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Peru-Aktion e.V. seit 1989

April 2011

In diesem Heft: Die ‚Familie Quillazú‘

S. 3

Spendenmarathon zu den Mädchen

S. 4

PROSOYA - Ausbildung vom Feinsten

S. 6

Ein neuer Wald entsteht

S. 7

6. Stock, Schalter 12

S. 10

Aufs Korn genommen

S. 12

Kassenbericht 2010

S. 14

2012: Dritte Gruppenreise nach PROSOYA?

S. 15

Wilfredo Lisarazo, 12 Jahre alt

S. 15


Liebe Freunde der Peru-Aktion, der Rückblick auf das Jahr 2010 erfüllt uns mit großer Dankbarkeit. Vor einem Jahr war nach dem Tod des von allen geliebten Projektleiters Hugo Fernández Vieles in Frage gestellt und die Zukunft sehr ungewiss. Auch wussten wir nicht, ob wir mit Michell Solari den richtigen Nachfolger gefunden hatten. Inzwischen wurde der Wechsel vollzogen und erweist sich, wie so oft bei ähnlichen Gelegenheiten, als eine neue Chance. Es war an der Zeit, alte Strukturen zu hinterfragen und die Verwaltung professionell zu ordnen. Dieser Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen, denn die peruanische Bürokratie ist mehr als umständlich und erfordert unendlich viel Geduld. Auch wird die Arbeit durch die zurzeit wieder fehlende Telefon- und Internet-Kommunikation kolossal erschwert. Es ist ein Glück, dass Michell sich nicht entmutigen lässt und immer wieder nach Lima reist, um dort den Behördenkrieg zu bestehen. Ganz besonders dankbar sind wir vor allem den vielen Spendern, die uns in diesem schwierigen Jahr nicht allein gelassen haben. Trotz der überall diskutierten ‚Wirtschaftskrise’ haben sie uns die notwendigen Mittel zur Verfügung gestellt, um allen Verpflichtungen in Peru nachkommen zu können. Dafür danken wir im Namen aller ‚Prosoyinos‘ von ganzem Herzen. Aufgrund der erwähnten Unsicherheiten hatten wir nicht den Mut, notwendige Reparaturen und Bauvorhaben in Auftrag zu geben. Der Jahresabschluss hat gezeigt, wie richtig die Entscheidung war, diese Maßnahmen erst einmal zurückzustellen. Nun fühlen wir uns neu motiviert und haben bereits für die ersten Arbeiten ‚grünes Licht’ gegeben. Das Verlegen der neuen Trinkwasserleitung im Jungenprojekt ist bereits abgeschlossen, so dass nun auch die Häuser am unteren Ende der Anlage genügend Wasser bekommen. Aus einem ehemaligen Werkzeugdepot soll demnächst für Michell Solari ein kleines Apartment entstehen, in dem endlich auch ein Arbeitstisch Platz haben wird. Im Mädchenprojekt werden die Pläne für den Ausbau des Dachgeschosses im Haupthaus immer konkreter, ein Kostenvoranschlag über ungefähr 8 000 € liegt bereits vor, aber wir hoffen noch auf gezielte Spenden für dieses wichtige Vorhaben. Anfang März wurden in Huancabamba 11 Jungen und in Quillazú 7 Mädchen aufgenommen. Kurz vor Redaktionsschluss erreichten uns die Lebensgeschichten dieser Neuankömmlinge, aus denen wir die von Wilfredo Lisarazo herausgreifen und auf Seite 15 vorstellen. Auch dieses Mal sind wir wieder erschüttert über all das Leid und die schrecklichen Erfahrungen, die diese Kinder in jungen Jahren durchmachen mussten. Nun können wir ihnen in PROSOYA eine positive Lebensperspektive ermöglichen. Natürlich hoffen wir auch, für jede/n von ihnen eine Patin oder einen Paten aus unserem Spenderkreis zu finden. Wenn Sie sich vorstellen können, eine Patenschaft mit monatlich 25€ zu übernehmen, sprechen Sie uns bitte an! Sie können ein Kind mehrere Jahre begleiten, Briefkontakt haben und dessen Entwicklung verfolgen. Aber auch eine anonyme Patenschaft ist für uns eine große Hilfe. Krista Schlegel und Karin Rhiemeier 2


Gabriele Skudelny und Sigrid Baake berichten über die Leitung des Mädchenprojektes.

Die ‚Familie Quillazú’

Seit März 2010 ist Magdalena Kroll aus Pozuzo verantwortlich für PROSOYA Quillazú. In wenigen Monaten hat sie Vieles auf den Weg gebracht. Mit ihrem Wissen als studierte Viehwirtin hat sie die besten Voraussetzungen, die Hühner, Puten und Schweine artgerecht zu pflegen und aufzuziehen. Magdalena hat 14 Jahre Berufserfahrung und spricht außer Spanisch auch ein wenig Englisch und Deutsch. Sie hat ein gutes Konzept entwickelt, den Mädchen die Grundlagen der Viehzucht zu erklären und sich in deren Anwendung zu üben. Auch ist unter ihrer Anleitung der Biogarten erweitert und ausgebaut worden. Ebenso entstand ein Bereich mit medizinischen Heilkräutern. Mit der neuen Regenwurmkompostanlage wird Humus zur Verbesserung des kargen Bodens produziert. Auch ein WiederaufforstungsProjekt hat Magdalena vorangetrieben und zusammen mit den Mädchen durchgeführt.

Wir schätzen an ihr, dass sie einerseits zielgerichtet plant und arbeitet, zuverlässig ist und mit großem Engagement jede Aufgabe angeht. Andererseits hat sie eine herzliche Art, mit den Mädchen umzugehen und sich ihrer Probleme anzunehmen. Konsequent achtet sie darauf, dass die Schülerinnen zunehmend mehr Eigenverantwortung übernehmen und ihr Tun reflektieren. So hat jede eine bestimmte Aufgabe innerhalb der Gruppe und in den verschiedenen Arbeitsbereichen, z. B. Verkauf der Pralinen, Einkauf der Zutaten, täglicher Umgang mit den Haustieren. Zu ihrem pädagogischen Konzept gehört, dass die Mädchen regelmäßig in Gesprächskreisen mit ihr zusammen die Einhaltung der Regeln besprechen und sich darüber ein Urteil bilden. Dabei beobachten sie nicht nur ihr eigenes Verhalten, sondern auch das der anderen. Durch diesen liebevoll-kritischen Umgang erfolgt eine Erziehung der Mädchen untereinander und gleichzeitig entsteht das Gefühl, 3


in einer großen Familie zu leben. Zu dieser Familie gehören natürlich auch Mathias, Magdalenas Sohn, die Lehrerin Melné mit ihrem Sohn Lyam und, nicht zu vergessen, unsere Köchin Rosa. Für Magdalenas eigene Familie - ihr Mann José besucht sie regelmäßig - wünschen

wir uns etwas mehr Raum. Der Ausbau des Dachgeschosses für einen Versammlungsraum und ein Büro könnte auch ein Zimmer für den Sohn ermöglichen. Über Spenden hierfür würden wir uns sehr freuen!

20 Kilometer ungefähr – das ist die Strecke zwischen PROSOYA Huancabamba und PROSOYA Quillazú, die zwölf Schüler am Sonntag, dem 16. Januar 2011, in einer tollen Zeit zurückgelegt haben. Sandra Holzherr, Projektmanagerin aus Rottenburg, war dabei.

Spendenmarathon zu den Mädchen

Es war nicht ganz klar, was die größere Motivation für die Schüler war, an dem Spendenmarathon teilzunehmen: der Sponsorenbeitrag für neue Fitnessgeräte oder die Mädchen in Quillazú. Auf jeden Fall fand knapp die Hälfte der Schüler, die während der Schulferien gerade in PROSOYA Huancabamba waren, die Idee total „chévere“ – cool! Einmal von dem einen in das andere Projekt zu laufen und dabei Geld zu verdienen! – Einen Sol gab es pro Läufer für jeden gelaufenen Kilometer. Die aktuellen Helfer in PROSOYA sowie deren Familien und Freunde in Deutsch4

land übernahmen jeweils für einen Läufer die Patenschaft. Auch drei Hunde liefen mit – ohne Sponsor und sich sicherlich nicht ganz im Klaren, wohin die Reise ging. Dan Hornung als Initiator des Events lief mit den Jungs nach Quillazú, Julian Kopp, Zivi in PROSOYA, begleitete die Truppe auf dem Fahrrad und sorgte unterwegs mit Getränken und Bananen für die notwendige Stärkung. Ich, die ich PROSOYA bei der Organisationsentwicklung unterstütze, fuhr die Strecke im ‚Besenwagen‘ und brachte Wechselkleidung für die Läufer.


Was haben wir gestaunt, als die erste Läufergruppe bereits nach 2,5 Stunden durch das Eingangstor von Quillazú lief. Die letzten waren ca. 20 min später ebenfalls am Ziel! Es war ein heißer Tag, und wenn man bedenkt, dass sie alle zum ersten Mal über eine solche Distanz gelaufen sind, wenn man die schwierigen Straßenverhältnisse und das individuelle Schuhwerk in Betracht zieht . . .also, wir waren alle schwer beeindruckt von dieser Leistung. Angekommen in Quillazú, wurden wir sehr herzlich von Magdalena und Melné und den Mädchen empfangen, und es lockte ein erfrischendes Bad im Fluss. Anschließend gab es ein tolles Mittagessen: Truthahn, der morgens extra für uns geschlachtet worden war. Danach spielten alle noch ein bisschen Fußball und Volleyball. Dan, Arnold und Julian machten sich zusammen mit den Hunden wieder zu Fuß bzw. mit dem Fahrrad auf den Heimweg, alle anderen waren wohl froh, dass sie in ein Sammeltaxi steigen konnten. Am Tag darauf schauten wir uns zusammen die Bilder an und übergaben Michell

Solari einen Scheck über 245 Soles (ca. 60€) als Beitrag zur Anschaffung der neuen Fitnessgeräte. Es war eine gelungene Veranstaltung, für alle ein toller Tag. Bleibt also nur, all denen zu danken, die dazu beigetragen haben: Dem Organisationsteam, das oben bereits genannt wurde, aber vor allem den Hauptakteuren dieses Events, den Läufern und ihren Sponsoren: Thomas Brakensiek Maren Brakensiek Sandra Holzherr Kai von der Ohe Martina Griebler-Booth Russell Booth Hanna Kopp Norbert Kopp Regina Kopp Lore Lindner Amey Hornung Tanja Frank Andreas Holling

Tonny Reymundo, ehemaliger Schüler und heute Mitarbeiter, beobachtete die Abschlussprüfungen.

PROSOYA - Ausbildung vom Feinsten Zum Jahresende hieß es für 8 unserer Schüler, sich auf ein neues Leben außerhalb von PROSOYA einzustellen. Doch zunächst galt es, noch einmal in der Abschlussprüfung DEFICOM ihre im Laufe der Jahre erworbenen Fachkenntnisse vor einer Jury unter Beweis zu stellen. Schon Stunden vorher machte sich bei allen Beteiligten spürbare Nervosität breit.

Als Erste präsentierten sich am Morgen drei ‚Spezialisten’ der Tischlerei. Ihre Demonstration zeichnete sich aus durch perfekte Koordination, flüssige Darstellung und gelungene konkrete Produkte. Schritt für Schritt erklärten sie alle Arbeitsvorgänge, den Einsatz der Werkzeuge und das verwendete Material. Als Nachweis ihres Fachwissens konnten sie einen Schaukelstuhl aus ‚diablo fuerte’, ein besonders 5


edles Holz, sowie eine Kommode aus gleichem Material vorstellen. Die zweite Gruppe beeindruckte mit einem Kinderhochsitz und einer Kommode aus ’tornillo’ , ein Holz, das vor allem während der Bearbeitung einen schier unerträglichen Geruch verströmt. Außerdem zeigten sie noch weitere Arbeiten, die im Laufe ihres Lehrjahres gebaut worden waren, z.B. eine Uhr aus Holz mit PROSOYA-Schriftzug und eine MiniaturKommode. Am Nachmittag folgten die Prüfungen in der Metallverarbeitung. Die meisten Prüflinge hatten sich bereits am Vormittag mit ihren Tischlerei-Kenntnissen vorgestellt und zeigten sich nun schon viel selbstsicherer. Hier ging es um drei Prüfungsgegenstände: um eine Tisch-Drehbank, ein Messerschleifgerät für Holzhobel, das gut in der Tischlerei eingesetzt werden kann, und die dritte Gruppe schilderte die Reparatur eines VW-Motors, der seit mehr als 8 Jahren defekt eingelagert gewesen war. Die Mehrheit der Zuschauer und die Jury

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waren der Meinung, dass diese Gruppe und an ihrer Spitze Flavio – das höchste Lob verdiente. Ein Mitglied der Jury sagte: „ Ich bin einfach sprachlos und weiß gar nicht, welche Fragen ich noch stellen könnte. Aber aus protokollarischen Gründen muss ich es tun. Ihr habt mich ganz einfach völlig überrascht.“ Diese Worte kamen von keinem Geringeren als dem Lehrer für Automechanik am Höheren Technischen Institut von Oxapampa. Zu den Beobachtern zählten auch Vertreter der Agrar-Universität dieser Stadt, die äußerst beeindruckt waren. Alle waren wir stolz auf unsere tüchtigen Jungs, auf ihre tolle Entwicklung und ihre Fähigkeiten im Vergleich mit anderen Fachleuten. Die zurückbleibenden Schüler werden ihre Freunde Kenyi, Flavio, Jesús, Danny, Larry, Guillermo und Fredy wohl so schnell nicht vergessen. Sie sind für die Nachfolgenden zu Vorbildern geworden und haben Maßstäbe gesetzt, denen alle in Zukunft nacheifern werden.


Felicitas Krop und Franziska Kühn, unsere Freiwilligen in Quillazú, übernehmen vielseitige Aufgaben.

Ein neuer Wald entsteht

Schon 2009 wurde im Zusammenhang mit der Wasserknappheit im Projekt Quillazú die vor vielen Jahren erfolgte radikale Abholzung im Quellgebiet oben am Berghang als Ursache erkannt. Sofort wurde damals der erste Teil einer Wiederaufforstung durchgeführt. Nach und nach sollten weitere Schritte folgen. Im Dezember 2010 ergab sich die Möglichkeit, eine zweite Pflanzaktion durchzuführen, dieses Mal in Zusammenarbeit mit der Umweltorganisation „pro naturaleza“ aus Oxapampa. Nachdem das 1/2 Hektar große Feld auf 3 mal 3 Meter große Zellen abgesteckt war, ging es an die Arbeit: Loch buddeln, Erde mischen, in das Loch füllen, Bäumchen einsetzten, fertig! Diesen Ablauf wiederholten wir ca. fünfhundertmal. Heute stehen trotz der starken Regenfälle die meis-

ten Bäumchen aufrecht da und wachsen stetig. Uns wurde erklärt, dass aufgrund des schlechten, zurzeit zu nassen und später zu trockenen Bodens im Moment nur „Pinos“ gepflanzt werden können, ein anspruchsloser Nadelbaum, der eigentlich nicht in diese Gegend gehört. Nun muss regelmäßig um die kleinen Bäume das Unkraut gerupft und das hohe Gras gemäht werden. Im März werden wir einen „vivero“, eine kleine Baumschule, einrichten, in der bis zu 800 Pflanzen einheimischer Baumarten vorgezogen werden sollen. Wenn alles gut geht, können diese schon im September in den mit Humus verbesserten Boden ausgepflanzt werden und die zweite Wiederaufforstung vervollständigen.

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Jeder peruanische Verein muss bei ‚Registros Públicos’ eingetragen sein. Die für PROSOYA nächstgelegene Niederlassung dieser Behörde befindet sich in La Merced, 2 Auto-Stunden entfernt in Richtung Lima. Im letzten Jahr hatte Michell Solari die wichtige Aufgabe, die erloschene Registrierung des Vereins PROSOYA wiederzubeleben, ohne die eine Unzahl von Behördenschritten nicht denkbar ist.

6. Stock, Schalter 12

Ankunft in La Merced um 9.30 Uhr – Warten bis 12.30 Uhr, da, wie ich erfahre, das Büro für den Publikumsverkehr täglich nur von 12.30 – 13.30 Uhr geöffnet ist. Der Leiter des Büros gibt – ohne die Maniküre seiner Fingernägel zu unterbrechen – gleich zu verstehen, dass er noch viel zu tun habe und man sich bitte kurz fassen möge. Nach einem Blick auf unsere Papiere schlägt er vor, in einer Woche erneut zu erscheinen, da er erst dann Stellung dazu nehmen könne. Also erneute Fahrt nach La Merced in der Hoffnung auf schnelle Regelung der Sache. Der Büroleiter mahnt wieder zur Eile, da er an einem Umzug im Zentrum der Stadt teilnehmen müsse. Er empfiehlt mir, doch lieber gleich die 329 km entfernte Zentrale des Büros in Lima aufzusuchen, um dort den Originalvorgang einzusehen. Einige Zeit später habe ich in Lima zu tun. Bei ‚Registros Públicos’ angekommen, gelange ich in einen riesigen Saal mit zahlreichen Warteschlangen voller ungeduldiger Menschen. Optimistisch stelle ich mich an und warte ca. 4 Std., bis ich endlich an einen Schalter gerufen werde. Dort eröffnet man mir, dass zunächst eine Zahlung vorzunehmen sei. „Mein Herr, hier findet keine Beratung statt, hier wird nur die Gebühr entrichtet, damit Ihr Vorgang gesucht wird. Sie bekommen dann ein Ticket und müssen warten, bis Sie 10

aufgerufen werden.“ sagt mit autoritärer Stimme ein respekteinflößender Mensch. Ich warte also erneut ein paar Stunden zusammen mit ca. 400 Personen – dieses Mal mit meinem Laptop auf den Knien, um die Zeit zu nutzen. Endlich erscheint auf einem Monitor meine Nummer mit dem Hinweis 6 -12 = 6. Stock, Schalter 12. Das Glück scheint auf meiner Seite zu sein, doch dann muss ich feststellen, dass der Lift defekt ist. Also zu Fuß die 6 Stockwerke hinauf! Am Schalter 12 bitte ich um eine Kopie der Registrierung unseres Vorstands vom Verein PROSOYA. Die junge Dame sagt mir, unser Vorgang sei im Moment leider nicht verfügbar. Die Akte sei im Zuge eines internen Audits angefordert worden, weil ja der Büroleiter gewechselt habe. In ca. 7 Werktagen werde sie wohl zurück sein. Jeden Tag habe ich dann dort angerufen, um nach Ablauf einer Woche erneut in den 6. Stock zu steigen und mich an Schalter 12 zu melden. Viele Gesichter sind mir noch vom letzten Mal in Erinnerung, darunter Arbeiter und auch Menschen wie ich, die irgendwelche Dinge zu regeln haben. Mit jedem Gruß verteile ich einen Prospekt von PROSOYA. Am Schalter erklärt mir die gleiche Dame mit unveränderter Monotonie, ich müsse nun in den 1. Stock hinuntergehen und dort zwei Gebühren bezahlen, um mich dann erneut in die Schlange einzureihen. Gesagt, getan,


die Treppen hinunter, Wut im Bauch – zahlen, Wut im Bauch – noch einmal hinauf in den 6. Stock, Wut im Bauch - und anstellen, Wut im Bauch. Als ich endlich an der Reihe bin, sagt mir die junge Dame unverändert monoton, aber lächelnd: „Auf Anweisung des neuen Büroleiters brauchen wir nun von Ihnen eine von Ihrer Präsidentin unterschriebene Vollmacht mit notarieller Beglaubigung, damit Sie die Unterlagen erhalten können.“ Ich nehme meine Papiere an mich, Wut im Bauch – gehe die Treppen hinunter, Wut im Bauch - verlasse ‚Registros Públicos’, Wut im Bauch. Einige Tage später stehe ich erneut im 6. Stock vor Schalter 12 in der gleichen Schlange mit den gleichen Personen – wir scheinen bereits zu alten Freunden geworden zu sein – und wieder empfängt mich die gleiche Dame mit der gleichen Geduld: „ Mein Herr, ich gebe Ihnen jetzt ein Ticket, damit Sie im 1. Stock Ihre Gebühr bezahlen können.“ Die Treppen hinunter, wütend, zahlen, wieder wütend, aber es ist eigentlich sinnlos, wütend zu sein, also fahre ich fort, Treppen hinauf und hinunter zu steigen, zu zahlen, ohne weitere Wut zu entwickeln, alles ganz automatisch wie ein Roboter, der sich daran gewöhnt. Schließlich erhalte ich meine Kopien mit dem Hinweis, in 30 Werktagen wiederzukommen, um die Registrierung vorzunehmen. Da erfahre ich, dass ab jetzt der Vorgang in La Merced weiterbearbeitet werde. Erst nach einigen Monaten ist es dann soweit, weil auch dort das Personal ausgetauscht

worden ist. Ein neuer Chef bringt neue Leute mit, und die nehmen sich alle Zeit der Welt, um nach und nach alle Vorgänge durchzusehen… keiner von ihnen digitalisiert, alles auf Papier, tausende von Seiten, die von ganzen 8 Prüfern durchgeblättert werden müssen. So gehen die Monate ins Land, und das Unbehagen wird von Mal zu Mal größer angesichts der Dringlichkeit, diese Unterlagen zu bekommen. Parallel suche ich nach Alternativen, befrage den einen oder anderen Anwalt, spreche den einen oder anderen Freund an, ohne dass sich ein gangbarer Weg aufgetan hätte, weil einfach zu viele Menschen in diese Sache eingebunden waren. Viele Stunden Warten voller Ungeduld auf den Fluren der Büros in La Merced und Lima, viele Wege hinauf in den 6. Stock und wieder hinunter, viele Zahlungs-Tickets aus unterschiedlichsten Gründen, viele Flaschen Mineralwasser als Ersatz für ein Mittagessen und viele, viele, viele Fahrten hin und her ….. Eines guten Tages gegen Ende des Jahres empfiehlt man uns schließlich eine letzte Möglichkeit, um den Prozess abzukürzen: nämlich einen neuen Antrag zu stellen. Ja, einen neuen Antrag zu stellen mit dem Risiko, dass der erste annulliert würde, was den neuen Prozess hätte blockieren können, weil es ja um den gleichen Verein ging. Wir entscheiden uns dennoch für diese Lösung, und nach 7 Tagen – falls man den alten Vorgang nicht löscht – sollen wir offiziell den Eintrag ins Register erhalten. Es vergehen 6 Tage, als ich einen Anruf auf meinem Handy erhalte. Am anderen Ende ist tatsächlich eine Person, mit 11


der wir es in der ganzen Zeit im 6. Stock der ‚Registros’ zu tun gehabt haben, ein Mitarbeiter, den ich gebeten hatte, mich anzurufen, sobald er eine positive Nachricht für mich hätte. Er sagt: „Mein lieber Solari, Ihre Registrierung ist morgen fertig. Kommen Sie gegen 10 Uhr und bringen Sie mir eine Kopie Ihres Ausweises mit.“ Also gehe ich wieder die gleichen Treppen hinauf, treffe auf die gleichen Menschen, manche etwas zufriedener, andere etwas ärgerlicher, einige ungehalten, andere herzlich zugewandt, jede Treppenstufe erscheint mir wie eine Leiter zum Himmel, sie sind leichter zu nehmen und es scheint sogar, als ob ich in viel kürzerer Zeit und ohne die geringste Ermüdung die 6 Etagen bewältigen könnte. Ich stehe vor Schalter 12, ein freundlicher Gruß, meine Ausweiskopie hinüber geschoben,

und ich halte in weniger als 3 Minuten die „Offizielle Registrierung“ des Vorstands von PROSOYA in den Händen. Ich drehe mich um und wende mich der Treppe zu – gleich jemandem, der Millionen Dollar in bar von einer Bank abgehoben hat - und steige die Stufen hinab, voller Genugtuung, dieses Dokument in Händen zu halten, voller Besorgnis, dass diesem Papier nichts geschehe, um nicht alles noch einmal von vorn beginnen zu müssen. Wenn man sagt: “Das Leben ist ein ständiges Lernen.“, so glaube ich, sehr viel mehr über Toleranz und über Geduld gelernt zu haben. Mir wurde bestätigt, wie wichtig es ist, Vorgänge zu digitalisieren, und ich lernte eine Menge darüber, wie einige Dinge in meinem Land gehandhabt werden. PROSOYA erhielt die „Offizielle Registrierung“ als Verein und ich …….. habe hinzugelernt.

Tanja Schmidt und Fabian Koschitzki aus Frankfurt lebten und arbeiteten im Herbst 2010 mehr als 4 Monate in

PROSOYA und ergänzten mit ihrem Einsatz die Betreuung der Schüler und Schülerinnen in beiden Projekten. Familie und Freunde aus Deutschland unterstützten mit Extra-Spenden ihre Idee, die Jugendlichen zum ersten Mal mit einer Kamera vertraut zu machen. Die Ergebnisse dieser Foto-Safari können Sie hier bestaunen.

Aufs Korn genommen Was ist für euch in PROSOYA besonders wichtig? Unter diesem Motto wollten wir einen Foto-Wettbewerb unter allen Schülerinnen und Schülern starten, um am 11. Dezember eine Auswahl der besten Schnappschüsse in einer Ausstellung zu zeigen. Schnell sprang die Begeisterung an dieser neuen Aufgabe auf die Jungs und Mädchen über. Oft waren sie in kleinen Grüppchen unterwegs und unterwiesen sich gegenseitig im Gebrauch einer Kamera oder ent12

wickelten Kreativität im Entdecken von Motiven. Natürlich war das auch eine Gelegenheit, um sich selbst einmal in Szene zu setzen und dann ein Bild von sich zu besitzen, was hier oben in der Abgeschiedenheit durchaus nicht selbstverständlich ist. Am Abend hieß es für jeden von ihnen, aus seiner Ausbeute das jeweils beste Foto herauszusuchen. Nicht immer gewann dabei das eigentlich schönste. Aber am Schluss lag eine wirklich sehenswerte Sammlung an tollen Bildern vor. Der krö-


nende Abschluss war dann die Ausstellung. 79 Teilnehmer bemühten sich, über die 13 schönsten Fotos abzustimmen. Für die Sieger gab es eine Einweg-Kamera, einen USB-Stick, ein Puzzle, Bilderrahmen, Süßigkeiten usw. Außerdem erhielt jeder Teilnehmer sein bestes Foto ausgehändigt. Was dieser Wettbewerb an Motivation bewirken konnte, zeigte sich am Beispiel von Brian. Dieser Junge war uns immer als äußerst schüchtern und introvertiert

aufgefallen. Er sprach kaum, grüßte nicht und hatte stets Angst vor allzu viel Nähe. Doch kaum hatte er eine Kamera in der Hand, kam es bei ihm zu einer regelrechten Verwandlung. Man sah ihm die Freude an, die er beim Fotografieren entwickelte. Kaum ein Schüler hat mehr Fotos gemacht als er, und es schien, als wolle er gar nicht mehr aufhören. Ab diesem Tag löste sich unsere Kontaktsperre ein wenig, und wir fanden zusehends mehr Zugang zu ihm. Der schönste Lohn für unsere Idee!

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Kassenbericht 2010 Im Zeichen der wirtschaftlichen Erholung nach dem Krisenjahr 2009 konnten wir einen erfreulichen Anstieg des Spendeneinganges feststellen und damit den Ausfall projektgebundener Großspenden kompensieren. Wir führen das aber auch auf den Versand der Chronik zurück, die ein Ausgaben Laufende Projektkosten Verwaltung und Werbung außerordentliche Aufwendungen SUMME

außerordentliches Interesse gefunden hat, und auf die Bereitschaft unserer Freunde und Förderer, uns bei dem Ausbau und der Entwicklung des Mädchenprojektes finanziell zu begleiten. Dafür noch einmal recht herzlichen Dank!

Euro Einnahmen 229.000,- Spenden 12.000,- Mitgliedsbeiträge Zuschüsse Zinsen 9.000,- außerordentliche Erträge 250.000,-

Die Ursache für den moderaten Anstieg der Projektkosten liegt im Wesentlichen in den Ausgaben für weitere Investitionen in die Infrastruktur des Mädchenprojektes. Die Kosten für Marketing und Verwaltung sind erwartungsgemäß zurückgegangen, da Investitionen in die Technik nicht wie im Vorjahr erforderlich waren. Die außerordentlichen Kosten und Erlöse beinhalten im Wesentlichen Aufwendungen und Erträge, die im Zusammenhang mit

Euro 207.000,3.000,9.000,4.000,9.000,242.000,-

dem Tod unseres langjährigen Projektleiters Hugo Fernadez-Orcasitas angefallen sind. Insbesondere zu nennen wären hier die Reisekosten anlässlich der Auswahl eines geeigneten Nachfolgers. Der Fehlbetrag von rd. Euro 8.000,- wurde den Rücklagen entnommen. Die Kassenlage des Vereins ist stabil wie in den Vorjahren. Bad Salzuflen, 12. Februar 2011 Reinhard Heuwinkel (Kassenwart)

Bericht der Kassenprüfer Die Kassenprüfung wurde am 28. Januar 2011 durchgeführt. Gegenstand der Prüfung waren Abschluss und Buchführung des Jahres 2010. Die Belege und Buchungsunterlagen waren vollständig vorhanden. Die Prüfung gab keinen Anlass zu Beanstandungen. Abschluss und 14

Rechnungslegung vermitteln einen vollständigen Überblick über die Kassenlage des Vereins. Wolfgang Jüngst Jörg Schlenkhoff


2012: Dritte Gruppenreise nach PROSOYA ? In letzter Zeit wurde uns mehrmals von Spendern die Frage gestellt, ob denn noch einmal eine Gruppenreise nach Peru und PROSOYA angeboten werden wird. Auf der Jahreshauptversammlung der PeruAktion erklärte sich unser Mitglied Dieter Wiegmann bereit, diese Idee in die Tat umzusetzen. In Peru geboren und dort aufgewachsen, ist er prädestiniert, sowohl die vorbereitende Organisation als auch die Reisebegleitung zu übernehmen. Ein voraussichtlicher Termin wurde bereits festgelegt und die ersten Vorbereitungen gestartet. Reisedauer: 5. bis 27. September 2012 In den ersten 12 Tagen soll die Route über

Arequipa zu den Kondoren ins Colcatal führen. Dann geht es zum Titicacasee und von dort ‚First Class’ mit dem Zug nach Cusco, dem früheren Zentrum des Inkareichs. Auf einen Ausflug nach Machu Picchu folgt der Rückflug nach Lima. Von dort fährt ein Bus über den 4.800 m hohen Andenpass Ticlio in das tropische San Ramón und am folgenden Tag nach PROSOYA. Für diese letzte Reisewoche sind einige Tagesausflüge in die Umgebung geplant, bevor es dann über Lima wieder nach Hause geht. Interessenten können sich bei Dieter Wiegmann melden: Lindenstraße 14, 75433 Maulbronn prosoyareise@peru-aktion.de

Wilfredo Lisarazo, 12 Jahre alt Ich wurde 1998 in den Bergen von Ayacucho geboren, wo meine Mutter sich mit der Aufzucht von Schafen und Meerschweinchen ein wenig Geld verdiente. Mein Vater starb, als ich 7 Jahre alt war. Da wir seitdem nicht mehr genug zu essen hatten, beschloss meine Mutter, unsere Hütte und unser kleines Feld zu verkaufen und zu meinen älteren Geschwistern nach Mallampampa zu ziehen. Weil sie aber nur Qechua und kein Spanisch spricht, bekam sie als Tellerwäscherin nur 1 bis 2€ pro Tag bezahlt. So musste auch ich bei Nachbarn arbeiten, um das Nötigste für unseren Lebensunterhalt dazuzuverdienen. Ich konnte deshalb oft nicht zur Schule gehen. Durch Mitschüler, die einen Klassenausflug nach PROSOYA gemacht hatten, er-

fuhr ich von diesem Projekt und dass dort arme Kinder die Möglichkeit bekommen, eine ordentliche Ausbildung zu machen. Seit diesem Tag hatte ich nur noch den Wunsch, dort auch aufgenommen zu werden, um meinen Schulabschluss machen zu können und auf einen Beruf vorbereitet zu werden. Das Fahrgeld für die Fahrt zur Aufnahme im Projekt am 1. März musste ich mir extra verdienen. Als ich die anderen Kandidaten dort sah, die viel größer waren als ich, hatte ich Angst, dass man mich Kleinen nicht nehmen würde. Aber am Ende hatte ich doch Glück. Es tut mir zwar Leid für meine Mama, dass sie jetzt alleine ist, aber ich bin hier sehr glücklich und will vorankommen wie so viele andere Jungs, die auch hier gewesen sind. 15


Leserkommentare Hallo, mir ist sehr wichtig, euch mitzuteilen, dass ich sehr begeistert von dem PROSOYA-Projekt bin! Ich war mit Gabriele in Quillazú und habe im Herbst 2010 Magdalena Kroll und die Mädchen kennengelernt. Unter der neuen Leitung klappt die Arbeit hervorragend! Ihr solltet Euch selbst davon überzeugen!

Sigrid Baake, Hamburg

Euer liebebevoll und zugleich professionell gemachter Rundbrief gefällt mir außerordentlich gut. Ich wünsche euch viel Freude und Energie weiterhin bei eurer Arbeit. Susanna Biskup, Santiago de Chile

gelungestel lt sich als ef ri b d n u R te und Der rt ikel, Berich A n io at rm ne Info ROSOYA ie A rbeit in P d er b ü er d umor, Bil epaart mit H g , ät it v ti k je dar. Ob d ie nächste gierde auf eu N t k ec w er s Peru! Nachricht au , Bayr. Wald , Ulr ike Drexler

Eschlkam

Über Leserkommentare freuen wir uns: redaktion@peru-aktion.de 1. Vorsitzende: Krista Schlegel • Hohensonne 11 • 32699 Extertal Tel.: 0 52 62 - 27 17 • E-Mail: peru-aktion@gmx.de www.peru-aktion.de Spendenkonto: Nr.: 67 42 39 9 • BLZ: 480 501 61 • Sparkasse Bielefeld IBAN: DE09 4805 0161 0006 7423 99 • SWIFT-BIC: SPBIDE 3B XXX Wenn Ihre Spende speziell für Mädchen gedacht ist, machen Sie bitte einen Vermerk Fragen zu Spendenquittungen? Reinhard Heuwinkel • Tel.: 01522 - 163 07 07 • heuwinkel.peru-aktion@online.de


Rundbrief der Peru-Aktion vom April 2011