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DER PAKT PAKTBOTE MAGAZIN ZUM BUNDESPROGRAMM PERSPEKTIVE 50PLUS | AUSGABE # 6 EDITORIAL

Perspektive 50plus setzt auf (Mit)Wirkung!

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ann fällt es leicht, sich aktiv an einer Sache oder einem Projekt zu beteiligen, sich für etwas zu engagieren? Wann wirkt man an etwas mit, ohne langes Nachdenken, einfach so? Die Antwort: Wenn man von etwas überzeugt ist. Überzeugt davon, eine bestimmte Aufgabe erfolgreich auszuführen, etwas Neues lernen zu können und Gestaltungsfreiraum zu haben. In der Psychologie spricht man von der Selbstwirksamkeit(süberzeugung).

Perspektive 50plus auf eine intensive Einzelbetreuung, Gruppenmodule und ganzheitliche Aktivierungsangebote. Ganzheitlich auch deshalb, um jeden Weg und

Von der Selbstwirksamkeit ist es nur ein kleiner Sprung zur Mitwirkungsbereitschaft: Denn die Bereitschaft mitzuwirken, hängt eng mit den eigenen Überzeugungen zusammen. Immer wieder berichten Fallmanager/-innen von der Herausforderung, Langzeitarbeitslose zu ermutigen, ihnen wieder den Glauben an die eigenen Fähigkeiten und den eigenen Wert zu vermitteln.

jedes Mittel auszuschöpfen, dem Einzelnen wieder die eigenen Fähigkeiten vor Augen zu führen und zu persönlichen Erfolgserlebnissen zu verhelfen. Denn erst wenn die Mitwirkungsbereitschaft da ist, immerhin gestärkt ist, kann an der Mitwirkungskompetenz gearbeitet werden.

Um dies zu erreichen, setzen die Beschäftigungspakte der

Aber auch für die erfolgreiche Arbeit der Fallmanager/-innen ist es wichtig, dass sie selbst davon überzeugt sind, den Langzeitarbeitslosen eine wirkliche Unterstützung

geben zu können. Dass sie mit den verfügbaren Mitteln etwas Sinnvolles tun. Hierfür muss ein angemessener Rahmen gesetzt werden: Ausreichende zeitliche Ressourcen, um die wahrgenommene Problemlage umfassend anzugehen, eine gute Zusammenarbeit mit Dritten wie den Sozialdiensten aber auch passende Stellenangebote, die eine realistische Möglichkeit bieten, langfristig wieder eine Beschäftigung aufzunehmen. Welche Ansätze zielführend sind und welche Wege dafür gegangen werden müssen, werden immer wieder im Erfahrungsaustausch der Perspektive 50plus-Teams diskutiert. In gemeinsamen Fachgesprächen werden Projektverbesserungen besprochen, neue Beratungsansätze oder Aktivierungsangebote entwickelt. Diese Form der Mitwirkung durch die einzelnen Teams stärkt die Überzeugung, etwas Sinnvolles für die älteren Langzeitarbeitslosen zu tun und darin immer besser zu werden. Positive Nebenwirkungen nicht ausgeschlossen.

VOR ORT

TIPPS & TRICKS

NACH GEFRAGT

Gruppendynamik motiviert!

Mitwirkungskompetenz als Schlüssel zum Erfolg

Im Gespräch mit Dr. Gottfried Schweiger über Menschenbilder in der Arbeitsmarktpolitik

Seite 4–5

Seite 6

ProArbeit 50PLUS

Seite 2–3

„Mitwirkungsbereitschaft und –kompetenz stärken! Motivation vs. Sanktion.“ – so lautet das diesjährige Schwerpunktthema. Diese Themenwahl hat zu intensiven Diskussionen geführt, insbesondere in Bezug auf die tatsächliche Relevanz und den richtigen Umgang mit sogenannten Verweigerern. Dabei geht es um die richtige Balance zwischen Fördern und Fordern sowie Motivieren und Sanktionieren. Ein Spannungsfeld, in dem sich auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Beschäftigungspakte täglich bewegen. Wie können Sanktionen eingesetzt werden, so dass sie nicht nur als Bestrafung wirken, sondern eine Verhaltensänderung fördern? Das sind nur zwei Fragen, die in der Arbeit mit Langzeitarbeitslosen beantwortet werden müssen, immer wieder neu und auch individuell. Die möglichen Ursachen einer wahrgenommenen Verweigerungshaltung sind vielfältig und bei der individuellen Einschätzung gibt es große Unterschiede: Sieht der Eine eher eine zu sanktionierende Verweigerung, meint die Andere eine ganz andere Motivlage zu erkennen, vielleicht sogar psycho-soziale Probleme, die mit einer Sanktion nur noch verstärkt werden. Ein Dritter kann angesichts der Zeit, die für ein Gespräch zur Verfügung steht, die Motivlage nicht eindeutig klären. Dies macht deutlich, welche hohe Bedeutung den wechselseitigen Wahrnehmungen und Zuschreibungen in der Beratungsbeziehung zwischen Fallmanager/-in oder Coach und Langzeitarbeitslosem zukommt. Eines wird deutlich: In Gesprächen über das richtige Vorgehen gelangt man rasch an den Kern von Überzeugungen, Wertvorstellungen und Menschenbilder.

VERNETZUNG UND KOOPERATION Was ist Paktservice 2.0?

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VOR ORT WIR SIND HIER:

Gruppendynamik motiviert! Gemeinsam Ideen entwickeln, umsetzen und voneinander lernen: Nach diesem Motto setzen die fünf Paktpartner im Beschäftigungspakt ProArbeit 50PLUS mit gemeinsamen Konzepten unterschiedliche Akzente in den jeweiligen Regionen. Aktuell liegt der Fokus auf dem Thema „Stärkung der Mitwirkungskompetenz“. So entwickelte der Beschäftigungspakt spezielle Gruppenveranstaltungen für ältere Langzeitarbeitslose im Rahmen von „Impuls 50plus“. Es sollten auch jene Arbeitsuchenden Angebote und Unterstützung erhalten, deren Problemlage zunächst ausweglos erschien. Ein Ansatz mit Erfolg, an dem nun auch die Paktpartner anknüpfen.

ProArbeit 50PLUS Zu diesem Beschäftigungspakt gehören mit dem Kreis Offenbach, Landkreis DarmstadtDieburg, Kreis Bergstraße, Landkreis St. Wendel und dem Rheingau-Taunus-Kreis mittlerweile fünf Paktpartner in Hessen und im Saarland. Unterschiedlich sind die Gegebenheiten und Anforderungen in den einzelnen Regionen gemeinsam ist das Engagement der eigenen 50PLUS-Teams in den fünf Regionen für die Arbeitsuchenden und die Entwicklung innovativer Ansätze für die erfolgreiche Umsetzung der im Verlauf der einzelnen Programmphasen entwickelten Konzepte.

ZUR WIRTSCHAFTS STRUKTUR DER REGION Arbeitslosenquote 2,3–6,6% Anzahl der ALG II-Empfänger/-innen über 50 Jahre 5.559 Einwohnerzahl 1.163.631 Hauptwirtschaftszweige Maschinenbau, Büromaschinen, Elektrotechnik, Logistik, Dienstleistung, Handel, Handwerksbetriebe, Baugewerbe, Weinbau, Fremdenverkehr, Landwirtschaft

www.proarbeit50plus.de

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Brunhilde Link, Paktkoordinatorin im Beschäftigungspakt ProArbeit 50PLUS Kreis Offenbach

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eit Oktober 2005 ist ProArbeit 50PLUS der Ansprechpartner in der Region, wenn es um die Vermittlung von Langzeitarbeitslosen über 50 geht. In der Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Partnern sind wertvolles Wissen und Kompetenz entstanden, die kontinuierlich in die Vermittlungsarbeit einfließen. Somit bleiben Angebote für ältere Langzeitarbeitslose immer an den aktuellen Anforderungen ausgerichtet – Anforderungen, die sich im Laufe der Zeit gewandelt haben. Denn eine Vielzahl von Kunden zeigt neben den allgemein bekannten „multiplen Vermittlungshemmnissen“ eine sogenannte „Verweigerungshaltung“.

Dirk Reiner, Projektleiter Impuls 50PLUS Kreis Offenbach

Iris Appeldorn, Jobcoach im Projekt Impuls 50PLUS Kreis Offenbach

„Wir standen vor der Aufgabe, wie wir mit den Kunden zusammenarbeiten können, die das SGB-II-Leistungssystem nicht als Übergangssystem begreifen, sondern sich darin „eingerichtet“ haben. Oftmals fehlt das Bewusstsein über die Rechte und Pflichten im SGB-II-Leistungsbezug aber auch diese zu akzeptieren. In vielen Fällen besteht keine Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit den Jobcoaches“, erklärt Paktkoordinatorin Brunhilde Link.

Konzept entwickelt werden musste. Denn nur wer die Situation aktiv angeht, kann eine Veränderung herbeiführen. Und so startete 2011 das Projekt „Mitwirkungskompetenz“ im Kreis Offenbach. Ausgangspunkt waren die positiven Erfahrungen mit unterschiedlichen Gruppenformaten. Effekte aus gruppendynamischen Prozessen, wie die gegenseitige Unterstützung, aber auch die direkte Feedbackkultur in der Gruppe, um beim Einzelnen ein aktives und selbstverantwortliches Verhalten zu erzeugen, flossen in ein neues Konzept zur Stärkung der „Mitwirkungskompetenz“.

Wie motiviert man einen Arbeitsuchenden, dessen Einstellung von Erwartungen geprägt ist, wie „Andere müssen mir helfen“ oder „Ich will an meiner Situation nichts verändern“? Schnell wurde klar, dass für diese Kunden ein eigenes

MAG #1/2013


Im Sommer 2011 wurde dieses Konzept in einer zehntägigen „Train-theTrainer“-Qualifizierung von den Projektmitarbeiter/innen mit einer externen Trainerin verfeinert. Sie lernten entsprechende Methoden für den Umgang mit „schwierigen“ Kunden

prozessen sowie die kontinuierliche Begleitung der Arbeitsuchenden im Beratungs- und Vermittlungsprozess sind entscheidend für das Gelingen. In das pakteigene Konzept „Mitwirkungskompetenz“ sind inzwischen Erfahrun-

Und was sagen die Paktpartner? „Wir arbeiten bereits in anderen Maßnahmen mit Kundengruppen zusammen und wollen die positiven Erfahrungen aus dem Offenbacher Konzept auch hier nutzen. Es ist für alle Teilnehmenden in einer ähnlichen Situation zielfüh-

Simone Taubitz, Jobcoach im Projekt Impuls 50PLUS Kreis Offenbach

Jörg Halama, Projektleiter 50PLUS Landkreis Darmstadt-Dieburg

Brigitte Wecht, Projektleiterin 50PLUS Kreis Bergstraße

– vor allem in Gruppensituationen. Ende 2012 wurden Erfahrungen mit den bisher durchgeführten Veranstaltungen ausgewertet, um das Konzept noch praxisgerechter zu gestalten. „Wir haben im Laufe der Veranstaltungen festgestellt, dass sich fehlende Mitwirkung in den unterschiedlichsten Ausprägungen zeigt. Überzogene Gehaltsvorstellungen, starres Festhalten an einem unrealistischen Wunschberuf, Hoffnungslosigkeit, lediglich vorgespielte Motivation. Daher waren Anpassungen an dem Konzept nötig.“ erläutert Dirk Reiner, Projektleiter „Impuls 50PLUS“ im Kreis Offenbach. Eines steht fest: Die Qualifizierung ist ein zentrales Moment, denn erst das professionelle Agieren der Jobcoaches in Gruppen-

gen aus zwei Jahren Umsetzung eingeflossen. In diesem Jahr wurden bereits insgesamt sechs Gruppenveranstaltungen zur Stärkung der Mitwirkungskompetenz durchgeführt. „Die Gruppendynamik und die aktive Beteiligung gehören zu den besonderen Stärken des Konzepts. In speziell entwickelten Assessmentbögen wurden die Ergebnisse nach drei bzw. sechs Monaten erfasst und ausgewertet,“ berichtet Simone Taubitz, Jobcoach im Projekt „Impuls 50PLUS“. „Wir beobachten, dass mit der Zeit verfestigte Haltungen bei den Kunden aufgebrochen werden, die damit offen für neue Impulse in der weiteren Beratung sind,“ ergänzt Iris Appeldorn, Jobcoach im Projekt „Impuls 50PLUS“.

rend, sich „auf Augenhöhe“ auszutauschen. Dies birgt einen unschätzbaren Ideenpool, von dem jede Kundin und jeder Kunde nur profitieren kann.“ sagt Jörg Halama, Projektleiter 50PLUS im Landkreis Darmstadt Dieburg. Das Team im Kreis Bergstraße setzt bereits eine fünfwöchige Gruppenveranstaltung „50PLUS in Fahrt“ um, in der gemeinsam Ressourcen und eine berufliche Neuausrichtung mit den Arbeitsuchenden erarbeitet werden. „Es ist faszinierend zu beobachten, wie sich in dieser Zeit eine Gruppendynamik entwickelt, die von allen Teilnehmenden als sehr motivierend beschrieben wird,“ sagt Brigitte Wecht, Projektleiterin 50PLUS im Kreis Bergstraße.

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Fazit: Die Gruppenformate fördern die Mitwirkungskompetenz, reaktivieren versteckte Ressourcen und motivieren ältere Langzeitarbeitslose „ihre“ Chancen auf dem Arbeitsmarkt selbst zu erkennen. „Und die Qualifizierung der Jobcoachs ist die Voraussetzung für das professionelle Agieren in den Gruppenveranstaltungen während des kontinuierlichen Beratungs- und Vermittlungsprozess,“ unterstreicht Brunhilde Link.

AUSGEPACK T: IMPUL S 50PLUS Es ist ein Sondermodell im Rahmen von „Perspektive 50plus“. Dabei werden die von besonders langer Arbeitslosigkeit Betroffenen über einen Zeitraum von drei Jahren betreut. Ziel ist es, den Folgen der Langzeitarbeitslosigkeit durch innovative Aktivierungsmaßnahmen wie z.B. ganzheitliches Coaching, individuelle Trainings oder Gruppenaktivitäten zu begegnen, um so die Hemmnisse für eine Arbeitsaufnahme schrittweise zu beseitigen.

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TIPPS & TRICKS

Mitwirkungskompetenz als Schlüssel zum Erfolg

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n der heutigen Arbeits- und Organisationspsychologie wird Mitwirkungskompetenz als eine Fähigkeit beschrieben, Arbeitsstrukturen und -prozesse sowie die Entwicklung und Verbesserung (neuer) Unternehmensprodukte konstruktiv mitzugestalten und damit zusammenhängende Probleme mit zu lösen. Es ist eine sogenannte Schlüsselkompetenz, unabhängig von Technik und bereichsübergreifend einsetzbar.

AUSGEPACK T: MIT WIRKUNGS KOMPETENZ Mitwirkungskompetenz ist eine Ressource zur Gestaltung des eigenen Engagements und eigener Entscheidungsprozesse. Ihre Entfaltung setzt eine Bereitschaft zur Partizipation voraus sowie den Wunsch und die Möglichkeit, Gestaltungsspielräume zu nutzen. Für die durch die Jobcenter Betreuten heißt Mitwirkungskompetenz „die Fähigkeit und Bereitschaft des Hilfebedürftigen, seine Rechte und Pflichten im Rechtskreis SGB II anzuerkennen und sein daraus resultierendes aktives und selbstverantwortliches Verhalten im Integrationsprozess in Zusammenarbeit mit seinem Jobcoach anzunehmen und auszufüllen“.

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Was bedeutet es, wenn die Mitwirkungskompetenz von Beschäftigten nicht berücksichtigt und gefördert wird? Untersuchungen zeigen, dass Beschäftigte sich zurückziehen, passiv in gewohnten Arbeitsprozessen verbleiben bis hin zur Frustration. Die Folge: Das Engagement und die Identifikation mit der Arbeit sowie mit dem Unternehmen oder der Organisation verringern sich. Es besteht die Gefahr, dass gesundheitliche Beeinträchtigungen entstehen. Anders gestaltete sich die Situation, wenn Mitarbeitern/-innen Spielräume innerhalb der Unternehmensentwicklungs- und der Organisationsprozesse eingeräumt werden. Plötzlich werden individuelle Potenziale sichtbar, die den Arbeitsergebnissen und letztlich dem gesamten Unternehmen oder der gesamten Organisation zu Gute kommen. Um Mitwirkungskompetenz zu nutzen, sind Freiräume notwendig. Aber auch die Art und Weise, wie mit Fehlern innerhalb eines Unternehmens oder einer Organisation umgegangen wird, ist von entscheidender Bedeutung. Denn erst eine Kultur die Fehler zulässt, die es erlaubt aus Fehlern zu lernen, kann Verbesserung und Weiterentwicklung ermöglichen. Und wie man weiß sind viele Entdeckungen und Innovationen aufgrund falscher Annahmen und aus Fehlern entstanden.

„Mitwirkungskompetenz stärken“, was kann das im Programmkontext heißen? Die Arbeit in den Beschäftigungspakten kann nur gelingen, wenn alle Beteiligten in unterschiedlicher Art und Weise in die Steuerung und Planung eingebunden sind. So kennen die Mitarbeiter/-innen in den Projekten, die mit den älteren Arbeitsuchenden und potentiellen Arbeitgebern zusammenarbeiten, deren Unterstützungsbedarfe aus erster Hand. Ihr Wissen und ihre Ideen sind deshalb für den Projekterfolg wesentlich. Zur Stärkung der Mitwirkungskompetenz werden die Mitarbeiter/-innen methodisch unterstützt: durch Qualifizierungen z.B. in Form von Austausch-Workshops, Fallbesprechungen, Supervisionen und Schulungen und andererseits in Form gemeinsamer Workshops zur Entwicklung neuer Projektbausteine und Arbeitsprozesse. Dabei dürfen auch Fehler gemacht werden. Sollte sich eine Projektidee oder ein bestimmtes Vorgehen nicht bewährt haben, kann umgesteuert werden.

Das steht fest: Das Erleben von Erfolgen und die Überzeugung sinnvolle Arbeit zu leisten ist der Schlüssel zur Eigenmotivation und damit zur Erreichung der Team- und Projektziele.


GOLDENE REGEL Mitwirkungskompetenz stärken heißt vor allem Räume zu schaffen. Gemeint sind damit Freiräume, um gemeinsam neue Ideen zu entwickeln. Denn Neues und Innovatives entsteht dann, wenn Routinen und gewohnte Denkweisen verlassen werden. Nur so können neue Verknüpfungen zu bereits Bestehendem geschaffen werden. Nur so kann bereits Bewährtes erfolgreich weiterentwickelt werden.

ARGUMENT Mitwirkungskompetenz ist eine der wichtigsten Schlüsselkompetenzen in der heutigen Arbeitswelt. Sie ist unabhängig von technologischen Entwicklungen und universell einsetzbar. Sie kommt dann zum Ausdruck, wenn Mitarbeiter/-innen in Entscheidungsprozesse miteinbezogen werden und diese mitgestalten können. Wenn die Mitwirkungskompetenz des Einzelnen honoriert wird, erhöht sich die Identifikation mit der Arbeit und dem Arbeitgeber.

TO DO – WAS IST ZU TUN? | WOR AN SOLLTE GEDACHT WERDEN? • Schaffen Sie Freiräume! So kann z.B. der Außenblick eines Experten neues Wissen in Ihre tägliche Arbeit bringen. • Bringen Sie Menschen aus unterschiedlichen Bereichen zusammen und denken sie gemeinsam über neue Ideen nach. • Perspektivwechsel: Nehmen Sie bewusst auch mal einen anderen oder gar entgegengesetzten Standpunkt ein, um die Sicht auf Ihre tägliche Arbeit zu erneuern. • Etablieren Sie dabei eine fehlertolerante Organisationskultur Organisationskultur,, die neue Ideen würdigt, Fehler erlaubt und diese zum Anlass nimmt, Neues zu entwickeln.

BAUSTEINE Perspektivwechsel

Workshops

Fehlerkultur

• Gehen Sie an ungewöhnliche Orte, um mit den Mitarbeiter/-innen neue Ideen zu entwickeln und um Beteiligung zu erzeugen. Ein Perspektivwechsel eröffnet den Blick für neue Aspekte eines Themas, die bisher unbeachtet blieben.

• Probieren Sie neue Methoden und Kreativtechniken aus, um mit den Mitarbeiter/-innen Arbeitsprozesse und Herangehensweisen zu gestalten und weiterzuentwickeln.

• Fehler vermeidet man, indem man Erfahrung sammelt. Erfahrung sammelt man, indem man Fehler macht. Sorgen Sie für eine Atmosphäre, in der Fehler offen akzeptiert, analysiert und Fehlerquellen sachlich ausgeschaltet werden.

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NACHGEFR AGT

Menschenbilder in der Arbeitsmarktpolitik

Dr. Gottfried Schweiger studierte Philosophie an den Universitäten Salzburg und Wien. Seit Anfang 2009 ist er research fellow am ifz und arbeitet am Projekt „Menschenwürdige Arbeit: Kulturen der Anerkennung“. Seit 2011 ist er Senior Scientist am Zentrum für Ethik und Armutsforschung an der Paris-Lodron Universität Salzburg. gottfried.schweiger@sbg.ac.at

AUSGEPACK T: MOTIVATION Motivation ist der Antrieb, der Menschen bewegt, etwas Bestimmtes zu tun, z.B. ein konkretes Ziel zu erreichen. Ein positiver Effekt etwa in Form eines persönlichen Lobes oder gesellschaftlicher Anerkennung ist motivationsfördernd. Bleibt ein positiver Effekt längerfristig aus, gestaltet es sich immer schwieriger, motiviert zu bleiben. Der Aufwand zur Motivation kostet dann mehr Kraft und Zeit.

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Herr Schweiger, als Sozialethiker beschäftigen Sie sich mit Menschenbildern und deren Einfluss auf unser Handeln. Warum? Dr. Gottfried Schweiger : Grundsätzlich helfen uns Menschenbilder, sich in der Welt zurecht zu finden und die Menschen, die uns umgeben zu verstehen und zu interpretieren. Sie stellen die oftmals unausgesprochene und unreflektierte Hintergrundfolie der eigenen Überzeugungen und Handlungen dar. Menschenbilder sind gerade dann von großer Bedeutung, wenn es um unseren Umgang mit den Schwächeren in der Gesellschaft geht. Welches Bild wird von arbeitslosen Menschen in unserer modernen Gesellschaft gezeichnet? Auf der einen Seite wird Arbeitslosen immer mehr an Eigeninitiative abverlangt, auf der anderen Seite nimmt die Kontrolle zu und Strafmaßnahmen werden verschärft. Dieses Bild, das sich sowohl in der öffentlichen als auch politischen Debatte wieder findet, offenbart Widersprüche. An diesem Punkt macht es einen entscheidenden Unterschied, ob wir vor uns einen Menschen mit Rechten und Pflichten, mit Würde und einem ohnehin gefährdeten Selbstwert sehen. Oder einen Menschen, der ohne entsprechende Sanktionen jeden Leistungswillen verliert und ein Leben in der sozialen Hängematte einer geregelten und fordernden Berufstätigkeit vorzieht. Im Umgang mit Arbeitslosen haben Sie den Begriff der „menschenwürdigen Arbeitslosigkeit“ geprägt. Woran orientiert sich der Begriff? Er richtet sich an fünf Bedingungen aus: Freiheit, die Wahlmöglichkeit lässt, Dialog, der die Suche als Gespräch versteht, Sicherheit, die Schutz bietet, Lebensqualität, die soziale Verantwortung ermöglicht und Wachstum, das nicht verkümmern lässt. Menschenwürdige Arbeitslosigkeit liegt dann vor, wenn Menschen in dieser Lebenslage Aussicht auf persönliche Entwicklung haben.

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Greifen wir zwei Begriffe heraus: Wahlmöglichkeit und Verantwortung. Was bedeutet das in der Arbeit mit arbeitslosen Menschen? Um Verantwortung zu übernehmen, bedarf es auch bestimmter Strukturen. Es müssen Möglichkeiten vorhanden sein, Entscheidungen treffen und Dinge ändern zu können. Verantwortung bleibt leer und kann gar nicht übernommen werden, wenn keine Handlungsmöglichkeiten bestehen und die finanziellen, räumlichen, sozialen oder gesundheitlichen Spielräume eingeschränkt sind. Verantwortung braucht außerdem die Sicherheit, dass es erlaubt ist, Fehler zu machen und daraus zu lernen. Was bedeutet das nun ganz konkret, beispielsweise im Gespräch mit einem Arbeitslosen? Damit ein Gespräch gelingen kann, muss man am Gegenüber interessiert sein. Ich muss fragen, warum gewisse Kompetenzen beispielsweise in der Grundbildung oder im Bereich der sozialen Kompetenzen nicht vorhanden sind. Wenn ich nicht daran interessiert bin, was das Gegenüber zu sagen hat, ist das Gespräch nicht offen. Damit hat das Gegenüber das Gefühl, sich nicht einbringen zu können. Interesse und Offenheit sind also die Grundvoraussetzungen.

»Verantwortung bleibt leer (…) wenn keine Handlungsmöglichkeiten bestehen und die finanziellen, räumlichen, sozialen oder gesundheitlichen Spielräume eingeschränkt sind.«


VERNETZUNG UND KOOPER ATION

Perspektive 50plus: Vernetzt denken und arbeiten

Seit über sieben Jahren arbeiten die Beschäftigungspakte in regionalen Verbünden bundesweit an der Verbesserung der Beschäftigungschancen älterer Langzeitarbeitsloser. Somit hat mit der Perspektive 50plus die Zusammenarbeit in regionalen Netzwerken auch in der öffentlichen Arbeitsvermittlung Einzug gehalten. Das Bundesprogramm unterstützt dabei maßgeblich den Aufbau von regionalen Strukturen und Netzwerken unterschiedlicher Akteure in der regionalen Arbeitsmarktpolitik. Vernetzen heißt, Menschen aus unterschiedlichen Bereichen und Organisationen zu treffen. Und nicht nur kurzfristig. Vernetzen heißt dran bleiben über eine längeren Zeitraum. Kurzfristig entsteht eine Idee oder ein Brainstorming. Etwas für einen längeren Zeitraum aufrecht zu erhalten, heißt Verstetigung.

Ausbaufähig: Warum ist das Arbeiten in Netzwerken wichtig?

Ein kurzer Exkurs: Das menschliche Gehirn ist ein unheimlich reiches und komplexes Organ, eine große Ressource. Mathematiker nehmen an, dass die mögliche Anzahl der Neuronenverbindungen im menschlichen Gehirn größer ist als die Zahl der Atome im gesamten Universum. Aber warum ist das Gehirn so leistungsfähig? Es ist plastisch und wächst physisch. Wenn man das Gehirn aktiv nutzt, wächst es bis ins hohe Alter. Es arbeitet weitgehend selbstorganisiert und vernetzt. Da gibt keine Zentrale, keine Abteilungen – höchstens Regionen und die sind miteinander vernetzt. Ein bisher unerreichtes Vorbild für all jene, die an technologischen oder sozialen Vernetzungen arbeiten. Die digitale Revolution ist die Treiberin der Entwicklung in den nächsten Jahren.

Pragmatisch: Was ist der Mehrwert der gemeinsamen Plattform?

Dokumentation und Wissenssicherung der langjährigen Programmarbeit für die Programmakteure, die Jobcenter, die Fachöffentlichkeit und internationale Partner Wissen ist mit Erfahrungswerten dokumentiert. Stärkere Innovationsfähigkeit durch Austausch von Ideen, Guter Praxis und Erfahrungswissen Bewusstere Wahrnehmung und Reflexion der eigenen Erfolgsfaktoren Transfer Guter Praxis in das Regelgeschäft der Jobcenter

Paktservice 2.0: Was ist das? Der Paktservice 2.0 ist ein Instrument der internen Kommunikation und unterstützt die Vernetzung der beteiligten Partner, sowohl programmintern als auch paktintern. Als Netzwerkplattform bietet der Paktservice unteschiedliche Möglichkeiten, sich in thematischen Arbeitsgruppen zusammen zu finden, zu diskutieren und gemeinsam an Themen zu arbeiten, sowohl paktintern als auch paktübergreifend.

SERVICEPORTAL | NETZWERK | PLATTFORM | WISSENSSPEICHER | SUCHMASCHINE | ARCHIV

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L AST BUT NOT LEAST INTERESSANT:

TERMINE

Bewegung 50plus Gemeinsam Gestalten, Perspektiven für jede & für jeden schaffen!?

4. September 2013 Fachtagung „Mitwirkungskompetenz“

Open Space bedeutet „offener Raum“ oder „Freiraum“. Unter diesem Motto veranstaltet die Perspektive 50plus einen zweitägigen Fachaustausch in Berlin. Projektmitarbeiter/ -innen, Fallmanager/-innen, Paktkoordinator / -innen und Geschäftsführer /-innen der 78 Beschäftigungspakte sind eingeladen, um sich über Ihre Erfahrungen, Arbeitsweisen, Erfolge aber auch Stolpersteine auszutauschen. Sie erhalten Einblicke in Gute-Praxis- Modelle und diskutieren über Möglichkeiten der Umsetzung in Ihrer Region. Am 1. und 2. Oktober werden bis zu 1.000 Gäste in Berlin erwartet.

Unternehmen mit Weitblick 2013 sachsenweit ausgezeichnet Auszeichnung von sieben Unternehmen in Dresden der Beschäftigungspakte • „Neustart 50plus“ Landkreis Bautzen, • Beschäftigungspakt für über 50jährige Arbeitslose im Landkreis Görlitz • come back 50 plus Mittelsachsen • Erzgebirge 50plus • Meißen 50plus • Meißen, Görlitz, Mittelsachsen • Erzgebirgskreis Auszeichnung von zwei Unternehmen in Leipzig des Beschäftigungspaktes • Mehrwert 50plus – Beschäftigungspakt der Region Leipzig Auszeichnung von drei Unternehmen in Zwickau des Beschäftigungspaktes • VITAL ab 50 – Ziel Z

Am 15. Oktober 2013 werden in Dresden, Leipzig und Zwickau Unternehmen für ihre nachhaltige Personalpolitik ausgezeichnet Erstmals organisierten die sieben sächsischen Beschäftigungspakte landesweit die Unternehmensprämierung „Unternehmen mit Weitblick“. Auf drei Veranstaltungen werden insgesamt zwölf Unternehmen von den Mitgliedern des „Sachsennetzwerkes 50plus“ am 15.10.2013 im Rahmen des Bundesprogramms Perspektive 50plus in den Regionen ausgezeichnet: Bautzen, Dresden, Sächsische Schweiz/Osterzgebirge, Meißen, Görlitz, Mittelsachsen, Erzgebirgskreis, Leipzig, Vogtlandkreis, Chemnitz und Zwickau. Das Sachsennetzwerk 50plus ist ein sächsischer Zusammenschluss regionaler Beschäftigungspakte. In enger Kooperation mit Jobcentern, Unternehmen, Kammern, Verbänden und weiteren Institutionen entwickeln diese regionalen Anlaufstellen erfolgreiche Strategien zur Wiedereingliederung älterer Arbeitsuchender. www.sachsennetzwerk-50plus.de

Im Mittelpunkt der Veranstaltung steht das diesjährige Schwerpunktthema des Bundesprogramms: „Mitwirkungsbereitschaft und -kompetenz stärken! Motivation vs. Sanktion“. Mit einem abwechslungsreichen Programm werden unterschiedliche Aspekte des Themas in Fachvorträgen beleuchtet und in moderierten Fachforen diskutiert. Außerdem stellt der Beschäftigungspakt „ProArbeit 50plus“ sein Konzept der ganzheitlichen Aktivierung und den damit verbundenen Wandel im Beratungsprozess vor. www.proarbeit50plus.de

12.–13. September 2013 Fachtagung „Regionen in Aktion“ Bei der bundesweiten Fachtagung „Regionen in Aktion“ steht der Wissenstransfer und der Erfahrungsaustausch von Projektverantwortlichen sowie den Umsetzern vor Ort im Mittelpunkt. Der zweitägige Austausch dient der engeren Vernetzung sowie dem Erlangen neuer Perspektiven für die tägliche Arbeit. www.regionen-in-aktion.de

IMPRESSUM Herausgeber Bundesministerium für Arbeit und Soziales, 10117 Berlin | Bundesprogramm „Perspektive 50plus – Beschäftigungspakte für Ältere in den Regionen“ | Redaktion gsub – Gesellschaft für soziale Unternehmensberatung mbH Gestaltung studio adhoc, GmbH

Sagen Sie uns Ihre Meinung! Ihre Meinung ist uns wichtig! Nur so können wir das Magazin „Paktbote“ weiterentwickeln und den Ansprüchen unserer Leser gerecht werden. Wir freuen uns auf Ihre Resonanz. Ihre Zuschriften sollten sich auf Veröffentlichungen des Bundesprogramms „Perspektive 50plus – Beschäftigungspakte für Ältere in den Regionen“ beziehen und möglichst kurz sein. Sollten Sie also Anregungen und Verbesserungsvorschläge für das Magazin haben, freuen wir uns über Ihre E-Mail an paktbote@perspektive50plus.de

www.bmas.de | www.perspektive50plus.de

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MAG #1/2013

Stand September 2013


Paktbote Ausgabe 6