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Industrie 4.0 als vertane Chance? Mythen und Irrwege auf dem Weg zum Markterfolg Deutschlands! Name:

Professor Peter Sachsenmeier

Funktion/Bereich:

Vorstand

Organisation:

IMAG Information Management AG, Schaffhausen Schweiz

Liebe Leserinnen und liebe Leser, Deutschland hat immer wieder wichtige Innovationen kreiert – selbst im Bereich der Internettechnologien. Oft haben aber andere dann die Markterfolge realisiert (z.B. beim MP3-Standard der Fraunhofer-Gesellschaft, wo Apple&Co erfolgreich waren). Mit Industrie 4.0 scheint eine neue Idee „Made in Germany“ eine Erfolgsstory zu werden. Mehr denn je scheint diese Idee zu unserem Standort und seiner Engineering-Tradition zu passen und eine hervorragende Basis für unsere Zukunftsfähigkeit zu sein. Oder täuschen wir uns (wieder) und verhindern Mythen und Irrwege am Ende wieder vielleicht unseren Markterfolg, weil zu viel geforscht und standardisiert und zu wenig vermarktet wird? Wer also gewinnt das Rennen: Deutschlands Champions wie Bosch oder am Ende doch Google mit smarten Unternehmen wie NEST. Es freut uns, dass mit Professor Sachsenmeier ein Experte mit internationaler Perspektive diese Fragen kritisch-konstruktiv reflektiert. Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen Ihr Competence Site-Team

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Sehr geehrter Herr Professor Sachsenmeier, Hintergrundinformationen zu Professor Peter Sachsenmeier Durch ihre internationalen Aktivitäten können Sie wie nur wenig andere Experten das „deutsche Projekt“ Industrie 4.0 aus einer globalen Perspektive bewerten. Zunächst einige Hintergrundinformationen zu Ihnen vorweg: Was sind die Themen, die einen Professor Sachsenmeier treiben? Welche Relevanz hat das Thema Industrie 4.0 für Sie? Inwieweit sind Sie mit diesem Thema auch international aktiv? Inwieweit nimmt bereits die Welt Industrie 4.0 als „deutsches Thema“ wahr? Antwort: Die Veränderungen in der globalen Wirtschaft geschehen schneller als sie in Deutschland wahrgenommen werden. Weil wir z.B. nur verhältnismässig geringe Wanderungsbewegungen innerhalb Deutschlands haben, sind wir blind für die weltweit dramatischen Wanderungsbewegungen in die Städte, in Asien, Afrika, Lateinamerika. Diese Wanderungsbewegungen beschleunigen die Technologisierung, Informatisierung, Industrialisierung und nicht zu vergessen Innovationen auf eben diesen Kontinenten, auf denen heute der überwiegende Teil der Menschheit lebt. Nicht zuletzt unterstützt durch nordamerikanische und z T deutsche Technologie finden in anderen Gegenden der Welt Paradigmenwechsel statt, zu denen wir in Europa keinen unmittelbaren Zugang haben: weder praktisch noch emotionell. Industrie 4.0 ist eine interessante Bezeichnung für eine Entwicklung, die das manmachine interface, die Schnittstelle zum Menschen, aus der Betrachtung herausnimmt und durch machine-to-machine ersetzt. Als Informatiker, als Wirtschaftswissenschaftler, als Mitglied einer nationalen Ingenieursakademie, als Berater von Unternehmen kann ich nicht die Augen davor verschliessen, dass mit dem Vorantreiben von Industrie 4.0 wichtige gesellschaftliche und politische Themen verknüpft sind, die erst allmählich adressiert werden: allerdings weniger in der engeren deutschen Debatte, sondern eher auf Überfliegerveranstaltungen wie dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos. In meiner Präsentation sage ich dazu: unzureichend! Mit der indischen Akademie der Ingenieurwissenschaften betreiben wir einen Dialog, in dessen Rahmen meine Stellungnahme zu nichttechnischen Fragen von Industrie 4.0 entstanden ist. Auch in Indien, Nordamerika, Lateinamerika, Afrika und in Grossbritannien führe ich diesen Dialog, in verschiedenen Kontexten. Es ist wahr, die Wortwahl Industrie 4.0 wird als deutsch wahrgenommen. Etliche anglo-amerikanische Beratungsfirmen haben deswegen andere Wörter gewählt. Wegen der Bedeutung und weltweiten Anerkennung für die deutsche Industrie wird

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allerdings 端berall mit Interesse verfolgt, was die Deutschen damit meinen, planen und tun.

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Mythos 1: Industrie 4.0 ist ein sicherer Hafen für Deutschlands Zukunft Deutschland scheint mit Industrie 4.0 eine neue Erfolgsstory für die Zukunftsfähigkeit unseres Standorts zu schaffen, die auch hervorragend zu unserer EngineeringTradition passt. Somit ist eigentlich der Erfolg schon sicher, zumal Bundesregierung, Verbände und Anbieter wie Anwender das Thema engagiert angehen. Sie sind hier ein kritisch-konstruktiver Warner. Täuschen wir uns u.U., wenn wir zu schnell von einer historisch gegebenen überlegenen Kompetenz ausgehen? Wie bedrohlich sind die Big-5 aus dem Silicon Valley, insbesondere Google und Apple oder droht im Wettbewerb langfristig auch Gefahr von anderer Seite, z.B. China? Antwort: Ich denke, wir sind einerseits überragend mit unseren Ingenieurleistungen, aber leider und verständlicherweise gerade deswegen blind für Kontexte und Situationen, die uns fremd und unbekannt erscheinen. Die USA sind dieser attraktive Schmelztiegel, in dem insbesondere talentierte Migranten zu Höchstform auflaufen können, und in dem es prächtige Randbedingungen für Innovationen und neue Geschäftsmodelle gibt. Wer viel Geld hat, wie Google, Apple, usw. wird sich nützliche, arrondierende oder geschäftsmodellverändernde Innovationen kaufen und weiterentwickeln, mit Vorbildcharakter für die ganze Welt. In China wird sich Quantität zunehmend zu Qualität verwandeln, einfach, weil die Beschäftigung mit Produktion zu immer besseren Kenntnissen führt. Da diese Kenntnisse anderswo abgebaut werden, werden viele industrielle Bereiche Chinas über Zeit zu weltweit führenden Exzellenzclustern werden. Hochflexible Massenfertigung zeichnet China heute schon aus; das fokussierte Herstellen von Sonderanfertigungen ist da nicht weit. Indien ist als Markt und Informatikpool enorm wichtig. Jugaad ist die indische Innovationsform, bei der es darauf ankommt, eine Wirkung zu erzielen, ohne unnötigen Aufwand, deswegen oft als frugale Innovation bezeichnet. Dort werden Produkte und Dienstleistungen für hunderte von Millionen Menschen hergestellt, von Solarkochtöpfen, sehr günstigen Augenoperationen bis hin zu von der Regierung gewünschten 600 Millionen Bankkonten zu unschlagbaren Konditionen, d.h. Kontoführungskosten von weit weniger als einem Euro pro Monat. Die damit verbundenen Lernkurven machen Indien wettbewerbsstark, wir werden es nur nicht gleich merken.

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Mythos 2: Die Industrie 4.0-Schlacht gewinnen Forschung und Standards Deutschland hat für die Industrie 4.0 viele ambitionierte Forschungsprojekte aufgesetzt. Zugleich braucht eine integrierte Industrie 4.0 auch Standardisierung. Sie sind skeptisch, dass wir so die Schlacht um die Zukunft der Industrie gewinnen. Was ist Ihrer Meinung nach die Alternative zu Forschung und Standardisierung? Was ist Ihrer Meinung nach der Grund dafür, dass wir andere Schwerpunkte als die Amerikaner setzen? Sind smarte Teillösungen wie NEST der Pfad zum Glück? Antwort: Die Weltmärkte werden gewonnen durch Innovationen, Kreativität und Nutzen. Und Beherztheit, das Glück des Tüchtigen. Wenn unsere Forschungsinstitute und Standardisierungsgremien das leisten, prima. Ein Schritt zurück, Umwelttechnologien. Das war doch einmal die vielbeschworene Basis für einen grossen Impact Deutschlands in der Welt. Wieviel ist davon geblieben? Welche Komponenten werden bei uns für den Weltmarkt gebaut? Die Amerikaner sind produktverliebt. Wir haben immer auch schon Dienstleistungsqualität beigesteuert, und da sehe ich eine gute Möglichkeit.

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Allerdings: wir müssen in die grossen Märkte selber, und zwar mit mehr als unseren Flaggschiffen, den Autos. Ganz viel von unserem sogenannten Exporterfolg entsteht in Märkten ohne landeseigene Mitbewerber, so z.B. im nahen Osten. Wenn wir in den grossen Märkten tatsächlich präsent sind, entstehen sofort Veränderungen an den Produkten, das sieht man z.B. an den deutschen Autos in China. Der Weltmarkt hat hohe Ansprüche an die interkulturelle Zusammenarbeitsfähigkeit der Akteure, sonst entstehen keine industriellen und gesellschaftlichen Umwelten für Leitprodukte. Das gilt für unsere Produkte, genau wie für das geniale NEST.

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Mythos 3: Industrie 4.0 ist Engineering und betrifft etablierte Unternehmen Die Plattform Industrie 4.0 wird getragen vom VDMA, dem ZVEI und dem BITKOM. Trotzdem scheint es oft vor allem als Engineering-Thema gesehen zu werden. Zugleich sind die wichtigsten Akteure etablierte Unternehmen wie Siemens. Wie bedeutend wird Softwaretechnologie im Kontext von Industrie 4.0 sein? Frisst auch hier Software den Rest der Welt? Wie wichtig ist das Engagement von Deutschlands größtem Software-Unternehmen, SAP? Kann es sich Deutschland leisten, bei Internet-Technologien nur Einkäufer von Fremdtechnologie zu sein? War es vielleicht ein Fehler Technologien wie Mobile aus der Hand zu geben? Und müssen wir bei Industrie 4.0 noch mehr auf junge Unternehmen setzen? Antwort: Deutsche Industriethemen leben in einem von zahllosen mittelständischen Firmen geprägten Ökosystem. Diese Kleinst- und Kleinfirmen muss das Thema Industrie 4.0 erreichen, wenn es Wirkung entwickeln soll. Über alle Funktionen hinweg, nicht nur in der Produktentwicklung. Software frisst den Rest der Welt. Marc Andreesen hat recht mit seinem kurzen, aber einprägsamen Artikel. In einigen wenigen Bereichen, z.B. Gesundheitswesen, Nahrungsmittel muss immer noch Hand angelegt werden, weil wir als Menschen so abhängige Systeme sind. Nur wer sich mit den Technologien originär beschäftigt, hat originelle Kenntnisse. Andere lernen schnell, so gute Komponentenassemblierer zu werden wie wir. Mobile Technologien sind ein derart integraler Bestandteil von Industrie 4.0, dass wir dringend wieder Wissen und Fertigkeiten aufbauen müssen, wenn wir mitspielen wollen. Die kleinen Firmen lernen das schnell; den Paradigmenwechsel hin zu Industrie 4.0 und alle damit verbundenen Themen müssen wir besonders in unseren grossen Firmen diskutieren, die zu langsam umschalten. Gerade weil diese Themen in der betrieblichen und sozialen Realität der Konzerne eine so geringe Rolle zu spielen scheinen, muss umso mehr ein Aufklärungsprozess stattfinden, der die Menschen beteiligt und engagiert. Das ist eine der hervorragendsten Managementaufgaben der heutigen Zeit.

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Mythos 4: Bei Industrie 4.0 haben wir noch lange Zeit Nachhaltigkeit wie sie das deutsche Wesen auszeichnet bedeutet immer auch ein Kompromiss bei der Geschwindigkeit. Als Vision scheint uns Industrie 4.0 auch noch die Zeit zu geben, um in Ruhe Konzepte und Produkte zu entwickeln. Auch hier sind Sie Skeptiker! Warum beginnt Ihrer Meinung nach die Industrie 4.0 schon im Hier und Heute? Was droht uns bei einem langsamen Time-To-Market? Wie wichtig ist es, alle relevanten Stakeholder breit zu mobilisieren? Was sind weitere Maßnahmen, die Professor Sachsenmeier für unseren Erfolg vorschlägt? Antwort: Industrie 4.0 ist in Teilbereichen bereits hier. Es ist Zweckoptimismus, wenn behauptet wird, man werde „Industrie 4.0 in den nächsten 15 Jahren bauen“. Alles, was wir technologisch so klar sehen können wie z.B. sensorbasierte, selbststeuernde Umgebungen, ist nahe Realität. Nächste Woche finden in Berlin fünf internationale Konferenzen zu Cyber Physical Systems statt, dem Internet der Dinge. Die Verteilung der globalen Arbeit schreitet rasant voran, in Deutschland bauen die grossen Firmen ab, nicht auf. Ich habe bereits die Wichtigkeit von Leitprodukten und intelligenten Dienstleistungen angesprochen. Unsere vorzüglichen sozialen Errungenschaften verzögern, dass eine engagierte, dringliche Diskussion angeschoben wird mit dem Thema, „wie werden wir alle morgen Geld verdienen?“ und ich meine mit morgen, ab jetzt sofort. Es muss uns klar sein, dass die wichtigen Player andere sein werden. Nicht mehr die heute viel gerühmten OEMs, sondern z.B. die Organisatoren integrierter weltweiter Logistikketten, die Disponenten weltweiter Produktionskapazitäten, spezialisierte Wissennetzwerke, Finanzinstitutionen. Man braucht auch nicht Millionen Arbeitskräfte in Industrie 4.0, sondern nur den Zugang zu exzellentem, spezialisiertem Produktionsknow-how. Solche Fabriken werden den Industriegiganten der Zukunft nicht einmal gehören, die Schlüsseldienstleister im Ökosystem von Industrie 4.0 auch nicht auf der Payroll der Giganten sein. Ganz neue Managementskills sind gefragt, unsere ganze Begriffswelt und unsere sozialen Errungenschaften sind neu zu formen. Und unsere Geschäftsmodelle auch. Für einen Weltmarkt von 9 Milliarden Menschen.

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Industrie 4.0 als realistische Hoffnung für Deutschland – Was tun? Bei aller Skepsis sehen auch Sie die Zukunftspotenziale von Industrie 4.0 für den Standort Deutschland und seine Unternehmen. Wie gelingt es uns Ihrer Meinung nach, jenseits der Mythen und der damit verbundenen Irrwege einen erfolgreichen Industrie 4.0-Pfad zu gehen? Welche Schritte sollten Politik, Verbände, Anbieter und Anwender Ihrer Meinung nach gehen? Antwort: Selbstverständlich sehe ich Potentiale. Wenn nicht dieses Land und seine Firmen, welches dann? Wichtig ist, Nutzen zu schaffen. Das klingt banal. Allzuoft berauschen wir uns an Lösungen und gehen dann auf die Suche nach einem passenden Problem. Eine ganz starke Orientierung an den Menschheitsproblemen, unter Berücksichtigung der finanziellen Leistungsfähigkeit von verschiedenen Bevölkerungen kann uns die Probleme liefern, auch die der Bottom Billion, der einen Milliarde Menschen auf der Welt ohne Zugang zu modernen staatlichen und bürgerlichen Dienstleistungen. Wir müssen als Gesellschaft höher takten. Wir sehen eine weltweite Bevölkerungswanderung von potentiell 2 Milliarden Menschen in die innovativeren, chancenreicheren Städten, was für eine Dynamik. Deswegen müssen wir in unserem kleinen Land Geschwindigkeit aufnehmen und eine neue Dringlichkeit entdecken. Zuletzt: Wir überschätzen typisch, was wir kurzfristig bewegen können, und unterschätzen, was wir langfristig anstellen. Gerade deswegen muss unser Land der Innovationen viel breiter in diese Diskussion über Industrie 4.0 einsteigen, und wir alle mit einer globalen Orientierung entschlossen handeln. Ich bin dabei.

Vielen Dank für das Interview!

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Industrie 4 0 mythen irrwege hoffnungen professor sachsenmeier 20140331