung mit ihren Pferden im vollen Galopp über die Brücke preschen. Für die Bewohner Hersbrucks kommt die Ankunft allzu plötzlich. Diesmal handelt es sich um Ritter, die ganz offensichtlich im Dienste des Burggrafen von Nürnberg stehen. Was die Ankömmlinge nicht wissen können, ist, dass seit gestern auch Soldaten des Bischofs von Bamberg in der Stadt Quartier bezogen haben. Oder wissen es die Ritter sogar – und suchen bewusst einen Kampf?

So schleppt sich der Egbert über die Brücke hinaus zu den Wiesen. Er läuft an den Stadeln mancher Stadtbewohner vorbei, die neben ihrem Handwerk noch ein wenig Ackerbau betreiben. Die weidende Rinderherde ist leicht zu finden, und dort natürlich auch der Hirte. Der stellt dem Egbert sonderbare Fragen: „Lüftest Du Dein Haus regelmäßig? Du musst wissen: Das Sprichwort sagt ‚Die Luft, darin Du wohnst, sei licht, rein von Gift und stinke nicht‘“. Das 12

Bald stoßen die Männer der verfeindeten Parteien aufeinander, sofort kreuzen sich die Klingen. Geschrei ertönt, und Schwerter blitzen in der Sonne auf. Alle Einwohner Hersbrucks versuchen, sich eiligst in ihre Häuser in Sicherheit zu bringen. Wer jetzt den Kämpfenden in die Quere kommt, wird schnell zum Opfer. Das Problem für Egbert und Ulrich ist: Sie stehen auf der falschen Straßenseite und müssen auf die andere Seite hinüber flüchten. Zu spät! Der Schwager Ulrich wird als erster gemeuchelt. Egbert trifft der nächste Schlag eines Schwertes am Hals. Blut schießt in Strömen aus der


Wunde heraus. Unstillbar. Egbert geht benommen zu Boden. Ihm ist klar, dass seine letzte Stunde geschlagen hat. Seine letzten Gedanken richten sich auf die Agnes. Was würde er nicht darum geben, ihr doch von dem Geldversteck erzählt zu haben und ihr damit genügend Geld zu hinterlassen! Was wird aus seinem Sohn Ludwig? Ob das Geld wohl jemals gefunden wird? Wann und von wem nur? Unaufhaltsam schwinden Egbert die Sinne… So nehmen beide Männer das Geheimnis um das Münzversteck mit in den Tod. Das Geld sollte tatsächlich länger als sechseinhalb Jahrhunderte unentdeckt bleiben.

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Teil 1: Rätsel um den Hersbrucker Münzfund

Silberpfennige aus dem 12. und 13. Jahrhundert Die vorangestellte Geschichte ist reine Phantasie. Ob es zu der angegebenen Zeit in der fränkischen Stadt Hersbruck einen Münzmeister gab, ob hier bereits Züge von Ochsen vorbeigetrieben wurden und ein Ochsenzoll erhoben wurde, das wissen wir ebenso wenig mit Sicherheit, wie die Umstände, unter denen ein Vermögen von Silberpfennigen eingemauert wurde und ihr Besitzer den Tod fand. Aus den erhalten gebliebenen Dokumenten und anderen schriftlichen Quellen erschließt sich das nicht. Gerade über das 13. Jahrhundert ist allerdings der Bestand an Originalunterlagen besonders dürftig. In der Geschichtsschreibung über diese Zeit taucht häufiger als über andere Epochen das Wort „wahrscheinlich“ auf. Die Darstellung vieler Einzelheiten beruht auf Spekulationen. Dennoch ist die fiktive Geschichte um den Brückenwart Egbert nicht völlig aus der Luft gegriffen. Sie greift teilweise Thesen auf, die sich mit dem sogenannten Hersbrucker Münzfund verbinden; teilweise knüpft sie an die bekannte Geschichte der Stadt an, die 1976 aufgrund der ersten Erwähnung in einer Urkunde ihr 1000-jähriges Bestehen feierte. In einer Quelle von 1235 wurde Hersbruck erstmals als „oppidum“ (= Stadt) bezeichnet. Die Szenen aus dem Alltag, die Beschreibung der Denkweise und der Arbeit von Handwerkern sind aus einer Vielzahl von Quellen abgeleitet. Welche Handwerker im 13. Jahrhundert in Hersbruck ihrem Gewerbe nachgingen, ist wiederum Spekulation. Erst aus der Zeit um 1770 wissen wir zum Beispiel, dass die Bierbrauerei in Hersbruck mit 50 Brauern der wichtigste Gewerbezweig war. Je weiter man zurück blickt, desto mehr bleiben die Kenntnisse über die Geschichte im allgemeinen unvollständig; neue Funde können sie ergänzen oder revidieren. Quellen sind zeitgenössische Autoren der Antike und des Mittelalters, aber diese erhielten

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einen Sold dafür, den Ruhm des Auftragebers (meist eines Fürsten oder Feldherrn) im Sinne von „PR“ zu „verkaufen“. Objektiv waren diese Chroniken nicht, und für Alltagsbeschreibungen war in diesen Schriften kein Platz. So liefern diese Dokumente wenige Informationen über das Leben des „einfachen“ Volkes etwa im 12. und 13. Jahrhundert, das sich in Abhängigkeit von den noblen Herrschaften befand. Wirtschaftsgeschichte war kein Gegenstand damaligen Interesses – im Vordergrund der Dokumente stand die Abstammung der Geschlechter, ihre Ämter, Erbschaftsfragen und der Wechsel der Besitztümer. Von den alten Dokumenten wurden über die Zeiten hinweg viele Bestände vernichtet: Sei es, dass sie in Kriegen verbrannt oder mit Absicht beseitigt wurden – so ging Wissen verloren. Viele Kenntnisse stützen sich deshalb auf Relikte, die Archäologen wieder zutage bringen. Sie analysieren alte Gräber und Grabbeigaben sowie Mauerreste. Um Hinweise auf die Ernährung in alter Zeit zu erhalten, wurden sogar mittelalterliche Kloaken untersucht. Schließlich sind die Schatzgräber zu nennen, die mit ihren zufälligen Funden weitere Wissensbausteine zum Gesamtbild beisteuern. Die Geschichte des Hersbrucker Münzfunds ist ein Beispiel für einen Zufallsfund – schließlich hatte niemand nach den Münzen gesucht. Tatsache ist: Am 5. November 1928 wurde am Unteren Markt in Hersbruck beim Abbruch eines Gebäudes, das einem neuen Postamt Platz machen sollte, „eine große Anzahl alter Silbermünzen gefunden“. Sie waren laut einer damaligen Meldung in der Hersbrucker Zeitung „in einem Gewölbepfeiler eingemauert“. Es handelte sich ausnahmslos um Pfennige, nicht viel größer als heutige 2-Cent-Stücke, die in der Zeit zwischen 1190 und 1265 kursierten. Fachleute sprechen von „stummen Geprägen“, die keine Um- oder


Aufschriften enthielten. Sie waren in einem „Gewebe“, nach anderer Beschreibung in einem „Behälter“ verwahrt. Als Finder wird in den erhalten gebliebenen Akten ein „L. Gubitz“ genannt. Über den ursprünglichen Umfang des Schatzes kann man nur Vermutungen anstellen. Quellen, deren Glaubwürdigkeit etwas zweifelhaft ist, sprechen von 30 Pfund Gewicht. Bei einem Durchschnittsgewicht der Münzen um ein Gramm wären das mehr als 15.000 Münzen gewesen. Nach der heutigen Kaufkraft entspräche das grob geschätzt zwischen 700.000 und 900.000 Euro. In zeitgenössischen Akten heißt es sogar: „Neidhammel in Nürnberg sprachen von 40.000 Stück“. Im Deutschen Hirtenmuseum der Stadt Hersbruck ist heute immerhin ein Teil der ehemaligen Fundmasse gesichert. Der Rest ist verschollen. Wo die anderen Teile landeten und wie sie unter anderem zu Sammlern in Privatbesitz gerieten, ist nur teilweise feststellbar. Die Arbeiter, die beim Abbruch des Hauses auf den Münzfund stießen, „bedienten“ sich wohl als erste daran – als „Andenken“, wie es in Akten heißt. Der örtliche Postmeister schickte außerdem etliche Exemplare an die Oberpostdirektion in Nürnberg, denn dieser Behörde gehörte das Baugelände. Einzelne Münzen wurden verschenkt, andere an „Liebhaber“ zwischen Berchtesgaden und Berlin verkauft – bis in die Schweiz und sogar in die USA. Spuren tauchen unter anderem in Versteigerungskatalogen von 1942, 1960 und noch später auf. Nicht umgesetzt wurde der Vorschlag eines Münchner Münzhändlers: Er wäre bereit gewesen, 100 Münzen aufzukaufen, wenn die Stadt Hersbruck – um den Wert zu steigern – den restlichen Bestand einschmelzen lassen würde. Dieses Ansinnen wurde zum Glück abgelehnt. 1983 befanden sich 103 der Münzen im Deutschen Hirtenmuseum. Heute umfasst der Bestand wieder rund 1650. Mit dem Fund verbinden sich viele Rätsel. Wem gehörten einst die Münzen in Hersbruck? Beim Fundort handelte sich um ein Kellergewölbe unter dem „Lutz‘schen Hause“, das schon vor Errichtung des 1928 abgebrochenen Gebäudes bestanden haben muss. Heimatforscher mutmaßten, dass es sich um einen alten Bierkeller aus dem 13. Jahrhundert gehandelt haben könnte. Denkbar sind ebenso Lager für jede andere Art von Gütern. Aber wer versteckte das Geld? Wer immer es war, der Besitzer starb entweder so plötzlich, dass er es eventuellen Erben oder vorgesehenen Empfängern nicht mehr übergeben konnte, oder letztere fanden gemeinsam mit ihm den Tod.

Ein Bruchteil des Fundes – nämlich 540 Münzen – landete kurz nach dem Auffinden im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Dessen damaliger Hauptkonservator Prof. Neuhaus unterzog sie einer ersten Untersuchung. Neuhaus stellte fest, dass „die Bestimmung der Münzherren und der Prägestätten sehr schwierig“ sei. Denn für Texte war auf den 2-Euro-Cent großen Silberpfennigen kein Platz. Neuhaus identifizierte dennoch „mehr als 50 verschiedene Typen“, von denen viele sicherlich in Nürnberg geprägt worden seien. Der Konservator war überzeugt, dass zumindest eine der Münztypen aus Hersbruck stammte und der Ort das 1060 von Kaiser Heinrich IV. zugestandene Münzrecht tatsächlich nutzte. „Einige unbeprägte Schrötlinge“ in dem Schatzfund waren für Neuhaus ein schlüssiges Indiz dafür, „dass die Prägestätte des Hauptbestandes des Fundes nicht weit vom Fundort entfernt lag.“ Mit 30 km Entfernung lag Nürnberg schon weit weg. In einem Brief an den Stadtrat von Hersbruck zog Neuhaus am 21. November 1928 das Fazit: „Es ist nunmehr mit Sicherheit anzunehmen, dass in Hersbruck tatsächlich geprägt worden ist“. Das war eine zweite „Entdeckung“ – dieses Mal zur fränkischen Geschichte, denn Münzen aus einer Münzstätte Hersbruck waren bis dahin noch in keinen Funden festgestellt worden. Jedenfalls ist das Hersbrucker Münzrecht aus dem Jahre 1060 älter als das von Nürnberg – dort ist ein solches erst im „Großen Freiheitsbrief “ König Friedrichs II. von 1219 neben anderen Privilegien erwähnt. 1236 wurde erstmals die Nürnberger Reichsmünzstätte urkundlich beschrieben. Die Nürnberger Münzmeister und Stempelschneider waren seither weithin geachtet – sie stellten nicht nur eigene Münzen her, sondern auch solche für etliche andere weltliche und geistliche Fürsten. Im Laufe der Zeit hatten immer mehr dieser Fürsten eigene Münzrechte erhalten, ab der Mitte des 13. Jahrhunderts kamen die Städte hinzu. Natürlich wollte jeder sein Münzrecht nutzen – die daraus resultierende große Nachfrage musste zumindest zeitweise zu Engpässen an „Rohlingen“ führen. Das Ergebnis der Begutachtung durch den Hauptkonservator des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg wurde in der Monatsbeilage „Heimat“ der Hersbrucker Zeitung im Mai 1930 veröffentlicht, erreichte aber nur deren Leser und wurde in der Fachliteratur nicht aufgegriffen. In der Überschrift des Artikels war vom „Hersbrucker Münzfund“ die Rede – damit hatte der Schatz einen

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